Sonntags ⸗ Beiblatt der Augsburger Poſtzeitung. Erſte Jahreshälfte. № 1. 5. Januar 1845. Schweiz. Der hochwürdigſte Biſchof von Lauſanne und Genf, Peter Tobias Yenni, hat unterm 25. Nov. 1844 folgenden Hirtenbrief an die Geiſtlichkeit und die Gläubigen ſeiner Diöceſe elaſſen:„Beim Herannahen des Feſtes der unbefleckten Empfängniß der allerſeligſten Jungfrau Maria fühlen Wir Uns gedrungen, einige Worte der Erbauung an euch zu richten, um die Andacht zur Mutter des Erlöſers in euch zu beleben. In dieſer Abſicht legen wir euch einige Betrachtungen vor über einen der vorzüglichſten Gründe ihrer Verherrlichung — über den ihr unter allen Adamskindern allein zukommenden Vorzug, von der Erbſünde bewahrt und vom Augenblick ihrer Empfängniß an ohne alle Makel vor Gött geblieben zu ſeyn. Wir wiſſen und machen euch kein Geheimniß daraus, daß die Kirche die Lehre der unbefleckten Empfängniß Mariä nicht unter die Glaubensartikel aufgenommen hat; aber die hl. Väter und Kirchenlehrer ſprechen ſich faſt einſtimmig dafür aus; von einem Ende der Welt zum andern bekennen ſich die frommen Gläubigen zu dieſer Lehre; der Himmel ſcheint dieſen frommen Glauben ermuntern zu wollen durch die ganz beſondern Gaben, womit er denſelben belohnt, und durch die zahlreichen Wunder der Barmherzigkeit, die er zu Gunſten deren wirket, die Maria unter dem glorreichen Titel einer von der Zeit ihrer Empfängniß an unbefleckten Jungfrau anrufen. „Wäre Maria gleich den übrigen Adamskindern dem gleichen Geſeꜩ unterworfen und mit der Erbſünde behaftet geweſen, bevor ſie der Schlange den Kopf zertreten, ſo würde ſie auch wie jeder begreift, den tödlichen Biß der Schlange empfunden haben; bevor ſie Gottes Mutter geworden, Gottes Feindin, und bevor ſie der Tempel der Heiligkeit ſelbſt geworden, ein Tempel der Bosheit geweſen ſeyn. Aber ſolches anzunehmen weiſet der gläubige und fromme Sinn mit Abſcheu zurück. Wie, ſagte der heilige Auguſtin, hätte der Erlöſer der Menſchen, welcher das jungfräuliche Fleiſch ſeiner Mutter wegen ſeiner Würde nicht in Staub wollte zerfallen laſſen, zugeben können, daß ihre Seele auch nur einen Augenblick durch die Sünde befleckt würde? Dieſe Bemerkung machte vor 14 Jahrhunderten einen ſolchen Eindruck auf den großen Biſchof von Hippo, daß er immer, wenn er von der Sünde ſprach, Maria davon ausgenommen wiſſen wollte, aus Ehrfurcht vor Gott, den ſie zum Sohne zu haben gewürdiget worden. In gleicher Geſinnung ſchrieb Papſt Sixtus IV. in ſeiner Conſtitution von 1436 die Meſſe und das Officium zu Ehren der unbefleckten Empfängniß mit einer Oration vor, worin dieſe Empfängniß ausdrücklich die„unbefleckte“ genannt iſt. Von den gleichen Grundſätzen geleitet, drückte Papſt Alexander VII. in ſeiner Bulle: Solicitudo omnium écclesiarum, vom Jahr 1661 ſich alſo aus: „Um nach dem Beiſpiele der uns vorangegangenen römiſchen Päpſte jene Andacht und Frömmigkeit zu begünſtigen und zu pflegen, welche zur Verehrung der ſeligſten Jungfrau, als einer von der Erbſünde frei gebliebenen, antreibt, erneuern wir die Conſtitutionen und Beſchlüſſe unſerer Vorgänger, der Päpſte, zu Gunſten der Meinung, die Seele der ſeligſten Jungfrau Maria ſey von der Erbſünde befreit geblieben; eben ſo auch zu Gunſten der Feier und des Cultus der Empfängniß derſelben jungfräulichen Gottesmutter, wie ſie dieſer frommen Meinung gemäß eingeſührt worden.“ So ſehr beſorgten die Väter des hl. Concils von Trient die der beſondern Würde der Gottesmutter ſchuldige Ehrfurcht zu verletzen, daß ſie, aus Hochachtung vor der Heiligkeit Mariä, erklärten, es ſey nicht ihre Meinung, die ſeligſte und unbefleckte Jungfrau unter ihrem Beſchluß über die Erbſünde zu begreifen. „Die Kirche, unſere Mutter und Leiterin in der Heilsordnung, hat dieß wohl begriffen. Deshalb ſpricht ſie in ihrem Eifer für die Verehrung ihrer himmliſchen Beſchützerin immer von deren fleckenloſen Reinheit; ſie ladet alle ihre Kinder ein, an das unbefleckte Herz Mariä ſich zu wenden und daſſelbe als ihre Zuflucht zu betrachten; ſie weiſet dieſes Herz den größten Sündern als ein Heiligthum, wo Gottes unendliche Barmherzigkeit ſie erwartet; und den Namen unſerer liebevollen Mutter Maria, den alle Geſchlechter preiſen, dieſen Namen will die Kirche ſo zu ſagen nicht anders ausgeſprochen wiſſen, als daß man ſich dabei erinnere, daß der Hauch der hölliſchen Schlange ihren Glanz nie habe beflecken können. Es war ein glücklicher Gedanke, die Bewahrung Mariä von der Erbſünde feierlich in der Liturgie gerade dann verkünden zu laſſen, da das Blut des unbefleckten Lammes, die Quelle aller Erlöſung, auf unſern Altären vergoſſen würde. Endlich ermuthiget ſie die Biſchöfe, ſich an den hl. Stuhl zu wenden, um ohne Beirrung und Beſchränkung das ſo ſchöne und ſo troſtvolle Feſt der unbefleckten Empfängniß Mariä feiern zu dürfen. Bei ſolchem Verhalten des hl. Stuhles, welcher für alle Gläubigen der Herd des wahren Lichtes und die Säule der Wahrheit iſt, dürfen wir uns nicht wundern, daß alle wahren Verehrer Mariä einen edeln und heiligen Wetteifer zeigen, Maria im Privilegium ihrer unbefleckten Empfängniß zu verherrlichen; wir dürfen uns nicht wundern, das ſie mit Freudigkeit die kindliche und rührende Bitte ausſprechen, die ſie auf der„Wundermedaille“ geſchrieben finden:„Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die zu dir ſich wenden!“ Verwundern wir uns nicht, daß ſie allerwärts zu Tauſenden*) ſich in die Bruderſchaften aufnehmen laſſen, welche zu Ehren des reinen und unbefleckten Herzens Mariä zur Bekehrung der Sünder errichiet worden, weil dieſes Herz der Sammelpunct aller Chriſten, die Zuflucht und Hoffnung aller Sünder geworden iſt. Verwundern wir uns nicht, daß ein frommer Cardinal**), das Licht und Vorbild des hl. Collegiums, zu Rom am 25. Dec. 1842 eine merkwürdige Abhandlung über die unbefleckte Empfängniß Mariä veröffentlichet hat, die mit folgenden ergreifenden Worten ſchließt: „Wir haben nicht nöthig zu ſagen, was unſeres Herzens ſehnlichſter Wunſch iſt. Sollte der apoſtoliſche Stuhl in der kurzen Zeit, die uns noch zu leben vergönnt ſeyn mag, von dem Lichte des heil. Geiſtes geleitet, für zweckmäßig erachten, über die wichtige Frage der unbefleckten Empfängniß Mariä ein entſcheidendes Urtheil auszuſprechen, ſo würden wir um ſo freudiger unſere Augen im Frieden ſchließen. Wir ſind auch feſt überzeugt, auf eine ſolche Entſcheidung würden unfehlbar vielfache Gnadenerweiſungen und große Barmherzigkeit erfolgen; durch die Fürbitte Mariä würde reicher Segen über Rom und über die ganze Kirche ſich ergießen, welche Maria als ihre Fürſprecherin und beſondere Beſchüꜩerin betrachtet.