? » ^^»s- - D-i/^, d»r AugSvurg-r Ppstzeitttng. Erjle Jahreshälfte« SS. Mai 1845 Der Verein der heilige»» Kindheit. Von Fri edrich Hurter. ') Um die Zeit, da ich nach Paris gekommen, war in weitaussehender und, wenn er erkräftigt, in höchst solgcrcicker Brdcu tung der neueste Wohlthätigkeitsverein durch den kürzlich verstorbenen Bischof von Nancy gestiftet worden: das Oeuvre lc> samtL onlanev, oder die Verbindung christlicher Kinder für regelmäßige Beisteuern zum Ankauf der Kinder von Ungläubigen in China und anderer, dem Götzendienste unterworfener Länder. Bewegt durch die Berichte über das entsetzliche Looö so mancher neugeborener Kinder, vorzüglich in China, trug sich der eifrige Bischof lange mit dem Gedanken, ob nicht zu leiblicher und geistlicher Rettnng dieser bcklagenswerthen Geschöpfe ein Versuch zu machen wäre? Von der Kinderwelt sollte das schone Unternehmen ausgehen; an die Kinderwelt vorzüglich wendete er sich; ihr Gefühl über der Vorstellung des jammervollen Schicksals so vieler, durch gleiche Hilflosigkeit und gleiche zweifache Bestimmung verwandter Mitgcschöpfe bei verthierter Fühllosigkeit ihrer Erzeuger, dann bei dem Hinblick auf gedoppelte, so leibliche als geistliche Fürsorge, deren sie sich erfreuten, wollte er in Anspruch nehmen; besonderer Segen zu dem edlen Vorhaben, hoffte er, werde an dc>5 Scherflein und die Fürbitte der Kleinen sich knüpfen, und Großes hervorgehen aus dem liebeSfrcudigen Zusammenwirken unzählig vieler, an sich unscheinbarer Kräfte, gleich dem Thau, der still und unbemerkbar und dennoch lebenspendend die lechzende Flur erquickt. So eben hatte der Bischof, die christliche Kinderwelt zu seinem Zwecke gleichsam geistig um sich schciarend, ohne tcßwegcn von bereitwilligem Mitwirken auszuschließen, was jetzt schon oder in Zukunft ihr entwachsen seyn würde, dem Verein die äußere Gestaltung und diejenigen Formen gegeben, die bei dergleichen Unternehmungen in Frankreich gebräuchlich sind. Ich traf denselben, ganz belebt von seinem Vorhaben, mitten unter Charten von China, Planen der Hauptstadt Peking und verschiedenen Merkwürdigkeiten des Landes, welche der Pater Grosse, der daö ungeheure Reich von der großen Mauer bis nach Cantvn zweimal ') Aus dessen neuester Schrift: Geburt und Wiedergeburt, deren zweiten Band die Hurt er'sehe Buchhandlung in Schuss- h.iusen eben ausgegeben Hai. II, 348 ff. durchreiste, nach Frankreich gebracht hatte. Mit dem Ausdrucke der vollsten inneren Gewißheit über dem Bewußtseyn, einer segcn- reichcn Sache den ersten Impuls gegeben zu haben und von Gottes Gnade Segen und Gedeihen für dieselbe erwarten zu dürfen, sagte er mir: »O, ich erfreue mich für mein Vorhaben eines kräftigen FürbittcrS vor dem Throne der Allmacht in dem dieser Tage verstorbenen Bischof von Straßburg." Dieser, Herr Tharin, einst Erzieher des Herzogs von Bordeaux, hatte blo-sz einige Tage vorher unter der sorgfältigsten Pflege seines Freundes und vormaligen Nachbars, des Herrn Bischofs von Nancy, in dessen Hütel seine irdische Laufbahn beschlossen. Die Sache, welche der Bischof in seiner angeborenen Lebhaftigkeit mir darlegte, nahm mich wirklich in Anspruch, sein lebendiger Eifer für dieselbe riß mich hin; ich erbot mich zn dem Versuch, in Deutschland und in der Schweiz dafür zu wirken, was freudig angenommen wurde. Ich habe auch mein Versprechen treulich gehalten und wenn nicht mit großem, doch mit einigem Erfolg. Während Großbritannien Kriegsflotten und Landhecre ausrüstete, um China, welches gegen den ungehinderten Absatz des in kalter Gewinnsucht ihm aufgedrungenen, entmarkenden und zerstörenden Giftes des Opiums sich sträubte, zum Verbrauch desselben mit Waffengewalt zu zwingen; während Frankreichs oberste LandcS- Jntclligcnzen in den Bewohnern der Marquesasinselu einen Stoff fanden, dem man Bedürfnisse schaffen und aufvringen könne, um Frankreichs Erzeugnisse einen neuen Markt zu schaffen; während das fromme England den ungerechten Krieg flcg-n China als bequeme Gelegenheit betrachtete unter allmciliger Zerstörung des Herzblutes seiner Bevölkerung sie durch seine Speculantcn ausbeuten zu lassen, dagegen zu ctwelchcm Ersatz für bereiteten physischen und ökonomischen Ruin einige Bibeln und etwelche metaphysische Ideen bei dem Volk an den Mann zu bringen; während das industrielle Frankreich in jenen Inseln nur einen neuen Ernteplah für seine Fabrik-Nabobs begrüßte, reift in einem katholischen Bischof der zarte, rein christliche Gedanke, in eben jenem Reiche, welches unter Kanonendonner und Säbclklirren zum Besten einer Kaufmannsgilde mit entnervendem Gift überschwemmt werden soll, Kinder, die nur den Weg von der Geburt zu dem schrecklichsten Tode finden, diesem zu entreißen, sie durch christliche Erziehung zu Werkzeugen des geistlichen und leiblichen Wohls ihrer Landsleute, zu einstigen Lehrern und Lehrerinnen, zu Aerzten und Hebammen, .zu Kate-> dieselben ernähren, erziehen?" — „Werden Kinder krank, schrieb chisten und Priestern, selbst zu Missionären, immer-also zu einer segenrcichcn Bestimmung, erziehen zu lassen. Man suchte, bald nachdem die Kunde von dem schönen Unternehme» weiter sich verbreitet hatte, die Nachrichten über die Gewohnheit der Chinesen, viele neugeborene Kinder absichtlich dem Tode Preis zu geben, in Zweifel zu ziehen, hicmit des Bischofs der Lazarist Patcr Mouly schon vor einigen Jahren aus Peking, so wollen die Eltern durchaus nicht, daß sie im Haus sterben: um sie unkenntlich zu machen, schwärzen sie ihnen das Gesicht, werfen sie auf die Straße und überlassen sie hier ihrem Schicksal. Einige jedoch waren so glücklich, von Christen aufgehoben, getauft und verpflegt zu werden." Bemühen als ein nutzloses, auS falscher Voraussetzung hcrvvrge- Auf den Umstand, daß in den Königreichen China, Siam gangenes darstellen zu können. War es Irrthum, war es Plan? ^ und Cochinchina vaS Geld selten, mit wenigen Mitteln Vieles auS- Rcgte sich hierin jener Geist, der in dem alten Europa, wo es zurichten sey, stützte nun der Hochwürdigstc Bischof den Gedanken, ihm möglich, in jeglicher Gestalt wivcr die Kirche auftritt, mit!auf englisch-chinesischem Boden cin Haus zu bauen und Brüder verbissenem Grimm hinüberblickt über die Meere, wo immer sie^und Schwestern einer religiösen Genossenschaft dahin zu senden, eine neue Stätte ihrcö Wirkens sich ersieht, dem Herrn einen.welche die losgekauften Kinder in Pflege nähmen. Ein solches Weinberg anlegt und der Arbeiter, die dessen Pflege sich angelegen HauS könnte zugleich zum Absteigequartier der GlaubcnSboten Diese»» lassen, viele findet? Nehmen wir das Erstcrc, als das Ver-uien, die darin erzogenen Kinder würden später durch das Land zeihlichc an! Berichte, die deinem Zweifel Raum lassen, können sich verbreiten, und der Einführung des Christenthums mit rcich- denselbcn belehren. Schon der Erste, dem wir einige Nachrichten lichem Erfolge vorarbeiten. So habe einst der große Papst Gre- übcr China verdanken, Marco Polo, meldet uns, daß Kublay/gor noch als Abt von St. Andreas den Ankauf englischer Sklaven der zu dem bereits von seinen Vorfahren eroberten nördlichen und hiedurch die Verbreitung des Christenthums in England beChina auch den südlichen Theil dieses Landes sich unterwarf, ^wcrkstelligt; so habe Carl der Große junge Sachsen in Corbey solche Kinder aufsuchen und erziehen lasse. Der Venctianer vcr- erziehen lassen und durch sie das Land dem Glauben gewonnen: sichert, daß jährlich mehr als zwanzigtauscnd Kinder ausgesetzt. AehnlicheS ließe sich auch jetzt in Bezug auf China bewerkstelligen, würden, aber dnrch die Fürsorge des Chans dem Tode entrissen, Bedenkt man, welche große Summe jeder Chinese kostet, der würde ein Theil von kinderlosen Reichen angenommen, der Nest, in dem chinesischen Kollegium zu Neapel zum Christenthum erzogen träte in die Dienste oder unter die Kriegsheere der Tartaren. ^ und zum GlaubcnSboten gebildet wird, bedenkt man, wie gering Diese Rettung beruhte aber nur auf dem persönlichen Willen des die Zahl der Zöglinge ist, die während eines Jahrzehcnds aus damaligen Herrschers, das Aussetzen der Kinder blieb als cinge-^ jener Anstalt in ihr Vaterland zurückkehren; wie spärlich mithin wurzelte Sitte. Sie bestand vierhundert Jahre später noch in un- die Erfolge ihrer Thcitigk.it sind, da hier wohl mit der vollcstcn geschwächter Gewohnheit. Der holländische Gesandte Johann Bedeutung das Wort kann angewendet werden: die Ernte ist groß, Nicuhof, der in der Mitte des siebcnzehnten Jahrhunderts China .der Arbeiter sind Wenige, bittet den Herrn der Ernte, daß er durchreiste, spricht davon in sincn Nachrichten über dieses Land: ^ Arbeiter sende, so darf man wol'l gestehen, daß einzig an das Ilet Lv/untseliup cier Keerlgnrgeue-Oüt-Inclisellö Lom-, Gelingen di.seS schönen Vorhabens die Hoffnung sich knüpfen dürfte, pggnie orr «len grollten t-irtariseüen ducin, den regen-^die Christianisirung dieses unermeßlichen Reiches mit größerem Er- voordigen Keiner van Lliinn. Er gibt II, 46. mehrere Be- folge zu unternehmen und mit geringerem Aufwand unendlich mehr wcggründe dafür an: worunter auch die Lehre von der Seelen-!zu leisten, als dem chinesischen Collcgium zu Neapel und der Pro- wanderuug. '1'v clever ovrsulce, sagt er, >vort dit omliren- paganda zu Rom möglich. Wenn aber vollends im Verlaufe der gen der Minderen geennins in t'ueimeli^K, maar voor Zeit es geschehen könnte — was sich leicht denken läßt — diese eenen ^eder in l'onvnliuur geduan. ! Anstalten mit jenen, in dem Lande selbst nnternommcncn Bcmrihun- Dcr russische Collcgicnrath Peter Dorcl berichtet in einem gen in eine znsa nmenwirkende Verbindung zu bringen, dann dürfte der neuesten Werke über China i^8ent annevs en Lliino, ?aris auch ü''cr China die Morgenröthe aufgehen und der Tag anbrechen. 1842.): „Viele arme Bewohner von Canton werden durch die j Hiezu stiftete der Bischof seinen Verein, ausschließlich dem Noth gezwungen, ihre Neugcbornen zu verlassen. Häufig fallen genannten Zwecke gewidmet, den Umfang des Werkes dem Segen diese armen Crcaturcn der Gefräßigkeit von Hunden anheim, der göttlichen Vorsehung anheimstellend. Indem vorzüglich Kinder Dürftige erziehen, um hiedurch für ihr eigenes Bestehen zu sorgen, demselben beitrcten sollen, wird hiedurch den Eltern ein leichtes junge Leute zu Schauspielern, zu feilen Dirnen, den beiden ein- Mittel an die Hand gegeben, die Gesinnungen thätiger Liebe und täglichsten Gewerben im Lande. Ich hörte, es sey einst selbst Dankbarkeit gegen den Erlöser in ihnen hervorzurufen, zu nähren, bei den Reichen gewöhnlich gewesen, viclc neugeborene Kinder des Wenn das Kind des Wohlhabenden für das Kind des Armen, weiblichen Geschlechts zu erwürgen, weil eine große Zahl von welches bloß sein Gebet zu steuern vermöge, den monatlichen Sous Töchtern den Eltern zur Schande gereichte. Das war wenigstens beitrage, so übe es ein gutes Werk schon damit, daß es die Uebung in der Provinz Fo-Kien." — Nach englischen Berichten Theilnahme daran jenem möglich mache, und werde so zwischen wurden in der einzige» Stadt Peking jährlich über 3000 Kinder Allen das Band christlicher Einigung enger geknüpft. Da ferner auf den Schindanger geworfen, diejenigen nicht gerechnet, welche dem Verein dieselbe organische Einrichtung, wie demjenigen zu von Pferden zertreten, von Hunden verzehrt, bei der Gebnrt Verbreitung des Glaubens, gegeben werde, könne er zugleich als erwürgt, an Mohamedancr verkauft, oder an Orte geworfen wer- Vorbereitung dienen, um mit dem cinundzwanzigstcn Altcrsjahre den, wo man sie nicht cntdcckcn kann. Der P. Jojet, Gene- diesem bei,utrelen. Denn über dieses hinaus Dürfen nur Diejcnig-n ral-Procurator der Propaganda zu Macao, schrieb seinem Bruder in demselben verharren, welche ihren Beitritt auch zu jenem dar- zu Anfang des Jahres 18ä1: „Viele Kinder werden den Missio- thun könne». Eine weise Bestimmung, d.imit nicht durch das närcn für drei, sechs Franken zum Kauf angeboten, mit dem Bei- Besondere dem Allgemeinen und, was in unserer beweglichen Zeit satz: wenn man dieselben nicht nehme, sehe man sich gezwungen, so leicht, durch das neu Aufkommenve dem länger Bestehenden sie zu tövtcn. Nun wäre das Ankaufen zwar leicht, wie aber ^Eintrag geschehe. Die Beisteuer soll regelmäßig seyn, um auf >etwas Bestimmtes zählen zu dürfen; sie soll gering und für Alle gleich seyn, dem Armen zum Trost, dem Reichern zur Ehre. Ob auch weit aussehend in jeder Beziehung das Unternehmen, alle Hoffnung setze er auf den Beistand göttlicher Gnade. Das Reglement enthält nur die nothwendigsten Bestimmungen. Jedes getaufte Kind kann als Mitglied des Vereins eingeschrieben werden und bis zum cinundzwanzigsten Jahr es bleiben. Neben den regelmäßigen Beiträgen werden auch Subscriptionen und Geschenke angenommen. Kurze tägliche Gebite der Kinder, wo eine Abtheilung des Vereins sich findet, jährlich eine Messe, sind damit verbunden. Für Verwaltung, Leitung und Verwendung sind ein Ccntralrath