Vierteljähriger Abonnementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur SO kr., ohne irgend einen weiteren Post-Aufschlag. Auch von Nicht-Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags - Werbt att zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buch- baudel können diese Blätter bezogen wer« den. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 2» kr. Neunter Jahrgang. M 43. S8. Octobcr L84N Gruß und Dankschreiben *) der im siebenten Provincial-Concilium zu Baltimore in den vereinigten Staaten von Nordamerika versammelten Erzbischöfe, Bischöfe und Väter an Se. Ercellenz den Hochwürdigsten, Hochgebornen Herrn Fürsterzbischof in Wien, Präsidenten deS Leopoldinen-StiftungS-VereineS, so wie an die übrigen Mitleiter und Theilnehmer desselben in den k. k. österreichischen Erbstaaten. (Aus dem Lateinischen.) Eure Ercellenz! Die wohlthätigen und frommen Gaben, welche seit mehreren Jahren durch die Großmuth deS Leopoldinen-StiftungS-VereineS unter der weisen Leitung Euerer Ercellenz und der übrigen edelmüthigen Theilnehmer unS zum Anbaue und zur Befruchtung des neuen Weinberges deS Herrn in den nordamerikanischen Freistaaten zuflössen, — haben bereits große Hilfe und wesentliche Unterstützung unseren aufblühenden Kirchen gebracht, unH nicht wenig zu unserer Beruhigung und demjenigen Troste beigetragen, welchen wir jetzt und schon seit längerer Zeit zur großen Ehre GottcS und zum Heile der unserer oberhirtlichen Sorgfalt anvertrauten Seelen in, reichlichem Maaße schöpfen. Als in dem verflossenen Jahre nach dem unerforschlichen Rathschlufft Gottes die politischen Zeitereignisse beinahe alle Theile deS christlichen Erdbodens erschütterten und nicht minder auch daS Kaiftrthum Oesterreich betrafen, — befiel unS darum eine nicht geringe Furcht, daß sie auch auf die Verwaltung deS frommen Institutes Einfluß nehmen und dessen ergiebige Hilfsquellen zum großen Nachtheil unserer Missionen versiegen machen könnten. Wir versäumten daher nicht, im lebendigen Andenken an die vielen und so großen unS von daher schon zu Theil gewordenen Wohlthaten, den allmächtigen und barmherzigen Gott demüthigst und inständigst zu bitten, er möge jene wildtobenden Stürme besänftigen und dem allbewcgten Europa den so sehnlichst gewünschten Frieden mit allen seinen himmlischen Früchten verleihen, damit die christlichen Völker Deutschlands so wie an- derer Staaten wieder ein ruhiges Leben zu führen und dem Herrn unge- kümmert und unangefochten zu dienen im Stande wären. Wir hegen das Vertrauen, daß diese unsere Bitten nicht ganz ohne Erhörung blieben; denn obgleich die gewaltsamen und heftigen Staatcn- Zerwürfnisse noch nicht ganz beigelegt sind, hat doch zu unserem großen Troste und Aller Verwunderung die so preiSwürdige Leopoldincn-Gesellschaft zu wirken nicht aufgehört, und nach einem kurzen Zwischeuraum abermals ihee wohlthätigen Spenden fortzusetzen begonnen. ES ist fürwahr ein schö neS Zeichen und daS sicherste Unterpfand einer wahrhaft christlichen Liebe, so wie eines brennenden Eifers für die größere Ehre GotteS, daß unsere Brüder unter so vielfachen Bedrängnissen Unser und unserer Missionäre nicht vergaßen. Wir können daher nicht umhin, ihnen auch, als unseren Wohlthätern, den Tribut der hohen Achtung und innigen Verehrung zu zollen, sie mit den zartesten Banden der brüderlichen Liebe zu umfassen, ihre erduldeten widrigen Schicksale und Leiden als unsere eigenen zu beklagen, und ohne Aufhören die göttliche Barmherzigkeit um jedwede nöthige Hilfe für sie anzurufen. Zugleich sprechen wir zu unserer beiderseitigen Beruhigung die freudige Versicherung auS, daß unser heiligster Glaube in diesen Ländern immer mehr und mehr verbreitet und die wahre Kirche GottcS von Jahr zu Jahr befestiget werde. *) Eingelangt an Sc. Ercellenz den Hochwürdigsten, Hochgebornen Herrn Fürsterz- bischof Viycenz Eduard Milde in Wien, am 1. Juli 181S, durch den Hochwürdigsten Herrn Bischof Dr. Michael Portier von Mobile, welcher nach Beendigung des Concils behufs der Sanctionirung der daselbst gefaßten Beschlüsse und kirchlichen Anordnungen § nach Europa an den heiligen Stuhl gesandt worden war. Wir Alle, die wir unS zur Abhaltung dieses Conciliums versammelten, müssen einstimmig bezeugen, daß die göttliche Gnade schon große Dinge in den verschiedenen Provinzen unserer Freistaaten gewirket hat; allein, obgleich schon Vieles geschehen ist, so ist doch nicht zu längneii, daß noch MehrereS und noch so Manches zu vollbringen ist. ES sind z. B. in vielen Orten neue Kirchen zu bauen, Seminarien, Kollegien und Schulen zum Unterrichte und zur religiös»! Erziehung der Jugend, so wie selbst neue Diöcesen zu errichten, ältere zweckmäßiger zu bcgränzen und einzutheilen, Allen die gehörige Kräftigung und erforderlichen Subsistenz- mittel zu verschaffen. Uns stützend auf den Eifer, die Güte und Frömmigkeit des hoch- würdigsten, erlauchten und weisen Vorstandes, so wie der übrigen Leiter und Mitglieder der ausgezeichneten Leopoldinen-Societät hoffen und vertrauen wir daher, daß sie, wie bisher, so noch durch viele folgende Jahre, Wohlthäter unserer Diöcesen und willkommene Werkzeuge in der Hand der göttlichen Vorsicht zur Ausspcndung von Gutthaten für Uns seyn und bleiben werden! — Baltimore, den 13. Mai 1849. Samuel, Erzbischof von Baltimore. Michael, Bischof von Mobile, Promotor. Johann Joseph, Bischof von Natchez, Promotor. Fr. L'H omine, Secretär des Conciliums. Die dritte Generalversammlung der katholischen Vereine in NegenSbürg. IV. Gm linden am Traunsec, 10. Oct. Verzeihen Sie Ihrem Korrespondenten, daß er den Schluß seines Berichtes über die denkwürdige Versammlung der Abgeordneten deS katholischen Vereineö Deutschlands in Rcgensburg. erst heute, und in so weiter Ferne von seiner Heimath, vor sich den herrlichen See, ringS um sich die schon niit Schnee bedeckten öberösterreichischen Alpen, niederschreibt. In dein freundlichen Linz erübrigte ihm dazu keine Zeit, da der kurze Aufenthalt daselbst mit einem AuSfluge nach St. Magdalena, von wo man eine weite Aussicht über die herrliche Gegend genießt, und mit einer sehr zahlreich besuchten Versammlung deS katholischen VereineS, wobei außer den zwei Mainzer Abgeordneten zum RegenSbnrger Kongresse auch die Herren Professor Dr. Baitz er, Licentiat Wick, beide auS Brcslau, geistlicher Rath Dr. Zehrt, Gymnasialoberlehrer Durch ard und Scminarinspector Hü- benthal, letztere drei aus Heiligenstavt, anwesend waren, ausgefüllt wurde. In der berühmten Abtei KremSmünster, welche Hurter in seinem „Ausfluge nach Wien" so trefflich geschildert hat, gab eS so viel zu sehen, darunter namentlich die Sternwarte mit ihren bedeutenden Schätzen und daS Pensionat, zu hören und zu sprechen, daß beim besten Willen zum Schreiben keine Zeit herausgefunden werden konnte. So müssen denn Sie und Ihre Leser mit einem Schlußberichte sich begnügen, der nur deßhalb weniger zusammenhängend erscheint, weil Ihr Korrespondent von der Größe und Schönheit der Natur, die er heute gesehen und von der er jetzt noch allenthalben umgeben ist, sich ganz hingerissen und überwältigt fühlt. Unter den dem dritten AuSschusse, unter dem Vorsitze deS Hrn. Licen- tiaten Wick, übergebenen Anträgen befand sich der sehr wohlgemeinte, aber vielleicht nicht reiflich erwogene auf Einführung deS altehrwürdigen Institutes der Diaconen und Diaconissinnen. Da die Thätigkeit, welche Liesen beiden Ordnungen in der alten Kirche zugefallen, längst anderen geistlichen Körperschaften überwiesen ist, und der Verein in allem Derartigen nickt die Initiative zu ergreifen, sondern einfach den Bischöfen zu fol- 170 gen Hai, so wurde über diesen Antrag zur Tagesordnung übergegangen. Wegen deS wiederholten AntrageS auf Errichtung eines Denkmales für Jos. von GörreS wurde auf den deßfallsigen in BreSlau gefaßten Be- schluß hingewiesen, über daö Wie der Ausführung aber nichts Näheres festgesetzt, obgleich man allgemein erkannte, Laß ein Lehrstuhl für Geschichte auf der neu zu gründenden katholischen Universität daö würdigste Denkmal eines so ausgezeichneten Mannes seyn würde. Daß man mit dem Plane umgehe, in dein herrlichen Dome von Köln dem großen Kämpfer und Märtyrer für die Freiheit der Kirche, Clemens August von Drvstc- Vischering, ein Monument zu setzen, erfuhr die Versammlung zunächst auS einem deßfallstgen Antrage, daß die katholischen Vereine Deutschlands sich dabei betheiligen sollten. Wie sehr auch alle Anwesenden darin übereinstimmten, daß daS ganze Leben und Wirken jenes großen Mannes mit dem Hauptzwecke deS Vereineö in engster Beziehung stehe, wie eS auch die ganze Versammlung einstimmig unter Dank anerkannte, waS daö katholische Deutschland jenem edlen Kirchenfürsten verdanke; so war man doch der Ansicht, daß bei der gegenwärtigen geldklammen Zeit, wo ohnedieß für die Armen so große Opfer erheischt werden und je nach den Entscheidungen der einzelne» Regierungen und Kammern in der Schulfrage noch größere in Aussicht stehen, eine eigentliche Aufforderung an die PiuSvereine in diesem Betreffe nicht erlassen werden dürfe. Dagegen fand ein anderer Antrag, daß die katholischen (Plus-, Vincenz- u. s. w) Vereine der auf Realschulen und Gymnasien stuvircnden, von ihren Eltern entfernten Jugend sich annehmen, sie überwachen, in guten Häusern unterbringen sollten u. s. w., den lebhaftesten Beifall. Auch der Arbeiter und wie ihr LooS am leichtesten und einfachsten zu verbessern sey, wurde gedacht und darüber der Beschluß gefaßt, daß, nach dem Muster der in Belgien bereits bestehenden, Arbeiter-Sparcassen errichtet, brave Gesellen rechtschaffenen Meistern zur Arbeit empfohlen und jenen, wenn sie auf die Wanderschaft gehen, Cerlificate mitgegeben werden sollen. Wegen Anfertigung und Einführung eines recht brauchbar und populär gehaltenen allumfassenden Gebetbuches war auch ein Antrag ein- gegangen, der aber, als zum Ressort der Bischöfe gehörig, zurückgewiesen wurde. Eben so wenig glaubte die Versammlung, sich auf Empfehlung gewisser Blätter, z. B. der nunmehrigen Deutschen Volkshalle u. dgl. einlassen zu dürfen, da nicht selten nach derartiger Empfehlung der Geist jener Organe ein ganz anderer, ein verkehrter werde, wie dieß unter Anderen an der Rhein- und Mosel-Zeitung, an der von dem Hoch- würdigsten Bischof früher empfohlenen RegenSburger Zeitung u. a. m. sich sattsam erwiesen habe; dagegen wurde es als eine Pflicht aller Mitglieder der katholischen Vereine Deutschlands erklärt, der schlechten Presse in keiner Weise Vorschub und Unterstützung zu leisten, dagegen die gute nach Kräften zu fördern. WaS die sonstigen, zum Theile wichtigen Beschlüsse beirifft, so kann ich darüber um so unbedenklicher hinausgehen, als die Verhanvlungen und Reden, Lurch Stenographen nachgeschrieben, schon demnächst im Drucke erscheinen werden. Dann mclve ich Ihnen nur noch in Kürze, falls eS nicht schon in einem früheren Schreiben geschehen ist, daß Regenöburg als Vorort und Linz als Versammlungsort des vierten Congresseö deö katholischen VereincS Deutschlands im nächsten Jahre gewählt worden ist. Die allgemeinen Versammlungen, die erste Montag Abends um 7 Uhr, die zweite Dienstags Morgens um 9 Uhr, die dritte Mittwochs Abcnvs um 7 Uhr und die vierte Donnerstags Abends um 6 Uhr wurden in der St. UlrichSkirchc vor etwa vier bis sechstausend Menschen abgehalten. Besonders verdient dabei die dankbarste Erwähnung, Laß den drei letztgenannten der Hochwürdigste Herr Bischof von NegenSburg mit großer Theilnahme beigewohnt hat, wie denn auch die prachtvolle Herstellung der Kirche zu den erwähnten Zwecken lediglich sein Werk ist. DaS gemeinsame Mit- tagScfsen am zweiten VersainmluugStage war durch fröhliche Stimmung der Anwesenden und durch sinnige Toaste gewürzt; von der nach demselben veranstalteten Wasserfahrt zur Besichtigung der nahen Walhalla sind indessen die meisten unbefriedigt zurückgekehrt. So viel in Kürze und ohne inneren Zusammenhang über eine Versammlung, die den früheren in keiner Beziehung nachsteht, und darum auch nicht verfehlen wird, in Bayern so wie in Oesterreich die schönsten Früchte hervorzubringen. De- Glaubens Boden. Erzählung aus den Papieren eines Seelsorgers. III. Blahomir war so artig gewesen, mir einen Wagen zu senden. Ich fand ihn im Bette. Verzeihung, rief er mir entgegen, daß ich Sie zu mir bemühte, statt zu Ihnen zu kommen. Sie könnten mir wohl sagen: 'Arzt, hilf dir selber. Allein ich fühle in einer Weise mich angegriffen, ibie gerade Ihren Beistand mir nothwendig macht! — Diese Rede überraschte mich, und eS mag wohl etwas SeelsorgerischeS und Salbungsvolles ! auf meinem Angesichts zum Vorschein gekommen seyn; denn er nahm gleich wieder daS Wort und sprach: Sie dürfen mich nicht mißverstehen, als meinte ich damit Ihre priesterliche Hilfe. Wenn übrigens mein früheres Benehmen unartig gewesen, so kann ich eS nur damit entschuldigen, daß ich an Ihnen überhaupt nur den Priester sah, dessen Anblick mich empört und anwidert, besonders wenn ich eben hypochondrisch bin. Denn woran erinnert mich ein Mann dieses Berufes, auch wenn er schweigt? An einen zürnenden Gort, der alle Lebensfreude verpönt, an ein Dogma, das der Natur und Vernunft widerspricht, an eine Kirche, die alles, was außerhalb ihres Zwingers lebt, verurtheilt, an eine Armesünderlehre, die alle geistige Freiheit knechtet, und an noch vieles Andere, worüber ich mich nicht ausbreiten will; denn ich habe Wichtigeres auf dem Herzen. — Schönen Dank, erwiderte ich, für daS aufrichtige Bekenntniß. War dieß nicht schon eine Art von Beichte? — Keineswegs; ich verlange vielmehr ein Bekenntniß aus Ihrem Munde. Wissen Sie von Ihrem Bruder nichts, noch von anderen Dingen, die mich angehen? — Von Zvenko? Nicht daS Geringste. Meine ersten seelsorglichen Stationen waren fern im Gebirge mir angewiesen. Erst seit einem Jahre wurde ich in einen entlegenen Winkel der Hauptstadt berufen. In der Wohnung der friedlichen Armuth war es, wo ich zum erstenmale Sie wieder gesehen; ich von meiner Berufspflicht, Sie durch Ihre Philanthropie dahin geführt. — So haben wir uns dennoch auf demselben Boden zusammen gefunden? — Dem Anscheine nach allerdings. Allein die christliche Liebe steht auf dem Boden des Glaubens, die humanitarische auf dem der Vernunft oder der Natur, wie man zu sagen pflegt. Lassen wir jetzt, sprach der Arzt, diese Fragen ruhen, die sich um Ideales und Reales drehen, wiewohl ich weiß, daß ihr in eurer Fantasie auch das Ideale als ein Wirkliches betrachtet. Der Boden, auf welchen ich bisher nothdürftig meinen Frieden gebaut, ist gänzlich erschüttert. Ich sah gestern ein blühendes Kind; die Gestalt, der Name weckten die schmerzlichsten Erinnerungen. Ich sah mein Leben wieder in seiner ganzen trostlosen Verödung vor mir, und an diesem Elend ist allerdings der Unglaube schuld, nämlich der meiner Frau. Frauen sollen auf dem Standpunct der religiösen Anschauung bleiben, das ist ihr LebenSgebirt. Allein ich selber habe sie um den Himmel ihres naiven Glaubens gebracht, und so ihre sittliche Grundfeste gelockert; mein Unglück ist mein eigenes Werk. Mit der Erkenntniß, daß die Natur die Verkörperung der ewigen Vernunft ist, und die Welt nichts anders als der werdende Mensch, mit anderen Worten: daß der Weltgeist im Menschen, als dem vollendeten Sinnenwesen, zum Bewußtseyn und Denken aufleuchtet, freilich in envlicher Beschränkung, mit solchen Erkenntnissen, und von jeder Täuschung und kindischen Vorstellung entledigt, vermag nur der Mann durchs Leben zu schreiten, und dabei seiner sittlichen Ausgabe zu genügen. Das Gemüth des WeibeS kann in dieser Region der reinen Vernunft sich nicht bewegen, sie bedarf eines überwelt- lichen Gottes, den sie im menschlichen Bilde sich vorstellen kann, bedarf eines BeseligerS im Jenseits zum Ersatz für ihre irdischen Leiden, und einer himmlischen Trösterin, deren Hoheit ihr eigenes Leben verherrlicht. Wie Sie daS alles so schön wissen, erwiderte ich, und doch so über die Maaßen ungründlich! Man soll also daS angeblich schönere und schwächere Geschlecht in einer Täuschung belassen, die daS stärkere und häßlichere Geschlecht von sich wirft. Ich halte daS einmal für ungerecht, weil dem Weibe dieselbe geistig menschliche Würde zukommt, wie dem Manne, und weil das Weib überdieß zur Erzieherin und Bildnerin der Kindheit berufen ist. Warum sollte aber die Frau in der Täuschung fortträumen, daß sie als ein Geisteswesen unsterblich sey, und wohl gar in den Himmel eingehen werde, während ihr Mann aus diese Aussicht verzichtet, und mit der Spanne Zeit vorlieb nimmt, die sein ganzes Daseyn umfassen soll? In der allen Welt, und jetzt noch im Harem und im Urwald, war der Mann der herrschende Geist, daS Weib das sich schmückende und dienstbare Thier. In der neuesten gebildeten Welt verlangt man daS Gegentheil. Den Frauen wird gestattet, an einen Vater im Himmel und an ihre persönliche Fortdauer zu glauben, während der Mann sich bloß als eine geistig gesteigerte Thierseele und als ein Individuum betrachtet, daS hier auf Erden total sich auslebt und dann zu nichte wird. Und warum verlangt man, daß die Frau in dieser Sicherheit ihres Glaubens nicht gestört werde? Einzig aus eigennützigen Beweggründen. Denn hat man einmal ihre Seele von den religiösen Vorurtheilen geläutert und auSgeklärt, so wird sie auch die Ehe als eine Verbindung ansehen, die bloß auf der Anziehungskraft beruht, und die von selbst wieder sich löset, sobald die Verwandtschaft der Seelen durch ein neues Element gestört und aufgehoben wird. Blahomir war mit einem Satz auS dem Bette, fröstelte jedoch, und 171 legte sich wieder. Jvo, rief er: woher wissen Sie alles daS? — AuS dem neuen Weltevangelium, aus den Schriften Ihrer Weisen. — Das war nicht meine Frage. Woher wissen Sie um meine Geschicke? — Ich habe keine Kenntniß davon. — Er schwieg einige Augenblicke, dann fuhr er fort. Sie werven meine Mutter noch gekannt haben. Was diese fromme Frau mir ins Herz gepflanzt, wollte nie recht bis in die Wurzel verdorren. Unkraut verdirbt nicht, sagt Ihr Bruder Zdenko, und wendet das auf die religiösen Gedanken an, gegen die ein Mann von Geist unaufhörlich zu kämpfen habe. Airs meinen Reisen durch aller Herren Lande war er mein steter Begleiter. Sein ätzender Witz, seine schwärmerische Beredsamkeit, die überall herrschende Weltanschauung halfen mir stets zu Siege. Als ich jedoch, seit meiner Rückkehr, meine unglückliche Frau kennen lernte, als ich ihre Hand erwarb, als ihre geistige Schönheit, ihre heitere Güte, ihr freudiger Glaube mächtig auf mich wirkten, da ward ich in meinen bisherigen Ansichten so unsicher, daß ich Zdenko'S Zorn und Hohn gegen mich herausforderte. Ich sehe es schon kommen, sagre er oft: deine Frau wird dich zu einem Betbruder umstaltcn, sie wird dich dadurch vor aller Welt lächerlich machen, und wenn immer eine Cur dir gelingt, wird sie es nicht deiner Wissenschaft, sondern ver Gnade Gotteö zuschreiben, und so dein An-! sehen untergraben. Denn einen frommen Arzt hält man allgemein für einen ^ Esel. Er ging aber noch weiter; er wußte mir gegen einen unbescholtener^ Mann, den meine Frau zu ihrem GewisienSrath erkoren, daS Gift dew Eifersucht einzuflößen. Es dauerte nicht lange, so gingen wir gemeinsam anS Werk, die arme Frau aus ihrem innern Frieden an daS grelle Licht deS gemeinen Weltverstandes hinaus zu führen. Nach eurer alten Mythe wurde Eva von der Schlange belogen, um dann AoamS Verlocken» zu werden; in Meinem Paradiese ließ Adam von der Schlange sich bethören, um dann seine Frau zu verderben. Diese Schlange war Zdenko, und unsere Ueberredungen und schlau angelegten Künste gelangen nur zu gut. Bei der ausnehmenden Schönheit meiner Frau konnte eS ihr, seitdem wir die Zerstreuung ihr zum Bedürfniß gemacht, an Bewunderung nicht fehlen: die Eitelkeit verleitete sie, auch als geistreich glänzen zu wollen, sie gefiel sich darin, gelegentlich etwas emancipirt zu erscheinen. Da ich dabei überall gegen Zdenko im Schatten stand, so mußte ich die Hölle der Eifersucht in meiner Brust empfinden; und wenn ich ihr Vorwürfe machte, oder gar an Gott und sein Gesetz sie mahnte, lachte sie mich aus, und war sie damit nicht ganz in ihrem Rechte? — Ich will mich kurz fassen. Als ich einmal von einer längern CommissionSreise zurückkehrte, fand ich mein Haus verödet, meinen Namen beschimpft, mein Kind mir geraubt; die Mutter hatte eS mit sich genommen, und war mit ihrem VermögenSantheile dem tückischen Freunde gefolgt; Niemand wußte wohin. Damals brach meine Kraft, ich bin seit der Zeit nimmer lebensfroh geworden. Aber meine Nachforschungen blieben erfolglos. WaS mir heule im Hause der armen Wittwe begegnete, hat aus der stumpfen Ruhe mich aufgerüttelt. Marielta! Heiliger Gott, oder heilige Natur, oder Spiel deS Zufalls — sollte eS möglich seyn? Mensch, Freund, Priester, waS wissen Sie von Marietta'S Mutter, von der Frau, die dort wohnt? Ich sagte ihm, daß sie eine feine Bildung verrathe, aber auch einen tiefen Kummer, daß sie sehr zurückhaltend sey, die Einsamkeit und die Arbeit liebe; — mehr wußte ich nicht. Seine Unruhe ward immer größer. Er bat, er beschwor mich, genauere Erkundigungen einzuziehen, mich um das Vertrauen der Fremden zu bewerben, und ihm bald möglich, und sollte eS in der Nacht seyn, Nachricht zu bringen. Ich war selber erschüttert, und wünschte den Pferden deS Lohnkut- scherS Flügel. Als ich Ludmilla's Haus erreichte, gab eS allerhand Leute vor der Thüre, und die treffliche Frau stand ebenfalls draußen, um auf mich zu warten. Erschrecken Sie nicht, bester Herr Jvo, sagte sie: eS ist etwas vorgegangen, was Sie vielleicht im Traume nicht geahnt hätten; denn Zeit und Weile sind ungleich. Drinn in die Hausflur finden Sie «inen Kirchendiener auS Ihrer Pfarre und einen Mann von der städtischen Wache. Sie haben ein Menschen hergeführt, der sehr zerlumpt und elend aussieht , und der behauptet, er sey Ihr Bruder. Ich erschrack so heftig,! daß meine Knie schlotterten; ich trat in die Thüre. Jvo, rief eine hohle! Stimme mir entgegen: kennst du mich? Jakob, kennst du deinen Bruder Esau? — (Schluß folgt.) Volk-versammlung in Ottobeureu. i Von der Günz. (Unlieb verspätet.) Der 29. September, daS Fest deS heiligen Michael, war für Ottobeuren und seine Umgegend ein wahrer Ehren- und Freudentag. Dieser Tag war eS nämlich, den sich der Ottvbeurer PiuSverein auserkoren hatte, um in einer Volksversammlung offen und frei auszusprechen, waS er wolle und mit welchen Mitteln er sein heiliges Ziel zu erreichen strebe. Der Versammlung selbst ging eine gotteSdienstlicbe Feier in der durch ihre Schönheit und Geräumigkeit berühmten Pfarr- und Klosterkirche voran. Nachdem sich bereits frühen Morgens Schaaren von Menschen auS naher und ferner Umgebung, darunter auch eine Deputation deS PiuSvereincS in Pfaffenhausen unb mehrere Geistliche der Nachbarschaft, eingefundcn hatten, begann um halb 9 Uhr nach beendigtem PfarrgotteStienste der VercinSgoiteSdicnst, welchen Hr. Pfarrvicar Bucherer von Ollarzried, eines der lbätigsien und eifrigsten Mitglieder des PiuSvereineS, mit einer ergreifenden Predigt über treue Anhänglichkeit an die katholische Kirche eröffnete. Hierauf celebrirte der greise, ehrwürdige Decan und Pfarrer, Hr. Roll, von Pfaffenhausen daS Hochamt, bei welchem die von Hrn. Ehorregcnt und Lehrer Trieb in Ottobeuren trefflich geleitete Cbormusik die Anwesenden mit Andacht und Erbauung erfüllte. Nach Beendigung der kirchlichen Feier zog die große Schaar der in Andacht Versammelten hinaus in den freien, schönen und geräumigen äußeren Klosterhof, in dessen Mitte eine Tribüne für die Redner errichtet war. Vor einer Menschenmenge, welche die Zahl von 3000 eher zu überschreiten, als nur zu erreichen schien, trat nun zuerst Hr. P Honorat Krüll, Benedictiner und der Zeit Pfarrvicar in Ottobeuren, auf, um als I. Vorstand des dortigen PiuSvereineS die Versammlung zu eröffnen. In kurzen Worten schilderte er die Zwecke deS PiuS- vercineS überhaupt, wie noch den besonderen Zweck der von diesem und ähnlich gesinnten Vereinen gehaltenen Volksversammlungen und lud hierauf die einzelnen HH. Redner ein, das harrende Volk mit der Würze ihrer freundlichst zugesagten Vortrüge zu erquicken. Auf diese Einladung hin betrat nun als der erste Redner die Bühne der als Vertheidiger der Vereins- und damit katholischen Interessen, so wie als Redner in s, scheren Volksversammlungen rühmlichst bekannte Hr. Lyceal Professor M. Merkle auS Dilingen. Der Inhalt seiner Rede erging sich in der Bezeichnung der verschiedenen Gestaltungen des Unglaubens unserer Zeit und namentlich in Hinweisung auf die nahe Gefahr, wie dieser Unglaube durch die verführerischesten und künstlichsten Mittel auch den bisher noch guten Kern deS Volkes anzustecken droht. Die begeisternde, mit gutgewählter Humoristik durchflochtene Rede erntete den ungetheiltesten Beifall. Nachdem Herr Merkle die Bühne verlassen, betrat sie der bereits erwähnte siebenundsieb- zigjährige Decan und Pfarrer, Hr. Rott, aus Pfaffenhausen, dessen ehrwürdige äußere Erscheinung allein schon hinreichte, um die Herzen Aller für sich zu gewinnen. Dem besonders in neuester Zeit aufgetauchten Vorwürfe gegen die PiuSvereine, als ob diese daS friedliche Verhältniß zwischen Kirche und Staat zu stören beabsichtigten, entgegen zu wirken suchend, wies der verehrte Redner die Nothwendigkeit einheitlichen Wirkens beider Gewalten aus dem gleichen Ursprünge ihrer Macht von Gott, so wie auS dem Ziele ihres Wirkens nach, welches auf dieser Welt zwar verschiedentlich auf geistiges und leibliches Wohl der Menschheit ausgehend dennoch darin sich einiget, daß zuletzt beide Gewalten dem Menschen doch zu dem Einen zu verhelfen suche», seinen höchsten und letzten Zweck — ewige Glückseligkeit zu erreichen. Darum sey Friede zwischen beiden Gewalten, und Gehorsam dcö Menschen gegen dieselben nothwendig und darnach, und nach nichts anderem strebe der PiuSverein. Dem mit Aufmerksamkeit und Beifall gehörten greisen Redner folgte Hr. Melchior Pcrchkold, Präfect deS Schullehrer-SeminarS zu Lauingen. Mit voller Begeisterung, welche den seinem Fache, der Schule, mit Liebe zugethanen Bildner der künftigen Lehrer verrieth, besprach der Redner die Verhältnisse zwischen Kirche und Schule und wieg die Gefahren nach, in welche die christliche Schule käme, wenn sie von der Kirche getrennt werden sollte; — Gefahren, welche selbst jetzt, wo die Schule immerhin noch einigermassen, wenn auch locker, an der Kirche hängt, in allen Elassen der Unterrichts- und Bildungsanstalten, höherer und niederer Schulen, immer drohender zu werden beginnen. Wenn alle Zuhörer, so werden gewiß am meisten die anwesenden Eltern von dem Gewichte und der Wahrheit der gesprochenen Worte ergriffen worden seyn und vielleicht zum erstenmale recht erkannt haben, wo eS mit dem unvernünftigen Geschrei« nach Trennung der Schule von der Kirche hinaus wolle. Die Zeit war indessen über Mittag vorgerückt und rief zum Schlüsse. Demgemäß betrat nun der II. Vorstand deS Ottvbeurer PiuSvereineS, Hr. Pfarrvicar Krüll, noch einmal die Bühne, um seine Freude und seinen Dank gegen die nicht bloß zahlreiche, sondern auch so aufmerksame Versammlung, welche dadurch der unter dem Volke noch herrschenden gulen Gesinnung ein so glänzendes Zeugniß gegeben hatte, zu bezeugen. Sein Dank erstreckte sich aber auch auf jenen Mann, der durch seinen apostolischen Segen dem jungen Vereine die Bürgschaft langer und thatenretcher Existenz gegeben hatte, auf den vielgeprüften und kräftigen obersten Hirten der katholichen Kirche — PiuS IX., wie auf den vielgeliebten Landesvater Maximilian II., dessen kräftige Regierung und wahrhafte Unterthanenliebe daS Vaterland vor den Gräueln der Revolution und dem drohenden Um- ! .. 17S stürze aller Ordnung und alles Rechtes schützte und dadurch auch den PiuSvereinen ein erfolgreiches Wirken vor Allem möglich machte. Ihnen — deren Namen schon im Laufe der Vortrage herzliche und laute „Lebe hoch!" hervorriefen, — sollte aber der schönste Dank dadurch gezeigt werden, daß sich auf Anregung deS Schlußredners die ganze Versammlung in die anstoßende Kirche zurückbegab und hier, durch gegenseitige, sichtbare Andacht erbaut, vor ausgesetztem heiligem Ciborium die üblichen Kirchen- gebete für Papst und König und Erhaltung deS Friedens betete. Damit schloß würdig die vom schönsten Wetter begünstigte Versammlung, bei der sich Menschen auS allen Ständen, hohen und niederen, geistlichen wie weltlichen, so zahlreich eingefunden hatten und in ihren Erwartungen sich nicht getäuscht sahen. Der stille, mit heiliger Freude vermischte Ernst der Heimkehrenden sagte eö, daß sie die Bedeutung der Versammlung ergriffen haben und für Gott und König, Kirche und Vaterland zu leben und zu sterben entschlossen seyen. Gott segne die Früchte dieser schönen Versammlung! Blumen au- dem Schriftarten -e- heilige» Bernardus. (Fortsetzung.) 54. Fleisch. Liebe dein Fleisch, das dir zur Beihilfe gegeben und zum Mitgenusse der ewigen Seligkeit bereitet ist. UebrigenS soll die Seele daS Fleisch so lieben, daß sie nicht selbst in Fleisch übergehe, und ihr vom Herrn gesagt werde: „Mein Geist wird nicht im Menschen bleiben, weil er Fleisch ist." ES liebe die Seele ihr Fleisch, aber noch weit mehr erhalte sie sick selbst: eS liebe Adam seine Eva, aber nicht so liebe er sie, daß er ihrer Stimme mehr folge, als der Stimme GotteS. 55. Fortschritt. Unser Fortschritt besteht darin, daß wir niemals das Ziel erreicht zu haben glauben, sondern Laß wir uns nach dem ausstrecken, was vor unS ist, und unS unablässig für das Bessere bemühen, und so unsere Un- vollkommcnheit den Blicken der göttlichen Barmherzigkeit aussetzen. Je weiter sich Jemand von der Wahrheit entfernt glaubt, desto näher kommt er ihr. Die wahre Tugend kennt kein Ende, schließt sich nicht mit der Zeit. Und der Gerechte sagt niemals: „Es ist genug," sondern immer hat er Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit, so daß, wenn er immer leben würde, er sich, so viel an ihm gelegen, immer mehr gerecht zu werden bemühen würde. Denn nicht auf ein Jahr over auf eine Zeit wie ein Taglöhner hat er sich dem Dienste GotteS hingegeben, sondern auf ewig. 56. Freiheit. Die Freiheit ist eine dreifache, nämlich von der Sünde, vom Elende, von der Nothwendigkeit. Die zuletzt gesetzte hat uns die Natur bei der Schöpfung gegeben. In der erster» werden wir erneuert von der Gnade, die mittlere ist unS aufgehoben im Vaterlande. Die erste soll also genannt werden Freiheit der Gnade, die zweite Freiheil des Lebens over der Glorie, die dritte Freiheit der Natur. Wir sind nämlich zu freiem Willen oder zur willkürlichen Freiheit alö edleS Geschöpf erschaffen für Gott. Die erste Freiheit hat an sich viel Tugend, die zweite viel Seligkeit, die dritte viel Ehre. Durch die erstere überwinden wir daS Fleisch, durch die zweite unterwerfen wir den Tod, durch die dritte übertreffen wir die Thiere. 57. Freude. An drei Dingen erfreuen sich die Auserwählten Gottes, nämlich an der Erinnerung deS geführten Lebenswandels, an dem Genusse der Rübe und an der Erwartung der kommenden Vollendung. Im Leben hat sie Gott getröstet, nach dem Tode führt er sie in ihre und bei der Vollendung in seine Ruhe ein. 58. Freun d. Niemand verdient mehr Zorn, als der Feind, der sich in einen Freund verstellt. 59. Friede. „Meine Ehre gebe ich keinem andern," spricht der Herr. WaS willst du uns denn geben, o Herr? „Den Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch," spricht der Herr. Er ist mir hinreichend, dankbar nehme ich an, waS du hinterlassest, und hinterlasse, was du zurückhältst. Frieden verlange ich, und weiter nichts. Wem reichst du nicht hin? Denn du bist unser Friede: dieses ist mir noth' wendig, dieses ist mir genug, ausgesöhnt zu seyn mit dir. ausgesöhnt zu seyn mit mir. Ich verzichte ganz auf die Ehre, und ich bin kein gottloser Räuber deiner Ehre. Dir, o Herr, dir bleibe ungeschmälert deine Ehre: mit mir steht eS gut, wenn ich den Frieden habe. 60. Frömmigkeit. So groß ist die Frucht der Frömmigkeit, so groß der Lohn der Gerechtigkeit, daß sie sogar von Gottlosen und Ungerechten verlangt werden. Denn auch der falsche Prophet Balaam sprach: „ES sterbe meine Seele den Tod der Gerechten, und mein E»de sey wie daS ihre!" Wer keine Frömmigkeit im Herzen hat, im Leben sie nicht zeigt, in der Einsamkeit sie nicht ausübt, der kann kein Einsamer, sondern nur ein Alleinmcnsch genannt werden. Die Einsamkeit ist für ihn keine Einsamkeit, sondern ein Verschluß und Kerker. Denn der ist wahrhaft allein, mit dem Gott nicht ist: der ist wahrhaft eingesperrt, der nicht frei in Gott ist. Die Einsamkeit ist keineswegs eine Eingeschlosscnheit aus Zwang, sondern eine Wohnung deS Friedens, und die verschlossene Thüre ist keift Schlupfwinkel, sondern Zurückgezogenheit. Denn mit wem Gott ist, der ist nie weniger allein, als wenn er allein ist. 61. Furcht. ES gibt eine doppelte Furcht, die gewöhnlich und Allen bekannt ist, die dritte ist weniger gewöhnlich und weniger bekannt. Die erste Furcht ist die, wir könnten gcpeiniget werden in der Hölle; die zweite, wir könnten ausgeschlossen werden von der Anschauung GotteS; die dritte Furcht erfüllt eine furchtsame Seele mit aller Sorgfalt, daß sie nicht von der Gnade verlassen werde. Zwar unterdrückt eine jede Furcht deS Herrn den Reiz der Sünde, wie Wasser Feuer auslöscht, diese aber am meisten, da sie bei einer jeden Versuchung sogleich widersteht, damit die Gnade nicht verloren gehe, und so der sich selbst überlassene Mensch nicht täglich vom Bösen ins Schlimmere, von der kleinen Gefahr in eine große Schuld gerathe, wie wir denn Viele sehen, welche im Schmutze leben und täglich noch schmutziger werden. Diese Furcht schmeichelt auch der Seele nicht, weder über geringere Bedeutsamkeit der Sünde, noch über die künftige Besserung. Denn durch dergleichen Schmeicheleien werden manchmal die ersten zwei Arten der Furcht verhindert. Ein hartes und verhärtetes Herz fürchtet weder Gott noch den Menschen. Wer immer die Furcht Gottes vor Augen hat, dessen Wege sind schift und alle seine Fußsteige friedereich. Wie der Anfang der Weisheit die Furcht des Herrn ist, so ist der Anfang einer jeder Sünde der Stolz. Und gleichwie auS Selbstkenntniß die Furcht GotteS und auS der Kenntniß GotteS die Liebe kommt, so geht im Gegentheile auS der Unkenntniß deiner selbst der Stolz und auS der Unkenntniß GotteS die Verzweiflung hervor. 62. Gebet. Niemand betet um etwas, außer was er glaubt und hofft. Gott will aber auch um daS gebeten werden, waS er verspricht. Und deßwegen vielleicht verspricht er vorher, waS er zu geben beschlossen, damit auS dem Versprechen die Andacht erweckt werde, und so ein andächtiges Gebet verdiene, waS er uns umsonst geben wollte. So nöthiget Gott, der alle Menschen selig haben will, zuerst unS selbst ab, WaS unS verdienstlich ist, und während er unS durch Gaben zuvorkommt, bewirkt er, daß sie ihm eS umsonst wieder geben, damit er es nicht umsonst gebe. Wolle dein Gebet nicht gering schätzen, weil eS der auch nicht gering schätzt, zu dem du betest, sondern dasselbe in sein Buch einschreiben läßt, bevor es aus deinem Munde geht. Gott ist ein Geist, und der muß im Geiste zu ihm rufen, dessen Ruf zu ihm gelangen will. Denn gleichwie Gott nicht wie ein Mensch auf daS Angesicht, sondern auf daS Herz deS Menschen sieht: so merken mehr auf die Stimme deS Herzens, als deS Leibes, die Ohren desjenigen, zu dem mit Recht gesagt wird: „Gott meines Herzens." Daher kommt eS, daß Moses, da er äußerlich schwieg, innerlich zum Herrn betete, und ihm Gott sagte: „WaS schreiest du zu mir?" Schwer ist für unS die Versuchung deS Feindes, aber noch weit schwerer ist das Gewicht deS Gebetes. Es verwundet unS seine Bosheit und Arglist, aber noch mehr quält ihn unsere Einfalt und Barmherzigkeit. Unsere Demuth erträgt er nicht, unsere Liebe brennt, unsere Sanftmuth und unser Gehorsam kreuziget ihn. Im Gebete ist Heilung der Wunden, eine Zuflucht in Nöthen, eine Ergänzung der Unvollkommenheiten, ein Heer von Fortschritten, kurz Alles, was dem Menschen nützlich, schicklich und nothwendig ist. Verantwortlicher Redacteur: 8. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer.