Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 19. März M K2 ' 1854. Dieses Blatt erscheint regslmäHia alle Sonntage. Der l,albjShrilie^Ab>'m.,'nientg>!rei.? kr., wofür e« durch alle köm'ql. bayer. Postämter und ülle Buchhcmdlunaen liezvnen werden ksnr. DaS Bild des Erzbischofs von Freiburg. Die in der Cottci'schen Buchhandlung erscheinende „Deutsche VierteljahrSschrift" enthält im ersten Hefte für 1854 eine höchst gediegene Monographie: „Der Kirchenstreit in Baden" betitelt; ja, wir stehen nicht an, zu sagen, daß damit sowohl in Fc>rm als Inhalt daS Beste über diese Angelegenheit geboten wird. Der Raum gestaltet uns leider nicht, auf die Einzelnheiten dieser Abhandlung, welche in besonders gründlicher Weise das Recht des Erzbischofs auch i» den posuiven staatsrechtlichen Verhältnissen nachweiset, weiter einzugehen; hingegen können wir uns n>M versagen, das achle, die Persönlichkeit des herrlichen Erzbischofs schildernde Capitel abzudrucken. Der Aufsatz lauiet also: Nach langer Krankheit starb der Erzbischof Jgnaz Demeter am 21. März 1842. Er hatte den Sitz des Mettopolilan fünf Jahre und zwei Monate inne gehabt, und diese ganze Zeit unter Vorstellungen, Bitten und Protestatiouen verlebt. Die Wahl des Nachfolgers wurde am 15. Juni 1342 vorgenommen. Der Großherzog Leopold hatte keinen Candidaten verworfen; er ordnete den damaligen Director der katholischen Kirchensection, Gcheimenrath Siegel, als Wahlcommissär nach Freiburg ab, und dieser mischte sich auf keine Weise in die Wahl. Sein Benehmen ist in jeder Beziehung ein ehrenhaftes gewesen; und so wurde Hermann von Vicari, Bischof von Macra, zum Erzbischof von Freiburg und Metropoliran der oberrheinischen Kirchenprovinz einstimmig erwählt. Hermann v. Vicari ist geboren am 13. Mai 1773 zu Aulendorf in Oberschwaben, wo sein Vater gräflich Königsegg'scher Oberamtmann war. Während er seine ersten Studien am Lyceum zu Coustanz machte, verlieh ihm das Dvmcapiiel ein Äanonikat am dortigen CollegiatsMe zu St. Johann. Am Jesuiiencollegium zu Augsburg studirte er Philosophie, und begab sich von dort nach Wien, um nach vem Willen seines Vaters sich dem Studium der Rechte zu widmen Von Wien im Jahre 1795 zurückgekehrt, führte ihn sein Vater in die praktischen Geschäfte ein, aber die Neigung zum Berufe deS Priesters bewog ihn, mehrere ehrenvolle Beamienstellcn auszuschlagen. Während dieser Jahre seiner juristischen Praris unterzog er sich den rigorosen Prüfungen in Dillingen, ans deren Grund er die Doctorwürde beider Rechte erhielt. Nach dem Tode seines Vaters verließ er den weltlichen Beruf, um sich ganz dem Studium der Theologie zu widmen; er wnrde am 1. October 1797 zum Priester geweiht, und zu gleicher Zeit in sein Kanonikat eingesetzt. Earl Theodor von Dal- berg ernannte ihn.im Jahre 1802 zum Assessor bei dem bischöflichen Regierungs- Collegium zu Constanz, und nach wenigen Tagen zum geistlichen Rath. In dieser Stelle zeigte er eine so vorzügliche GeschäftStüchtigkeir, daß ihn der ehemalige Fürstprimas v. Dalberg noch im Jahre 1816 mit dem Officialate der bischöflichen Eurie 9V betraute, in welcher Eigenschaft er bis zum Ende des alten Constanzer BiSthumS im Jahre 1827 thätig war. Bei der Stiftung deö Erzbisthums Freiburg wurde er als Generalvicar zum Domcapitel nach Freiburg berufen. Er führte die OrdinariatS- Direclion, wurde im Jahre 1830 jum Domdecan ernannt, den 8, April 1832 alö Bischof von Macra (in partibus) zum Weihbischose geweiht und als Vioarius in pon- tikealinus et svirituglivus xenerslis deö Erzbischofs von Freiburg aufgestellt. Er war BiSthumSvenveser nach dem Tode deS Erzbischofs Bernhard, so wie nach dem Ableben des Erzbischofs Jgnaz. Wie oben bemerkt, wurde er am 15. Juni 1842 als dessen Nachfolger gewählt, am 30. Januar 1843 präconisirt und am 26, März desselben JahreS mit dem Pallium bekleidet. Wer immer die Geschichte des Tages verfolgt, wer die Bedentung deS