Juchhe nach Italia! I. Im Mai. H. Im Juli. NI. Der Waffenstillstand von Villafranka, 7. Juli 1859. Sern u. Gens. Bogt's Verlag. 1859. Juchhe nach Malia! / I. Im Mai. II. Im Juli. Bern n. Genf. Vogt's Verlag. 18SS I Im Mai. Juchheisa nach Amerika Du Deutschland gute Nacht! Ihr Hessen präsentirt's Gewehr, Der Landgraf kommt zur Wacht Ade Herr Landgraf Friederich Du zahlst uns Schnaps und Bier, Schießt Arm man oder Bein uns ah So zahlt sie England dir. Ihr lausigen Rebellen ihr, Gebt vor uns Hessen Acht! Juchheisa nach Amerika Du Deutschland gute Nacht! (Ein schön und wahrhaftig Soldatenlied, so Anno 1775 am 19. Oktober zu Kassel auf der Paraden von denen abziehenden Militärs mit admirablcr doune lr liniern- vor Jhro Durchlaucht gesungen worden). 1 4 Serenissimus saßen bei der Chokolade und prüften mit höchsteignen Augen die neuesten von London eingelaufenen Substdienrechnuugen. Sie bestätigten, daß die Posten mit der berechneten Anzahl von verstümmelten Gliedern ihrer Soldatenlieferung nach dem übereingekommenen Tarif für Arm, Bein, Aug' oder Finger genau stimmten, und geruhten in landcsvätcrlicher Huld einen nicht unansebnlichen Theil dieser Summen auf das Budget des ruhmreichen Karolinums und zur Verschönerung laudgräflicher Parkanlagen, zu welchen an Sonn- und Feiertagen auch die getreuen Kasseler Bürger Zulaß hatt n, auszuwerfen. Hieraus ließen Durchlaucht dero Leibfchimmcl vorführen und begaben sich zum Paradeplatz, wo der letzte Transport der an das Ministerium North verkauften Soldaten aufgestellt war, und den gnädigen Landgrafen mit einem wohleinstudirten: Juchhe nach Amerika! empfing. Was damals die kleinsten deutschen Landesherren mit ihren getreuen Unterthanen ausrichten konnten, das läßt sich auch heute noch mit einigermaßen veränderter Manier durchführen. Denn es ist bekannt, daß man dem wackeren Hessenfürsten Unrecht thut, wenn man glaubt, er allein habe diesen saubern Menschenhandel betrieben Hcsscnland war nur damals wie zu aller und neuester Zeit das erhabene Musterbild eines patriarchalischen deutschen Regiments. Waldcck, An- spach, Anhalt-Zerbst, Braunschweig und Hannover oblagen der nämlichen Industrie, und nicht bloß in den vereinigten Staaten, auch am Kap und in Batavia kämpften die wackeren Deutschen für fremden Despotismus 5 zur Bereicherung ihrer Souveräne. So verstanden allzeit deutsche Fürsten die Handfestigkeit ihrer Landeskinder für ibre Privatzwecke zu benutzen, und so übten sie diese Kunst mit besonderer Vorliebe da wo es galt die Am spräche des Absolutismus gegen irgend ein nach Unabhängigkeit ringendes Volk zu vertheidigen. Was wir heut sehen ist ganz dasselbe Schauspiel, nur mutstis mntsnäis. Das Handgeld für die an Oestreich zu leistende Hülfe gegen Italien wird zwar nicht in blanken Thalern verrechnet, allein die Triebfeder ist wie damals die Erhaltung und Befestigung der partikulären Landessouveränctät, welche durch eine nationale Bewegung des Continents und durch die Erschütterung des fundamentalen habsbur- gischcn Absolutismus mit Recht bedroht erscheint. Und wie innig die Aufrechterhaltung ungeschmälerter Landes- souveränetät mit der Vermehrung allerhöchster Civillisten und Domanialgerechtsamen verwachsen ist haben deutsche Stände seit 1849 weidlich erfahren können. Der fortgeschrittenen Bildung aber verdanken es die allerhöchsten Herrschaften, daß sie die zu einen: lustigen Juchhe nach Amerika! begeisternde Schnapsvertheilung nunmehr durch Gestaltung burschenschaftlicher Lieder ersparen, und mittelst aufgewärmten Franzoscnhasses, mittelst jesuitischer Umtriebe, besoldeter Zeitungen und herabgekommener Aktienbesitzer eine scheiupatriotische Erhebung in Szene sehen, deren Ausgangs- und Endpunkt in erster Linie die Erhaltung des Habsburgischen Soldaten- und Pfaffendespotismus ist, in zweiter Linie die Erhaltung der darauf basirten Zersplitterung Deutschlands in dreißig souveräne Staaten. Ihr wüthet für Habsburg gegen Italien und für eure absoluten Landesherren gegen Euch selbst und glaubt eine deutsche, d. h. einheitliche Erhebung zu feiern! O auioirai)!s bonno llurneni! Wie sie schreien werden — denn schreien ist ja die Parole und sie kennen den Zauber dieses Betäubungsmittels — wie sie schreien werden, die Schurken und Schwachköpfe aller Abstufungen, über den Einzelnen der sich unterfängt mit frecher Sclbstgewißheit sein abstechendes Urtheil als den Ausspruch des Menschenverstandes der Stimme einer Nation entgegenzustellen. Nun, es gibt solche Gewißheiten, es gibt Ueberzeugungen, die in Ruhe und Unbefangenheit abgewogen, das Bewußtsein in sich tragen, daß sie allein richtiger sehen, als eine rasende Gesammtheit, die am Ende auch nur von einigen Wenigen geführt, berauscht, gehetzt, sich einherwälzt. Und wer sind sie denn, die sich auf die große Mehrheit, auf die heilige Volksstimme berufen? Sind es die, welche ihr von jeher gehuldigt haben? Nicht doch! Es sind die, welche von ewig her nur Hohn und Ungnade für die öffentliche Meinung an den Tag legten, welche nie das freie Wort ertragen konnten, welche den beschränkten Unterthanenverstand in zehnfache Bande zu schlagen für unentbehrlich erklärten und das Recht klüger, besser und mächtiger zu sein als ganze Völker von einem Gott geerbt zu haben betheuerten. Jetzt aber, wo ihr sie braucht, die derben Arme der verachteten Massen, jetzt wo ihr nach euren wohlüberlicferten geheimen Rezepten sie berückt habt, jetzt soll ich Ehrfurcht hegen vor der erhabenen vox xopuli? Gemach, ihr Herren! Wisset ihr was eine öffentliche Meinung ist2 Nicht das blöde Geschrei einer seit zehn Jahren geknebelten, erdrückten, zersetzten, demoralisirten Anzahl von Millionen. Nicht der hohle Widerhall jener allein privilegirten Irrlehren, welche seit zehn Jahren die Dunkelmänner aller Klassen in die Ohren der Nation hineinschreien durften! Richt der Ausbruch des Giftes, welchen Ultramoittanismus und Agiotage unbehelligt dem Volkskörper eingeimpft haben. Ja, wenn in diesen zehn Jahren, welche seit dem letzten National- Bankrut verflossen sind, e in freies Wort hätte in Deutschland erschallen dürfen, wenn gleiches Recht gegolten hatte für die Missionäre der Aufklärung, wie für die der Bcr- dummung, ja wenn eine Masse da wäre, die man nicht alles politischen Denkens mit Gewatr entwöhnt hätte, ja und wenn dann eine öffenlliche Stimme sich erhöbe und mit Alleiuigkcit ihr Wort erschallen ließe, wer wollte sich nicht in Demuth beugen und seinen Irrthum bekennen ? aber nimmer mehr vor diesem eingetrichterten Gebrüll entwürdigter Unterthanen, hinter welchen die ganze Meute wohlabgcrichteter Hetzhunde einherbellt — nimmermehr! Meint ihr, die Herren hielten so ganz umsonst auf die ausschließliche Gewalt, die Presse zu besitzen, die Lehrer zu ernennen, die Schulen zu regieren, die Bücher zu censiren, die Klöster zu stiften, und unwidersprochen Jahr aus Jahr ein ihr Lied ertönen zu lassen? Meint Ihr, daß sei blos aus Drodneid auf die Beredsamkeit ihrer Nebenmenschen und aus Wohlgefallen an ihrer eigenen Suada? Nicht doch! Sie wissen es recht gut, daß man 8 ein Volk vergiften, verfälschen, verdummen kann. Und wenn Alles künstlich präparirt und einstudirt ist, dann sollen wir die Macht der Wahrheit aus diesem Präparat empfangen, das ihr Volk zu nennen beliebt, ' wenn ihr Blut und Thaler braucht? Die Stimme des vereinsamten freien Menschenverstandes will nicht verstummen vor diesem mit hoher obrigkeitlicher Erlaubniß veranstalteten Gebrüll zu Gunsten habsburgischer Despotie und deutscher Zaunkönige. Denn, rund heraus sei es gesagt: nicht um Italien handelt es sich für uns, nicht um Bonaparte, es handelt sich um Deutschland, um Deutschlands Wohl, um die Einheit, welche nicht an der Eider und nicht am Po ihre gefährlichsten Feinde hat, sondern an der Donau, und überall da wo ein Duodeztyrann jetzt Wachtparaden mit Kaiser-Franzens-Hymnen aufführen läßt. Mit Recht ist es gesagt worden. Das Beste, was jetzt geschrieben werden könnte zur Aufklärung Deutschlands, das wäre eine kurze, handgreifliche, volksthümliche Geschichte des Hauses Habsburg. Ja, wenn sie Geschichte kennten! Man hat es oft genug gerügt, wie arm die deutsche Literatur an großen historischen Talenten sei, aber es ist noch selten zu Gemüthe geführt worden, wie innig verwebt diese schlechte historische Erziehung mit dem Unglück deutscher Nation ist. Geschichte! Als brauchte es Geschichte! Ist Malmoe und Friedcrizia Geschichte? Ast Ollmütz Geschichte? Ist Bronzellen Geschichte? Sind alle die rettenden Thaten von Wien bis Hesseukassel, sind die Kriegsgerichte und Spinnhäuser als letztes Sie- 9 gel auf die Einheitsbestrebungen der Nation Geschichte? Ist das Konkordat mit den Jesuiten Geschichte? Lebendige, brennende Gegenwart, frische Schamröthe um Verlorne Anstrengungen, Schmach und gebrochene Worte und zerrissene Verträge, Thränen die noch fließen sollten um edle Opfer, Blut das noch dampft, Ketten die noch klirren, — Geschichte, welcher Lebende braucht von Geschichte was zu wissen, der nicht Gedächtniß und Verstand zugleich verloren hätte! Aber nicht einmal das Gedächtniß zu verlieren gibt es eine Ausrede. Nehmen sich doch die Herrschaften selbst die Mühe, die glorreiche Erhebung-von 1813 anzurufen, als wären diese Jahre des Aufschwungs und der Hingebung nicht unzertrennlich und jämmerlich verbunden mit den Jahren 1815 bis 1818, 19 und alle folgenden mit der Abläugnung aller Verheißungen, mit der Verfolgung aller Wackere», mit der Erstickung aller guten Keime. Ja das darf man dem deutschen Michel bieten, wenn man von Gottes Gnaden ist und ihm über die Polizeistunde hinaus zu singen erlaubt. Hätte man doch beinah die Stirne ihn an 1848 zu erinnern und lassen gewisse Wiener Hofdemokraten schon leise durchblicken, daß man in der Burg die Reichsverfassung noch nicht ganz vergessen habe, und mit einer großdentschcn Auferstehung schwanger gehe. Welch ein entsetzlicher Verlust, daß gerade jetzt der Johann gestorben, und wo wird man den Rcichshanswurstcn im Tyrolerröcklein hernehmen, um eine gemüthliche Verwesung einzusehen, bis daß wieder die Stunde gekommen sei die Puppe in den Kasten zurückzuschieben und dem Spaß in Frankfurt mit einigem Ernst von Pulver und Blei in der Brigittenau ein Ende zu machen! Ja das Alles habt Ihr vergessen und noch viel mehr, wer könnte es aufzählen das Register groß- und klcindeutscher Eidbrüche und zerbrochner Werkzeuge? Und möget ihr immerhin vergessen, wenn ihr nur denken wollet, nur ein klein bischen armseliger Logik, nur den einfachen Satz der Criminalistik zur Anwendung bringen wollet: torit rnri xroäoot, d. h. der ist der Thäter, welcher den Nutzen davon hat. Ist es euch denn noch gar nicht eingefallen, warum die Herren von Bayern, von Nassau, von Hannover, ja sogar von Kurhesscn auf einmal so wüthig patriotisch geworden, warum auf einmal aus dem Munde dieser Theilungsseligen Selbstherrscherlein das große ganze Deutschland so armsdick hervorquillt und warum sie beinah dem Gedanken nahe kommen, die schwarzrothgoldne Fahne nicht mit dem Zuchthaus« zu bedrohen? Merkst du denn gar nichts theurer Michel? Ach du merkst es wohl, aber du willst es nicht merken. Es ist so selig, auf Anstiften einer hohen Obrigkeit zu brüllen! Das ist das ganze Geheimniß. Ist denn diesem Volk wirklich noch zu helfen! Einem Volk, das nicht in Hohn- gelächter ausbricht, wenn Habsburg von deutschen Vrü- dern spricht, einem Volk das nicht stutzig wird, wenn die Jesuiten von Nationalität predigen, einem Volk das nicht in Unwillen gcräth, wenn seine Winkeldespotcn das Baier- land in Gefahr erklären ? Seht ihr denn nicht, was in Gefahr schwebt? Die östreichische Hausmacht schwebt in Gefahr, das böse Prinzip Deutschlands und darum Alles was zusammenwurzelt mit diesem bösen Prinzip, die Viel- herrschaft, die Zerstückelung, die Dunkelheit, der Jcsnitis- mus, der Rückschritt und die iiuderwirthschaft des patriarchalischen Polizciregiments in allen Graden und Formen. Wahrlich, eine Nation die nicht von Abscheu und Ekel ergriffen wird, wenn östreichische Kaiser von deutschen Brudern und von nationaler Einheit sprechen, ist schwer zu retten. Ist auch nur ein Schimmer von Möglichkeit vorhanden, daß ein Habsburg anderes wollen könne, als die Ohnmacht deutscher Stämme, als die Vcrläugnnng aller Nationalität? In demselben Augenblick wo der Herr von Buol ein Rundschreiben an die europäischen Kabinette erläßt, indem er das Prinzip der Unabhängigkeiten als eine lächerliche Utopie verhöhnt, damit er beweisen könne, daß Italien naturrcchtlickcrweisc unter den slavischdeutschen Stock gehöre, im selben Augenblick trinkt er mit Deutschland Brüderschaft im Namen der heiligen Blutbande! Ist das nicht Wahnwitz? Und wer hat 1815 und die Schandkartc von Deutschland gemacht? Wer hat die Profoße geliefert, welche die oberste Fuchtel über deutsche Zerstückelung und Entncrvnng sühnen, wer bat die Metterniche und Münchbcllinghausen geliefert? Wer mußte sie liefern, um nicht von einem wahrhaft verkörperten Deutschland zur Seite geschoben zu werden? In der That, wer nicht aus der Geschichte gelernt hat und nicht mit dem Verstände begreift, daß eine östreichische Hausmacht kein einiges, mächtiges Deutschland vertragen kann, dem ist allerdings nichts besseres zu rathen, denn 12 daß er in Gottes Namen den Beruf deutscher Nation als getreuer Kurhessischer Unterthan erfüllen helfe. Und da glaubten wir, im Jahr der Gnade 1848 sei Deutschland dumm gewesen. Wie groß sieht diese Zeit der Erleuchtung doch neben der heutigen! Damals hörte man noch mit Wuth und Verachtung vom Frankfurter Bundestag sprechen, als vom Urquell alles Bösen! Jetzt aber liegen wir selig in den Armen dieser Bruderanstalt! Oder ist der Bund etwas Anderes als Oestreich? Der Repräsentant des östreichischen Korporalstocks in Deutschland, die kaiserlich privilegirte Mutterlcge aller Zerstückelung, aller Knechtung und Knebelung? Oestreich braucht Italien, wie alle seine fremden Völker, um mit dem fremden Gewicht auf Deutschland lasten zu können, und weil die Gefahr ausbucht, ihm den Ruthenbündel zu entreißen, mit dem es uns zu Paaren treibt, deßwegen stehen wir für es auf und können den Augenblick nicht erwarten bis wir den Märtyrertod für unsern Zuchtmeister sterben. Und wie sie schüren, wie sie jauchzen die guten Landesväter, wie sie patriotisch glühen! Natürlich, sie wissen warum, nur gar zu gut! Oestreich ist der Fels, auf dem ihre Kirche steht, Oestreich der Eckstein des Kerkers deutscher Einheit und Freiheit, dessen vierunddreißig Zellen sich öffnen würden, wenn die schwarzgelbe Fahne in Frankfurt herabgerissen würde, Wenn einer rein deutschen Macht die Möglichkeit in den Schooß fiele, den faulen Plunder raubritterlicher Sou- veränetätcn mit einem kräftigen Stoße in alle Winde zu zerstreuen und aus Deutschland einen wirklichen Staat zu — 1Z — machen. Darum singt Wittclsbach deutsche wieder, darum hält Nassau Wachtparaden, darum veranstaltet Hesscn- Darmstadt Nationalgcistsausbrüche. O diele Wackern! wie sie vor Rußland, wie sie vor Frankreich krochen, als der Wind des Despotismus von der Newa und der Seine her blies. Jeder schickte seinen winselnden Tribut zu dem Gesellschaftsretter in den Tuillericn, und errichtete dem klaren einen Hausaltar. Jetzt aber sind sie Franzoscnfresscr und Slawophodcn geworden. Dersclbigc Darmstädtische Herzog, welcher jetzt gegen das rnssensrenndliche Bündniß wappnet, verschrieb sich einen französischen Credit Mobi- lier aus Paris und führte russische Classifizirung und Uniformirung in seinem Ländchcn ein, um dem Kaiser Nikolaus näher zu rücken. Ja auch Kurhessen, erhabenen Sinnes, wird deutsch begeistert, vom edlen Hannover nicht zu reden, lauter Schwärmer für Einheit und Fortschritt. Soauch diewürtembergischcNeichsritterschast, welche mit einer Hand ihre modrigen Pcrgamentsprivilcgien und mit der andern das deutsche Einheitspanier trägt. Je mehr sich einer um die Entmündigung, Kränkung, Nicdertretung deutscher Nationalität verdient gemacht, desto lauter schreit er jetzt. Ja ihr Herren, wenn Deutschland nicht zu ewiger Blödheit verflucht wäre, es könnte euch schön zu Leibe rücken; wenn dem Habsburger Geier die Krallen abgehackt, wenn die kleineren Raubvogel aus dem Schutze seiner Fittiche herausgejagt, wenn das Zion des Jesuitismus gebrochen, wenn die Stimmen der Nationen ringsum laut würden, und dann — ja, wenn das möglich wäre! — wenn in Preußen ein Funke von Ehrgeiz, Muth und Aufschwung 14 aufloderte, — allerdings dann könnte aus der Fabel Deutschland eine Wahrheit werde», — aber dann hieße ja deutsch sein nicht blind sein nnd Elend wäre nicht unser Erbtheil. Was am meisten bei dem ganzen Vorgang empört, das ist zu sehen, auf welche Manier künstlich und diabolisch eine öffentliche Meinung gemacht werden kann, welche gar nicht naturgemäß aus dem eigenen Wesen des deutschen Volkes entspringt. Das gcsammte Ausland, welches dermalen unter dem Glauben lebt, es handle sich hei uns um eine großartige spontane Erhebung, um einen lebendigen Ausbruch innerer Gluthgcfühle, möge immerhin in diesem Wahne befangen bleiben. Es möge uns dieser Wahn in seinen Augen noch mit einer gewissen Glorie umgeben, denn ein freiwilliger und mit edlem Selbstgefühl zusammenhängender Irrthum gleicht doch von ferne einer Aeußerung nationalen Lebens. Aber unter uns dürfen wir uns gestehen, daß der ganze Sturm nur künstlich zusammengcblasen und aus den kläglichsten Elementen aufgewirbelt ist. Im deutschen Charakter liegt weder der glühende Nationalhaß gegen das Ausland, noch die katholische Bigotterie, noch die Eroberungs- und Herrschsucht über fremde Völker, welche jetzt auf Anordnung der östreichischen Polizei überall in Musik gesetzt und in den Gassen losgelassen werden. Der Deutsche — das ist ja bekannt — ist kosmopolitisch, anerkennend und vorurteilsfrei. Die Bcrscrkerwuth, die man ihm jetzt einredet, ist nur mit bornirtem Nationalgefühl vereinbar, von denr er nichts weiß. Aber das ist das 15 Kläglichste in der Weltgeschichte, daß die großen Massen nickt einmal selbst die Vorurthcile erzeugen, mittelst deren man sie zum gefügigen Spiel- und Werkzeug ibrer Herren macht. Nicht die Blutströme sind das Traurigste in den Annalen der Menschheit, sondern die vergifteten Quellen denen sie entspringen. Wie in den Religionskriegen die Völker von Fürsten und Pfaffen für dogmatische Spitzfindigkeiten fanatifirt wurden, um Hofinteresscn, Klostergüter und Landeshoheiten zu vertheidigen, so wird jetzt ein autifranzösischer und antiitalicnischer Nayenhaß eingetrichtert, um Habsburgs Gut mit teutschem Blut und Kurhessische Souveränes mit einer Intervention in der Lombardei zu vertheidigen. Ist doch der ganze Wahnwitz des Nationalhasscs nur ein Vcrmächtniß der Feudalherrschaft und der Unersättlichkeit adliger Raubritterschaft, welche der Plünderung fremder Länder zu lieb das edle Kriegshandwerk ergriff und durch die Konsequenz hundertjährigen Unfugs das Ungcthüm der Nationalfeind- schaften großgezogen bat. War der Bauer in der Nor- mandie jemals lüstern nach den Feldern seines Unglücks- gcnoffcn in der Pfalz, oder träumte der Handwerker in der Lausitz von dem Besitz der Gefilde am Po und am Tessin? Nein! aber Monarchen und Raufbolde, welche von Hofhistoriographen zu erbabcncn Erscheinungen gestempelt worden, schleppten in erbarmungsloser Unersättlichkeit den Bauclnsohn vom Pflug hinweg (wenn sie ihn nicht lieber geradezu für blankes Geld verkauften) und zwangen ihn, sich auf den gleich elenden Bauern eines andern Landes zu werfen, und nachdem das zwangsweise gegenseitige Morden und Plündern zum Ruhm und zur Bereicherung einiger erlauchten Häuser ehrwürdig historisch geworden, ist es auch dahin gekommen, daß die armen Teufel verschiedener Zungen sich einen ewigen Haß nachtragen, welcher jedoch nur dann angefacht wird, wenn es den Interessen der Herrschenden dient, die selbst aufgeklärt genug sind, um zu anderen Zeiten mit ihren ausländischen Vettern im herzlichsten Einverständniß zu leben. Um nicht vom glorreichen Rheinbund zu reden, welche süße Eintracht mit Rußland und mit dem jetzigen Napoleon haben wir nicht selbst erlebt, als es sich darum handelte mit Hülfe der europäischen Ccntralpolizei die eigenen getreuen Unterthanen zu maßregeln, welchen mau jetzt mit solcher Entrüstung den Erbfeind denunzirt. Die Deutschen vollends sind noch mehr als jeder andere Stamm frei vom barbarischen Frcmdlingshaß und gar von dem Ehrgeiz nach Außen zu herrschen. Wie könnte auch in einem Volk, das nie zu einer staatlichen Organisation und zu nationaler Eiuhcitssorm gekommen ist, der Drang bestehen, fremde Länder zu unterjochen? Ehe wir fremdes Gut besitzen wollten, müßten wir doch uns selbst besitzen. Aber die gelehrte Burschenschaftsmaskerade will uns jetzt weiß machen, wir hätten von jeher den Beruf gefühlt über Italien zu herrschen, weil deutsche Lanzknechte für Sold und Plünderungsrecht in Italien hausten! Als hätten sie nicht auf allen Seiten für und wider jedes Land und jeden Herzog hundertmal in derselben Schlacht sogar gegeneinander gckämpft, in Frank- 17 reich, in Italien, in Spanien und wo nicht? als hätten die Schweizer, die Schotten und alle abcntheuer- und rauflustigen Völkerschaften nicht dasselbe getrieben! Wenn die Deutschen der Stimme ihres eigenen Rechtsgefühls und dem Vernunflschluß aus ihrer ganz gleichartigen Unglückslage folgten, so würden sie der italienischen Einheitsbestrebung aus tausend Kehlen zujauchzen. Aber wer das jetzt ausspricht, der wird als sentimentaler Faselhans niedergeschrieen. Denn in diesem politischen Kunstgriff liegen abermals zwei Geheimnisse der modernen Volksausbeutung begraben. Einmal das Niederschreien überhaupt. Wo die Herren einen Grundsatz hervorkeimen sehen, der ihnen im innersten Mark gefährlich werden könnte und dessen logische Konsequenzen bei einiger ungestörter Erörterung mit zwingender Beweiskraft ihnen zu Leibe rücken möchten, da geben sie ihren Claqucurs die Losung, beim ersten Wort mit solchem anscheinenden moralischen Unwillen loszubrechen, daß vorab keine Stimme hörbar werde, und daß sodann der verblüffte Philister aus der himmelhohen Entrüstung des tonangebenden Auditoriums auf die Ruchlosigkeit des lautgewordcnen Gedankens und auf die Ungeheuerlichkeit seiner eigenen Versuchung bei Duldung solcher Blasphemien schließen müsse. So war es unter der bour- bonischen Dynastie percmptorisches Stichwort, jede Erinnerung an den Convent niederzuschreien; so wurde Rüge niedergeschrieen, als er zum ersten Mal gegen Oestreichs Herrschaft in Italien sprach. Etwas Bestialität steckt ja immer ini Menschen und wenn man ihm das Toben 2 18 noch gar zur Ehrensache macht, so hat man doppelt leichtes Spiel. Auch hat man in neuester Zeit die Ausrottung finsterer Vorurtheile damit zu hemmen verstanden, daß man die Anfeindung überlieferter Barbareien als unreife Sentimentalität lächerlich zu machen bemüht war. Wenn Gut und Blut für irgend einen angestammten Landes- guälhans gebraucht wurde, da war kein Gefühl zu stark, keine Thräne zu heiß, keine Treue zu schwärmerisch. Ein ganzes Ländchcu mußte in Rührung schwimmen, wenn die allerhöchste Schwiegertochter glücklich in die Wochen gekommen. Aber handelt es sich von Abschaffung entmenschender Prügelstrafen, von Reinigung mittelalterlicher Halsgerichtsordnungeu, welche mit dem Geiste des übermüthigen Junkcrthnms innig verwandt sind, so ist jede Humanität und Nachsicht unpraktisches und schädliches Gcsnhlswesen. Gleicher Weise wird jede Theilnahme für die von Grund aus berechtigte Erhebung Italiens gegen Oestreich als unstaatsmänuische Jugcndcselci verhöhnt, während es doch auf der Hand liegt, daß Sardinien dieselbe Sache verficht, welche Preußen verfechten müßte, wenn Deutschland zu einer Existenz kommen sollte. Brutalität aller Art als Urkraft und Gesundheit propagiern, das haben die hochobrigkcitlichcn Stimmführcr allzeit meisterlich verstanden, wenn es sich nicht etwa darum handelte über die Schreckensherrschaft der Revolution und die Blutgier der Demokratie Ach und Wehe zu schreie». Noch abgeschmackter als die falsche Stark- geisierci ist das Klugihun der realistischen Politiker, welche 19 mit volkswirthschaftlicher Nüchternheit die