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Bitten wir ihn, daß er Sein Werk auch vollende, dadurch, daß er, getreu seinem AuSspruche, unter uns verbleibe, und uns erleuchte mil Seinem Lichte, daß er uns den Geist der Weisheit und der Stärke gebe, damit für die Kirche sowohl als für die Gesellschaft, welche beide gegenwärtig von so fürchterlichen Stürmen aufgewühlt stnv, diese Versammlung zum Heile werde, eine Versammlung, die schon dann von der höchsten Bedeutung wäre, wenn sie gar nichts anders thun würde, als den ersten Schritt verzeichnen auf dem allen, jedoch heut zu Tage neuen Wege, auf den die Vorsehung uns hingewiesen hat. Ja, die Concilien sind es, die zugleich das Heil der Kirche wirken, und auf eine kräftige Weise beitragen zum Wohle der Gesellschaft. Man hat sich genug bemüht, Kirche und Staat einander feindlich gegenüber zu stellen, die wechselseitigen Beziehungen, durch die sie eng verbunden sind, zu läugnen, unv sie für völlig von einander unabhängig zu erklären; fruchtlose Mühe! man kommt allmälig doch zur Einsicht, daß die Gesellschaft in zeitlicher unv geistiger Hinsicht einer göttlichen Grundlage bedarf, und daß beide Gesellschaften, ähnlich zwei großen Bäumen, die zwar getrennt stehen, aber in den Wurzeln vereinigt sind, einen und denselben Boden, eine und dieselbe Triebkraft besitzen. Nur zu gut haben wir dieß erfahren. Menschliche Weisheit wollte für sich allein den Staat aufbauen. Wie rühmte sie sich der geistreichen Berechnungen, die sie entdeckt hatte! Mit Stolz wies sie hin auf ihre Armeen, ihre Befestigungswerke, auf den Fortschritt der Industrie unv den Ueberfluß an Reichthümern. Und in Einem Augenblicke waren alle die materiellen Kräfte dahin. Beim ersten Andränge deS Sturmes stürzte alles über den Haufen; und eS ist etwa nicht bloß Ein Reich, Eine gesellschaftliche Form zu Grunde gegangen — nein; sondern indem der Sturm die Grundfesten der Staaten bloßlegte, konnte man sehen, daß diese Grundfesten gänzlich unterminirt, und von einem völligen Einsturz, einer vollständigen Zcrbröcklung bedroht waren. — Die Lehre war eine strenge, aber sie fand zugängliche Gemüther. Herzen, die mit eisernen Banden an daö Irdische gekettet waren, kehrten zum Himmel zurück, und ähnlich dem Matrosen, der daran ist, von den Fluthen verschlungen zu werden, riefen sie Gott in ihrem Elende zu Hilfe, und vertrauten auf die Stärke Seines Armes, und den Beistand Seiner Religion. Die Religion ist also die Lebenskraft der menschlichen Gesellschaft. Die Religion nur gibt den Frieden, die Eintracht der Gemüther, die wahre Freiheit, die wahre Menschenwürde, Liebe und Nachsicht mit den Schwachen, Gedulv und Ergebung, ächten Opfergeist, und Linderung im Unglücke, sie verleiht den Gesetzen Wahrheit, den Oberen Gerechtigkeit, den Bürgern Achtung vor der Behörde; ohne sie gibt es nur eine Herrschaft der Selbstsucht und der glühendsten Leidenschaften: ohne sie herrschen nur Genußsucht und Verachtung der Geringeren in den Reichen, und Haß gegen diese in dem Herzen der Untergebenen, bürgerliche Zwiste, brudermörderische Kriege; wo die Religion verschwunden ist, dort ist kein menschliches Band, keine Achtung vor dem Gesetze, keine Ordnung — keine Gesellschaft mehr möglich. Nun ist eö die Kirche, welche daS Ganze der religiösen Gesellschaft ausmacht, ja sie selbst ist die inS Werk gesetzte göttliche Religion. Was die Kirche an Stärke verliert, um das vermindert sich auch der Einfluß der Religion. Die Kirche wiederherstellen in ihrer Disciplin und ihrer Sitte heißt also der Religion ihre ganze Stärke wieder geben, und zugleich an dem Wiederaufbau der Gesellschaft arbeiten. — Seit mehreren Jahrhunderten her haben die, welche an der Spitze der Völker standen, durch die kläglichste Unbesonnenheit geleitet, alle Kräfte aufgeboten, der Kirche Hindernisse in den Weg zu legen, ihren Bestand zu untergraben und ihren Einfluß aufzuheben; man weiß nun, wohin dieß alles geführt hat; möchte man doch diesen Grundsatz für immer aufgegeben haben. Man fürchtete die Kirche; mau suchte in ihr eine Theilung, somit Schwächung herbeizuführen; man löste sie so sehr als möglich von ihren Häuptern und trennte die Glieder eines vom andern; besonderen Schreck hatte man vor diesen Versammlungen, a»S denen sie neue Stärke schöpft, in welchen sie eingerissene Mißbräuche abstellt und ihre Disciplin kräftigt, unv durch den Eifer ihrer bewunvernSwerthcu Hierarchie fester knüpft die Bauve der Einheit. Gegenwärtige Versammlung ist ein sprechenveS Zeugniß, daß andere Zeiten gekommen siuv, unv von nun au mehr Weisheit walte in den Beschlüssen Jener, welchen rie Geschicke veS VatörlanveS anvertraut sind. Beweisen wir, ebrwürcige Väter unv geliebte Mitarbeiter, unsern Dank dafür dadurch, daß wir hier an dem Heile der Kirche arbeiten, und dabei zu gleicher Zeit daS Wohl der Gesellschaft zu beförvern streben. Einen wesentlichen Punct dürfen wir in diesem Concilium nie auS dem Auge verlieren — denn va eS unmöglich ist, alle unsere Uebel auf einmal zu heilen, so werdet Ihr alle Eure Aufmerksamkeit auf jenes gerichtet haben, welches daS allgemeinste unv gefährlichste ist. Ihr habt die Meinung ausgesprochen, daß dieses Uebel darin zu suchen sey, weil alle Achtung vor der Autorität aus den Gemüthern verschwunden ist; und wahrlich, dieses Uebel ist die Hauptkrankheit unserer Zeit. Die Gesellschaft löst sich allenthalben auf, weil mau an keine Autorität, kein Gesetz glaubt, und jene weder liebt, noch achtet. In der Kirche glaubt man wohl an sie, aber achtet man sie auch immer? Der Sturm deS Jahrhunderts ist auch über uns dahingegangen, und hat seinen verhängnißvollen Samen ausgesäet; nun sproßt das Unkraut auf dem Felve des HauSvaterS, und eö ist Zeit, dasselbe auszujäten, daß es den Acker nicht weiter verderbe. Glück für uns, daß Gott selbst der Stifter unserer Kirche, und Er, der Ewige, immer mit unS ist. Damit die Kirche stark und blühend sey, bedarf sie weiter nichts, als daß sie frei sey. Ihr seyd im Begriffe, ehrwürdige Väter und geliebte Collegen, hier wiever eng zu knüpfen die Bande der Ergebenheit, der Liebe, der Ehrfurcht, welche unS mit dem apostolischen Stuhle vereinigen. Dieser Stuhl hatte einen Augenblick, wir werden eS nie vergessen, für unsern geliebten Papst, der ihn gegenwärtig einnimmt, eine Aehnlichkeit mit einer Säule, an welcher Christus gegeißelt und bespiecn wurde; möchte doch der Ausdruck unserer Gefühle ihm zu einiger Linderung seines Schmerzes seyn. Die allumfassende Gewalt deS Oberhauptes der Kirche, als Ausfluß und Darstellung der Gewalt Jesu Christi, ist hier aus Erden die Grundlage und Wurzel aller geistigen Gewalt. Diese ist der erste Ring, an dem sich sofort die ganze Hierarchie anschließt; diese ist der Grundstein, ohne welchen das ganze Gebäude zusammenstürzen müßte. Ihr werdet in Zukunft, so viel an euch ist, beitragen zur regelmäßigen Wiederkehr dieser heiligen Versammlungen, deren lauge Unterbrechung so viele Uebel herbeigeführt hat. Die Concilien stellen die Kraft und die lebendige Einheit der Kirche dar; sie mahnen zur Achtung der älteren Gesetze, sie geben den neueren, deren Einführung den Bischöfen nöthig erscheint, mehr Kraft und Ansehen. Diese Decrete, an sich schon bindend, in so fern sie nicht gegen die allgemeinen Kirchengesetze und nicht gegen 178 die Vorrechte deS heil. Stuhles find, werden einen noch weit ehrwürdigeren Charakter annehmen, wenn sie niedergelegt zu den Füßen des höchsten Kirchen Oberhauptes, seine Bestätigung und seinen Segen erhalten haben. Die Wiedereinführung der Synoden ist eine Folge der Provincial- Concilien. Sie repräsentiren die Einheit der Diöccse. Die Gewalt der Bischöfe stützt sich in derselben auf die Eintracht der Herzen und auf eine heilige Gemeinschaft der Gedanken und Gefühle, die ihm Liebe und Achtung sichern. Im Schooße der Synode ist es, wo jeder Bischof nach den Vorschriften deS heiligen Concils von Trient seiner Diöccse die auf dem Provincialconcil gefaßten Beschlüsse ordnungsmäßig bekannt macht. Ihr werdet auch ohne Zweifel in dieser unserer ersten Versammlung einige zu erinnern haben, welche zu vergessen scheinen, daß daS RegierungS- amt in der Kirche den Bischöfen zukommt. Diese sind die Häupter deö Klerus und der Gläubigen. Die Capitel kommen ihnen zu Hilfe mit ihrem Gebete und ihrem Rathe. Die Pfarrer sind ihre Stellvertreter bei den einzelnen Heerden, welche durch die ganze Diöccse zerstreut sind. Die übrigen Priester sind ihre Kinder und zugleich ihre Bruder und Mitarbeiter. WaS gibt eS herrlicheres und dauerhaf tereS, als solch eine Constitution, die durch Ein Glied die Pfarre nut der ganzen übrigen Diöccse, die Diöccse mit der Metropole, die Metropole mir der Mutter und Königin aller Kirchen innigst vereint, und die auS dem höchsten Kirchenhaupte, den Bischöfen, den Priestern und den Gläubigen einen Körper bildet, der gleichsam nur Ein Herz und Einen Sinn hat! Irrthümer, welche die Grundlagen der Religion und der Gesellschaft berühren, werden die gerechte Strenge und Verdammung durch das Concilium erfahren. Einige dieser Irrthümer stürzen die Grundsätze der Ge rechtigkeit um, andere die der Liebe. Auch einige mystische Irrthümer, die sich in unsern Diöcesen Geltung verschaffen wollen, werden unsere Wachsamkeit in Anspruch nehmen. Die Eintracht der Geister und Herzen wird auch die äußere Einig keit herbeiführen, und diese findet ihre Vollendung im Glauben. Sie muß sich aber auch zeigen in den Gebräuchen und Ceremonien. Ihr werdet daher, ehrwürdige Brüder, dahin arbeiten, daß letztere durchgeführt werde, dadurch, daß ihr unsern Diöcesen allgemeine Vorschriften gebet, denen au» euerer Uebereinstimmung großes Ansehen erwachsen wird. Jede Autorität muß, wenn man sie achten soll, auch geregelt seyn. Willkür und Mißbrauch der Gewalt werden von dem Geiste und den Gesetzen der Kirche gleichmäßig verworfen. Wir werden in diesem Geiste und im Sinne dieser Institutionen mit unsern Urtheilen Billigkeit, mit unserer Amtöverwaltung Weisheit, und mit der Macht Mäßigung und Barmherzigkeit in Verbindung bringen. Wie ihr wißt, ehrwürdige und geliebte Mitbrüder, gereichte der Kirche die Wissenschaft ihrer Diener von jeher zu besonderem Glänze Heut zu Tage thut eS Noth, daß diese Wissenschaft kräftiger und ausgedehnter sey, denn je, vermöge der Verhältnisse, in denen wir leben. Wir stehen nicht mehr in jenen Tagen deS Glaubens, wo die Elemente der theologischen Wissenschaften dem Priester genügten, um seinem Charakter Achtung zu verschaffen. Die Entwicklung deS menschlichen Geistes in mancherlei Beziehungen, die Verbreitung gewisser zum Theile wahrer, zum Theile falscher Ansichten, ja die Natur der Angriffe selbst, welche der Un« glaube gegen die Religion richtet, machen die Nothwendigkeit gründlichen Wissens zur dringendsten. Ihr werdet vielleicht bemerken, baß hie und da die theologischen Studien einer Verbesserung bedürfen. Denn dadurch, daß wir Priester bilden, die eben so ausgezeichnet sind durch Frömmigkeit als durch Wissenschaft, sichern wir am besten die Heilkraft der Kirche, arbeiten wir für daS allgemeine Wohl, und thun daS, was in diesem Augenblicke Vielleicht wohl das Wichtigste ist. Die meisten Uebel für die Gesellschaft entspringen auS der schlechten Kindererziehung, der schlechten Erziehung in der Familie, und nur zu oft auch in der Schule. Wenden wir auch nach dieser Seite hin unsere Sorgfalt, und trachten wir dahin, daß ein religiöser Geist Familie und Schule immer mehr durchdringe. Welchen Dienst würden wir der Kirche und der Gesellschaft erweisen durch Gründung von Anstalten, in welchen die Jugend, vor Gefahren gesichert, in Frömmigkeit, ohne welche eS keine wahre Weisheit gibt, erzogen würde, durch Vermehrung der guten und gotieS- fürchtigen Lehrer, und durch Heranbilvung einer neuen Generation, die durchdrungen von dem Bewußtseyn und den Grundsätzen deS Glaubens, sich unterscheiden wird von den jetzigen Generationen ohne Glauben und ohne Ueberzeugung, deren schwankender Geist dem Andringen der verschiedensten Meinungen Preis gegeben ist, und mit denen man nie im Stande seyn wird, für den Ruhm der Kirche oder den Frieden der Welt etwas dauerhaftes zu stiften. DaS Ziel also, daS wir uns hier vorgesetzt haben, ehrwürdige Väter und geliebte Brüder, ist ein großes und heilbringendes. Um dieses zu erreichen, haben wir nichts versäumt, weder von dem, waö die heilige Kirche vorschreibt, noch von dem, was die Klugheit gebietet. Wir baden ausgezeichnete Männer in unsere Mitte berufen, deren Weisheit und Frömmigkeit sie unserm Vertrauen gleichmäßig empfehlen; tiefcenkende Theologen und Eanonisten sind bereit, uns in allen Fragen, die einige Schwierigkeit haben könnten, mit ihren Einsichten zu Hilfe zu kommen. UebrigenS vergessen wir nie, daß alle VorstchtSnahmen fruchtlos, alle unsere Hilfsmittel eitel seyn würden, wäre Gott nicht in unserer Mitte. Nein, meine ehrwürdigen Väter und geliebten Mitarbeiter, wir für uns allein vermögen nichts; aber wir vermögen Alles in dem, der" unsere Hoffnung und unsere Stärke ist; wenden wir uns während unserer Arbeiten unaufhörlich zu ihm. LXffnen wir unsere Herzen seinen Eingebungen, und so vereinigt mit Gott und einig unter uns selbst, werden wir die Hindernisse besiegen, welche sich uns in den Weg stellen, und welche die Erreichung dieses Gutes, das wir um der Ehre Gotteö und des Heiles unserer Brüder willen, anstreben, vereiteln könnten. Reisebetrachtungen. / Im Oct. 1849. ES ist eine vortreffliche, ganz naturgemäße Einrichtung, daß