Kampfes der Kirche gegen die Staatsgewalt auffaßt und mit Interesse den Gang desselben beobachtet, der möchte wohl ein wahres Bild von der Persönlichkeit haben, aufweiche jetzt so viele Blicke gerichtet sind. Wir wollen eS versuchen,, eine Skizze zu solchem Bilde zu entwerfen. Denkt man sich den kühnen Metropolitan der oberrheinischen Kirchenprvvinz als eine jener imposanten kirchlichen Heldenfiguren, mit welchen die Kunst den heiligen BonifaciuS, die Heiligen Athanasius, AmbrosiuS oder Thomas Becket darstellt, so ist dir Vorstellung irrig. Der Erzbischof Hermann v. Vicari ist ein kleiner schmächtiger Mann, im hohen Alter noch lebhaft, beweglich, und körperlich so rüstig, daß er noch vor einigen Monaten, nur von seinem Leibdiener begleitet, eine Fußreise von mehreren Tagen ausgeführt hat, um einem ihm verwandten Knaben eine Freude zu machen. Er ist immer freundlich, heiter nnd liebt einen gutmüthigen Scherz. Er kommt jedem Menschen mit ungesnchter Freundlichkeit entgegen und seine übergroße Höflichkeit entspringt aus einem natürlichen Wohlwollen. Er ist an Verstand und Wissen gar vielen tüchtigen Männern überlegen, aber er weiß eö nicht, und seine innere Bescheidenheit erscheint als eine Demuth, welche mit seiner hohen Stellung in eigenthümlichem Gegensatz steht, und jeden sogenannten Wellmann in Verlegenheit bringt. Die Achtung, mit welcher er die Meinung Anderer anhört, und die Bescheidenheit, mit welcher er seine eigene ausspricht, hat schon Manchen getäuscht, der den starken Charakter deS Greisen nicht kannte. Der Erzbischof Hermann ist mit reinem Herzen geboren, und die Erfahrungen von achtzig Jahren haben diese Unschuld nicht zerstört. Er glaubt an die Menschen, liebt ohne Haß und mißtraut Niemanden, faßt die Verhältnisse des Lebens, die Verwickelungen deS menschlichen Verkehrs fast kindlich auf und beurtheilt das weltliche Streben nnd Verlangen mit naiver Einfachheit des unverdorbenen KindeS. Deßhalb ist auch sein Urlheil so unbefangen nnd so gesund. Er weiß von keiner Unduldsamktii, ihm ist der Gedanke unmöglich; und wenn er glaubt, daß nur in der katholischen Kirche das Heil der Seele zu finden sey, so kann er nur beten, daß die Gnade Gottes die Irrenden erleuchte, und inbrünstig danken, wenn eine Seele zu seiner Muiterkirche zurückkehrt. Von den vielen Protestanten, die mit ihm verkehrten, hat gewiß keiner den geringsten Unterschied der Behandlung erfahren; keinem aber konnte die Zartheil eingehen, welche ohne allen Schein jene Kleinigkeit vermied, die ihn unangenehm hätte berühren können; und diese Zartheit ist kein Ergebniß der Klugheit oder der LebenSgewandlheit, denn er ist sich ihrer gar nicht bewußt: sie entspringt seinem unend. liehen Wohlwollen. Daß es Menschen geben könne, die gar keinen Glauben haben, das wird der alte Mann nimmer begreifen. Mäßig, fast ohne Bedürfnisse, macht der Erzbischos keinen Aufwand; eine Kleinigkeit macht ihm Freuce! Er hat keine eigentliche Liebhaberei, wenn nicht für seinen Garten und sür seine Blumen, die ihm gar wenig kosten. Der größte Theil seines Einkommens gehört den Armen; er hat ihnen schon Stücke seines Silberzeuges gegeben, als er selbst kein Geld mehr hatte. Seine Wohlthätigkeit hat manche Familie dem stillen verborgenen Elende entrissen und manchem jungen Menschen eine ehrenhafte Existenz begründet. Das HauS des Erzbischofeö ist eine Zuflucht der Bedürftigen; 9t er selbst spendet dem Armen, ohne zu fragen, wer er sey und woher er komme; und naht sich ihm ein Kind, das keines Almosens bedarf, so gibt er ihm doch ein Bildchen. Der Erzbischof Hermann v. Vicari ist ein frommer Mann, seine Frömmigkeit ist ein tief inneres Bedürfniß seiner Seele, sein Glauben an die Offenbarung ist so lebendig als er unerschütterlich ist; in christlicher Demuth klagt er sich als einen sündigen Menschen an, und der einfache Pfarrer eines benachbarten Dorfes ist sein Beichtvater. Was über ihn kommt, er nimmt es als eine höhere Fügung und darum stört eS ihn nicht. Als er glaubte verhaftet zu werden, da hat er in heiterer Ruhe seine kleinen Bedürfnisse selbst zurecht gelegt, um sogleich bereit zu seyn, wenn man ihn rufe. Trifft ihn etwas recht Schmerzliches, so flüchtet er sich in seine HauS- capelle und bald kehrt er heiter und freundlich zurück; so that er, als er die Erlasse vom 7. November erhielt und darüber vielleicht den herbsten Schmerz seines ganzen Lebens empfand. Ganz anders erscheint dieser Greis, wenn er sich als Kirchenfürst zeigt. Kniet er in einfacher Chorkleidung betend an dem Altar, oder zieht er, angethan mit der Dalmatika, feierlich in seine Metropolitankirche ein, oder verwaltet erden Gottesdienst in der Pracht des erzbischöflichen Ornates, so ist- eine unglaubliche Würde in seinem Wesen, man erkennt den kleinen demüthigen Greisen nicht mehr, und wenn er feierlich den, Segen über seine Gemeinde spricht, so hört man keinen Athemzug, und wer nicht auf die Kniee fallen will, der muß es sich fest vornehmen Das hohe Kirchenamt ist ihm von Gott übertragen; bald wird er vor dem ewigen Richter stehen, um Rechenschaft abzulegen, wie er es verwaltet; dieser Gedanke verließ ihn niemals, er ist ihm gegenwärtig bei der kleinsten wie bei der größten seiner Handlungen. Der Erzbischof von Frciburg ist kein Mann des raschen Entschlusses, er überlebt lange, und niemals hat er eine bedeutende Handlung beschlossen, ohne daß dem Beschluß ein inbrünstiges Gebet voranging; hat er aber einmal in sich selber entschieden, so kann keine weltliche Rücksicht ihn anders bestimmen. Er war dem Großherzog Leopold mir inniger Liebe zugethan, aber er versagte das Traueramt, weil eS die Gesetze der Kirche verbieten. Er kennt die Verfassung der katholischen Kirche nach ihrer ganzen Entwickelung und in all ihren Einzelheiten. Er ist kein glänzender Geist, wie z. B. der gegenwär, tige Bischof von Mainz, aber er ist der beste Kanonist nnd der gewandteste Geschäftsmann in seinem Capitel, und selbst ein Talent wie Hirscher beugt sich vor ihm. Alles, was Manche von fremden Einwirkungen reden, ist grundfalsch; wo die Rechte der Kirche in Frage stehen, wo es die Verwaltung seines Amtes betrifft, da ist der achtzigjährige Greis so selbstständig, als irgend ein Mann; denn nach seinem Glauben ist er und er allein für das Heil der anvertrauten Seelen verantwortlich, die Gottes erbarmuugsvolle Fügung ihm anvertraut hat. Die Bischöfe seine' Provinz verehren ihn wie einen Heiligen, und er liebt sie wie seine Brüder; aber ihre Verehrung und seine Liebe würden ihn nicht abhalten, einen Fehler zu rügen, wenn je sein Amt es verlangte. Die Geistlichen seiner Diöcese behandelt er wie seine Söhne, er fordert keine äußere Unterwürfigkeit, keine demü« thigenve Formen, sie würden ihm unbehaglich seyn; sie verkehren frei und ungezwungen mit ihm, und er beurtheilt mild ihre meuschlichcn Schwächen. Wo aber ihr Beruf und ihre Stellung als Priester berührt wird, da begegnen sie dem Ernste des Bischofs; beides ist aber im Einklage, denn das Eine entspricht seiner christlichen Demuth und seinem natürlichen Wohlwollen, daS Andere dem festen Glauben an seine apostolische Sendung. Der Erzbischof straft ohne Rücksicht die Geistlichen, die ihm den Gehorsam verweigern, aber die in Freiburg verhafteten Priester hat er im Gefängniß besucht. Er wußte wohl, daß er abgewiesen werde, aber den gehorsamen Söhnen glaubte er dieses Zeichen der Liebe schuldig zu seyn. Die Welthändel versteht der Erzbischof von Vicari nicht; sie liegen ihm fern. Daß die Kirche die Menschen zu Gott zurückführen müsse, um die Schäden der Gesell- 92 schaft zu beilen; daß die Kirche ihre Rechte zunickerobern müsse, um die wahre Freiheit auf Erden zu gründen: das ist sein politischer Gedanke. Er liebt sein großes Vaterland und kennt dessen Geschichte; aber er ist der treueste Unterthan seines Landesherr». Im Sturm der Umwälzung hat er seinen Sitz nicht verlassen, unter dringenden Gefahren hat er den Rebelle» ihr Unrecht vorgehalten und das Volk zur Treue ermahnt. Niemals ist cS ihm in den Sinn gekommen, das Ansehen der weltlichen Gewalt zu schwächen; aber in seinem Glauben darf er dem Rechte der Kirche Nichts vergeben, er mnß es schützen und wahren znm Heil des Staates und zum eigenen Wohl des Regenten. DaS ist der Erzbischof von Freiburg, der jetzt den Kampf der Kirche gegen die bureaukratische Staatsallmacht führt. Der „katholische Götzendienst". Ein gewisser Poynder zu London schrieb ein Schmählibell gegen die katholische Kirche, die er deS Götzendienstes und HeidenthumeS bcschnldigte. Wiseman (noch ehe er Cardinal wurde) antwortete hierauf im Dublin Kevisw in einer so vernichtenden Weise, daß Poynder dadurch zum Schweigen gebracht wurde und die katholische Sache in England nur damit gewann. In dieser Widerlegung Poynders läßt Wiseman einen Heiden die Kirchen Londons besichtigen, und liefert dann folgende herrliche — den Gegenstand der Anklage auf den Ankläger und seine Sache zurückwerfende — Beschreibung der Paulskirche in London: „Ich würde ihn (den Heiden), nachdem das Eintrittsgeld gehörig bezahlt wäre, in die Kathedrale von St. Paul führen, und ihu bitten, er solle auf die Religion rathen, der sie angehöre. Würde nicht seine erste Frage seyn, gehört sie überhaupt einer Religion an? Ist dieß überhaupt ein Platz zum Gottesdienst? Kein Altar, keine Kanzel, keine Abbildung von einem Heiligen ist sichtbar; rein Punct, gegen den sich die Gläubigen wenden, als sey in ihm die Gegenwart Gottes concentrirt; kein Zeichen von eigenthümlicher Bestimmung, kein Betender oder auch nur ehrerbietiger Beschauer, keiner, der, wenn er die Schwelle übertritt, seinen Geist im Gebet vorbereitet, als nahe er Gott. Da sieht er Männer mit bedecktem Haupte, als wären sie ans offener Straße; sie gehen ab und zu, betrachten das Gebäude bloß als architektonisches Werk, und sind durch die Einpfählung von dem großen Schiffe getrennt; denn die Ehrfurcht vor demselben ist so gering, daß eS, wäre eS offen, ohne Scheu profanirt werden würde; Spott und Scherz, oder der Stand der Papiere, oder eine skandalöse Tagesneuigkeit kann allein ihre Neugierde befriedigen und bildet die Unterhaltung der verschiedenen Gruppen. Würde er einen einzigen Gegenstand bemerken, der ihm andeuten würde, daß er in einem für christlichen Gottesdienst bestimmten Raume stehe? Dürfte er nicht auS der Orgel schließen, es sey eine Halle für festliche Versammlungen? Dürften nicht die schimmeligen Fahnen, die um ihn wehen, ihn ans den Gedanken bringen, es sey die Curie, oder das Senatoreuhaus der Stadt? Bloß Ein Umstand kann ihn auf ein richtigeres Urtheil führen; es sieht nämlich wie ein Theil des Gebäudes, gerade wie seine eells, abgeschlossen, und dem Blicke uus dem Zutritte deS Profanen entzogen ist, und da er in der katholischen Kirche nichts derartiges gesehen hat, und es vollständig der Form- seiner Tempel entspricht, wird er sicherlich noch genauere Aehnlichkciten vermuthen. Während er aber so unentschlossen wäre, welcher Religion er Ansprüche ans den Besitz dieses Tempels geben soll, würde ich seine Aufmerksamkeit auf einen andern Punct richten, und ihn bitten, seinen Blick auf die Grabmäler und die tastbaren Denkmäler ringS um ihn zu richte», um ihm einigermaßen zu verstehen zu geben, welchem Gott hier gedient, uud wclche Tugenden gelehrt werden. Hier sieht er Sinnbilder in genügender Anzahl, — aber nicht da? Kreuz, oder die Taube, oder den Oelzweig, wie auf den alten Grabmälern, sondern die Trommel und Trompete, das Schwert und die Kanone. Wer sind nun diejenigen, deren Aufführung und deren Thaten für 93 würdig erachtet wurden, diesen Tempel zu schmücken? Männer, die mit dem Schwert in der Hand vorwärts stürzten, um die Nachfolgenden zum Kampfe zu ermuthigen, oder die untersanken, während