Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostMnng. 23. April M^- L7. 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsvrei« kr., wofür es durch alle Zöui'gl. bauer. Postämter und alle Buchhandlungen bezog«« werden kann. Der Dialog des Dotto und Jgnorante in römischen Kirchen. *) Unter den mannigfachen sinnreichen Mitteln, welche die katholische Kirche als gute Mutter anwendet, ihren Kindern ihre Lehren auf faßliche und eindringliche Weise beizubringen, ist eins der merkwürdigste» der Dialog des Dotto nnd Jgnorante. So nennt man freie Gespräche, die von Zeit zu Zeit in römischen Kirchen zur Belehrung der Gläubigen von zwei Geistlichen gehalten werden. Der eine stellt das in irdischen Neigungen und Ansichten befangene Weltkind vor, und wird von dem andern, der wie sein Seelsorger auftritt, ermahnt und zurechtgewiesen. Jener, der Jgnorante, spricht über die kirchlichen Dinge wie ein Mann auS den untern Ständen, mit hausbackenem Humor, ja mit einem ziemlich starken Anfing von Buffonerie; selbst im Dialect nähert er sich der Sprache der niedern Classen, und seine Reden bringen durch Inhalt, Fassung uud Vortrag meistens große Heiterkeit bei den Hörern hervor. Er ist nicht in Opposition gegen die Kirche, aber er hängt an welilichen Interessen, er möchte sich gern so billig abfinden wie möglich. Der Dotto belehrt ihn mit großer Gelassenheit, läßt sich sogar wohl herab, auf seine Scherze einzugehen, und überzeugt ihn natürlich zuletzt von der Hcilsamkeit seiner Vorschriften. Die Zuhörer folgen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, sie hören ihre eignen Ansichten vortragen und zwar in derselben Weise, wie sie sie selbst auSsprechen würden: die Argumente, die dagegen vorgebracht werden, sind völlig auf ihre Denkweise, auf ihren Bildungsgrad berechnet. Der erste Dialog, dcu ich hörte, fand am zweiten Sonntag des Carneval, in St. Maria della consolazione, einer kleinen, abgelegenen Kirche zwischen Palatin und Tiber statt. Das Auditorium gehörte fast ganz den untern nnd untersten Ständen an, zu Dreivierteln bestand es aus Frauen. Die beiden Geistlichen bestiegen ein Gerüst, worauf ein Crucifix errichtet war, und nahmen nach einem auf den Knieen verrichteten Gebet auf zwei hölzernen Feldstühlen Platz. Der Jgnorante war ein Sechziger mit einem behaglichen, heitern, etwas gerötheten Gesicht und weißem Haar, der Dotto ein junger Mann mit seinen, klugen Zügen und freundlichem Benehmen. D. Ich fürchtete, Ihr würdet den Sonntag im Carneval lieber draußen verbringen. Ich freue mich, daß Ihr nach unserer Verabredung gekommen seyd. Laßt uns einmal über die Art sprechen, den Sonntag würdig zu begehen. I. Nun, man muß nicht arbeiten D. Aber man mnß ihn auch durch heilige Werke feiern, und vor allem hat die Kirche das Hören der Messe vorgeschrieben. Wie haltet Ihr eS damit? Hort Ihr sie immer? Hört Ihr sie ganz? Hört Ihr sie gut? I. Ouunw rvlm! Volete «»pvre tutti i mivi lutti? sGeläch er). Ob ich sie immer höre? Nun, Aus den Gränzboten. 130 wenn ich kann, höre ich si«, wo nicht, nicht. D. Wie ist eS möglich, daß Ihr jemals nicht könnt? Da Ihr nicht arbeitet, habt Ihr doch keine Abhaltung. I. Aber ich gehe dann Sonntags auf die Jagd, und so versäume ich die Messe. D. Ihr versäumt daS Nothwendige über dem Unnützen. Gott befiehlt, die Messe zu hören, wo besieht er aber, auf die Jagd zu gehen? I. Man sagt doch, daß ein zu hart gespannter Bogen bricht. Und dann jagt man auch nur bei schönem Wetter. Ist eS schlecht, so macht man Geschäftsgänge, man hat hie und da Geld einzutreiben, geht nach Maria de Monti, dann nach Trastevere — unterdessen geht die Zeit hin, der Schuß fällt vom Castell und eS ist Mittag. D. Welches Interesse ist in Euern Augen daS erste, czuello ciel Lsjoeeo o «zuello clell' sm'ma? I. Ln sreäl^o). D. Ich will es thun, aber Ihr müßt Euch nicht allein auf fremdes Gebet verlassen. Hutati e 6io ti sjuters. Der Dialog, der am nächsten Sonntag von denselben Geistlichen in der Jesuitenkirche St. Jgnacio gehalten wurde, hatte die Beobachtung der Fastengesetze zum Gegenstande. DaS hierüber erlassene Edict ist überall an den Straßenecken angeschlagen. ES beginnt mit der Aufzählung der zahlreichen und schweren Züchtigungen, die Gott gegenwärtig über die Christenheit verhängt habe, nämlich ein drohender Krieg, große Theuerung, Befürchtungen für ansteckende Krankheit, und die fortwährenden Attentate der Feinde der Ordnung auf die Sicherheit der Zustände. Alles dieses sind Folgen unserer Sünden, durch welche Gott uns in seiner Gnade zur Buße auffordert. Zu dieser eignet sich die Fastenzeit ganz besonders. Da eS aber Gott hauptsächlich auf deu guten Willen ankommt, hat der heilige Vater in seiner Milde die Gesetze für die Fasten sehr ermäßigt. Strenge Fasttage sind eigentlich nur sechs während der ganzen Fastenzeit, an allen übrigen Tagen sind Fleischspeisen erlaubt, mit verschiedenen einzelnen Beschränkungen. D. Jedes Ding hat seine Zeit, sagt die heilige Schrift. Zwar ist für den guten Christen daS ganze Jahr eine Zeit der Buße, doch vorzüglich die Fastenzeit. Haltet Ihr denn auch die Vorschriften über das Fasten? I. Ich gestehe Euch, daß eS nicht gut zu meinen Gewohnheiten paßt. Ich habe einen sehr guten Appetit. D. Ihr müßt Eure Gewohnheiten bezwingen, um die Gebote der Kirche zu befolgen. I. Glaubt Ihr denn wohl, daß alle diese Leute hier fasten? D. Ein Theil ja, ein anderer nicht; aber diese werden ohne Zweifel genügende Gründe haben. I. Die hab' ich auch. D. Nun welche denn? I. Ich habe Hunger. (Gelächter.) D. DaS ist kein 132 Grund. Etwas Anderes wäre eS, wenn Ihr dem Hungertode nahe wäret. I. Aber es ist meiner Ncitur zuwider, die Fastenspeisen geben mir nicht genug Nahrung, ich komme dabei von Kräften. D. Wenn jemand ein Handwerk treibt, das große Kraft- austrengung erfordert, z. B. Zimmermann, Maurer oder Feldarbeiter ist, dann kann er sich Abweichungen von den Vorschriften gestatten; sonst aber nicht. I. Aber ich kaun es nicht aushalten, nur eine Mahlzeit am Tage zu nehmen. Wie kann man denn so lange nüchtern bleiben? D. Es wird ja nicht von Euch verlangt, daß Ihr völlig nüchiern bleibt. Ihr konnt des Morgens, zu der Zeit, wenn Ihr sonst zu frühstücken pflegt, eine Kleinigkeit zu Euch nehmen. Dann könnt Ihr ja Eure Abendmahlzeit auf den Mittag verlegen, und die Hauptmahlzeit (pi-iinxo) Abends halten. I Also Ihr wollt auch, daß wir nach der französischen Mode leben sollen? D. Wenn Ihr eö für Euch so zuträglicher findet. I. Also des Morgens kann ich meinen Caffee mit Milch nnd ein Brod (paguotta) dazu nehmen? D. Bewahre! Milchspeisen, so wie Fleisch, sind nur bei der Hauptmahlzeit erlaubt; also müßt Ihr den Caffee des Morgens ohue Milch trinken. I. Caffee allein, das gibt keine Nahrung, eS befördert nur die Verdauung. D. Es wird Euch nicht schaden. I. Und was soll ich machen, wenn mir der Kclluer des Morgens wie gewöhnlich meinen Caffee mit Milch bringt? D. Hab! Ihr denn keinen Mund, um zu sagen, was Ihr haben wollt? I. Wenn er eS mir aber schon bringt, während ich es sage? D. Gebt es nur zurück, und befehlt von neuem, und Ihr werdet vortrefflich bedient werden. I. Doch mir fällt ein, daß ich schon über daS Alter hinaus bin, in dem man zur Beobachtung der Vorschriften verpflichtet ist. D. Wenn das ist, so ist es etwas Anderes. Jl,r wißt das gesetzmäßige Alter nicht — I. Von fünfundzwanzig Jahren. — D. Macht nicht vier Jahre zu viel. Von einundzwanzig bis sechzig. I. Nun, einige Jahre mehr oder weniger werden nichts ausmachen. D. Ihr seyd also noch nicht sechzig? I. O, eS fehlt wenig, es sind nur Brüche. D. Aber die Ausnahme ist nur für solche Greise gemacht, die sich schwach fühlen. Ihr scheint ganz wohl und kräftig zu seyn. I. Es ist nicht schlimm. D. Wäret Ihr aber lrank, so müßtet Ihr eine Bescheinigung vom Arzt haben, diese müßte dann der Pfarrer unterschreiben, und dann einer von den Deputaten, die auf dein Edict genannt smd, Ihr wißt doch! I.. Ich lese die Edicte niemals. D. Nun, dazu schlägt man sie doch an. I. Wie viel Umstände! Und die Bescheinigung mnß man auch wohl gar noch bezahlen? D. Nein, sie dürfen nichts annehmen. I. Aber wenn man die hat, darf man dann auch alles essen, Fleisch und Fische zusammen in einer Mahlzeit? D. O nein! Das Fleisch ist genug, um Euch Nahrung zu geben, und eS wird Euch nur erlaubt, was für Eure Gesundheit erforderlich ist, aber keine Leckereien. I. Was für ein sonderbares Gesetz. Man dars also in den Fasten nicht einmal mit der Licenz, was man in gewöhnlicher Zeit ohne Licenz darf. Das ist eine vsntä! Und die Kirche nennt sich unsere Mutter? (He bell» mgllre! D. Wenn eine gute Mutter ihren Sohn von einer Speise zurückhält, die der Arzt verboten hat, czussta non 136 Endlich, ist Maria nicht für Alle der Erbtheil des Himmels, die Arche des Bundes, der MeereSstcrn, die Zuflucht der Sünder, die Trösterin der Betrübten? Tief durchdrungen von den Gefühlen des Vertrauens, die alle christlichen Jahrhunderte mit so viel Recht für die Mutter Gottes gehegt, hat der Kaiser im Hinblick auf die Ereignisse, die die Zukunft noch in ihrem Schooße birgt, die sich aber ahnen lassen, dem Geschwader dieses geweihte Bild geschickt. Indem er euch dieses geheiligte Geschenk übergibt, richtet er die Worte an ench, die Constantin der Große in den Himmeln las: in uoc 8igno vinees, in diesem Zeichen werdet ihr siegen, ihr, die ihr für die Gerechtigkeit kämpft: Das Bildniß Mariens sey für euch ein neucö Labarum, ein undurchdringlicher Schild, eine Standarte des Sieges. Tapfere Mariner, erfasset den Gedanken unseres Kaisers; stellet euren Muth, eure militärischen Kenntnisse unter den Schutz derjenigen, die stark ist wie eine zur Schlacht gerüstete Armee, und Frankreich, unftr schönes Vaterlanv, wird sich einst der Thaten rühmen, die ihr vollbracht. Dieses heilige Bildniß nehme ans der „Stadt Paris" für gewöhnlich seinen Platz bei den Kraulen ein, die daraus Kraft und Trost schöpfen werden, und Sonntags wird es den Opferaltar zieren, um den ihr euch, Soldaten der „Stadt Paris" nach dem Beispiel eures edlen Chef zu versammeln beeifern werdet, eure Herzen zu den Füßen Jesn Christi auszuschütten und Schutz und Hilfe von Marien zu erflehen. Ich weiß euch cm Gebirge Und einen blauen See, Am Fuß der Berge Blumen, Auf ihrem Scheitel Schnce. Pofsenhvsen und München. I. Auf meiner Wcmd'rung kam Ich Zu einem schönen Schloß, Das heißet Possen Höfen, Ist Herzog Mcircns Schloß. Und an des Sce's Ufern Manch schmuckes Dörflcin ruht, Und manches Schloß auch spiegelt Sich in des Sce's Fluth, Bin still vergnügt gewandert Den ganzen See entlang. Vom Morgen bis zum Abend, Nicht müd' macht' mich der Gang, Ich weiß in Münchens Mitte Ein Kirchlcin still und klein. Viel fromme Beter wallen Den ganzen Tag hinein. Ein Bild der Mutter Gottes, Das machet wohl bekannt Das Herzogspitaltirchlein, Im ganzen Baycrlanc, Ich laun's ench nicht beschreiben, Wie's in dem Kirchlein gnt, So heimisch und so wonnig Dem Beter wird zu Muth. Drauß geht die Welt mit Lärmen, Drin "ist's so andachtöstill, Drauß quält man sich mit Sorgen, Drin spricht man: „Wie Gott will" l!. Das Herz mir freudig pochte, Wie ich das Schloß geschaut, Denn wißt, hier stand die Wiege Der holden Kaiserbraut. Denn wißt, hier hat Franz Joseph Bei seiner Braut geweilt, Hier sind ihm frohe Tage Minuten kurz enteilt. Drin' hab' ich oft geknieet, Wenn drauß man mich gekränkt, « Und hab' mit Himmelsthaue Mein wundes Herz getränkt, D'rin steht die Mutter Gottes In ihrem Schmerzcnsbild, Ein Trost in unserm Kummer, Im Leiden unser Schild. Anch heut ging ich zum Kirchlein, Wen hab' ich da geschaut? In tiefster Anoacht knicend — Die fromme Kaiserbraut. Ja, vor dem Gnadenbildc, Da lag sie im Gebet, Sie hat wohl für Franz Joseph Maria angefleht. Frz. Lav. Schumacher. Verantwortlicher Redacteur: L Schönchen Verlags-Inhaber: F. E. Kremer,