ttil^Ä Illi Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostMtung. 19. Februar 8. 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig.alle Sonntage. Der halbjährige Abonuement«prei« 5tt kr., wofür «« durch alle königl. baper. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kaun. An Radetzky tu Fretburg. Greiser Held im großen Kirchenkampfe, Der im kleinen Baden wird geführt, Wie Radetzky in dem Pulverdampfe Stehst Dn fest, vom Feinde nicht beirrt. Um Dich sammelt sich mit Freudenmuthe Deiner Priester treuergeb'ne Schaar, Ist bereitet, selbst mit ihrem Blute Dich zu schützen, Vater, in Gefahr. Dieß erfreut die Seele in der Ferne, Wenn ich auch nicht unter ihnen bin, Und nach Freiburgs Hellem Silbcrsterne Ist gerichtet meiner Liebe Sinn. Frei soll werden Deiner Kirche Boden Von des Staates Obcrhcrrlichkeit, Die die Heivcnkaiser selbst, die todten, Nicht verlangten zur Vcrfolgungszeit. Eine Burg mit felsenfestem Thurme Bist Du deshalb in der Hirtcnstadt, Der nicht weicht dem Toben und dem Sturme, Den die Hölle heiß entzündet hat. Von St. Peters Kirchenfelsenzinne Schaut aus Dich der höchste Seclenhirt, Segnet Deinen Kampf, der zum Gewinne, Wie noch immer, für die Kirche wird. Rudolf von Rodt, weiland Missionär der Londoner Missionsgesellschaft, über die Früchte seines Wirkens in Indien. (Hist-p°l. Bl.) Die Debatten deö englischen Unterhauses über die indische Bill störte Lord Fitzgerald mit Vorlage einer Adresse, die nicht weniger als 600,000 katholische Ein- 68 ,»tt, wohner Indiens unterzeichnet und mit bittern Klagen angefüllt hatten. Im Heere der ostindischen Compagnie, sagten sie, dienten 16,000 Katholiken, und 107,855 Pfund 14 Schill. betrage die jährliche Ausgabe allein für die Staatskirche in Ostindien, während nicht mehr als 5496 Pfund auf die geistlichen Bedürfnisse der Katholiken verwendet würden, die doch eben so zahlreich seyen (oder zahlreicher, selbst wenn man Alleö für vollgiltig nimmt, was protestantischerseitS seit etwa zwanzig Jahren an „Namenchristen" und „Regierungschristen" zusammengerafft worden); ein Katholicismus ohne Priester sey nicht denkbar, darum darbten sich auch die katholischen Soldaten von ihrem spärlichen Solve Beisteuern zur Erhal>ung ihrer Geistlichen ab, uuv erst in der Schlacht von Moodkee sey einer ihrer RegimentScapläne gefallen, während er den Sterbenden das Viaticum gereicht; ein protestantischer Bischof in Indien beziehe 5500 Pfund jährlicher Besoldung, ein katholischer Bischof dagegen eine Susteuiation von — 240 Pfund u, f. w. Ob dabei einzelne Männer des englischen Parlaments eine Vergleichung angestellt haben mögen, einerseits dieser katholischen Armuth und Niedrigkeit mit dem seit Jahren unablässig vermehrten Auswaud politischeu, materiellen und geistigen Reichthums und Gewichts am protestantischen MissionSwerk in Ostindien, andererseiis zwischen dem fröhlichen Prospcriren jener äußerlich unscheinbaren Mission und der völligen Erfolglosigkeit dieser mit allem Glanz und Pomp der Weltmacht auftretenden Anstalten? Schwerlich! Denn in der Ocffentlichkeit ist die prahlende Lüge noch immer Herr über die verzweifelnden Berichte von der trostlosen Wirklichkeit. Um so mehr verdienen die ausführlichen Geständnisse unsere nähere Betrachtung, welche die vor Kurzem erschienene Biographie eines protestantischen ÄpostelS für Indien auS der neuesten Zeit seinen hinterlassenen