Aus der Kindheit bis 1881 Maulbronn ( 1880 ) - 1 - M A U L B R O N N (Verse des Sechszehnjährigen) (Der Besuch in Kloster Maulbronn im Frühjahr 1880 mit meinem Vater Hermann von Schulze-Gävernitz (1824-1888), war ein deutscher Rechtswissenschaftler, Staatsrechtler und Rechtshistoriker. ist mir unvergeßlich. Das Kloster, in gotischem Baustil best erhalten, weil seit der Kirchenreformation Konvikt ev. Theologen, liegt in Württemberg bei Bruchsal – höchst sehenswertes Denkmal des Mittelalters.) Still ist's in des Kreuzgangs Hallen, Und die Nacht, sie lastet schwül. Nur des Brünnleins Wasser kühl Hörst du rauschen, hörst du fallen. Ew'ge Melodei zu künden, Die der Schöpfer selbst erfand, Hat er sie emporgesandt Aus den dunklen Felsengründen. Schwank, erbaut von Geisterhänden, Hebet sich des Borns Kapell', Und das Hondlicht flimmert hell Auf den buntgemalten Wänden, Spielt um reiche Fensterbogen, Spielt um schlanke Pfeiler leicht. Dunkel wird's, das Bild entweicht, Schwer Gewölk kommt hergezogen. Schon blitz es fern, und schwere Wetter drohen. Die Brüder schlafen, denn der Tag war heiß. - 2 - Nur in dem Refektorium, dem hohen, Sitzt ob den Büchern noch ein Mönch mit Fleiß. Er schreibet ab von altem Pergamente Des Kirchenvaters strenge Lehr' Auf roten Grund mit silbernem Pigmente: Ein grauses Wort, und doch klingt's heilig hehr. "Du Mensch, du Nichts, dir ward schon längst entschieden; Noch nicht geboren, bist verdammt du schon! Nur dem Erwählten wird der sel'ge Frieden. Die Erd' ist tief, und hoch ist Gottes Thron". Und durch der Schatten schwarz-gespenstisch Wogen Strahlt mild der Ampel roter Schimmer hin. Hoch steigen rings granitgetrag'ne Bogen Und weitgeschwippt zur Wölbung wunderkühn. Und wieder malt er prächt'ge Initialen, Der junge Mönch, hat seine Freude dran. Der Sturm rast um die schlanken Tnrmfialen, Das Fenster klirrt, wild schlägt der Regen dran. Die Schleußen durchbrachen die Wasser wild. Der Klostergraben, er schwillt, er schwillt. Was war das? Ein Hilfruf? Der Mönch springt auf, Er eilt an's Fenster, er schließt es auf. Es spritzet herauf der weißliche Gischt, Es heulet der Sturm, die Ampel erlischt. - 3 - Es stürzt ihm entgegen ein Wogenschwall, Und wieder ertönet der grausige Schall. Ein Sproß aus altalemannischem Blut Springt er kühnlich herab- durchteilet die Flut Und ergreift einen Körper, ein weißes Gewand, Und zieht es an sich mit mutiger Hand. An seinem Herzen, welch' wilde Lust, Schlägt leis - er fühlt's - eine zarte Brust. Er sinkt, es rollen die Wogen, er ringt; Er muß sie erretten und sieh' - es gelingt! Er hebet an's Ufer die liebliche Last, Und wie er sie fest mit den Armen umfaßt, Da küßt er die Lippen, die Lippen so bleich, Und Schauder durchzuckt ihm das Herze sogleich. Er küßt sie wieder; da zuckt ein Strahl den Himmel herab, hellt drüben den Saal. Streng blickt von der Wand und drohend das Bild Des Schmerzensreichen. Der Donner brüllt. Er bricht zusammen, er reißt sich los: "Vergiß des Mönchs, seine Schuld war groß". Er kehrt in's Kloster. "Nein, bete für ihn!" So klingt's durch das Wogengebrause hin. Das Wetter ist vorüber, und friedlich liegt das Tal. Hoch brauset durch die Kirche ein mächtiger Choral. Das Glöcklein ruft die Brüder zu früher Hora-Stunde, - 4- Es leuchten weiße Mäntel rings in des Kreuzgangs Runde. Und furchtsam spricht wohl mancher nach schwer verbrachter Nacht: "Dank sei Dir, heil'ger Petrus,der Du Dein Haus bewacht!" Und langsam kommt gewallet auch Bruder Angilbert; Sein Haar erscheint gebleichet,sein Antlitz blickt verstört. Der heiligste von allen ist er seit jenem Tag; Aus seiner Zelle tönet oft grauser Geißelschlag. Einförmig klingt's dazwischen wie dumpfer Bußgesang.-- Dann ist er Prior worden; wie er die Zuchtrut' schwang! Gleich einer Geißel Gottes,des Klosters arge Pein, So herrscht' er.Alle sollten gleich ihm so heilig sein. Doch kleine Miniaturen, die malt er stets noch gern 'Sind liebliche Madonnen,rings blitzen goldne Stern' Aus blauem Himmelsgrunde. Dann klärt die Züge sein Umspielt von Silberlocken, ein wundersamer Schein. Und er verliert sich selber und lächelt innig still. Sie gleichen alle Einer,und malt' er noch so viel. Die Frühlingsluft, wie weht sie lind und leicht! Hast du des Glückleins leisen Klang vernommen? - 5 - Ein müder Pilger hat sein Ziel erreicht, Den Erdengast die Heimat aufgenommen. Im Kreuzgang dort, in stiller Toten Reih'n, Da senkten sie ihn zu den Brüdern ein. Nacht ist's ringsum. Ist keiner denn mehr wach? Weint niemand denn dem toten Prior nach? Herüber haucht berückend süßer Duft, Der Mond liegt auf dem stillen Klostergarten, Und Säulein steigen in die klare Luft, In Silberglanz getauchte Erkerwarten. ("Werde, der du bist"- Wort Pindars , das mich als Knaben begeisterte). Hoch vom Himmel klingt's hernieder Wie Musik und süße Lieder: Knabenstimmen holder Chor, Fromme Cymbel klingt hervor: "Reine Flamme gottbeseelter Liebe, Schlingst dein Band um Erd' und Geisterwelt. Wenn die Fessel, wenn die Schlacke fällt, Ewig bleibt und siegt die Liebe. Liebe wird den Menschen einen Mit des Allgeists heil'gern Weh'n. Gegenüber wirst du steh'n Geist dem Geiste, rein dem Reinen". - 6 - Also schwebt vom Stern zur Erde Eine ew'ge Melodie: "Was du bist, o Mensch, das werde", Kling in Weltenharmonie. ---0---