Vierteljähriger Abonnementspreis im Bereiche von ganz Bayern nur 20 kr„ ohr! irgend einen weitere. Post-Aufschlag. Auch von Nicht-Abonnenten der Postzeitung werden Bestellungen angenommen. Sonntags-Peiblatt zur Augsburger Poftzeitung. Auch durch den Buchhandel können diese Biältcr bezogen werden. Der Preis beträgt, wie bei dem Bezug durch die Post, jährlich 1 fl. 20 kr. Urunter Jahrgang. tR- 4l7. 2» November L848. Reisebetrachtungen. (Fortsetzung.) Eine lästige Eilwagenfahrt versetzte mich nach Zürich. Ein in der Bibliothek sich vorfindender Meilenstein auS der Zeit des Nerv« beweist, daß die Stadt nicht Tigurium, sondern Turicum hieß. In der Bibliothek fanden sich vor die Porträte der Reformatoren, eine deutsche Bibel vvm Jahre 1472, ferner ein griechisches alteö Testament (die Septuaginka), welches Zwingli benutzte, am Rande find hebräische Lesearten angebracht; am Ende deS BucheS verzeichnete er selbst GeburtSzeit und Namen seiner Kinder. Man sieht dort die Büsten berühmter Züricher Gelehrten, wie z. B. von Konrad Gessner, Schultheß, Hagenbach, Lavater, Pestalozzi, Salomo Gessner; ferner alle Antistites von Zwingli bis auf Heß. Es sind in Zürich auch interessante zoologische und mineralogische Sammlungen, römische, griechische und keltische Alterthümer rc. zu sehen. Inder Bibliothek finden sich altdeutsche Gemälde, welche einst in Kirchen aufgestellt, der Wuth der calvinistischen Bilderstürmer entkommen waren. Sie stellen die Einführe! deS Christenthums in Zürich und der Umgegend vor: Felix, Regula und ErpektantiuS, die am Züricher Münsterplatz enthauptet wurden und, wie die Sage meldet und das Gemälde vorstellt, die Köpfe eine Strecke weit trugen. Ein anderes Bild stellt den Schmid Eberhard vor, der den Pferden die Füße abhieb, um sie leichter beschlagen zu können. Neben ihm steht eine Here, die er im.Begriffe ist, zu bannen. Daö kirchliche Leben ist (bitter ist es, dieses auSsprechen zu müssen) in Zürich gänzlich erloschen. Ich kam an einem Sonntage in mehrere Kirchen, wo die Prediger vor einer unbeträchtlichen Anzahl von Zuhörern den Dienst deS Wortes versahen; wie z. B. in der Münsterkirche, wo sich trotz dem, daß die Pfarrei so groß ist, und noch dazu ein nationaler Bettag im Namen der Cantons-Obrigkeil stattfand, etwa fünfzig Personen, und diese zumeist dem weiblichen Geschlechte und zwar dem vorgerücktem angehörend, einfanden. Aber was mag auch"den Menschen in einen sol chen von vier Mauern umschlossenen Raum einladen! Alles 4st profan; nichts stehst ou, was dich einen christlichen Tempel hier vermuthen ließe. DaS Crucifix, das in lutherischen Kirchen noch zu sehen, ist hier nicht vorhanden. Und wie kalt, alles Übernatürlichen, alles-eigentlich Christlichen entleert, ist die Art dieser Prediger. So rächt sich der Abfall von der Kirche, in seinem Gefolge ist auck der von Christus; allerdings nicht gleich zu Anfang, aber erst später sich deutlich herausstellend. Einen wohlthuenden Eindruck macht auf den Beschauer die erst vor kurzem zur Vollendung gekommene katholische Kirche. Sie ist an das Universitätsgebäude angebaut, in schönem, gothischen Style. DaS Portal ist vortrefflich; innen finden sich schöne Gemälde von dem Maler Deschwand- ner aus Samen. Aus dem linken Seitenaltare: Christus am Oelberge; am rechten: Christi Himmelfahrt; der Künstler hat die Erniedrigung und glorreiche Erhöhung deS Heilandes meisterhaft dargestellt. So gedeiht die Kunst im Schooße der Kirche; der Geist des Christenthums verleiht ihr eine höhere, himmlische Poesie; einen Umschwung in das Ueberirdische. Und welche Predigt liegt in der Malerei, wie spricht ein christliches Gemälde zum fühlenden Christenherzen. Der Calvinismus muß auch hierin seine Verurtheilung erblicken. ES war gerade das Schutzengelfest, als ich mich in der katholischen Kirche einsand. Die ziemlich geräumige Kirche wußte kaum die Schaar der Andächtigen zu fassen. Nach der Predigt ward mir das Vergnügen, eine schöne, herzerhebende Kirchenmusik zu vernehmen. Bemerken muß ich, daß eS nicht gestattet wurde, einen Thurm und Glocken anzubringen, da nämlich das viele Läuten in der katholischen Kirche den Züricher Ohren lästig gewesen wäre. Aber zu Grunde liegt, daß die steten Schweizer die katholische Kirche in Zürich eben nur so dulden, unter der Bedingung, sich so wenig als möglich bemerkbar zu machen. Und so habe» sich die, welche für Alles Freiheit beanspruchen und haben, mir für die Kirche und das Christenthum nicht, auf die Stufe der Moslemin, gestellt, in deren Reich ebenfalls keine Glocke auf dem katholischen Gotteshanse ertönt. Vielleicht können