“ Und in der That, gel. Brüder, da Gott der ſeligſten Jung ꜩ frau unſer Schickſal anvertraut und ſie zum Canal und zur Spen ꜩ derin ſeiner Gnaden auserwählt zu haben ſcheint, ſo iſt nun das ſicherſte Mittel, ſte uns geneigt zu machen, wenn wir ſie unter dem Namen ihrer unbefleckten Empfängniß bitten und anrufen. Dann ſind wir ſicher, bei ihr Eingang zu finden, daß ſie unſern Bitten und Seufzern geneigtes Gehör ſchenkt. Was iſt dieſer „Königin der Jungfrauen“ angenehmer, als daß wir ihre fleckenloſe Reinheit preiſen, ſie frei von aller Makel nennen! Iſt dieſe gänzliche und vollkommene Heiligkeit, in Verbindung mit ihrer höhern Eigenſchaft einer Mutter Gottes, nicht der ſchönſte Grund ihrer Verherrlichung? Tief gerührt bei der Wahrnehmung dieſes auch bei Unſern vielgeliebten Diöceſanen ſich auf ſo tröſtliche Weiſe kundgebenden Eifers im Glauben und in der Andacht, die unbefleckte Empfängniß Mariä anzuerkennen, betrachteten wir es als eine Pflicht Unſeres Hirtenamtes, nach dem Beiſpiel einer großen Zahl anderer Biſchöfe an den Stellvertreter Jeſu Chriſti zu gelangen und für Unſere Diöceſe die troſtreiche Erlaubniß nachzuſuchen, der unbefleckten Empfängniß der glorreichen Jungfrau Maria ohne Beſchränkung unſere feierliche und öffentliche Verehrung darbringen zu dürfen. Mit einer heiligen Freudigkeit werdet ihr gewiß vernehmen, daß unſer Geſuch beim heiligen Stuhle günſtige Aufnahme *) Nach dem vierten Heft der Annalen der Erzbruderſchaft beläuft ſich die Zahl der Bruderſchaftsmitglieder im Verzeichniß von Notre- Dameée-des-Victoires im Jänner laufenden Jahres auf 461,017, während ſie im Jänner 1836 nicht mehr als 37 zählte. Man kann sich von der ſtaunenswerthen Ausbreitung dieſer frommen Bruderſchaft einen Begriff machen, wenn man bedenkt, wie viele ſich in die 3878 andern Bruderſchaften haben aufnehmen laſſen, die mit der Erzbruderſchaft in Paris in Verbindung ſind. **) Cardinal Staatsſecretär Lambruschini. gefunden. Ihr könnet ſomit künftig der Reihe von Lobſprüchen, womit die Kirche in ihren Litaneien die Gottesmutter preiſet, auch jenen beifügen, daß ſie ohne Erbſünde empfangen worden. Unſere ehrwürdige Geiſtlichkeit wird jetzt dem Drang ihrer liebevollen Andacht zu Maria folgend in der Präfation der Meſſe von der Empfängniß noch den Beiſatz anfügen, daß Maria ohne Sünde ſey empfangen worden. Nur in des Glaubens Gedanken und Geſinnung läßt ſich die vom hl. Stuhle bewilligte Vergünſtigung geziemend würdigen, und es gereicht Uns zur Freude, daß die ungeheure Mehrzahl der Unſerer Hirtenſorge anvertrauten Gläubigen dieſe gläubigen Gedanken und Geſinnungen theilen. Ihr werdet daher, gel. Brüder, euch mit Uns vereinigen, vor allem um dem Herrn für dieſe neue Wohlthat zu danken; dann aber auch ſie zu euerer Befeſtigung in der unverbrüchlichen Treue gegen das Geſetz Gottes und die Gebote ſeiner Kirche, zu euerer Förderung in der Liebe und Ausübung aller chriſtlichen Tugenden, mit einem Worte, zum Gelingen des Einen Nothwendigen, d. i. zu euerer Heiligung benützen. Bemitleiden wir, gel. Brüder, jene, welche nicht wiſſen, was die Andacht zu Maria Süßes und Tröſtliches in ſich hat. Der heilige Name Mariä, der ein Balſam für die wunden Herzen iſt, geht nie über ihre Lippen; die Gnaden, deren geheimnißvoller Canal ſie iſt, gelangen nicht zu ihnen; ſie entbehren der Tröſtungen und Wohlthaten, die Maria ihren treuen Dienern erwirbt. Ja, bemitleiden wir dieſe und beten wir für ſie. Für euch, geliebteſte Brüder, ſey Maria nach Chriſtus das vollkommenſte Vorbild der Tugenden, die ihr zu üben habt; betrachtet ſie als euere Mutter, als die Meiſterin in euern Wohnungen, als die Zuflucht in den Prüfungen, welche die göttliche Vorſehung euch ſenden mag. Für uns alle ſey ſie die theilnehmende Vertraute unſerer Leiden und Freuden; unſer ganzes Leben mit allen ſeinen Kämpfen und Widerwärtigkeiten ſey ihr gewidmet und geheiliget, daß es unter ihrem mütterlichen Schutze ablaufe. Möge unſer letzter Athemzug unter der kindlichfrommen Anrufung der heiligen Namen Jeſus und Maria ſich aushauchen. (Folgt nun die Verordnung ſelbſt über den Gebrauch der Bitte: „Regina, sine labe originali concepta, ora pro nobis.“ Sie wird am Schluß der Litanei unmittelbar vor dem Agnus Dei eingeſchaltet.) Das Leben der großen Heiligen Englands, von Doctor Newman. (Paßauer katholiſche Kirchenzeitung.) Seit zwei Jahren lebt Profeſſor Newman, deſſen Namen in Deutſchland mit ſo hoher Achtung genannt wird, einſam in einem von Oxford nur wenig entfernten Hauſe, wo er ſich nach Art der Cenobiten des heiligen Benedict dem aſcetiſchen Leben weiht. Wie ſo viele erleuchtete Männer, denkt auch er, daß die Wahrheit ihren Sieg nicht durch Unterjochung des Verſtandes allein, ſondern eben ſo ſehr und oft noch mehr durch Reinigung der Herzen feiere. Ueberzeugt, daß die Tugend⸗Beiſpiele jener Glaubenshelden, welche die römiſche Kirche unter die Heiligen aufgenommen hat, nicht ohne Eindruck bleiben können, ſammelte er in ſeiner Abgeſchiedenheit viele Urkunden und ſtudirte die Quellenwerke, um eine Geſchichte der Heiligen, die jene Inſel verherrlicht haben, zu ſchreiben. Er verknüpfte mit dem Werke einige Betrachtungen über die kirchlichen Zuſtände Englands in der Gegenwart; ſie überraſchen und ergreifen nicht weniger als die heiligen Biographien ſelbſt . Wir geſtehen gerne, daß wenigſtens folgende Stelle uns zu ernſtem Nachdenken anregte „In unſerer Kirche iſt ein Theil des Gottesdienſtes in Vergeſſenheit gerathen und was wir davon noch gerettet haben, ſcheint der nächſten Zutunft als Opfer zu fallen. Das göttliche Strafgericht iſt über uns hereingebrochen. Sehet! die großen Lichter des Himnels ſind verlöſcht, die Geſtirne des Firmaments haben aufgehört, unſeren Augen zu leuchten. Die Sonne wird ſich verdunkeln in ihrem Lauf, der Mond wird ſeinen Schein nicht mehr geben; denn es ſpricht der Herr: „Ich werde der Sonne befehlen, ſich am Mittage zu verbergen und Finſterniſſe werden eure Erde bedecken. Ich werde eure Feſte in Tage der Trauer verwandeln und eure Freuden⸗Geſänge in Weheklagen.