sie das feindliche Verdeck enterten; Helden, wenn Sie wollen, Wohlthäter ihres Landes, aber sicherlich keine Männer, die zur Verherrlichung der Religion beigetragen. Von einem wird gesagt, er sey gefallen, wie eS sich gewiß ein Römer gewünscht hätte, nachdem er seines Feindes Schiff geentert hatte und so entweder eines vernichtete oder beide rettete; die Grabschrift eines Andern ist mit Worten gegeben, mit denen sein Befehlshaber berichtete; die eines Dritten mit den Worten des Beschlusses des Hauses der Gemeinen; nicht ein Wort von einer einzigen Tugend, eines Gedankens an Gott, einer Hoffnung auf den Himmel, nicht eine einzige Andeutung, daß er sich zu irgend einer Religion bekannt oder geglaubt habe. Und würde nicht der Heide sich freuen, einen Tempel gefunden zu haben, wo der Muth der dreihundert Fabier oder die Selbstopferung der Deciusse, oder die Tugenden der Scipionen so vollständig gelehrt und der Bewunderung und der Nachahmung der Menschen ausgestellt werden? Um wie viel größer würde diese Freude werden, wenn er die Sinnbilder, unter welchen diese Thaten oder ihre nähern Umstände ausgedrückt werden, näher betrachtete. See- und Flußgötter, mit ihren schlammigen Kronen und ausströmenden Gefäßen, der Ganges mit seinen Fischen und Kalabassen, die Themse mit den Genien ihrer Nebenflüsse, der Nil mit seinem Götzenbild? der Sphynr; die Siegesgöttin geflügelt und aufgegürtet wie bei den Alten, schlingt weltlichen Lorbeer um die Schläfe der Gefallenen, die Fama verkündet mit ihrer antiken Trompete ihre weltlichen Verdienste, Clio, die Tochter Apollo'S, erzählt ihre Geschichte; und außer diesen kommen noch neue Schöpfungen von Göttern und Göttinnen vor, der Aufruhr und die List, die Stärke und die Empfindsamkeit/Britannien, das wahre Abbild deS sich selbst anbetenden RomS, und bei einigen von diesen ist die Draperie so mangelhaft, daß sie mehr für einen alten heidnischen als für einen modernen Tempel passen würden. Diese Sammlung alter Gottheiten, die einzigen Bilder, die sein Auge belehren konnten, würden ihn gewiß zu der vollen Ueberzeugung bringen, entweder daß seine alte Religion, ihre Sinnbilder und ihre Sittenlehre nie verdrängt, oder daß sie erst wieder eingesetzt worden sey- ES würde umsonst seyn, ihm zu erklären, daß hinter jenem Gitter einmal wöchentlich wenig Zuhörern, und an den Werktagen den leeren Bänken ein heiliges Buch vorgelesen werde, welches lehre, seinen Götzendienst zu verabscheuen und Gott im Geiste anzubeten; und daß gelehrte Männer hier Predigten über die Gefahr deS Götzendienstes und eines symbolischen Gottesdienstes halten. Alles dieß würde, glaub' ich, ihn nur noch mehr veiwirren. Er würde sagen, wenn ?S euch nicht erlaubt ist, Bilder zu haben, oder sie in eurem Tempel aufzustellen, warum brecht ihr daS Gesetz bloß zu Gunsten von Kriegern und Flußgöttern? Wenn dieß euch erlaubt ist, warum werden die Christen von Rom angeschuldigt und verdammt, daß sie Bilder von Christus und seinen Hnligen aufstellen? Ich trage kein Bedenken, zu behaupten, daß er. wenn er so schlösse, wie Sie, und den Grundsätzen, nach welchen Sie urtheilen, folgte, wenn er eine Religion nach der Schaale und nicht nach dem Kerne, nach dem Leibe und nicht nach dem Geiste, nach den äußerlichen Formen und nicht nach dem Glauben, den sie ausdrücken, beurtheilte; und wenn er darauf bestände, gleich Ihnen seinen eigenen Eindrücken und Vorurtheilen mehr nachzugeben, als den Verwahrungen und Erklärungen derjenigen, gegen welche er streitet; ich trage kein Bedenken zu behaupten, daß er einen viel matteren Ausdruck deS christlichen Gedankens in der protestantischen, als in der katholischen Kirche sehen, daß er viel größere Denkmäler deS verworfenen Götzendienstes in der englischen als in der römischen Kathedrale finden würde. , 94 DaS Armenwesen vom katholischen Gtanbpunete betrachtet. III Mittel gegen die Verarmung und Noth. (Schluß, 1 