wir aber für diese Gleichheit in dieser äußern Handlungsweise einen innern gemeinsamen Grund finden. Und sollte diesen nnS nicht das Wort Turicum (Zürich) an die Hand geben? Offenbar liegt in Turic(um) und Türk eine große Aehnlichkeit, welche eine Stammverwandtschalt der Züricher mit den Türken wahrscheinlich machen dürfte! Schade, daß die Geschichte unS diesen ErklärungSgrund verdirbt. Aber zu seinen Gunsten mag der Umstand sprechen, daß in dem durch eine Eisenbahn Zürich näher gerückten Städtchen Baden, ein oder mehrere dort erscheinende Züricher ihres zügellosen Benehmens wegen mit dem AuSdrucke: „dieß ist ein Züricher Türk, oder dieß sind Züricher Türken" bezeichnet wurden. Zürich und seine Umgegend ist ein irdisches Paradies. ES leben aber auch diese Züricher ganz und gar dieser Erde. Sie fühlen sich behaglich, und eine höhere Welt scheint sie nicht viel in Bewegung zu setzen. Ob aber an der crdhaften Richtung dieses Volkes nicht auch der Calvinismus seine gute Schuld trägt, der baS Band, das an eine höhere Welt knüpft, systematisch abgeschnitten! Der Name Zwingli kommt in Zürich noch oft vor; seine Nachkommenschaft ist eine sehr weit verzweigte, und gehört den »ermöglichen Classen an. Anderweitig aber ist auch dieser Stadt das Gepräge deS Stolzes, deS Trotzes, der Feindseligkeit, deS WeltsinneS, der in diesen und andern Reformatoren sich zu Tage brachte, auf eine merkwürdig auffallende Weise aufgedrückt. Während meines Aufenthaltes in Zürich hatte ich auch die Gelegenheit Flüchtlinge in größerer oder geringerer Anzahl da und dort zu treffen. DaS LooS dieser Leute würde Mitleid abnöthigen, wenn nicht anderseits ihr Trotz, ihre unverhohlen ausgesprochene Rachsucht gegen die Ver- anlasser ihrer unglücklichen Lage, und kurzweg ihre vielfach beurkundete Gottlosigkeit dasselbe ermäßigen oder gar zurückdrängen würde. Da wird diesem und jenem geflucht, in der Hoffnung auf Umschwung der Dinge allen Gegnern gräulicher Tod gedroht. Die Gastfreundschaft der Schweizer ist auch nicht so nachhaltig als man glaubt, und oft nur in großsprecherischen Worten bestehend, welch' letzteres überhaupt eine vielfach sich zeigende tadelhafte Eigenschaft der Schweizer ist. Gemeine Soldaten sind oft besser daran als Officiere, oder solche, die keine Handarbeit gewohnt sind. Gemeine Soldaten lassen sich als Taglöhner gebrauchen. Eine badische OsficierSfrau wußte auf folgende Weise sich mit ihrem Vermögen, das von den Preußen mit Beschlag belegt worden, zu ihrem Manne in die Schweiz zu flüchten. Die preußischen Wachtsoldaten hatte sie betrunken gemacht, und während ihres Schlafens ihr schon frühe eingepacktes Vermögen einem Fuhrmanne, der. nach Basel fuhr, übergeben; sie selbst auch war in dem Güterwagen als Waare verborgen. Geringere Schmuggeleien kommen öfter vor, z. B. daß badische Mädchen unter ihren Kleidern Waffen verstecken, und dieselben in die Schweiz zu bringen suchen. Anfangs gelang dieß, später nicht mehr. Eine Eisenbahn führt von Zürich nach Baden. Die Bäder find schon bei TacituS bekannt. (Hist. 1, 67.) Sie hießen: aguoe verbigenae oder tllermav llelvoticao. Auf einem Berge, durch dessen Fuß in einem kunstreichen Tunell die Eisenbahn geführt ist, steht eine Burgruine: der Stein zu Baden, im Mittelalter als fester Ort berühmt. Von hier war der Kaiser Albrecht an jenem verhängnißvollen Tage fortgegangen, an dem er an dem Orte, wo jetzt die Kirche (der Hochaltar) von KönigSfelden steht, ermordet wurde. Mein Weg führte mich weiter. Als ich in der Nähe von Windisch ein etwa 9jährigeS Mädchen über den Namm deS Orte« befragte, so bekam ich Auskunft mit der Nrbenbemerkung: „das ist a mal a großt Stadt gfi." 186 Windisch ist daS alte Vindoniffa, eine der größten und wichtigsten Städte HelvetknS, unv Hauptwaffenplatz der Römer gegen die Germanen. Im Jahre 511 wurde Vindonissa Sitz deS ersten Bischofes. Die Stadt war übrigens schon früher, so wie das in der Nähe von Basel einst gelegene Augusta Vauracorum (Bascl-Aeugst), großenlheilS von den Hunnen verwüstet worden. In dem Gebiete der ehemaligen Stadt Windisch liegt KönigSfelden. Hier wurde 1308 Kaiser Albrecht von seinem Neffen Herzog Johann ermorde«; an der Stelle wurde 1313 eine Kirche von der Kaiserin Elisabeth und Kenigin AgncS erbaue. Letztere nahm den Schleier und starb 50 Jahre nachher als Heilige. Ihre Zelle altdeutscher Bauart wird noch vorgezeigt. Außerdem befinden sich dort mehrere Antiquitäten auS der Römerzeil. In der Kirche sind schöne Glasmalereien; die Bildnisse der bei Sempach erschlagenen Ritter; hier ruhten die Gebeine mehrerer Glieder aus dem österreichischen