Unentbchrlich- keit eines habsburgischen TcrritorialbesiheS in Italien nachweisen. *) In der That, Oestreichs wirthschaftliche Blüthe ist ein schöner Beweis für den Segen seines Status yno. Es ist kaum glaublich und doch wahr, daß es eine Zeit lang beinah Stichwort gewesen, dem Fluch östreichischer Verfinstcrungspolizci den Segen des materiellen Wohls als Compcnsation entgegenzusetzen. Hat wirklich eine Art, dieses materielle Wohl! Ein Land das in den Krieg hineingeht, verblutet und verarmt, wie sonst kaum eines aus langem Krieg heraus gekommen. Assignaten, allgemeiner LandcSbankrutt vor dem ersten Schuß! Nuinirtc Industrie, entehrter Handel, Unmöglichkeit des Verkehrs mit dem Ausland. Das sind die Vortheile, welche einem halben Jahrhundert des Friedens unter dem Schutze des Mönchs- und Pvlizciwescns entsprossen sind, und w.lchc ganz Deutschland drohe», wenn es die schwäbischen Reichsstände und süddeutschen Curialstiiumcn dahin bringen, daß habsburgischcs Negimcut siegreich über *) Einer der banalsten Trugschlüsse I» der Nationalökonomie ist, daß man ein Land besitzen nn'iffe, um In vorthcilhaflcn Handelsbeziehungen mit ihm zu stehe». Ncw-Vork war wohl fruchtbarer für Liverpool als es noch einer englischen Kolonie angehörte; und 'Augsburg und 'Nürnberg hatten keinen blühenderen Verkehr m t Venedig als dieses noch nicht dem östreichischen Brudcrstaat einverleibt war? Lasset Obcritalicn dem habsburgsschen BettclmönchS- rcgime entzogen sei», und es wird euch bessere Zinsen abwerfen als wenn ihr es n»tcr ecr soldatischen Fuchtel zur Verarmung führet» lote die ander» östreichischen Prcvinzcu. ->» 20 den Bund ausgedehnt werde. Ein Land, das alle seine Unternehmungen mit fremden Kapitalien gründen, daß um von der Hand in den Mund zu leben, seine Eisenbahnen eine nach der andern um den halben Kostpreis versilbern, seine Domänen verpfänden, seine Creditinstitute nothzüchtigen muß, welches wie ein recht liederlicher Junker die Waare bei dem einen Wucherer borgt, um sie daneben beim andern um den Drittelswerth zu verpfänden! Arbeitet zehn Jahre an einer Valnta-Rcgulirung, um das Ideal der gothaischen Einheit von Münz, Maß und Gewicht ins Werk zu sehen, und kann die Maskerade seiner Baarzahlungcn nicht vier und zwanzig Stunden auf den Beinen halten, trohdem bei Stockprügelstrafe verwarnt ist von einer kaiserlichen Bank Silber gegen Papier zu verlangen. Das sind die Vortheile, welche Deutschland von Oestreichs Wohlstand mitgcnossen. Hätte es nicht einen Soldaten auf je zehn italienische Unter- ihanen ernähren müssen, so hätte es seine Schulden bezahlen können, und halb Süddeutschland wäre jetzt nicht um ein gut Theil ärmer. Die Armee hat das Land aufgefressen, die Armee hat dem Boden die Hände entzogen, und die Armee war für Italien unentbehrlich. Das sind die viclgerühmten materiellen Segnungen. Oder ist es vielleicht gar die germanische Sccherrschaft in adria- tischcn und levantinischcn Gewässern, welche von der Habsburgischen Zwingherrschaft in Italien bedingt ist? Denn wenn man mit pausbackigen Seehanswurstiaden kommen kann, ist ja der Marineburschenschäftler gleich sicgsberauscht. Da habt ihr sie eure östreichische Marine, 21 das berühmte klsxsx l^oxomsnou der einzigen untheil- baren Fregatte, deren Husarenbemannung regelmäßig einmal im Jahr ersäuft, worauf denn ein erzherzoglicher Seewolf zur Stelle aus Ufer eilt, um durch höchsteigne Ortsbesichtigung ein persönliches Opfer zu bringen (nickt zu gedenken, des unter allerhöchster kaiserlicher Fürsprache alljährlich erneuerten Pensionsgesuchs des Marineraths Jordan). O ihr praktischen Gimpel, wenn ihr vergleichen wollet, was die kleine Republik Venedig zur See ausgerichtet und was der Koloß Oestreich mit denselben Häfen zu Stande gebracht hat. Ueberall nichts als Elend, Unfähigkeit, Vcrrottung; und das Alles blüht auch uns, wenn es gelingt uns noch mehr als wir es schon sind unter die Habsburgische Oberhoheit zu stellen. Denn darum handelt es sich, und darum im besten Fall, nämlich wenn wir mit Oestreich siegen, denn was uns passirt, wenn wir mit Oestreich geschlagen werden, davon mag gar keine Rede sein. Aber nehmen wir an, das große Nationalwerk gelingt, Deutschland wird in den Angriffskrieg gegen Frankreich verwickelt, und Oestreich verdankt die Erhaltung seiner Integrität den Umtrieben deutscher Kleinfürsten und ultramontaner Pfaffen. Dann wird es erst recht klar werden, wie der östreichische Despotismus in der deutschen Vielstaatcrei wurzelt, wie ihm zu Liebe Preußen erniedrigt und erdrückt werden muß, und dann wird eine Bruderseligkeit zwischen neuen Metter- nichen und deutschen Landcsvätern aufblühen, dergleichen noch nicht dagewesen. Das ist der Kern der Frage, um die es sich jetzt handelt. Welche geringe Vorstellung man immer von dem Verhältniß habe, in welcher das gegenwärtige preußische Herrschergeschlecht seiner deutschen Aufgabe gewachsen ist, wie viel Wahres auch an der süddeutschen Antipathie gegen märkischen Jntelligenzdünkcl sei — das ist und bleibt doch der einzige Ausweg aus Deutschlands Jammerzustand, daß Preußen möglichst weit das Naubstaatcn- system absorbire. Wie wenig Zutrauen man immer in dynastische Einigungs- und Befreiungs-Methodcn sehe, es ist nicht zu läugnen, daß nach der erbärmlichen Niederlage von 1848, von Berlin aus noch mehr Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang winkt als von einem Frankfurter Parlamente aus. Und dann handelt es sich jetzt gar nicht um die Wahl zwischen zweierlei Mitteln. Zu einem von unten auf anhebenden Befreiungs- und Ver- rinigungs-Versuch liegt nicht das geringste Material da, wogegen noch nie eine so günstige Gelegenheit vorhanden war, die preußisch deutsche Bewegung vorwärts zu schieben. Es handelt sich nicht um Ab- und Auwägcn, es handelt sich um's Ergreifen der günstigen Umstände, welche unter den gegebenen deutschen Verhältnissen nur überhaupt denkbar sind. Damit Preußen diesen Rettungsversuch unternehmen könne, muß Habsburg anderwärts beschäftigt und entkräftet sein. Je näher man die Situation ins Auge faßt, desto unschätzbarer und verlockender erscheint sie. In ruhigen Zeiten würde ein preußischer Ausdchnungsversuch an Deutschlands Nachbarn lauter entschiedene Gegner finden. Alle diplomatischen Traditionen der alten europäischen 23 Schcelsuchts- vul^o Glcichgcwichtspolitik lauten auf die Nothwendigkeit: Deutschland, wie jeglichen Nachbarn durch Theilung und Zersplitterung darnieder zu halten. Es war stets und wird stets das System Rußlands, Frankreichs und Englands bleiben, sich Oestreichs gegen preußische und Preußens gegen östreichische Fortschritte zu bedienen. Die Geschichte Deutschlands seit 1815 ist nichts als eine Reihenfolge solcher Intriguen. Nun auf einmal sind die beiden gefährlichen Nachbarn einem entschiedenen Vorangehen gewogen, sie sind nicht blos bei dem Ucber- wicgen Preußens über Oestreich sondern, was noch seltener der Fall war, bei dem Unterdrücken der kleinen fürstlichen Kläffer direkt interessirt — und diese Gelegenheit, seine ärgsten Widersacher los zu werden, sollte sich Deutschland entgehen lassen! Endlich auch sind die innern Verhältnisse Preußens gerade momentan in einem so glücklich dispouirtcn Stadium, wie dies bei der Halbheit und Zweideutigkeit der Berliner Politik überhaupt nur denkbar ist. Nach Beseitigung eines Ncgims, welches von augcnverdrehcnden Junkern mit Hülfe einer Bande von Polizeispiouen, ^Zents provocLtours und sonstigem Gesindcl L la. Gödsche, Ohm und Lindenberg dirigirt worden, tritt eine neue Regierung auf, welche zum mindesten einigen Ehrgeiz — das Einzige was Deutschland hoffen kann — zu hegen versprochen hat. Während Rußland und Frankreich gezwungen sind, diesem Ehrgeiz Vorschub zu leisten, ist England durch Familieubande verhindert solchen Widerstand in den Weg zu legen, als es sonst wohl zu thun versucht wäre. Und alles das trifft 24 fich glücklicher Weise vor Ablauf des ersten Decenniums nach Deutschlands letztem Rettungsversuch. Ja, man hätte hoffen dürfen, daß wir noch nicht so ganz und gar vergessen