Wir behaupten frei und werden eS erhärten, daß lediglich im Christenthum daS gesuchte Heilmittel gegen Verarmung und Noth enthalten sey. ES ist dieß nicht etwa bloß ethische Folge, sondern sogar principielle Tendenz. Gehen wir zu der allgemeinen Anschauung und dann zur besonderen. Wie daS Land der Verheißung, dieses von Milch und Honig fließende Land, mit seinen gesegneten Triften und fruchtbaren Feldern, mit seiner blühenden Küstenstrecke und dem unschätzbaren Libanon, wie dieses Nachbild des paradiesischen S-egenS entstand und fiel mit der Treue oder Gottlosigkeit der Kinder Israels, so in weiteren Kreisen bei den Kindern deS neuen GotteSrcichcS. Es steht fest im gläubigen Bewußtseyn und geschichtlich begründet, daß an GotteS Segen Alles ge,l,egen, und wie der Fluch GotteS auch die größten Reichthümer vernichte. (Psalm 111, 3: Klon» et clivitme in clomo ejus, prov. 3, 13: Omm8 enim tmmo, lsui oomeclit et Kirnt et viclet bonum cle Isdore suo; Koo clonum vei est.) Es drückt dieses die Schrift mit den Worten aus, welche sich zur untrüglichen Wcchrhm erheben (Pf. 36, 25): „Ich bin jung gewesen und bin alt geworden, und noch nie sah ich den Frommen verlassen, noch seine Kinder nach Brod gehen."' Näher ist diese auS dem Christenthum unmittelbar fließende zeitliche Wohlfahrt dahin zu erklären, -daß Gott für Solche gleichsam mit seiner Vorsehung einsteht. Darum that der Herr den göttlichen AuSspruch (Mth. 6, 33): „Suchet zuerst das Reich GotteS und seine Gerechtigkeit, und jenes Alles wird euch beigegeben werden." — „Solche unmittelbare Eingriffe der Vorsehung bestätigen aber ihre Fügung und Ordnung, die über alles menschliche Eigenthum im Allgemeinen waltet." (I. Th. Laurenr, die zeitlichen Segnungen des Christenthums.) ES berühren sich nämlich die Hauptconstitutive jedes Gedeihens eben so fördernd das Gute als ausschließend daS Verderbliche, und einigen sich zum Regenreichen Erfolg, GotteS Gnade und menschliche Freiheit. Daher ist dann auch das zerstörende Moment der Sünde, welches diese auf daS dießsemge Leben übertrügt, entrückt, größere oder kleinere Calamitäten sind, wo Gottes Friede weht, ferne gehalten, cS steigen Gebete zum Herrn empor im Vertrauen auf die Worte der ewigen Wahrheit: „Bittet, und so wird euch gegeben!" (Mth, 7, 7) — nnd der Herr erfüllet Alles mit seinem Segen. Vergeblich sieht sich die moderne Glücksthecne nach einem Rüstzeug um. das den -Feind erschlägt, dessen Eristenz und Einfluß sie statuirt, ohne zum siegreichen Schwert zu greifen. Denn wo Leidenschaften und Laster schweigen, welche wie ein gefräßiges Thier auch die größten Güter verschlingen; wo nicht mehr das beleidigte Sittengesetz seine Ueberlreter bis zur Verworfenheit in ein disharmonisches Leben abstößt; wo nicht mehr der Zerfall mit den allein haltbaren Principien fortreißt; wo nicht mehr d.sr Geist in die Fesseln der Sünde geschlagen und im freien Aufschwung zum wahren Glücke nicht mehr gehemmt ist: da war eS nur das Christenthum, der Maube, der diese Quellen zeitlicher Noth versiegen machte, und nicht ein wenn auch noch so hochgetrageneö politisches Glückssystem. Hier wirkt daS Geheimniß deS chra'jstlichen Sittengesetzes ein, d.iS auf dem Grundpfeiler der Entsagung und SÄlWvsrläugnliNH aufbaut und in dem Grade erhöht uud beglückt, als sich die Dsmuth in ifreiwilliger Erniedrigung vor Gott beugt. Jene dreifache Begierde der Genußsucht, der Habsucht und Ehrsucht, die Herrscher unserer Zeit, die auf eine Vergötterung des Creatürlichen hinausläuft, setzt gerade die größte Feindschaft zwischen diesem und dem Menschen, säet Fluch in die Furchen der so bebauten Erde, und vernichtet jedes Werk, dem sie als Motiv zu Grunde liegt. Wir möchten darum glauben, daß nicht nur negativ gegen die Hindernisse deS Aufblühens besserer Tage nichts auszurichten sey, sondern auch positiv keinerlei Art von Vorschriften nnd An- S5 ordimngen hiezu gegeben werden können, wenn man die Gränzen deS Christenthums überschritten. Wenn der Herr dieses Werk nicht baut, bauen die Bauleute vergebens. Es dürfte zugleich hieraus erhellen, daß, sobald daö Christenthum nicht als das allein normirende Princip verfolgt wird, die Civilisation einem lockenden Trugbild ähnlich ist, einem faulen Sumpft, mit täuschendem Grün überzogen, und daß dieselbe in dem Maaße retrograd den« Barbarismus zueilen muß, als die aus guter alter Zeit geretteten Trümmer im neuen Lichte aufgehen. Eö ist auch principielle Tendenz deS G.aubens, Verarmung und Noth zu heben; nicht nur, daß er, wie gezeigt, den Segen Gottes vom Himmel herabzieht, sondern auch, daß er den einmal stattfindenden Unterschied zwischen Arm nnd Reich möglichst aufzuheben bestrebt ist. Der Glaube lehrt, der Armen sich erbarmen. Entgegen dem Armen als gebornem Sklaven in der heionischen Welt sollte der Arme im Reiche Gotlcs vom Drucke freigestellt werden als Bruder in Christo. Es schuf das Christenthum den Mittelstand gegenüber den zwei Ständen deS Alterthums, der die Ausgleichung zwischen beiden werden sollte, wie der Untergang oder daS Schwächen desselben ein Kennzeichen der Abnahme oder des VerschwindenS deS Glaubens wäre. Während das Heidenthum die Armen als eine Last betrachtete, so daß ein römischer Kaiser sagen konnte: „>oi,is graveg sunt", und selbst bei einem ihrer größten Moralphilosophen (Senecs cle clem. I. 2, 4) zu lesen: „Alle Guten werven sich vor Barmherzigkett hüten und kein Weiser wird sich von Mitleid rühren lassen": erkennt das Christenthum die Unterstützung derselben als Pflicht und als Erforderniß zur ewigen Seligkeit; ein beständiger Anfrus, in dem der Herr mit dem Armen sich selbst identi- ficirt. In diesem Sinne schrieb der heil. Kirchenvater Petrus ChrisologuS (cle ^ejunici et eleem.): „Die Hand des Armen ist der Schatzkasten Christi, denn was der Arme annimmt, das empfängt Christus." Nur wo diese Principien herrschen, können wir uns die rechten Mittel gegen die eingerissene Verarmnng und Noth versprechen, und nicht vom Abklatsch eines verfeinerten Gefühlswesens, oder vom Absehen von der „nicht hierher gehörigen" Religion. Wir kommen nun der Lösung der Fr^ge näher, und werden in einem zweiten Artikel die sachdienlichen Mittel bezeichnen. P a s s a u. Passau, 7. März. Unser hochwürdigster Herr Bischof Heinrich behandelt in seinem dießjährigcn Hirtenbriefe bei Anlaß der heiligen Fastenzeit die hochwichlige Frage der Kindererziehung vom christlichen Standpuncle aus mit besonderer Berück» sichtigung auf die oft verkannte Wahrheit, „daß die Erziehung der Kinder keineswegs erst mit jenem Zeilpuncte beginne, in welchem die gesetzlichen Vorschriften die Eltern verpflichten, ihre Kinder in die Schule zu schicken, sondern daß die ersten Pflichten christlicher Erziehung von den Eltern schon lange zuvor mit aller Sorgfalt und Ge- wissenhafligkeit erfüllt werden müssen. Nachdem dieses Thema eben so gediegen als ausführlich behandelt und die dießfällizen irrigen Ansichten unv Vorkommnisse geschildert worden, äußert sich der hochwürvigste Herr Bischof in nach Oben und Unten höchst beherzigcnswerlher Weise dahin: „Wenn es mit uuserer heranwachsenden Jugend allenthalben so traurig aussieht; wenn mit Recht von allen Seiten die bittersten Klagen erhoben und die größten Befürchtungen für die Zukunft deßhalb ausgesprochen werden, so schiebe man doch ja nicht alle Schuld auf die Schulen und das jetzige Schulwesen, sondern suche vielmehr den Anfang dieser beklagenSwerthen Uebelstände in dem Mangel einer christlichen häuslichen Erziehung, ehe die Kinder in die Schule treten. Daö Verderbuiß unserer jetzigen Jugend geht in der Regel vom älterlichen Hause aus, die Kinder kommen meistens schon verdorben in die Schule. Was kann man aber mit einem Kinde in der Schule anfangen, das mit einem verkehrten und verdorbenen Herzen in dieselbe eintritt? Können die Lehrer, können die Priester, welche 96 die Kinder nur eine kurze Zeit in ihrer Nähe haben, welche keine väterliche Gewalt über sie besitzen, welche mit den Kindern nicht durch jene heiligen Bande deS Blules und der Abstammung verbunden find, die eine so große Macht über die Natur ausüben , welche überdies) aus natürlichen Gründen in so vielen Verhältnissen den Kindern nie so nahe stehen wie die leiblichen Eltern, — können die Lehrer und die Priester nun alles das gut machen, was die Eltern seit Jahren bei einem kleinen Kinde versäumt und verderbt haben? Die eifrigen Bemühungen der Lehrer und Priester werden die Ausartungen eines Kindes durch Belehrung zurückweisen, durch Strafen in Schranken halten, durch Aufsicht und Ueberwachung unschädlich, theilweise unmöglich machen können, aber eS wird nur sehr selten und nur unter besonderm Beistände der göttlichen Gnade möglich seyn, ein einmal verdorbenes Kind auch in seinem Innern, seinem Herzen, seiner Seele vollkommen zu bessern. Denn das Herz eines Kindes, das nicht von den zartesten Jahren an durch eine fromme christliche Erziehung im elterlichen Hause von Vater und Mutter geschützt, geleitet und entwickelt wird, kommt frühzeitig in einen Zustand von Kälte, Erstarrung und Verstocktheit für alles Gute. Die geistige Natur eines solchen Kindes verliert alle Kraft und allen Wachsthum, die Natur des Fleisches aber entwickelt sich mir der Macht und wird über alles Herr." Der Hirtenbrief schließt mit der wahren Behauptung, daß nur mit dem Eintreten einer besseren christlichen häuslichen Erziehung bessere Kinder — bessere Menschen — bessere Zeiten kommen werden. Gott gebe eS! - Zur Tischraserei. Wolfgang Menzel schreibt hierüber in seinem Literatur-Blatt: »ES hat sein GuteS, wenn das Böse offenbar wird. Die Schamlosigkeit, mit welcher seit Jahr- zehcnten der Unglaube hervorgetreten ist, hat zur Besinnung geführt und den christlichen Glauben, der überwunden werden sollte, neu gestärkt. Die Schamlosigkeit deS Aberglaubens wird gleichfalls zur Besinnung führen und dem wahren Glauben zu gute kommen. Nebenbei ist es erfreulich wahrzunehmen, wie trostlos sich das Treiben derer widerspricht und selbst vernichtet, die vom Glauben abgefallen sind. DaS Tischrücken ist in dieser Beziehung die solennste Protestation gegen die vor Kurzem noch auf allen Universitäten prädvminirende Hegel'sche Philosophie, denn man gibt auf den eigenen Verstand deS Menschen gar nichts mehr und holt sich Raths beim jetzt auf einmal allein weise gewordenen Holze. Der hochgepriesene Menschengeist, in dem Gott allein eristiren und sich selber zum Bewußtseyn kommen sollte, ist abgeschätzt und muß sich beugen vor dem Holze. Das erste beste Tischlein weiß jetzt mehr als alle Professoren der Philosophie zusammengenommen und Tausende würden jetzt lieber bei dem hölzernen Katheder Hegels fragen als bei ihm selber. Darin liegt eine tiefe Beschämung für alle Hofsänigen im Geiste. Der neue Aberglaube abcr kann, sofern er von vornherein alle Menschenweisheit aufgibt und nur der Sehnsucht nach einer Offenbarung von außenher folgt, wenn man nur erst der groben Täuschung und Verirning in Bezug aus sein Ziel inne wird, zum wahren Glauben zurückführen. Die Naivität, die an den Dämon im Holze glaubt, ist nicht so sündhaft, wie es die Selbstvergötterung der Hegelinge gewesen ist. Es ist nur Adams, nicht LuciserS Sünde. Sie will nur naschen, nicht Gott gleich seyn. Sie erkennt wenigstens an, daß eS außer dem Menschen etwas gibt, waS mächtiger und einsichtsvoller ist, als er selber, und wenn der Teufel diese Abergläubigen erst recht geäfft und in Angst gejagt haben wird, werden sie sich leichter zum wahren Glauben wenden, und wie MoseS sein Volk vor den Schlangen rettete durch die eherne Schlange, so werden sie von den dämonischen Tischen fliehen zum Holze des heiligen Kreuzes. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, Verlags-Inhaber: F. E. Krcmer.