“ Dieß iſt die furchtbare Drohung, welche ſich unter uns erfüllt. Die Kirche Gottes ſteht in Gefahr, ihr Licht zu verlieren. Wo unter uns iſt die Einigkeit, welche Jeſus Chriſtus von ſeinem himmliſchen Vater für die Gläubigen erbat? Wo iſt die Liebe deren Gebot er uns hinterlaſſen hat? Was iſt aus dem Glauben an die von ihm geoffenbarten Wahrheiten geworden, da heut zu Tage Jeder ſeinen eigenen Eingebungen folgt? Wo findet ſich bei uns die ſichtbare Kirche, welche das Licht der Welt iſt? Wo der majeſtätiſche Cult, welcher die Seelen mit heiliger Furcht und Zittern erfüllte? „Was wird das Ende dieſer Dinge werden? Blind, wie wir ſind, tappen wir den Wänden herum, welche uns einſchließen und von der Wahrheit ſcheiden. Wir taumeln , wie mitten ſind einem verlaſſenem Cadaver in der Wüſte gleich! Wie die Juden in den Tagen, wo ihre endliche Verwerfung ſich erfüllte, von Parteiungen zerriſſen wurden, ſo haben auch wir Engländer, gleichſam als wären wir ebenfalls vom Gräuel der Verwüſtung berührt, nicht mehr ein Evangelium. Wir zählen wohl hundert, die ihre Anhänger und Vertheidiger haben, ſo daß der Zwietracht allein unſere Religion und das Bekenntnißunſeresres Glaubens liegt. Wir kämpfen gegen einander und rufen uns Ketzer⸗Namen zu: die Unordnung heißen wir unſer Leben. Der Friede iſt uns ſo unbekannt, wie die Liebe.“ „In welcher gefährlichen Verſuchung ſchweben Jene, welche das Wort Gottes noch leſen, hören und begreifen wollen? Wer kann Gottes Gebote und die ihnen verheißene Vergeltung noch verſtehen? Wer kann ſich ohne ängſtliche Verwirrung in dieſen Gedanken vertiefen? Darf man ſich noch verwundern und zürnen, wenn Einige, welche die wahrhaften Merkmale der Gegenwart Jefu Chriſti in ſeiner Kirche über Alles ſchätzen und die unabläßig mit Erforſchung der Wahrheit ſich beſchäftigen, tief betrübt über die Verdunkelung des Lichtes und in der Hoffnung, es an fremder Stelle zu finden, uns verlaſſen und in eine andere Kirche eintreten? Für meinen Theil, ich finde in ihrem Entſchluſſe keine ſonderliche Schuld.“ „Anſtatt über unſere bedauernswürdigen Spaltungen nachzudenken und die volle Aufmerkſamkeit ihnen zuzuwenden, ſchütten wir alle Bitterkeit gegen Jene aus, welche ſich von uns trennen. Anſtatt ein aufrichtiges Geſtändniß unſerer Uneinigkeit, welche mit dem chriſtlichen Geiſte in ſchneidendem Widerſpruch ſteht, abzulegen, ſenden wir verletzende Worte ihnen nach, die uns flehen. Anſtatt die Entheiligungen zu beweinen, wodurch wir ſie geärgert haben, erheben wir uns gegen ihren Schritt, den wir als Treuloſigkeit bezeichnen. Anſtatt der Lügen, Verleumdungen, falſchen Zeugniſſe, der Schadenfreude, des Geizes und der Begierlichkeit, welche unter uns herrſchen zu gedenken, und anſtatt zu bekennen daß die göttlichen Gebote unter uns völlig gemißachtet ſind, ſprechen wir den Abgegangenen jede Spur eines frommen Wandels ab. Anſtatt dem Kreuze zu machen und zu erkennen, daß unſere Brüder uns nur verlaſſen, weil wir Gott verlaſſen haben und ſeiner nicht mehr würdig ſind, — ſtatt dieſer beſchämenden Betrachtungen und unſerer Rückkehr zu Gott, maßen wir uns an , ihre Ungeduld als Verbrechen ihnen anzurechnen und über thörichte Verblendung derſelben zu klagen. Wir träumen von Verräthern und Feinden, durch die wir umgeben ſeyen, während der Verräther in uns iſt und der Feind in unſern Herzen wohnt. Unſere Blicke ſchweifen ſpähend umher, was um uns vorgeht; aber uns ſelbſt verbergen wir vor unſeren Augen. Wir wundern uns, daß wir die Urſache unſeres Unglücks nicht entdecken, indem wir ſie nicht in der Verkehrtheit unſeres Willens finden wollen, welche uns an der Erkenntniß des Uebels hindert. Wir wiegen uns in eine betrügliche Ruhe, wenn wir auf einen ſchuldigen Mitchriſten ſtoßen, ähnlich dem falſchen Propheten, der ſein Laſtthier ſchlug , weiler Den nicht ſah, welcher vor den Augen deſſelben ſtand, den Engel des Herrn, deſſen Hände mit dem Racheſchwert bewaffnet waren.“ Wenn ein Mann, welchrr der katholiſchen Wahrheit ſo nahe ſteht, noch länger zögert, den längſt erwarteten Schritt zu thun und die ſchwachen Feſſeln zu zerbrechen, durch diee mit dem Anglicanismus zuſammenhängt, ſo möchte man ſeine Verblendung mit der Bileams zu vergleichen, ſich verſucht fühlen. Wie lange wird Newman noch gegen den Stachel ausſchlagen? Die katholiſche Miſſion in Imerethien (Georgien*). Das Kloſter der Capuciner in Kutais(Imerethien) liegt in höchſt reizender Lage, vom üppigſten Baumgrün umſchattet, am Phaſis. Die wilden Fluthen des berühmten Stromes rauſchten, ſchäumten und tobten dicht unter unſern Fenſtern, und das war uns eine gar liebe und heimliche Tafelmuſik, die neben herzlicher Unterhaltung mit den guten Vätern den imeretiniſchen Feuerwein ganz eigenthümlich würzte. Es befinden ſich im Capucinerkloſter von Kutais gewöhnlich nur zwei Geiſtliche, zufällig war aber damals noch ein dritter, der Pater Benedetto, anweſend, der, nachdem er in Tiflis verſchiedene Widerwärtigkeiten erlebt, ſich nach Kutais zurückgezogen hatte, nun zur Heimreiſe nach ſeinem Vaterland Sicilien ſich anſchickte, und die willkommene Gelegenheit ergriff die Reiſe bis Konſtantinopel mit uns zu machen. Der erſte Klo— ſtergeiſtliche war ein Italierener, der zweite ein Imerethiner aus Kutais, Zögling der Propaganda. So ſehr letzterer auch ſeinen italieniſcen Collegen an wiſſenſchaftlicher Bildung die er in Rom ſich geholt, überragte, ſtand der Italiener doch wegen ſeiner heitern Gutmüthigkeit, die er mit den meiſten italieniſchen Capucinern gemein hatt, bei den Katholiken der Stadt und der Gegend in weit höherer Achtung und Liebe als der eingeborne Prieſter. Ich war oft Zeuge der kindlichen Verehrung, welche die armeniſchen Knaben für ihn hegten, die der Capuciner in der Schule, wenn ſie fleißig waren, mit Kupfermünzen beſchenkte. Don Antonio war dafür geiſtreicher und durch ein impoſantes Aeußere begünſtigt, er hatte die ſchöne Phyſiognomie der Landeskinder, die feingeformte Adlernaſe und einen prächtigen rabenſchwarzen Bart. Mit Stolz zeigte mir dieſer unterrichtete Propagandiſt ſeine ziemliche Bibliothek, die meiſt aus italieniſchen und armeniſchen Büchern beſtand, ſonſt beſaß er auch einige franzöſiſche Werke, z. B. Boſſuet, Maſſillon ꝛc. Leider macht man es in neuerer Zeit dieſen Mönchen *) Von dem Verfaſſer der„Briefe eines deutſchen Reifenden vom ſchwarzen Meere“ in der Allgemeinen Zeitung. faſt unmöglich Bücher aus Italien zu beziehen. Ein ſchönes Büchergeſchenk war aus Rom für das Kloſter eingetroffen, nur theologiſche, durchaus unverfängliche Werke enthaltend. Die ruſſiſchen Zollbeamten weigerten ſich unter allerlei Vorwänden die Bücher paſſiren zu laſſen, ließen jedoch den Vätern heimlich ſagen, auch ohne Cenſur ſeyen die Bücher zu ihrer Dispoſition, wenn für jeden Band ein Silberrubel bezahlt werde. Da die Kloſtermittel zu dergleichen Beſtechung nicht hinreichten, ſo blieben die Bücher in den Händen der ruſſiſchen Douaniers. Es leben in Kutais und der nächſten Umgebung 800 Katholiken, größtentheils Armenier, die nur