Hache; sie sind indeß jetzt nach Oesterreich abgeführt worden. Im Aarthale sieht man die jetzt unbewohnten Burgen: Bruncck und Habsburg. Angenehm ist es für den Wanderer katholischer Konfession in dieser Gegend sehr schöne und große Feldkreuze auS Stein gehauen zu erblicken, auch da und dort ein Täfclchen, daS ein Unglück meldet, und worauf um ein Vater unser gefleht wird. Freundlich berührt es das christliche Herz, daS Ave Maria läuten zu hören, und früh Morgens von Thal und Berg her die Töne der zur heiligen Messe rufenden Glocke zu vernehmen, und die beiden Glocken - Absätze, welche die heilige Wandlung verkünden. Mir scheint jedesmal die ganze Natur an dem unblutigen Opfer Theil zu nehmen: voran der pflügende Landmann, mit ihm daS Pferd und daS waldige Gebirg, und der singende Vogel. So hängt die Natur mit dem Christenthum zusammen; ein Sehnen, ein Haupterheben wie eö der Apostel nennt, liegt in der Natur. ES ist weit gefehlt, daS Betrachten derselben schon als genügenden Gottesdienst anzusehen, eS ist dieß schlechtweg heidnische Verehrung der Natur, der Natur, die selbst im Gefühle ihrer Nichtigkeit nach dem Erlöser aufschaut. Christus ist über Allem. Alles ist seiner bedürftig; daS All' aber hinwiederum — die gesammte Natur — zeugt von der Allmacht, Güte und Barmherzigkeit GotteS: die Natur weckt und bestärkt daS in dir liegende Gottesbewußlseyn, die Idee von Gott. Der Glaube verklärt die Welt. Gehe an einem schönen Morgen durch die Felder, und stehe: eS glaubt die Natur, sie schließt sich glaubend aus. Es glaubt die Kunst; der Glaube gab dem Thurm die schwindelnde Höhe. Es muß der Mensch glauben. DaS ist seine höchste Vollendung. Nach oben muß alles streben. Aber es ist ein Unterschied, ob es selbst sich erhebt, oder ob eö einem höhern Wesen die Hand reicht, und ihm sich anschließend, in ihm sich zu ergänzen strebt. Der höchste Thurm ist in der Nähe der Berge ein Zwerg. DaS froschmäßige, glaubenslose Sichauf- blähen des Menschen findet sein Bild in dem babylonischen Thurm. Der Glaube aber strebt himmelan, wie die Berge. „Siehe ich mache alles neu," sagt der Geist Gottes und dieser Geist ist in der Kirche, dem Horte des Glaubens. Aber im Calvinismus ruht ein anderer Geist, nicht der deS Glaubens, sondern ein Geist egoistischer, in sich verknöcherter Selbstgenügsamkeit bei aller Affectation deS Glaubens. Bei aller Versicherung, die der Calvinismus machen mag, christlich zu seyn, konnte ich demselben doch nie wahres, inneres Christenthum abmerken. Man macht vielfältig den nämlichen Vorwarf der katholischen Kirche. Aber man irrt sich. Was bei jenem im Wesen liegt, und ihn somit unfähig macht, eine christliche Anstalt zu seyn, das liegt bei der katholischen Kirche nur darin, daß viele ihrer Angehörigen daS in ihr ruhende Christenthum — Christus mit seiner Erlösung — nicht recht in sich aufnehmen, und in sich wirken lassen. Christus, der Glaube an Christus ruht in der katholischen Kirche, und es ist eine Strafe der Seelen, daß sie, die den Glauben zu heben vorgaben, nun alles Glaubens ledig sind: sie waren letzteres aber auch schon bei ihrem Ursprünge, denn ein Auflehnen gegen die Kirche ist auch ein Auflehnen gegen den Glauben. Aber sie täuschten sich damit, daß sie einen Glauben an Christus für möglich hielten, ohne an die Kirche glauben zu müssen, da doch Christus das Haupt der Kirche ist, und sie durch sein Blut erwarb, und ein nicht Hören der Kirche als Heidenthum gilt. Ich kam auf meiner Reise auch durch die Städte Basel und Straßburg. ES würde an kein Ziel führen, die unendlich vielen Merkwürdigkeiten der erstgenannten weltberühmten Stadt aufzuführen*), den Blick LeS Wanderers zieht der Dom auf sich. Er wurde von Kaiser Heinrich II. von 1010—1019 im byzantinischen Style gebaut, nach dem Erdbeben (1356) im gothischen Style hergestellt und 1490 in seiner jetzigen Gestalt vollendet. An der Hand der Geschichte werden wir es inne, und die Kunstwerke jeder Art sagen eS uns vernehmlich: eine schöne Vergangenheit mag in dieser Stadt einst geweilt, die Kirche in ausnehmender Schönheit *) Vcrgl. Ebcl, Reiscbuck durch die Schweiz. Zürich 181 Z und Blüthenpracht sich hier entfaltet haben. „O daß du doch deine Heimsuchung erkannt hättest," möchte man auch dieser Stadt zurufen. Ihr Weltsinn, der nicht kennt, waS deS Geistes ist, warf sie den Neuerungen in die Hände. Aber ihr Vergleich mit Zürich in religiöser Hinsicht möckte sehr zu Gunsten Basels sich gestalten. Es zeigt sich in dieser Beziehung viel mehr guter Sinn, und ein milderes Wesen läßt sich nicht verkennen, !unv wie die rohe Gemüthsart Zwingli'S in seinen GeisteSkindern noch ersichtlich ist, so möchte das sanftere Wesen des OekolampadiuS an seinen Anhängern jetzt noch vernehmbar seyn. Wenn man durch den Kreuzgang wandert, gehl man vorbei an der Grabstätte des EraSmns von Rotterdam, und der deS OekolampadiuS. Hier ruhen sie diese Männer und mit ihnen eine merkwürdige, bewegte Vergangenheit. Aber bei der Lesung ihrer Namen geht ein Dämmern, und wohl auch mancher helle Schein über die Vergangenheit hin. DaS rückblickende Auge sieht ein gefährliches Wogen; oben auf den Wellen die hervorragenden Männer jener Zeit, wie sie entweder ihr Fahrzeug mühsam durch den Sturm retten, oder aber in demselben zu Grunde gehen. Der Sinn der damaligen Menschheit, den die heilige Schrift Fleisch nennt, welches gegen den Geist kämpft, und ihn nicht anerkennt, erhebt sich gegen die höhere Autorität, die durch die Kirche gehandhabt wird; er will sich selbst genügen, über sich in seinem Ueber- muthe nichts Höheres anerkennen. AuS den tosenden Wogen der aufgebrachten Zeit tönte dem Eva-Sinn der Menschen das Verführer-Wort entgegen: „ihr werdet erkennen, ihr werdet seyn wie die Götter." Der Mensch glaubt sein dunkelndes Irrlicht in sich als Licht; überall der Ruf: Licht, überall: Menschenwürde, Freiheit, gegenüber der Finsterniß und Knechtung im Papstthume. Und weil eS nach Verlauf deS Sturmes und der Gefahr viel leichter ist, sich ein Urtheil über die größere oder geringere Bedeutsamkeit von der Bewegung zu verschaffen, hinterher sich auch leichter sagen läßt, wie man sich hätte benehmen sollen, dann auch weil der Irrthum bei seinem ersten Auftreten oft sehr schön mit dem Raube, den er an der Wahrheit begangen, sich schmückt, ferner auch an die Wahrheit, die man bisher besaß, sich so manche Entstellung anheftete, die ihren klarleuchtenden Glanz dem Auge entzog; so ist eS erklärlich, daß bei dem Anfange der sogenannten ReformationS-Bewegung manche auch gutgesinnte und für die heilige Religion begeisterte Männer nicht die Beharrlichkeit und Ueber- zeugungS-Festigkeit an den Tag legten, die man von ihnen erwarten und wünschen würde. In dieser Lage war anfangs auch EraSmuS. Er hoffte von der neuen Bewegung, daß sie heilsam sich gestaltend, manches Fehlerhafte, waS sich durch menschliche Unvollkommenheit an die reine Braut deS Herrn, die ohne Makel und Runzel ist, angeschlossen hatte, beseitigen werde. Daher in jener stürmischen Zeit vieles Zweideutige, Hin- und Her- schwankenve in der kirchlichen Haltung deS EraSmuS. Als er aber daS Bodenlose, daS Gefährliche, in daS die Bewegung sich zu stürzen drohte, erkannt hatte, als er sah, baß sie bei aller scheinbaren Hebung des Chri- stuSglaubens ein Kampf gegen Christus sey, und in ihren Konsequenzen es erst recht werde, und auch als solcher sich zeigen müsse, so bemühte er sich, immer mehr von der Neuerung sich abzukehren. EraSmuS starb der Kirche getrdu, im Jahre 1536, den 12. Juli. Daß Ulrich von Hütten sein Feind war, gereicht dem EraSmuS zur Ehre. Der dem EraSmuS in leidenschaftsloser und bedächtiger Ruhe ähnliche OekolampadiuS, dessen die Grabschrift mit übersprudelndem Lobe gedenkt, hatte daS Unglück von dem Sturme der Bewegung der Kirche entrissen zu werden. Auch in ihm, der unter allen Reformatoren die meisten Sympathien für sich erregen möchte, hatte sich ein geheimer Stolz, Selbstgefälligkeit und Widersetzlichkeit gegen die Kirche gebildet. In der AbendmahlSlehre hatte er sich an Zwingli angeschlossen, daö Brod bloß als Symbol Christi betrachtend. Er starb bald, nachdem dieser sein Freund bei Kappel gefallen war. In der Gemäldegalerie finden sich viele Gemälde HolbeinS, unter andern auch der Todtentanz. Es ist in Basel eine eigene Kirche, auf deren Friedhof, um die Kirche her, früher ein Todtentanz dargestellt war. Ein Todtentanz I — was ist das Treiben und Jagen der Menschen anders, wenn eS nicht in Beziehung auf Gott und ein zukünftiges Leben eine Richtung und Regelung bekömmt. ES ist ein Kreislauf, und der ermüdete Mensch fällt von Schwindel betäubt in den Tod nieder. Und todt sind sie alle, denen Gott nicht daS ewige Leben ist, die sich vom LebenSquelle abgeschlossen — todt der Seele nach stürzen sie sich den Pforten entgegen, die sie in daS Bereich deS ewigen und doch n.e sterbenden TodeS aufnehmen. Aus der Universität hatte ich die schöne Gelegenheit ein Kirchen- geschichtS-Collegium bei dem Professor dieser Wissenschaft, Dr. Hagenbach, dem Verfasser der Kirchengeschichte deS 18ten und 19ten Jahrhunderts zu hören. Er sprach von dem Streite der Arminianer und Gomaristen, knüpfte dann einige interessante biographische Nachrichten über David Joris, genannt Brügge an. Dieser David Joris lebte längere Zeit aus einem Landgute in der Nähe BaselS, und suchte höchst verderbliche Lehren zu verbreiten, 187 die gar nichts anders enthielten, als gerade die der heutigen Communisten über Güter- und Weibergeineinschaft auch. Er verwarf die Ehe!*) Zugleich gab er sich als die dritte Person in der Gottheit, den heiligen Geist aus. Nachdem er schon einige Zeit begraben lag, wurden seine Gebeine herausgenommen und als die eines Ketzers verbrannt. Den Weg nach Slraßdurg machte ich auf der französischen Eisenbahn durch das Elsaß. ES ist widerlich zu hören und zu sehen, wie die Franzosen die Slationsorke, die durchweg deutschen Namen, in Sprache und Schrift zu entstellen suchen. StraßburgS Merkwürdigkeiten aufzuführen ist hier nicht der Ort und würde kein Ende finden, Es war am Feste Mariä Geburt, als ich dem prachtvollen Gottesdienste in dem Münster beiwohnte. Welche Masse der Gläubigen drängte sich herbei; welche Andacht war! unter ihnen sichtbar! wie hatten alle dem Worte deS Herrn ihre Herzen! erschlossen. So mochten sie einst dicht gedrängt dagestanden haben, gierig! auf GotteS Wort horchend, als Gcyler von Kaisersberg Prediger während! 30 Jahren im Münster gewesen. Er liegt in der Kirche begraben und zwei Distichen in lateinischer Sprache sagen ungefähr jolgendeS: Denn du vergießest die reichliche Thräne, du Stadt der Argcnten Fühlend den schmerzenden Schlag, den dir versetzte der Tvd — Gehler schläft an dem Ort, ob dem einst rufend erschollen Aus des begeisterten Mund Worte des ewigen Heils. macht, sind ferner auch Ursachen, die daS Ihrige zum Sturze Badens beitrugen. Ich reiste von Baden gen Württemberg über die rauhe Alp, die viele Naturschönheiten bietet, und da und dorr durch Schlvßruiucn geziert ist, meinem theuren Vaterland- Bayern zu. Zu Lauch hei»,, einem Städtchen unweit der bayerischen Gränze, nahm ich in einem Gasthanse daS Biltniß Rvngc's wahr, hängend zwischen jenen bekannten zwei Narren« bildern, auf denen der eine lacht, weil der andere weint, nnd der eine weint, weil der andere lacht. Der Wirth bcuicrkte mir, sie (dieses OrtcS Bewohner) brauchten Nonge nicht; eS gäbe derartige Thoren ohnedem genug, und sein Bild, daö ihm unlieb in die Hände gekommen, glaube er hier an der rechten Stelle angebracht zu haben. Die Eisenbahnfahrt förderte mich von Nördlingen nach München und somit nahe meinem Aufenthalte, Und so beneide ich nun die Schweizer und die Franzosen nicht um ihre Republiken und ihre Einheit — eine Einheit, die Länder eint und Herzen trennt. Ich dankte Gott ein Deutscher zu seyn, und Bayern anzugehören, wo die katholische Kirche — auch in unserer Zeit — noch viele treue Anhänger zählt. In der Martinskirche, die dem calvinistischen Cultus gewidmet ist, finden sich zwei einbalsamirte Leichname, der eines Edelmanns und ein anderer, der die Seele seiner Tochter einst barg. Der Eindruck, den die Leichname, die einst bei Lebzeiten in der üppigsten Pracht sich gezeigt haben mochten, machen, ist nicht sehr angenehm. So mochte auch einst Salomo dagelegen haben, und dem nämlichen Loose zu entgehen, kann unS keine Macht der Well gewähren. Hier vor diesen Leichnamen, die übrigens andere, wie sie kurz nach dem Abscheiden erscheinen, an Entstellung trotz deS BalsamirenS weit überbieten, wurde es mir begreiflich, wie der heil. Franz BorgiaS bei dem Anblicke der gräßlich entstellten Leiche der Kaiserin Jsabella, welche letztere bei ihren Lebzeiten von ausnehmender Schönheit gewesen, den Entschluß fassen konnte, dem Scheinglanze dieser Welt zu entsagen, und ganz dem Herrn in der Zurückgezogenheit sich zu weihen. Vermittelst der Eisenbahn war ich wieder in daS unglückliche Baden versetzt, und Rastalt, der Stätte deS Jammers vorbei, nach CarlSruhe gekommen. Die allerdings sehr regelgerecht gebaute Stadt macht wegen ihrer Einförmigkeit und modernen Stutzerei (der Bau fing 1715 den 17. Juni an) keinen günstigen Eindruck auf den Wanderer. An dieser Stadt kann man deutlich sehen, wie leer die Welt wäre, wenn die Vergangenheit nicht mehr unter unö lebte, und überall nur die Gegenwart in ihrer Armuth sich unsern Augen darböte. Die Bewohner der Stadt waren (Anfangs Sept.) ganz niedergedrückt. Die Stadt so wie daS Land schien mir einer Gegend vergleichbar, über die ein vernichtender Wettersturm hingegangen. Aber bei allem Zerbrochenseyn dieses Volkes findet man keine Reue, in so weit eS selber dieses Uebel mit herbeiführte, sondern eine im Innern sort- gährende, wüthende Rache, eine zusammengepreßte Wuth, die bei der leisesten Oeffnung und dem schwächsten Windzüge wieder neu aufzulodern droht. Aber erklärt mag man manches finden, wenn man die badische Regierung der verflossenen Zeit in ihrer Gliederung von oben bis zu unterst betrachtet. Die falsche, christus- und kirchenfeindliche Richtung war hier von der Regierung gefördert, antichristliche Lehre aus die Lehrstühle gebracht, allen zur Leitung des Volkes Berufenen auf diese Weise ein solcher Geist eingeprägt, der sich dann auch dem Volke mittheilte. Die Kirche und der gute Klerus wurde verfolgt; ein großer Theil des Klerus hatte in der Glanzperiode der Bureaukratie zum falschen Aufklärungswerke („ihr werdet erkennen") die Hand bereitwillig geboten. Wenn nun die Obrigkeit eines StaateS der höhern Ordnung den Gehorsam kündet, warum will sie sich beklagen, wenn ihre Untergebenen daö Beispiel zu ihrem Verderben nachahmen ? ES war früh Morgens, und von da und dort ertönte die Glocke, die zum Gottesdienste rief. Ich begegnete einem Metzgerjungen, der mir sagte, daß er wohl gern in die Kirche ginge, aber daS sey ihm Jahr auö Jahr ein nicht möglich, indem er gerade an Sonn- und Feiertagen den ganzen Vormittag Fleisch anzutragen habe. Aber er tröstete sich damit, daß man ja überall beten könne, überhaupt sey er auch anderweitig der Ueberzeugung, daß Gott eine bestimmte Gottesverehrung nicht wolle, eS sey gleich welcher Konfession man angehöre, wenn man nur recht handle. Die Nachbarschaft der Schweiz und Frankreichs, so wie die ungünstige Lage, welche ein kernhaftes Zusammenhalten eines Volkes unmöglich *) Er hatte auch das schon bei ältern Serien vorkommende: „Mißbrauchen des Fleisches" gelehrt. Blumen au- dem Schriftgarten be- heiligen BernarduS. (Fortsetzung.) 94. Gnade. Je mehr du wachsest in der Gnade, desto mehr erweitert sich dein Vertrauen. Ein Beweis des Stolzes ist der Entzug der Gnade. Ich habe in Wahrheit gelernt, daß nichts so wirksam sey, die Gnade zu verdienen, zu bewahren, wieder zu erlangen, als wenn du zu jeder Zeit vorbefunden wirst als einer, der nicht hochmüthig für sich weise ist, sondern sich fürchtet. Denn „glückselig der Mensch, der allzeit furchtsam ist." Fürchte also, wenn die Gnade dir lächelt, fürchte, wenn sie geht, fürchte, wenn sie wiederkehrt, und daS ist „immer furchtsam seyn." Glücklich bist du, wenn du dein Herz mit dieser dreifachen Furcht erfüllst, so, daß du fürchtest für die empfangene, für die Verlorne, für die wiedererlangte Gnade. Sey nicht langsam oder träge im Danke für die Gnade, und lerne für die einzelnen Gaben dankbar zu seyn. Betrachte fleißig, sage ich, was dir vorgesetzt wird, damit die Geschenke GotteS der schuldigen Danksagung nicht beraubt werden, nicht die großen, nicht die mittelmäßigen, nicht die kleinen. Endlich werden wir ermähnt: „Sammelt die übrig gebliebenen Stücklein, damit sie nicht zu Grunde gehen," d. i., auch die kleinsten Wohlthaten dürfen wir nicht vergessen. Geht etwa nicht zu Grunde, was man dem Undankbaren schenkt? der Undank ist ein Feind unserer Seele, der Verlust der Verdienste, die Zerstreuung der Tugenden, der Entgang der Wohlthaten, ein „brennender Wind," der die Quelle der Liebe, den Thau der Barmherzigkeit und die Zuflüsse der Gnade austrocknet. Eine dreifache Gnade erhalten wir von Gott, eine, wodurch wir bekehrt, eine andere, wodurch wir in Versuchungen gestärkt, und eine dritte, wodurch wir als bewährt belohnt werden. Die erste macht den Anfang, da sie unS ruft; die zweite bringt vorwärts, wodurch wir gerechtfertigt werden: die dritte endlich führt zum Ziele, wodurch wir verherrlichet werden. Die erste ist eine Gefälligkeit, die zweite Verdienst, die dritte Lohn. Von der ersten ist gesagt: „Von seiner Fülle haben wir alle empfangen." Von den übrigen zweien ist gesagt: „Gnade über Gnade," d. i. die Geschenke der ewigen Herrlichkeit für den Dienst LeS zeitlichen KampfeS. In wie weit das Reich der Gnade ausgebreitet wird, in so weit wird die Macht der Sünde eingeengt. 95. Gott. WaS ist Gott? In Bezug auf daS Weltall der Endzweck, in Bezug der AuSerwählung LaS Heil, in Bezug auf sich selbst: Er weiß eS. WaS ist Gott? Der allmächtige Wille, die wohlwollendste Macht, daS ewige Licht, die unveränderliche Vernunft, die höchste Glückseligkeit, der des Menschen Herz erschafft zur Theilnahme an ihm, der eS belebt zum Gefühle für ihn, der eS anregt zum Verlangen nach ihm, der eS erweitert zur Ausnahme von ihm, der eö erfüllt mit Glückseligkeit, umgibt zur Sicherheit. WaS ist Gott? Nicht weniger die Strafe der Verkehrten, als der Ruhm der Demüthigen. Denn er ist eine gewisse verständige Leitung der Gleichheit, unwandelbar und unbeugsam, die überallhin sich erstreckt, und durch die alle Verkehrtheit in Verwirrung kommt, wenn sie 188 auf selbe stößt. Wird also alles Furchtsame oder Verkehrte daran anstoßen und zerschmettert werden? Wehe dem Weltall, wenn eS jener Gleichheit entgegen wäre, die keine Nachgiebigkeit kennt! Denn er ist auch die Tapferkeit. WaS, sagst du, ist den Anschlägen so sehr widersprechend und entgegen, als immer und vergeblich sich bemühen, an ihn zu stoßen? Wehe den entgegengesetzten Anschlägen, die die Strafe ihrer Wegwendung von ihm davon tragen. WaS ist so strafbar, als immer wollen, was niemals seyn wird, und immer nicht wollen, was immer seyn wird? WaS ist so verdammlich, als ein Wille, der an diesen Zwang gebunden ist, zu wollen und nicht zu wollen, so, daß er zu Beidem so verkehrt als elend bewegt wird. In Ewigkeit wird er nicht erhalten, waS er will, und waS er nicht will, wird er nichts desto weniger in Ewigkeit aushalten müssen. Ganz billig ist eö also, daß der, welcher für das Nichts eingenommen ist, niemals zu etwas komme, was nach ihm erlaubt oder ihm gefällig wäre. („Der Thor spricht in seinem Herzen: „„ES ist kein Gott."" Gott braucht die Menschen nicht erst um Erlaubniß zu fragen, ob er seyn dürfe, und der menschliche Wille kann nichts ausrichten gegen den Willen Gottes. Wenn aber daS Geschöpf sich gegen den Schöpfer auflehnt, so gebraucht derselbe seine Macht, um zu zeigen, daß Er der Herr ist.) 96. G u n st. Wenn du durch Zeichen und Wunder leuchten wurdest, in deiner Hand geschehen sie, aber durch Gottes Macht. Oder eS schmeichelt dir die Volksgunst, weil du ein gutes und kühnes Wort vorgebracht hast? Aber Christus schenkte dir Weisheit und Rednergabe, und deine Zunge ist nichts anderes, als „die Feder eines Schreibers," und selbst diese hast du entlehnt erhalten. Alles Lob also über die Güter der viel- gestaltigen Gnade werde aus den Urheber und Geber alles LobenSwerthen bezogen I 97. Güte GotteS. ES gibt Einige, welche zwar die Beleidigung verzeihen und sich nicht rächen, aber doch eS manchmal vorwerfen. Andere gibt eS wieder, die zwar dazu schweigen, aber sie vergraben tief in ihr Herz den Groll. Von beiden ist keine eine vollständige Verzeihung. Weit gütiger als diese Menschen, ist die Natur Gottes. Er verzeiht gerne, er verzeiht vollkommen, so, daß, wo die Sünde überschwenglich, auch die Gnade über- schwänglich ist. Zeuge davon ist der Völkerlchrer Paulus, der mit Gottes Gnade mehr arbeitete, als alle Apostel. Zeuge davon ist Matthäus, der, von der Zollbank zum Apostel erwählt, der erste Evangelist deS Neuen Testamentes zu seyn gewürdiget wurde. Zeuge ist Petrus, dem nach dreimaliger Verläugnung der Ob'crhirtenstab über die ganze Kirche übergeben wurde. Zeugin endlich ist jene verschrieene Sünderin, welcher selbst am Anfange ihrer Bekehrung ein so großes Maaß von Liebe gegeben und später eine solche Vertraulichkeit gestaltet wurde. Wer hat Maria angeklagt, und mußte sie sich selbst verantworten? Wenn der Pharisäer murrt, Martha klagt, die Apostel sich ärgern, schweigt Maria, und Christus entschuldiget und lobt die Schweigende. Um wie viel gütiger und süßer die göttliche Milde, als die Menschen, ist, desto angenehmer ist sein Joch den übrigen Menschen. 98. Gut. BöseS wollen ist ein Fehler'deS WillenS: Gutes wollen ist ein Fortschritt desselben: hinreichend Gutes aber, waS wir wollen, ist dessen Vollkommenheit. Damit also unser Wollen, das wir vom freien Willen haben, vollkommen sey, bedürfen wir einer doppelten Gnaden nämlich weise zu seyn, was die Hinneigung deS Willens zum Guten ist: und auch vollständig zu können, waS die Bestärkung deS Willens im Guten ist. Weiter ist eS vollkommene Hinneigung zum Guten, wenn dem Willen nichts gelüstet, außer was anständig und erlaubt ist: vollkommene Befestigung aber im Guten, wenn dem Willen nichts abgeht, waS ihm beliebt. Dann erst wird der Wille vollkommen seyn, wenn er ganz gut und voll vom Guten ist. Er hat von seinem Entstehen an ein doppeltes Gut an sich, ein allgemeines bloß von der Schöpfung her, da er nämlich vom guten Gott nur gut geschaffen werden konnte, und ein besonderes von der Freiheit der Entscheidung, in der er nach dem Bilde desjenigen, der ihn erschuf, gemacht ist. Wenn zu diesen beiden Arten auch daS Dritte zum Schöpfer hinzukommt, so wild er nicht mit Unrecht für vollkommen gut gehalten. Denn er ist gut in seiner Allge, meinheit, besser in seiner Art, am besten in seiner Unterordnung. Unterordnung aber ist die allseitige Hinwendung des Willens zu Gott, freiwillig aus sich, ergeben und unterworfen. 99. Heiligkeit. Ein seltener Vogel auf Erden ist eS, entweder die Heiligkeit nicht zu verlieren, oder durch die Heiligkeit die Demuth nicht auszuschließen. Frankreich. Zu den von der Cholera am ärgsten mitgenommenen Ortschaften Frankreichs gehört die kleine Stadt NerondeS im Cher-Departement, wo die socialistische Brüderlichkeit unbehindert herrschte, begünstiget von einem Bürgermeister, welcher der eifrigste Apostel der socialen und demokratischen Republik ist. Der Bürgermeister war voll unerschrockenen Muthes und voll der Hingabe, so lange kein Cholerakrauker in seiner Gemeinde war; als aber die Krankheit daselbst eine gewisse Heftigkeit erreichte, verlor er mit einem Male den Kopf, und vergaß alle Grundsätze und Betheuerun- gen socialistischer Brüderlichkeit. Er machte bekannt, daß die Krankheit hauptsächlich wegen engen ZusammenwohnenS so sehr um sich greife, und forderte Alle, die eS könnten, auf, die Stadt zu verlassen. Er selbst beeilte sich, mit gutem Beispiele voranzugehen. Alle Beamten folgten demselben; der Apotheker, sämmtliche Bäcker und Metzger thaten deßgleichen, und eS blieben nur 500 Arme im Städtchen zurück, denen die Mittel fehlten, um dem guten Rathe ihres Bürgermeisters zu folgen. Nur Einer blieb bei ihnen, um die Sorge für die armen Kranken auf sich zu nehmen — der Pfarrer. Man hätte glauben sollen, daß Vie Unglücklichen, deren trauriges LooS ihn zurückhielt, mit dankbarster Ergebenheit zu ihm sich hingewandt hätten. Doch nein; — man hatte die Köpfe dieser Leute durch die socialistischen Lehren derart verdreht, und allen religiösen und kirchlichen Sinn dergestalt in ihnen vernichtet, daß sie erst nach reiflicher Ueberlegung sich seiner Pflege und Sorge anvertrauten, indem sie aus seiner jahrelang bewährten Nächstenliebe den Schluß zogen, er könne doch unmöglich ein Vergifter seyn, der im Dienste der Reaction stehe. Der eifrige Pfarrer fühlte sich balv durch die Anstrengungen bei Tag und Nacht völlig erschöpft, unv fürchtete, daß er unterliege, und so seiner armen Gemeinde die letzte Hilfe entzogen werde. Er wandte sich daher um Mitarbeiter in der Krankenpflege nach Bourges. Man schickte ihm von dorther einige christliche Schulbrüder. Allein bei ihrer Ankunft zu NerondeS verbreitete sich dort daS Gerücht, man müsse ihnen nicht trauen, sie seyen Helfershelfer der Reichen und der Reactionäre, und die Jünger der christlichen Liebe wurden ohne Weiteres von den Jüngern der socialistischen Brüderlichkeit mit Flintenschüssen zurückgejagt. Der Pfarrer verlor den Muth noch nicht. Er erinnerte sich, daß vor einigen Jahren ein Jesuit mit Beifall in seiner Gemeinde gepredigt, und die Liebe deS Volkes in hohem Maaße sich erworben hatte. An diesen schrieb er, verheimlichte ihm nicht die Gefahren, die ihm bevorstehen könnten, die Anstrengungen, die seiner harreten, und bat um seinen Beistand. Der Gebetene eilte sofort hin, in Begleitung eines jungen Mannes, der Mitglied deS VincenciuSvereinS zu BourgeS war. Sie wurden zu NerondeS ziemlich kalt empfangen; nach einigem Zaudern jedoch ließ man sich ihre Pflege und Hilfeleistungen gefallen. Der Minister de Fallour, der sich damals gerade zu NeriS aufhielt, hörte von dem fürchterlichen Elende, welches die Cholera zu NerondeS und in der Umgegend anrichte. Davon ergriffen bat er seinen Freund, den AbbS Girandin, ihn auf einem Besuche nach dem Städtchen zu begleiten, um sich von den dortigen Zuständen mit eigenen Augen zu überzeugen, und so weit möglich Abhilfe zu verschaffen. Kaum waren die beiden Herren bei dem Pfarrer eingekehrt, als ihnen angezeigt wurde, daß bewaffnete Leute sie aufsuchten, und tödten wollten, weil sie zu den Reichen und Aristokraten gehörten, und ohne Zweifel Gift bei sich führten. Fallour antwortete mit der ihm eigenen Entschlossenheit und Ruhe ganz freundlich: „Nun denn, wie könnte man einen schöneren Tod finden, als indem man Leidenden Trost und Hilfe bringt?" und fing an, mit seinem Begleiter von HauS zu HauS zu gehen, und ließ in jedem Hilfe, Trost und Beruhigung zurück. Sodann schrieb er dem Bürgermeister, er werde die an der Cholera erkrankten Arbeiter eines in der Nähe gelegenen Bauplatzes der Eisenbahngesellschaft besuchen, und hoffe ihn bei seiner Rückkehr zu NerondeS in Mitte seiner leidenden Administrirten zu sprechen. Der Bürgermeister wagte nicht, der Aufforderung de« Ministers zuwiderzuhandeln, und war zur bestimmten Zeit da; aber alle Versuche, ihn zum Bleiben in der Stadt zu bewegen, waren fruchtlos; zwei Stunden später verließ er dieselbe von Neuem. Verantwortlicher Redacteur: -.Schönchen BerlagS-Jnhaberr F. C. Kremer.