hätten, was wir vor zehn Jahren geträumt, und welche unerhörten Mißhandlungen, Enttäuschungen, welche Abläugnungen und Niedertretungen wir seitdem erfahren haben. Ja man hätte es hoffen dürfen, aber Deutschlands Unstern — so scheint es — ist mächtiger als alle Combinationen, welche uns das Glück in den Schooß wirft. Wie kommt es, muß man sich fragen, wie ist es nur möglich, daß eine eben aus der Schule der theuersten Erfahrung hervorgegangen e Nation ihr Heil so mit Füßen treten, ihre Erlösung mit Wuth von sich stoßen könne? O König Lear, o König Lear, wie sehe ich dich dereinst, die Haare ausraufend in der Wildniß inen, wenn dich die vorgezogenen Töchter Austria und Bavaria mit Peitschenhieben werden von ihrer Thüre jagen lassen! Freilich erklärt sich zum Theil aus der großen Möglichkeit der Rettung die Größe der Gefahr, denn die Kleinfürsten und ihr Anhang, welche die Dinge viel besser verstehen als ihre getreuen Unterthanen, setzen Himmel und Erde in Bewegung um die öffentliche Meinung auf den östreichischen Abweg zu führen. Jetzt bört mau auf Hofburgen, auf Wachtparadcn und Regierungsbänken nichts als Deutschland und Brüderschaft rufen. Das erbärmliche Nassau, welches, um eine landesangehörige Dorfschenke zu protcgiren, Jahre lang sich dem Anschluß nachbarlicher Eisenbahnen widersetzt; welches um einiger Thaler Einkünfte wegen, die Aufhebung der Rheinzölle, 25 verhindert und in souverainem Starrsinn, gegen den Willen aller größer» Uferstaaten den deutschen Strom veröden läßt, diese Duodeztyranncn, Spielbordelbesiher und kaiserlich russischen Rcgimentsinhaber machen jetzt schwarz- roth-goldnen Patriotismus, — und Deutschland berstet nicht vor Lachen! Oder sollen wir an die edlen Aufwallungen von Hessen-Casscl glauben, oder an baierische Staatsstreichler, welche ihre Nachtmützenkonstitution noch zu wild finden, um nach erhabenem klon Misir zu regieren! O Schilda mein Vaterland! Aber wenn ein Landesvater deklamirt, wer möchte da widerstehen, und wenn eine hohe Obrigkeit die patriotischen Lieder bis auf weitere Zuchthausconstellationen freigibt! Stehen nun gar neben der Landcspolizeibcgeisterung die katholischen Pfaffen, die man auch in protestantischen Ländern seit 1849 stets nach Belieben schalten und verdunkle» ließ, kommen endlich die "besten Männer" stets von ihrem Instinkt herbei geführt, da wo eine Eselei zu begehen ist, und getreu ihrem Beruf des ungefährlichen und impotenten Patriotismus und der Vertrauensseligkeit; gesellt sich zu allem dem die heilige Truhe, von deren Grund hohnlachende östreichische Schuldverbricfungen hervorgähnen: welch ein Rezept für eine öffentliche Meinung zu Habs- burgs Erlösung! Steht Einer auf und will an alles das erinnern, so wird er zuerst natürlich niedergeschrieen; als bezahlter Verräther, Franzose, Pole, Jude von der Augsburger de- nunzirt, die zur Stunde nur östreichisches Geld anerkennt, (dafür giebts nämlich immer noch Silber in den 26 Kassen.) Ist aber schließlich den Argumenten doch nicht auszuweichen, so kommen die beliebten Theoriccn, die man je nach Umständen bald aus dem Sack herausholt, bald wieder hineinsteckt. Da heißt es vorab: aller innere Zwist muß schweigen, wenn es sich von äußern Feinden handelt. Mit Verlaub, es wird zwar große sittliche Entrüstung aufwirbeln, aber ich nehme mir die Freiheit doch zu bemerken: der innere Feind ist bei weitem gefährlicher als der fremde, eine Sticfniutter die mit Vergiftung droht, ist unendlich gefährlicher als ein Nachbar der mich berauben will, und zuerst suche ich mich der Stiefmutter zu entledigen. Je näher mir ein Feind steht, desto haffcns- werther und verderblicher ist er, und alles Böse was Frankreich schon um Deutschland verschuldet hat, ist ein Sandkorn, wenn zu Oestreichs hundertjährigem Giftmi- schcrshstem verglichen. Während — wie schon oft bemerkt worden — ein Angriff von Außen zuweilen eine heilsame Aufrüttelung innerer Kraft nach sich zieht, gibt es gegen das infame Erstickungs- und Erstarrungssystcm innerer Blutsauger keine Schadloshaltung. Es frißt beständig um sich, und wächst im Wirken. Habsburgs Despotismus und Jesuitenallianz ist hundertjährig*) und endlos, Frankreichs Angriffe sind periodisch, dem Systemwcchscl und den Machtbedinguugen unterworfen. Oestreich ist hundertmal tödtlicher für Deutschlands Größe als Frank- *) Die Anhänglichkeit für diesen (Jesuiten-) Orden ist in der Familie Habsburg erblich geworden, schrieb Kaiser Joseph II. I77S an Chotieul. 27 reich, zunächst aber handelt es sich gar nicht von französischen Angriffen. Der Angreifer ist vorerst Oestreich und gegen den ersten Angreifer sich zu vertheidigen verlangt der gesunde Menschenverstand; Oestreich droht uns mit dreifacher Gefahr, einmal indem es den Kampfplatz von seinem obcritalicnischen Boden in das Rheinland herüber spielen, indem es unsere Länder statt seiner Länder verwüsten, mit unserm Geld statt mit seinem Nicht- geld die Kroaten ernähren will; zweitens indem es aus der Kalamität eines östreichisch-französischen Kriegs die ungleich größere eines Universal-Krieges schaffen möchte, denn die auf jedenfall bankrutte und gefährdete Monarchie hat ja doch nichts zu verlieren; drittens schließlich und hauptsächlichst aber indem es durch das in Wirkung gesetzte Solidaritätsverhältniß mit seinen fürstlichen Satrapen und durch die Ucbcrstimmung Preußens ganz Deutschland in die Tasche stecken würde. Und das Alles sollen wir hinnehmen, ja sollen mit Heißbcgierde, Feuereifer und Gluthbegeisterung danach greifen — alles um einer französischen Diversion am Rhein zu entgehen für die im Augenblick noch nichts als nur halbe Wahrscheinlichkeit spricht! Es wäre ebenso langwierig als müßig, dermalen abzuwägen, was für und wider eine solche Wahrscheinlichkeit aufzubringen sei. Wer kann die tausendfachen Combinationen voraussehen, die im Verlaufe des Wellengangs in die Ereignisse eingreifen, wer kann den Einfluß des heute noch gänzlich Ungeahnten auf den Gang der Geschichte ausrechnen? Gewiß ist nur eine Gefahr, das ist die: Deutschland zunächst, und dann Eu- 28 ropa durch unsere freiwillige Einmischung mit den Schrek- ken und Verwüstungen des Kriegs heimzusuchen, und alsdann im besten Fall, im Fall eines östreichischen Ob- stegens, den Habsburgischen Stock und die jesuitische Kamarilla, definitiv zum Maßstab deutscher Geschicke einzusehen. Die Gefahr eines Angriffs von Außen besteht jederzeit für jeden kontinentalen Staat; sie bestand für Deutschland von französischer Seite her vor der heutigen Verwickelung, und wird nach Beseitigung derselben bestehen, so lange das europäische Festland ein System von Militärstaaten bleiben wird. Aus Furcht vor solchen Angriffen auf seine Nachbarn offensiv losgchen zu wollen, hieße sich zu einem permanenten Kriegszustand verdammen. Freilich hat es die Soldatcnherrschaft allerwärts schon dahin gebracht, daß der Normalzustand von Europa in gewissen Proportionen diesem ewigen Kricgszustaud entspricht, indem jeder Staat Jahr aus Jahr ein fabelhafte Armeen unterhält, und fortwährend seine Rüstungen ausdehnt, in Folge deren die wechselseitige Beobachtung und Balancirung dieses Unwesens zu einem wechselseitigen Ueberbieten in länderaussaugenden Kriegsbudgets führt. Aber wir dächten, dieser pcrcnnirende friedliche Kriegsstand sei schon Unglück genug an sich und brauchte nicht noch, um den Continent vollends zu Grunde zu richten, zu einem permanenten Blutvergießen vervollkommnet zu werden. Bornirtc CorporalssouverLne können darin allerdings das Ideal ihres erhabenen Berufs finden, aber ein nicht blödsinnig gewordener Bürgerstand kann un- 29 711 vgl ich nicht seine ganze Kraft diesem unseligen Treiben entgegensehen. Die mächtigste Handbabc zur Aufwühlung des öffentlichen Geistes gegen den italienischen Feldzug hat die östreichische und klcinstaatliche Partei allerdings in der persönlichen Geschichte Ludwig Napoleons gefunden, und es ist nicht zu läugnen, daß hier Stoff zu großen Anklagen und Befürchtungen gegeben sei, ja es muß zugestanden werden, daß die deßfallsige allgemeine Entrüstung