Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 15. October ^ ^2. ^854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Touutage. Der halbjährige Abou»ementsvre!« TV kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhaudluogen bezogen werde» konr. Pilgerlied. Der Himmel ringsum ist so trüb', Das Herz voll Traurigkeit; Wir blicken bang und sorgenmüd' Auf die bedrängte Zeit. Wir schauen nach dem wahren Glücke, Nach der ersehnten Rettungsbrücke, I» dunkle Fernen weit. Und immer düstrer wird der Schmerz, Kein Stern durch Wolken bricht; Nach Licht sich sehnet unser Herz, Doch ach, wir finden's nicht. Wo ist aus diesen Nebclgründen Ein sichrer Ausgaug noch zu finden, Aus Nacht zum Sonnenlicht? Nur hier und dort ein Schimmer glüht, Doch flüchtig wie ein Traum; Wir sind so arm, so erdenmüd', Warum? — wir wissen'S kaum. Durchleuchte Du, o Jungsrau hehre! Die Herze», ach, so glaubcnslecre, Im öden Weltenraum. Das Erdendunkcl Du erhell' Mit Deinem Licht so rein; O leuk' des Himmels Gnadenquell In diese Welt hinein. Enthülle Du die Truggestalten, Laß an der Wahrheit fest uns halten, Au Deinem Sternenschein. 33V Kirchen und kirchliche Bauwerke an den heiligen Stätten des Morgenlandes. Bon Prisac, I. Jerusalem. Die heiligen Stätten deS Morgenlandes, und namentlich jene von Jerusalem und Bethlehem, haben sowohl wegen ihrer Wichtigkeit an sich, als wegen der wichtigen diplomatischen Streitsragen, die sich neuerdings daran knüpfen, augenblicklich wieder die Aufmerksamkeit und Theilnahme von ganz Europa, so wie eines nicht unbedeutenden Theiles von Asien erregt. Wir gedenken aber hier nicht, den dunkeln Vorgängen einer byzantinischen Politik zu folgen, oder von der andern Seite die wohl verbrieften und begründeten Rechte der Katholiken in Bezug auf jene Fragen zu schildern, sondern wir halten uns diesmal an dem Architektonischen, Künstlerischen und Kunstgeschichtlichen. So müssen wir aber gleich Anfangs bemerken, daß jener bekannte Spruch: „Wo der Türke seinen Fuß hinsetzt, da wächst kein Gras mehr," nicht bloß auf die morgenländischen Zustände im Allgemeinen, sondern auch vorzüglich hier paßt. Kommen Sie nach dem heiligen Lande, so sehen Sie nichts als Ruinen, es umgibt Sie nichts als Trauer und Elend. Die Natur selbst scheint sich umgeändert zu haben und unter dem Fluche zu seufzen. Nur hier und da scheint die Hand Gottes wieder durch, und Sie können sich überzeugen, daß Sie sich doch noch immer in dem gelobten Lande befinden. Schwerlich möchten Sie einen Teppich bunter und prächtiger wirken, als die Blumengcfilde jener Lande, die Sie ans allen Wegen und Stegen antreffen. Nichts gleicht ihrer Farbengluth, und es ist nicht umsonst gesagt, wenn Salomo in seiner königlichen Pracht von der Herrlichkeit und Schönheit der Lilien und Blumen der Felder spricht. Das Getreide in Galilää und Samaria trägt hundertfältig, wie eS im Evangelium steht; aber in den duftigen Blumen, in dem Tymian des Carmel keine Biene, in dem schönen Getreive riesenhohe Disteln, Stengel an Stengel, die Mann und Pferden wie hohes Strauchwerk über den Kopf gehen, und das Land der Verheißung, das einst von Milch und Honig floß, hat keine Landbewohner, die es bauen, wenige Städte, nur hier und da einige elende Steinhütten, die ein stinkendes »Dorf bilden, vor dessen Wohnungen man den Kameelmist als Brennmaterial anhäuft, aber desto mehr Ruinen und darunter Ueberbleibsel der prächtigsten und schönsten Bauwerke, die eS nur geben kann, und zwar aus jener Periode, die wir für die beste der christlichen Zeitrechnung halten. Denn die abendländischen HeereSzüge kamen in dem Anfange ihrer Kreuzfahrten schon mit großen Bauerfahrungen und mit Begeisterung dorthin, und überall, wo sie irgend einen in der heiligen Schrift durch Erinnerung an den Heiland, seine seligste Mutter oder die Apostel geweihten Ort fanden, erbauten sie auch eine Kirche und neben der Kirche zur Wahrung deS Dienstes ein Kloster. Es war aber damals noch die blühende Periode des 12ten und 13ten Jahrhunderts, und nirgends fand sich besseres Material als in dem an prächtigen Bausteinen so reichen Palästina. Mitunter waren freilich die Zeiten drangvoll, und wurde bei Befestigung der Städte in einer solchen Noth in einer Weise verfahren, die wir keineswegs billigen wollen und die wir hier um so weniger zu rechtfertigen haben, als sie bei keinem Kirchengebäude in Anwendung kam, sondern nur an Schlössern und Hasenwerken, wie in Cäsarea, Laodicea, Rhodos u. a,; nämlich man setzte die köstlichen Säulen von ägyptischem Granit, Gallo antico, Rosso antico, oder noch prächtigerem Materials, die man aus dem Alterthume vorfand, wie rohe Bausteine als Querlage ein, also daß der Ritter Joinville in seinen Memoiren sich wohl nicht so ganz mit Recht wundern konnte über die Schnelligkeit, womit der heilige Ludwig Cäsarea ausbaute. Im Kirchenbau verfuhr man ganz anders, und schon gleich beim Eintritte in das heilige Land beweisen die schönen Ruinen an der Kirche des heiligen Georg in Lydda, daß hier und da die durch das Christenthum verherrlichte germanische Zeit in seinen edelsten Formen gewaltet. Dazu kommt noch, 331 daß jene Ruinen außer einer gewaltsamen Zerstörung fast gar nichts gelitten von dem Zahne der Zeit, so frisch und ucn sind sie in ihrem glänzenden goldgelben Farbentone, als wären sie erst heute geschaffen^ so scharf und kantig ist AUeS. Doch wir gehen nun zu den Einzelheiten über, und zwar zunächst zu den bedeutendsten und wichtigsten von Jerusalem. EusebiuS berichtet in seiner Kirchengeschichte, daß die heilige Helena bei ihrer Anwesenheit in Palästina die heiligen Orte nicht bloß von dem Schmutze und der Entweihung des Heidenthums gereinigt, sondern auch allenthalben, namentlich in Jerusalem und Bethlehem, prächtige Kirchen an den heiligen Stätten errichtet. Die von ihr errichtete Kirche von Jerusalem hatte namentlich vielen Einfluß auf die spätere Bauweise von Byzanz. Als aber die Kreuzfahrer am 15. Juli 1099 Jerusalem erobert und TagS darauf die heiligen Stätten gereinigt, fanden sie die von der heiligen Helena erbaute Kirche, die bereits im 9ten Jahrhundert von Hakem zerstört worden, nicht mehr vor. Aber der Erzbischos Wilhelm von TyruS erzählt in seinem „Buche der Eroberung", wie die Kreuzfahrer unter der Oberleitung deS frommen Gottsried von Bouillon, der eS sogar verschmähte, da eine goldene Krone zu tragen, wo der Heiland unter einer Dornenkrone geblutet, gleich daran gingen, ihrem Erlöser einen neuen Tempel über dem Orte seiner Auserstehung zu erbauen. Sie zogen aber damals alle durch sein Leiden geweihten Stellen, welche sich in der Nähe deS heiligen Grabes fanden, nach der Erzählung deS gedachten Wilhelm von TyruS, also nicht nur den Kalvarienberg oder die Schädelstätte, die Stelle, wo der Heiland vor seiner Grablegung von Nicodemus und Josepb von Arimathia in Leintücher gewickelt und gesalbt wurde und welche gegenwärtig noch unter dem Namen deS SalbungSsteiueS bekannt ist, sondern auch den Kerker deS Heilandes, wo er so lange verweilt, bis Alles zu seiner Hinrichtung fertig war, den Ort der Kleiderveriheilung, der Kreuzaufsindung durch die heilige Helena und sonstige geweihte Stellen, vielleicht auch noch ein paar Stan'onen, da der Kreuzweg sich in Spirallinie um den Kalvarienberg herumwand, jener aber zum Zwecke deS Baues schon in den Zeiten der Helena mit Ausnahme jener, die als besonders geheiligte unberührt blieben, wie der Ort der Kreuzigung und Kreuzausrichtung, geebnet wurde, in die Kirche mit hinein. Sie muß nach einzelnen Ueber- bleibseln höchst prächtig gewesen seyn. Leider ist aber von ihrem Bau gegenwärtig nur noch wenig vorhanden. Sie hatte zwei Kuppeln und war in der Form einer Ellipse erbaut. Unter der größern Kuppel befand sich daS heilige Grab. Die von den Kreuzfahrern im Anfange deS 12ten Jahrhunderts erbaute Kirche stand noch bis zum Jahre 1808, wo das christliche Europa unter dem Joche der kirchenfeindlichen Revolution und namentlich auch eines Zwingherrn seufzte, der trotz seiner prahlerischen Ansprüche auf seine Verdienste um die katholische Religion bei seiner Anwesenheit in Asien den dortigen Katholiken viel geschadet und eben damit beschäftigt war, daS Oberhaupt der Kirche gefangen zu nehmen. Die von Europa, namentlich von Spanien und Oesterreich, verlassenen Katholiken im Morgenlande litten bald die höchste Noth. Den Grie« chen, die auf den reichen Schutz Rußlands rechneten, war dieß nicht unbekannt, und sie suchten eine Gelegenheit wahrzunehmen, zu dem längst erstrebten Besitze deS heiligen GrabeS zu gelangen. Da wurde Jerusalem plötzlich in einer Nacht von dem Brande deS heiligen Grabes aufgeweckt. Die Flamme knisterte zuerst in der Capelle der schismatischen Armenier, sie ergriff dann die Kuppel, welche in ihren Trümmern auf das heilige Grab stürzte, und was sonst der Zerstörung noch fehlte, fügten die geschäftigen Hände der Griechen hinzu, die zu einem solchen Werke schon in Bereitschaft standen. Da mußte beim vor Allem jedes Andenken deS Abendlandes vernichtet werden. Das Grab Gottfrieds von Bouillon blieb, wie der FranciScaner-Cvnvent, von dem Feuer verschont; auch das heilige Grab hätte noch erhalten werden können, aber die Griechen zerstörten, was sie zerstören konnten, weil sie wußten, daß die Latein« zum Neubau keine Mittel und keine Hilfe hatten und nach türkischem Recht, mit Beseitigung aller weiteren Ansprüche, dem die Kirche gehört, der sie baut. Die Griechen hatten aber das Geld zum Neubau in Bereitschaft liegen, und sie gingen rasch ans Werk. Die 332 Kuppel wurde im schlechten russisch-griechischen Style wieder aufgebaut und in der Hast so schlecht construirt, daß sie jetzt den Einsturz droht, Wind und Wetter hindurch läßt und die Vögel deS Himmels ihre Nester darunter bauen. Auch die GrabeS- Capelle wurde damals wieder neu aufgerichtet, aber in eben so schlechtem Style, daß wir uns hier aller weitem Kritik enthalten. Von der alten Kirche blieb nur ein Theil deS Haupt-EingangcS stehen, der aber so schön und geschmackvoll ist, daß man wohl vollkommen berechtigt ist, daraus einen Schluß auf das Ganze zn machen. Die schadhafte und traurige Lage der erwähnten Kuppel, so wie die wiederholten Anmaßungen der nnter russischem Protektorate stehenden Griechen gegenüber den gerechten Ansprüchen der Katholiken sind in der letzten Zeit der Gegenstand verschiedener Unterhandlungen gewesen, und zwar sowohl in Betreff der Bauenden, wie deS Baustyles, und beides wird wohl durch den gegenwärtigen Krieg entschieden werden müssen. Denn selbst das AuSkunstSmittcl, daß die hohe Pforte die Baulast übernehmen will, die unter jeglichen andern Umständen sich Jeder vom Halse wälzt, hier aber sehr wesentliche Rechte im Gefolge hat, wird durch die Erfahrung als unstatthaft verworfen. Die Katholiken werden sich einem solchen AuSkunftSmittel nie fügen können, so lange die Griechen noch russisches Geld haben. Denn die Katholiken würden dadurch in ihren wesentlichen Rechten stets gefährdet seyn und jeden Augenblick zn gewärtigen haben, daß eS irgend einem Pascha auch ohne Berathung mit der hohen Pforte einfallen würde, für irgend einen hinreichenden Backschis, den Canon alles Verfahrens im Oriente, von dem angeblichen türkischen StaatSrechte Gebrauch zu machen und als Eigenthümer die Griechen in den ganzen Besitz einzuweisen. Eben so ist der Styl von der höchsten Bedeutung in der gegenwärtigen Frage. ES ist gleichsam der fortwährende Rechtstitel, der für diesmal nur allein durch das Schwert festgesetzt werden wird. (Schluß folgt.) Der Tod Boltatre'S. (Fortsetzung.) Wir wollen nunmehr an einzelnen Beispielen aus verschiedenen LebenSperioden Voltaire'S klar zu machen suchen, waS wir srüher mehrmals ausgesprochen oder angedeutet, nämlich, daß sein ChristuShaß und sein öffentliches Prahlen damit viele Achnlichkcit mit dem eines Maulhelden habe, der nie dreister auftritt, als wenn er vor Furcht in ein Mäuseloch kriechen möchte. Alle unsere Leser kennen Gcllert'S Erzählung „der Freigeist", und wissen, wie dieser unerschrockene GoiteSlaugner, der seine alle einfältig gläubige und fleißig betende Haushälterin wegen ihrer Frömmigkeit nicht genug ausziehen konnte, später während einer gefährlich scheinenden Krankheit eben dieser Person die besten Worte von der Welt gibt, damit sie doch an seinem Beile einige von den so schnöde von ihm verachteten Kirchengebcten laut bete oder singe, und ihn mir seiner Angst nicht allein lasse. Denken sie dann noch mit unS an Lessing'S tief greifenden und hier in vonci-eto fürchterlich wahren AuSspruch: „Nicht Jeder ist frei, der seiner Kelten spottet", so können sie sich ohne unser Zuthun ein getreues Bild von der, übrigens im Vorigen schon geschilderten, durchgängigen GemülhSlage Voltaire'S entwerfen, und sie werden uns nicht zürnen, wenn sie sehen, daß unser Unwille aus dem Kampfe mit dem Mitleid nicht immer siegreich hervortritt. Im Jahre 1723, also im 29sten seines Lebens, stand Voltaire zum ersten Mal am Rande deS Grabes, nnd beeilte sich, zu beichten und sein Testament zu machen. Daraus erwartet er den Tod mit ziemlicher Gelassenheit, obschon nicht ganz ohne Leidwesen darüber, daß er seine Freunde so frühe verlassen müsse und seiner „Henriade" nicht den letzten Pinselstrich geben könne, wie sein eigener Brief aus dem December 1723 an Baron von Breteul bezeugt. Auf einer seiner Reisen in Sachsen, sagt Barrucl in seinen Memoiren, ward er gefährlich krank. Sobald er seinen Zustand erkannte, verlangte er einen Priester, legte ihm seine Beicht ab, und bat ihn dringend 333 um die setzte Oelung. Er empfing dieses Sacrament auch wirklich nach einer Reihe von Bußübungen, die freilich die Gefahr nicht übeldauerten; denn kaum hielt er sich für gerettet, so zwang er sich zu einem vornehmen Lächeln über seine Kleinheit, wie cr'S nannte und sagte zu seinem Sccretär: „Freund, Sie habe» den Menschen in seiner Schwäche gesehen/' Auch das Alter schien ihn nicht zu verdüstern. Eo schreibt er am 28. December 1761 an de BerniS: „Wenn ich nicht leivcnd bin, so lache ich viel, und ich bin der Meinung, mau solle lache», so lange man'S noch ka»». So lachen Sie denn, denn zuletzt finden Sie auch Ursache dazu." DaS Warum gibt er in seiner Antwort an denselben BerniS vom 25. Februar 1763: „Der alte siebenzig- jährige Blinde ist schwach, aber doch recht munter, er sieht alle Dinge dieser Wett für Seifenblasen an, und ausrichtig gesprochen, sind sie auch nichts Anderes." Darum schrieb er denn wohl auch am 14. Juli 1760 an Mad. du Deffant: „Ich lache über Alles, und mache mich über die Welt lustig " Am 15. Jänner hatte er ju ihr gesagt: „Man muß bis zum letzten Augenblicke mit dem Leben spielen." Am 27. Juni 1766 faßte er auch förmlich diesen Entschluß, und theilte ihn d'Alembert so mit: „Ich will, wenn ich kann, lachend sterben." Inzwischen meldete er unterm 3. März 1769 der Frau von Saint-Jnlien, eS mache ihm Vergnügen, um sein Grab herumzutanzen. Wer solche Maximen nicht annahm, der war in seinen Augen geächtet. In seinem Briefe vom 12. Mai 1766 an den Grafen de la Touraille bedünkt eS ihn, daß La Fontaine wie ein Pinsel gestorben sey Den 21. September 1764 erfährt Frau du Deffant, in welch' heftigen Zorn ihn die Nachricht versetzt habe, ei» d'Argenson sey die letzten fünf Stunden seines Daseyns mit einem Priester allein gewesen, und diesen d'Argenson habe er doch sonst für einen vernünftigen Mann gehalten. MaupertuiS hatte seinen letzten Seufzer in den Armen von zwei Capucinern ausgehaucht; darum wird ihm denn auch in einem Briefe Voltaire'S vom 29. August 1759 an Bertrand der Vorwurf gemacht, nicht als Philosoph gestorben zu seyn. Im selben Jahre betheuerte er mit einem Schwüre vor Friedrich II., daß er diesem Beispiele nicht folgen werte. Sei» Ideal vom Tode war also wohl ein philosophischer Tod. Und was verstand er unter diesem? Eine Lausbahn voller Ausschweifungen und Schändlichkeiten durch ein gottloses Ende krönen. Und als Vorbild führte er DuboiS an! Hatte er auch Gründe zur Vertheidigung seiner Lehre? O ja, und wir wollen sie zwu Stellen seiner Korrespondenz mit Frau du Deffant aus dem Jahre 1764 entnehmen. Die erste ist vom 9. Mai: „Bloß der Gedanke, daß man nicht mehr erwachen wird, verursacht uns Kummer; nur die Rüstung zum Tode ist schrecklich, jene barbarische Oelung, jene Grausamkeit, womit man anzeigt, daß Alles sür uns dahin ist. Wozu nutzt eS, unS so unser Urtheil zu sprechen? eS wird schon vollzogen werden, ohne daß Notar uud Priester sich darein mengen. Mon sagt bisweilen von einem Menschen: er ist gestorben wie ein Hund; aber in Wahrheit, der Hund ist recht glücklich, daß er ohne all' dieß Gepränge stirbt, womit man den letzten Augenbl'ck unseres Lebens verfolgt. Hätte man ein Bischen Mitgefühl sür uns, so ließe man unö sterben, ohne uuS etivaS daoon zu sagen. Das Schlimmste dabei ist noch, daß man dann von Heuchlern umgeben ist, die Einem zusetzen zu denken, wie sie nicht denken, oder von Dummköpfen, die verlangen, daß man ebenso ein Dummkopf seyn soll; das ist AlleS sehr widerlich. Die einzige Freude des Lebens zu Genf ist, daß man dort sterben kann, wie man will: viele ordentliche Leute schicken nicht nach dem Priester. Man tödtet sich selbst, wenn'S Einem so beliebt, ohne daß sich Jemand darüber aushält, oder man wartet den Augenblick ab, ohne daß Einen Jemand belästigt." Am 31. August unterzeichnete er folgende Zeilen: „Die letzten Augenblicke sind in einem Theile von Europa von so widerlichen und lächerlichen Umständen begleitet, daß es oft schwer fällt, zu erfahren, waS die Sterbenden denken. Alle werden den nämlichen Ceremonien unterworfen. Jesuiten sind so schamlos gewesen, zu behaupten, Montesquieu sey wie ein einfältiger Tropf gestorben, und sie hielten sich deßwegen für berechtigt, auch alle übrigen als Tröpfe sterben zu lassen. Man 334 muß gestehen, die Alten, in Allem unsere Lehrmeister, hatten auch darin einen großen Vortheil vor uns voraus; sie störten weder das Leben noch den Tod durch Aufbürdungen, die beiden Unheil bringen. Zur Zeit der Scipionen und Cäsaren lebte, dachte und starb man, wie'S Einem gefiel; unS aber behandelt man wie Drahtpuppen." Vielleicht ist hier die Bemerkung nicht unpassend, daß Voltaire sich in seinen Briefen vom 27. Jänner 1733 an de Cideville und de Formont rühmt, der Baronin von Fontaine-Martcl selbst angekündigt zu haben, daß sie fort müsse, und ihr einen Priester zugeführt zu haben, um sie Beichte zu hören und ihr die Sterbsakramente zu spenden, AbschiedSceremonien, wovon sic in diesen tranrigen Umständen nichts hören Wollte. Aus sn'ncn Memoiren scheint auch hervorzugehen, daß er einen Priester bei der Hand gehabt haben würde, um Frau du Chatelet denselben Dienst zu erweisen, hätte er voraussehen können, daß sie so frühzeitig und so unerwartet daS Zeitliche segnen würde, indem Keiner am Hofe zu Luncvillc ihren baldigen Tod ahnen konnte. Weisen wir nun nochmals als auf eine Thatsache darauf hin, daß Voltaire nicht gestorben ist, ohne zu wissen, daß seine letzte Stunde herannahe, und sagen dann, mit welcher Gnnüthsstimmung cr sein leidiges Urtheil vernahm. (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Notizen. Siebe nbürgischcS. Die schönsten, die größten Kirchen von Hermannstadt und Kronstadt, die wahre Meisterwerke der gothischen Baukunst sind, befinden sich seit der Reforma'ion i» den Händen der Lutheraner. Auch sind daselbst noch die schönen Kelche, die alten, reichen Meßgewänder u. s. w. aufbewahrt. Aber daS unglaublichste ist, daß die Lutheraner regelmäßig Nachmittag zur Vesper läuten und eine Art Vesper halten; ich wohnte einer solchen in Kronstadt bei. Im obern Ende der beiden Chorstühle laS ein Prediger etwas vor — daraus setzte er sich hin — las wieder — nnd laS nicht mehr! Die fingirte Vesper war zu Ende. ES fand sich Niemand dabei ein, a'S zwei obligate in den Chorstühlen sitzende Lehrer oder Küster. Noch unglaublicher ist Folgendes: Dreimal deS Jahrcö wird in der evangelischen Haupt- Kirche zu Herrmanustavl (ob auch in Kronstadt, weiß ich nicht), die Messe nach katholischem RitnS aufgeführt! Am Christtage — am ersten Oftertage und am ersten Pfingsttage. Nachdem der gewöhnliche Gottesdienst vollendet ist, wird so lange gewartet, bis sich allcS verlanfcn hat; dann beginnt die Aufführung, die ihren guten materiellen Grund hat. ES tritt ein Prediger im Meßgewande zum Altar mit dem Kelche. Auf dem Chor singt man das K^rio Kloris dreclo — der Canon bleibt auSÜ Sollte man glauben, daß dieser Unfug geschieht seit Jahren! Gott weiß — wie lange es geschehen wird! Und wenn Sie fragen, warum das geschieht, so hören Sie die Antwort: Es wird Vesper und Amt gesungen, um die katholischen StiftuugSgelder unter diesem Vorwand einstreichen zu können. Gott weiß wie viel Stiftungen von Messen in dieser Weise den Abgestorbenen, die sie gestiftet haben, durch obige Komödie vorenthalten werden! Ist das nicht ein Spott und Hohn, den man mit der katholischen Kirche treibt. Wäre eS denn nicht an der Zeit, sich an Match. ?4, 15 zu erinnern. * - * - Hamburg, 10. Sept. Der eifrige, treue Oberhirt der norddeutschen Missionen, C. A. Lüpke, fast im achtzigsten Lebensjahre suchend, unternahm noch einmal die weite Reise zu den entlegenen Missionskirchen, um die seiner Obsorge anvertrauten Gemeinden nach einem Zeitraum von sieben Jahren wieder zu sehen und bei ihnen daS heilige Sakrament der Firmung zn spenden. Der Reihe nach hat der hochw. Herr die Gemeinden zu Bremen, Hamburg, Altona, Lübeck, Schwerin besucht und in allen 335 diesen hatte eine recht erfreuliche Theilnahme an der Feier sich gezeigt. So unerwartet groß war die Anzahl der sich einstellenden Firmlinge gewesen, daß die mitgenommenen Firwzettel schon in Schwerin längst nicht ausgereicht hatten. Sie können denken, welche Freude der hochwürdigste Bischof aus diesem überall merklichen Aufschwünge der religiösen Gesinnung bei den Katholiken schöpfte; seine abnehmenden Kräfte schienen sich mit jedem neuen Tage mehr zu verjüngen. H>>,Ä tit,? ,Ä>nHylliir »i>ui i!)it bijzil ^nki'li"»^ Fortschritt. In Hamburg kamen in den lutherischen Pfarrkirchen vor: im Jahre 1753 3105 Taufen, 85,118 Communicanien; im Jahre 1853 4732 Taufen, 17,674 Communicanien. Hieraus geht hervor, daß in Hamburg jährlich hundert Kinder ungetauft bleiben und in keine religiöse Gemeinschaft aufgenommen werden. Ferner sieht man hieraus, daß von 8, die vor hundert Jahren noch zum Abendmahl gingen, jetzt nur noch einer geht. Nach der vermehrten Bevölkerung müßten jetzt nach dem Verhältniß von 1753 127,677 Communiccmtm seyn; es sind aber nur 17,674. Und daS geht jedes Jahr schlimmer. Wir reden aber nur von den Protestanten, denn in der katholischen Gemeinde zu Hamburg hat sich in dem einen Jahre 1852 bis Ende 1853 die Zahl der Communicanien von 2700 auf 3600 vermehrt. — In Berlin waren im Jahre 1849 631 EhescheivungS-Processe anhängig: im Jahre 1853 aber 856. Diese EhescheidungSprocesse haben sich also in der Stadt in vier Jahren um ein Drittel vermehrt. — In Mecklenburg sieht es noch schlimmer auS: auf der Pastvral- Conferenz zu Malchin im September 1852 theilte der Oberkirchenrath Kliefoth mit, daß in drei Kreisen im Jahre 1851 der sonntägliche Gottesdienst 223mal ausfiel, weil auch nicht Einer zur Kirche gekommen war und der Prediger deßhalb unverrichteter Sache umkehren mußte. In Mecklenburg gibt es 469 Ortschaften, in denen ein Drittel bis über die Hälfte der Geburten uneheliche sind, und 79, in denen gar keine ehelichen mehr vorkommen. »,uwtV sml nrwuiV nwsMM,»,'i',n5 5,H«,«-, , . ... Turin. Es scheint, das sardinische Ministerium lassen seine eigenen Lorbeeren nicht schlafen, und eS suche immer mehr sieb selbst zu übertreffen. Die „Armonia" berichtet uns nun auch die Ausireibung der Mission vom heiligen Vincenz von Paula zu Casale, und zwar „um für künftige mögliche Choleralranke ein Lazarett) bereit zu halten." DaS Nähere über diesen neuen Feldzug gegen eine religiöse Körperschaft war zwar genanntem Journal noch nicht bekannt, doch ist dasselbe mit Recht der Meinung, daß Angriff, