Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 6. August H'- S2. 1854. DteseS Blatt erscheint regelmäßig alle Bonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« 40 lr„ wofür e« durch alle komgl. bayer. Poitämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Mariahilf bei Passau. Sey mir gegrüßt, du Kirchlein, Im gold'nen Abendschein, Mit deinen zarten Thürmlein, Hoch in die stifte rein! Hold wie ein trautes Täubchen In letzter Abendgluth Schaust du ins Thal hernieder, Wann d' Vcsperhvmne ruht! Dann gehen bunte Sternlein Bei dir auf treue Wacht; Sie schon'» so treulich nieder Auf dich in stiller Nacht, Und vieler Cng'lcin Schaareu Zu goldenem Gewand, Die steigen dann hernieder, Die Harfen in der Hand. Und singen vor dem Bilde Gar lieblich und gar schön Dem Kinde und der Mutter Mit Harf' und Saitentön'. Schon sproßt der Morgen Blumen, Die Stcrnlein ziehen ab, Der Engel Harf' verstummen, Die Nacht legt sich zu Grab. Da tönt das Glöcklein nieder Ins Thal gar hell und rein, Das klingt so voll und freudig Bis in das Herz hinein! „Dieß sind die Harsentöne, Der heil'ge Morgengruß, Den dir die Eng'lein bringen Als ihren Abschiedsluß! ^!aß diesen Gruß erllingen In deiner Seele fort, Dann hörst du auch ihr Singen Am Himmclsthrone dort." 26. Juni l854. ii — Zur Geschichte der Benedictiner-Abtei Metten in Niederbayern.*) I. Wenn der Reisende ans Flügeln der Dampfkraft von Regensbnrg die Donau hinabführt, nnd ihm die hohen Thürme des allen HerzogssiyeS Slrauliing in der Ferne verschwinden, des Bogenberges wunderherrliche Wallfahrtskirche sich in bläulichem *) Beibl. z. LandSh. Ztg. 2S0 Duste seinen Augen entzieht und daS Schiff an dem so freundlich auf den Strom hereinschauenden Schlosse Offenderg vorbeigefahren ist, — da gewahrt plötzlich sein überraschtes Auge am linken Ufer im Hintergründe einer anmuthigen, durch die beiderseits eine Viertelstunde vom Strome zurücktretenden Vorberge des bayerischen Waldgebirges umfaßten Bucht ein ausgedehntes stattliches Gebäude. Wie aus umhüllendem Blättcrgrün ein verschämtes Maiblümchen, so blickt es lieblich und reizend ans einem Walde schaltender Obstbäume hervor, und die große Kirche mit den zwei kuppelbedeckten Thürmen sagt dem Fremde», daß hinter jenen Mauern fromme, freiwillig von der Welt und ihren Genüssen und Bestrebungen loSgesahte Männer nach der Regel dcS Heiligen von Nursia mir Gebet und Nachtwachen und uneigennützigem Wirken zum Heile der Menschen dem Herrn dienen. Es ist das Benedictinerstifr Metten, welches den Fremden durch seine herrliche Lage am Saume der Waldberge, durch eine Umgebung von seltener Schönheit und durch seine großen, wellberühmten Anstalten für Jugenderziehung unwiderstehlich zum Besuche reizt. Man sieht eS ja diesem Kloster schon von Außen an: eS ist eine Stätte des GlückcS, des Friedens uud der Ruhe, und den Reisenden befällt eine gewisse ahnungsvolle Sehnsucht, eS zu besuche», indem er auch für sich ein paar Stündchen voll Segen und Freude und Trost sich verspricht, und wenn er irgend Sinn hat für die Schönheiten der Natur und der Kunst, für menschenbeglückenve, Segeu verbreitende Anstalten und schöne historische Erinnerungen, so wird er eS gewiß nicht unterlassen, bei der schönen, reizend gelegenen, wohlhabenden, gewcrbsamen Stavt Deggenoorf das Schiff zu verlassen, an lieblichen Anlagen vorbei eine Stunde dem Strome entgegen zu gehen und da die gastliche Klosterschwelle zu überschreiten, hinter welcher die guien Vater ihn mit zuvorkommender Herzlichkeit wie einen alten Freund aufnehmen werden. Ich will hier daS Kloster, seine Lage, seine Einrichtungen und Anstalten nicht beschreiben; der Zweck dieser Zeilen ist nur, einen flüchtigen Blick auf die Geschichte, die Schicksale uud Verdienste dieses gottgeweihien HauseS zu werfen, wobei ich für meine Unlunde um Verzeihung, für meine Mangclhafligkcit um gütige Nachsicht bitte und mich glücklich schätze, wenn ich nur Einem eine vergnügte Stunde gewähre, doch wenigstens Einem einigermaßen entspreche. Der Name deö Klosters, Metten, oder wie es in den allen Urkunden heißt, Melena, Medena, Mebema, Metim, Medm, Medcmum, Melumum, Metcmon, Metmen kommt nach der Menumg des gelehrten Obernltachers Dr, Hcrrmann Scholliner (in der Vorrede der Uonumenw Netensi» in den lVIon. Loio. 1'om. XI. p. 343) von dem perlenrcichen Bache gleichen Namens, der auf den waldigen Bergen, die das Kloster auf der Nord- und Ostseite umgeben, entspringt, durch die Ecwen deS Klosters läuft unv eine Viertelstunde von demselben sich in die Donau ergießt. Mir scheint diese Meinung, welche auch die des Joh. Avenlin <>rm. Kos. I.. IV. p, 294) ist, die annehmbarste, obwohl Andere glauben, daß erst das K>oster dem Bache den Namen gegeben, und wieder andere verschiedene, wohl mehr scherzhafte, als ernstlich gemeinte Ableitungen, wie z. B. von dem griechischen Worte /«xAovol« (Gemeinschaft) anführen. Waß nun weiter den Stifter und die Zeit der Gründung anbelangt, so ist eS nach dem Zeugnisse der lebendigen Volkssage, der ältesten bayerischen Geschicktschreiber und der Klosterurkuuden gewiß, daß Kaiser Carl der Große das Kloster zur Ehre des heiligen Erzengels Michael (Mori. Loie. XI. p. 420. Huncl, Uelrop. Sslisbur^. lom. II. p. 502) erbaut und den seligen Utto als ersten Abt demselben vorgesetzt habe. Als erstes Zeugniß dessen sühre ich an, daß bis auf den heutigen Tag der heilige Kaiser als Stifter im Kloster besonders verehrt und sein Gedächtnißrag alljährlich am 28. Januar feierlich begangen wird. Die besonderen Umstände der Stiftung und das Leben der bei derselben betheiligten Personen schildert am besten uud ausführlichsten der alte Johann Adlzreiter von TetenweiS. <>nri. öoiese Zentis. ?art. I. luli. XVIII. p. 196—198 der Frankfurter Ausgabe von 1710); das Leben des seligen Gamelberr und alle Vorgänge der Gründung sind dort so schön beschrieben, daß ich nicht umhin LSI kann, mich seiner Worte hier getreu zu bedienen, zumal die spätern Erzähler dieser Begebenheiten sich ganz an Adlzreiter halten. Derselbe erzählt am angeführten Orte: „In diese Zeit (ungefähr in die Jahre 760—780) fällt das Leben dcS frommen Gamelbert, welches Wolfgang Seiender, Abt vom Kloster St. WenzeölanS zu Branuau in Böhmen, nach einer alten Handschrift des KlvsterS St. Emeram in RegenSburg beschrieben hat. Gamelbert war zu MichclSbuch in Bayern von vornehmen, reichen und frommen Eltern geboren. Als derselbe in der Schule die Ansan^Sgründe der Wissenschaften erlernte, bestrebte er sich so sehr eines heiligen Lebenswandeis, daß er sorgfällig die Spielereien seiner Altersgenossen vermied. Er besaß die besten Anlagen, einen feurigen Geist, ein edlcS Gemüth, welches nur zu Großem geschaffen zu seyn fchien. Kaum war der junge Gamelbert den Knabenjahrcn einwachsen, als ihn sein Vater schon dem damals bei dem Adel allein beliebten Kriegerstanste widmete, in der Meinung, er babe einen Sohn, der in seiner Ahnen Fußstapfen nach Reichthümern und Ehren trachte. Aber diese Laufbahn entsprach dem sausten Geiste des Knaben so wenig, daß er nicht einmal an den hölzernen Schwcrtchen und dem übrigen kriegerischen Spielzeuge seiner Jugendgefährten Gefallen fand. Der Vater sah mit Unwillen deö SohneS unkriegerischen Sinn, und übertrug ihm die Hut der Hecrde. Der Knabe ergriff dieses Geschäft mit Liebe, weil es ihm Gelegenheit gab, ferne von den häuslichen Unruhen recht ungestört seinem Gotte zu leben. Als er einst mit seiner Heerve auf dem Felde war, geschah eS, daß er einschlief und beim Erwachen auf seiner Brust ein unzweifelhaft von Engelshand hingelegtes Buch fand, ein sicheres Zeichen deS göttlichen Willens, daß er nicht zum Viehhüten, sondern zur Gesellschaft der weisen Männerberufen sey. Ais er von seinem Vater die Erlaubniß erhalten hatte, verlegte er sich auf die Erlernung der Wissenschaften, vorzüglich derjenigen, welche den Geist zu Erkenntniß der himmlischen Dinge fähig machen. Er machte in kurzer Zeit große Fortschritte in der Tugend, lernte die Zunge bezähmen, den eigenen Leib durch Ab- tödtung züchtigen, die Reinheit der Seele in Ehren halten, die Unschuld gegen die Nachstellungen schamloser Weibsbilder bewahren, so daß er die Blüthe der Jungfräulichkeit, von keiner Versuchung vcrsehrt, bis zum letzten Leben«?hauche erhielt. Er erhielt die heiligen Weihen des PriestcrthumS, verlor bald darauf seinen Vater und erhielt bei der Theilung des ErbeS seinen Geburtsort sammt der Kirche, in welcher er nun mit der größten Liebe gegen die Untergebenen allen Pflichten eincS eifrigen Seelsorgers ans das gewisstnhasteste oblag. Von dem Empfange der christlichen Weiden an enthielt er sich mehr als fünfzig Jahre lang von allen Fleischspeisen und vertheilte alle Einkünfte seines reichen ErbeS unter die Armen. Er war von einer so großen Liebe gegen alle, selbst die unvernünftigen Geschöpfe, erfüllt, daß er eingerastete Vögel loSkanfle und ihnen die Freiheit schenkte. Bei unfreundlicher Witterung schick e er seine Leute nie hinanS zur Arbeit, und wenn einer erkrankte, ließ er ihm alle mögliche Sorgfalt angedeihen Als er so bereits siebzig Jahre all war, pilgerte er nach Rom und kam auf der Rückreise an der Gränze von Italien in ein Dorf, dessen Priester eben abwestno war. Als er sich dort ein wenig erholte, brachte man ihm ein eben geborenes Kind zur Taufe; er taufte dasselbe, gab ihm den Namen Utto und ermähnte die Eltern, den Knaben sorgfältig im Christenchume zn erziehen. „Der Knabe, so >ügte er bei, wird einstens mein Sohn und Erbe seyn; schicket ihn also, wenn es einmal sein Alter zuläßt, zu mir, uud damit ihr meinen Aufenthalt nicht vergesset, schreibe ich Euch Ort und Gegend genau auf." Wieder in der Heimal angekommen, verließ er, um für eine kleine Neugierde, die ihn etwa auf seiner Reise befiel, abzubüßen, sein großes und schönes väterliches HauS, bezog eine elende Hütte nahe bei der Kirche, steckte vier Kreuze nach den vier Weltgcgeudcn iu die Erde und überschritt diesen Kreis nie mehr, als einmal, da er schon zum bluligen Kampfe rüstende Feinde trennte und nicht eher entließ, als da sie ihre Freundschaft erneuerten. Bei seinen Untergebenen duldete er keine Uneinigkeiten, und wenn sie auf sein Zureden ihre Zwiste nicht aufgeben wollten, so schenkte "er ihnen die Freiheit mit dem Befehle, das Land zu bebauen, indem er es für gerathener hielt, ohne Diener zu seyn, als 252 solche zu haben, die der Sünde dienten. Als er bereits im hohen Greisenalter stand und seine Leute um einen Nachfolger besorgt waren, vertröstete er sie auf die Ankunft des Utto, die auch wirklich bald erfolgte. Bald darauf starb der selige Gamelbert, mit allen heiligen Sterbsacramenten versehen, am 17. Januar und Utto folgte ihm nach erhaltener Priestcrweihe im Amte nach. Weil jedoch einige der heidnischen Gottlosigkeit zu sehr ergeben (vum c>uc,runclam snimis sltius »clnaererent. likrss pagans«; impietatis) waren *), als daß sie dem Dienste der falschen Götzen entsagt hallen (quam ut a clgemonum cultu clesciscerent), so legte Utto, nicht so fast auS Uebervruß an der Arbeit, als vielmehr aus Liebe zur Einsamkeit und zum beschaulichen Leben, die Bürde der Seclsorge nieder, setzte über die Donan und baute sich eine Biertelstunde von Metten in dichtem Urwald eine kleine, ärmliche Hütte. Hier lebte er, von Niemanden gekannt, bis einstens der Kaiser Carl der Große in der Gegend ja^te und dabei auf den frommen Einsiedler stieß. Als Utto den Kaiser und sein Gefolge erblickte, legte er das Beil, mit welchem er den Wald lichtete, weg, und Carl sah mit Erstaunen, wie dasselbe von einem Sonnenstrahl in der Höhe erhallen wurde. Carl erkannte sogleich in diesem Wunder ein Zeugniß, welches Gott von der Heiligkeit seines Dieners Utto ablegte, und er sagte daher zu demselben, er möchte sich von ihm eine Guade, welche er nur immer wolle, auSbitten. Utto warf sich bei diesen kaiserlichen Worten auf die Erde und flehte um die Erlaubniß, in dieser Gegend ein Mönchskloster mit einer dem Erzengel Michael geweihten Kirche zu erbauen, und er erhielt von dem frommen Kaiser nicht bloß Grund und Boden, sondern auch das zur Stiftung nöthige Geld So entstand eine Stunde von Deggendorf daS Kloster Metten, welches bald zu jener Höhe des Besitzes und der Tugendhaftigkeit heranwuchs, in der man eS heute (d, h. vor zweihundert Jahren) sieht." Diese Erzählung Adlzreilers ist die ausführlichste, die irgend ein Geschichtschreiber von den seligen Männern Gamelbert und Utto und von der Gründung deS Klosters Metten gibt, und sie ist zugleich diejenige, mit der alle andern Geschichtschreiber ganz übereinstimmen. Der Jesuit Brunuer <>nngl, Loio. <Ärt. II. p. 20 Ir-mcos. 1710) stimmt mit jener Erzählung fast wörtlich, Joh, Aventin Onnsl, Kosorum. I., IV. e. 4. p. 294), WiglileauS Hund (Uetrop. SalisburZ, ?om, II. p. 501), Caspar BruschiuS (Uonasteriol, tüentur, II. 1692 p. 20) und Anvere stimmen dem Inhalte nach genau mit derselben überein. Auch daö Bolk in der Gegen» von Metten hat die Ueberlieferung von dem Siedler am Utlosbrnnnen, von der Jagd deS großen Frankenfürsten, von dem Wunder mit dem Beile und alle diese Umstände der Slif- .tung treu bewahrt bis auf den heutigen Tag, und Dr. A. Schöppner hat die Erzäh- lniig in sein .,Sagcnbuch der bayr. Land^" (B. I. S. 29) aufgenommen. Metten ist also, wie auS der urallen Volksüberlieferung, auS den ältesten Urkunden deS SlifteS und auS den übereinstimmenden Nachrichten der Geschichtschreiber gewiß ist, eine Stiftung Carls deS Großen und Heiligen, es ist das einzige Kloster, welches dieser Kaiser in Bayern gegründet hat, und ich glaube diesen ersten Artikel nicht besser schließen zu können, als indem ich den Lesern eine curivse Schilderung des großen Stifters dieses Klosters auS einer Mellcner Handschrist vom löten Jahrhundert (sie führt den Titel „Passional der Heiligen" und ist enthalten in deS gelehrten Mettener Conventualcn Pater Gregor Geyer profnnder „Abhandlung über ein seltenes Siegel Ludwigs deS Deutschen" in den „Abhandl. d. ch.-b. Akad. d. Wissensch." VII. Bd. 1772. S. 326) mittheile, welche also lautet: „Kaiser Charlan was (d. h. war) eines herrlichen LeivS, was seiner Schucch acht langt, die allcrlengst waren, und het groß Arm und Pain, und was stark und het ein Antliz, des wag andcrthalben Spang langk, und het ain Part, deS was ain SchnechS langk, und helt ain Nasen, die waS eines h.ilben SchuechS langk, und sein *) Dieser für Bayerns älteste Cultur- und Kirchcngeschichte so hochwichtige Umstand, dieses Vorkommen heidnischen GräuelS in Bayern gegen das Ende des achten Jahrhunderts, scheint bisher nie recht beachtet worden zu seyn. 283 Testiern was ain praiiter, und seine Augen schienen Im als der Charfunkelstain, und seine Prä waren ihm ein halber span langk, und sein Gürtel waS acht span langk, damit er sich girt, und er was also stark, daß Er ein gewappneten man auf einem Pfert mit seinem Schwert eines StraichS mit Pfcrt und all von dem Haupt von einander spielt pys durch und durch, und vier Eisen, die zerzert Er gar leicht, und hawh (hob) einen gewappentcn Ritter von der Erd bauf byS über sein Haupt." Die Einführung des Ordens der barmherzigen Schwestern i» das Krankenhaus zu Bamberg» DaS Bamberger Volköblatt berichtet hierüber unter andern«: Denke geliebter Leser, in Muten des Krankenhauses eine kleine HauScapelle, geschmückt mir Kränzen, welche Pietät und Dankbarkeit in feinem Sinne den Gründern und Wohlthätern der Anstalt gewunden; am Altare steht ein ehrwürdiger Greis mit Silberhaaren, der hochwürdigste Herr Erzbischof von Bamberg, dessen Namen in tausendfachen Dank- gebcten täglich zum Himmel steigt; er liest die heilige Messe; auf den Knieen liegen um ihn die frommen Ordensschwestern nnd flehen zu Gott um Gnade in ihr.,» neuen Unternehmen. Lautlose Stille herrscht, nur das Gebet des Priesters verherrlicht diese Srille, die auf einmal ein dreifacher Frauenchor durch,iltert. Einfache Melovieen, gefühlt und geglaubt, gebetet und gesungen zugleich, sind sie überirdischen Tönen gleich, die uns in süße Träumereien versetzen. Da steigen sie nun auf die Erinnerungen an die alte Romantik voll Liebe und Glauben, voll Herzseligkeit, Gottvertraucn und Hoffnungssternen. Sie nehmen die heilige Communion die frommen Schwestern und die hohe Hanv des Nachfolgers der Apostel sie spendet selbst das LebenSbrod. ES naht der Segen. Mit ausgestreckter Hand, mit Kraft und Nachdruck, voll feierlichen Ernstes und goitgeweihten Sinnes spricht ihn an derselben Stelle der greise Kirchenfürst, wo ihn sein glkichbeseelter Vorfahre einst gesprochen. „Der Segen des Himmels komme über alle Kranke und Nothlcivende dieses HauseS! Der Herr segne Alle, welche die Aufsicht über dieses HauS und dessen HanShalt führen! Der Herr segne diese hier gegenwärtigen Schwestern der Barmherzigkeit und der Liebe! Wir gedenken zugleich, schloß der hochwürdigste Erzbischof, deS fürstlichen Stifters dieses HauseS, dessen Andenken bei uns immer erhalten bleiben soll, wie in den spätern Generationen." ES war eine ergreifende Scene. Thränen der Rührung, der wonelosen Seele, deS stummen Gebetes, sie rannen heiß über die Wange und einten sich mit den Segensworten deS edlen Dieners Gotics zur hehren Andacht. Nicht minder feierlich, rührend und ergreifend war die Uebergabe der Anstalt zur Wart und Pflege an die Ordensschwestern selbst und bot vielfache ErhebunqS- momente. Der Herr Erzbischof wohnte stehend dem panzen Acte bei. Als eine glückliche Borbedeutung wnrde eS von einem Redner mit Recht bezeichnet, daß der hochwürdigste Herr Erzbischof den hochwichtigen Tag eröffnet und durch seinen Segen eine höhere Weihe verliehen, wofür Namens der Stadt, NamenS der leidenden Menschheit, zu deren Krankenlager daS Echo der Segensworte wie ein lindernder Baisam hin- schweble, und NamenS der barmherzigen Schwestern selbst gedankt wurde. Die Worte deS heiligen Bincenz ?on Paul: „Die Pflege der Armen sey Euer Gebet!" welche er als Stisler an den Orden der barmherzigen Schwestern gerichtet, fanden einen längern Commentar durch den Spitalarzt, der tiefergriffen in wahrhast erschütterter Rede sprach. Bon ergreifender Wirkung waren die ungekünstelten, herzlichen und einfachen Worte, welche der hochwürdige OrdenSsuperior an die Schwestern richtete: „ES ist ein Zieltag heute," sprach er, „ein wichtiger Tag sür die dienende Classe, zu der ihr auch gehört, meine Schwestern! Ihr seyd Mägde, arme Mägde der Armen, arm seyv ihr gekommen, arm werdet ihr bleiben, euer Lohn sey oben!" „Wir danken", wendete sich derselbe an die Versammlung, „wir danken aber nicht mit Worten, sondern mit Werken, 254 und wir hoffen dieß zu können. Die christliche Nächstenliebe in ihrem weitesten Umfange, sie ist unser Feld; Waisen- und Pfründneranst.ilten, Rettuugs- und Armenhäuser und die Spitäler sie sind unsere Herberge; wo Elend und Jammer, Noth und Unglück, da ist unsere Heimat, so lautet unsere Bestimmung." Schließlich erwähnen wir noch der Anerkennung und des DankeS, den der Spitalarzt zweien seiner Wärterinnen zollte, welche er dem Orden zur Beibehaltung vorführte und der Gegenwart des protestantischen Herrn Stadtpfarrers Dccan Bauer, welcher die barmherzigen Schwestern begrüßte und ihnen seine Glaubensgenossen herzlichst empfahl. Die Frau Oberin entgegnete hierauf den freundlichen Worten mit Hinblick auf die Statuten ihres Ordens, wonach allen Kranken ohne Unterschied des Glaubens gleiche Pflege gespendet werden müsse, und versicherte, daß Friedfertigkeit, Toleranz und Verträglichkeit mit ihrer Dankbarkeit gewiß Hand in Hand gehen werde. Es ist bedauerlich, daß Herr Decan Bauer sich abhalten ließ, auch einige Worte, wie er beabsichtigte, zur Feier des Tagei zu sprechen. Dieselben wären gewiß mit großer Freude und Anerkennung aufgenommen worden und hätten noch mehr beigetragen, nach allen Seiten hin daS erhabene Fest als ein Fest deS Friedens, der Nächstenliebe und der Versöhnung zu charakttrisiren, welche nunmehr mit GotteS Hilfe und nach dem Willen deS großen Fürstbischofs Franz Ludwig von Erthal ihre bleibende Wohnstätte in unserer herrlichen und hochberühmten Anstalt aufgeschlagen haben werden. Priesterrache. An der Thüre einer Kirche in Paris fand sich schon seit einer Reihe von Jahre» täglich ein alter Bettler ein, den man unter dem Namen deS „alten Jakob" kannte. Er Pflegte sich auf einen Tritt vor der Kirche zu setzen, um sein Almosen einzusammeln. Er saß da traurig und finster, sprach fast nie und nickte nur zum Danke, wenn man ihm etwas reichte Ein vergoldetes Kreuz sah man auf seiner Brust, wenn die Lumpen sich ein wenig bei Seite schoben. Ein junger Priester, Paulin mit Namen, pflegte in derselben Kirche die h-ilige Messe zu lesen und unterließ nie, dem armen Jakob seine kleine Gabe zu reichen. Von einer reichen und adeligen Familie entsprossen, hatte er sich als Priester Gott ganz geweiht und legte sein ganzes Vermögen in den Schloß der Armen und Unglücklichen. Ohne ihn weiter zu kennen, liebte der alte Jakob ihn sehr. Eines TageS sah Paulin den alten Jakob nicht mehr an seinem gewöhnlichen Platze und bemerkte, daß er längere Zeit hindurch nicht mehr erschien DaS beunruhigte ihn und machte ihn um seinen alten Schützling besorgt; er erkundigte sich nach seinem Aufenthalte, und eines Tages nach der heiligen Messe nahm er seinen Weg der Wohnung deS Allen zu. Er klopfte an die Thüre deS Dachstübchens; eine schwache Stimme antwortete; er trat ein und fand Jakob — krank in seinem Bette odcr vielmehr ans seinem elenden Lager, bleich mit erloschenem Auge. ,,^!ch! sind Sie das, hochwnrdigcr Herr?" rief er, als er den guten Priester erkannte. „Sie sind ja sehr gütig, zu einem so elenden Menschen zu kommen wie ich bin. DaS verdiene ich nicht." „Was sagst du, Jalob," antwortete Paulin, „weißt du nicht, daß der Priester der Freund der Unglücklichen ist? UebrigenS," setzte er lächelnd hinzu, „sind wir auch noch alte Bekannte." „Ach, mein Herr! wenn sie wüßten . . . wenn Sie mich kennten . . . wahrhaftig, sie würden nicht so mit mir sprechen! . . . Nein, nein, sprechen Sie nicht so gütig mit mir; ich bin ein Elender .. . von Gott und Menschen verflucht. . . ." „Von Gott verflucht? was fällt dir ein? Ach, armer I lob, sprich doch solche Dinge nicht; wenn du Uebels gethan hast, so bereue es und beichte; Gott ist ja die Güte selbst, dem Reuigen verzeiht er Alles." „Ach nein! mir, — mir wird er nicht verzeihen!" „Nun, warum denn nicht? Hast du etwa keine Reue?" „Ob ich Reue habe! ob ich Reue habe!" schrie Jakob laut, indem er sich erhob und verstörten Blickes umhersah. „Ob ich Reue 255 habe! — Ja, ja, ich bereue eS — dreißig Jahre bereue ich eS . . . und dennoch bin ich ein Verfluchter. . . ," Der gute Priester suchte ihn zu trösten und zu ermn- thigen, aber vergebens. Ein schreckliches Geheimniß lag in der Tiefe seines Herzens verborgen und die Verzweiflung hinderte den Unglücklichen, sein Verbrechen zu offenbaren. Endlich jedoch, durch das sanfte und gütige Zureden des Priesters überwunden, entschloß sich der unglückliche Jakob und erzählte mit halb erstickter Stimme Folgendes: „Während der blutigen Revolution im vorigen Jahrhundert hatte ich die Aufsicht über ein Schloß einer reichen Familie. Meine Herrschaft war die Güte selbst . . . der Graf, die Gräfin, ihre beiden Tochter und ihr Sohn. . . Ich verdankte ihnen Alles: meine Stellung, meine Erziehung, und den guten Tag, den ich bei ihnen hatte. . . AIS aber die SchreckenSregicrung kam . . . da . . habe ich sie — verrathen! Sie waren versteckt, ich wußte, wo! . . Ich zeigte sie an, nm ihre Güter zu gewinnen, die man den Angebern verhieß . . Und — sie wurden zum Tode verdammt, Alle bis auf den kleinen Panlin, der noch zu jung war." Hier schrie der Priester unwillkürlich laut auf und der kalte Schweiß rann von seiner Stirn. „Ach Herr, fuhr der alte Bettler, der die Aufregung des Priesters nicht bemerkte, fort, eS ist schrecklich! ich hörte ihr TodeSurlheil mit an, sah alle vier auf den Karren werfen, sah — ach mein Herr! sah, wie ihre Köpfe unter dem Mordbeil vom Rumpfe fielen! Ungeheuer, der ich bin! Und seit dieser Zeit habe ich weder Ruhe noch Rast. Ich weine, ich bete für sie. Ich sehe sie täglich vor meinen Augen. Sehen Sie, da sind sie, unter dieser Leinwand. . . ." Indem er dieß sagte, zeigte er mit zitternder Hand ans einen Vorhang, der einen Theil der Mauer verschleierte. „Dieß Kreuz, was Sie an meinem Bette sehen, war baS vom gnädigen Herrn. . . . Dieß kleine goldene Kreuzchen, was ich bei mir trage, trug ehedem beständig die gnädige Frau. . . O mein Gott! welch ein Verbrechen! welch ein Entsetzen! welch ein ReueschmcrzI Ach, hochwürdiger Herr, haben Sie Mitleid mit mir! stoßen Sie mich nicht von sich! beten Sie für mich, den größten Verbrecher und den Unglücklichsten der Menschenkinder!!!" Der Priester lag neben dem Lager auf seinen Knieen, blaß wie der Tod. So blieb er fast eine halbe Stunde. Dann stand er auf voll Ruhe, machte das Zeichen deS heil. Kreuzes und zog den Vorhang hinweg und sah zwei Porträts. . . . Jakob stieß einen Schrei aus, als er sie sah und warf sich auf sein Bett zurück. Der Priester weinte. „Jakob", sagte er mit bebender Stimme, „ich werde dir von Seite GotlcS Verzeihung bringen; ich will deine Beicht hören." Mit diesen Worten setzte er sich neben das Bett und der alte Jakob beichtete, Ais der Sterbende zu Ende war, sagte Paulin zu ihm: „Jakob, der liebe Gott hat dir verziehen; aber daö ist noch nicht Alles, auch ich verzeihe dir ans Liebe zn ihm. Denn die du zum Tode gebracht hast, waren . . . mein Vater, meine Mutter und meine beiden Schwestern!!" Dem Jakob standen die Haare zu Berge, er öffnete seine Lippen, stammelte einige unverständliche Worte — er sank auf sein Betr. Der Priester trat näher. Der Bettler war todt. Etwas aus dem Kapitel über christliche Lebens-Anschauungen. AuS Niederbayern. In jedem ächten Bauernhanse gilt das Brod eigentlich und zunächst als Gabe GotteS. Wie das Leben selber für ein Geschenk GvlteS angesehen wird, eben so wird auch das Brod, weil eS das allgemeinste und vorzüglichste Lebensrnittel ist, als eine Gabe GotteS verehrt. Nicht allein in jenem allgemeinen Sinne, in welchem auch Gräser und Kräuter und alles Erschaffene Gaben GotteS heißen; sondern in einem viel höheren und ausschließlicherem Sinne wird daS Brod als solche verehrt. Schon die kleinen Kinder werden angehalten, daS Brod so zu verehren. Wenn ein Bauernkind irgend eine andere Speise verschmäht oder auSschlägt, so wird eS auf seinem Willen belassen; wenn eS aber Brod verschmäht, so wird ihm 256 das als eine Verunehrung GotteS ausgelegt. Wenn ein solches Kind in seinem Unverstand etwas Anderes wegwirft, und wäre eS selbst ein Geldstück, so wird eS ob seines Unverstandes verlacht. Wenn eS aber ein Stücklein Brod wegwirft, so wird eS wie wegen Verletzung einer religiösen Pflicht bestraft. Auö religiöser Scheu nimmt sich ein Banernkind in Acht, daß ihm keine Brosamen auf den Boden fallen oder liegen bleiben. Zu dieser Werthschätzung des BrodeS sind die alten, frommen Bauersleute wohl dadurch gekommen, weil sie bemerkten, daß der Erfolg beim Getreidbau zum größten Theil der freien Thätigkeit des Menschen entrückt und der Fügung oder Zulassung Gottes vorbehalten sey. ES ist schon in manchen Jahren Getreide genug aus den Feldern gestanden und doch im Lande Noth gewesen, weil dem Körnlein die nährende Kraft vermindert zu seyn oder ganz zu fehlen schien. Wieder in andern Jahren steht ohnehin schon wenig auf den Feldern, obgleich der Bauer im Bestellen deS Feldes an Fleiß und Arbeit nichts hatte fehlen lassen. DaS Meiste und Wichtigste hängt also hiebei offenbar von dem Segen und Gedeihen ab, welches Gott gibt. Daher gilt dem Bciucr Getreide und Brod zunächst und eigentlich als Gottes Gabe. Und gewiß ist diese Werthschätzung eine christliche. Ein entschiedener Gegensatz und Widerspruch gegen diese Werthschätzung ist aber darin zn finden, wie unsere Zeitungen ihre Ernteberichte bringen. Ohne Vertrauen auf Gott, ohne Gebet zu Golt sprechen sie zuvor schon ihre Hoffnungen, Erwartungen oder Befürchtungen auS; ohne Danksagung gegen Gott berechnen sie darnach die Brodpreise; kurz: Getreide und Brod sind ihnen Handelsartikel, nicht mehr uud nicht weniger, und stehen in keinerlei Beziehung zu Gott. So gewiß nuu jene Werlhschätznng der Bauersleute als eine christliche gelten muß, eben so gewiß verdient diese Berichterstattung in den Zeitungen als unchristlich bezeichnet zu werden. Damit wollen wir jedoch keineswegs irgend einem Berichterstatter oder einem Redacteur die Absicht unterschieben, als wollten sie unchristliche Ansichten verbreiten. Vielmehr ist anzuerkennen, daß hierin nur ganz unvermerkt, und in so weit schuldlos, der christliche Sprachgebrauch und die christliche Anschauung der unchristlichen gewichen ist. Im öffentlichen Leben hat man sich nämlich ganz gewöhnt, überall von der Sache ab und nur auf ihren abstracten Geldwerth hinzusehen. Nirgends gilt die Sache als Sache, sondern nur nach ihrem Geldwerth. In Geld sind die Besoldungen der Beamten angesetzt; Geld ist der erste und nächste Erwerb der meisten Städter; die Männer des Kapitals und der Industrie rechnen durchaus nur u. ch Geld und treten auf keiner andern Grundlage mit dem Landinann in Verkehr; selbst die Reichnisse, welche der Bauer zu geben hatte, wurden beseitiget und in Geld ve> wandelt. So hat sich daS Geld auf den ersten Platz hinaufgeschwungen; Gelreid und Brod aber stehen nach und unter dem Gelde. DaS Gels ließ sich uicht mehr so unmittelbar als eine Gabe und Geschenk GotteS behandeln; und hinwiederum Getreid und Brod, nur mehr auf der zweiten Sluse stehend, schienen auch ihrer Würde entsetzt zu seyn. Man sprach von Getreid und Brod als von Handelsartikeln und Gegenständen der Spekulation, weil die ganze Richtung der Zeit dieses so mit sich brachte; und die Eigenschaft des Getreioes, nächste und eigentliche Gabe Gottes zu seyn, kam unvermerkt außer Acht. Wir fühlen uns jedoch in unserm christlichen Glauben gedrungen, gerade ans diese Eigenschaft des Getreides und Brodes wieder aufmerksam zu machen. Und die Zeiten, in denen, ohngeachtet des alljährlichen JnbelS in den Zeitungen über Reichthum und Ueberfluß, doch Noth und Theuerung im Lande ist, könnten yiezu ebenfalls anleite». Gewiß, wenn wir die Gabe GotteS wieder einmal als göttliches Gnadengeschenk schätzen lernen und nicht eher, wird unS Gott auch wieder Segen und Gedeihen dazu geben. Und diese Werthschätzung sollte auch in Ernteberichten und dergleichen ihren LiuSdruck finden. (Bayer. VolkSbl.) Verantwortlicher Redacteur: L. Scheuche». Verlags-Inhaber: F. C. Kren,er.