nicht wie so manche andere Manifestation zum großen Theil gemacht und künstlich angeblasen sei. Unendlich fern — weit ferner als den östreichischen Hof- zeitungen und dem schwäbischen Moniteur — liegt uns der Gedanke, für die Lauterkeit der Triebfedern und die Unschädlichkeit der Absichten dieses Mannes einzustehen. In unseren Augen war er ein ausgemachter Verächter der Menschenwürde und des Menschenrechts zur Zeit wo sich die Wiener Hofskribcnteu noch mit seiner Ehrenlegion schmücken ließen und wo alle gekrönten Häupter Europa's in seinem theuren Haupt die einzige Bürgschaft für Erhaltung ihres Thrones, und erxo der Religion, der Familie und des Eigenthums erhalten zu sehen beteten. Wir also dürfen diese Edlen jetzt mit gebührender Verachtung heimschicken, wenn sie uns das Schreckensbild seiner schwarzen Seele zu heilsamer Einschüchterung vor Augen führen möchten. Wir haben von seiner Freihcitslicbe und Uneigennützigkeit einen solchen Begriff, daß wir ihn nicht höher schätzen, als jeglichen gnädigen Landesherr», welcher ihn jetzt vogelfrei erklärt. Das ist aber auch Alles was 32 , für den Papst und die Oestreichs zum Schwert greift, und ebenso gut wie der Pscndotugendrepublikaner Eavaiguac der italienischen Freiheit den Dolch in's Herz gestoßen bat, ebenso gut kann der Tyrann Bonaparte das Bollwerk der Dynasten- und Pfaffenherrschaft brechen. Er kann es doch wenigstens, und so lange die Möglichkeit eristirt, steht es deutschen armen Sündern schlecht an, den Lombarden zu grollen, weil sie nicht so erhaben sinh, dem Pathos der Rotteckischen Weltgeschichte zu lieb, mit ihrem Befreiungswerk zu warten, bis sie ein Heldenstück von Brutus und Lukretia in's Werk setzen, und mit ihren Spazierstöcken (denn Waffen hat man ihnen ja nicht gelassen) die dreimalhunderttansend östreichischen Bayonette zum Land hinansschlagcn. Ja ein solches vollkommenes Spektakel tragischer Historie verlangt der Herr Professor, von seinem Kabinct aus zuzuschauen und mit dem Gruseln der Bewunderung die überwältigten Heroen unter den Händen der Kroaten verbluten zu sehen; dann wird er sein hochpoetisches Probatum vielleicht in vertraulichem Kreise aussprcchcn; aber mit fremder Intervention frei zu werden, pfui der Schande! das ist ja gar nicht der Mühe werth! Fremde Intervention! als wäre die ganze politische Geschichte der letzten Jahrhunderte etwas anderes als eine Kette solcher fremden Einmischungen. Erstlich von der Einmischung zum Vortheil dynastischer Interessen zu reden: was waren die drei Theilungen Polens anders? Und dann kam die Intervention Preußens in Holland zu Gunsten der Oranier von wegen der bloßen Vcrschwägerung; und 33 dann die Coalitionen gegen die französische Republik zu Gunsten der Bourbonen; weiter das Einschreiten der Bourbonen selbst wieder für ihre Vettern in Spanien, und die östreichischen Einmärsche durch ganz Italien, schließlich nicht zu vergessen die Rettung Habsburgs durch die Russen in Ungarn. Nicht wahr, in allen diesen Fällen und vielen vorhergegangenen ist die fremde Intervention kein Gegenstand des Abscheus für die principberittenen Staatshistoriographen? Möchte aber ein entwaffnetes ge- knebeltes Volk durch fremden Zuzug frei werden, dann satteln die Herren ihr großes trojanisches Abschreckungspferd, dessen Bauch von Gefahren schwanger geht. Ist nicht die eigne östreichische Residenz noch zur rechten Zeit durch den wackern Polenkönig von den Türken befreit worden? Hätte Nordamerika ohne die Hülfe Spaniens und Frankreichs das englische Joch abschütteln können? Sind die Griechen Engländer oder Franzosen geworden, weil sie durch die anglofränkische Allianz aus den Händen der Türken gerissen wurden? Ist Belgien nicht einzig und allein mit Hülfe der französischen Bayonnette zu einer staatlichen Selbstständigkeit gelangt, die sich zu seinem Besten gewendet hat? Man sieht es: so viele Befreiungen von Fremdherrschaft, so viele Interventionen weist die Geschichte auf, und es wäre Zeit, diese läppischen Turniergesetze einzustecken, welche die Gesalbten des Herrn durch ihre Herolde ausposaunen lassen, um vorzuschreiben, wie man sie kavaliermäßig anzugreifen habe — absonderlich um deßwillen, daß auch sie von jeher so loyal zu Werke gegangen sind. 3 34 Also still einmal mit diesem Gefasel! Der gewöhnlichste Menschenverstand muß begreifen, daß Italien nur durch die französische Hülfe das Habsburgische Joch abschütteln kann; und wenn Deutschland nicht von östreichischen gekrönten und ungekrönten Emissären und Stockjobbers in die Tollheit hineingeritten wäre, so würde nicht nur seine gesunde Vernunft ihnen Beifall zurufen, sondern die vollkommenste Analogie des eignen Schicksals würde dem transalpinischen Einigungswcrk aus vollem mitfühlendem Herzen entgegen jauchzen. Wie! die ihr seit einem halben Jahrhundert unter dem Druck der Zerklüftung schmachtet und nach Einheit ringt, die ihr euch vergeblich nach Münze, Maaß und Gewicht abquält, ihr fallt wie wilde Thiere über den Italiener her, der für die gleiche Sache mit gleichem Rechte aufsteht! Ihr brüllt Arndt'sche Lieder wenn der Mailänder fragt, ob Wien oder Lemberg sein Vaterland sei? Ihr blinden Narren, ihr merkt nicht, daß man euch einigen gelehrten strategischen Po- und Mincio-Quark unter die Nase schmiert, damit ihr nicht den sauberen fürstlichen Braten riecht? Nicht am Po und nicht am Mincio ist das Bollwerk deutscher Größe, sondern in der endlichen Verwirklichung der zum Kinderspott gewordenen deutschen Einheit, und nicht in Mailand und Verona müsset ihr Herren sein, sondern bei Euch selbst daheim um ungehindert den nebcnbuhle- rischen Mächten entgegentreten zu können. Ja verhöhnt sie nur, nach Buol-Schauenstein'schen Rezepten die Ein- Heils- und Nationalbestrebungen der Italiener, damit euch nach demselben Maaße ausgemessen werde, und damit ihr die Gebote eures ureignen Heils mit Füßen treten lernet! Was hat man doch schnell dem bescheidenen herzoglich nassauischen Kammermitglied von der Regierungsbank herab geantwortet, als es sich, wie die Zeitungen jüngst berichtet, zu fragen erkühnte, ob nicht für die Entwicklung der Bundesetnheit bei Gelegenheit dieses erhabenen Aufschwungs und des in erlauchtem herzoglichem Gemüthe erwachenden Nationalgefühls, irgend Etwas geschehen möchte, dürfte, könnte? Unzeitige Frage das I Jetzt wo das Vaterland in Gefahr schwebt, jetzt ist keine Zeit zu inneren „Zwistigkciten", hernach aber, wenn wir die Franzosen geschlagen und die heilige apostolische Majestät wieder zu Ansehen und Würden gebracht haben werden, dann, ja dann, nun das versteht sich ja! — dann beginnt das große Bruderwerk, dann schlichten wir die inneren „Zwistigkeitcn" und ein verehrliches Kammermit- glied wird beim Marmorschleifen oder Wollzupfen im Zuchthause zu Dicz an der Lahn über die Rechtzeitigkeit deutscher Bundesreformen nachdenken können. Und in Anbetracht dieser sonnenklaren Wahrheiten sind getreue Stände mit Stimmeneinhelligkeit zur Tagesordnung übergegangen auf allen „Zwist" verzichtend. Solche getreue Gimpel wollen fremden Völkern ihre politische Weisheit vordiktiren, über die Art wie man sich auf klassische Manier frei macht, oder wollen uns weiß machen, sie haßten in Louis Napoleon den Despoten! Was sie in ihm hassen das ist den Popanz, welchen der gnädige Landesherr, um dem Kaiser und seinen Jesuiten beizuspriugen. SS ihnen zum Anbellen vorhält, und während die Narren für ihre Nationalität und Unteilbarkeit zu brüllen glauben, lachen sich Serenissimus und die heiligen Patres ins Fäustchen, denn ihr Acker wird wieder einmal vom Schweiß und Blut der dummen Teufel bestellt. Es gibt fürwahr Thorheiten, welche eher das Mitleid, als den Unwillen herausfordern. Solcher Art waren die Vertrauenstölpeleien von 1813 und 1848. Den Gelöbnissen des Befreiungskrieges und den Bewilligungen der Märzesnöthen zu glauben, war der Unerfahrenheit und Gutmütigkeit noch zu verzeihen; heute aber, wo man nicht einmal gelobt, noch bewilligt, sondern Alles leistet, indem man Gelder für Waffen und Monturen erhebt, — an sich schon ein allerhöchster Genuß — heute geht die Blödheit über jegliche Geduld hinaus. Das ist nicht mehr erlaubt, zu vermeinen, Habsburg und sein Jesuitenbruder der Bayer, diese zwei Ur- obskuranten, träten für deutsche Nationalität in die Schranke; und es muß jeder wissen, daß wo nassauische, hannoverische, kurhessische, badische Landesherren oder schwäbische Reichsunmittelbare zum Schwerdte greifen es nur um die Erhaltung feudaler Privilegien und souveräner Sonderinteressen sich handeln kann. Gegen den Welt» eroberer Napoleon I. für das zertretene Vaterland in Wuth zu entbrennen war natürlich und vor dem Gespenst des Sozialismus zurückzuschaudern war denkbar, aber sich von großen und kleinen Staatsstreichlern einen theoretischen Despotenhaß binnen vierundzwanzig Stunden auf dem Polizeiwege eintrichtern zu lassen, ist abgeschmackt; in einen stupiden Franzosenhaß sich hineinzutollen ist pöbelhaft; und mit Rohheit über Italien herzufallen ist kannibalisch. Ja seid nur recht unvernünftig rauflustig und lachet über die sentimentalen Verehrer fremder Rechte und fremder Würde. So seid ihr euren Junkern recht, so brauchen sie euch, so entwöhnen sie euch nicht nur selbst des Menschengefühls, in dem euer eignes Freiheits- und Sittlichkeitsbedürfniß wurzelt, so stempeln sie euch auch für den Haß und die Verachtung anderer Nationen, so schüren und verewigen sie die bittere Zwietracht der Völker, den finsteren Unrath, in dem ihre Wurzel haftet. Was kann dem Kaiser in Wien willkommener sein als wenn das „dlorto »i Isäesoki" nicht mehr dem östreichischen Soldaten, sondern jedem Deutschen mit Recht gilt, und als wenn der Sachse und Rheinländer die kroatischen Raubthaten mit seinem Blut kontrasignirt? Du blonde Burschenschaft, was schärfst du die Rapiere! Denke an die Frau von Maderspach und übe dich im Weiberpeitschen. Was singt ihr von Eichen? Auf die Haselstaude dichtet euch ein Lied und Haynau sei euer Körner! War doch eure erste Waffenthat Anno achtundvierzig, daß ihr die fremde Dirne Lola mißhandeltet, als der teutsche König sie eurem vaterländischen Zorn geopfert, und jagt ihr nicht jetzt mit gleicher Erhabenheit, die wälschen Spielpächter über die Grenze, welche das landesväterliche Säckel bereichert haben. Der ersten und besten Gelegenheit aber, welche das Glück euch unverhofft nach dem achtundvierziger Schiffbruch in den Schooß wirft, die Jnfusionsdespoten und 38 die ganze Erbschaft MetternichS loS zu werden, der spuckt ihr wahnsinnig ins Angesicht und zum ersten Mal, da seit dem großen Friedrich vielleicht — leider nur vielleicht — der deutschen Sache ein preußischer Arm zu Diensten stehen möchte, um den Plunder des westphälischen Friedens wegzufegen — jetzt rast ihr, ein süßer Lazzaroni- pöbel, hinter dem Wiener Bomba und seinen blutschwihen- den Heiligen her. Deutschland gute Nacht! II ) m Juli. Die voranstehenden Blätter sind veraltet, aber gerade weil veraltet sind sie erst recht zeitgemäß. Es war eine Gunst des Zufalls, daß sie um sechs Wochen verspätet zum Druck gelangt sind. Wenn es dem Leser ungereimt vorgekommen sein mag, eine Ansicht als vereinzelt, neu und verfolgt aufgeführt zu sehen, welche in diesem Augenblick ein unabsehbares Gebiet der öffentlichen Meinung weit und breit, frank und frei überströmt, so möge er inne werden, welchen Umschwung das Urtheil der deutschen Nation in so erstaunlich kurzer Zeit erlebt hat, und welche zahlreichen Lehren diese kurze Erfahrungszeit in ihrem Schooße birgt. Zwar ist die Erfahrung bei weitem nicht die zuverlässige Lehrmeistern, für welche sie das Sprichwort ausgibt; allein das kommt nur daher, daß überhaupt die Menschen so wenig lernen. Das Wenige »er- 40 danken sie immerhin ihr, und wenn je etwas von ihren Wirkungen zu hoffen gewesen, so ist es diesmal wo die belehrende Vergangenheit beinah noch lebendige Gegenwart ist. Ja, diese Gemeinplätze über Deutschlands Verhalten zu Oestreich waren vor wenigen Wochen noch eine unerhörte Ketzerei, welche kein loyaler Drucker ins Publikum zu bringen wagte, und wenn dies verehrliche Publikum vornehm belächeln möchte, daß der Verfasser mit seiner Warnung vor habsburgischer Verführung und Wittels- bachischer Burschenschäftelei eine offene Thüre einschlägt, so möge es bedenken, daß es nicht über ihn sondern über die Geschichte seiner eigenen Albernheit und Verirrung lächelt. Es möge aber auch ferner aus der Probe dieser kurzen Zeit sich zu Gemüthe führen, auf welcher Seite das richtige und patriotische Urtheil, auf welcher aber Unverstand und Schlechtigkeit zu suchen sind. Denn daß Ursache zur Schaam und zur Reue für die von Deutschland bewährte öffentliche Meinung vorliege, darf wohl Niemand bezweifeln, welcher in die Constellation der Gegenwart und in die Verirrungen der jüngsten Vergangenheil so wie sie sich in diesen Blättern abgespiegelt hat, einen Blick wirft. Freilich ist der große Schritt geschehen, freilich ist der Aberwitz der augsburgischen Kapuzinaden in die Spelunken zurückgescheucht, aus denen er hervorgekommen, freilich sind wir noch glücklich am Rande des Abgrunds erwacht — (und wie wenig hätte gefehlt, so wäre es zu spät gewesen;) — aber es wäre nur ein neuer verhängnißvoller Irrthum zu glauben, daß nichts versäumt und nichts zu spät gekommen sei. Vieles ist versäumt und für Manches — so fürchten wir — ist es zu spät. Lernen wir, eilen wir uns zu lernen, die Zeiten rasen schneller dahin als sonst; Selbsterkenntniß ist aller Weisheit Anfang. Wir Deutsche sind ein gründliches und bescheidenes Volk, aber gründlich sind wir vornehmlich in der Philologie und bescheiden gegenüber der hohen Obrigkeit. In unserem öffentlichen und politischen Gebühren sind wir die oberflächlichste und -«prahlerischste Nation der Welt. Zeugen die Thorheiten und das lächerliche Geschrei der letzten drei Monate. Glaube man es nur: Wir haben uns in den Augen Europa's und in unsrer internationalen Stellung durch dieses alberne Gebahren einen beträchtlichen Schaden zugefügt; wir haben uns herzlich blamirt und innern wie auswärtigen Widersachern gefährliche Waffen in die Hände geliefert; wir haben auch eine kostbare Zeit für unsere eigenen Angelegenheiten schmählich vergeudet. Wir haben dem Nachbar für den Fall, daß ihm nach dem Rhein gelüsten sollte durch unsere läppische Franzoscnfresserei auf lange hin einen triftigen Vorwand präparirt. Aber das will noch nicht viel heißen. Denn wer Händel suchen will, der findet immer einen Vorwand. Aber was viel gefährlicher ist: wir haben der Welt gezeigt, daß es mit unserem furchtbaren Kriegsgeschrei gar wenig auf sich hat. Wer im Auslande lebt kann die Ungunst des Eindrucks, welchen das Verhalten der Deutschen auf die übrigen Nationen gemacht hat, bei weitem am besten beurtheilen. 42 Vor Ausbruch des Krieges flößte die künftige Haltung Deutschlands den Franzosen zunächst und mittelbar den übrigen Staaten die lebhaftesten Bedenken ein. Was wird Deutschland, was wird Preußen thun? war die ewige Frage auf allen Lippen. Und nicht blos in dem Bereich der unklaren, leicht beweglichen öffentlichen Meinung. Es könnten thatsächliche Beweise geliefert werden, daß dieser Punkt dem leitenden Gedanken der französischen Politik als der wichtigste und gefährlichste erschien, und daß er ein unendliches Gewicht darauf legte, die Stimmung des deutschen Volkes zu beruhigen. Die zahlreichen Noten des Moniteur sind nur ein geringer Theil der Anstrengungen, welche nach dieser Richtung versucht worden sind. Daß diese Schreckbilder jetzt in Nebel zerronnen, daß die Guts- und Blutsschrcier nicht auf den lombardischen Schlachtfeldern liegen, das ist zunächst für uns ein großes Glück, aber darum nicht minder eine Demüthigung und eine Gefahr. Allerdings können wir sagen: Freunde! unsere Wuth ist nicht im Abnehmen, aber unser Verstand ist im Wachsen. Aber können wir verlangen, daß man uns aufs Wort glaube, die Niederlagen von Montebello bis Sän Solfcrino seien so ganz unschuldig an unserer schnellen Erleuchtung? und aufrichtig unter uns gesprochen (denn es liest ja kein Fremder deutsche Broschüren) sollte nicht Etwas gegründet sein an diesem Verdacht und hat das Ungeschick, wir dürfen wohl auch sagen die Ungeschicklichkeit der östreichischen Waffen, uns nicht zum allermindesten die Dcnkope- ration erleichtert? So viel steht fest: der Respekt vor III Der Waffenstillstand von Villafranka. 7. Juli 1859 Es soll hier nicht im Geringsten versucht werden, den nächstbevorstchcnden Gang der Ereignisse voraus zu sagen; um so mehr, als diese nächste Zukunft auch wiederum zur Vergangenheit geworden sein wird, bis diese Blätter zu den Augen des Publikums dringen. Führen diese Unterhandlungen nicht zu einer friedlichen Lösung, so rückt die Kriegsgefahr für Deutschland unendlich viel dichter heran, als dies bis jetzt der Fall gewesen, und wir können uns nicht von dem Vorwurf frei sprechen, zum Theil wenigstens die Gefahr provozirt zu haben. Anfänglich das süddeutsche Geschrei und später — gerade zu unrechter Zeit — die preußische Mobilisation haben uns in eine Stellung hineingeschobcn, von der wir nicht ganz frei sind, wieder umzukehren. Kommt es zum Schlagen, so möge unsere größte Sorge bleiben, über den äußeren Feind den inneren nicht zu vergessen: uns vor 56 Habsburgs Verrath zu schützen und von der Kleinstaaterei zu befreien. Wird aber Europa jetzt wiederum pazifizirt, so möchten wir alle Kräfte zusammennehmen, um die neuesten Erfahrungen zu unserem Heile zu nützen. Kostbare Erfahrungen! Herrliche Aufgabe! Wenn ein Lebensfunke in Deutschland ist, muß es die nächsten Friedensjahre zu einer bedeutenden Umgestaltung verwenden. Daß solcher Jahre nur wenige sein werden liegt auf der Hand. Es würde zu weit führen, das Gebiet der Wahrscheinlichkeiten in Betracht zu ziehen. Aber ein Kind möchte gewahren, daß aus dem Waffenstillstand von Villafranka nur ein provisorischer Friedenszustand hervorgehen kann. Jede Minute desselben wird für Deutschland ein kostbares Kapital sein. Fassen wir daher noch einmal ganz schnell zusammen, was uns die Betrachtungen dieser drei Monate zu Gemüthe geführt haben. Unser wie aller Welt schlimmster Feind ist Habsburg. Es ist das All in All der Knechtung, der Finsterniß und des Untergangs. Lassen wir dahingestellt, ob das Wort „aufgeklärter Despotismus" nicht überhaupt ein Unbegriff sei. Jedenfalls kann es nur für junge, in den ersten Flcgeljahrcn stehende Völker zur Sprache kommen. In alten Staaten ist Despotismus immer gleichbedeutend mit Vcrrottung. Da unsre Zeit nun doch einmal so willig aufhorcht, wenn von materiellem Wohl die Rede ist, so möge sie aus Oestreichs Beispiel lernen, wie kläglich alle absolutistischen Anstreng-- ungen für volkswirthschaftliche Interessen beschaffen seien. Es gibt keinen Wohlstand ohne Freiheit. 87 Die Feudalstaaten mit ihrer unvermeidlichen Konsequenz aristokratischer Armeen sind ihrer Sicherheit nach Außen nicht mehr gewiß, seitdem es in Europa einen Staat gibt, der sich allein gründlich von den Ueberlieferungen deS Mittelalters gereinigt hat. Die Umgestaltung der neunziger Jahre ist allein in Frankreich eine volle Wahrheit geworden. Natürlich auch! Frankreich allein hat sie mit eigenem Schweiß und Blut von innen heraus an sich vollzogen. Durch bloße Uebertragung der Impfe, so wohlfeil wird man den bösen Stoff nicht los. Welche Regierungsform Frankreich immer erleide, es kann noch bürcaukratisch terrorifirt aber es kann nicht mehr entdemokratistrt werden. Daher die unwiderstehliche Kraft seiner Armee. Kein Wohlstand ohne Freiheit, kein Widerstand ohne Gleichheit. Gegen die Kleinstaaterei aufzutreten wäre Zeitverlust. Niemals hat sie so deutlich bewiesen wie lebensgefährlich sie für Deutschlands Sicherheit ist. Der böse Wille des kleinsten Bundesmitglieds genügt, um Deutschland zu compromittiren, die vereinten Anstrengungen Aller genügen nicht um es zu schützen. Die allerersten Schritte der Kriegsbereitschaft nöthigten sofort, das Bundesreglement bei Seite zu schieben und eine preußische Diktatur einzuführen. Aber wie vieles ist bereits versäumt, und wie viele Konvulsionen sind nöthig, bis es dahin kommt. Also warum nicht einen Zustand ein für allemal sanktioniren, welcher unentbehrlich wird, sobald es zum Ernst kommt? Nicht minder als die Sicherheit leidet der Wohlstand SS unter der Kleinstaaterei. Wer die Anfangsgründc der Bolkswirthschaft kennt, der weiß daß Größe und Einheit der administrativen Maßstäbe die ersten Bedingungen vernünftiger Zustände sind. Die Vertheilung der Herrschaft und der Interessen steht im graben Widerspruch zu allem materiellen Fortschritt. Was Deutschland in den letzten dreißig Jahren an Reichthum gewonnen, hat es der Vielstaaterei mit Mühe abgerungen. Ein Beweis davon ist vor Allem der Zollverein. Die finanziellen Krisen dagegen sind zum größten Theil aus dem Unwesen der Kleinstaaterei hervorgegangen. Eine Handelsstadt wie Hamburg wäre nicht zu ganz Deutschlands Mißkredit hülflos bankrott geworden, wenn sie ein großes Reich hinter sich gehabt hätte. Sie hätte zu rechter Zeit aus der Quelle des Gesammtstaates die Hülfe geschöpft, welche ihr verspäteter Weise Oestreichs Eifersucht vom andern Ende Europa's zuführen mußte. Die Pest der lilipu- tanischen Creditanstalten hätte nicht Deutschland in einen Abgrund von Spiel und Schwindel stürzen können, wenn nicht die Herren von Gera, von Köthen, von Meinigen und von sonstigen Krähwinkels die souveraine Gewalt besäßen Banken mit einem Scheinkapital zu errichten, dessen Betrag in Thalern mehr als die Fläche ihrer Quadratmeilen bedeckt hätte. Nur der einzige Großstaat Preußen blieb von dieser Seuche verschont. Doch wer möchte alle die materiellen Uebel aufzählen, welche in der Kleinstaaterei wurzeln! Kein Wohlstand und kein Widerstand ohne Einheit. 59 Deutschland hat zehn Jahre gehabt, um von der Entkräftung und von der Entmuthigung auszuruhen, welche die achtundvierziger Jahre zurückgelassen. Das ist aber auch gerade genug. Eine Stunde feierlicher Sammlung hat mit dem Ende dieses Dezeniums geschlagen. Möge sie die erste Stunde einer neuen Zeit sein! Deutschland kehre zum politischen Leben zurück, es erwache zur Sorge um seine eigenen Angelegenheiten. Falsche Freunde, Quacksalber des Realismus, ob sie aus Sän Franzisco oder aus München kommen, haben gelehrt, der moderne Weg des Heils sei, daß Jeder nur vor seiner eigenen Thüre kehre und dem Schicksal, d. h, der Regierung von Gottes Gnaden das gemeine Wohl überlasse. Nichts ist weniger modern, denn nichts ist weniger zweckmäßig. Nur was du selbst tbust ist wohlgethan, und das große Selbst des Volkes setzt sich aus allen Einzelnen zusammen. Nichts ist weniger zum Zweck des öffentlichen Wohls geschaffen als die deutsche Vielstaaterei, nichts weniger als der Absolutismus. Oestreich ist das Ideal jenes Schlaraffenlandes, wo Einer für Alle sorgt, ein herrliches Exempel. Die Weltgeschichte geht langsam, zwei Schritte vorwärts und einen zurück. Die neueste Episode hat Deutschland mächtig zu Preußen hingctrieben, und bei der ersten Begegnung wurden beide Theile von Neuem inne, daß noch manch' Trennendes zwischen ihnen liege. Aber sie wurden nichts desto weniger inne, wie unvermeidlich das Gebot ihrer wechselseitigen Verschmelzung sei. Jeder neue Versuch dieser Art läßt eine schmerzliche Empfindung 60 zurück aber auch einen positiven Gewinn. Ein Theil des Wegs bleibt von beiden Seiten gewonnen. Der Mittelpunkt in dem sie sich begegnen und endlich umfangen werden ist am Baume des Lebens, d. h. der Freiheit. Nur die Freiheit löset alle Widersprüche. Der Weg zur Freiheit aber geht nur durchs Denken. Deutschland ist zum politischen Bewußtsein wiedererwacht. Möchte es daran festhalten! Möchte die Stille der letzten zehn Jahre nicht mehr aufkommen. Jeder in seiner Weise! Gemäßigte mögen dieses Schriftchen zu heftig finden. Es sei ihnen nicht verübelt. Wirken sie auf ihre Art und jeder auf seine Manier. Wir sorgen, daß die Wahrheiten nicht vergessen werden. Sorgen sie immerhin, daß dieselben mit der Wirklichkeit ins Einvernehmen kommen. Nur keine Gleichgültigkeit, nur kein maulfauler Verzicht. Politisches Leben, sonst — Deutschland gute Nacht!