das Imerethiniſche ſprechen, doch gibt es auch ächte Imerethiner unter dieſer katholiſchen Bevölkerung. Ihre Bekehrung zum Katholicismus erfolgte in derſelben Zeit, wo der große Uebertritt vieler armeniſchen, griechiſchen und neſtorianiſchen Chriſten im türkiſchen Aſien und Perſien ſtatt hatte. Gegenwärtig iſt es den katholiſchen Miſſionären in Transkaukaſien aufs ſtrengſte verboten Proſelyten zu machen. Einer der Capuciner erzählte mir daß es ihnen, bei vollkommener Freiheit der Lehre, nicht ſchwer ſeyn würde viele von den heidniſchen und mohamedaniſchen Stämmen des Kaukaſus zu bekehren; Suaneten und Abchaſen, von welchen die meiſten noch wahre Heiden, hatten ſich in großer Zahl gemeldet, um im Kloſter von Kutais die Taufe zu empfangen, mußten aber abgewieſen werden, denn Deportation nach Sibirien bedroht den Miſſionär, der es wagt einen Götzendiener in eigen katholiſchen Chriſten umzuwandeln. Wenn das Verbot des Uebertritts zum Katholicismus oder zur evangeliſchen Kirche auf die Bekenner des griechiſch⸗ruſſiſchen Glaubens oder überhaupt auf die Bekenner aller chriſtlichen Confeſſionen ohne Unterſchied beſchränkt wäre, ſo hätte daſſelbe noch einen Sinn, es ließen ſich dafür allenfalls noch Beſchönigungsgründe finden; aber ſelbſt den Juden, Mohamedanern und Heiden zu verbieten ihr Seelenheil bei irgend einer andern chriſtlichen Confeſſion als im Schooße der herrſchenden Staatskirche zu ſuchen, dergleichen Zwang iſt, ſo viel mir bekannt, noch von keinem andern chriſtlichen Staate der Erde geübt worden. Ja lieber jüdiſche und heidniſche Unterthanen als katholiſche, ſo lautet der Sinn, die merkwürdige Weiſung, gegeben von einem chriſtlichen Staat im neunzehnten Jahrhundert! Ich ſah unter den Kloſterzöglingen einen jungen Armenier, der mit bedeutenden Geiſtesfähtigkeiten begabt iſt. Er war nach Rom beſtimmt, um in der Schule der Propaganda ſeine Ausbildung als Miſſionär zu erhalten; er ſehnte ſich mit der allerinnigſten Begeiſterung nach dieſer Beſtimmung, aber die Regierung verweigerte ihm die Erlaubniß zur Reiſe nach der Weltſtadt. Wenn Verfolgung und Druck ſo fortdauert, ſo dürfte es mit den katholiſchen Miſſionen in Transkaukaſien bald gehen wie der evangeliſchen Baſeler Miſſion welche, nachdem ſie auf mancherlei Weiſe geplagt worden, von Sr. Excel. dem Generalgouverneur Baron von Roſen endlich den förmlichen Befehl erhielt Georgien und die ruſſiſchen Provinzen zu räumen. Die guten Väter zeigten mir das Kloſter in all ſeinen Einzelheiten, und ließen mich auch dem etwas lärmenden Schulunterricht beiwohnen. Es ſaßen dreißig bis vierzig Knaben auf den Schulbänken, die laut ſchreiend laſen, zuweilen ſangen. Das Italieniſche laſen die kleinen Armenier, und Imerethiner ziemlich fertig, die Landesſprache, das Georgiſche laſen und ſchrieben ſie; kleine Geldgeſchenke der Väter ſpornten den Fleiß der Knaben. Eine ſchöne geräumige Kirche iſt neben dem Kloſtergebäude im Bau begriffen, der Koſtenbetrag iſt auf 70,000 Rubel angeſchlagen, und wird von der Caſſe der römiſchen Propaganda beſtritten. Ein großes ſchönes Altarbild iſt für das neue Gotteshaus aus Rom bereits eingetroffen, und wurde mir von Don Antonio mit Stolz gezeigt. Unter den beim Bau beſchäftigten Arbeitern befinden ſich auch ſehr viele Mohamedaner, welche ſich nicht die geringſten Scrupel machen zu dem Entſtehen eines chriſtlichen Tempels mitzuwirken, während von einer andern, nicht mohamedaniſchen Seite dem Bau viele Hinderniſſe entgegengeſetzt wurden. Bei ſo mancherlei Geplauder rückte allmälig die Stunde des Weiterziehens heran. Packpferde waren gemiethet, auch Pater Benedetto hatte ſeinen Reiſebündel geſchnürt. Noch einmal fanden wir uns bei den guten Vätern in der gaſtlichen Halle ein, und ließen zum Abſchiedstrunk die Gläſer voll Purpurweines erklingen: auf beſſere Zeiten! Japan. Crétineau⸗Toly's Werk über die Jeſuiten entnehmen wir folgende rührende Erzählung:„Ein Statthalter von Japan, der ſeinem Herrn gefallen wollte, ließ einen Kerker errichten, der allen Winden ausgeſetzt war; er beſtand aus Käfigen, in denen man ſich weder aufrecht halten, noch niederſetzen konnte, und die weder vor der Sonnenhitze noch vor dem Winterfroſt bewahrten. Dort wurde ein Jeſuit, Pater Spinola und vierzehn Ordensbrüder eingeſperrt, welche beſchuldigt waren, im Lande Keuſchheit, Mildthätigkeit und Gleichheit der Menſchen vor Gott gepredigt zu haben. Indem man ſie der Nacktheit, dem Elende, dem Hunger preisgab, wollte man den Eifer verlöſchen, der ſich ſonſt an ihren Scheiterhaufen würde entzündet haben, Doch was geſchah? Die Zahl der Gefangenen wuchs; japaneſiſche Chriſten gaben ſich ſelbſt vor Gericht an, um in jene Kerker zu gelangen, und wenn ſie dort waren, ſuchten ſie die Ehre nach, in die Geſellſchaft Jeſu aufgenommen zu werden. Spinola nahm ſie an; der Kerker ward ein Novizenhaus. Als der Gouverneur dieß gewahrte, glaubte er ſelbſt , daß es beſſer ſey, die Jeſuiten zu verbrennen. Nach drei in den Käfigen von Ormura zugebrachten Jahren wurde Spinola, ſeine Gefährten und Neophyten, ſieben an der Zahl, zum Scheiterhaufen geführt. Einunddreißig eingeborene Chriſten wurden an demſelben Tage an derſelben Stelle enthauptet. Als beide Häuflein auf dem Richtplatze angelangt waren, ſtimmte Pater Spinola das Laudate pueri Dominum an. Die Prieſter und Chriſten, die der Tod erwartete, alle ihre gegenwärtigen Freunde, Verwandte und Mitchriſten ließen die Lüfte von Lobgeſang wiederhallen. Hierauf ſprach Spinola. Vom Scheiterhaufen aus ſagte er in kurzen Worten, welcher Ehrgeiz ihn erfüllt habe und freute ſich, endlich die Güter zu beſitzen, die er geſucht habe. Während er ſprach, bemerkte er Iſabella Fernandez, die Gattin des Portugieſen, in deſſen Hauſe er ergriffen worden war. Eine ſanfte Erinnerung erfüllt ſein Herz, und er fragt die Mutter, wo ihr kleiner Ignatius ſey. Es war dieß Iſabellens Sohn, den der Jeſuit vor vier Jahren, am Tage vor ſeiner Feſtſetzung getauft hatte. Iſabella hebt das Kind in die Höhe, welches, wie alle Chriſten, ſeine ſchönſten Kleider trug, und ſagte: Hier iſt er, Vater, er freut ſich, mit uns zu ſterben! Dann wandte ſie ſich an den Kleinen:„Sieh dort den, der dich zum Kinde des guten Gottes gemacht hat, und dir ein tauſendmal köſtlicheres Leben gab, als dasjenige, das wir verlaſſen. Mein Sohn, bitte um ſeinen Segen für dich und deine Mutter.“ Ignatius ſinkt auf die Knie, und aus den Flammen hervor ſegnet der durch zwanzigjährige Leiden heimgeſuchte Bekenner den kindlichen Martyrer. Verantwortlicher Redacteur : L. Schönchen. Verlags⸗Inhaber : F. C. Kremer.