Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PsstMung. 20. August 34. 1854. Diese» «latt erscheint regelmäßig all« Sonntage. Der halbjährige Abonuemenl«pret« kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werdeu kauu. Franz Xaver Luschin, Fürsterzbischof von Görz. *) Nekrolog, ES ist eine schwere Ausgabe, das Leben und Wirken eineS edlen Menschen in seinen innersten Motiven, in seiner vielseitigen Entfaltung nach Außen treu und wahr aufzufassen und wiederzugeben. Wenn der Schmerz um den Hingeschiedenen das Auge umfloret und trübet, das Herz mit bitterer Wehmuth erfüllt und die Hand beS Schreibenden lcitunt, so ist hinwieder das Gefühl, die Ueberzeugung, an dem Verewigten nach vollbrachter irdischer Laufbahn, einen Gegenstand, vollendet und würdig der Darstellung, ein Vorbild für sich und alle die Genossen seines Standes gewonnen zu haben, ein Sporn, sich an dessen Darstellung zu wage«. Zu wagen, sagen wir; denn wo liegt wohl eine Gewährleistung, daß wir seine Züge, das Porträt seines geistigen Seyns wiedergeben, wie es seyn soll und wir es sollten! Doch wollten wir verzagen, jetzt, wo sein Andenken noch so frisch, so lebendig ist, wann könnten, dürften wir eS unternehmen? Ueber Fürstbischof Luschin wurden gleich nach seinem Tode mehrere Stimmen laut, und außer den gegebenen äußern Umrissen seines Lebens und Wirkens in öffentlichen Blättern sprachen sich der hochwürdigste Fürstbischof von Trient, Johann Tschi- derer, fürstliche Gnaden, in einem durch mehrere Blätter bekannt gewordenen lateinischen Hirtenschreiben über die Leistungen und die persönlichen Eigenschaften dieses seines Norfahrs auf die ehrenvollste, anerkennendste Weise aus, so wie auch ein Aufsatz in dem slovemscken Blatte „Danica" seine letzten Lebensstunden in ergreifender Weise schilderte. Wir dachten sonach diese einzelnen Züge mit den eigenen und den Erinnerungen mehrerer seiner Freunde zu vereinigen, ohne fürchten zu müssen, des Guten von ihm zu viel zu sagen, vielmehr so weil hinter dem Originale zurück zu bleiben, als eS nach dem Apostel I. Corinth. 2, 17, wahr ist: „Der Geistige beurtheilt alles, er selbst aber wird von Niemauden beurlheitt." Mag daher der bereits Verewigte eS uns vergeben, wenn wir ihn der Mitwelt, eigentlich der Nachwelt vorzuführen bemüht sind, ihn, dessen Tugend und Gottesfurcht im Kleide der Demuth verhüllt war, WaS er auf der Welt geworden, darüber haben, nach dem Willen und nach der Zulassung deS Allerhöchsten, Zeit, Umstände und Verhältnisse entschieden; die von ihm bekleideten Aemter, sein hoher Rang und die ihm erwiesenen Ehren haben das wahrnehmbare Gepräge seiner Geltung vor den Menschen nach und nach vollendet; der innere Gehalt, das edle Metall seines Charakters aber blieb, durch den Wechsel des Schicksals geprüft, sich immer gleich unverfälscht und unverändert, ähnlich dein ächten Golde. Indessen, weil die geistige Entwicklung, die Offenbarung des WollenS und Seynö *) Salzb. Kirchenbl, iSUV .HNl>Y1lW«7 7^tNs»^^ilk sich durch die Lebensverhältnisse bedingt, können wir nur diese verfolgend jene in Betracht ziehen. Luschin war am 3. December 1781 in der Nähe von Lind, nächst dem Gute Peggein, Pfarre Teinach, geboren, und erhielt, nach dem frommen Landesgebrauche, in der Taufe den Namen jenes Heiligen, den er, wie man zu sagen pflegt, mit auf die Welt gebracht hatte, den des heiligen Franz Xaver. Sein Vater Leonhard Luschin, Besitzer der gleichnamigen Hübe, erfreute sich außer ihm nur noch einer Tochter und gab ihnen eine, wenn gleich einfache, standesmäßige, doch sorgfältige Erziehung, wobei ihm seine Gattin Barbara durch Gottesfurcht und Herzlichkeit würdig zur Seite stand. Franz besuchte die Schule zu Teinach unter dem braven Lehrer Jos. Wedenigg. Dieser und die dortige Geistlichkeit stimmten den Vater, da des Knaben Anlagen unv Fleiß zu den schönsten Hoffnungen berechtigten, daß er ihn in die Normalschnle nach Klagenfurt und hierauf auch daselbst ans Gymnasium schickte, wo ihn sein Fleiß und seine Emgezogenheit besonders empfahlen. Im Jahre 1797 halten die Stürme der französischen Revolution, so wie die Staaten und Völker auch die Geister aufgeregt, man sah in ihrem Gelingen eine Art Weihe ihrer Grundsätze, ihren Beruf, die Well unizustalien. Dieses Jahr war es auch, wo die Neufrauken zuerst auf Alt-Oesterreichs Boden unter Bonaparte einzogen, und Kärnthen, welches sie zuerst betraten, fühlte so sehr das Folgenreiche ihres unwillkommenen Erscheinens, daß alle kaiserlichen Behöroen sich auflösten und die Beamten bis auf wenige das Land verließen. Kein Wunder, daß dieses Gefühl der Unsicherheit, deS BangenS vor der Zukunft, auch der Jugend sich bemächtigte, und unser Lnschin, wie mehrere seiner Collegen die Hörsäle verließen, um in ländlicher Äbgezogenheit dem drohenden Schicksale zu eutzehen. Franz Luschin, den Unwillen seiner Eltern über so eine Entfernung von seinen Stndien, deren Beweggründe sie in ihrer einfachen Weltanschauung nicht begreifen, nicht zu würdigen wissen mochten, befürchtend, kam daher bei nächtlicher Weile von dem nahen Kiagenfurt in sein Vaterhaus zurück, schlich sich in die Kammer der Knechie und suchte an der Seite eines derselben scheinbar die Ruhe, denn seine geängstigle Seele mag sich mit den düstern Bildern seiner Zukunft beschäftigt haben. Seine Ankunft, sein so gewählter Aufenthalt wurde zuerst von der weckenden Magd bemerkt und der Mutter entdeckt, worauf dieselbe zum Sohne eilte und aus dessen Munde die niederschlagende Kunde seines Entschlusses vernahm, den Studien Lebewohl zu sagen und am heimischen Herde von der Erdscholle das karge Brod zu gewinnen. Wie war sie da in daS Innerste verwundet und weinte bittere Thränen über den, wie sie glaubte, Verlornen Sohn, den sie im Geiste schon vor dem Altare stehend gedacht hatte; wie den zornigen Vater beschwichtigen und die erstaunte Nachbarschaft aufklären? Endlich wagt sie zitternd den Schritt, und kaum entgleitet dem bebenden Munde das Wort: Franz ist gekommen und will nicht mehr studiereu, sondern Bauer werden. Der Vater war ruhiger, als zu erwarten. „So soll er denn Bauer werden, es ist schon recht", antwortete der kurz angebundene Mann, ließ den Sohn kommen, befahl ihm die Sladlkleidcr abzulegen, reichte ihm das bäuerliche Gewand, seine eigenen Holzschuhe, legte ihm ein Sirohband um die Hüfte, wie es die dortigen Knechte beim Mähen zn haben pflegen, gab ihm Sense und Kumpf und schickte ihn mit den barschen Worten auf die Wiese: „Hast dn bei den Knechten geschlafen und gegessen, so magst du auch mit ihnen arbeiten." Somit war der künftige Primas von Galizien, Lodo- merien und Jllyrien, der Fürstbischof vou Trieut und Erzbischof von Görz, Seiner Majestäl geheimer Nalh uud Ordensritter nach KncchteSweise stanvesmäßig adjustirt und installin'. Die Mutter indessen eilte in Thränen aufgelöst zu Probst Hiet! nach Teinach, welcher sie lröstete und ermähnte, den Sohn gewähren zu lassen, ihm keinen Für die Kärnthncr mag es merkwürdig seyn, daß mit Luschin auch jener Mathias Mikula, welcher während der Raststunde hinter dem Ochsengespann auf dem Pfluge sitzend, den Livius las, und Franz Krammer, vulZo HoiSl am Berg, welcher sich nachher als Bauern-Philosoph und rationaler Landwirth auffallend machte, die Studien verließen. 267 Zwang anzuthun; eS sey zu erwarten, daß mit dem verziehenden Kriegs-Ungewitter uild der Wiederkehr froherer Aussichten sich Alles von selbst geben werde, Franz, der eine Zeit die Stadt im Bauerngewand Säcke tragend betreten hatte, ging mit nächstem Studienjahre wieder von dem Pfluge zu den Schulbänken über, die er vor einem halben Jahre vermeintlich aussichtslos verlassen hatte. Wenn schon diese Episode uns die Jugend- und Studienjahre Lusching, die väterliche Erziehung bezeichnend kund gibt, so sollte eine zweite noch herbere Prüfung über ihn kommen, welche die Grundzüge des mütterlichen Herzens, das so mächtig auf sein Gemüth einwirkte, veroffenbart. Es war im Jahre 1800, wo unsern Franz zu Klagenfurt daS Nervenfieber befiel und ihn an den Rand deS Grabes brachte. Seine Schwester, fünf Jahre älter als er, eilte auf die Nachricht davon an sein Krankenbett und verließ eS nicht, bis er genas; dafür batte sie den Keim deS TodeS geholl und nach Hause gebracht, wo sie am 15. April 1800 als Opfer der Schwester- liebe starb. Die Mutter hatte sie gepflegt, der Kranlheitsstoff stch aus sie verpflanzt, und da sank auch sie, von Herzensleid bereits zerknickt, am 6. Mai 1300 dem Tode in die Arme. DaS war viel, zu viel für den alternden Pater, der ihnen am 10. Juli 1804 in die Ewigkeit nachfolgte, und dem einzigen Sohne das freudenleere HauS, ach die vielbethränten Gräber hinterließ. Keines von Allen hatte eS erlebt, was sie so sehr ersehnt, den geliebten Franz am Altare opfern zu sehen, er sollte es für ihre Seelenruhe thun. Die väterliche Behausung übergab nun Franz dem Sohne des Bruders seines BaterS, Besitzers der Tonitz-Hube im Dorfe Teinach, und ließ den äußerst billigen Kausschilling als Kapital darauf liegen, nicht ohne eö später in der Zeit der Finanz-CrisiS in dem beinahe auf Null reducirten Betrage zu empfangen- Nun lebt auch von dieser Seitenlinie kein Descendent mebr, nachdem der letzte Besitzer, Mathias Luschin, im Jahre 1852 auf der sogenannten Ruhestatt ob Pölkermarkt todt gesunden worden ist. So konnte Franz, wie sein heiliger Namensbruder, der von AssiS, ledig deS väterlichen Erbgutes sich frei dem höhern Berufe weihen. Als Luschin, den 26. Aug. 1304 zum Priester geweiht, kurz darauf zu Teinach primizirte, war von seinen nähern Anverwandten Niemand mehr am Leben und se!bst die Primiztafel war nicht in Lind, sondern im Herrenhause zu Paggein, dessen Besitzerin, die Wittwe Margarelh Maurer, geborne Kramer, LuschinS geistliche Mutter war. Nun hatte sich alles Irdische seinem Herzen entwunden; gleich den Aposteln steuerte er, einzig dem Herrn sich hingebend, in die Welt hiimuS, und widmete mit ganzer Seele sich seinem heiligen Berufe. A>S Stadtcapian bei St. Egiden zu Klagenfurt vom December 1806 bis Ende Jänner 1803 angestellt, entwickelte er jene herrlichen Gemüthsanlagen, jenen Drang, Gutes zu thun, Gottes- nnd Pslichtliebe zu verbreiten, welche ihn bald als ein hellstrahlendes Licht ans die Leuchte der Kirche stellten. Mit der Einfalt deS Gerechten ließ er sich zu dem Geringsten herab, hatte er für Alle Ohr und Herz, besonders auch für die Jugeuv. Schreiber dieses, damals kaum den Kinderschuhen entwuchsen, gedenkt noch mir Rührung, wie er als angehender Humanist bei demselben Zutritt, Belehrung nnd Ermnnlerung fand. Diese Anstellung Luschins war eS auch, die seiner künftigen Laufbahn eine bestimmte Richtung gab und nach der Absicht der Vorsehung den Weg zu seiner Erhebung o'ffuete, ». Nupert, damals am Lyceum zu Klagenfnrt, Professor des Bibelstudiums, hatte als solcher LuschiuS besondere Vorliebe und Fähigkeit für das Studium der orientaliichen Sprachen kennen gelernt, er munterte ihn min ans, seine Forschungen im theologischen, besonders Bibelfache fortzusetzen, behalf ihm mit den einschlagenden Werken nnd bereitete ihn auch in den andern Doctrinen der Theologie in der Art vor, daß er in der Lage war, bereits im Jahre 1807 in Wien, wo er, eine knrze Zeit zwar nur, die Vorlesungen des berühmten Iahn hören konnte, die bezüglichen Rigorosen zu bestehen, in Folge dessen er am 16. Jänner 1808 zum k. k. Professor der morgenländischcn Sprachen und deS Bibelstudiums zu Gratz ernannt wurde. Nun konnte er sich vollends in seinem Fache ausbilden und die, damals noch seltene Promotion zum Doctor I 2Y8 der Theologie wurde ihm im Jahre 1813 zu Theil. Indessen auch hier suchte und erhielt sein frommes Gemüth Befriedigung, indem er die Beichtvaterstelle im dortigen Elisabethinenklvster übernahm; ein Institut, welches er bereits in Klagenftirt, wo seine Schwester im gleichnamigen Kloster längere Zeit sich aufgehalten hatte, lieb gewann, und wohin er mit seiner Milde und Besonnenheit, herzlichen Theilnahme unv gleich bleibenden Geduld vorzüglich pastte. Auch hielt Luschin vom Jahre 1810 bis 1814 die akademischen ErHorten am Gratzer Lyceum und wurde vom Kollegium der Professoren für das Studienjahr 1815 zum Rector erwählt. Seine Lehrweise und Persönlichkeit machten auf die Studierenden, wie auf die Professoren einen gleich günstigen Eindruck; überall gab sich sein Wohlwollen, sein bescheidener Eifer für gediegenes Wissen, für die Sache der Religion und Sittlichkeit zu erkennen, unv man glaubte den allseitig tüchtigen, geehrten und geliebten Mann nicht besser auszuzeichnen und allgemeiner nützlich zu machen, als daß man ihm im Mai 1818 auch das Doctorat der Philosophie übertrug. Diese so vielseitige Verwendbarkeit Lnschins konnte den hohen und höchsten Stellen nicht entgehen, und selbst Kaiser Franz, der bei seiner wiederholten Anwesenheit in Gratz mit dem Allerhöchstdemselben eigenen Scharfblicke den klaren, praktischen und erleuchteten Mann kennen zu lernen Gelegenheit hatte, und der ihm von da an besonders gewogen blieb, fand ihn zn einer Oberleitung des geistlichen und Studienfaches vorzüglich berufen. Als daher der damit bethcilte Posten eines Gubernialraihes zu Innsbruck zu besetzen kam, erfolgte seine Ernennung dazu mit Allerhöchster Entschließung vom 6. Jänner 1830. Wer alle die Veränderungen, man muß sagen alle Umwälzungen, erwägt, welche das viel geprüfte Tirol während der Bayern- und Franzosenherrschaft erlitt, zu deren Wiederherstellung doch nur erst eine sehr kurze Zeit geboten war, kann die Schwierigkeiten ermessen, welche Luschin bei Reorganisation der ihm obliegenden Fächer, bei der Durchführung der Pfründen-Dotation und der gleichartigen Schuleinrichtung zu überwinden hatte. Drei Jahre hatte Luschin rastlos in seinem Referate gearbeitet, sein einfacher Sinn, sein Wohlwollen, seine Biederkeit, halte im Lande der Treue uud Offenheit lebhaften Anklang gefunden, da fand auch Kaiser Franz ihn reif sür den nun seit Emauuels Grasen von Thun Hinscheiden durch fünf Jahre ledig gestandenen uralten Bischofssitz von Trient und ernannte den als Priester und Geschäftsmann, als Theologen wie als Organisator gleich bewährten Mann unterin 12. November 1823 zum Fürstbischof von Trient. Seine Heiligkeit Papst Leo XII. ertheilte ihm am 24. Mai 1824 die Bestätigung. Am 3. October 1824 zu Salzburg von seinem Metropoliten, Fürsterzdischof Augustin Grubcr zum Bischof consecrirt, zog der Kirchenfürst am 17. desselben Monats in seine Residenz ein, von der Bevölkerung mit aufrichtigem Jubel begrüßt. Allerdings hatte er als geistlicher und Studien - Referent auch im südlichen Landcslheile sich den vorteilhaftesten Ruf erworben; indessen so ganz dornenlos war seine Bahn bei so manchem Vorurlheile ob der Nationalität und seiner Herkunft nicht, selbst seine Residenz mußte er Anfangs in einem ungelegenen Locale nehmen, doch waS wußle er nicht auszugleichen uud zu ertragen. Das schönste Zeugniß seines ThnnS un"> Wirkens liefert uuS nun nach seinem Hinscheiden, nach dreißig Jahren seines dort begonnenen HirtenamteS, der Eingangs erwähnte hohe Erlaß seines unmittelbaren Nachfolgen'. Wir können dessen Worte nicht in der lateinischen, so kraftvollen Ausdrucksweise deö Originals geben, da wir diese Zeilen auch in weitern nicht klerikalischen Kreisen gelesen wünschen; müssen uns daher nur auf die Hcu-ptzüge deS so ansprechend entworfenen Bildeö beschränken. Vor Allem erstreckte sich seine Sorgfall auf die Erziehung des KlcruS. Er erweiterte mit nicht geringen eigenen Kosten daS Priester-Seminar, betheiligle sich mit den ihm inwohnenden Kenntnissen an den Studien der Alumnen, mit der Wärme eines gotterfüllten Herzens an ihren geistlichen Uebungen. Er bewirkte die Restauration des Kathedral-Capitels und benahm sich bei diesem schwierigen Geschäfte mit jener Gerechtigkeitsliebe, jenem standhaften 269 Eifer für das Beste der Religion und Disciplin, der allein zum Ziele gelangt. Halte er in seiner Umgebung das Feld bereitet, so konnte er desto ungehinderter seinem Herzensdrange folgen und seine unter zwei so verschiedenartige (wer denkt nicht deS Jahres 1848) Nationalitäten getheilte Diöcese in ihrem ganzem Umfange, mitunter in ihren schwer zugänglichen Theilen durchreisen und überall die Merkmale seiner Hirtenliebe, seines frommen und wohlthätigen SinneS hinterlassen. Seine Geschäftserfahrung, sein Scharfsinn und seine Klugheit wußte in allen noch so verwickelten Angelegenheiten — und wie viele deren gab eS'dort damals nicht I — Raih, Ausweg und Abhilfe, Bescheiden im Worte, wie enthaltsam im Leben, feurig in der Liebe wie im Eifer und doch so demüthig, daß er niemals was selbst gethan zu haben scheinen wollte, bis zur gänzlichen Erschöpfung seiner Geldmittel freigebig und erbarmungSvoll gegen die Armuth, war an ihm so ganz deS gekrönten Propheten Wort in Erfüllung gegangen (Psalm 111, 9): „Er streuet aus, gibt den Armen, seine Gerechtigkeit bleibt ewig, seine Kraft wird erhöhet in Ehren." So war es auch; denn Allen Hirt, Schutz und Bater, besaß er die Herzen Aller, und als er nach zehnjähriger Wirksamkeit seine ihm so theuer gewordene Heerde, folgsam höherm Willen, verließ, da dnrchbebre Alle ein gemeinsamer Schmerz, eS war wie bei deS Apostels Abschied von seinen geliebten Ephesiern, die da weinend trauerten, daß sie sein Angesicht nicht mehr schauen sollten. So weit deS hohen Kirchenfürsten Worte, womit Hochderselbe ihn den nun Hingeschiedenen dem frommen Gebete Jener empfahl, bei denen dieselben, weil so ganz aus ihrer Ueberzeugung auS ihren Herzen geschrieben, den vollsten Anklang finden mußten. Gewiß, sie ehren den nicht weniger, der sie sprach, als den, dem sie gegolten! (Schluß folgt.) Das neue SchulhauS zu Stbnach. * In dem Mittelpuncle der Pfarrei, bestehend ans zwei Gemeinden, zu denen die Ortschaften: Sibnach, Trannried, Forsthofen, Aletshosen und Höfen gehören, erhebt sich auf einem Hügelvorsprunge, dem sogenannten St. Georgenberge, majestätisch die vom Kloster Steingaden erbaute Pfarrkirche, in welcher alle pfarrlichen Gottesdienste, ron dem im ^ Stunde entfernten Dorfe Sibnach wohnenden Pfarrer abgehalten werden, und in der jährlich in erhebender Weise daS ScapulirbruderschaftS- fest vom Berge Carmel gefeiert wird. Nur fünf Häuser umgeben den pfarrlichen Tempel, darunter das MeßnerhauS, an welchem seit der Säkularisation eine Schule errichtet wurde. Schon längst war dieses Gebäude schadhaft und baufällig geworden, und daS Bedürfniß nach einem neuen Sckulhause wurde immer dringender. Den Bemühungen des gegenwärtigen Herrn Pfarrns gelang eS endlich mit Zustimmung der beiden Gemeinden einen Neubau zu bewerkstelligen, wozu der Staat seine hohe Genehmigung ertheilte und die Hälfte der Baukosten beisteuerte. So erstand ein wirklich schönes, in allen Theilen zweckmäßiges und dauerhaftes Gebäude, kenntnißroll entworfen und solid ausgeführt, das seinem Zwecke vollkommen entspricht, und wahrlich zu den schönsten Landschulhäusern gezählt werden darf. Freundlich steht eS auf grünender Höhe, im Westen von schattigen Waldhügeln bekränzt, östlich hinauSblickend auf die Ebene an der Wertach und dem Lecke, wo das Auge vom St. Ulrichöthurme Augsburgs über Friedberg, Hofhegnenberg hinaus nach LandSberg, dem Peißen- und Auerberge, der Gebirgskette von den Salzburgeralpen bis zum Grillten schweift und dann über die in der Ebene liegenden, zahlreichen Ortschaften forschend zurückkehrt. Schou der Anblick eines jeden Schulhauses erregt in der Brust eines denkenden Menschenfreundes eigenthümliche Gefühle, die sich in Betrachtung deS heranwachsenden Menschengeschlechtes über dessen wellliche und ewige Bestimmung ergießen, und auf das Wohl der Gesammlmenschheit in staatlicher und kirchlicher Beziehung ausbreiten; um so mehr werden solche Gedanken rege, wenn ein neues Schulgebäude errichtet 270 Wird. Die Eröffnung des Schulhanses zu Sibnach (das nunmehr vom Lehrer bezogen werden kann) geschah in einfacher Weise bei der am 15. Mai l. I. stattgefundenen Schulprüfung. DaS nahezu vollendete Schulzimmer war festlich mit der Darstellung des gekreuzigten Erlösers und den Bildnissen Ihrer königlichen Majestäten, von Blumengewinden umgeben, verziert, und feierlich wehte an der östlichen Giebelfronte die blauweiße, vaterländische Flagge. Nach der in Gegenwart der Gemeindeverwal- tungSmitglieder und einiger Schulfreunde vollendeten Prüfung trug ein Schüler nachstehendes Gedicht vor, das aus wirklich historischem Grunde entsprossend, religiöse Tugend und vaterländische Treue, die in letzterer Zeit so selten geworden, der Jugend in schönem Beispiele eines Helden, dessen Geschlecht in hohem Mittelalter den Hauptort der Pfarrei gründete, wieder lebendig vor Augen führt. Mit eindringender, ergreifender Rede an die Schuljugend und die Gemeinde schloß der würdige Herr DistnctS- schulinspeclor die erhebende Feier. Möge auf dem neuen Schulhause die Gnade deS Allerhöchsten ruhen und möge aus ihm recht viel Gutes zur Ehre Gottes und zum Wohle der Menschheit entsprossen, dann wird eö seine Bestimmung rollkommen erfüllen, und ein immerwährender Segen für die Pfarrangehörigen Sibnachs seyn. ^ » ^ Ritter Hartmann von Sioenaichen. ^ Friedrich Barbarossa zog in ferne Lande, Nach Italiens heißem, tück'schem Meeresstrande, Um zu schlichten Aufruhr, frechen Raub und Streit. Für gekränkte deutsche Ehre mußt' er fechten; Mit Banditen-Rotten sollt er ringen, rechten — Welch' ein Kampf ihm nichts als Leid und Schmerzen beut. Nicht die off'ne Schlacht ist's, die ihm schreckvoll dräuet, Seine Tapferkeit ihm stets den Sieg verleihet. Seine deutsche Heldenbrust scheut nicht Gefahr; Aber gleich den falschen, blumbedeckten Schlangen, Hält ihn Hinterlist im Dunkeln nur umfangen, Dolche zückten auf den kaiserlichen Aar. > Doch die deutsche Treue wachte stets zu Schanden, Was auch schlau erdacht' die feigen Mördcrbanden, Und es knirschte machtlos ihrer Rache Wuth. Wie der Bayern großer Otto hat gerettet Einst das deutsche Heer, von Hinterhalt umkettet, So gab mancher Held mit Freuden hin sein Blut. , Einstens irret Friedrich auf verlaß'nen Gründen, Konnt' den Pfad zu seinem Heere nicht mehr finden, Und schon rückt die dunkle, schwüle Nacht heran. In der Näh' sich eines Schlosses Mauern zeigen, Dahin furchtlos seine Schritte sich jetzt neigen, Spricht den Wirth um Obdach und um Lager an Der Begleiter that' ihn ahnungsvoll zwar warnen Vor den Feinden, die ihn'immerfort umgarnen, Aber Zagen kennt sein muth'ges Herze nicht. *) 7 1153, hatte sein Stammschloß in der Nähe des Dorfes Sibnach, Landgerichts Türkheim, Woselbst noch deutliche Spuren der Burgstelle zu sehen sind. 27t Freundlich, bückend sie der Wirth willkommen heißet, Liebe heuchelnd, große Gastfreundschaft er gleißet, Denn erkannt hat er des Kaisers Angesicht. Sorglos Barbarossa mit dem Mann verkehret, Der ihn liebreich, scheinbar freundlich, hoch verehret; Aus des Ritters Auge blicket Sorg' hervor. Seine scharfen Sinne bald Gefahren wittern, Für des Kaisers Leben fing er an zu zittern; Fest verriegeln sah er, ach, des Hauses Thor. In ein Prunkgemach, mit Reichthum ouSgezieret, Ward der hohe Gast zur Ruhe eingeführet. Für den Ritter gab'S ein Stübchen neben an. Laue Düfte bald das Haus in Schlummer wiegen, Alles scheint im Schloß dem Schlase obzuliegen, Auf der Zinne ruhet selbst der Wetterhahn Leise kommet sachte vor des Kaisers Betten Kummervoll der treue Ritter angetreten, Kniet voll Liebe, kniet voll Treue vor ihn hin. Küsset heiß des Theuern segensvolle Hände, Wecket sanft ihn auf, daß er Gehör ihm spende, Daß auf seine Bitte lenke er den Sinn. „O mein Kaiser! Du des Vaterlandes Stütze, Kennst mein Herz, das Treue in des Kampfes Hitze, Wie in Freud' und Ruhm Dir jederzeit bewährt; Höre meine jetz'ge, meine letzte Bitte, Daß Du kehrest sicher in der Deutschen Mitte, Daß Dein kostbar' Leben bleibe unversehrt: — „Tausch mit mir heut' Deines Lagers falsche Stätte! Traue nicht des Wirthes heuchlerischer Glätte! Denn mein Schutzgeist zeigt mir großes Unglück an!" Nicht mehr hört er auf zu bitten und zu flehen, Bis der Kaiser lächelnd ließ den Tausch geschehen, Bis des Ritters dringend Wünschen er gethan. In geborgter, kaiserlicher, prächt'ger Hülle Betet er mit eines Christen Herzensfülle, Daß der Ewige ihm wolle gnädig seyn; Daß das Opser, welches nun mit seinem Leben Für des Vaterlandes Haupt er wolle geben, Rettend sey; — und ruhig schlummerte er ein. In der Mitternacht, als kaum der Mond verblichen, Kamen spähend still Banditen hergeschlichcn, Dringen in des Kaisers prunkend Schlafgemach. Lautlos bohren sie des Eisens scharfe Spitze Mit erboster, teuflisch schadenfroher Hitze In des Ritters Brust, dem schnell das Auge brach. „Zieh nun heim, Du deutscher Cäsar, zu den Deinen, Die vergeblich nach Dir ringen, nach Dir weinen! Mit Dir sinket Deutschlands Macht und Stütze hin!" 272 Eilig flohen fie mit blutbefleckten Dolchen In den Aufenthalt der Mörder und der Strolchen, An den treuen Knappen dachte nicht ihr Sinn, Mit dem Morgen kommen deutsche Reiterschaaren, Die des Kaisers Spuren nachgeritten waren, Sprengen rasch des Schlosses Band und Riegel auf. Stürmend dringen fie in den verlaß'nen Räumen, Angstvoll suchend, rufend vor nun ohne Säumen; — Plötzlich hemmet grauser Schrecken ihren Lauf: Denn in seid'nen, blut'gen Pfühlen seh'n sie liegen Einen Deutschen, starr, mit bleichen TodeSzügen, Wähnend, ach, daß es ihr Herr und Kaiser sey. Thränen rannen über ihre ernsten Wangen; Aus beklemmter Brust, der lciderfüllten, bangen, Windet sich der bittern Klagen SchmerzenSschrei, D'rob erwacht der Kaiser, lässet schnell sich sehen, Und erkennt mit Schaudern gleich, was hier geschehen; Froh begrüßt ihn seine tapfre Kriegerschaar, Dankend nun der Kaiser auf zum Himmel blicket, Weinend er zum todten, lieben Freund sich bücket, Betet traurig vor der Treue Hochaltar. Mit dem Ritter, dem entflohen hier die Seele, Ziehen fort sie aus der wilden Mörderhöhle; Geben dann das Schloß zur Straf den Flammen Preis. Kommen bald zum Heere, das mit Hurrahrufen Sie empfanget, ^und auf schwarzumflorten Stufen Kränzten sie den Edlen reich mit Lorbeerreis. Ringsum ging des Ritters That von Mund zu Munde, In das deutsche Vaterland drang auch die Kunde; Jeder pries den deutschen Helden nah und sern. Seinen Nam' wird nie Vergessenheit erreichen, Wisset: Ritter Hartmann war'S von Sibenaichen! Und er bleibet stets der deutschen Treue Stern. Möchte doch in unsern glaubenslosen Zeiten Solche Tugendfülle wieder sich verbreiten, Welche Selbstsucht leider immer mehr erschlafft! Würde deutsche Treue wieder so erblühen, Müßte jeder Feind mit Schmach von dcinnen ziehen; — Deutschland stünde bald in seiner alten Kraft! Spiegle dich an solchem Beispiel, deutsche Jugend! Lasse Glaube, Treue, Liebe, deutsche Tugend In dem Herzen kräftig wurzeln fort und fort! Brauchst dann nicht in's ferne, fremde Land zu ziehen, Und dich dort um irdische Güter abzumühen; — Find'st dein Glück am besten in der Heimat Ort! I. N. Verantwortlicher Redacteur: L, Schönchen, Verlags-Inhaber: F. E. Kremer.