Papieren entnommen und veröffentlicht hat. ^) Es ist der Berner Rudolf von Rvdt, ein ehrenhafter Charakter, der mit seiner Wahrheitsliebe und rechtschaffenen Geradheit schon zu Lebzeiten bei seinen MissionScollegen und Vorständen wenig Ehre eingelegt Hai. Bon Rodt war ein in den Bedrängnissen der protestantischen Religionsverwirrung, innerlich tief unglücklicher Mann. Schon in der Jugend sah er sich, im Bunde mit einem glcichgesinnten Bruder, seiner freien kirchlichen Stellung halber in lebhaftem Gegensatze zu einem strengen, mit voller Ueberzeugung der refvrmirten Landeskirche angehörenden Balcr. Nur „dem freundlichen, gläubigen Andringen" seitens einer mütterlichen Tante konnte der junge Mensch nicht widerstehen, und fühlte sich „gewissermaßen gezwungen, sein Herz Gott zn übergeben." Von der Berner Akademie begab er sich 1833 nach Genf, wo die neue, vom Staate und seiner Kirche unabhängige „theologische Schule" vor Kurzem eröffnet worden war. In der That konnte von einer christlichen Kirche des Genfer Staates damals eigentlich keine Rede mehr seyn; denil „aus Geuf war der alte Ernst calvinischen GlanbcnS längst, gewichen. Die anerkannte Landeskirche huldigte, bewußt und unbewußt, dem Sociuianismus; aus der andern Seite hatte die früher vom Bürgerrecht ganz ausgeschlossene katholische Bevölkerung sich außerordentlich vermehrt. Die Lehre von der Gottheit Christi dürfte nicht mehr gepredigt werden; die wenigen Geistlichen, die es dennoch thaten, mußten die Kanzel räumen und sich eine eigeue Gemeinde suchen" (Bvutcrweck S. 9). Unter diesen Verhältnissen entstand dann die „evangelische Gesellschaft", welche 1831 die oben erwähnte theologische Schule gründete, auf der unser mehr und mehr mit sich zerfallende Rodt religiöse Bernhignng zu finden hoffen mochte. Allein unterm 8. Mai 1833 schreibt er bereits an einen Veruer Freund: „Ich habe nun meinen Aufenthalt geändert, aber nicht meinen Charakter. Ich bin eben . derselbe kalte, gleichgiltige und phlegmatische Rudolf, den Dn in Bern gekannt hast, der Dich aber doch aufrichtig liebt und Dich oft hcrgewünscht hat; denn die Laterne, mit deren Hilse ich gleichgesinnte Freunde suche, ist noch immer angezündet und wird, wie ich fürchte, eS noch eine Zeit lang bleiben müssen. — Ich besitze indessen das Leben und Wirken Rudolfs Von Rodt, weiland Missionärs der Londoner MissivnSgescllschaft in Indien, von l)>, Karl Wilh. Bouterweck, Dircetor des Gymnasiums in Elbcrfclv. Elberfeld 1852. 59 Vorrecht, hier mit Brüdern bekannt zu seyn, die Liebe verdieneil, und mit denen ich allmälig vertrauter zu werden hoffe. Allein ich bedanre, daß ich bei ihnen Allen auf ein Hinderniß stoße, daß sie nämlich in ihren Ansichten von der Kirche verschiedener Meinung mit mir sind/' Schon früher durch den amerikanischen Missionär Abeel aufgefordert, entschloß sich Rodt auf das erneute Andringen des Missionärs GrorcS, der auS Bengalen nach Genf gekommen war, um Missionäre zn suchen, dem MisstonSwerke sich zu widmen, und, unter dem 23. Juli 1835 von dem „Comite der zur Evangelisation verbundenen Gemeinen in Genf, im Waadtlande, Neufchatel, Bern und Basel, als Prediger des Evangeliums, nach Indien ausgesendet", ging er nach London, schiffte sich zu Liverpool ein, und betrat den 11. April 1836 den indischen Boden. Er war zu London vorher in die Missivnödicnste der etablirtm Episkopalkirche Englands