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Gesang ist erhöhte Seelenstimmung, und ist so conform dieser fortwährenden, hier sich darstellenden Erhabenheit der Natur; der FreiheitSstnn, aber der wahre, in Gott und der Natur, seinem Werk, drückt sich in diesem Jodeln recht kenntlich aus. Jetzt sah ich nun vor mir die schöne, weite Tiefung, in der die Stadt Kempten liegt. Unzählige Dörfer sieht man im Umkreise der ansteigenden Höhen, eine Menge von Seen blickt heiter dem Beschauer entgegen; südlich stehen ernst die ewigen Berge, die Berge Gottes, nach dem Ausdruck der Schrift. Wahrlich Berge GotteS; feste, unverwüstliche Denksäulen, die uns hinweisen auf die Größe und Ewigkeit GotteS, allem Schwachen und Vergänglichen der Erde gegenüber. ° Aus der Berge Himmelsbläue Hebt ein Sehnen sich empor, Das den Felsen ew'ger Treue Nie aus seinem Blick' verlor. Blick' mein Auge unverwendct Nach dem Port der Ewigkeit, Von dem Irrlicht nicht geblendet Dieser sumpsvcrlornen Zeit. Auf dem Wege von Kempten nach Lindau kam ich auch nach Jsny, in dessen Nähe das Schloß Trauchburg liegt. Da in Ihrer Zeitung die dort neu gegründete Schule schon öfters anempfohlen wurde, und an dem Tage meines DurchreisenS gerade die Prüfung abgehalten wurde, so hielt ich's für der Mühe werth, mich dorthin zu verfügen. DaS Schloß liegt sehr schön, die Schullocalitäten sind sehr heiter, und für die Gesundheit zweckmäßig; der Prüfungssaal war auf das Geschmackvollste geziert; an den Schülern, die mir 9 — 14 Jahre alt zu seyn schienen, war viel frisches, heiteres Leben geistig und körperlich zu bemerken; die Lehrer durchweg junge Männer voll Liebe zu der Jugend und ihrem Berufe; sehr viele Prüfungsgäste, namentlich Geistliche, die Herren von Zeil und WolfSegg, deren Gemahlinnen unverwandt den vorkommenden Gegenständen ihre Aufmerksamkeit widmeten, hatten sich dort eingefundcn. Die Zahl der während der dreivierteljährigen Existenz der Schule abgehandelten Gegenstände war sehr ausgedehnt, und somit auch hier dem gegenwärtigen Zeitgeiste Genüge geleistet. Während meiner dortigen Anwesenheit kam die Arithmetik und daS Griechische vor. In letzterem Gegenstände wurde auS einer Chre- stomatie, wenn ich mich nicht irre, aus WursterS, der Anfang von Pla- tons Phädon, oder über die Unsterblichkeit der Seele vorgenommen, und deutsch, so wie auch lateinisch übersetzt. Wie viele von diesen Knaben an dem Griechischen Theil nahmen, weiß ich nicht; der. aufgerufene mochte etwa 14 Jahre alt seyn. Dauerte nun sein griechischer Unterricht erst ^ Jahre, so konnte er unmöglich dieser Aufgabe gewachsen seyn, auch wenn er früher schon anderSwo sollte Unterricht genossen haben. Der Schüler lieferte allerdings die deutsche und lateinische Uebersctzung; aber wenn man die Formen, daS Grammatikalische und Syntaktische, die Wortbedeutung, den Sinn, daS Geschichtliche, daS Entsprechende der lateinischen Uebersctzung, daS heißt: warum dieser lateinische Ausdruck gewählt worden, näher urgirt hätte, so glaube ich, hätte er kaum die gehörige Grundlage gehabt, hierüber zu antworten. ES mag dieß nun allerdings eine Folge der dort eingehaltenen Methode seyn, von der man hoffen mag, schneller vorzuschreiten, und so den Tadel vieler zu beseitigen, daß man eS in den alten Sprachen trotz vieljährigcn Studiums nicht zur Fähigkeit, alle Klassiker flüchtig zu lesen und in diesen Sprachen sich leicht auszudrücken, bringe. Aber ich zweifle, ob auf dem Wege des NoreilenS dieser Zweck erreicht wird, und glaube, daß man: durch Gründlichkeit, allerdings nicht durch übertriebene, zur Gewandtheit' kommen müsse, wie dieß schon einer der Alten ausgedrückt hat; abgesehen davon, daß die alten Sprachen ein BildungSmittel der GeisteSvermögen seyn sollen, wie schon Schellcr die Sprachwissenschaft eine angewandte Logik nannte; und sollte eS auch der Fall seyn, daß Geschäftsmänner, Geistliche, Beamte, Aerzte rc. später die Fertigkeit in diesen Sprachen verlieren, wo haben sie denn daS Gepräge erhalten, welches sie so kenntlich von andern, die die alten Sprachen nicht betrieben, unterscheidet? Ist diese höhere Geistescultur, als Frucht der classischen Studien, nicht dankcns-werth? UebrigenS liegt dieß in Beziehung auf den griechischen Sprachunterricht hier Besprochene in der dort eingehaltenen Methode, die der, wie neuere Sprachen erlernt werden, gleich zu seyn scheint, und Niemand wäre mehr erfreut, auf diesem Wege vielleicht das Ziel näher gerückt zu sehen, als ich. -AaS ganze Fest schloß mit einem feierlichen Te deum laudamuS"in dem geschmackvollen Hofkirchlein. ES ist oben berührt worden', daß'die Forderung der Zeit dahin gehe, in Schulen eine größtmögliche Anzahl von Gegenständen vorzunehmen. Dieser Umstand hat kürzlich eine sehr geistreiche Besprechung in den hist.- politischen Blättern: „auö dem Leben eines früh Vollendeten" gefunden. Die ältern Anstalten, und namentlich die römischen sto propagmulv liste, prüften, waS die Schultern tragen können; den jetzigen ist eS mehr darum zu thun, recht Viel aufzuladen, um daS erstere unbekümmert. Die erster», sagen die hist.-polit. Blätter, prüfen die Beschaffenheit, Structur u. dgl. teö Schiffes, und bemessen danach den Ballast, die letztem sehen nur auf die Ladung, unbekümmert, ob daö Schiff dieselbe auch fassen und tragen könne, und unter der Last nicht breche oder sinke. Durch vielfältiges Scheinwissen will unsere Zeit prunken, unbekümmert, wie viel davon gründlich erfaßt sey; ihr Charakter ist Täuschung, um es nicht geradezu Lüge zu nennen. Damit zusammenhängend ist ihre centrifugale Richtung, ihr HinauSstrcben in die Erscheinungswelt, und ihre Abkehr von dem innern, reichen Wesen deS Menschengeistes, und dann von Gott. So weit nun die Zeit Realien, Naturgeschichte im Bereiche deS Wissens zu ihrer Parole gewählt, kämpft sie an gegen daS Menschliche — gegen seine Sprache, Geschichte, seine Vergangenheit also —; und würde dieses gelingen, so fiele dann die äußere und innere Offenbarung — die positive Offenbarung und daS Ebenbilkliche GotteS im Menschen —; somit würde Gott unS wieder in die Ferne gerückt, und der Zwiespalt der Natur mit Gott — wie nach dem Falle — wäre wieder da. Dieß ist der Kampf der Realien mit den classischen Wissenschaften, und so weit in der Sprache und Geschichte der Menschen sich Gott geoffenbart hat, — durch den Kampf mit Religion und Glauben. Es würde hier zu weit führen die Vorzüge der Wissenschaft deS Alterthums vorzuführen, und dadurch die Nothwendigkeit der letztem zu beweisen; ich mache nur darauf aufmerksam, daß daS Gelangen der Kenntniß deS Alterthums auf unsere Zeit — in seinen Schriften rc. — ein Wunder ist, und sonach der Wille GotteS sich deutlich ausspricht, daß er diese Schätze deS Alterthums aufbewahrt, benutzt, anerkannt und geschätzt wissen wollte. WaS wüßten wir ohne sie von der Leitung und Führung de- ^ Menschengeschlechtes, von der Abirrung der Heiden, und was sie in ihrem ^ Naturzustände außerhalb der positiven Offenbarung waren, über welches unS die heiligen Schriften und Väter, und in Beziehung auf daS letztere !auch die Schriften der Heiden belehren. Ich gehe nicht aus den etwaigen 182 Einwurf ein, daß all' dieses doch durch das mündliche LehramtAer Kirche gelehrt würde; ich sage nur, daß das Streben der falschen Zeitrichtung dahin geht, im Kampfe gegen das Alterthum vorzüglich auch vie Kirche zu stürzen. Welche Undankbarkeit liegt rarin, all' ras was die Menschheit bisher geleistet, was Gott an ihr gethan, der Vergessenheit überliefern zu wollen, und waö hast du für eine Versicherung, baß der Nachkomme veine Thaten und Leistungen wisse ober anerkenne, da du die Vorfahren vergissest, nur den Tag, an dem ru lebst, lobest, und den vorhergehenden nicht mebr anerkennst! Um nun aus das Alterthum im engern Sinne, das classische einzugehen, so ist allerdings über die Behandlung desselben, namentlich vom' christlichen Standpunkte auö, mit Recht schon öfters Tadel ausgesprochen worden. Viele Lehrer leben und schweben ganz im heidnischen Alterthume^ rind bringen diese ethnische Gesinnung auch den Schülern bei. Die Fol-! gen hievon sind unberechenbar schädlich, und. ein guter Theil der Elan- benSlostgkeit unserer Zeit hat hierin seinen Grund. Gott hat die Alters thumSkennlniß deßwegen auf unS kommen lassen, daß wir sehen, wie weil! im Elende der Men,ch ohne Gott gerälh/ wie er bei aller Kunst und Wissenschaft von Gott und seiner Bestimmung doch nichiö Genügendes weiß; aber auch deßwegen, daßMir^eNahren. wie in Folge dieser Unzulänglichkeit der Heide nach höherer Belehrung sich sehnte, und wir uns beschämt fühlen »lögen, wenn wir, vom Lichte umgeben, unsere Augen vor seinem Schimmer verschließen wdllen. Die äugend sehe es, unb sie erlebe «S an sich selbst, wie dK Mensch am glücklichsten ist im Vereine mit Gott, wie der Abfall in Unglück und Verderben stürzt, und nur bei Gott wieder Ruhe und Frieden zu finden ist. In diesem Geiste müssen die Klassiker gelesen werden, und wir glauben nicht, daß Herr Schöppner hierunter ein Ueberall Einmischen der ReligionSlehre finden werde. *) Der Geist ist es, der lebendig macht, der Buchstabe tobtet. Und warum soll denn das christliche Alterthum, in den Vätern und christlichen Dichtern, von den Schulen so ausgeschlossen seyn, wie bisher? Auch dem Hebräischen sollte mehr Aus- merksamkeit zugewendet werden, anstatt daß man von seiner Erlernung die Studierenden entbindet; ist denn nicht das Wort Gottes in dieser Sprache auf uns gekommen? In diesem Sinne vertheidige, ich die classischen Studien, nicht aber in jenem einseitig heidnische»; denn in-dieser Absicht hat Gott sie nicht auf unS kommen lassen, daß rpir an ihneikk Neuheiben werden sollten. Eben diese fehlerhafte Behandlun'g-Hat dir Strafe der Zeit verdient; denn ob« wohl letztere »„christlich ist, und^somit dieser schlechten Behandlungöweise der Klassiker Dank wissen sollte, so thut sie dieses doch nicht, sondern ihrem Charakter gemäß, der llndaük ist, verwirft sie ein bisheriges, ihr nicht mehr genug entsprechendes Hilfsmittel und umsaht ein anderes — den Naturalismus. Wie nun im Heidenthumd^ünb wer sich in selbes hineinlebt, die Menschheit voip Gott geirenntUvird, so löst sich im Naturalismus die Natur von der liutertpürfigkeit. gegen den Menschen ab; nicht anders also, und gerade wie wir es am Anfange unserer Geschichte sehen: da der Mensch Gott nicht mehr gehorchte, göttloS wurde, so machte auch die Natur sich ihrerseits loö von dem Menschen, und trat feindselig gegen ihn auf — Kampf dcS Naturalismus gegen den Humanismus. (Vergleiche Logt und andere Vorkämpfer diese -Richtung.) Nur daS Christenthum eint, und daher muß sich der Mensch an Gott, und die Natur an den Menschen anschließen. Im Geiste deö Christenthums, der positiven Offenbarung erscheint der Mensch und die Natur als zwei natürliche Offenbarungsweifen GottcS, und sonach alles Studiums und aller Aufmerksamkeit werth. So mochte in seiner bessern Zeit Salomo, so haben die Natur die Forscher des MittelalterS: Albert der Große rc>, in unserer Zeit Marcell de CerrcS, RingSseiS, Mützel u. a. aufgefaßt. WaS der Apostel Paulus von Christus in anderer Beziehung sagt, daß er die Scheidewand niederreiße und beides eine ^*), gilt auch hier. In Christo kehrt der Mensch zu Gott zurück, und die sich nach der Herrlichkeit der Kinder GolteS sehnende Natur im Menschen ebenfalls zu Gott. Ich darf mich enthalten, die hieraus entspringende Folgerung für daS Verhältniß der ReligionSlehre, der Humaniora und der Naturwissenschaften weiter anzuführen. Nur das erlaube ich mir zu bemerken, daß durch die Verwirklichung dieser Folgerungen das sich darstellen würbe, was unsere! ersten deutschen Dome so erhaben sinnbilden: Einigung der Natur (der^ Materie) und der Kunst (also deS Menschlichen) im Glauben (im Auf-' streben dieser Gebäude gegen den Himmel). , Ich war in Lindau angekommen und früh Morgens mit dem Dampf- ^ schiffe nach Rorschach gereist. ES ist etwas Prachtvolles, an einem schönen. Morgen über diesen See zu fahren. Weithin gleitet daS Auge über die' bläuliche Fluch; ringsum an den Ufern des SeeS erblickt es schone Landhäuser, Dörfer und kleine Städte. So fuhr nun daS Schiff hin über die Spiegelfläche deö SeeS, voll Ruhe. O möchte mein Leben in gleicher Weste durch das Zeitenmeer sich bewegen. Die Schweiz mit ihren Bergen blickte uns einladend entgegen, und in kurzer Zeit standen wir auf ihrem freundnachbarlichen Boden. Ohne mich lange in dem freundlichen Rorschach aufzuhalten, wanderte ich der Statt St. Gallen zu. Welch herrliche, zaubervolle Gegend! Diese Schweizer bewohnen ein paradiesisches Land. St. Gallen, Zürich, Baden, Basel, Städte die ich auf meiner Reise berührte, welch' herrliche Lage haben sie! welch' bezaubernde Umgegend! Und doch will eS dem Wanderer vorkommen, als seyen die meisten der Einwohner für diese Naturschönheiten unempfänglich, so daß also sich hier nach dieser Seite hin bestätigt, waö dem Menschengeschlechte im allgemeinen zum Vorwürfe gemacht werden kann: daß nemlich Naturschön- yeiten, die alle Tage sich zeigen, von dem Menschen nicht mehr geachtet werden. Die Pracht der Sonne, ihr Auf- und Niedergang, alle die gewöhnlichen Naturerscheinungen, wie wundervoll find sie! Aber weil der Mensch sie alle Tage sieht, so erkennt er kaum mehr etwas BeachtenS- werthes darin. Aber etwas Anderes läßt sich von dem Wanderer noch beachten, das ihn ungleich wehmüthiger stimmen möchte als die gerade erwähnte Erscheinung. Je mehr auf einem Lande die Schönheit dcS Himmels sich ausprägt, je mehr die Großartigkeit der Natur, diese hohen majestätischen Berge, Ströme und Seen den Menschen zum Höher» begeistern sollten, desto irdischer, sinnlicher, fleischlicher ist der Sinn und daS Streben der Bewohner. Ein drittes ferner läßt sich noch wahrnehmen: je glücklicher ausgestattet eine Gegend ist, desto unzufriedener ist die Bevölkerung. Es ist nicht nothwendig, daß ich auf alles ErwähnenSwerthe in Stadt und Umgegend eingehe, ich könnte eS auch nicht. Ein oder daS andere mag hier erwähnt werden. Die Stadt verdankt bekanntlich ihr Entstehen dem Kloster deS heiligen AbteS GalluS, der sich hier in einem Walde, der eine Besitzung deS Grasen Tatto war, mit seinem Freunde Mang niedergelassen hatte. (630 n. Chr.) Nach seinem Tode wurde unter Pipin von Heristall, und Wolfram, einem Urenkel deS Grasen Tatto, daS Kloster St. Gallen gebaut. Othmeyr, der erste Abt, gründete eine Schule, die noch bis ins lOte Jahrhundert die berühmteste Universität von Europa war, hier lehrten: Kero, Notker'Jso, Salomo u. a. Von einem freundlichen jungen Priester wurde mir die schöne Stiftskirche und die Bibliothek gezeigt. Die Kirche enthält schöne FreScomalereien von Moreto u. a. Am Eingang der Bibliothek steht die Aufschrift: (Heilmittel für den Geist). Wie wahr! Hieher sollen diejenigen, die in unserer Zeit immer von Errungenschaften sprechen, welche oft nur darin bestehen, baß sie Zerstörung alles Errungenen sind, hieher sollen sie kommen; hier oder überhaupt an jedem Orte der Art können sie sehen, was Errungenschaft ist. Die Bibliotheken enthalten in sich die Geisteswerke der hervorragendsten Menschen aller Zeiten: in ihnen ist zu finden, waS die Menschen seit ihrem Bestehen dachten, ersannen, ausführten. Durch die Jahrhunderte hin, im stillen Laufe der Geschichte, die in Gottes Hand ruht, bilden sich die Errungenschaften der Menschheit, aber nicht dadurch daß man mit der Vergangenheit bricht. Dieses heißt: alles bisher von Menschen geleistete als Nichts verwerfen, und nachdem diese Basis bei Seite geschoben, in der Luft sich festsetzen wollen; daher aber auch, wie wir eS in unsern Tagen gesehen, das Unhaltbare, und der baldige Sturz dieser Lustgebäude. Mit Gott und unter seinem Schutze muß man an dem fortbauen, waS anpere bisher unS überreicht und nicht vollendet haben. !>H ckominus aockisioaverit ckomum, in vanum lasiorant, gui ackiliognt eam. (k8»Im.) Außer andern Merkwürdigkeiten der Bibliothek wurden mir gezeigt: sogenannte 8oommata (Spottfiguren), welche Porträte der Reformatoren darstellen, umgekehrt aber eine Carikalur bilden; die Jnterlinearversionen deS Kero und Notker; eine deutsche Bibel vom Jahre 1464; eine ägyptische Mumie, ungefähr 2200 Jahre alt; Bruchstücke einer Handschrift VirgilS. ES findet sich dort auch ein sogenanntes Vooabulmium 8t. 6M; ein Wörterbuch, in dem die Schweizersprache für die Missionäre durch daö Latein erklärt wurde. (Schluß folgt.) ') Vgl. Gymnasialblättkr. 1. Jahrgang. 2tes Heft. ") Ephcs, H. 14. 1S. 16. Blumen au- dem Schriftgarten de- heiligen BernarduS. (Fortsetzung.) 88. Gewohnheit. ES ist eine schwere und allein der göttlichen Tugend mögliche Sache, daS einmal übernommene Joch der Sünde abzuschütteln: weil, wer eine Sünde begeht, ein Knecht der Sünde ist: und er kann nicht befreit werden, außer in starker Hand. Diese ist die große Barmherzigkeit, welche großen Sündern nothwendig, von welcher geschrieben steht: „Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner großen Barmherzigkeit, und nach der Menge deiner Erbarmnisse tilge meine Missethat." Die Gewohnheit ist eine schwere und gefährliche Kette, leichter aufzulösen, als zu brechen, so, daß hier seneS Sprichwort in Anwendung kommt, der Fleiß sey besser, als die Gewalt, und gleichwie Gewalt mit Gewalt vertrieben wird, und durch das Feuer des Geistes daS Feuer der Begierden ausgelöscht wird, so sollst du der Lift des Argen List entgegen setzen und der Gewohnheit Ueberlegung. Wenn du Reinigkeit deS Leibes mit Gewalt suchest und davon hoffest, eS werde dieselbe über die Gewohnheit siegen, so steht zu befürchlen, deine Arbeit möchte gefährlich werden, und eö könnte eher die Materie unterliegen, als die verweichlichte Gewohnheit, welche gleichsam eine zweite Natur ist. Mit dem Messer scharfer Reue muß die Wunde einer veralteten Gewohnheit ausgeschnitten werden. Wer den Regungen deö Fleisches nicht widersteht, und die Bewachung deS HerzenS vernachlässiget, der wird nach und nach so sehr von der Gewohnheit gebunden, daß er später, wenn er auch will, ihnen nicht mehr Widerstand leisten kann. 89. Glaube. Der lebendige und katholische Glaube ist ein Bild der Ewigkeit, und begreift in sich die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft als in einem sehr weiten Schooße, so, daß ihm nichts vorübergeht, nichts zu Grunde geht, nichts vorausgeht. So lange lebt Christus in unS, so lange der Glaube lebt. Aber wenn der Glaube gestorben ist, ist auch Christus gewiffermaaßen in uns gestorben. Weiter bezeugen das Leben deS Glaubens die Werke deS Glaubens, wie geschrieben steht: »Die Werke, welche der Vater mir gegeben, daß ich sie vollbringe, diese Werke, die ich thue, geben Zeugniß von mir." Von diesem Ausspruch weicht nicht ab jener, daß „der Glaube, wenn er keine Werke hat, in sich selbst todt ist." Denn gleichwie wir daS Leben des Leibes auS seinen Bewegungen erkennen, so auch erkennen wir^ das Leben des Glaubens auö den guten Werken. Und zwar ist daS Leben deS Leibeö die Seele, durch die er bewegt wird und empfindet: daö Leben deS Glaubens aber ist die Liebe, weil er durch sie wirkt, wie du beim Apostel liesest: „Der Glaube, der durch die Liebe wirksam »ist." Wenn daher die Liebe erkaltet, so stirbt der Glaube, gleichwie der Leib stirbt, wenn die Seele auS selbem zieht. Wenn du also einen Menschen siehst, der unverdrossen in guten Werken und heiter im Eifer seines Wandels ist, zweifle nicht, daß der Glaube in ihm lebe, denn du hast die unumstößlichen Beweise seines Lebens. Der Tod des Glaubens ist die Trennung der Liebe. Der Glaube ist bewährt, wenn man glaubt, waS man nicht sieht. Waö ist es Großes, zu glauben, waS man -sieht, und waS für ein Lob verdient eS, wenn du deinen Augen Glauben schenkst? ^ „Ohne Glauben ist unmöglich, Gott zu gefallen." Wer Gott nicht gefällt, dem kann Gott auch nicht gefallen: denn wem Gott gefällt, der kann Gott nicht mißfallen. Wenn wir im Glauben wandeln, wandeln wir im Schatten Christi. Und gur ist der Schatten deS Glaubens, denn er mäßiget daS Licht dem erblindenden Auge, und bereitet daö Auge vor auf daS Licht. Glauben an Gott heißt auf Gott hoffen und Gott lieben. 90. Glorie, himmlische. Vom Stand und von der Vollendung der Kirche hängt daS Ende aller Dinge ab. Nimm diese weg, und vergeblich ist „daS Harren deS Geschöpfes auf die Offenbarung der Kinder GotteS." Nimm diese weg, und weder die Patriarchen noch die Propheten werden vollendet. Nimm diese weg, und selbst die Herrlichkeit der Engel wird sinken wegen der Unvollkommenheit ihrer Zahl, und die Stadt GotteS wird sich nicht freuen über ihre Unversehrtheit. Woher also wird der Plan GotteS, die Verborgenheit seines Willens und jeneö große Geheimniß erfüllt werden? Glaubst du, daß unser Gott das ganze Lob seiner Glorie haben werde, bis Jene kommen, die dir vor dem Angesichts der Engel lobsin- gen: »Wir freuen uns der Tage, da du uns gedemüthiget hast. Der Jahre, da wir Unglück sahen." Diese Art von Freude kannten die Himmel nicht, außer durch die Söhne der Kirche. Der freur sich niemals, der niemals traurig war. Gelegen kommt nach Traurigkeit Freude, nach der Arbeit die Ruhe, nach dem Schiffbruche der Hafen. Allen gefällt die Sicherheit, aber dem noch mehr, der sich gefürchtet hat. Angenehm ist Allen daS Licht, aber noch angenehmer dem, der auö der „Macht der Finsterniß" frei wird. Vom Tode zu», Leben übcrge- gangen zu seyn, verdoppelt die Wonne deS Lebens. Glücklich wird also die Kirche in ihrer Allheit, und all ihr Ruhm übertrifft die Ursachen der Freude, nicht nur für daS, was ihr schon geschah, sonder» auch dafür, waS ihr noch geschehen muß. 91. Glorie, vergängliche. Vergeblich bemüht sich um den Gipfel des Ruhmes, wer durch Tugend nicht hervorgeleuchtet hat. Den» der Ruhm ohne Tugend ist ein unverdienter, wird zu frühe angemaßt, mit Gefahr angenommen. Ist eS denn etwas so Großes, eitel zu leuchte», oder ein wenig zu brennen? . Brennen und Leuchten ist vollständig. ES gibt aber Einige, welche nicht deßhalb leuchten, weil sie brennen, sondern welche mehr brennen, damit sie leuchten. Verderblich ist die Sucht zu leuchten, denn viel besser ist daS Brennen. Denn wenn du so heftig nach dem Glänze trachtest, sorge, daß du seyest, waS du scheinen willst: und suche zuerst daS Feuer, und eS ist kein Zweifel, daß dir auch der Glanz beigegeben werde. Anders arbeitest du vergeblich, weil der Glanz ohne Feuer eitel ist. WaS rühmst du dich deiner Heiligkeit? Der heilige Geist ist es, der heilig macht. Was ohne Willen und Beislimmung unsers gcWchen VaterS geschieht, wird dem eitlen Ruhme, nicht dem Lohne zugerechnet. 92. G l ü ck. Wie selten ist immer fest gestanden, wie hat nachgelassen an Wachsamkeit über sich und an Zucht ein nur ein wenig Beglückter! WaS daS Feuer für daS Wachs, der Sonnenstrahl für Schnee und Eiö ist, das ist das Glück für die Unvorsichtigen. Weise war David, weiser noch Salomon; aber da ihnen das Glück zu sehr schmeichelte, ist der eine theilweise, der andere ein ganzer Thor geworden. Ein großer Mann, der in Unglück fällt, verliert nicht leicht die Weisheit, aber einen kleinen Geist verlacht das Glück, das ihn zuerst angelächelt. Leichter finden wir Menschen, die im Unglücke die Weisheit beibehielten, als-solche, die im Glücke sie nicht verloren. . 93. E l u ch s e l i g k e t t. Wie ein kleiner Wassertropfen, der vielem Weine beigemischt wird, ganz zu verkommen scheint', da er sowohl Geschmack als Farbe deS WeincS annimmt; und wie ein, in Feuer geworfenes und glühendes Eisen dem Feuer sehr ähnlich wird,'indem eS die frühere und eigene Form ablegt; unv gleichwie die vom Sonnenlichte durchströmte Luft in die nämliche Klarheit deS LichteS verwandelt wird, so, daß sie nicht sowohl erleuchtet, sondern vielmehr selbst Licht zu seyn scheint: so wird in der ewigen Glückseligkeit bei den Heiligen , alle menschliche Beschaffenheit auf eine gewisse unaussprechliche Weise von sich selbst zerfließen und ganz in GotteS Willen hingegossen werden. Denn wie wird sonst „Gott Alles in Allem" seyn, wenn im Menschen und vom Menschen etwas übrig bleibt? Bleiben wird zwar die Wesenheit, aber in anderer Form, in anderer Herrlichkeit, in anderer Macht. Welch ein Glanz, glaubet ihr, wird dann an den Seelen seyn, wenn daS Licht der Leiber den Glanz der Sonne hat? Dort wird keine Traurigkeit, keine Angst, dort wird keine Mühe, kein Tod, sondern dauerhafte unv ewige Gesundheit seyn. Dort erhebt sich keine Bosheit, kein Elend deS Fleisches, keine Krankheit, kein Bedürfniß: Dort ist kein Hunger, kein Durst, keine Kälte, keine Hitze, keine Mattigkeit deS FastenS, keine Versuchung deS Feindes, kein Wille zu sündigen, keine Möglichkeit zu fallen, sondern Freude und Jubel werden daS Ganze erfüllen, und die Menschen, in Gesellschaft der Engel, werden ohne alle Schwachheit deS Fleisches in beständigem FrühlingSalter leben. Dort ist Ruhe von Arbeiten, Friede vor Feinden, Annehmlichkeit wegen Neuheit, Sicherheit wegen der Ewigkeit, Süßigkeit und Lust an der Anschauung GotteS. Dort ist kein Fremdling, sondern Diejenigen, welche dorthin zu kommen verdienen, werden sicher bleiben im eigenen Vaterland, immer erfreut, immer gesättiget von der Anschauung GotteS. (Wer die Seligkeit so schildern kann, der muß schon auf Erden einen Vorgeschmack davon gehabt haben. Wie vergeht mir die Lust an der Welt und an der Sünde, wenn mir der heilige Bernard den Himmel beschreibt! Anmerk. d. UebersetzerS.) 94. Gnade. Nicht unpassend wird wahrlich die Gnade einem Schilde deS göttlichen Schutzes verglichen, der am obern Theile geräumig und weit ist, damit er Haupt und Schultern beschütze: im untern Theile aber enger, damit er weniger belästige, besonders weil die Schienbeine dünner sind, und nicht so leicht verwundet werden, dann weil es auch nicht so gefährlich ist, an diesen Körpertheilen verwundet zu werden. So gibt auch Christus seinen Soldaten zum Schutze des untern Theiles, d. i., deS Fleisches, Dünnheit und Mangel an zeitlichen Gütern, und er will haben, daß sie sich damit nicht beschweren, „zufrieden seyen, wenn sie Nahrung und Kleidung haben," wie der Apostel sagt: der obere Theil aber, nämlich der Geist, soll weit und breit angefüllt seyn mit der göttlichen Gnade. Gesellenvereirr zu Köln. In Elberfeld besteht seit drei Jahren mit sichtbarem Erfolge ein Gesellenverein, gegründet durch Herrn Kolping, früher Caplan in Elberfeld, jetzt Domvicar in Köln. Nun ist dieser Verein auch in Köln unter der Leitung seines ersten Urhebers eingerichtet. Nachdem im vorigen Sommer eine Anzahl junger Leute für das Unternehmen vo:bereitet worden war, ist mit dem Eintreten des Herbstes und der langen Abende nun daö Ganze völlig eingerichtet und zählt bereits nahe an zweihundert Mitglieder. Der Zweck dieses Vereines ist, wie damals ausgeführt wurde, Besserung der socialen Verhältnisse an dem Nachwüchse des Bürgerstandes, an den Handwerksgesellen. Ueber die ganze Sache werden wir ihrer Wichtigkeit wegen später noch näher reden. Hier wollen wir nur einige kurze Andeutungen geben. Der Verein ging zunächst auö der Frage hervor: Wie können dem Handwerksgesellen die für ihn bisher immer verlorenen Abende der Sonntage und Montage für sein Glück und seine Veredlung nützlich gemacht werden? An diesen Abenden ist im Hause des Meisters für den Gesellen gar kein Verbleib. Daher geräth er auf die Straße, inS Wirthshaus und leicht in alle Liederlichkeit. Hat er einmal so angefangen, dann hat er bald bei geringem Verdienst und großem Verzehr keinen ordentlichen Rock mehr am Leibe. Dann schämt er sich also Sonntags bei Tage auszugehen. Also wird Sonntags den Tag über auf der Werkstätte gehockt und gearbeitet, bis man beim Abenddunkel auch in schuftiger Kleidung nach irgend einer Kneipe oder Spelunke schleichen kann. Die Nacht und der Montag werden dann, so weit vaS Geld reicht, der Liederlichkeit geweiht. Der junge Mensch ist verloren, und er wird bald der Verführer Anderer. Und doch ist das gerade diejenige Classe, welche den Nachwuchs für den wichtigsten Hauptstamm deS Volkes bildet, und auf der die ganze Zukunft der socialen Verhältnisse beruht. — Diese beiden Abende des Sonntags und Montags nimmt nun der Gcsellenverein in Anspruch, indem in ihm eine Art von Casino für die Gesellen und ähnliche junge Leute sich bildet zur Erweiterung ihrer Kenntnisse, zum freundschafilichen Verkehr mit ihres Gleichen und zur heitern gesellschaftlichen Unterhaltung. Religion und Tugend, Arbeitsamkeit und Fleiß, Brüderlichkeit und Eintracht, Heiterkeit und Scherz, das sind die vier Motto, die im Saale an der Wand angeschrieben, den Geist des Vereines bezeichnen. Abends von 5 bis 10 Uhr ist den Mitgliedern daS Local geöffnet. Geistlicher und weltlicher Gesang, Lectüre, Vortrüge über nützliche Gegenstände, die den Gesellen zum guten Christen und tüchtigen Bürger machen, freundliche Unterhaltung, bisweilen auch scherzhafte Deklamationen, Spiele oder Aufführungen, daS bildet den Kreis der Abendunterhaltungen. Zugleich hat der Verein einen gemeinschaftlichen Gottesdienst und eine Krankencasse. Wir beschränken unö auf diese Andeutungen, die aber jedenfalls schon hinreichen werden, um allen Nachdenkenden die handgreifliche Nützlichkeit deö Unternehmens zu beweisen, und sie dafür zu interessiren. Das VereinSrecht. M ü nchen, 19. Oct. ... Für heute wollen wir unser Augenmerk auf daS Wirken deS gegenwärtigen Ministeriums im Innern deS Landes selber richten. Leider können wir demselben in dieser Hinsicht nicht das gleiche Lob spenden, wie in der deutschen Frage. Nicht daß wir die Männer angreifen wollten, als hätten sie schlechte Absichten, — dieß sey ferne von uns, — allein eö zeigt sich die gleiche Rathlosigkeit, die Mißgriffe jeder Art erzeugt, wie überall in der Gegenwart. Abgesehen von dem Preßgesetz- En^vurf, den bereits das vorige Ministerium schon in die Kammer brachte, und der jetzt wieder unverändert vorgelegt wurde, obwohl alle Parteien entschieden gegen ihn sind, ist daS VereinSrecht, wenn auch nicht durchs Gesetz, so doch durch die That aufgehoben. DaS Gesetz scheint fast noch enger alö LaS österreichische gehalten; auch hier sind alle Zweigvcreiue verboten, jede Verbindung derselben unter sich untersagt. Die PiuSvereine würden eine Unmöglichkeit werden, denn der §. 22 läßt die nicht politischen Vereine, welche zugleich politische Zwecke verfolgen, schließen und die Mitglieder bestrafen. Nun aber kann jedes Wirken der PiuSvereine für die Freiheit der Kirche und der Schule als ein politisches angesehen und gedeutet und somit gegen selbe verfahren werden. Aber abgesehen von Letzterem, so sind wir eben der Ueberzeugung, daß das freie VereinSrecht nicht ein bloßes leeres Spielzeug seyn darf, das die Regierungen den Völkern gewähren, um etwa ihre Ungeduld zu beschwichtigen. Die freie Vereinigung ist ein viel größeres bedeutenderes Agens in der Geschichte der Gegenwart, als die meisten Regierungen glauben möchten. Da wo alle Verhältnisse der Gesellschaft mehr oder weniger aufgelöst oder zersetzt sind, wie durchgängig in der Gegenwart, ist eS nicht bloß natürlich, daß in der allgemeinen Fusion die Gleichgesinnten sich zusammenthun, sondern wenn eine Besserung unserer Zustände eintreten soll, so kann sie nur auf diesem Grunde sich erheben. Denn wenn es wahr ist, daß eine Gesellschaft ihre wahre Kraft und ihren Bestand nur in der innern gleichartigen Gesinnung, im gemeinsamen Bewußtseyn hat, und nur in diesem die Kraft des Wirkens liegt, wenn es wahr ist, daß diese durch keine Gesetze, durch keine Polizei ersetzt werden können, so wird auch Niemand läugnen, daß nur dadurch, daß eine gleichartige bessere Gesinnung, ein gemeinsames Bewußtseyn, eine Ueberzeugung wieder hergestellt werde, dem Verderben der Gegenwart gewehrt werden könne. Dieß kann aber nur durch freie Vereinigung geschehen. Dieß freie VereinigvngSrecht darf aber nicht ein illusorisches, nichtssagendes seyn, wie die österreichische Verfassung und der gegenwärtige bayerische Entwurf es in Gnaden gewährt, sondern eS muß in seiner Wahrheit und Ganzheit gegeben werden. Ja, wir stehen nicht an, ihm den gleichen, wo nicht noch einen viel größeren Werth beizulegen, alö der freien Presse, denn in letzterer ist nur die Freiheit als geistiger Ausdruck, im freien VereinSrecht die Freiheit als Sache gewährt. Man wende nicht ein, durch das Verbot der Verbindung der Vereine unter sich, durch das Verbot der Filialvereine würde den Vereinen, die schlechte Zwecke und den Umsturz deS Bestehenden verfolgen, am sichersten entgegengewirkt. Mit Nichten! Die Umsturzmänner hatten und haben noch ihre geheimen Verbindungen church ganz Europa hin, und sie werden selbe auch in Zukunft trotz der factischen Aufhebung des VereinsrechtS huben. Ueberdieß, wie leicht ist die Bestimmung des GesetzcS nicht zu umgehen. Also nicht das Böse wird dadurch gehindert, sondern vielmehr daS Gute. DaS Gesetz trifft die besseren Vereine, nicht die schlechten! Denn die Mitglieder der besseren Vereine, welche fremd sind allen Umsturzplanen, werden allerdings dem Gesetze gehorsam seyn, aber indem sie ihre eigenthümliche Kraft und ihr warmes Leben verlieren, werden sie wenig mehr wirken können; dagegen viele, die hätten gewonnen werden können, den Gegnern in die Hände fallen, die sich durch daS Gesetz selbst nicht beirren lassen. Und auch ist eS größtentheils den Vereinen, ihrem gemeinsamen Wirken zu verdanken, daß Bayern nicht gleich Baden der Revoltüion verfallen ist, -so daß die Regierung durch das neue Gesetz sich selbst des bedeutendsten Hebels berauben würde. Und wahrlich, die Gefahr des' Umsturzes ist noch nicht im Mindesten beseitigt, ja sie ist viel intensiver noch denn früher, und unter dünner Decke lauert das Verderben des völligen VernichtimgSkampfeS des radicalisirten hohen und niedrigen Proletariats gegen alle gesellschaftliche Ordnung, gegen jeve Bildung, Wissenschaft und Religion. Jener Grundsatz deS modernen PolizeistaateS aber, jenes „elivicio et impora", daS Theilen und Brechen jeder selbststän- digen Macht, die daraus hervorgehende AlleSregiererei und daS Streben, AUeö auch inS Kleinste herab zu überwachen und äußerlich durch Gesetze biö zur homöopathischen Verdünnung herab selbst beherrschen zu wollen, wird die kommende Krise nicht nur nicht aufhalten, sondern vielmehr beschleunigen und fördern. Wenn aber bis dahin nicht eine andere Macht, die auf gemeinsamer Ueberzeugung und Gesinnung sich erhebt, sich gebildet hat, dann wehe der Gesellschaft, wehe Europa! Diese Macht kann sich aber nur bilden einerseits in ihrer materiellen Unterlage durch daS freie VereinSrecht, andererseits in ihrer geistigen Bildung durch die Freiheit der Kirche. Nur dadurch, wenn überhaupt noch daS ! Abendland gerettet wird, ist mit Gottes Beistand Rettung möglich vor ^dem nahenden Verderben, das freilich jetzt so viele schon beseitigt glauben, ^weil der eiserne Arm deS Militärs die ersten Vorkämpfer darnieder gewor- j fen. — Hoffentlich wird aber der neue Gesetzentwurf von der Kammer eine ganz andere Gestalt erhalten! (Tiroler Wochenbl.) Verantwortlicher Redacteur; L. Schönchen. Verlags-Inhaber; F. C. Krem er.