Vierteljähriger Abon- »ementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur SO kr„ ohne irgend einen weiteren Post - Aufschlag. Auch von Nicht Abonnenten der Postzcitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags -Peiblatt zur Augsburger Postzeitung. Auch durch den Buchhandel könne» diese Blätter bezogen werden. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 st. 2» kr. Munter Jahrgang 4. November 1G4S. Staat und Kirche. Trennung oder Ehe? -j- Die Kirche besteht nicht bloß aus dem Klerus, sondern auch auS den Laien; der Staat nicht bloß aus den Beamten, sondern auch auS allen andern Ständen; guililmt ex populo gehört zum Staat. Nicht guilillet ex populo aber gehört deßhalb auch schon zur Kirche, da der Staar nicht bloß aus Mitgliedern der Kirche besteht; jedes Mitglied der Kirche aber ist zugleich Mitglied des Staates. Derselbe Christ im Staate hat die Aufgabe, sich für daS ewige Leben vorzubereiten, sich zu heiligen, und er hat die Aufgabe, seine Pflichten gegen die menschliche Gesellschaft im Staate zu erfüllen; derselbe Mensch hat also eine überirdische und eine irdische Aufgabe; obwohl nur Einer, dient er doch zweien Herren; daß dieß ausführbar, ja sogar löblich und Pflicht, hat unS die ewige Wahrheit selbst gelehrt: „gebet dem Kaiser, waS des Kaisers, und Gott, was Gottes ist." Daß der Christ, weil im Dienste GotteS und weil in kirchlichen Dingen der Kirche (irn engeren Sinn, denn im weiteren bildet er selbst die Kirche mit) Unterthan, sich deßhalb nicht vom Gehorsam gegen den Staat losgebunden erachten darf, lehret unS die heilige Schrift, indem sie uns ermähnt, „unterthänig zu seyn der von Gott gesetzten Obrigkeit." Der Christ im Staate (den er im weiteren Sinn selbst mit bildet) hat demnach Pflichten gegen den Staat im engeren Sinn, d. h. gegen Gesetz und Beamte. Der Christ muß wünschen und, so viel an ihm liegt, darnach streben, daß ras Gesetz ein christliches sey, daß die Beamten christlich seyen; unter Gleichgesinnten lebt sich'S weit besser, und Alles, waS gedeihen soll, gedeiht besser; ist Gesetz und Beamtenthum (Staat im engeren Sinn) christlich und ist eS auch daS Volk (Kirche im weiteren Sinn), so ist die conoorclia saooiclotii et imperii zur Wahrheit geworden und sie wird segenövoll wirken für den Staat und für die Kirche; überall und allzeit noch, wo sie gestört wurde, entstund Unheil für Staat und Kirche. DaS WünschenSwerthe und Ideal also ist Einigkeit zwischen Staat und Kirche, res nnnimaa croseunt, dweordia -naanmcre e/r7a- -ttrr/tt»-. Mehr als je tönt gerade in unserer Zeit an unser Ohr jene rührende und heilige Bitte unsers Herrn und Heilandes auS seinem himmlischen Abschicdögebete: „o seyd Eins, Eins, so wie auch ich und mein Vater im Himmel Eins sind!" — Also Ehe, keine Trennung! Wie kömmt aber gerade heut zu Tage, gerade jetzt, wo der Geist deS AntichristenthumS sich stolz und empörerisch aufbäumt, gerade jetzt, wo klar ist, daß Heilung der Gegenwart und Rettung der Zukunft nur im Christenthum, nur in seiner Crstarkung und Wiederverherrlichung ruht, wie kömmt gerade in solcher Zeit, wo Staat und Kirche gemeinsam den gemeinsamen Feind zu bekämpfen sich verbinden sollten, dieser Drang und Ruf nach Trennung dieser beiden Reiche, die einig seyn sollten, wie Mann und Weib, innig verbunden, wie Seele und Leib, da man doch weiß, daß, wo Mann und Weib getrennt sind, die Kinder darunter leiden, daß, wo Leib und Seele sich trennen, der Tod eintritt? Der Grund liegt darin, daß der Staat im engeren Sinn sich all- mälig zum modernen Heidcnlhum oder doch zur modernen Indifferenz zu neigen begonnen, daß er kühl geworden gegen die Kirche, weil in ihm selbst nicht mehr daS wahre, warme, kirchliche Leben ist; kurz, er hat nicht mehr Sinn und Herz für die Kirche so, wie sich'S gebührte, und das fühlt die Kirche im engeren und jene im weiteren Sinn schmerzlich, sie ringt und sehnt sich nach Aenderung zum Besseren. Wenn deS Mannes Liebe zum Weibe zu erkalten beginnt, ja, wenn er sie sogar zuweilen mißhandelt, wenn er in Gefahr steht, der Verwilderung zu verfallen, — wie, soll daS Weib gleich auf Trennung dringen? Wird der Mann, einmal getrennt, dann nicht der Verwilderung ganz verfallen und jede spätere Wiedervereinigung nur um so schwieriger seyn? Und werden