Strassburg, 11. I. 16 Lieber Gerhard, Leider kam ich gestern aus Berlin nach hier erst zurück, als Du bereits auf der Fahrt nach Berlin warst, was ich telefonisch durch Deine Frau erfuhr. Andernfalls wäre es mir möglich gewesen, mit Dir mündlich die in Frage kommende Angelegenheit zu be sprechen. Es erscheint einer grossen Anzahl von Offizieren in der Front dringend geboten, dass dem Ruf nach Frieden in der Heimat durch sehr energische po puläre Leitartikel in den Provinzblättern in ganz anderer Weise wie bisher vorgebeugt wird, damit das deutsche Volk nicht um einen Teil des militärischen errungenen Erfolges durch Stärkung des Selbstbewusst seins unserer Gegner gebracht wird. In Joffres Ar meebefehl vom 1.I.16 heist es höhnend: „Während unse re Feinde (d.h. die Deutschen) von Frieden sprechen, denken wir nur an Krieg and Sieg.“ Das müsste an jeder Strassenecke angeschlagen werden, zur Warnung in der Heimat allen Kleinmütigen, vor allen bei klagenden Hausfrauen und den handelstreibenden Mittelklassen. Ich Bbitte Dich in Deiner Eigenschaft als M.d.R. u. vaterlandsliebenden Nationalökonomen durch Wort und Schrift gegen diese Schwäche anzukämpfen. Mit das wirksamste Mittel erscheint mir Veröffentlichung von Privatbriefen, die man frz. Gefangenen (in letzter Zeit am Hartmannsweiler Kopf1, Hirzstein, bei Massiges) abgenomnen hat. Sie enthalten eine Masse von autentischer Mutlosigkeit aus der frz. Heimat, die als schlagendster Beweis gegen die verlogene Auslandspresse jeder deutschen Hausfrau und jedem deutschem Bierphilister in kleinen Leitartike[l]n seines Käseblattes drastisch vor Augen gehalten werden muss. Auch z.B. die Nachricht, dass die Tonne Kohle durch englische Wucherpreise in Italien jetzt dreimal so teuer wie in Deutschland ist, dass also die ZuIm Ersten Weltkrieg zwischen Deutschen und Franzosen erbittert umkämpfte Bergkuppe in den Südvogesen. Vgl. hierzu Wikipedia.↩ bereitung des Essens die italienische Hausfrau dreimal so viel wie die deutsche kostet, würde ziehen. Nur dürfen natürlich keine wissenschaftliche Erörterungen wie in der Frankfurter, die die Mittelklassen langweilen, an derartige kurze Ausführungen angeschlossen werden.- Ich glaube, Du wärst der geeignete Mann, der sich in den Dienst dieser Sache stellen könnte. Du müsstest ba bald einmal nach dem Königsplatz1 in den Gr. Gen. St. Stube 151 zu Hpt. Kroeger, dem Hilfsoffizier für Presse bei Mjr Nicolai, Chef III b2, gehen und unter gänzlicher Ausschaltung meiner Person diese Frage einmal erörtern. Wenn Du z.B. im Hauptquartier bei IIIb West dem Rittm. Schnitzler der Gazette des Ardennes3 angegliedert würdest, könntest Du von IIIb West aus erster Hand die Gefangenenbriefe aus der Westfront zur Durchsicht und Bearbeitung in obigem Sinne zugestellt erhalten, denn bei IIIb West fliesst ja das ganze wichtige erHeute Platz der Republik in Berlin. Vgl. Wikipedia↩ Militärischer Nachrichtendienst der preußischen und später deutschen Armee bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Vgl. Wikipedia.↩ Französischsprachige Zeitung, die von den deutschen Besatzungsbehörden während des Ersten Weltkriegs insbesondere für Nordfrankreich und Belgien herausgegeben wurde. Vgl. Wikipedia.↩ beutete Schriftmaterial der Westfront zusammen. Eine weitere wirtschaftliche ernste Frage, die von Reichswegen durch Havenstein-Helfferich geregelt werden müsste, ist der Kurssturz der deutschen Mark in der Schweiz, Holland u. Schweden. Einflussreiche Frankfurter Kreise behaupten, dass deutsche Börsenspekulanten, die auswärtige Werte kaufen, kursdrückend wi wirkten und dass durch gesetzmässige Regelung der Einkäufe auswärtiger Werte von Reichswegen während des Krieges vaterlandslosen Börsenmanövern allein vorgebeugt werden könnte. Vielleicht könntest Du auch in der Regelung dieser schwierigen Frage helfend einsetzen, wenn es nicht von anderer Seite bereits geschehe[n] sein sollte.. Indem ich Dich bitte, diese Zeilen als streng vertraulich zu behandeln und mir mit Feldpost an Nachrichtenoffz. Oberkommando Strassburg zu antworten, bleibe ich mit herzlichem Gruss Dein treuer Vetter Wolfgang Richter