und Diöcesanräthe aufgestellt. Jener wurde alsbald ernannt und bestand damals auö dem Hochwürdigstcn Herrn Bischof von Nancy, als Präsidenten (nach französischer Sitte wurde in der Person des Herrn Erzbischofs von Paris ein Ehrenpräsident aufgestellt), den Vorstehein der Missionshäuser in Paris, einigen Gencralvicaricii, neun Pfarrern der Hauptstadt und sieben Laien meist aus dem hohen Adel, so wie man denn an der Spitze aller, aus christlicher Liebe hervorgegangenen und für deren Zwecke wirkenden Verbindungen Namen desselben begegnet. Sobald das Unternehmen bekannt geworden war, erklärten zwei Cardinäle, der Nuntius zu Paris, acht Erzbischöfe und fünfundzwanzig Bischöfe, für dessen Förderung wirken zu wollen; andere versprachen das Werk zu empfehlen; Theilnahme ward ihm sofort in Belgien, Irland und England, und alle geistlichen Com- munitäten Frankreichs machten sich zum Mitwirken anheischig. Während dieses Vorhaben bei dem Herrn Bischos von Nancy gereift war, traf der früher erwähnte Pater Grosse anS China ein. Er versicherte, Anstalten zur Bekehrung vo» China könnten jetzt mit der größten Leichtigkeit errichtet werden. Unverzüglich, meinte er, sollte man Schulen eröffnen. Man könnte Kinder für zehcn, zwölf Sous kaufen, solche selbst uncntgeldlich erhalten. In den an die Engländer abgetretenen Theilen sollten die AusgangS- pnnctc begründet werden, und daß jene in dieser Beziehung günstige Gesinnungen hegten, dafür lägen Beweise am Tage. Das Fest der Himmelfahrt Christi, auf der Spitze des Oelberges, im Mai 1844. ( ^on Pater Aleronder, FranciScancr.) Schon ist bereits ein Jahr verflossen, seitdem ich das un« ncnnbare Glück genoß, auf der mittlern Spitze des Oelberges, wo der göttliche Heiland im Angesichts seiner Getreuen auf einer Wolke sich zum Himmel erhob, an der Erinnerungsfcier dieses glorreichen TriumphftstcS Theil zu nehmen; allein die Eindrücke, die das Fest mit allen seinen rührenden Umständen in meiner Seele zurückließ, schweben noch gegenwärtig in so lebendigem Farbenspiel vor mciiun Augen, daß wohl kein Umstand meines Lebens vermögen wird, diese theuren Erinnerungen je ans meinem Gemüthe zu verdrängen. Von der Feier dieses erhabenen Festes zurückgekehrt, hatte ich mich allein unter ein arabisches Gczelt zurückgezogen, und die Festlichkeit mit allen den vorgekommenen bedeutungsvollen Kirchenccremo- nien überdacht. Da fühlte ich mich — ich weiß nicht, soll ich sagen von Dankbarkeit oder Neue, von Vertrauen oder Schmerz, von Freude oder Betrübniß, oder von allen diesen Gefühlen zugleich durchdrungen. Aber wie hätte es wohl auch anders seyn können? Auf dem Platze sich befinden, wo der Sohn Gottes, unser Erlöser, einst mit seinen Aposteln und Jüngern stand und ihnen mit dem Versprechen des heiligen Geistes den Lefchl ertheilte, in der ganzen Welt seinen Namen zu verkundigen: wo Er, seine heiligen Hände erhebend, die glückliche Schciar segnete, und endlich, umgeben von Engeln und Heiligen, nr feierlichem Triumphzuge auf einer Wolke hinanzog zum Himmel, um „mit ausgebreiteten Armen", wie einst Moses, sein Vorbild, dem himmlischen Vater die untenstehenden Getreuen und Jünger zu zeigen; auf dem Platze sich befinden, wo die Apostel rmd Jünger einst standen , und mit unverrücktem Blicke gen Himmel schauend vor seliger Wonne, vor heißestem Verlangen nach dem Wohnort ihres göttlichen Meisters vergaßen, daß sie noch unten stehen auf der Erde, bis die Engel auf Wolken hcrabschwcbtcn, um sie aus ihrer Entzückung zu rufen mit den Worten: „Was steht ihr da und schauet gen Himmel?" — als hätten sie ihnen sagen wollen, daß es nicht genug sey, sich nach dem Himmel zu sehnen, daß man denselben auch verdienen müsse, daß Kampf und Leiden, Kreuz und Dornen, Liebe nnd abermals thätige Nächstenliebe die Stufen seyen, auf denen man zum Himmel emporsteige, daß der Himmel das Vaterland der unschuldig Verfolgten, der Verachteten, der ungerecht Gemißhandelten sey: — auf einem solchen Platze sich wissen, und mitwirken mit der Erinnerungsfcier dieses so lehrreichen, herzergreifenden Festes — o! wessen Seele würde da wohl nicht von den nämlichen Gefühlen und Gedanken durchdrungen worden seyn, die mein Inneres beschäftigten! Danken, beten, frohlocken und trauern, bereuen und bitten, verzeihen und vornehmen, bedauern und hoffen. Dieß und AchnlichcS war es, was in meinem tiefbewegten Herzen von einem Augenblick zum andern wechselte. Die Feier dcö Festes aber ging auf folgende Weise vor sich: Nachdem schon am Vorabend dcö FrstcS zwei Kamccle mit den nothwendigen Gcräthschaftcn beladcn auf die Anhöhe des Oelbcr- gcS geführt worden waren, wo dann auf der Ebene dieser Bergspitze nach arabischer Sitte Gezclte unter freiem Himmel aufgeschlagen wnrdcn, wandelte auch die religiöse Familie — dcrCustos des heiligen Landes in ihrer Mitte — den Weg hinan, den vor mehr als achtzchnhundcrt Jahren der göttliche Lehrmeister im Kreise seiner Trauten gewandelt hatte. Nur vier Religiösen waren zurückgeblieben, nm die nie zu unterbrechende Wache am heiligen Grabe zu halten. Alle übrigen sah man um Ein Uhr nach Mittag in geregeltem Zuge durch das östliche Stadtthor hinausziehen, dann hinab gegen das schweigsame Thal Josaphat und über die Zedronö- brllcke, links an dem Grabe Maria und an der heiligen Blutschweißgrotte, rechts an Gctjcmani und dem Oelgartcn vorüber; endlich über den st ilcn Berg zwischen freundlich lachenden Blümchen, mit denen der sonst wenig bebaute Berg um diese Zeit recht eigentlich besäet ist, hinaufsteigen, bis sie nach einer mühsamen halben Stunde die mittlere Spitze des Oelberges erreichten. Indessen kamen die Religiösen und Missionäre aus Bethlehem von d^r südlichen Seite heraus und vereinten sich mit den Brüdern aus der heiligen Stadt. Vor und nach, neben und um diesen Zug zeigten sich Gruppen von Männern in buntgefärbten Kleidern, und die Waffen um ihre Lenden; dann unter Kindern verschiedenen Alters gemischt arabische Frauen, die in ihre langen weißen Schleier vom Scheitel bis unter den Knöcheln g> hüllt langsamen Schrittes hinanzogen, und wirklich den Anschein boten, als waren viele der Hingeschiedenen aus den unten im Thalc liegenden Gräbern hervorgcstiegen, um sich mit Lebenden an der Feier dieses glorreichen Geheimnisses zu erfreuen. Auch Mönche verschiedener (nicht katholischer) Religion bemerkte ich unter der hinanklimmendcn Menge — ein Anblick, der mich mit Mitleid und Betrübniß erfüllte über ihre Verirrung, und zugleich den heißesten Wunsch in meinem Innern regte, daß doch der Herr der Verblendeten sich erbarmen, ihnen die Geistcsaugcn öffnen und sie zur Einheit des wahren, seligmachenden Glaubens führen möchte. Zu dieser Anhöhe gelangt, ruhten wir zwischen den Ruinen der ehemaligen Himmelsahrtskirche aus, wovon jetzt noch ein Theil der Mauern nebst einigen Postamenten der zertrümmerten Säulen besteht. In Mitte dieser Ruinen hatte sich noch eine kleine runde Cap-lle erhalten, in der die Fnßstapfen zu sehen sind, die der Heiland bei seiner Himmelfahrt zurückgelassen haben soll. Allein auch diese Capelle ist nun zu einer türkischen Moschee umgewandelt, und nur einmal des Jahres erhalten die FranciScaner Jerusalems um einen Tribut die Erlaubniß, darin die heiligen Functioncn zu halten. Es ist dieß eben am Feste der Himmelfahrt Jesu Christi. Nur der Wein zur heiligen Messe muß heimlich mitgenommen werden: denn weh! wenn die Türken daraufkämen. Diese Profanirung, wie sie meinen, ihrer Molchcc durch Wein >— sie dürften sie nicht dulden, und mit blutigen Köpfen und bedeutenden Geldsummen müßten selbe die Katholiken, wie schon öfter, bezahlen und aussühnen. - In dieser Moschee nun wurden zwei Altäre errichtet, und um drei Uhr vor denselben Vesper und Comvlet mit möglichster Feierlichkeit gesungen. Dann erhob sich die ganze Versammlung, und zog proccssions- weisc zwischen Wolken geweihten Weihrauchs und unter festlichem Gesänge der Allerheiligen-Litanei hinaus, und im Kreise um dieses ehemalige Hciligthum der Katholiken. Dreimal ging der Zug um dasselbe. Da war es, als zögen die Israelitin um die Mauern Jericho'S (vcssen Trümmer nicht gar ferne von hier sind), um zu flehen, daß die unhci« ligcn Mauern zusammenstürzen möchten; diese Mauern, welche dem Muselmanne zur Verrichtung seiner gedankenlosen Ceremonien in einem Orre dienen, der dem wahren Gottesverchrcr, dem Katholiken, so heilig ist, und zu dem er allein sein volles Recht ansprechen könnte. Diese erwiesene, aber nicht anerkannte Wahrheit leuchtete am heutigen Tage aus den glänzenden Wirkungen der heiligen Fcstceremonien siegreich hervor. Das Gebet der Allerheiligen-Litanei hier aus dem Munde so vieler katholischer Priester und Laien gesungen, hatte eine eigene, höhere Kraft, die in der That in die Herzen drang; und es konnte dem ruhigen Beobachter nicht entgehen, welch'einen eigenen Zauber die katholischen Ceremonien und der volltönende kräftige Choralgesang selbst auf die Herzen der Türken sowohl, als auf die der Schismatiker ausübten. Die Verse: Hl inimicos sunet.'ie Lcclesi.io liiimiliai o d n erhebest. auch sie, die in der Finsterniß und im Schatten des Todes sitzen, sehe« möchten, um einmal auch teilnehmen zu können an den Früchten Deiner Auferstehung und Himmelfahrt! Aber mit nicht minderer Rührung flehte ich zugleich, daß Gott die geistige „Scheidewand der Sünden' (Js. 39.) zerbrechen möge, damit das Gebet seiner Diener wie Weihrauch wohlgefällig vor Sein Angesicht hinaufsteige. Tief bewegt von dieser heiligen Feier reinigten darauf Religiösen und Laien, Pilger und Einheimische ihre Herzen durch die heilige Beicht, und es rührte in der That bis zu Thränen, auf verschiedenen Ecken dieses zur Buße und Frömmigkeit mahnenden Ortes demüthige Christen zu den Füßen der Stellvertreter Gottes knien zu sehen, um durch ein reuevolles Bekenntniß sich jenen Herzensfriedcn zu verschaffen, .den die Welt nicht geben kann." Kalt und freudenleer kauerten indessen mit übergeschlagenen Beinen Türken und Ketzer umher, und es schien, als wollten sie an den Wolken der brennenden Tabackspscifen ihr Inneres wärmen und trösten. Ein Cigorisalat, ein Stück Brod und ein Glas Wein machte das Abendmahl aus, und min legte sich zur Ruhe, die, obgleich nur auf hartem Boden unter einem Gezelte, doch Niemand beschwerlich fiel, weil sie durch den Gedanken versüßet wurde, daß hier „Seine (Jesu) Füße gestanden." (Ps. 131, 7.) Um Mitternacht stand man zur heiligen Mette auf, welche durchgängig gesungen wurde. Indessen brach die Morgendämmerung hervor, und die Priester begannen die heiligen Messen, deren wohl 10 oder 12 celebrirt wurden. Auch ich hatte das unaussprechliche Glück, das heilige Meßopfer auf diesem gehcimnißvollen Platze darzubringen. Gegen acht Uhr endlich wurde ein feierliches Hochamt vom Reverendissimus des heiligen Landes gehalten, und am Schlüsse abermals die Allerheiligen-Litanei angestimmt, und von Priestern und Volk nach der kirchlichen Weise beantwortet. Jetzt erst, nachdem die Majestät unseres Gottcodienstes vollendet war, jetzt erst wagten die verschiedenen Secten, die bisher scheu und wie verwirrt umhergesianden waren, mit derUnbedeutenhcit ihrer Ceremonien hervorzutreten, wobei die Anzahl der Zuschauer wohl größer seyn dürfte, als die der Andächtigen. Sie haben ihre Altäre in einem Halbkreise an den Ucberrcsten der zertrümmerten Himmelfahrtckirche hinter der ehemals den Katholiken gehörige» runden Capelle so aufgestellt, daß diese Capelle mit ihren zwei Altären gleichsam wie im Centrum stehet, etwa wie eine Fürstin dem untergeordneten Volke, das sie umkreiset, voransteht, oder wie Nachtvögel sich im Halbkreise zurückziehen vor dem Adler, der majestätisch und chrfurchtgebietcnd vor ihnen sich aufschwingt. Zuerst begannen links (bei den Orientalen die vornehmere Seite) die Armenier ihren Gottesdienst, der allein an Würde und Bedeutung dem unseren nahe kommt; dann rechts die Griechen, mit erdrückendem Pomp und Reichthum, kalt, ohne Ernst und Würde. Nach und mit ihnen die kupferbraune Kopten, und die lichtscheuen Svriancr, von deren Religion, Charakter u. s.w. ich, so Gott «M, später etwas Näheres mittheilen wc de. — Gegen eilf Uhr endlich verlor sich die Menge über den Berg hinab, und in die Stadt hinein; — gewiß vielfach von den Gedanken und Vorsätzen begleitet, mit denen das Herz der AposKl erfüllt war, als sie diesen heiligen Platz verließen, um nach Mahnung der heiligen Engel durch jene gottgefällige Liebe zu Christus, welche die thätige Nächstenliebe nicht ausschließt, sich des Himmels würdig zu machen zu dem der gute Hirt eben hinaufgestiegen war, um im Hause seines himmlischen Vaters Wohnungen zu bereiten für die, welche seine Lehre beobachten. Diese zu halten, und nach Jenen zu seufzen, war auch der Entschluß, der meine Seele beschäftigte, als ich einer der Letzten der Berg hinabstieg und in'S Kloster uirückkebrte. (Kalb. Bl. miSTirol.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber; F. E. Bremer.