Ort, 7. IX. 1928. Hochgeehrter, sehr guter Herr Professor! Bei uns gibt es noch einige Ferientage bis Schulbeginn, drum soll noch ein Brieferl ausfliegen und sich im heiligen Land Tirol sein Nesterl suchen. Ich werd schon in diesem Erdenleben niemals mehr den heiligen Boden betreten dürfen, dafür aber werde ich mir vom lieben Gott ein ausgiebiges Plauderstündchen in meine Tagesordnung im Himmel einsetzen lassen, weil wir hier auf Erden nie dazu kamen! Wollen Sie? Ich war ganz gerührt über Ihr Vertrauen, das Sie mir schenkten, indem Sie mir den so lieben Brief von P. Palisa zuschickten, den ich nun dankend wieder retourniere. Auch der Zeitungsausschnitt von der Theresienkirche hat mich sehr erfreut und interessiert. Danke, für alle liebe Aufmerksamkeit! In den Ferien weilten Mama u. Magda v. Grimm bei uns in Ort, die mir alles, was sie von Ihrer mir so teuren Person wußten, erzählen mußten. Da bestätigte sich wieder meine Meinung von Ihnen, so daß ich Sie immer höher schätzen muß. Wäre ich nur auch schon so weit im Opfergeist und in der Leidensfähigkeit wie Sie! Dieses edle Schweigen unter dem Kreuz des Alltags ist es, das ich so bewundere. Das ist die Frucht Ihres jahrelangen Kreuzweges! Immer mehr erkenne ich, wie doch das Leiden im Menschen nur Gutes schafft und es allein imstande ist, aus ihm einen Edelmenschen zu machen. Gestern las ich beim heiligen Franz v. Sales: "Das Kreuz ist die Königspforte zum Tempel der Heiligkeit". Darauf zielten auch die Erkenntnisse meiner heurigen Exerzitien. Der liebe Gott schenkte mir viel Licht, in dem ich meine vollständige Tugend haftigkeit erkannte, zugleich aber auch den einzigen Weg zur Heiligkeit - den königlichen Weg des Kreuzes. Ich bin ja total unfähig ihn zu gehen, wenn der liebe Heiland mich nicht führt - aber ich hoffe fest u. erbettle mir zäh seine Hilfe. Aber das weiß ich, nur im Opfer u. Kreuz allein liegt alles Heil. Ich kann es nicht besser haben wollen als unser Herr in seinem Erdenleben, das er uns in seiner Liebe vorgelebt hat, um uns das Kreuzweggehen zu lernen. Und von ihm sagt das tröstliche Schriftwort: Mußte nicht Christus alles das leiden, um so in seine Herrlichkeit einzugehen! Im Himmel wird's dann schön, Herr Professor. Da las ich einige Verse, die ich Ihnen auch sagen muß: "Es klang in meine Nacht hinein Ein Wort, so himmels süß, Es war das Wort vom Seligsein, Ein Wort vom Paradies. Ich horchte hin, ich glaubt' es nicht, Zu tief war meine Nacht! Und doch es hat nur Gnadenlicht Und Herzensglück gebracht. Und noch ein Wort aus der Nachfolge Christi: „Im Kreuz ist Heil, im Kreuze ist Leben, im Kreuz ist Schutz vor den Feinden, im Kreuze Eingießung überirdischer Süßigkeit, im Kreuze Stärke der Gemüter, im Kreuze Freude des Geistes, im Kreuze der Inbegriff aller Tugend, im Kreuze die Vollendung der Heiligkeit. Also sollte das Kreuz von uns ersehnt und fest ans Herz gedrückt werden, wenn es sich uns naht. Aber wir arme Menschenkinder (u. ich besonders) fürchten es! Es ist zwar das ganz natürlich u. nur mit der Gnadenhilfe des Gekreuzigten werden wir es lieben können. Mein Vorsatz ist daher, wenn Kreuzchen sich einstellen in diesem Schuljahr, sie recht hochzuschätzen u. wie die kleine heilige willkommen zu heißen: Ave Crux, spes unica! Ja, unsere einzige Hoffnung auf dem Weg zu Gott! Um viel Kreuzesliebe u. -mut für Sie u. mich stets betend, verbleibe ich Ihre dankschuldige Schülerin([Kurzschrift]!) Schw. Alfonsa.