Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Äügstmrger PostMtung. 24. September AN. 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Gvuutage. Der halbjährige Abouucmenlsprei» kr., wofür e« durch alle kvuigl. baver, Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden k>.nn. Die abgelaufene englische Parlamentsfession in ihrer Stellung zu den katholifchen Interessen. *) Die englischen Blätter aller Farben sind darin einstimmig, daß die kürzlich abgelaufene Parlamentssession nicht zu den fruchtbaren gehört lM Die Reformbill, welche eigentlich die Hauptmaßregel der Session werden sollte, ist zurückgenommen, desgleichen eine Anzahl anderer Gesetzentwürfe, wieder andere sind durchgefallen, und nur einige minder wichtige sind angenommen worden. Ueber den Krieg ist viel geredet, aber einen großen Einfluß hat das Parlament in dieser Hinsicht nicht ausgeübt. Ja die Session hat nicht einmal eine einzige „große Debatte" auszuweisen. In Einer Hinsicht aber ist die Session fruchtbarer gewesen, als die meisten frühern, an DiScussioncn über kirchliche und religiöse Gegen staub e. Ein Londoner Blatt zählte schon vor einigen Wochen ganz genau auf, an wie vielen 'Abenden über religiöse Fragen diScntirt und wie vielemal über solche abgestimmt sey; ich habe die Zahl vergessen, sie war ober sehr groß. Mit wenigen Ausucchinen halten diese DiScuisiouen auf katholisch-kirchliche Verhältnisse Bezug, und man darf eS wohl als einen Beweis dafür ansehen, daß die katholische Kirche im brittischen Reiche eine Macht geworden ist, die man wenigstens nicht ignoiiren kann, wenn in einer Session so vielfach von ihr die Rede war, deren Aufmerksamkeit sonst fast ausschließlich von der KriegSsrage in Anspruch genommen wurde. Leider gab sich aber auch in dieser Diskussion ein starkes und sehr weit verbreitetes Gefühl der Abneigung gegen n'e Kirche und ihre Institutionen kund, und man kann sich nicht verhehlen, wenn unter Verhältnissen, wie die jetzigen sind, wo eS mehr alS je im Interesse deS englischen Staates liegt, bei allen Parteien und Confessiouen und ganz besonders bei den kacholischen Jrländern Vaterlandsliebe und Opferwilligkeit recht rege zu erhalten, wo England, um nach Außen mächtig zn seyn, im Innern recht einig seyn müßte, — wenn unter solchen Verhältnissen die Feindschaft gegen die katholische Religion und die Bitterkeit gegen ihre Bekcnner so stark hervortreten konnte, dann mnß sie sehr tief eingewurzelt seyn. Man hatte von der jetzigen Regierung, als sie an die Stelle von Lord Derby's Cabinet trat, erwartet, sie werde sich durch eine milde und billige Polilik gegen die Katholiken auszeichnen. Die hervorragendsten Mitglieder derselben gehöeen der Peelilen- Partci an, die in dieser Hinsicht immer in gutem Rufe stand; mehrere derselben hatten sich bei der Debatte über die Titelbill durch eiue eifrige und beredte Bekämpfung der antipapistischen Tendenzen Lords John Russell's ausgezeichnet; einzelne untergeordnete ministerielle Aemter wurde», was unter Russell'S uud Derby'S Verwaltung nicht vorgekommen war, Katholiken übertragen, und bei der ungefähr gleichen Slärke der Partei ») Aus Fr. v. Florencourt's politischer Wochenschrift. 306 der Whigs und Peelilen einerseits und der Partei der Torieö anderseits schien die Regierung schon von selbst darauf angewiesen zu seyn, sich der Unterstützung der Jrlän- der zu versichern. ES hat nun allerdings das jetzige Cabinet in dieser Session keine Titelbill eingebracht, wie Russell, und keine königliche Proklamation gegen katholische Processionen und gegen die AmtStracht der katholischen Priester erlassen, wie Derby, überhaupt nicht in eclatanter Weise die Rechte und Gefühle der Katholiken verletzt; aber von einer billigen und geneigten Gesinnung gegen die Katholiken war in dem Benehmen der Minister nicht manche Spur zu finden. Von Parität ist wohl in keinem protestantischen Staate so wenig die Rede, wie in England, und selbst die jetzigen Minister scheinen sich mit dem Gedanken gar nicht befreunden zu können, daß die katholischen Unterthanen der Königin doch auch einigen Anspruch auf Berücksichtigung ihrer religiösen Interessen haben. Die sämmtlichen katholischen Bischöfe der vereinigten Königreiche wandten sich in einer Denkschrift an das Ministerium mit der Bitte, doch für die religiösen Bedürfnisse der zahlreichen Katholiken im Heere und auf der Flotte, namentlich während des jetzigen Krieges, bessere Fürsorge zu treffen: Lord Aberdeen antwortete mit einigen schönen Redensarten und mit einer bittern Abweisung. Zu wiederholten Malen wurden die religiösen Bedürfnisse der Katholiken auf der Flotte im Unterhaus? zur Sprache gebracht: Sir JameS Graham berief sich dem gegenüber auf die „bestehenden Reglements." Man kann Lord Palmerston die Anerkennung nicht versagen, daß er als Staatssecretär des Innern Manches gethan hat, um den katholischen Geistlichen den Zutritt zu Gefangenen und' Sträflingen kaiholischer Confessiou zu ermöglichen; aber auch in dieser Hinsicht ist noch viel zu wünschen übrig, uud als Palmerston beim Unterhause eine kleine Vergütung für einige katholische Geistliche, welche die Gefängnisse besuchen, beantragte, da gelang eS den Fanatikern rechts und links, eine kleine Majorität gegen den Antrag zusammen zu bringen. Die gegen die Kirche feindlichen Anträge, welche in der verflossenen Session zur Discnssion gekommen sind, gingen nicht von dem Ministerinin aus; die meisten Minister haben dagegen gestimmt, einige dagegen gesprochen; aber auch bei denjenigen Anträgen, welche von einzelnen Ministern ganz entschieden als ungerecht uud verwerflich bezeichnet wurden, ist nicht das Cabinet als Ganzes zu Gunsten der Katholiken aufgetreten und eben so wenig hat es seinen Einfluß auf die ministerielle Partei in diesem Sinne geltend gemacht. Solche antikalholische Anträge gingen auch keineswegs bloß von Mitgliedern der Opposition auS; einer der schmählichsten darunter, der Antrag auf eine Untersuchung der Frauenklöster durch eine besondere Commission, hat einer. Whig, T. ChamberS, zum Urheber, und wiewohl Lord I. Russell mit anerkennungS- werthem Eifer dagegen sprach, haben viele seiner Partei, namentlich die schottischen Liberalen, welche sich überhaupt durch antipapistischen ZelotismuS auszeichnen, dafür gestimmt. Ein ähnlicher gegen die Klöster gerichteter Antrag ist bekanntlich schon in den zwei oder drei letzten Parlamenlssessionen gestellt, aber jedesmal durchgefallen. Dicßmal hat ChamberS mehr Glück gehabt: das Unterhaus beschloß wirklich die Niedcr- sctzung einer Untersuchungscommission; die Mitglieder derselben waren bereilö vorgeschlagen und nur dem unermüdlichen Widerstande und der geschickten Taktik einiger irischen Mitglieder ist es zu danken, daß für dieses Jahr noch das Scandal eines Verhörs der englischen Klosterfrauen durch UnterhauSmirglieder unterbleibt. Die Geschäftsordnung des englischen Parlaments gibt bekanntlich den einzelnen Mitgliedern und der Minorität viele Mittel an die Hand, sich einigermaßen gegen Unterdrückung durch Majoritäten zu schützen; zwei Mitglieder können immer auf Vertagung der Debatte und auf Schluß der Sitzung antragen und jedesmal eine förmliche Abstimmung über diesen Antrag verlangen; die Majorität kann nie gewaltsam die Debatte abschneiden und dergleichen. An sich ist eS nun freilich ein Mißbrauch der Geschäftsordnung, wenn einige Mitglieder bei einer offenbaren Majorität und nach vollständiger Erschöpfung des Gegenstandes durch solche Mittel die Erledigung einer Frage hinausschieben; aber wer will eS den katholischen Jrländern verargen, wenn sie einer Majorität gegenüber, 307 die gegen Gründe und Bitten taub ist, alle gesetzlich erlaubten Mittel anwenden, um gegen ihren blinden Eifer zn kämpfen? Bei dem Chambers'schen Antrage ist eS ihnen wirklich gelungen, durch ihren hartnäckigen Widerstand bei jedem Schritte, durch endlose Reden und durch stets wiederholte Abstimmungen über Vertagung das Unterhaus so gründlich zu langweilen und zu drangsaliren, daß man es endlich für gerathen fand, ihnen für dieß Jahr uachzugeben und die Sache bis zur nächsten Session ruhen zu lassen, um zu andern wichtigern Geschäften übergehen zu können. Whiteside, ein Mitglied deö Derby'schen Ministeriums, hatte an den Chambers'schen Antrag einen ähnlichen angeschlossen, wodurch den Klosterfrauen daS Recht beschränkt werden sollte, über ihr Vermögen zu Gunsten ihres Klosters zu di'Sponiren; er hat eS, durch daS Schicksal des Chambers'schen Antrags gewarnt, gleichfalls für besser gehalten, die Sache für dieß Jahr fallen zn lassen, wiewohl er einer Majorität sicher seyn konnte. Spooner, vielleicht der schroffste und eigensinnigste Gegner der Katholiken im Unterhause, hat s-leichfalls mik seinen antipapistischen Anträgen für dießmal kein Glück gehabt, wiewohl er es an Eifer nicht hat fehlen lassen. Sein Antrag, die von der Regierung dem katholischen Seminar zu Maynooth gezahlten Subsidien, wenn nicht wegsallen zn lassen, doch wenigstens von der jährlichen Bewilligung deS Parlaments abhängig zu machen, ist durchgesallen und von der Commission, welche auf seinen Antrag voriges Jahr niedergesetzt wurde, um daS im Semiuar befolgte ErziehnngS- system zu untersuchen, hört man bis jetzt so gut wie nichts. Der Erfolg der antikalholischen Bestrebungen im Parlamente ist überhaupt in dieser Session sehr gering gewesen. DaS ist aber auch unwichtig in Vergleich zu der unbestreitbaren Thatsache, daß die feindliche Gesinnung gegen die katholische Kirche in dieser Session im Parlamente sehr stark in den Vordergrund getreten ist, trotz der wichtigen Frage, von welcher man hätte erwarten sollen, daß sie alles Andere zurückdränge» würde. Auch ist nichr zu läugnen, daß die Gegner der katholischen Kirche im Parlamente in den letzten Sessionen allmälig immer mehr Terrain gewonnen haben, und wenn nicht ein plötzlicher Umschwung eintreten sollte, ist zu erwarten, daß in der nächsten Session eine Maaßregel gegen die Klöster durchgeht, daß schon bald die Maynooth-Dotation zurückgenommen wird, unv daß die DiScussion sich in den nächsten Sessionen schon um die Aushebuug der Katholiken-Emancipation drehen wird, — man spricht schon stark davon, eS werde in der nächsten Session ein darauf bezüglicher Antrag eingebracht werden. Ich halte eS für eine unrichtige Auffassung, wenn man diese ganze Bewegung bloß als eine Aeußerung deS blinden und gemeinen Hasses gegen die Kirche ansieht. Allerdings sind, vielleicht Nordamerika ausgenommen, wohl in keinem Lande unter den Protestanten die Vorurtheile gegen die katholische Kirche so stark und so weit verbreitet, wie in England und Schottland, Die unsinnigsten Fabeln von den Greueln der „römischen Kirche," von der Herrschsucht der Priester, den Intriguen der Jesuiten u. s. w. finden dort noch gläubige Hörer und Leser und die Schmutz- und Lügen-Literatnr läßt eS an Bemühungen nicht fehlen, die Vorurthn'le zu unterhalten. Selbst in den größern Zeitungen findet man in dieser Hinsicht Mißverständnisse. Unwissenheit und Lügenhaftigkeit, die an'S Unglaubliche gränzen. Unter den Gebildeten gilt die katholische Religion mindestens für eine eines englischen Gentleman unwürdige, wohl hauptsächlich darnm, weil sie die Religion Paddy'S, deS verachteten JrländerS ist. Der Glaube, der Papst strebe dauach, Ihre allergnädigste Majestät zu entthronen und daS englische Reich durch einen Cardinal-Legaten regieren zu lassen, ist weiter verbreitet, als man für möglich halten sollte. Die Uebertritte zur katholischen Kirche haben bei der großen Menge nur dazu gedient, die Abneigung gegen die Kirche zu verstärken und auch auf die Puseyiter auSzudelmen. Daraus erklärt sich, daß dem großen Hansen Alles gründlich zuwider ist, was ihn an die Fortschritte erinnert, die der Katholicismus unverkennbar in den letzten Jahrzehnten in England gemacht hat. Daraus erklärt sich daS Gemisch von Angst und Unwillen, welches sich regt, wenn der Katholicismus in die -303 Oeffeutlichkeit tritt, während man seine Eristenz so gern ignoriren möchte. Als der Papst die kirchliche Hierarchie wieder herstellte, entstand darum eine große Bewegung, während man sich an die Eristenz der apostolischen Vicare schon gewöhnt hatte. So ist auch jetzt die antipapistische Aufregung fast nnr gegen Dinge gerichtet, wodurch man in sehr fühlbarer und unangenehmer Weift an die stillwirkeude Macht der Kirche erinnert wird, gegen die Klöster, daS katholische Seminar, daS Wirken der katholischen Geistlichkeil im Heere, ans der Flotte, in den Gefängnissen u. s. w. (Schluß folgt.) Der Tob Boltaire'S. (Fortsetzung.) Können und wollen wir daher aus den citirten Fragmenten auch keinen Schluß auf Voltaire'S literarische Befähigung ziehen, so möchten sie doch diejenigen, welche mit den Werken dieses Schriftstellers vertraut sind, an dessen hin und her schwankende GemüihSverfassung erinnern, deren Grund wir bereits angegeben zu haben glauben. Eine krankhafte Reizbarkeit, die Folge seines unablässigen Bemühens, jeden Stoff, der, gehörig abgegränzt unter seinen geschickten Händen, die Kunst oder Wissenschaft bereichert und verherrlicht hätte, als Mittel zur Vernichtung des Christenthums aufzufassen und zu verarbeiten, oder, wo der Stoff selbst diesem Zweck widerstrebte, durch Noten zum Tert nachzuhelfen, diese Reizbarkeit hat allen Voltaire'schen Geistesproducten ihr Siegel aufgedrückt und sie der Vergänglichkeit geweiht. Vielleicht sind seine kritischen Beurtheilungen der Tragödien Corneille's die einzige, gewiß eine von den seltenen Ausnahmen, wo wir mit innerer Befriedigung einer rein künstlerischen und wissenschaftlichen Thätigkeit begegnen, die uns aber auch wieder das Bedauern abnöthigt, daß ein so Heller und ernsten Studien nicht fremd gebliebener Kopf sich und uns durch eigenes Verschulden um seinen Beitrag an gediegenem Golde gebracht hat, woran die Schatzkammer der Literatur wahrlich noch jetzt Ueberfluß besitzt. Statt dessen sehen, hören oder ahnen wir auf jeder Seite seiner Schriften daS eben so geistlose als unkünstlerische und unwissenschaftliche „Louvens? vous cls leergser!" DaS steht in Fraciurschrift in seinen Brüstn an D'Alembert, Diderot u. A., in Andentungen, Renitenzen und auch ganz ausgeschrieben an tausend Stellen, wo es der Einheit deS bihandelnden Gegenstandes schadet, also anch schon ästhetisch zu seinem Ankläger wird: „v«5ni'or6" verhielt eS sich anders. Diese mächtige Herrscherin hatte zwar auch einen großen Ruf; allein dieser Ruf konnte sich nicht wie der Friedrichs aus sein eigenes Postament hinstellen und sprechen: „Ich bin ich", und eS war ihrem weitschauenden Blicke nicht entgangen, daß Männer, wie Diderot, d'Alembert und Voltaire, welche die öffentliche Meinung, und mit ihr Ruhm und Schande, in der Hand haben, mir Achtung und Zuvorkommenheit behandelt werden müssen, wenn sie ihre Hand zn unsern Gunsten öffnen sollen. Daher waren denn anch besonders die drei Genannten der Gegenstand ihrer unermüdlichen Huld und Aufmerksamkeit, und Voltaire erhielt von ihr außer andern werthvvllen, oft wiederholten Geschenken ihr mit Brillanten besetztes Bilbniß. DaS dürfte nichc unvergolten bleiben und blieb eS auch nicht. WaS endlich die über- schenen, in Dunkelheit und Mangel vegetirenden Gelehrten, Künstler und Schriftsteller anbelangt, so haben wir nicht weit auszuholen, um diese Erscheinung zu erklären: ihr Verdienst macht sie mißtrauisch gegen sich selbst, dieß Mißtrauen erzeugt Bescheidenheit, Bescheidenheit drängt sich nicht vor, und wer sich nicht vordrängt, wird nicht bemerkt und geht überall leer aus. Die Folge davon ist denn natürlich, daß sie in Armuth gerathen und verkümmern, und Armuth ist in den Augen der Welt, trotz dem deutschen und französischen Sprichwort, eine Schande und ein Laster. Solche paradoxe Begriffsverwirrung ist gar nicht selten, selbst bei hochstehenden, in der Logik und Sittcnlehre gut bewanderten Männern; sagte doch der berühmte Talleyrand, als ihm die Erschießung des Herzogs von Enghien zu Ohren kam, mit diplomatischem Kopf, schütteln: „L'est plus yu'un orime, c'est une kaute." (DaS ist mehr als ein 310 Verbrechen, eS ist ein Fehler.) Voltaire aber kannte die Ansicht der Welt sehr gut, und wollte sich um keinen Preis des Lasters der Armuth schuldig machen, sondern, und dieß auch um jeden Preis, reich werden. Wir wollen ihn ungesehen begleiten, um seine Mittel zum Zwecke kennen zu lernen, und sind darunter welche, die vor dem Richterstuhl der Moral, der Gerechtigkeit, und selbst vor dem der konventionellen Ehre, schlecht bestehen, so mag er's verantworten. Mit der Aufführung seiner Dramen machte er den Anfang, dann folgte die Herausgabe seiner Werke aller Art und in allerlei Format. Pensionen,auf den königlichen Schatz, auf die Privatschatulle der Königin und des Herzogs von Orleans, Lotterien, Handel mit Gemälden, Diamanten und Getreide, lieferten das dritte Contingent. Darauf kommen Verträge mit Buchhändlern aus den vornehmsten Städten Frankreichs, Englands, Hollands, Deutschlands und der Schweiz, wobei einmal vier zu gleicher Zeit dasselbe Manuscript um schweres Geld an sich brachten, indem Jeder nach der Versicherung des AutorS darauf geschworen hatte, der alleinige Bevorzugte zu seyn. Lieferung von Lebensmitteln und Kleidungsstücke an die Armee, Actien, Antheil an Schiffen, Kontrakte, Wechselscheine, Geldverleihen gegen Leibrenten und ans Hypothek, Tratten, Geldwechsel :c. rundeten den Haufen immer mehr. Diplomatische Unterhandlungen, vor-heilhafte Übertragung von Sinecuren, Rückverschreibungcn, Erbpachte, Urbarmachung weitschichtiger Haidcn, Selbstbewirthschaftung von drei beträchtlichen Kron- gütcrn, Allodien, Zehnten, Anlage von Mannfacturen, Hänserverkauf, Spiel, Spion- dienste, gemeine Speculationen, Stellionat und andere schändliche Gaunereien, steuerten ebenfalls nicht wenig bei, und die Ausbreitung aller Stände setzte dem Werk die Krone aus. Seine Kammerdiener, die auch seine Schreiber waren, Verwandte und Freunde, vom Schauspieler und Taglöhner bis zum Autokralor aller Reußen, kurz, keiner blieb ungerupst, um den hab- uud ehrgierigen Federhelden zum Millionär, Grafen und Grundherrn zu machen. Voltaire liebte Pracht und Wohlleben, aber nur, wenn sie ihm nichiS kosteten. Darum wanderte er in seiner Jugend von Schloß zu Schloß, und in seinen reifen Jahren sah man eine Präsidentin, eine Baronin und eine Marquise um die Wette alten Anstand bei Seite setzen, um ihn auf ihren üppigen Landsitzen zu beherbergen, zu bewirthen und zu lobhudeln. Er war mich ein zu guter Rechner, um nicht längst herausgebracht zn haben, daß Briefporto, Steuern und Einquartierung die Einkünfte deS davon Heimgesuchten nicht vermehren, und Halle er, der damals schon zwei Meilen Grund besaß, Klugheit und Einfluß genug, um sich von diesen drei lästigen negativen Erwerbsmitteln Befreiung zu erwirken. Und so hatte er denn endlich auch die Freude, Dankseiner Ausdauer und tausend zweibeinigen Künsten und Kniffen, sich an der Spitze von 140,000, sage einhundertvierzigtausend Livreö Renten zu sehen, etwa so viel, als sein berühmter College, unser Zeilgenosse, Herr Scribe zu Paris, sich mit eigenen und fremden Fingern zusammengeschrieben hat. Legen wir diesen Mammon nun mit den übrigen uns schon bekannten Vorzügen Voltaire'S in die eine Schaale, Edelmuth, Selbstverläuguung, Rechtschaffenheir und Frömmigkeit 'in die andere, und geben dann die Waage selbst in die Hand des Jahrhunderts, das mit bewuudernSwürdiger Gewandtheit bis an die Knöchel, was sagen wir? bis an die Kniee und höher im Schlamme watete, ohne seine Eöcapins und weißseidcne Strümpfe zn beschmutzen, so wird eS Niemanden auffallen, wenn jene von beiden Schaalen sinkt, diese in die Höhe geschnellt wird, und Jever wird die colossale Pyramide von Lorbeerkränzen begreifen. worunter der neue Krösus seine colossalen Schätze verbergen konnte. Was Hals's, daß Kritiker wie Frervn seine Schriften geißelten, Bischöfe das Anathem über sie ausspracken, Parlamente sie ver- mtheilten, Zollbeamte sie in Beschlag nahmen, der Henker sie verbrannte? Minister und Gesandte verschlangen sie, und schickten sie unter ihrem Couvert über die Gränzen, in alle Länder dießseitS und jenseits des MeereS, um alle Throne zu erschüttern, in allen Köpfen den Geist der Revolution aufzurufen und zn nähre». Wir haben uns nur auf eine Skizze von Volicüre'S Leben einlassen können, da hier zunächst sein Tod besprochen werden sollte. Wir erwähnen daher auch bloß, und zwar mehr um 311 uns selbst eine Brücke zu bauen, als um den Lesern etwas Neues zu berichten, daß er in srühern Jahren mehrmals aus Frankreich oder aus der Hauptstadt verbannt wurde. Diese Crilsperioden benutzte er zu freiwilligen oder gezwungenen Wanderungen nach Cvlmar, Liineville, Lyon zc, bis er sich zu TW'zeS und dann zu Ferney, beides in der Nähe von Genf, bleibend niederließ. Hier gründete er eine Kolonie von 12l)l1 Personen, worunter verschiedene Künstler, namentlich Uhrmacher, und sorgte väterlich für ihr Aufblühen und Gedeihen. Hieher ließ er auch die Enkelin Corneille's kommen, überhob sie aller Nahrungsqnalen, hielt ihr Lehrer für'S Nothwendige, wie für'S Angenehme, und veranstaltete zu ihrem Besten eine Subscription, woran fast alle Fürsten Europa'S Theil nahmen. Hier erlebte er die Demüthigung, daß Joseph II. Haller besuchte und ihn vorbeiging. Aber hier sollte er auch zu einem beispiellosen Triumphe nach Frankreichs Hauptstadt zurückberufen werden, und alle seine zerstreute Siegesbeute wie zu Einem großen Ehrendenkmal versammelt sehen. Dieser Feier, die Voltaire nur wenige Monate überlebte, wollen wir noch beiwohnen. Sie erfolgte im Jahre 1773, und der Gekrönte war also inzwischen ein vierundachtzigjähriger Greis geworden. (Fortsetzung folgt.) - , . „ ,, Kirchliche Notizen. Der Elberf. Ztg. wird aus Berlin geschrieben: „Wir haben bereits früher darauf hingewiesen, daß die barmherzigen Schwestern namentlich bei den hiesigen Innungen, mit denen sie vielfach Verträge in Betreff der Pflege der Kranken ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses abgeschlossen haben, in großem Ansehen stehen. Bei dem nicht geringen Mißtrauen, mit welchem sie Anfangs auS dem Grunde hier zu kämpfen hatten, weil man sie als Vorläuferinnen der Jesuiten betrachtete, ist die Gunst, welche die barmherzigen Schwestern sich bei den hiesigen V^lkSclassen im Allgemeinen erworben haben, eine bemerkenswerthe Thatsache. Die Zahl der hiesigen barmherzigen Schwestern wird, wie man hört, noch vermehrt werden." ^ « ^ Prag. Am 27. August wurde die Mission geschlossen, welche — in Böhmens Hauptstadt die erste dieser Art— vom 21. bis 27. dieß im k. k. Provincial-ZwangS- ArbeitShause auf dem Hradschin gehalten worden war. Es bctheiligten sich daran die Väter der böhmisch-deutschen Mission des Capuciner-OrdenS: P. AloiS (Superior), P. Bernard, P. Ubald, P. Theodor. Von 181 Eorrigenden und 150 Sträflingen blieb nicht Einer zurück Alle machten die ganze Reihe dieser geistlichen Exercitien mit und empfingen die Keiligen Sacramente der Buße und des AltarS, obschon die Theilnahme an dieser Mission Jedem freigestellt war. Ein unS über diese Mission zugehender Bericht hebt hervor, daß die meisten ihre Generalbeichten mit erhebender Zerknirschung und inniger Rührung verrichteten. Bei der Communion gingen die Beamten mit schönem Beispiel voran, indem sie sammt ihren Gemahlinnen die ersten zum Tisch des Herrn traten. Der ergreifendste Act war am Donnerstag die Abbitte vor dem hochwürdigsten Gute, welches in feierlicher Procession unter zahlreicher Assistenz von Capuciner-Priestern und unter Begleitung der Hauswache getragen und auf dem am Hofe eigens dazu errichteten Altar ausgestellt wurde. LauteS Weinen und AuSruse inniger Reue unterbrachen öfter die erschütternde Rede des Predigers. Eben so erhebend war Samstag die Kreuzweihe, der die Kreuzpredigt folgte. Die nachmittägigen deutschen, so wie die abendlichen böhmischen Predigten waren auch von vielen frommen Gläubigen auS der Stadt besucht. Seine Eminenz der Herr Cardinal Fürst Schwarzenberg, auf dessen Veranlassung diese Mission abgehalten wurde, hatte für den ganzen Stand des ZwangS-ArbeitShauses auS eigenen Mitteln Missions-Andenken und Rosenkränze anschaffen und jedem Einzelnen eine Zubesserung angedeihen lassen. » » .1'n !ti»»Ptt!>-tgKll!>>jt ^ .»5 y> n " ^iS ! 1U»NM» '^M^UiKtih ndu» äii>n' .s,i5, ., > >.-.,. - » « Wien. Eine Anzahl von Mitgliedern deS katholischen Gcsellenvereins von Wien, 52 an der Zahl, haben sich bei der Subscription zum Nationalanlehcn mit dem Ge- sammtbetrage von 5210 fl. betheiligt, welches um so lobenSwerther ist, indem dieselben unter den jetzigen Zeilverhällnissen nur einen geringen Wochenlohn beziehen und alle Lebensbedürfnisse sehr theuer sind. Es sind mehrere dabei, welche 100 bis 500 fl. gezeichnet haben. Dieselben übergaben ihrem Sebutzvvrstande die Kaution, um selbe für sie zu erlegen, welches auch sogleich bei der Filialcasse am Neubau geschah. » « » Mainz. Mit Ausnahme von ganz alten und kranken Priestern gibt cö in der Diöcese keinen Geistlichen mehr, der die geistlichen Ererciiien nicht mitgemacht hätte. Bei den zu Ende August hier abgehaltenen heiligen Uebungen, die P. v. Lamezan geleitet har, waren über 150 Priester gegenwärtig. Sogar ein ehrwürdiger, fast ganz erblindeter Greis, der immer geführt werden mußte, wohnte denselben bei. * 5 * Der Lieutenant im k. k. Kaiserjäger-Regimente, Graf von Mohr, welcher für eine glänzende Waffcnthat mit der großen goldenen Verdienstmedaille belohnt wurde, hat auf Pension und Medaillen-Zulage Verzicht geleistet und wird in den Orden der PP. Capuciner eintreten. _ Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlag«-ZuHaber: F. C. Bremer.