Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrger PojiMtung. 1. Oktober M- ^ 1854. . --- Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abo»uement«vrei« Tl) kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. Gegrüßt seyst du. Maria. Ein Röslein wundersam erblüht, Umwogt von Purpurschimmer; Vom reinsten Himmelsduft durchglüht, So lieblich wie wohl nimmer. Die Blümlein nahen all' im Kreis, Und sprechen sanft in ihrer Weis': Gegrüßt seyst Du, Maria! Von dieser Erde unversehrt, Bewahrt's die Hcrzensblüthen: Bleibt ganz allein zu Gott gekehrt, Die Liebe treu zu hüten. Um seine Blätter süß und lind, Melodisch spielt der Frühlingswind: Gegrüßt seyst Du, Maria! Ein ahnungsvoller Strahlenschcm Zieht durch der Seele Spiegel, Als ruhte in dem Hcrzensschrein Ein tlefverschloss'nes Siegel, Das nimmer seine Lösung fand, Weil es den Gruß noch nicht verstand, Gegrüßt seyst Du, Maria! Die abgelaufene englische Parlamentssession in ihrer Stellung zu den katholischen Interessen. (Schlnß.) Es ist zu hoffen, daß diese Abneigung einer großen Masse der englischen Protestanten, eben weil sie hauptsächlich auf Unwissenheit und Vornrtheilen beruht, allmälig abnehmen wirv; aber jetzt ist sie sehr stark. Im Parlamente sind solche Gegner der Kirche natürlich nicht so zahlreich, wiewohl eS deren gibt; aber zahlreich sind sie unter den Wählern, und es ist noch wohl in der Erinnerung, welchen Einfluß die antipapistische Aufregung auf die letzten Wahlen ausgeübt und wie gewissenlos und erfolgreich sie damals vielfach ausgebeutet wurde. Und leider gibt cS nicht 314 wenige Mitglieder des Unterhauses, denen persönlich alle konfessionelle Diskussionen sehr g!eichgiltig oder sehr zuwider sind, die aber sich dabei betheiligen oder wenigstens im antipapistischen Sinne stimmen, weil sie bei einem großen Theile ihrer Wähler dadurch in Gunst bleiben oder weil sie eS bei der Wahl ausdrücklich versprochen. Herrn ChamberS sagt man z. B. nach, seine Anträge und Reden gegen die Kloster seyen hauptsächlich für seine Wähler berechnet. Solche Gegner der Kirche mögen minder gefährlich oder wenigstens minder eifrig seyn, sie stehen sittlich viel tiefer als die erstgenannte Classe. — Es ist nicht zu verkennen, daß bei den Abstimmungen deS Parlaments über kirchliche so gut wie über andere Fragen Manche sich weniger von einer festen Ueberzeugung, als von Parteigeist leiten lassen. Die Erscheinung ist ja im parlamentarischen Leben Englands nicht selten, daß eine Maaßregel, welche die Regierung vorschlägt, bei der Opposition hauptsächlich darum auf Widerstand stößt, we>l diese eS für ihre Aufgabe hält, dem Ministerium Schwierigkeiten in den Weg zu legen. So haben auch in dieser Session offenbar manche Mitglieder der Opposilionsp>>r>ei für antipapistische Anträge gestimmt, weil sie von Spooner, Ncwdegale, Whiteside und andern Mitgliedern der jetzigen Opposition ausgingen und von Mitgliedern der Regierung bekämpft wurden; und von mehrern der jetzigen Minister, namenilich den Peeliten, ist wohl anzunehmen, daß sie entschiedener zu Gunsten mancher Fvrderungen der Katholiken auftreten würden, wenn sie nicht durch ihr Partei-Interesse dazu veranlaßt würden, Alles zu vermeiden, was der Opposition dem ohnehin schwachen Cabinet gegenüber Waffen in die Hände geben könnte. Blinde Vorurtheile und Partei-Interessen sind eS hauptsächlich, welche die Opposition gegen die Kirche unterhalten. Indeß hat die Kirche in England doch auch Gegner, die auf einem andern Standpuncte stehen. In wenigen Ländern sind Kirche und Staat rechtlich so enge miteinander verwachsen, wie in England; die englische Verfassung, wie sie sich in den letzten Jahrhunderten gestaltet hat, kann mit Recht eine protestantische genannt werden, sofern die anglicanisch-protestantische Confession darin als StaatSkirche im strengsten Sinne des Wortes, ja eigentlich nur als Departement der Staatsverwaltung erscheint. Die Bischöfe sitzen im Hause deS LordS, aber das Parlament ist auch in kirchlichen Dingen compelent, die jedesmaligen Minister ernennen die Bischöfe und ein halb geistlichis, halb weltliches Kollegium unter dem Vorsitz der Königin entscheidet in letzter Instanz in allen kirchlichen Fragen, sogar in Glaubenssachen. Zu diesem System paßt offenbar eine Gleichberechtigung der Katholiken und Difscnters mit den Anglicanern nicht, und die Katholiken-Emancipation war, so gerecht und nothwendig sie auch war, eine große der bestehenden Verfassung geschlagene Wunde. Der englischen Verfassung droht aber überhaupt jetzt von manchen Seilen der Untergang; im Parlamente wird der Radikalismus und der moderne Liberalismus immer mächtiger und fast mit jeder Session kommt die englische Verfassung ihrem Untergange näher. ES gibt im Parlamente Männer, welche diesen Proceß erkennen und vergebliche Anstrengungen machen, ihn aufzuhalten, und diese streiten darum consequenl auch gegen Alles, was dem „protestantischen" Charakter der Verfassung Gefahr droht. Ein sehr interessanter Repräsentant dieser Richtung war das frühere Parlamentsmitglied für die Universität Orford, Sir Robert JngliS. Er stimmte und sprach, wie gegen alle Neuerungen, so auch gegen jede den Katholiken zu machende Concession; aber Niemand konnte ihn einer eigentlichen Intoleranz oder einer ungerechten und unbilligen Gesinnung gegen die Katholiken beschuldigen; er galt für einen durchaus graden und ehrlichen Charakter; er sprach scharf und strenge, aber selten kränkend und beleidigend gegen die Katholiken, und war gewiß bereit, ihnen alle Concessionen zu machen, wenn sie nicht seiner Auffassung der englischen Verfassung widersprachen. Einen so reinen und consequcnten Vertreter hat diese Richtung jetzt im Parlamente nicht mehr; aber daß sie noch jetzt fortwirkt, ist nicht zu bestreiken, und mitunter wird der Gedanke wohl schon offen und klar ausgesprochen, daß die Verfassung auch in kirchlicher Hinsicht einer gründlichen Revision bedürfe. Manche treffende Gedanken neben einigem hohlen Raisonnement enthält darüber folgendes Bruchstück aus einer von ZZS Disraeli, dem Führer der „conservativen" Partei im Unterhause, am 3. August bei Gelegenheit der Maynooth-Debatte gehaltenen Rede: „. . . Wir haben n'ne DiScussion gehabt über die Frage, ob eine Dotation der römisch-katholischen Erziehung staltfinden solle, dann über den römisch-katholischen Eid, seine eigentliche Bedeutung, seinen Zweck und seine Tragweite, dann über die Anstellung von römisch-katholischen Caplänen für die Gefängnisse. Alle diese Fragen wurden von sogenannten unabhängigen Parlamentsmitgliedern angeregt, die auf verschiedenen Seiten deS HauseS sitzen und in der Regel in politischen Fragen nicht harmoniren. Ist eS möglich, gegen eme so auffallende Erscheinung blind zu seyn? Ich halte diese Fragen für sehr wichtig und glaube nicht, daß eS gut wäre, wollten wir die DiScussion derselben umgehen und unS bemühen, einer Lösung derselben auszuweichen. Was ist die Bedeutung aller dieser Fragen? Zu welchen Conscaueuzen werden sie führen? Sicher sind eS Fragen, welche von Staatsmännern ausS sorgfältigste geprüft zu werden verdienen. Mir scheint, ihre Bedeutung ist diese, daß das Land mit dem politischen StatnS nicht zufrieden ist, welchen unsere römisch-katholischen Mitunterthanen mit Bezug auf die protestantische Verfassung unseres Landes einnehmen. In welcher Form die Frage sich auch darbietet, das liegt immer zu Grunde und was wird die Folge davon seyn, wenn diese Unzufriedenheit auf so mannigfaltige Weise laut wird, in Diöcussionen über die Dotation römisch-katholischer Collegien, über die Interpretation römijch-katholischer Eide oder über die Anstellung römisch-katholischer Capläne? Was muß die Folge davon seyn, wenn solche Fragen stets controverS bleiben, ohne daß Jemand auftritt und die öffentliche Meinung über die Sache aufklärt? Die Folge kann nach meiner Ueberzeugung keine andere seyn, als innere Zwietracht, vielleicht Gewaltthaten und Unordnungen und eine grobe Verletzung des Princips der bürgerlichen und religiösen Freiheit ... ES darf nicht geduldet werden, daß in jeder Session eine wichtige Frage in Bezug auf das Verhältniß unserer römisch-katholischen Milunterthanen zu der protestantischen Verfassung unseres Landes aufgeworfen und nicht gelöst wird und ein Gegenstand der öffentlichen Cvntroverse bleibt, so daß jedes einzelne Parlamentsmitglied, welches auch seine politischen Ansichten im Allgemeinen seyn mögen, aufstehen und daS Volk ausregen und durch solche Discussionen den ganzen Gang der Staatsgeschäfte unterbrechen kann. Ich glaube, eS ist jetzt mit dieser Frage so weit gekommen, daß eS die Pflicht der Regierung ist, der Schwierigkeit entgegenzutreten nnd sie zu lösen und die Controverse zu entscheiden, welche in so vielen Formen und von so vielen Seiten ausbricht. Haben wir eine protestantische Versassung oder nicht? Wenn wir eine protestantische Verfassung haben, was bedeutet das? Möge die Regierung auftreten und durch Gesetze bestimmen lassen, welches die Funktionen, welches die Attribute, welches der Einfluß und welches die Tragweite dieser protestantischen Verfassung ist. Möge sich ein Jeder, Protestant und Katholik, darüber klar werden, welche Rechte und Privilegien er unter dieser Verfassung genießt, was er thun und was er nicht thun darf. Ich glaube, das ist eine Frage, die gelöst werden muß, daS sind Gegenstände, welche die Aufmerksamkeit der Staatsmänner verdienen, welche entschieden angegriffen und in befriedigender Weise erledigt werden müssen... Ich glaube, es ist die Pflicht der Regierung, nach gehöriger Ueverlegung und gehörigem Studium dieser Frage auszutreten und ein Princip festzusetzen, wonach die Rechte der Privilegien der Unterthanen Ihrer Majestät genau geregelt werden sollen^ die der Protestanten sowohl, wie die der Mitglieder der römisch-katholischen Kirche. Ich glaube, es darf nicht fast jeden Abend der Session darüber gestritten werden, ob die Römisch-Katholischen das Recht haben sollen, Klöster zu gründen, ob der Staat Collegien doliren soll zur Erziehung des Klerus, welcher nicht der KleruS deS Staats ist, ob der Eid eine Bedeutung hat, welchen die römisch-katholischen Mitglieder ablegen, oder ob die Bestimmungen über die Gefängnisse und andere Anstalten eine Verletzung der protestantischen Verfassung des Landes involviren oder nicht? Ich glaube, wenn man sagt, man wolle die protestantische Verfassung aufrecht halten, so vertritt man die Rechte der römisch-katholischen Unterthanen Ihrer Majestät 316 eben so gut, wie die Ihrer protestantischen Unterthanen. Ich halte die protestantische Verfassung für die Bürgschaft der bürgerlichen und religiösen Freiheit des Volkes, und weil ich diese Ueberzeugung habe, so glaube ich, wenn die Regierung ihre Pflicht versäumt und wenn diese Bruchstücke der Frage zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion und der parlamentarischen Debatte gemacht werden, wird das Resultat eine starke Beeinträchtigung der bürgerlichen und religiösen Freiheit seyn." Aber wer unter den englischen Staatsmännern darf sich getrauen, eine Lösung dieser Frage zu versuchen? Wenn Disraeli Lord John Russell vorschlägt, so ist das wohl nur bittere Ironie, und auch unter den andern Wortführern beider Parteien wüßte ich keinen, der einer solchen Aufgabe gewachsen wäre. Der Tod Voltaire'S. - (Fortsetzung.) In der „französischen Akademie", wo Voltaire'S Porträt über dem Präsidentenstuhl prangte, worein er sich setzen mußte, und in der „Comödie Fran?aisc" wurde er mit fast göttlicher Verehrung gefeiert. Wir wollen darüber den deutschen Baron und französischen Journalisten Grimm hören, der diesen doppelten Empfang beschreibt: „Nein," sagt er, „ich glaube uicht, daß Geuie und Schristenihnm je einen schmeichelhafter» und ergrcifendern Triumph erlebt haben, als der war, der Herrn von Voltaire hier zu Theil wurde. Dieser hochberühmtc GreiS erschien heute zum ersten Mal in der Akademie und im Theater. Hinter seinem Wagen wogte bis in die Höfe des Louvre eine zahlreiche Menge Volks, die ihn sehen wollte. Alle Ein- und Zugänge der Akademie waren von Menschenschwärmen umlagert, die sich langsam öffneten, um den Gefeierten durchzulassen, und dann mit Jubel und Beifallöäußcrungen hinter ihm herstürzten. Die Akademie kam ihm bis inS erste Vorzimmer entgegen, eine Ehre, die noch nie einem Mitglied wiverfuhr, ja, nicht einmal fremden Fürsten, die ihren Sitzungen beizuwohnen gekommen waren. Er mußte sich auf dem Sessel des DirectorS niederlassen und ward durch einstimmige Wahl zu dieser binnen Kurzem erledigt werdenden Ehrenstelle erhoben. Ot'schon der Gebranch in solchem Falle das Loos vorschreibt, so hielt diese gelehrte Gesellschaft eS doch mit Recht für angemessen, zu Gunsten eines großen ManneS davon abzusehen, und sie entsprach dadurch wirklich dem Geiste und der Al'sicht ihres Stifters. Hr. v. Voltaire hat diese Auszeichnung sehr dankbar entgegengenommen. Die Versammlung war möglichst zahlreich; doch inuß man die dem Hrn. v. Voltaire hier dargebrachten Huldigungen nur als Vorspiel zu denen ansehen, die ihn im Nationaltheater erwarteten. Seine Fahrt tiuS dem Louvre in die Tuilerien glich einem öffentlichen Triumphzuge. Der ganze unermeßliche Prinzenhof bis zum Eingange deS CcirroufselS war mit Menschen angefüllt; nicht geringer war der Zulauf auf der Gartenterrassc, und in dieser Menge fand jedes Geschlecht, jedes Alter und jeder Stand seine Repräsentanten. Sobald man den Wagen in der Ferne ansichtig wurde, erhob sich ein allgemeines Freudengeschrei; Zurufen, Händeklatschen, Entzücken nahm in dem Maaß zu, wie er näher kam; und als man nun den ehrwürdigen Greis selbst erblickte, als er, auf zwei Arme gestützt, auöstieg, da erreichte die Rührung und Bewunderung ihren Gipselpuuct. DaS Volk drängte sich zu ihm hin; es drängte sich aber mehr, um ihn vor dem Zudrang zu schützen. Jeder Eckstein, jeder Schlagbaum, jedcS Fenster war mit Zuschauern besetzt, und kaum hielt der Wagen still, so stieg man oben darauf oder auf die Räder, um die Gottheit besser in der Nähe zu sehen. Im Schanspielhause schien die Begeisterung deö PublicumS, von der man glaubte, daß sie nicht weiter gehen könne, sich auf's Doppelte zu steigern, als Herr v. Voltaire in der Loge der Kammercavaliere über dem Erdgeschoß zwischen den Damen Deniö und von Vill-tte Platz nahm und Herr Brizard nun einen Lorbeerkranz brachte, den Frau von Villeite dem großen Mann auf's Haupt setzte, dieser ihn aber gleich wieder herabnahm, 317 obschon das Publicum dieß unter betäubendem Klatschen und Geschrei abwehren wollte. Alle Frauenzimmer standen. In den Gängen war es noch voller, als in den Logen. DaS ganze Schauspielerpersoual trat vor dem Aufziehen deS Vorhangs an den Rand der Bühne. Man erstickte einander sogar am Eingange in'S Parlerre, wohin mehrere Damen, die anderwärts keine Plätze finden konnten, hcrabgestiegen waren, um nur ein paar Secunden den Gegenstand so vielseitiger Anbetung zu sehen. Schon sah ich den Augenblick kommen, wo der Theil deS Parlerre unter den Lo.M niederkmeen würde, weil ihm in seiner Verzweiflung kein anderes Mittel zum Sehen übrig blieb. Der ganze Saal war eine Staubwolke, von der Ebbe und Flulh der wogenden Menge aufgewirbelt. Diese Begeisterung, diese Art allgemeinen Wahnsinnes dauerte über zwanzig Minuten, uud den Schauspielern gelang eS erst nach vieler Mühe, das Stück ansangen zu können. Es warHrene; nie wurde einem Drama weniger Aufmerksamkeit und zugleich mehr Beifall geschenkt. Als der Vorhang fiel, neues stärkeres Zurufen, neuer doppelt lauter Beifall. Der edle Greis erhob sich, um dem Publicum zu danken, und kaum eine halbe Minute darauf sah man mitten auf der Bühne ein Postament, auf dem Postament daS Brustbild deS großen ManneS, alle Schauspieler und Schauspielerinnen im Halbkreise um die Büste herum, mit Laubgewinden und Kränzen in der Hand, alle Laien, die in den Coulissen gestanden hatten, hinter ihnen, und ganz in der Vertiefung der Bühne die Garten, welche im Trauerspiel aufgetreten waren, Brizard setzte den ersten Kranz auf die Büste; die Andern folgten dann Brizard'S Beispiel, und nachdem sie dieselbe so mir Lorbeer und, wie Einige behaupten, mit Küssen bedeckt hatten, trat Madame VeslriS bis an den Rand vor, um dem Gott des Festes selbst ciu Gedicht vorzutragen, daö vom Publicum mit ranschendcm Beifall aufgenommen wurde, vermuthlich deßhalb, weil cS darin einen Anklang seiner eigenen Gefühle wiederzufinden glaubte. ES mußte wiederholt werden, und in einem Nu waren tauseud Abschriften davon im Umlauf. Die Büste blieb mit ihrer Lorbeerlast auf der Bühne stehen. Der Augenblick, wo Herr v, Voltaire das Theater verließ, schien noch rührender, als der seiner Ankunft; die zweifache Last der Jahre und der Siegesiränze, womit man sein Haupt beladen Halle, schien ihn niederzudrücken. Man sah ihm die innere Rührung an: seine Anzcn funkelten noch durch die Blässe des Gesichts hindurch, aber man glaubte wahrzunehmen, daß sein Athem nur vom Gefühle seines Ruhmes uuierhalten wurde. Die Frauenzimmer hallen sich auf beiden Seilen aufgestellt, sowohl in den Gängen als ans den Treppen, um ihn zwischen durchzulassen; sie irrigen ihn gleichsam in ihren Armen, uud so gelaugte er zum Krrschenschtage. Vor der Thüre des Schauspielhauses hiell man ihn so lange als möglich auf. DaS Volk schrie: „Fackeln, Fackeln! damit Jeder ihn sehen kann'." AIs er im Wagen saß, drängte sich das Gewühl um idn herum; man stieg auf den Tritt, hängte sich an die Schläge, um ihm die Hände zu küssen. Man bar den Kutscher, Schritt zu fahren, damit man beibleiben könne, und so begleitete ihn ein Theil des Volkes bis znm Pvnt-Royal. Die Eifrigsten suchten seine Kleider zu berühren, seine Hände zu küssen, seine Pferde zu streicheln; in einem Anfinge von Inbrunst wollten sie die Pferde ausspannen und den Wagen selbst ziehen, der für diese festliche Veranlassung bestellt zu seyn schien; denn er war himmelblau uud ganz mir gvldcnen Sternen besäet, genau wie der Wagen des EmpyräumS. Der Grabstichel blieb auch nicht müß g, uud alle Scenen von Voltaire'S Krönung wurden durch ihn für daS Auge gefesselt." — Man ward'S nichr müde, ihn zu sehen, zu feiern, zu verherrlichen. Man halte ordentlich den Narren an ihm gefressen, sprach von nichts als von ihm, und überhäufte ihn bis zum Uebermacrß mit Besuchen nnd Gedichten. DaS Volk stand harrend vor seiner Thür und auf den Quais, um seiucr Gegenwart froh zu werden. DaS Jncognito war für ihn zur Unmöglichkeit geworden. Er mochte sich in'S Theater oder in die Akademie begeben, alle Well zog hinter seinem Wagen her, den man schon in der Ferne erkannte. Ging er zu Fuß aus, so lockte sein sammrner Rock, sein Pelzwerk, besonders aber seine ungeheure schwarze Perrücke, die ihres Gleichen nur in der von Bachaumont hatte, alle Buben des Stadtviertels herbei; sodann die 318 Savoyarden, Bnchertrödlcr, Fischweiber, Maiilaffen jeder Art; sie ließen nicht von ihm ab, folgten ihm wie sein Schatten, umringten, drängten ihn, und schrieen ihn fast taub mit ihren Vivats. Sie brachten ihn auch zu dem Geständniß, eS gebe keine „Welches" (Wälsche) mehr, und die Franzosen seyen wieder aus dem Grabe erstanden. (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Notizen. BreSlau. DaS Hirtenschreiben deS hochw. Herrn Fürstbischofs, in welchem der Klerus zu einer am 26., 27. und 23. September abzuhaltenden Diöcesan-Conferenz eingeladen worden ist, lautet in deutscher Uebersetzung: „Heinrich, durch GotteS Erbarmung und deS heiligen apostolischen Stuhles Griade Fürstbischof von BreSlau zc. zc, dem ehrwürdigen Klerus der Diöcese Gruß und Segen in dem Herrn. Wo Zwei oder Drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen, sag» JesuS seineu Jüngern in jener denkwürdigen Stunde, in welcher er ihnen die vertrauensvolle Schlüsselgewalt übergab. Wenn dieß einer jeden Versammlung, welche im heiligsten Namen deS Weiterlösers statt hat, versprochen worden ist; um wie viel mehr, werden wir sagen, erstreckt sich diese hockst trostvolle Verheißung auf die Versammlung derer, denen der Herr besohlen, die Kirche zu regieren und das heilige, heilbringende, von ihm vollbrachte Werk durch alle Zeilen fortzusetzen. Daher anerkannten die zu Chalcedon und Konftantinopel im heiligen Geiste versammelten Väter mit vollem Recht, daß man mit dem festesten Glauben an jenen Worten hängen, und von da den himmlischen Segen zur Vollendung deS unternommenen Werkes erwarten müsse: eben so sprachen eS die Bischöse auS, als sie die Priester zu den von der Kirche so weise eingesetzten Synoden beriefen, man müsse wegen eben derselben Verheißung Jesu Christi in vertrauensvoller Gesinnung heilsamen Erfolg hoffen. Und der heilige CaroluS BorromäuS sagt: „Um wie viel mehr wird er in der Mitte von nicht Zweien, sondern von mehr als neun Hunderten seyn, und zwar nicht auS jeder beliebigen Classe der Menschen, sondern von seinen Priestern, die in seinem Namen vereinigt sind? Wenn wir in derselben Gesinnung geeint, dasselbe zugleich athmen, wenn wir all unsere Zwecke und Absichten zur Erreichung seiner Gnade und seines heiligen Geistes einrichten werden?" u. s. w. So lange daher die Diöcesan-Synoden ihrer Einrichtung gemäß, d. h. alljährlich abgehalten wurden, blühre die lodcnSwerlhe kirchliche Ordnung: während seit ihrer Vernachlässigung nicht nur der kirchliche Eiser seinen Nerv zu verlieren begann, sondern auch das kirchliche Leben sowohl der Laien als auch der Priester ermattet ist. AuS diesem Grunde beschloß die heilige Synode zu Trient, die Diocesan-Synoden sollen alljährlich abgehalten werden; auch alle Erempten, welche sonst, auch ohne Eremption beiwohnen müßten, und nicht den General-Capiteln untergeben sind, sollen gehalten seyn, bei ihnen zu erscheinen. Fürwahr! den Bescklüssen deS heiligen Concils fehlte nicht der heilsamste Erfolg. Ein neues Leben erwachte in der Kirche. Vorzüglich aber sind eS zwei große Kirchenfürsten gewesen, von denen der Eine durch sein Umschreiben an die Bischöfe, der andere durch sein Beispiel in der Wiedereinführung der Synoden sich auszeichnete, die HH. PiuS V. und CaroluS BorromäuS, welcher letztere durch die achtzehn Jahre seiner kirchlichen Regierung sechs Provincial- und eilf Diöcesan-Synoden abhielt. Wie viel Mühe überhaupt in jeder Zeit und später bis zur Mille deS ISten Jahrhunderts die deutschen Bischöse sowohl als die Kleriker in der Abhaltung der Synoden angewandt haben, bezeugt die von Harzheim besorgte Concilien-Sammlung. Seit der Mitte des Igten Jahrhunderts aber hinderten die Macht der falschen Philosophie und viele äußere Drangsale sowohl die gesammte Regierung der Kirche, als auch den Eifer in der Abhaltung der Synoden so sehr, daß weder die Ermahnungen deS Papstes Benedict XIII. noch daS berühmte Buch BenedictS XIV. über die 319 Diöcesan-Synode die Hindernisse überwinden konnten. Und obwohl zu Ende deS t8ten Jahrhunderts der berühmte Bischof zu Baltimore, Johannes Caroll, Diöcesan-Synoden versammelte, so folgte doch Europa seinem Beispiele wenig, am wenigsten Deutschland. Gcliebteste Brüder! eS bedürfte gewiß schwerer Strafen und furchtbarer Heimsuchungen, damit unsere Kirche jene Freiheit und Kraft wieder gewönne, welche den Berathungen und Beschlüssen der zu Würzburg versammelten deutschen Bischöfe plötzlich erschien. Von da vernahmen wir folgende Wort?: „So wie wir selbst auf Provincial-Synoden zusammenzukommen beabsichtigen, eben so werden wir, geliebteste Brüder, auch Euch — zu unserer Freude — nach unserer Bestimmung zusammenberufen, auf daß wir die von Alters her von der Küche eingesetzten Synoden wieder herstellen, damit durch sie das heilige Band zwischen den Bischöfen und ihren Priestern fester und inniger geknüpft, die an vielen Orten verfallene kirchliche Ordnung verbessert und wir selbst durch die gemeinschaftlichen Gebete und Berathungen gekräftigt wurden, um unser schweres und ernstes Amt zu Gottes Ehre und zum Heile der Gläubigen zu verwalten." Indessen traten der Ausführung dieser Bestimmungen bis zu diesem Tage vor Allem zwei Hindernisse in den Weg: das eine, daß die Provincial-Concilien, welche nach der kirchlichen Anordnung den Diöcesan-Synoden vorangehen und sie vorbereiten sollen, nicht erneuert werden konnten, das andere, daß die Verhältnisse unserer Zeit eine gewisse Furchr einflößen, welche auch den heiligen Vater mit Besorgniß erfüllte. Denn nachdem unser Papst, Pius IX,, den Gott lieben, erhalten und leiten wolle! die Bischöse der Würzburger Versammlung gebührend belobt, verschweigt er ihnen nicht, indem er die alte Einrichtung, der gemäß die Diöcesan-Synoden durch die Provincial-Concilien vorbereitet werden sollen, ins Gedächtniß zurückruft, warum er bei Unterlassung der letzteren für die Abhaltung der Diöcesan--Synoden besorgt sey. Diese mit so väterlichem Herzen und so weise angedeuteten Besorgnisse dürfen unS nicht unbedeutend erscheinen, obwohl sie sich schwerlich auf unsere Diöcese erstrecken. Wie daher Unser erhabener, in Gott ruhender Vorgänger, dessen Andenken von UnS immer in Ehren gehalten werden muß, für jetzt wenigstens die Diöcesan-Synoden nicht glaubte abhalten zu dürfen, eben so werden Wir auch in gebührender Rücksicht auf den vom heiligen Vater ausgesprochenen Willen, das Bei'piel deS Vorgängers nachahmen, bis der heilige Stuhl erklärt, daß jene Besorgnisse geschwunden sind. Weil aber Unsere Diöcese bei einer so großen Ausdehnung und einer so schwierigen Lage der Dinge der heilsamen Früchte, welche aus den Synoden und ihren Berathungen sowohl der Bischof als der Klerus und die gesammte Heerde zu gewinnen pflegen, insbesondere bedarf: so haben Wir Tage und Nächte nachgedacht über einen Mittelweg, auf dem Wir sowohl dem Wunsche deS heiligen Vaters ehrfurchtsvoll genügen, als auch jene wünschenSwerthen Vortheile erreichen. Nachdem Wir also lange und vielfach mit Gott und unserm Gewissen UnS belachen und den Rath Unsers geliebten Capitels so wie die Ansichten weiser Männer und der erhabensten Kirchenfürsten vernommen haben, beabsichtigen Wir die ErzPriester der ganzen Diöcese zusammenznberufen, damit in dieser Versammlung sowohl Wir selbst unsere Wünsche und Bestimmungen deutlicher zu erklären Gelegenheit haben: als auch die Erzpn'ester einfacher und bündiger aussprechen können, wiS Noth thue und waS der KleruS und die gesammte Heerde meine. Ans diese Weise, hoffen Wir, wird der gerade Weg zur Erneuerung der Diöcesan-Synoden leichter gebahnt werden. Obwohl Wir in diesem ersten Jahre Unsers schweren Episkopates mit Arbeiten zu sehr überhäuft, durch verschiedene Sorgen fast erdrückt, in bittere Kämpfe sogar verwickelt, kaum einsehen, wie Wir überhaupt dieser abzuhaltenden Diöcesan-Berathung genügen können, so wollen Wir doch die Ausführung Unsers Vorhabens nicht auf weiterhin verschieben, sondern, im Vertrauen, daß Gott mit seiner Hilfe beisteht und die Angelegenheit zu einem guten AuSgange führt, noch in diesem laufenden Jahre ins Werk setzen. Falls ihr, Brüder, nach den Ursachen fraget, warum Wir so glauben eilen zu müssen, so können wir mehrere anführen. Zunächst drängt die eilende Zeit mit ihren Zeichen, und Niemand, der seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, ist tauglich zum Reiche GotteS. Sodann: obwohl 320 die Schickungen des Himmels ein neues Leben in Unserer Kirche angeregt haben, so bleibt doch MehrereS anders und besser zu thun. Vieles einzurichten, Vieles zu verbessern übrig. Da serner die Widersacher der Kirche, ausgerüstet mit der Weisheit dieser Welt, mit Macht und Hilfsmitteln, mit einer wunderbaren Emsigkeit wirken, so geziemt nothwendigerweise den Zionswächtern mit gemeinschaftlicher Kraft und Weisheit zu widerstehen. Endlich muß das Band, durch welches sowohl die Presbyter mit dem Bischof, als der Bischof mit den Presbytern verbunden seyn sollen, durch Verkehr und Rücksprache fester und enger geknüpft werden, sobald eS durch die Ungunst der Zeit schlaffer geworden ist. Unter diesen Umständen beabsichtigen Wir mit Gottes Hilfe zum Ende des Monats September, in welcher Zeit die Visitationen und Convente der ArchipreSbyterate beendigt seyn und keine kirchlichen Feste eine Anwesenheil in den Parochien erheischen werden: mit Unserem Capitel und General-Vicari.itSamte alle Commissarien, Erzpriester und Schul-Inspektoren in einer Woche, deren Anzeige Wir für eine andere Zeit vorbehalten, durch drei Tage bei Uns zu versammeln, um gemeinschaftlich zu berathen: was uns Priestern selbst in dieser Zeit Noth thut, damit wir im Angesichts Gottes und der Menschen so leben und arbeiten, um als treue Diener Jesu Christi befunden zu werden. Was in der kirchlichen Ordnung im Cnlruö bei Verwaltung der Sacramente, den Predigten, der Katechese und Anderem heilsam scheine? Wir vertrauen, daß diejenigen, welche wir mit Liebe und Verirauen rufen, gleichfalls mit Liebe und Vertrauen kommen, und, falls sie rechtmäßig verhindert sind, auö ihren Archipresbyteraten erwählte Priester als Stellvertreter senden werden. Wir hegen außerdem das Vertrauen, daß wenn Einige sehr arm seyn sollten, ihnen die Reise- und Ausenlballökosten von den Geistlichen der Cirkel, zu denen sie gehören, ersetzt werden. Wir haben endlich das Vertrauen, daß sie zu einer so ernsten und heiligen Sache mit Bewahrung des klerikalen AnstandeS kommen, und nicht in off ntlichen Gasthäusern, sondern in Privathäusern einkehren werden. Wir selbst, die Canonici, die Geistlichen an der Kathedrale, der ehrwürdige Stadlklerus werden in unsere Wohnung gastfreundlich ausnehmen, so Viele wir werden aufnehmen können. ES erübrigt, daß wir das, was wir im Namen des Herrn angefangen, in dem Geiste verfolgen, dem Gott einen gute» und heilsamen Erfolg nicht verweigert. Indem Wir UnS seine Gnade und Hilfe erflehen, erbitten Wir Euch Allen den göttlichen Segen und Frieden. Breslau, am Tage deS heiligen Heinrich 1854. Heinrich. n»'anll«jIr.'nK -in» nvlu»'"^'' -!>^ Aus zchZ^s» .«ck>Ä?n kniaLilml i^t ',-i^i ,1 ), >"v"' > „-^ ^ V Posen, 15. Sept. Dem Vernehmen nach werden gegenwärtig von unserer erzbischöstichen Domgeistlichkeit die nölhigen Vorbereitungen getroffen, um der, wie eS heißt, schon seit längerer Zeit beabsichtigten Wieberherstellung einiger Klöster in unserer Provinz näher zu treten. Bekanntlich wurden alle Klöster im Großherzoglhum Posen mit Ausnahme deS der Krankenpflege gewidmeten Klosters der barmherzigen Schwestern unter der früheren Regierung nach und nach aufgehoben. Auch in unserer Provincialhauptstadt wird der Versuch mit Errichtung eineö NvviziatS des Resonnaten- ordenS gemacht werden, wozn bereits zwei Klostergeistliche anS Westfalen hier erwartet werden, welche ihre Wohnung vor der Hand in dem frühern Karmeliierkloster nehmen sollen. Ein Abgeordneter dieses Ordens war unlängst schon hier anwesend, um die nöthigen Verabredungen und Einleitnngen zu diesem Behuf zu treffen. Man rechnet dabei ans reichliche Unterstützungen der hiesigen frommen Katholiken, da die Unterhaltung der Klostergeistlichen vorläufig nur durch Sammlungen beftrilten werden kann. Der Gehcimeralh Antike, welcher in unserm Kultusministerium die katholischen Angelegenheiten bearbeitet, weilt gegenwärtig in unserer Stadt und hat bereits mehrfache Konferenzen mit unserm Erzbischos gehabt, welche, wie verlautet, die kirchlichen Angelegenheiten der Provinz betreffen. .NN^üsnv ;i5?ikm ?'iN n»inäi <»'s ^. lnlsül« Uj> inin l!i6!ir>!H vs'liK m:nk