Lehrern und Schülern nach langen Mühen auch eine Zeit der Erholung geboten wird. Und diese Zeit der Ruhe ist, recht angewendet, durchaus kein Stillestehen im Gebiete der Tugend und deS Wissens; sie ist es vielmehr, welche die unentbehrliche Ergänzung herbeiführt. Es erwächst in der That für den Schüler, um nur von diesem zu sprechen, in und mit dieser Ferienzeit eine neue Aufgabe. Schule und Leben begegnen sich hier. Ein jegliches macht sich geltend, und eS braucht nicht erwähnt zu werden, von welchen verschiedenen Folgen eS seyn könne, wenn Schule und Leben sich friedlich begegnen, einander fördern und heben, und so die beabsichtigte Vollendung in dem jungen Menschen herbeizuführen sich anschicken, oder wenn sie einander bekämpfen, und vernichtenden Einfluß gegenseitig auszuüben streben. Die Schule nähre sich an dem Leben, das Leben finde ihr seine Regelung. Wer mühsam zu Fuß auf der Reise sich fortschleppt, oder in einem Eil- oder Stellwagen eine oder mehrere Nächte durchführen mußte, wird dem menschlichen Geiste für die staunenSwürdige Erfindung der Eisenbahn- fahrten Dank wissen. Vermittelst dieser Gelegenheit war ich nach Kauf- beuern gekommen, und halle dort im Bahnhöfe die Freude, einen mir von früher her werthen Freund zu treffen, der ebenfalls von Ferne kommend, mir die Absicht seiner Reise sogleich dahin erklärte, daß er bei der am folgenden Tage in Psorzen bei Kaufbeuern stattfindenden Primize als Diacon sich beiheiligen wolle, und da ich dem Primizirenden ebenfalls auS früherer Zeit nicht unbekannt war, so entschloß ich mich, an seinem Feste Theil zu nehmen. Ick unterlasse eS, die schonen Veranstaltungen zur Verherrlichung der Festseier hier zu erwähnen; mich drängt eS, auf die Hauptsache hinzudeuten. Eine große Anzahl von Christgläubigen hatte sich eingesunken, der Feier beizuwohnen. In dem Angeflehte Aller drückte sich sehnsüchtiges Erwarten der Feier, und bei der Dauer derselben andächtige, glaubenSvolle Hingabe an dieselbe auS. Wie horchten sie auf die Worte des frommen, begeisterten Redners! welche Seligkeit, welch' himmlischer Friede sprach sich in ihnen auS, alö daS heilige Opfer begann, und die Töne der Musik daS Herz zu andächtigen Gefühlen stimmten! o welche Freude für den Freund des Christenthums! tief wurzelt in diesen biedern Oberländern des SchwabenlandeS der Christusglaube; nicht leicht schließt sich eine Cbristenseele mit solcher Hingabe für Christi Wort auf, wie eS bei diesen Oberländern zu sehen ist, und wenn auch die Wühler in politischen Dingen manchmal hierlandcS leider! ein bereitwilliges Ohr fanden: die Reinheit ihres Glaubens zu trüben, wird ihnen nicht gelingen. DaS Volk erscheint bei solchen Primizfeierlichkciten in der That als geschmückte Braut; denn eS weiß, daß der neugeweihte Priester daS christliche Volk, die Kirche sich zur Braut gewählt, und somit Christum Jesum den unsichtbaren Bräutigam auf Erden darstellt. Zum großen Aerger mancher läßt sich auch hier sehen, daß daS Volk seine Priester, eben auf der oben berührten Vorstellung fortgehend, noch liebt; und läßt sich auch da und dort, nicht gerade selten, ein Tadel über Seelsorger vernehmen, so ist, abgesehen davon, daß er persönliche Eigenschaften eines Priesters betreffend hie und da gegründet seyn mag, derselbe, in so fern er auS dem Munde der Pfarr« kinder kommt, oft nicht so hoch anzuschlagen. Unter diesem Tadel ist die Liebe doch nicht erloschen, wie dieses gleichnißweise auch bei einander sehr geneigten Eheleuten öfters wahrzunehmen ist; und auch daraus erkannt werden kann, daß ein Fremder nicht leicht eben so tadelnd sich über den OriSgeistlichen auSlassen dürfte. Gegen Abhaltung von Primizen haben sich indeß schon viele Stimmen, und nebenbei sehr competente, erhoben. 17S Allein eine Unterscheidung wird die Sacke leicht anders erscheinen lassen. Die kirchliche Feier bleibe; das waS sich weltlicherscitS an dieselbe anschließt, und dem Primizianten seinen Frcudentag oft ganz verbittert, daS suche man wegzuräumen. Dieß sind bekanntlich die Einladungen, daS Gastmahl, daS Opfern u. dgl. Die kirchliche Feier aber hat entschiedenen Nutzen. Bei der oben angeregten günstigen Stimmung deS NolkS wirb daS Wort GolteS fruchtbringend in die Herzen eindringen, die Pracht deS GotteS- diensteS wird die Gemüther aufs neue ergreifen, anflammen und begeistern; der ganze Mensch wird ergriffen, und für das Höhere in Besitz genommen. ES kann dieß zwar bei jedem Gottesdienste auch geschehen, unv geschieht auch; aber der Hang deS menschlichen Herzens zum Außerordentlichen, und der Eindruck deS Letztem auf dasselbe, so wie die Anerkennung deS PriesterthumS, und die Freude, daß es sich wieder um ein Glied verstärkt habe, müssen eben nicht auS der Acht gelassen werden. Und wie mancher gemüth- und talentvolle Knabe, unter der Menge ungekannt und verborgen, hat an einem solchen Tage den großen Entschluß gefaßt, das nemliche glanzvolle Ziel anzustreben, und die Erfahrung hat eS bewiesen, daß Jünglinge und namentlich Jungfrauen von der Macht dieser Feier ergriffen, sich fest entschloßen, bis zum Eintritte in die Ehe rein und unbefleckt sich zu bewahren, oder wenn ihnen dieses Glück des Bewußtseyns entflohen, eS annäherungsweise mit allem Ernste wieder einzuholen. Die freundliche Bewirthung, die ich im Pfarrhofe zu Pforzeu und im Klosterinstitute zu Kaufbeuern erfahren, im Sinne behaltend, hatte ich mich früh von Kaufbeuern aus über die schönen Anhöhen der Gegend dem Dorfe Aytrang, dort einen Freund zu besuchen, zugewendet. Morgenruhe lag noch über der Stadt, aber auf den Bergen herum gegen Süden bewegte sich daS schönste Leben. Von nahe und ferne ertönte der Klang der Dorfglocken, zum Ave Maria Gebete einladend. Da und dort wurde auch zur Messe geläutet. Man sieht bei dem Glockenzeichen, daS die Wandlung deS SacramenteS verkündet, den Landmann sein Haupt entblößen, und betend stille stehen. Als ich weiter, durch ein Buchenwäldchen hin- wanbelte, begegneten mir zwei Betende. Ich zog vor ihnen meine Mütze ab. Lebhaft erinnerte ick mich an die Worte Stauden maierS in seinem „Geist des Christenthums": „deS Menscken größte That ist das Gebet." Ja daS Gebet ist Poesie. Die ganze Pracht der schönen Natur, die majestätische Sonne, daS Sehnen der blauen Berge, der klare Spiegel der Seen, die reichen Feloer und bunten Wiesen, die heiligen Schatten der Wälder, der muntere Sängerchor der Vögel, das trauliche Geläute von der weidenden Viehhcerde hertönend — kurz die in aller dieser Pracht hervortretende Sckönheit, Liebe und Macht Gottes hebt den Menschensinn hinan in eine Region, die noch ober jener blauen Feste sich findet, zu Gott: er betet. Höheres kann der Mensch nicht thun. Und dieser Aufschwung zu Gott, diese Poesie deö Lebens ist diesem Oberländervolke recht eigen. Ja ich möchte überhaupt eS sagen: das Volk im Allgemeinen ist poetisch, und der Dichter muß die poetische Seite deS Volkes vorkehren, zu ihm sprechen, sie demselben anschaulich machen, wenn er vom Volke als Dichter anerkannt seyn will. Hier wurde mir recht klar, was der Apostel an die Römer über die Natur sagt, daß sie ihr Haupt erhebe und der Verherrlichung der Kinder Gottes entgegenhalte. (Röm. 8, 19.) Ja wahrlich, wie das Menschenherz in der Feier deS Morgens sich zu Gott gehoben fühlt, und zwar zu Gott — nicht in jenem allgemeinen, verschwommenen Begriff, wie der Deismus sich Gott auf alle mögliche Weise denken mag — sondern zu Gott, wie er uns in Christo wieder an sich gezogen hat, und durch den Geist erleuchtet; wie daS Menschenherz auf diese Weise seine Herrlichkeit sich entgegensehnt. und sie im Abrisse schon vor sich liegen zu sehen glaubt; so kam mir die Natur vor, als lebe sie, als schließe sie sich voll SehnenS und Glaubens auf, um wie der Mensch und mit dem Menschen das Göttliche in sich hineinzuziehen und in ihm glückselig zu seyn. Der Apostel sagt weiter (v. 26.), daß die Natur der Leerheit unterworfen sey, er sagt, daß eben dieses sie bewegt zu seufzen und zu jammern (v. 22.); aber sie hat die Hoffnung der Befreiung, (v. 21.) Diese Leerheit, dieses Gefühl deS Ungenügenden, welche im Menschen und in der Natur eine Folge deS Abfallens von Gott sind, will die Natur (wie der Mensch) von sich werfen. Diese ihre Lage in dem Nichts preßt ihr Seufzen auS, und ihr Schmerz. Aber dieses Seufzen, dieser Schmerz ist kein ewiger; eS leuchtet die Hoffnung auf die Befreiung. Die Befreiung kommt aber von oben, von Gott in Christo, und dorthin erheben die Guten und mit ihnen die Natur ihr Haupt, und erwarten die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder GotteS. Diesen eben bezeichneten Charakter mutz die wahre Poesie haben; die falsche unserer Tage, die Poesie deS Weltschmerzes, krankhaften Gefühles und doch auch wieder deS Stolzes kommt zu keinem Ziele, zu keiner Rettung, und endet im Verderben, als dessen sichtbare Erscheinung so häufig die Selbstmorde mancher der neueren Dichter, oder ihr Wahnsinn sich zeigen. Sie fühlen auch ihre Leerheit, ihre Unge. nügendheit, daS Hilfsbedürftige in sich; auch sie seufzen: ein Schmerz geht durch alle ihre Gesänge; aber sie erheben das Haupt nicht nach oben, wo Rettung wäre; sie haben die Hoffnung von sich geworfen, dazu hat sie der Stolz der Brüder der Leerheit und deS Nichts verleitet. Sie sind nun im Zustande der Hoffnungö- und Nettungslosigkeit, im Verderben, im Tode. Unter diesen Gefühlen war ich endlich in dem 2 Stunden südlich von Kaufbeuern gelegenen Achtrang angekommen, und von dem dortigen Pfarrer, meinem Freunde, gut aufgenommen worden. ES herrscht in dem Orte und in der Umgegend ein sehr religiöser Sinn, und in politischer Beziehung sind die Bewohner meist sehr conservaliv; nicht eben, weil von der bekannten Seite auS keine Versuche gemacht worden, diese Gesinnung zu verdrängen, sondern weil die Bewohner gegen diese Versuche ihre richtige Ueberzeugung siegreich vertheidigten. Die „corrupte" Augsburger Abendzeitung, die Waibel'sche Kcmpterzeitung suchten sich überall einzudrängen, und die sorgsamen Väter und Pfleger dieser Erzeugnisse, Waibel und Con- sorten fanden sich auch da und dort in der Gegend ein, um in ihrem Sinne das Volk zu beihörcn. In EberSbach, an der Straße nach Kemp- ten gelegen, hielten sie Volksversammlung, und es gelang ihnen in diesem Orte etliche moralisch und ökonomisch AbgehanSte für sich zu gewinnen. Diese nun, etliche sechs, zugleich auch Anhänger der ronge'schen Maul« wurfSkirche, suchten durch allerhand Lug und Trug an einem Sonntage einige leicht Verleitbare zu einer Fahrt nach. Aytrang zu bewegen, wo auch im Sinne der Neuerer gesprochen und gelebt werden sollte. Sie fanden sich dort ein, brachten aber alsbald durch ihr Benehmen, ihre tollen Reden, und hauptsächlich auch weil sie wäbrend deS nachmittägigen Gottesdienstes nicht einmal von ihrem Treiben abließen, die dortigen Einwohner berge- stall gegen sich auf, daß sie froh seyn dursten, init heiler Haut davon gekommen zu seyn. Ich wandelte nun einsam Kempten zu. Einsam aber nicht allein. Denn jenes Wort eines alten RömerS: er sey nie weniger allein, als wenn er allein sey, fühlst du ganz, wenn du von der Natur umgeben, ihre Sprache verstehst, und sie als ein LiebeSwerk und als Offenbarung GotteS vor dir liegt. Der gläubige christliche Sinn der Oberländer zeigt sich dem Wanderer auch darin, daß in dieser Gegend sehr schöne Feldkreuze sich finden; wie dieß namentlich in der Pfarrei Thingen, der Fall ist; Christus am Kreuze ist vielfach wirklich kunstreich gemalt; in den Kirchen deS Oberlandes trifft man sehr schöne Gemälde, meistens auS der neuern Schule, welche aus diesen poetischen Gauen viele ihrer Zöglinge und Beförderer schöpft (Eberhard, Schraudolph u. a.). Wenn ich so einsam an der Straße fortwandle, und mir ein an der Seite stehendes Täfelchen den Unglücksfall eines MitbruderS meldet, stimmt dieß nicht zum Mitgefühl, welches sich im Geiste der Kircke im Gebete ausdrückt, und ist dieses nicht wiederum Gesellschaft, wenn ich hiedurch, wie die Kirche lehrt, in Verbindung mit den Abgestorbenen trete, da alle ein Leib, somit Sympathie sind? Bin ich allein, wenn ich nach einigen Sckritten weiter wieder daS Bild meines ErlöserS am Kreuze erblicke, der uns alle eint durch seinen Tod, der daS Haupt an dem Leibe ist. Da geht nun keine christliche Seele vorüber, ohne sich in daS Leiden deS Herrn zu empfehlen, und eS ist ein erhebendes Gefühl, sich noch an die verstorbenen Eltern zurück zu erinnern, von denen man diese fromme christliche Gesinnung erhalten. Ihr mit eurem kalten, geisteS- und gottlosen Geiste, ihr belächelt daS katholische Volk, und haltet eS tief unter euch, während eS gläubig sich erhebt zu der Lebenssonne — zu Gott, und ihr in der Verknöcherung und dem Froste eures thörichten Unglaubens untergeht. ES betet nicht da« Bild an; aber daS Bild erinnert ihn an seinen Heiland, den eS anbetet. Dahin hat eS der zerstörende Protestantismus, ungleich weiter aber der Calvinismus gebracht, daß er unter dem Vorgeben eine geläuterte Religion herzustellen, und den Menschen geradezu an das Wesen zu weisen, alle« an daS Höhere Erinnernde, alles Zeichen entfernte; damit hat er aber auch daS, woran LaS Bild erinnern sollte, dem Vermögen der Vorstellung entzogen. Sie errichten Statuen für verdienstvolle Männer, um daS Andenken an sie zu erhalten; und der Sohn GotteS, der uns alle durch seinen Tod wiedererwarb, wenn wir glauben, der soll dem Andenken der durch Ihn Erlösten entrückt werden? Dieß ist freilick der Plan der Hölle, und all' derer, die in ihrem Sinne wirken, daS Werk Christi zu zerstören. „Erwürget die Unverschämte", die Kirche nemlich und natürlich in ihr Christum, daS ist daS Werk Voltaires. Wer kennt nicht die Wuth Her- wegh'S: „Reißt die Kreuze auS der Erde, sagt er, und schmiedet Schwerter drauS " Der Jude Heine weiß die Menschen nicht genug zu bedauern, die vor dem bluttriefenden Todten knieen, und hofft, daß ein kommendes Geschlecht durch Aufgeben dieses Dienstes erst zur Glückseligkeit gelange. Am widerlichsten, weil am feigsten und verschlagensten ausgesprochen, hat unö UhlandS Aeußerung von einem todten Gott am Kreuze berührt. Hätten sie, um viele andere zu verschweigen, z. B. Magdalena, hätten sie einmal, diese aufgeklärt seyn wollenden, die Zelle des heiligen Thomas von Aq»in besuchen können, sie würden sich eines andern haben belehren lassen. Zu Füßen des Gekreuzigten studirte Thomas, und schrieb er seine Werke, und Niemand wird eS läugnen, daß sich Thomas zu diesen, den ersten dreien wenigstens, verhalte wie ein deutscher Dom zu einer unten -stehenden Kneipe, in welcher sich aufgehalten zu haben, nicht immer mit der Ruhe deS Gewissens zu vereinbaren seyn möchte. (Fortsetzung folgt.) Blumen au- dem Schriftgarten de- heiligen BernarduS. (Fortsetzung.) 80. Geringfügigkeit deS Menschen. DaS Fleisch ist nichts anders, als ein in gebrechliche Schönheit gekleideter Schaum. WaS eS aber immer sey, eS wird werden ein faulender Leichnam und eine Speise der Würmer. Denn wenn eS auch noch sehr gehegt wird, so ist eS doch Fleisch. Wenn du fleißig betrachtest, was durch Mund und Nase und durch die übrigen Oeffuungen deö Leibes herausgehe, hast du noch nie eine verächtlichere Schwiudgrube gesehen. Und wenn du die einzelnen elenden Zustünde desselben auszählen willst, wie eS mit Sünden beschwert^ durch Fehler verwirrt ist, von Begierden gekitzelt, von Widerwärtigkeiten abgemüht, von Täuschungen beschmutzt wird: so wirst du finden, daß eS immer geneigt ist zum Bösen und der Sünde anhängig, und so voll Schande und Schimpf sey. 81. Geschäftigkeit. „Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester mich allein dienen läßt?" Wer sollte glauben, daß im Hause, wo Christus aufgenommen wird, die Stimme deS Murrens gehört werde? Glücklich jenes HauS und selig jene Familie, wo Martha über Maria klagt. Denn für Maria ist eS ganz und gar unwürdig und unerlaubt, die Martha nachzuahmen. Oder wo lieSt man denn, daß Maria sich beklagte, „weil meine Schwester mich allein läßt in der GeschäftSlosigkeit?" ES sey ferne, eS sey ferne, daß, wer Gott dient, ein Verlangen habe nach dem geräuschvollen Leben der dienenden Brüder. Martha scheine sich nicht hinreichend und weniger geeignet, und wünsche, daß das, was sie verrichtet, Andern aufgelegt werde. Wem kein Amt anvertraut und keine Verwaltung übergeben ist, der mag allerdings mit Maria zu den Füßen Jesu oder gewiß mit LazaruS im engen Raume deS Grabes sitzen. 82. G e sch.l e ch t. So lange man diese Welt bestehen sieht, wo ein Geschlecht kommt und daS andere geht, geht den AuSerwählten kein Trost ab durch das Andenken an Gott, denen in der Gegenwart nicht vollständiger Genuß gewährt wird. Denn eS ist billig, daß denen, die das Gegenwärtige nicht erfreut, daS Andenken an die Zukunft bleibe, und daß jene, welche ihren Trost nicht in hinfälligen Dingen suchen, durch die Erinnerung an die Ewigkeit erfreut werben. Und „das ist daö Geschlecht, daS nach ihm verlanget, die da verlangen nach dem Angesichts deS GotteS Jacobs." 83. Geschrei der Armen. E« schreit der Mangel der Armen, eS schreien die Nackten, eS schreien die Hungerigen, sie klagen und sagen: „Was rhut das Gold am Zügel? Vertreibt vielleicht das Gold vom Zügel die Kälte? oder den Hunger? Während wir erbärmlich Hunger und Kälte leiden, was helfen so viele Wechselkleiber, die entweder an Stangen ausgespannt oder in Koffer eingepackt sind? Unser ist, was ihr verschwendet. Denn auch wir sind ein Gebilv GotteS, auch wir sind erlöst durch daö Blut Jesu Christi. Wir sind also eure Brüder. Sehet also, was eS sey, euere Augen zu weiden an dem j Antheile der Brüder. Euer Leben fließt im Uebcrflusse dahin. Unserer! Noth wird entzogen, was cuerer Eitelkeit geopfert wirb. Endlich kommen zwei Uebel aus Einer Wurzel deö Unrechts hervor, daß nämlich sowohl ihr eure Eitelkeiten verlieret, als auch wir durch eine Beraubung zu Grunde gehen. Euere Lastthiere sind mit Edelsteinen beschwert, während ihr unsern Füßen keine Schuhe machen lasset. Mit Ringen, Ketten,! Schellen und andern kostbaren Dingen sind sie behängen, während unser Leib kein Kleid hat. Aber es wird für unS der Vater der Waisen und der Beschützer der Wittwen einstehen und ihnen zurufen: „„Was ihr! Einem dieser Geringsten nicht gethan habt, daS habt ihr auch mir nicht gethan."" 84. Gesetz. Ein anderes ist das Gesetz, welches der Geist der Knechtschaft, um gefürchtet zu werben, bekanntmacht, und ein anderes das vom Geiste der Freiheit gegebene in Anmuth. Weber müssen die Söhne unter jenem stehen, noch leiden sie ohne dieses. Gut also und angenehm ist das Gesetz der Liebe, welches nicht nur gerne getragen wird, sondern auch die Gesetze der Knechte und Lohnarbeiter erträglich und leicht macht, indem sie zwar selbe nicht aufhebt, sondern zu ihrer Erfüllung beiträgt, indem sie jenes mäßiget, dieses ordnet, beide erleichtert. 85. G e st ä n d n i ß. Besser ist ein demüthige- Geständniß böser Handlungen, als stolze Ruhmsucht über gute Thaten. Weil gefährlicher ist ein täuschendes und stolzes Geständniß, als eine kecke und beharrliche Vertheidigung. Denn Viele, wenn sie offenkundigerer Dinge beschuldiget werden, weil sie wissen, daß, wenn sie sich vertheidigen würben, man ihnen nicht glauben würbe, erfinden einen feinern Grund zu ihrer Vertheidigung, indem sie listiger Weise sich mit einer Anklage zu verantworten suchen. Denn eS gibt Einige, die sich schalkhaft demüthigen, und deren Inneres voll List ist. VerdammenSwerthe Verstellung ist eS, die Sünde zu theilen, und an deren Oberfläche zu kratzen, aber innerlich sie nicht ausrotten. Denn die Beicht hat nur dann einen Nutzen, wenn sie im Munde wahr, im Herzen aufrichtig ist. Und wie Drei sind, die Zeugniß geben im Himmel, nämlich der Vater, der Sohn und der Geist, so sollen wir unserm Herzen und Mund die Priester als Zeugen beifügen, damit die ganze Sache aus dem Munde zweier oder dreier Zeugen beruhe. Alles wird in der Beicht gewaschen, daS Gewissen wird gereiniget, die Bitterkeit wird aufgehoben, die Sünde vertrieben, die Ruhe kehrt wieder, die Hoffnung lebt auf, die Seele erheitert sich: nach der Taufe ist unS kein anderes Heilmittel bereitet, als die Zufluchtsstätte der Beicht. ES sey also andächtig die Zerknirschung de'S Herzens, wahr daS Bekenntniß deS Mundes, vernünftig die Abtödtung deS Fleisches, schnell die Ausrottung der Sünden, freudig die Ausübung guter Werke. 86. Gewinn. O Ehrgeiz, du Kreuz der Ehrgeizigen, wie quälest du Alle, wie gefällst du Allen! Nichts kreuziget bitterer, nichts beunruhiget lästiger, und doch ist bei den bedauernSwerrhen Sterblichen nichts häufiger, als die Bemühungen desselben. Treibt nicht zu den Stufen deS apostolischen Thrones mehr der Ehrgeiz, als die Frömmigkeit? Erschallen nicht die Paläste von seiner Stimme? Schwitzt nicht nach den Gewinnsten desselben die ganze Kenntniß der Gesetze? Wiehert nicht nach seinen Geschenken mit unersättlicher Gier die ganze italische Raubsucht? 87. Gewissen. Ein schuldiges Gewissen ist gewissermaaßen eine Hölle und ein Kerker der Seele. O sicheres Leben, wo ein reines Gewissen ist! O sicheres Leben, sage ich, wo ohne Furcht der Tod erwartet wird, wo sogar die Schlachtbank der Seele, ein böses Gewissen, hinausgeschafft, und mit Süßigkeit und Andacht der Tod aufgenommen wird! Meine Sünden kann ich nicht verheimlichen, weil mein Gewissen bei mir ist, wohin ich immer gehen mag, welches mit sich trägt, was ich hineingelegt, entweder Gutes oder BöseS. ES bewahrt dem Lebenden auf, und gibt zurück dem Todten, waS eS zur Aufbewahrung übernahm. DaS Gewiss-n ist eine unzertrennliche Ehre oder Schande eines Jeden, je nach der Beschaffenheit des Anvertrauten. > Ein gutes Gewissen ist das Lob der Religion, ein Tempel SalomonS, !ein Acker deS Segens, ein Garten des Vergnügens, eine goldene Lagerstätte, die Freude der Engel, die Arche deS BunbeS, der Schatz deS KönigS, der Hos GotteS, die Wohnung deS heiligen Geistes, ein verschlossenes und versiegeltes Buch, welches am Gerichtstage geöffnet wird. Nichts ist angenehmer, nichts sicherer, nichts dauerhafter, als ein gutes Gewissen: !mag der Körper drücken, die Welt ziehen, der Teufel schrecken, so wird eS doch sicher seyn. Ein gutes Gewissen wird sicher seyn, wenn der Leib stirbt, sicher, wenn die Seele Gott vorgestellt, sicher, wenn sie mit dem Leibe l vor den fürchterlichen Richterstuhl deS gerechten Gerichteö gebracht wird. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönche n. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer.