Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrgcr PostMung. 26. Februar A. 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sontttage. Der halbjährige Abounementtpret» TV kr., wofür e« durch alle königl. bayer. PoKäuitrr und alle Buchhandlungen bezogen werde« kann. Rudolf von Rodt, weiland Missionär der Londoner Missionsgesellschaft, über die Früchte seines Wirkens in Indien. (Schluß.) Was war natürlicher als daß Rodt einen Ort . zu verlassen wünschte, an dem er sich vergeblich in Anstrengungen erschöpfte, und der ihm, trotz deS längern Aufenthaltes, ganz fremd geblieben war. „Als ich zum letztenmale", schreibt er am 17. Jan. 1338, „durch daö Dorf zog, blickte ich mit Stillschweigen von meinem hohen Sitze" (auf eiuem Elephanten) „auf die Hüttenreihen zu beiden Seiten hinunter. Kein Gefühl der Wehmuth, keine Neue stieg in mir auf; ich verließ keinen Freund, keinen Bruder, keine mir zugethane, keine das Wort Gottes liebende Seele. Mehr als ein Jahr lang halte ich das Dorf unzähligem«! besucht, kannte alle Häuser und Winkel in demselben; alle Leute, vom größten bis zum kleinsten, kannten mich, und dennoch blieb es mir ein fremdes, ich möchte fast sagen, von Feinden bewohntes. DaS Evangelium und den Namen Jesu haben sie oft gehört, aber nicht zu Herzen genommen; sie haben nur darüber gespottet. — In den Dienst der „Londoner MisstonSgesellschafl" getreten, welche, den Tendenzen der demokratisch-unionistischen Niederkirchenpartei huldigend, in strengem Gegensatz zu den Episkopalen steht, oder, wie Bouterweck sagt, „den persönlichen Ueberzeugungen ihrer Arbeiter möglichst Raum läßt, und in den Jndep end enten ihre Hauptvertreter hat," begab sich Rodt von Sunamuky nach Calcutta, und stand dort zunächst zu den Gemeinden in zwei benachbarten Dörfern in scelsorglichcm Verhältnisse. Aber auch jetzt sah er noch keine bessern Früchte der Misston, als bei seiner ersten Anwesenheit in Calcutta. „Unsere Christen," schreibt er den 15. Febr. 1842, „in RÄm-lkälchok und Gangri sind sehr arme, schwache, unwissende Lente, die man mit großer Geduld tragen muß." Nachdem er hierauf die Bedrückungen der armen Bauern durch die großen reichen Landeigenthümer hervorgehoben, fährt er fort: „Ein anderes sehr großes, wohl das größte Hinderniß, daS wir zu bekämpfen haben, sind die verschiedenen christlichen Secten, die sich neben uns angesiedelt haben, besonders die Missionäre der bischöflichen Kirche, die uns nicht als Prediger ansehen wollen, und uns sagen, wir hätten kein Recht, die Leute zu taufen, ihnen das Abendmahl zu geben und ihre Ehen einzusegnen. Und wenn wir irgend Einen um seiner schlechten Aufführung willen ausschließen, so laust er zu ihnen, und wird oft von ihnen ausgenommen." Mit Recht, freilich nicht in dem Sinne, wie wir meinen, nennt Rodt die Zersplitterung der Secten das größte Hinderniß eines gedeihlichen Fortganges der Missionen: dieß ist eben mit Anderm der in dem Protestantismus liegende Fluch, Secten eine Existenz zu geben, die ihn selbst am meisten gefährden und zerstören. Begreiflich ist demnach unter solchen und ähnlichen principiellen Hemmnissen, wenn Rodt am 66 7. Jan. 1843 schreiben konnte: „Ich habe dieses Jahr fünf oder sechs neue Glieder in die Gemeine aufgenommen." Wie tief er selbst dabei diese in der sectischen und individuellen Zersplitterung deS Protestantismus begründeten Schäden fühlte, spricht er bei einer andern Gelegenheit aus, indem er, von seinem „monarchischen" Verhältnisse zur Gemeinde redend, sich dahin äußert: „Die Verfassung der Gemeinen ist Nebensache, die Einheit der Gemeinen aber eine Hauptsache." Ja, die Einheit! Wie sollte sie sich aber auf protestantischem Boden, ohne daß man sich in seinen Principien ausgäbe, ermöglichen lassen? Dieselben traurigen Erfahrungen, wie an den beiden ersten Orten seiner Mis- stonSihätigkeit, begegneten Rodt auch aus einer Reise im nordöstlichen Bengalen, die er in Begleitung zweier Protestantismen Hindus machte, deren Tagebücher theilweise in das seinige aufgenommen sind. Der eine derselben berichtet über ihren Aufenthalt zu KriSnogor, wo ein deutscher Missionär, Namens Dürr, seit ungefähr zwanzig Jahren sich aufhielt, unter Ander», Folgendes: „Hierauf ging ich zu Herrn DürrS Hause. Vor demselben fand ich zehn bis zwanzig Christen, die unter einem Baume in der Bibel lasen. Ich setzte mich zu ihnen und fragte sie: Brüder, versteht Ihr das Evangelium, das Ihr leset? Sie antworteten: Freilich; wie könnten wir, wenn wir cS nicht verständen, Andere darin unterrichten? Ich: Brüder, was hat der Herr für unS gethan? Sie: Er kam ins Fleisch, uns zu erlösen. Ich: wie können wir Theil haben an der Erlösung, die er für uns erworben? Sie: Wenn wir seine Gebote halten, wenn wir die Sünde verlassen, wenn wir zu ihm beten. Ich: Reicht unsere Kraft hin, dieß zu thun? Sie: Allerdings; denn unser Herz steht unter unserer eigenen Aufsicht; wir können seine Neigungen und Begierden nach unserm eigenen Willen leiten; denn wir z. B. waren Hindus, jetzt aber haben wir unser Herz geneigt gemacht, die Religion Christi anzunehmen. Ich fragte weiter: Welches ist die wahre Religion? Sie: Das können wir, ohne vorherige Prüfung, nicht sagen. Ich entgegnete: Dann scheint eS, daß Ihr ohne vorherige Prüfung Christen geworden seyd? Sie sagten: Viele Dörfer sind christlich geworden; wir haben eS gemacht, wie sie. Ich fragte noch weiter; aber zuletzt wurden sie böse und sagten: Wir können nicht unser Lesen ausgeben und beständig mit Dir schwatzen." Nicht geförderter, sagt Bouterweck, scheinen auch diejenigen gewesen zu seyn, von welchen Rodt unterm 12. Nov. berichtet: „Um vier Uhr erreichten wir einen Ort, von wo der Wohnort des Herrn A. (eines Missionärs) nur eine Meile entfernt war. Ich gab daher Befehl, das Boot anzuhalten, und ging allein über Feld, ihm einen Besuch zu machen. Unterwegs mußte ich über eine., kleinen Fluß; eiu Mann zeigte mir die Furt. Er sagte mir, er sey ein Christ, und wieß auf mehrere andere Bauern hin, die im Felde arbeiteten und, wie er sagte, alle Christen wären. Ich fragte ihn: Warum seyd Ihr Christ geworden? Er antwortete ehrlich: DeS Geldes wegen. Ich: Wie Viele sind Christen geworden? Er: In diesem und in den benachbarten Dörfern bei hundert Familien. Ich fragte zum zweiten nnd zum dritten Male: Warum seyd Ihr Christ geworden? und erhielt immer dieselbe Antwort. Aus meinem Rückwege ging ich durch ein Dorf, dessen Bewohner sämmtlich, drei bis vier Häuser ausgenommen, Christen geworden waren. Ich rief einige herbei und fragte sie: Warum seyd Ihr Christen geworden? Sie antworteten: Weil wir glauben, daß daS Christenthum wahr ist! Was habt Ihr gewonnen und was werdet ihr künftig noch dadurch gewinnen, daß Ihr Christen geworden seyd? Anfangs antworteten sie nicht; dann sagte einer von ihnen: Wir werden den Himmel gewinnen- Als ich sie insgesammt fragte: Könnt Ihr lesen und schreiben? antworteten sie: Nein. Frage: Wer ist Christus? Antwort: Wir haben von Rischi (d. i. ein Heiliger) gehört; wir wissen aber nicht, wer er war und was er gethan hat. Frage: Habt Ihr von seinem Tode gehört? Antwort: Wir wissen nichts davon. Frage: Seyd Ihr getauft worden? Antwort: Nein; Niemand hier ist getauft worden, ausgenommen diejenigen, welche die zehn Gebote und den Glauben 67 wissen, — Ich ging weiter und traf einen alten Mann, der mir sogleich ungefragt sagte, er sey ein Christ, Ich fragte ihn: Warum seyd Ihr Christ geworden? Antwort: Weil Andere es geworden sind." Aehnlichc Erfahrungen, und insbesondere ein die fürchterlich entsittlichenden Folgen dieser Christenm^cherei recht prägnant charakterisirendeS Gesprach mit einem vagabundirenden Bettelmusicanten, der auch „Christ' geworden war, erzählt daS Tagebuch des andern Begleiters Rodts: „Frage: Ihr habt ein musicalischeS Instrument, macht Ihr vielleicht Musik und singt Lieder? Antwort: Ja; mit Hindus singe ich Hindulieder und mit Christen christliche Gesänge, Ich sagte: Zwei Herren zu dienen ist Sünde. Antwort: DaS läugne ich nicht. Ich: Ist eö recht, wissentlich zu sündigen? Antwort: Unser Batet Adam hat gesündigt, warum sollten wir nicht sündigen?" „Unier ähnlichen niederschlagenden Erfahrungen", fügt Bouterweck diesen Mittheilungen bei, „euchalten die Tagebücher auch einzelne Beispiele eines wirklichen Verlangens nach Belehrung, und mehr als einmal hatten die drei Prediger Gelegenheit, bei ihren Straßenpredigten die Aufmerksamkeir der versammelten Heiden und Muhamedcmer zu bewundern. Viele Tractate, auch ein paar Evangelien an zwei Brammen, wurden verlheilt; manchmal aber wurde das Anerbieten zurückgewiesen, oder die berei'S angenommenen Tractate zurückgegeben." —Fürwahr ein schlechter, armseliger Trost, nichts als ein paar einzelne Fälle, auS denen vielleicht eine aufrichtige Konversion werden dürfte, und ein bischen Aufmerksamkeit bei einer durch die Neuheit der Erscheinung ohnedem anziehenden Siraßenpredigt — als kümmerliche Beweise einigen Erfolges vorbringen zu können! So weni^ Rodt selbst sich über die Erfolglosigkeit des MissionSwerreS täuschte, so unangenehmen Eindruck scheint sein ungeschminktes und unbefangenes Urtheil in Genf und London gemacht zu haben, wo man eher dem Manne, als — der Sache die Mißerfolge zuzuschreiben geneigt war. „Meine Genfer Freunde", schreibt er unter dem 3l, März 1839, „schweifen völlig, und Wenger hat mir geschrieben, daß sie mit mir unzufrieden seyen, mich im Irrthum begriffen glauben. — Ich glaube, mein Irrthum besteht darin, daß ich ihnen das Werk in Indien dargestellt habe, wie es wirklich ist, ohne eS auSzumaleu oder zu verschönern ; daß ich Ihnen gesagt habe, wie so wenig von den Wirkungen des Geistes Gottes hier sichtbar, wie viele Jndier nm zeitlichen Gewinnes willen Christen werden, oder doch wenigstens um in der Welt befördert zu werden; wie in einer nur sehr geringen Anzahl wahre Frömmigkeit zu sehen ist. Wenn ich dieß AlleS gesagt habe, so muß ich es wiederholen und bestätigen. Wollte Gott, ich wäre im Irrthum!" Daß Rodt nicht im Irrthum war, noch die Zustände zu schwarz sah, bewieß der traurige Fortgang der Mission freilich täglich handgreiflicher; ihre Resultate in den folgenden Jahren waren nicht um daS Geringste erfreulicher, vielmehr noch niederschlagender. DaS „Reich Gottes" nehme in Indien seinen „stillen, langsamen Gang" — tröstet sich Rodt unterm 16. Dec, 1341 und 18, April 1842; doch a^r ist dieser Gang ihm selbst für seine Ungeduld wieder zu langsam; „denn wenige, sehr wenige Seelen bckchren sich, und unter denen, die sich zu Christo bekennen, sind viele Heuchler, Viele, deren Banch ihr Gott ist." Zuweilen scheint eS ihm, daS Reich GotteS gehe nicht bloß langsam und stille, eS gehe vielmehr rückwärts. „Zwei große Hindernisse", klagt er dann, „stehen ihm im Wege: die Secten und die Zwistigleiten, die daS Volk GotteS zertrennen und die Feinde zum Glauben verleiten, eS sey daS Reich Christi mit sich selber uneinS, und könne nicht bestehen (sie!) — und dann der Geiz und die Geldsucht der Hindus, die an dem Reichthum der englischen Christen nur zu leicht Nahrung findet, und sie in die fast unwiderstehliche Versuchung führt, derjenigen Partei sich anzuschließen, die die reichste ist und die meiste Unterstützung verspricht. Und einige unserer (falschen) Brüder sind niederträchtig genug, durch Geld die Glieder anderer Gemeinen anzulocken und zu verführen, und Viele haben sich verführen lassen," Begreiflich ist'S hiernach, wenn eS unter dem 16. Dec. 18-42 weiter heißt: .Die Kirche GotteS ist hier in keinem blühenden Znstande. Freilich ist die Zahl der ^ 68 Christen nicht unbedeutend. Ich glaube, sagen zu dürfen, daß in der Provinz Bengalen allein sich etwa 10,0 sätze, weil nicht zn widerlegen, verachtend hinweg; man statuire ein Amalgama der verschiedenen religiösen Ueberzeugungen, um den materiellen unv intellektuellen Reichthum einer gewissen besondern Classe der Bevölkerung durch das Ganze in Fluß zu bringen: und wir werven das Volk bald schreien hören: „Iranern et eircenses", wie in jenen Tagen, von denen ein trauernder Heide (Herxzc-z c!e iiu II, 8) sagt: „Omina scelerikus et viti'1'5 plens sunt"; wir werden graben in den Goldmincn Kaliforniens, und ein Ungeheuer auSgraden, das seine eigenen Kinder auffrißt. Eine Parallele aller Revolutionen, besonders der beim Ablauf deS achtzehnten Jahrhunderts und der jüngsten Jahre, die vorzüglich Revolutionen der Noth seyn wollten, könnte belehrend seyn. Da eine solche Theorie eine gottlose, ist sie dann eine wissenschastliche? Znm matten Leben herabgesunkeu, verrostet auch der aus beständigen Gebranch gewetzte Stahl; unmuthig wirft Der vaS Werkzeug ans der Hand, der sich der höhern Idee beraubt und zum Sclaven der Scholle verdammt sieht. Den Festtagen, deren es keineswegs zu viel sind, gehört eiu solcher Vorwurf nichr; sie athmen ein thatkräftigeres Lebe», als cin purer Materialist zu ahnen vermag. 5) „Dazu sind oic Festtage eingesetzt, daß sie als öffentliche, alle Jahre wiederkehrende Evan- gclisicn die Thaten Gottes in der ganzen Kirche verkündeten, in dem Andenken der Christen erneuerten und verewigten, und durch diese Erneuerung und Verewigung göttlicher Thaten den himmlischen Sinn derGläubigen weckten, offenbarten, belebten." F. M. Sailcr, Pastoraltheol, ll>, S. 194. 71 Ein gleiches LooS hat das viel gehöhnte und verfolgte Wallfahrten. Ohne hier in die Sache näher einzugchen, bemerken wir, daß diese christliche, im religiösen Leben tief wurzelnde Uebung keine Armuth erzeugen kann, da eS keine Züge von Wollüstigen zu Bädern oder VergniigungSorlen sind, sondern Bußgänge im Geiste der Abtödtung und unter der beständigen Cvntrole der Kirche, noch daß sie Armuth hervorgerufen haben, da die Geschichte ein Anderes lehrt. Wenn übrigens einmal der Stein gehoben gegen Das, waS hehr und heilig, so wird er geworfen, auch ohne zu wissen warum. Und eö ist das Merkwürdige, daß bei Ällem, was drückt, immer dasselbe als Grund angegeben wird, was mau haßt, die Religion; ist sie ja daS Centrum, um welches sich die Geschichte aller wesentlichen Fragen dreht; alles Uebrige steht in der Peripherie. Einige andere aufgeworfene Ursachen der Armuth übergehen wir als zu weit führend, und bemerken über den wahren Stand der Dinge Folgendes. Der alleinige und innerste Grund unserer allgemeiner werdenden Verarmung ist die Vernachläßigung der Religion, die Glaubenslosigkeil unserer Zeit. Wir müssen unsere Gegner bitten, nicht vor diesem Phantome zurückzuweichen, sonder» sich näher in den Streit einzulassen. DaS Gesetz, welches sowohl Antrieb zum Guten als Urtheil über Vernachläßigung desselben gewährt, kann kein wandelbares, zufälliges, menschliches, sondern muß von Gott selbst, der gut allein, seyn, also die von Ihm gegebene Offenbarung, der Glaube. Eben so muß eS ein oberstes Gesetz geben, das bei Befolgung desselben untrüglich lohnt und bei Vernachläßigung untrüglich straft, uud auch dieses kann nur das absolute seyn und, wie eö sich in Gott offenbarte, der Glaube. Dasjenige serner, was in Sache deS gemeinsamen Interesse für alle Zeiten, Umstände, Zustände und Personen den richtigen AuSschlag gewährt, muß der Menschlichkeit entrückt seyn, von höhern Regionen kommen, und auch daö ist der Glaube. Wenn endlich Principien-Fragen aufraucben, bei denn, der menschliche, endliche Geist sich erschöpft, so muß der absolute Geist sich maniscftiren nnd zu einem höchsten Principe daS Wandelbare, der zeitlichen Aenderung Unierworsene zurückführen, und das stellt sich dar im Glauben. Vor diesem göttlichen Forum kann kein Streit unerledigt bleiben, wie umgekehrt Nichts die wichtigen Fragen deö Geistes irrilirt, ohne auch dieses Gesetz, und zwar dieses zuerst, überschritten zu haben. Wir bitten nun, diese Principien auf die vorwürsige Frage anzuwenden. Armuth ist ein relativer Begriff; ihn kann also nur der Glaube aufhellen. Arm seyn ist im Allgemeinen Folge eines vorausgegangenen Fehlers; darüber spricht nur der Glaube das richtige Urtheil. Die Armuth setzt auch gerade in ihrer Verschuldung die Satzungen des für Alle richtenden, auch die dunkelsten Fragen entscheidenden Richters voraus; das ist kein anderer, als der Glaube. Während jede andere Ausfassung, als die angegebene, die Sache auf ein blcßcS Scheingefecht, weil der Basis entbehrend, hintreibt, greift die gläubige Behandlung derselben daS Uebel bei seinem eigentlichen Sitze, bei der Wurzel an, legt die Ursachen mit der einzig möglichen Klarheit auseinander, unv ist dann, im Besitze derselben, im Staude, Abhilfe zu gewähren. Durchschreiten wir nun im Lichte des Glaubens das Lager der Armuth; wie steht eS da um die wahre Conduite derselben? Wir sehen jene,Gotr abgestorbenen Herzen, wie ihr wüsteS Auge, bloß dem Genuß zugewendet, endlich wild fortbrület, wenn alle Quellen dazu versiegt sind; wir sehen jenen gemeinen Troß, die deutschen Sansculotten mit Freiheitshut und Heckerbart, die Alles, was hehr und heilig, mit Hohngelächter begleiten und keine andere Beschäftigung kennen, als jene von der Schrift bezeichnete (Erod. 32, 6): „das Volk saß, um zu essen und zu trinken, und stand auf, um zu spielen"; wir sehen jene traurigen Gestalten, die herumlungern ohne Tendenz und, wenn ihre Lebensweise .,von der Hand znm Mund" stockt, der Schrecken und die Last ihrer Nachbarn werden; wir sehen jene Halbgebildeten, denen der Glaube nur eitle Form, wie sie unbegreiflich trotz aller sogenannten Mühe zurückgehen und dann, verkommen an Leib und Seele, der Anstoß ihrer Ge- 72 meinden werden; wir gewahren endlich jene alten Sünder, die dem Rufe deS guten Hirten nicht gefolgt, nach den schauderhaftesten Katastrophe» an den Bettelstab gekommen sind und nnn in ihren grauen Tagen Noth leiden. Bankerott an Seele und Leib gehen Hand in Hand. Die Fälle, wo „eine Tücke des Schicksals arg mitgespielt", find nichts als moderner Aufputz einer und derselben Sache. Wie dem Glauben das konservative Element inhärirt, so drückt der Gegensatz desselben seinen Vertretern das Siegel der Nichtigkeit aus. — Wir würden eS nicht wagen, ein so allgemeines und hartes Urtheil auszusprechen, allein neben der Thesis ist auch die Erfahrung für uns. Mag der AuSgang deS Uebels noch so verborgen, die Haltung seiner Träger noch so täuschend seyn, eS alterirt die Sache nicht. Wie vermöchten wir auch aus den verschiedenen Coustellationen dafür einen bestimmten Namen zu nennen, da wir hier auf das der Welt am meisten entzogene Gebiet angewiesen sind? Dann wohnt im Glauben ein anderes Element, welches der Noth den Keim benimmt oder dieselbe in ihrem Auftreten abwendet, die mittheilende Liebe. Sie ist die Erfüllung deS alten Gesetzes, gleichsam der Engel mit dem flammenden Schwerte zur Abwehr des Uebels. Der Glaube sieht in ihr seine schönste Frucht in Beziehung auf Gott und die Milbrüder. Da diese Liebe gütig (1. Cor. 13, 4. 5) ist und nicht das Ihre sucht, strebt sie dahin, jene Uebelstände auszugleichen, welche selbst auch die Schuld frevelhaft beigeführt. Wenn aber dieses Leben der Liebe erkaltet und zum Egoismus herabsinkt, dann ist eine besondere Quelle versiegt, die Gott der Noth zur Ausgleichung der Verschiedenheiten annäherungsweise, aber doch befriedigend angewiesen. Nun dürfen wir es uns aber nicht verhehlen, daß wir darüber schreienden Beweis haben. Nicht nur, daß unsere Zeit keine großen Anstalten treffen kann, welche der leidenden Menschheit zu Hilfe kommen, es ist auch vielseitig über die private Herzlosigkeit für Noth und Elend gerecht zu klagen. Jene weichen Herzen, die ein zartes Tonstück zu großen Zähren rühren könn, stoßen die Hand Dessen hart zurück, der um Bewahrung vor offener Schande fleht, und überlassen ihn seinem gänzlichen Verfalle; „es ist ja unschön für einen Gebildeten, weich zu seyn." Negativ knüpft sich daran daS verheerende Element in Sitten und Gebräuchen; denn entweder wird Golt oder Belial (2. Cor. 6, 15) gedient. Daher konnte ein tiefer Denker der neuesten Zeit zu dem Ausspruche kommen (Hift.-pol. BI. 1848 S. 691): „Unsere modernen Städte dürfen, in mancher Beziehung, namentlich hinsichtlich deS Lurus und der Sittenlosigkeit, mit den Städten der Römerwelt zur Zeit ihrer Entnervung und ihres Absterbens verglichen werden." „Die Städte unserer Zeit sind die Erzeugerinnen des Proletariats und eine beständig offene Freistätte des CommuniSmus." AuS dem Vorstehenden ziehen wir den Schluß, daß aus der GlaubenSlosigkeil das Uebel der Armuth entsprungen. Wir sagen: das Uebel der Armuth; denn dem in der christlichen Ascese erstarkten Herzen wird das Joch Jesu nicht bitter und seine Bürde nicht schwer, und bei allem Drucke der Entbehrungen findet sich in ihm ein Friede, den die Welt — und dieser göttliche Ausspruch steht hier in hervorragender Größe — den die Welt nicht geben kann. Statt der Schlaffheit deS Proletariers tritt da eine heilige Resignation ein, die im kärglichen Brode die Güte Gottes wieder erblickt und Labuug und Stärkung findet; dann aber mit dem unholden Geschicke ringt und es nicht selten in kurzer Zeit besiegt. Oft möchte daö Herz brechen, wenn man noch diese Reste des christlichen Heroismus wahrnimmt. *) Noch nie ist ein solcher Armer eise Last geworden. (Fortsetzung folgt.) *j „Irland .... hat niemals seinen Glauben vergessen. . . . Drei Jahrhunderte von Confiscationen, von Verfolgungen, von Hunger, von Entwürdigung sind über sein Haupt hingegangen, ohne es einzuschüchtern und zu beugen." Montalembert, die kath. Interessen im XIX. Jahrhundert. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen Verlags-Inhaber: F.