aufgenommen worden. Von der in Indien herrschenden religiösen Begriffsverwirrung, von der uner- schüttcrten Gewalt des krassen HeiventhumeS oder gottlosesten Materialismus, und der noch krassern Cyristenmacherei, ja, von dem gerade entgegengesetzten Erfolg der mis- sionarischm Thätigkeit, sollte Rodt schon bald nach seiner Ankunft die abschreckendsten Beweise erhalten! vie Eingeborenen waren offenbar durch ihr Psendochristenthum nur noch ausgearteter und sittenloser geworden. Schon gleich bei seinen ersten Besuchen von Hindu-Schulen machte er die traurigsten Erfahrungen. Einmal fragte er einen etwa zehnjährigen Knaben, der schon seit einiger Zeit Unterricht in der christlichen Religion empfangen hatte, was er von den Götzen halte, und der Kleine antwortete mit ernster, allkluger Miene und funkelnden Augen: „Es gibt nur einen Gott, daS ist ein allgemein verbreiteter Glaube (sie!); allein eS gibt viele Unlergottheitcn;" er nannte darauf mehrere. Solche und noch entmuthigcndere Borfälle mochten oft schwerer noch, als die „tiefe Einsamkeit", den jungen Missionär drücken. Und daß er überall dieselben Mißerfolge sah, bekennt er selbst in einem Briefe aus Calcutta, wohin er im Juni 1837 gereist war. „Für daS Evangelium", schreibt er, „geschieht hier viel, aber lange noch nicht genug. Die Arbeiten der Missionäre sind hier nicht sehr gesegnet, dein Anscheine nach, und das Feld, das sie bearbeiten, ist sehr harr. Jedoch findet sich hie und da ein junger Hindu, der Muth genug hat, seiner Kaste zu entsagen, d. i. von Vater, Mutler, Weib, Geschwistern nnd Allem, was ihm lieb ist, sich zu trennen, Verfolguugen und grausamer Behandlung sich auszusetzen und ans den Namen Christi sich raufen zn lassen. Doch bleiben nicht Älle ihrem Vekemituisse bis ans Ende treu. Die heidnischen Vvrurtheile nehmen aber in dieser Stadt von Jahr zu Jahr immer mehr ab. Viele Hindns haben ihre Religion ganz verlängnet, sind dadurch aber nicht besser geworden, da sie nun bloß Deisten oder Atheisten sind, und daher, weil sie Jesum nicht bekennen, haben sie auch weder Schmach noch Versolgnng zu leideu. Kenntnisse und europäische Bildung nehmen sehr über Hand, (sie!) Viele Hindus reden sehr geläufig englisch." Daß eS aber nicht bloß in der großen Weltstadt Calcutta — was man doch noch durch die gewöhnliche Korruption großer Städte im Nothfalle erklären und entschuldigen könnte — so schlecht stand, sagt uns ein weiterer Brief RvdtS von Suna- muky, wohin er zurückgekehrt war, uutcr dem 26. Nov. 1837 geschrieben: „Es ist nun schon mehr als ein Jahr, daß ich unter den Heiden das Evangelium predige, habe aber bis auf diese Stunde nicht die geringste Frncht meiner Arbeit gesehen. Ich wundere mich nicht darüber: denn ohne die besondere Gnade und Einwirkung Gottes" (M. die eben in der Erfolglosigkeit der Arbeit auch negativ sich auszusprechen Macht hat!) „kann auch nicht Eine Seele gerührt und zum Glauben an EhristnS gebracht werden. Jedesmal, wenn ich den armen Heiden von unserm Heilande rede, fühle ich tief die Schwachheit meiner Predigt und die Unzulänglichkeit meiner Beweise. Meine Person, als Europäer und als mit den Herrschern des Landes eng verbunden" (8ie!) „zwingt freilich die Eingebornen, mir mit Ehrerbietung zu begegnen: allein nach ihren Religionsbegriffen bin ich doch ein verächtlicher Mann, 60 ohne Kaste, ohne wahre Religion, ein Kuh- und Schweinefleischesser, ein Mletschtscha, d. i. ein Unreiner. Auch sagten sie mir einmal: „„AuS deinem Munde religiöse Gespräche anzuhören, ist unö Sünde/"' So wie meine Person, hat auch meine Predigt nichts Anziehendes für sie. Krischna ist ihr Erlöser, den sie leidenschaftlich lieben. — Dessen ungeachtet dürfen wir nicht müde werden. Gott hat sich bereits Zeit und Stunde ersehen, wo er über dieses unglückliche Land die Sonne der Gerechtigkeit wird aufgehen lassen Nur wenn ich auf mich selber sehe, will mir zuweilen der Muth entgehen. Ich liebe selber den Herrn so wenig; wie kann ich verlangen, daß Andere ihn lieben? Ich bin so kalt im Dienste meines Herrn, so leichtsinnig in der Erfüllung meines Amtes; wie ist eS möglich, daß er meine Arbeit segne. Solche Gefühle meiner Schuld und Untüchtigkeit, verbunden mit dem Gedanken an die völlige Fruchtlosigkeit meiner Arbeit drückten mich in diesem Jahre oft sehr darnieder, und meine gänzliche Einsamkeit macht meine Lage noch hoffnungsloser." ^Schluß folgt.) , Tablomanie,»nb Nekromantie. 5 Als vor Kurzem ein Landmann vom Tischrücken und Tischklopfen und dessen wundersamen Erscheinungen erzählen hörte, rief er auS: „Das muß vom Antichrist herkommen, der im Jahre 1853 geboren worden seyn soll!" Dieser Ausruf mag wohl anfangs lächerlich vorkommen. Allein wenn man bedenkt, was der Apostel Paulus im zweiten Brief an die Thessalonicher schreibt, so kann statt des Scherzes Ernst und Besorgniß eintreten. Nach den Worten des Apostels geschieht die Ankunft des Menschen der Sünde und des Sohnes des Verderbens gemäß der Wirkung des SatanS mit allerlei Kraft, Zeichen und falschen Wundern. Wenn man nun die außerordentlichen Phänomene des Tisch- RückenS- und Klopfens näher betrachtet, so möchte man annehmen, unsere Zeit versetze sich in das Gebiet der Zauberei oder d-S WeibeS mit dem Pythonsgeiste zu Endor, um sich dort den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele zu holen, der so ziemlich beseitiget wurde, weil ihr die Unsterblichkeit deö Leibes lieber wäre, den ja der Tod in seinen sinnlichen Genüssen so unangenehm stört. Von dieser Seite betrachtet, Härte die Zauberei, Wahrsagerei und Todtenbeschwörung noch etwas Gutes, wiewohl dieser Weg zur Kenntniß der Unsterblichkeit der Seele zu gelangen nicht der rechte ist, sondern der Glaube der Kirche. Aber wenn man auf der andern Seite liest, wie meisteng die zweierlei Geschlechter bei'm Tischrücken die Kette bilden, so kann man den Verdacht grober und feiner Sinnlichkeit nicht ganz ferne halten, wodurch der unreine Geist den Reiz der Wollust in die Herzen, besonvers junger Leute eingießt, und eS wird gewiß jeder Seelenführer die Jugend vor dem höllischen Verführer der Menschheit warnen, um sie vor dessen Schlingen zu bewahren. Folgende Erzählung deS gelehrten und frommen Jeremias Drerelius auS Augsburg, dessen Schriften von Katholiken und Protestanten gerne gelesen wurden, möchte hier nicht am unrechten Orte stehen, um besonders die Jugend vor verwegenem Spiele mit unbekannten Mächten und Gefahren zu warnen. Einem Jüngling träumte, er sey vom Rachen eines Löwen getödtet worden. Er steht auf, merkt nicht mehr auf den Traum und geht mit seinen Kameraden zur Kirche. Auf dem Vorplatze derselben sieht er einen steinernen Löwen mit offenem Nachen, der einer Säule zur Stütze diente. Hier erzählte er mit lachendem Munde den Genossen seinen Traum und sprach: „Sehet da, der ist jener Löwe, der mich heute Nacht zerriß" Mit diesen Worten steckre er die Hand in den Rachen und rief auS: Hier hast du deinen Feind, beiße mit deinen Zähnen, wenn du kannst!" Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so erhielt er eine tödtliche Wunde in diesem, wie er glaubte, unschädlichen Schlunde. Ein Skorpion nämlich war in dem untersten Theile des Rachen verborgen gewesen, der, als er die Hand fühlte, seinen Stachel gebrauchte und den jungen Spötter tödtcte. 61 Wer erinnert sich bei dieser Erzählung nicht an die Worte des Apostels Petrus- „Seyd nüchtern und wachet: denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe, und suchet, wen er verschlingen könne." Lasset euch nicht berauschen und einschläfern von der Wuth unserer Zeit, die Alles wissen möchte vom Orakel der Tische, nur das Eine nicht, waö am nothwendigsten zu wissen wäre. --- ! > > , ^ -'-t I'/lH mi^t-I 'isl.ii'"'^ 'N(N NMIÄ ?',chi>7ii:s>linu i'-liüR'(lilll Die Kirche und der Findling. „Lasset die Kleinen zu mir komme», denn ihrer ist daS Himmelreich!" Mit diesen Worten breitet der göttliche Heiland sein mildes Scepter auS über die Geringsten auf Erden, über die Kinder, die er aber zu den Größten im Himmelreiche bestimmt hat. Und fürwah?, es ist etwas Großes um diese Kleinsten! Im jugendlichen Alter stellt die kirchliche bildende Kunst die Engel deS Himmels dar, als wollte sie sagen, daß sie nur in der noch unentweihten Jugend des Menschen ein würdiges. Abbild des engelreinen Lebens der himmlischen Geister finden könne. Dem Kinde räumt die Kirche den Platz zunächst dem Presbyterium ein, als möchte sie zunächst nnr in den Kindern die Stellvertreter der am Throne Gottes betenden und lobsingenden Engel Goiteö erkennen. Der Name eines Kindes ist der Ehrenname des Christen, der zur Freiheit der Kinder Gottes durch die Taufe erhoben ward, ist der Ehrenname der Gläubigen, die der heilige Johannes mit dem rührenden Worte: Kindlein! anredet. Diese Würde und Auszeichnung eines KindeS, daS wohl durch die Geburt ein Kind des göttlichen Zornes, durch die Wiedergeburt im Wasser und heiligen Geiste aber ein Kind der Gnade geworden, macht uns auch die Schwere deS Aergernisses erklärlich, das der Heiland mit den Aergernißgebenden selbst in die Tiefe des MeereS versenkt wissen will, sie macht uns aber ferner die heilige Verantwortung aller ferer erklärlich, die von Christus die Kinder anvertraut erhalten haben zur geistigen, zur sutiicheu Pflege. Wer sind diese wohl anders, als die Eltern und Priester, ihre leiblichen und geistlichen Väter? Die Geburt deS Kindes in ihrem Schooßc gibt der Mutter ein natürliches Anrecht auf das Kind, legt ihr al'er auch'zugleich eine natürliche Pflicht auf, für dasselbe zu sorgen in geistlicher und leiblicher Hinsich'. Tritt dieses Recht, diese Pflicht nicht in ungleich höherem Grade in dem Augenblicke ein, in welchem die Kirche durch ihren Priester dem Kinde Mutter wird, in welchem sie im Sinubilve der Stola ihre schützende, segnende Hand über dasselbe breitet, um diese Hans nie mehr von ihm zurückzuziehen, sondern sie noch segnend auszustrecken über die Wiege des TodeS, daS Grab? Und wenn anch die leibliche Mutter vergessen könnte ihres eigenen KindeS, wenn sie auch gottvergessen genug wäre, daß eS ihr glcichgiltig seyn möchte, ob daS Kind an Seele und Leid gedeiht oder nicht, so kann d ch die freie Mntter, die Kirche, die obwohl die unfruchtbare, genannt, doch fruchtbarer ist als alle Mütter, des Kindes nicht vergessen, sie übt Mulierpflicht, indem sie daS verlassene Kind großsäugt mit der reinen Milch des unverfälschten, heiligen, katholischen GlanbenS. Ja, Gott sey Dank! müssen wir auSrnfen für die Kinder, Gott sey Dank, daß ihnen Gott in der katholischen Kirche eine so treue, zärtliche Pflegemutter gegebeu hatl Kindermord und Aussetzung des Kindes nach der Geburt, diese zwei Brandmale e-'nes jeden heivimchen Zeitalters, hat die katholische Kirche znerst durch ihren Criminal-Coder als himmelschreiende Verbrechen gelennzeichnet, noch lange bevor der Staat sich dazu dernsen fühlen konnte. Es sind unlängst in einer Plcnar-Versammlnng des Wiener-Severinus- vereins in warmer Rede die Schattenseiten der sogenannten Findelhäuser aufgedeckt und es ist hierbei bemerkt worden, daß durch Abschaffung oder möglichste Beschränkung dieser Anstalten dem Staate mehr gcnützt werden könne. Wir verkennen nicht die gewichtigen Gründe, die den Redner zu diesem Wunsche veranlaßten, allein wir möchten diese armen Geschöpfe, die das Perbrechen in die Well setzte, die in den Händen ihrer natürlichen Mütter oft mit derselben Unnatur behandelt würden, wie dieß bei jenen Leuten der Fall ist, denen sie jetzt in Pflege und Erziehung gegeben 62 werden, wir möchten die Findlinge den Händen wieder anvertraut sehen, denen sie einstens anvertraut waren, den Hände» der Kirche, den Händen einer religiösen Bruderschaft, eines OrdenS; denn man kann eS nicht oft und nicht laut genug nach allen Seiten hin rufen: Nur die katholische Kirche und Niemand außer ihr ist im Stande, die tief eiternden Geschwüre unserer socialen Gegenwart zu heilen. Keinen neuen Rath gebe ich hiermit, denn nichts Neues gibt es ja unter der Sonne. Die ersten Tenodochien, als Hospize für Arme, Waisen und Kinder unnatürlicher Eltern geschaffen, wer schuf sie denn anders als die katholische Kirche, die schon auf dem ersten Concil zu Nicäa Bestimmungen darüber erließ? Ein Priester in Mailand war es, der im Jahre 787 ein an die Kirche gränzendes HauS zn eben diesem Zwecke kaufte und unter die Leitung der Kirche stellte, wie sein schönes Epitaphium sagt: „Lanete, msmento, Oeus, i iu.i, n^n/.^c. Kath. Wochenschrift. ^ 63 Zündstoffe gleich, der alle gährendcn Elemente an sich zieht und zum lichten Brande führt. Die Zahl der erschienenen Gegenmittel und Verordnungen ist Legion, und die Armuth wächst mit jedem Tage, jenem biblischen Traume gleich, der die sieben mageren Kühe die fetten auffressen sah, ohne daß jene fetter wurden. Lüften wir den Schleier dieser „Geheimnisse des Volks"; wir stehen mit unserer Ansicht über die Grundursache des Uebels so wie über das Alles beherrschende Gegengift ziemlich allein. Eine gewisse Scheu hält ab, dem die Palme zuzuerkennen, dem man gewisser Ursachen halber nicht hold werden will. Wenn je die Arznei wegen des Arztes verworfen wurde, so fand dieses nur zu sehr bei unserem Gegenstande statt. Wenn auch unser Vorschlag wie die Stimme einer Cassandra verhallt, eS liegt zu sehr in unserm Interesse, unbeachtet des Jetzt, an einer neuen Zukunft zu arbeiten, als daß wir verkennen sollten, daß die Rolle der ausgetauchten Reformvorschläge in Bälde ausgespielt seyn werde. Der Standpunct, von dem aus allein die schwierige Ausgabe methodisch zu verfolgen und glücklich zu lösen, kann nicht der national-ökonomische seyn, da das Bedingte nie zum Princip erhoben werven darf; nicht der industrielle, wenn man nicht den Bau von Oben beginnen will; nicht der modern-philanthropische, der mit dem Urheber steht und fällt: es gilt hier nur der positive Standpunct des Glaubens. Hiernach erläutern sich erst die obschwebendcn Begriffe; Methode und Mittel sind nur Consequenzen, und dann erst haltbar. . . Von diesem unserm Standpuncte aus, wir möchten sagen, dem untrüglichen, Handell es sich nicht darum, der Armen sich zu entledigen; dieses wäre eitler Wahn (pguperes somper ücchetis vobiseum. ^lo-mn. 12, 3); auch nicht darum, eine scheinbare Zufriedenheit zu schaffen, wenn einmal durch Beschaffung neuer Erwerbsquellen ein gewisser Mechanismus zu Stande gebracht wäre; das wäre eben nur Schein: sondern durch Aufstellung einer Gegenkraft einen Zustand herbeizuführen, der eben so weit entfernt von schielender Lüsternheit nach oben, wie von einem kläglichen Verfall nach unten; einen Zustand, der nach Abgang deS materiellen ein geistiges Capital vcr.eiht, daS aus sich selbst eine glückliche diesseitige Existenz generirt und befähigt, auch das Höchste zu erreichen. Verklärend wirkt dann dieser Grundsatz auf verschicvene Abstufungen unv Mittel ein, wie diese theils die individuelle und locale Eigenthümlichkeit, theils die Anforderung der Zeit und der Umstände erheischen und vorhanden seyn müssen, um durch ein harmonisches Jneinanderwirken dem Uebelstande zu steuern. Dieß ist die allgemeine Lösung des räthselhaften Problems der Noth, wozu die nähere Entwicklung gegeben wird. Der Mohr und der Jude. In Shakcöpeare's zwei venetianischen Schauspielen: „Othello" und „der Kaufmann von Venedig" kommen zwei Charaktere vor, die beide Abkömmlinge eines Volksstammes sind, auf dem seit uralten Zeiten ein heiliger Fluch lastet. Bedeutsam ward Venedig als die Welt-Handelstadt, in welcher alle Gegensätze in Berührung kommen, zum Schauplatz gewählt. Mit Meisterzügen ist das Eigenthümliche einer jeden dieser Nationalitäten hervorgehoben, so wie das Eigenthümliche des Fluches, der sie traf. Beim Juden ist dieser Fluch unzertrennlich von der Religion desselben; so wie der Jude Christ wird, ist er, so fern eS auS Ueberzeugung geschah, von demselben befreit; denn das persönliche Bekenntniß sühnt vollständig, waS die Verläugnung, der Verrath und die Kreuzigung der Voräliern verbrach. Wird aber der Christushaß in dem Enkel fortgesetzt, dann ruht auch auf ihm die Schwere der Strafe. Darum mußte der Repräsentant des jüdischen Charakters bei Shakespeare ein erbitterter Christenfeind seyn. Moderne Kritiker haben Shakespeare einen unmenschlichen Judenhaß vor- L 64 geworfen, dem ist nicht so. Er mißbilligt die hartherzige Behandlung der Juden, die Folter der Angst, auf die Antonio gespannt wird, erscheint zum Theil als eine Strafe des Betragens, welches Shylok mit den Worten schildert: „Werther Herr, ihr spiet mich an, ihr mißhandeltet mich, nanntet mich Hund." Allein Shakespeare ist eben so wie er zu menschlich und christlich ist, um jener unwürdig feindseligen Handlungsweise gegen ein von Gott geschlagenes Volk beizustimmen, auch zu sehr Mensch und Christ, um das moderne Lied von der jeden Glaubensunterschied verwischenden Judeu- Emancipaticn zu singen, und sein scharfer menschlicher Blick durchschaut die unheilbringende Gewalt, durch welche der Unterdrückte den Unterdrücker unter das Joch bringen kann, die Gewalt des durch Wucher gehäuften Reichthums nämlich, welche die Freiheit des Christen um so mehr bedroht, je mehr er, wie Bassanio, einer weltlich leichtsinnigen Richtung ergeben ist. — Der Mohr hingegen ist ein Christ, und so lang seine Leidenschaft ihn N'cht überwältigt, der Edelste seines Stammes, tapfer, klug, bescheiden, Heldenhast und gefühlvoll. Aber daS Erbtheil deS alten Fluches wohnt als Versuchung in ihm, eS ist sein heißes, afrikanisches Blut, Wenn er Widerstand leistet, wird er srei seyn; im entgegengesetzten Falle gewinnt die urväterliche Verwünschung Macht über ihn. Nicht die Eifersucht ist der Anfang seiner Schuld; denn der Argloseste hätte, von der teuflischen Tücke eines Jago gestachelt, das Unheilvolle glauben müssen, Aber schon durch seine Verbindung mit DeSdemona fällt er mit freier Wahl der unseligen Schickung heim, indem er, gleich dem Urvater Cham, den Fluch seines Vaters auf sich ladet, da er heimlich das Mädchen znm Allare führt, von dem er weiß, daß er eS mit des VaterS Willen »ie als Weib besitzen dürfte, Dnrch diese unchristliche That ist der gebundene Heide wieder in ihm entfesselt und treibt ihn dahin, nicht nur den Verleumdungen deS Jago Glauben zu schenken, was unter solchen Umständen wohl auch ein Christ mit europäischem Blnte gethan hätte, sondern auch dahin, an der Schuldig-Geglaubten durch Mord Rache zu nehmen, was er auf dem christlichen Standpulicte nie gethan hätte. Und endlich treibt eS ihn in diesem thatsächlichen Nücksall inS Heidemhum dahin, die Schuld sühnen zu wollen durch Schuld, indem er sich selbst entleibt. So sehen wir einen Kerrlichen Helden, Schritt vor Schritt.durch freie Wahl in die ererbte Nacht zurückstürzen, aus welcher er durch das Licht des Christenthums schon einmal befreit hervorgegangeil war. (W. Kirchenz.) »nch'si'^ln 5 >5i 5lnH« ,lnW.mü^tn>yiÄ zlv?v!' Gran» Gran. DaS Innere der Metropolitankirche, an welchem bereits seit längerer Zeit gearbeitet wird, geht mit raschen Schritten seiner Vollendung entgegen. Um sich einen Begriff von den Malerarbeiten, welche unter der Leitung Ludwig Moralts aus München ausgeführt werden, zu machen, genügt es zu bemerken, daß das Deckengewölbe deS Sanctuariumö 4730 Quadratschuh mißt. Die Tischlerarbeiten werden von dem rühmlichst bekannten Wiener Leistler in einem dem Bauwerke entsprechenden künstlerischen Style angefertigt. Ueberhaupt ist die Graner Kirche daS großartigste Bauwerk, welches die Monarchie in der Neuzeit auszuweisen hat. »dito«- hzniz Z«lt.ItlIItI«!'»t!5 '<> "!>—' n>, i-'/ij i!,UI!il5!> ' jjl^'iU'l'L . .'>'»« W i e n. Wien. Nach ganz verläßlicher Mittheilung wird in Kürze ein frommer Wunsch verwirklicht, den viele Priester — so wie in der Wiener Erzdiöcese, so auch anderswo — lange schon in sich trugen, nämlich: die Einführung der Lazaristenc ongregation. Am 21, Jan. d. I. ist solche zwischen Sr. fürstl, Gnaden dem hochw. Hrn. Erzbischof von Wien nnd dem hochw. Hrn. Visitator der besagten Congregation aus Paris nach vorhergegangenen Verhandlungen definmv beschlossen worden. In Wien wird daS NoviziathauS errichtet und bereits haben die Unterhandlungen bezüglich einer anzukaufenden Realität begonnen. Nerautwortlichcr Redacteur: L, Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. Kremer,