nicht die Kinder bei dieser Trennung der Ehe ! ebenfalls unvermeidlich leiben? WaS thut die Kirche, wenn ein Ehegatte zu ihr mit dem Gesuch um Trennung von dem anderen tritt? Willigt sie rasch ein? Nein; sie wendet Alles auf, die Trennung zu verhüten, und nur da, wo sie nicht zu vermeiden ist, willigt sie in dieselbe mit schwe- rcm Herzen und bittet und ermähnt, sich ernstlich vorzubereiten zur Wiedervereinigung. Und wenn nun die Kirche aufträte und wollte Trennung vom Staat, oder der Staat, und wollte Trennung von der Kirche, was würde Der sagen, welcher das unsichtbare Haupt der Kirche ist und welcher im Moment der Einsetzung deS ewigen LicbeSmahles und Seines Ganges in den Tod für unS gefleht hat: „v seyd EiuSl"? Und wenn Kirche im engeren Sinn und Staat im engeren Sinn sich trennen, werden nicht die Kinder darunter leiden, nämlich daS Volk? Wenn auch die Mutter (die Kirche) die Kinder zu sich nehmen wollte, werden sie ihr alle folgen? Und wenn sie auch alle bei ihr blieben, sie haben doch keinen Vater mehr und müssen oft und in vielen Dingen deS Schutzes entbehren, den nur der Vater geben kann! Darum wäre cS löblicher, wenn Mann und Weib beisammen blieben, und einander stützten und ertrügen, und daß sie sich nur dann trennten, wenn kein anderes Mittel mehr übrig bleibt. Ist eS aber zwischen Staat und Kirche wirklich schon so weit gekommen und sollte der Riß zwischen ihnen nicht mehr geheilt werden können? Dieß bedarf vor Gott und der Welt der ernstesten, der gewissenhaftesten, der ruhigsten Erwägung, der umsichtigsten Betrachtung aller Folgen der Trennung; und hierüber möchten wir in diesen Blättern Stimmen vernehmen, viele, herzliche, besonnene, denn eS handelt sich um die wichtigste Frage deS Jahrtausendes! DeS Glaubens Boden. Erzählung auS den Papieren eines Seelsorgers. (Schluß.) Meines bedauernswerthen Bruders Erscheinen wäre allein schon hinreichend gewesen, mich auS meinem Frieden aufzustören, hätte cS auch unter minder verwickelten Umständen stattgefunden. Welch ein Widerspruch von Armseligkeit und Hochmuth, von Trotz und Erniedrigung! Du bist zwar ein Priester, sagte er, aber hoffentlich Loch noch ein Mensch. Ich habe mich zu dir geflüchtet, weil mir die Mutter Natur in ihrem blinden täppischen Treiben dich zum Bruder gegeben hat. Ich habe mich auf deine Ehrwürden berufen, damit man mich nicht wie einen Vagabunden behandelte. Du weißt, oder nein, du weißt es nicht, was der große Lessing sagte: „DaS zahme Pferd wird im Stalle gefüttert und muß dienen; das wilde in seiner Wüste ist frei, verkommt aber vor Hunger und Elend." Daß Zdenko offenbar im Fieber redete, daS zeigte die düstere Nöthe auf seinen hohlen Wangen. Ehe ich ihn beruhigen und in meine Wohnung bringen konnte, war schon ein neuer Zwischenfall eingetreten. Die Kinder, die ihre Neugierde zur offenen Stubenthür geführt, waren über die Schwelle geschlichen, und hatten sich unS ziemlich genähert, als Zdenko von ungefähr seinen Blick auf Marietta wendete. Marielta schrie auf, barg sich hinter den Gespielen, und weinte; ihre Mutter, die oben den Schrei vernommen, eilte ängstlich über die Wendeltreppe herab, um nach dem Kinde zu sehen; unten angelangt, blieb sie von Schreck getroffen stehen, sie hielt sich am Geländer, sie zitterte heftig, und selbst Zdenko schien seine Fassung verloren zu haben. Allein die Verwirrung sollte noch !höher steigen. Ein Wagen rollte rasch heran und hielt vor dem Hause. 174 ES war Blahomir. Er hatte die ängstliche Spannung nimmer ertragen mögen; bald nach meiner Entfernung hatte er mit Macht sich aufgerafft, um nicht van der bangen Erwartung gefoltert zu werden. Nun trat auch er in den engen Kreis, in welchem schon so viel herber Stoff sich angehäuft; sein starrer Blick haftete zuerst auf Zdenko, dann auf Johanna. Diese bedeckte ihr Angesicht mit den Händen, und sank dann ohnmächtig zu Boden; weinend kniete Marietta neben der todeSbleichen Mutter. Lud- milla suchte bald nach Kamillenthee, bald nach herzstärkenden Tropfen; sie lief ängstlich hin und wieder, und rang sogar einmal die Hände; ein Zeichen, daß sie für diesen Augenblick ihr Sprichwort vergessen. Der Knotenpunct, in welchen hier so verschiedene auseinander gerissene Lebensbahnen sich kreuzten, machte wohl eine baldige Entwirrung und Lösung nöthig; und wem anders sollte die Aufgabe zugedacht seyn, dieses Geschäft zu fördern, als mir? Und wie sollte ich, um nichts zu verderben, eS beginnen und bei wem? Alle diese Fragen zeigten sich überflüssig. Die Aufgabe war mir keineswegs zugedacht; ich mußte eben von neuem lernen, daß man nicht immer da nothwendig sey, wo man sich für nothwendig hält. Ich ward eiligst abgerufen, es galt einen Mann noch am Leben zu finden, den der Schlagfluß getroffen. Der Weg war weit, daS Geschäft nicht schnell abzuthun, und die Familie des Sterbenden, mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt, hatte keinen Sinn für die Leiden, die mich bedrängten. Als ich endlich, nach einer langen Stunde, wieder dem Hause der Wittwe zueilte, war diese die erste, die ich antraf; sie hatte eben draußen nach mir umgesehen. Wie geht'S? rief ich ihr entgegen. So gut als möglich, erwiederte sie. AlS Sie fort mußten, war mir wohl bange wie alles das sich wenden möge, allein ich vertraute der Trösterin der Betrübten, und dachte mir, es werde sich schon finden, denn Zeit und Weile sind ungleich. — Wo ist Zdenko? — Ja wo? Könnten Sie eS errathen? Da zeigt sichS, daß man über Niemanden urtheilen und richten darf, auch wenn er ein halber Heide ist, wie der Herr Blahomir. Erst wechselten die beiden einige französische oder griechische Worte, die ich recht gut verstehen konnte; denn Ihr Bruder war störrisch, und der Doctor großmüthig; gleich darauf half ich ihm, den elendigen Mann in den Wagen zu bringen; der Doctor gab dem Kutscher einige Aufträge, und ließ den Kranken in seine Wohnung führen. Darüber hat der ganze Himmel sich gefreut. — Und wo ist Blahomir? — Er sitzt drinnen in der Stube, hat die kleine Fremde auf dem Schooße sitzen, plaudert mit ihr, weint und lacht, alles durcheinander. Denn damit Sie eS nur wissen: daß Marietta eine Comtesse ist, darin habe ich mich geirrt; sie ist deS Doctors Töchtcrlein in allen Ehren. — Und die Mutter? — Ja diese möchten Sie besuchen, so erschöpft sie ist; sie wünscht eS sehnlichst, und Blahomir läßt ebenfalls darum ersuchen. Sie führte mich hinauf in die ärmliche Kammer, und entfernte sich. Schweigend näherte ich mich der Leidenden, die mit geschlossenen Augen dalag, mich aber doch erkannte. Ich kann nur wenig reden, sagte sie mir leiser Stimme, aber Gott ist mein Zeuge, daß Sie keine verstockte Sünderin vor sich sehen. Die himmlische Mutter der Menschen hat ihr Auge von mir nicht abgewendet. Ich habe meine Verblendung erkannt, meinen Frevel schmerzlich bereut, und die Gnavenmittel der Kirche längst wieder empfangen. Die Leiden, die ich dulde, sind gering gegen den Schmerz über meine Thorheit und die Schmach, die ich meinem edlen Gemahl zugefügt. Muß er jedoch selber eingestehen, daß er alles Erdenkliche gethan habe, um die Leuchte des heil. Glaubens in meinem Herzen auszulöschen, und dann meine Liebe zu ihm durch stetes Zürnen und Quälen zu ermüden, so mag er auch darauf achten, daß ich den Eid, ihm allein anzugehören, nicht gebrochen habe. Ich betheure vor meinem ewigen Richter, daß ich im Wesentlichen keiner Untreue mich schuldig gemacht. Ich schauderte zurück vor dem Abgrund, der mir sich aufthat; ich verließ den Verführer heimlich, in eiliger Flucht, all meinen Besitz in seinen Händen lassend. Und mußte ich seitdem mit meinem Kinde viel Elend erdulden, so habe ich eS nicht anders verdient. Nur Eines ist, waS ich sehnlichst wünsche: meines Gemahles Verzeihung. Wieder an seiner Seite zu wandeln, verlange ich nicht; ich bin dieser Ehre nicht würdig. Aber Marietta... möchte er mir nicht nehmen! — Sie verfiel in krampfhaftes Weinen und Schluchzen, ich aber wollte nicht zu viel »»zeitige Worte machen, und ging hinab in die Wohnstube. Blahomir sah ganz verändert auS; seine harten Züge waren in milder Wehmuth verklärt. Bringen Sie mir Nachricht? rief er mir entgegen. Wir gingen hinaus; ich theilte ihm mit, was ich gehört. Blahomir schwieg, aber er drückte mir die Hand, und seine Augen füllten sich mit Thränen. Es war spät geworden; meine Berufspflicht gebot mir, nach Hause zu gehen. Ich hatte mir in Gedanken schon die stille Kammer auSersehen und eingerichtet, worin ich meinen Bruder beherbergen wollte; ich hatte schon die Opfer der Geduld und Liebe vorbcrech» net, auf die ich mich gefaßt machen mußte; eS war anders gekommen, und eS sollte mir vielleicht die Gelegenheit genommen weiden, an dem schönen Werke mein Selbstbehagen zu nähren. Am nächsten Morgen stand ich vor Zdenko'S Lager. Der verstörte Mensch blickte mit seinem gewohnten hämischen Lächeln um sich. WaS für ein honetter Kerl, sprach er, bin ich wieder geworden! Ein schön möblirteS Zimmer, bequemes Bett, schneeweiße Wäsche mit den Merkzeichen meines erhabenen Feindes, des tugcndstolzen Blahomir, und ein Pfäfflein zu meiner Seite, das mein eigener Bruder ist! Willst du mir die Seele auS- segnen, dieses wunderliche unsichtbare Ungeheuer und Unding, diesen Funken, Rauch und Hauch? — Er fing furchtbar zu husten an, eine Masse schäumenden, übel aussehenden Blutes folgte nach. Ich reichte ihm die Arznei, die bereit stand, und etwelche gute Worte. Spotte nicht immer, Zdenko, sagte ich; du stehst vielleicht schon dicht an der Pforte eines neuen LebenözustandeS; läugne nicht Gott und Dich. — Da sey ruhig, du Knecht der Kirche. Gott ist der universelle Geist, der Weltgeist, und er allein ist mein wahrhaftes Ich und Selbst; denn in mir, ohne Ruhm zu melden, hat er sein endliches Bewußtseyn. — Ich kenne diese TeufelSlehre wohl; sie ist gerade das Gegentheil von dem, waS der heilige Glaube lehrt. — Behalte ihn für dich, Brüderlein; mir wirst du ihn nicht aufzwingen. Du kennst das norddeutsche Sprichwort: „Man kann einen Esel wohl in't Mater trieven, aber nicht twingen, dat he süpt." Was ist der Tod? Die Aufhebung deS endlichen Fürsichseyns, die Rückkehr des Einzelnen in daS AU. Für meine Seele hast du also nicht zu sorgen; für meinen faulen Leib kannst du wenig thun, denn du bist ein dienender Geistlicher, und folglich ein armer Teufel; auch ist dir das pathetische Biederherz Blahomir schon zuvorgekommen. Sage ihm, er möge mich mit seinen Visiten verschonen; eS sey dann, wenn ich gerade schlummere. Er will glühende Kohlen über mein Haupt sammeln; doch wird er mich nicht dahin bringen, daß ich in dummer thierischer Dankbarkeit, wie ein Pudel, wehmüthig zu ihm aufschaue und mich schäme. Der unglückliche Mensch wurde allmälig doch etwas zahmer. Da die Behörden über ihn Auskunft verlangten, mußte er eS dulden, daß Blahomir mit ihm sprach. Auch fing er an zu klagen, daß er „daS ab- stracte Denken" nimmer recht in seiner Macht habe. Hingegen ist eS als ein schöner Zug ihm nachzurühmen, daß er in Blahomir'S Gegenwart mit Eifer und Wärme Johanna's Unschuld und unverbrüchliche Treue bezeugte, und bei dem „allgegenwärtigen Weltgeist" beschwor. Einige Zeichen, die er, deS Redens unfähig, in seinen letzten Stunden gab, und der vielsagende innige Händedruck, womit er meine Mahnungen und Fragen beantwortete, berechtigten mich, ihm die letzte Oelung zu spenden. Ich fühlte mich getröstet. Ungleich größern Trost erlebte ich an Blahomir. Er hatte seiner Frau mit schonender Güte sich genähert; sein Entschluß war nach wenigen Tagen reif geworden; sie aber zögerte; sie wagte nicht, seinem Antrage zu folgen. Marietta gab den AuSschlag. Sie war der FriedenS- cngel, der um die Getrennten daS unlösbare Band wieder enger schlang, als je vorher. Der Vater wollte sie nicht missen, er mochte auch der Mutter sie nicht rauben; da schlug diese endlich in die treue Hand, die Blahomir ihr darbot, und vor Freuden weinend rief Ludmilla: sehen Sie nun, Herr Doctor, das hat die heilige Gottesmutter so gefügt, nicht die Allmulter Natur, wie Sie zu sagen pflegen. Johanna trat in ihre früheren Rechte ein, sie erblühte wieder in Schönheit und Lebensfülle. Ob auch der Glaube wieder aufblühte in Blalwmir'S Herzen? WaS durch falsche Weltweisheit zerstört worden, will durch ächtes und gründliches Denken wieder hergestellt werden. Ich redete wohl manchmal davon, wie der Boden des Glaubens, der nicht die Erscheinungen, sondern daS Wesen der Dinge betrachtet, eben so sehr in der Dcnkkrast als in der Willensfreiheit deS Geistes zu suchen sey, und wie der gute Wille, unter der Herrschaft deS Gewissens, die Vernunft für die Wahrheit befähige. Mehr aber als auf meine Worte vertraute ich auf das Werk der Vergeltung, das Johanna an ihm ausüben werde. Denn ich gedachte deS großen AuSsprucheS, daß der ungläubige Mann geheiligt wird durch das gläubige Weib, und so hinwiederum. Inzwischen verrieth Blahomir selbst, durch Benehmen und Rede, daß er in aller Stille mit einem Umbau seiner Denkweise beschäftigt war. Wie ich mir immer Gott, oder den ewigen Weltgrund denken mag, sagte er: die sogenannte „vernünftige Nothwendigkeit" kann mir nimmer genügen; jedenfalls muß ich an eine Vorsehung glauben. Welche eigenthümliche Fügung! Ein Zufall führt mich in Ludmilla'S Haus, dort widme ich meinen geringen Dienst, zu dem ich ohnehin verpflichtet bin, dem Hausvater, dessen Leben ich doch nicht erhalten kann; dafür rettet, pflegt und tröstet die arme Wittwe mein Weib und Kind, bewahrt sie für mich, wird meine größte Wohlthäterin. Und auch Sie, Freund Jvo, den ich so thöricht verachtete, mußten inS Mittel ") Ins Wasser treiben, aber nicht zwingen, das er sanft. 175 treten, damit Zdenko'ö Dazwischenkamt mein Glück und meinen Hausfrieden befestige. WaS geschah mit Ludmilla? Marietta hing mit so zärtlicher Liebe an ihrer Marianka und den übrigen Kindern, unv die Eltern waren ihr so sehr zu Dank verpflichtet, daß sie ihren Antrag nicht ablehnen konnte. Sie übersiedelten in ein schönes Landhaus, das lem Arzt gehörte, und wo Johanna wohnte; hier ward ihr die Aufsicht über die gesummte Wirthschaft anvertraut. Besseres konnte sie sich gar nicht wünschen. Und so sprach sie auch zuweilen zu den Ihrigen: Kinder, gedenkt der Dinge, die ich euch gesagt, als unsere Herrin mit Fräulein Marietta in unser dürftiges HauS kam. Ich sagte euch damals voraus, daß sie in ihr prächtiges Schloß wieder einziehen und Euch Alle mitnehmen werde. Nun, in der Hauptsache habe ich doch recht gesehen. Ihr seyd hier in einem schonen Landhause, könnt im Garten spazieren gehen, habt reinliche und nette Kleider, und Semmeln statt deS schwarzen Brodes; auch lernt ihr, wenn ihr fleißig seyd, viel gute und nützliche Dinge. Aber bleibet nur dankbar gegen Gott und eure Wohlthäter, und werdet mir nicht hoffärtig und träge. Wie eS heute euch geht, wisset ihr; waS morgen geschehen kann, wisset ihr nicht. Denn Zeit und Weile sind ungleich. Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen BernarduS. (Fortsetzung.) 63. Gebot. Sieben Hindernisse gibt eS, die uns vom Gehorsame gegen GotteS Gebote abhalten. Das erste Hinderniß ist der Bedarf unsers elenden Leibes, der Schlaf, Speise, Kleidung und AehnlicheS verlangt und uns dadurch ohne Zweifel häufig an geistlicher Uebung hindert. Zweitens hindern unö die Fehler deS Herzens, Leichtsinn, Verdacht, Ungeduld, Neid, Lobsucht und diesen ähnliche, welche wir täglich an unS erfahren. Als drittes und viertes Hinderniß nimm an Glück und Unglück dieser Welt. Denn gleichwie der Leib, der verweSlich ist, die Seele beschwert: so drückt der irdische Wohnort den Sinn darnieder, der an Vieles denkt. Das fünfte Hinderniß ist das schwerste und gefährlichste, nämlich unsere Unwissenheit. Denn in vielen Dingen sind wir ganz ungewiß, was wir thun sollen, so, daß wir nicht einmal, wie wir sollen, zu beten wissen. DaS sechste Hinderniß ist unser Widersacher, der wie ein brüllender Löwe herumgeht, suchend, wen er verschlinge. Und wenn wir auch von diesen sechs Widerwärtigkeiten befreit würden, möchte uns doch daö siebente Uebel nicht berühren, und uns keine Gefahr unter falschen Brüdern ergreifen! Wenn doch allein die bösen Geister uns anfallen würden mit ihren Versuchungen, und nicht auch böse Menschen unS schaden würden durch verderbliche Beispiele, durch gewaltsame Ueber- redungen, durch schmeichelhafte und ehrabschneiderische Worte und tausend andere Arten der Verführung! 64. Geburt Christi. Zweierlei Dinge betrachte ich in der Geburt deS Herrn, die nicht nur verschieden, sondern auch einander sehr unähnlich find. Denn der Knabe, welcher geboren wird, ist Gott, und die Mutter, von der er geboren wird, ist eine Jungfrau; und die Geburt selbst ist ohne Schmerz. 65. Geburt deS Menschen. Zu jenen eile ich, die durch den Tod deS LeibeS aus der Welt gingen. Wenn ich ihre Gräber betrachte, finde ich in denselben nichts, als Asche und Würmer, Gestank und Schrecken. WaS ich bin, das sind sie gewesen, und waS sie jetzt sind, werde ich seyn. WaS bin ich? Ein Mensch aus flüssiger Feuchtigkeit. Denn ich bin im Augenblicke der Em- pfängniß von menschlichem Samen empfangen. Dann ist der geronnene Schaum durch einiges Wachsthum Fleisch geworden. Darauf bin ich weinend und klagend dem Verbannungöorte dieser Welt übergeben worden: und siehe, nun sterbe ich voll Sünden und Abscheulichkeiten. 66. Gedanken. Wie der Gedanke an die Sünde entfärbt, die Begierde verwundet, so tödtet die Einwilligung die Seele ganz. Hüten wir unS also vor unnützen Gedanken, damit das Angesicht unserer Seele schön bleibe. Wenn aber doch manchmal ein schädlicher Gedanke in das Gemüth sich einschleicht, arbeiten wir mit aller Sorgsamkeit, den Schmutz schneller abzuwaschen und auszukratzen, ehe wir uns ganz beschmutzt sehen, indem wir mit dem Psal- misten rufen: „Besprenge mich mit Hyssop, so werde ich gerei- niget: wasche mich, so werde ich weisser, als der Schnee." Ein Geschäft der Teufel ist eS, böse Gedanken beizubringen, unser Geschäft, sie auszuweiden. Wie ein Abgrund nicht ausgeschöpft werden kann, so kann auch daS Herz des Menschen von seinen Gedanken nicht ausgeleert werden, sondern mit beständiger Regsamkeit treiben sie sich darin herum. „Ein großes Meer ist das Herz, daS ausbreitet seine Arme, daselbst ist Thiergewimmel ohne Zahl, Thiere, klein und groß." Denn gleichwie das Thiergewimmel im Verborgenen kriecht, und in Krümmungen und Windungen bald da bald dorthin kommt; so gehen u» Gewissen deS Menschen schädliche Gedanken ein und aus. Dieses kannte sehr wohl Jener, der da sagte: „Aller Menschen Herz ist böse und unerforsch lich: wer durchschaut eS?" Gleichwie eine mit Luft angefüllte Blase zerplatzt, so bricht auch ein mit eiteln Gedanken angefülltes Herz in starkes Gelächter aus. 67. G ed u l d. BeideS bist du mir, Herr Jesus, sowohl ein Spiegel im Leiden als auch der Lohn deS Leidenden. BeideS fordert zur Tapferkeit auf und entzündet dieselbe. Du lehrest meine Hände den Kampf deiner Tapferkeit: du krönest nach dem Siege mein Haupt mit der Gegenwart deiner Herrlichkeit. Wahre Geduld ist Leiden oder Thun gegen daS, was gelüstet, aber nicht gegen das, waS erlaubt ist. Ertrage Alles für Gott, der für dich Größeres ertragen hat! Wahre Geduld wird nicht erworben und bewahrt, außer durch tie- feste Demuth. Die Ungeduld ist daS Verderben der Seele. „Jene, welche die Anfechtungen in der Furcht deS Herrn nicht angenommen, sondern ihre Ungeduld und die Schande ihres Murrens vor den Herrn gebracht haben, die sind von dem Nerderber vertilget und von den Schlangen getödtet worden." 68. Gehet m n i ß. Drei Dinge sind verborgen, eine unerlaubte Handlung, eine hinterlistige Absicht und eine schaamlose Begierde. Eine schlechte That befleckt das Gedächtniß, eine hinterlistige Absicht den Verstand oder daS Gemüth, eine unverschämte Begierde den Willen. Gereiniget wird das Gedächtniß durch die Beicht, daS Gemüth durch Lesung, der Wille durch Gebet. 69. Gehorsam. Weder die Mühe einer guten Handlung, noch die Ruhe heiliger Betrachtung, noch auch die Thräne deS BüßerS können außer dem Gehorsam bei dem angenehm seyn, der einen solchen Gehorsam hatte, daß er lieber das Leben, als den Gehorsam verlieren wollte, „indem er gehorsam bis in den Tod." Der vollkommene Gehorsam kennt kein Verbot; er wird nicht eingeschränkt durch Gränzen, und ist nicht eingeengt durch Ablegung der Gelübde, sondern sein freigebiger Wille fliegt hinaus in die Breite der Liebe, und die Schwungkraft der Seele dehnt sich auS in unendliche Freiheit. Der Gehorsam, der den Vorgesetzten geleistet wird, wird Gott geleistet. WaS daher ein Mensch an der Stelle GotteS befiehlt, daS ist so anzusehen, als befehle es Gott, wenn eS anders nicht gewiß ist, daß eS ihm mißfalle. Denn waS ist für ein Unterschied, ob Gott durch sich oder durch seine Diener, ob er durch Engel oder Menschen unS seinen Willen kund gibt? 70. Der heilige Geist. Der Geist haßt den Schmutz, und wohnt nicht in einem Leibe, der den Sünden untergeben ist. Denn wem es eigen ist, die Sünden zu vertreiben, dem ist eS auch eigen, die Sünden zu hassen, und nicht in Einem Hause zugleich weilen Reinigkeit und Unreinigkeit. Wenn also Jemand den heiligen Geist empfangen hat durch die Heiligmachung, ohne die Niemand Gott anschauen wird, darf ein solcher eS wagen, vor seinem Angesichts zu erscheinen, als gewaschen und gereiniget, der zwar seine Hand-, lungen, nicht aber seine Gedanken bezähmt hat? Weil aber verkehrte und unreine Gedanken von Gott trennen, so muß man beten: „Ein reineö Herz erschaff in mir, o Gott, und den rechten Geist erneuere in meinem Innern. Verwirf mich nicht von deinem Angesichts, und deinen heiligen Geist nimm nicht von mirl" 71. Geist deS Menschen. Gleichwie die Seele in den Augen sieht, in den Ohren hört, mit der Nase riecht, mit dem Gaumen schmeckt, mit dem ganzen übrigen Kör- 17k per berührt: so wirkt Gott in verschiedenen Geistern Verschiedenes. So zeigt er sich z. B. in Einigen als die Liebe, in Ändern als die Weisheit, und wieder in Andern wirkt er Anderes; und bei einem Jeden macht sich der Geist zum Nutzen kennbar. 72. G e i st. Ein guter Besitz ist ein guter Geist. Ein guter und bescheidener Geist, ehe er redet, überlegt vorher, was er sage, an welchem Orte und zu welcher Zeit er eS sage. Daher geschrieben ist: „Ein weiser Mensch schweigt bis zur rechten Zeit." 73. G e i z. Der Geizige hat Hunger nach Zeitlichem wie ein Bettler, treu bewahrt er es wie ein Herr. Jener bettelt, indem er besitzt, dieser erhält eS, indem er es verschmäht. Der Geiz fährt mit einem vierräderigen Wagen; die Räder sind der Kleinmuth, die Unmenschlichkett, die Verachtung Gottes, die Vergessenheit dcS Todes. Die ziehenden Pferde sind Filzigkeit und Raubsucht, und diese leitet als Fuhrmann die Begierde nach Geld und Gut. Andere Lasier haben mehrere Diener. Der Geiz allein ist mit einem einzigen Diener zufrieden. 74. Gel ü b d e. Gleichwie eS denen, die etwas Größeres gelobten, nicht erlaubt ist, auf Kleineres Herabzugehen, daß sie nicht abtrünnig werden, so ist es nicht für Alle nützlich, vom Kleinern zum Großem überzugehen, damit sie nicht von der Hohe herabstürzen. 75. G e n u g t h u u n g. Demüthig und geschämig muß die Genugthuung seyn, wodurch die stolze Uebertretung verbessert werden soll. Eine würdige Genugthuung ist, das verübte Böse zu verbessern, und nicht zu wiederholen, was der Besserung bedurfte. 76. Genuß GotteS. „Ich muß schweigen, ich muß schweigen!" Nicht Allen wird an Einem Platze gegeben der Genuß der süßen und geheimnißvollen Gegenwart des Bräutigams, sondern wem eS vom Vater desselben bereitet ist. Denn nicht wir haben unS erwählt, sondern Er hat uns erwählt und uns gesetzt: und wohin einer von ihm gesetzt ist, da ist Er. Ein Weib fand ihren Platz zu den Füßen Jesu, eine andere bei seinem Haupte, Thomas in seiner Seite, Johannes an seiner Brust, Petrus im Schvoße des Vaters, Paulus im dritten Himmel Wer von unS kann genugsam unterscheiden diese Verschiedenheiten der Verdienste oder vielmehr der Belohnungen? 77« Gerechte. Gerecht ist, wer sich selbst am ersten beschuldigt: gerecht ist auch, wer aus dem Glauben lebt: gerecht ist ferner, wer ohne Furcht lebt. Der erste ist gut, weil er zum Leben geht, der zweite ist besser, weil er den Weg durchlauft, der dritte ist der beste, weil er sich schon dem Ziele des Lebens nähert. 78. Gerechtigkeit. Gleichwie die körperliche Sonne, obwohl sie gut und sehr nothwendig ist, durch ihre Hitze und durch ihren Glanz, wenn beide nicht gemildert werden, schwachen Köpfen und Augen schadet, dieses aber nicht Schuld der Sonne, sondern der Schwachheit ist, so verhält eS sich auch mit der Sonne der Gerechtigkeit, daher es auch heißt: „Wolle nicht gar zu gerecht seyn!" nicht, als wäre die Gerechtigkeit nicht gut, sondern weil wir schwach, muß die Gerechtigkeit durch Gnade gemildert werden, damit wir nicht etwa in Stolz und Unbedachtsamkeit verfallen. 79. Gericht GotteS. In dieser Verbannung ist Christus sanft und liebenswürdig, im Gerichte wird er gerecht und furchtbar, in seinem Reiche herrlich und "wunderbar seyn. Hier ist er der Lenker der Sitten, im Gerichte der Unterscheid er der Verdienste, in seinem Reiche der Auö theil er der Belohnungen. ES wird ein Tag kommen, an dem der Richter keinen Zeugen braucht, wo die Wahrheit die Absichten erforscht, wo die Untersuchung der Schuld in die Geheimnisse des Herzens dringt. Wo endlich jener göttliche Blick die verborgensten Schlupfwinkel der Gemüther aufspüren wird, wo bei jenem untergelegten Feuer der Sonne der Gerechtigkeit die Herzen der Menschen an den Tag geben werden, waS sie verbargen. Dort werden die Thäter und Beistimmer mit gleicher Strafe belegt werden. Dort haben die Diebe und Diebsgenossen einen gleichen Richterspruch zu erwarten. Dorr werden ein gleiches Gericht erfahren, welche zur Sünde anlocken und sich von reu Sündern verlocken ließen. Scheyern. Unter den vielen Instituten in unserm Vaterlande ist Eines, daS wenig bekannt ist, und doch mit Recht hervorgehoben zu werden verdient. Es ist daS Institut in Scheyern bei Pfaffenhofen an der Jlm.— Dort, wo einst daS Stammschloß der durch Waffenthaten in Bayern hoch berühmten Grafen von Schyren — der Ahnen unsers KönigShauseS — liegt auf einem von allen Hochstraßen abgelegenen Platze das Benedictiner-Kloster, welches König Ludwig 1838 stiftete, und daö nun seit 10 Jahren segensreich für die Bewohner der Umgegend wirkt. Mit diesem Kloster ist ein Knaben- Erziehungs-Jnstitut verbunden; wenn auch nur 3 lateinische Curse bestehen, so ist doch gerade die wissenschaftliche Grundlage eine Hauptsache, die in Scheyern gerühmt zu werden verdient. Referent hatte seinen Sohn im Institute und Gelegenheit, sich von dem innern Wesen deS Institutes hinreichend zu überzeugen. Nicht nur, daß der Unterricht in der lateinischen Sprache, so wie überhaupt in allen Gegenständen, die in den lateinischen Schulen gelehrt werden, ein gründlicher ist, sondern eS weht ein wahrhaft gotteSfürchtiger, ein religiöser Geist in diesem Institute; in allen wissenschaftlichen Fächern, wie in der ganzen Erziehungsweise überhaupt kann man dieß wahrnehmen, und es ist dieß ein großer Trost für die Eltern; denn nur diejenge Erziehung hat einen Werth, die auf einem wahrhaft christlichen Principe beruht. O wie schön ist der Bund, eine Art Bruderschaft, die in diesem Institute besteht, in welchem nur Zöglinge von erprobter Sittsamkeit aufgenommen werden können; dieser Bund ist eine Aufmunterung und Aneiferung für Jene, welche noch nicht Mitglieder sind, und eine Befestigung deS Guten bei Denjenigen, die bereits dem Bunde angehören. Aber bei all diesem sieht man nichts von Bigottem, Kopfhängerischem u. s. f. an den Zöglingen. Nicht nur, daß sie stets in ungezwungener Fröhlichkeit sich bewegen, wird auch die gehörige Rücksicht genommen aus äußere Haltung und Anstand; sie haben statt der anderswo eingeführten Turnübungen militärische Uebungen und Spiele, und zeichnen sich hierin auS, so wie in ihren Schauspielen, die sie von Zeit zu Zeit aufführen; ihre musicalischen Leistungen sind gleichfalls vorzüglich, und bei all dem die financiellen Ansprüche, die an die Eltern gemacht werden, außerordentlich bescheiden, so daß das Institut, wenigstens in Anbetracht seiner II. Abtheilung, in welcher sämmtliche Kosten nicht einmal die Summe von 100 fl. jährlich erreichen, fast als eine Wohl thätig keitS-Anstalt erscheint. ES ist aber auch ein WohlthätigkeitS-Jnstitut in geistiger Beziehung, daS einen tiefen Eindruck auf den Berichterstatter, — der noch obendrein mit Vor urtheilen eS betrachtete, ehe er es genau kennen gelernt hatte — machte. Unvergeßlich bleiben ihm die inhaltschweren Worte, die der würdige geistreiche Rector (P Ludwig) bei Gelegenheit der Preiseverthei- lung jüngst an die Zöglinge in öffentlicher Versammlung gesprochen; nachdem er die moralische Erziehung als einen Krieg, und zwar als einen Defensiv-Krieg gegen daS Böse, und einen Offensiv-Krieg für daö Gute dargestellt, und auf eine schöne Weise die militärischen Spiele der Zöglinge (in diesem Jahre 83 an der Zahl) eingeflochten hatte, schloß er mit den Worten: „Ihr möget die Studienbahn nun verlassen, oder hier, oder anderswo fortsetzen, vergesset nur nicht, daß Ihr den kostbaren Schatz Eurer einzigen Seele im unermüdlichen Kampfe zu vertheidigen habet gegen einen Feind, der seine Angriffe nickt sogleich mit dem groben Geschütze schwerer Vergehen, sondern mit dem Kleingewehrfeuer scheinbar unbedeutender Leichtfertigkeiten und Vernachlässigungen beginnt, und Euch, wenn auch langsam, doch um so sicherer in seine Gewalt bekommen wird, je sorgloser und schläfriger er Euch im Defensiv- Krieg gegen das Böse gemacht haben sollte. Ja stehet fest, rufe ich Euch nochmal mit dem großen Völkerlehrer zu, ergreifet GotteS Waffen, damit Ihr in dieser bösen Zeit Widerstand leisten, und in Allem Euch unverrückt aufrecht erhalten könnet." Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer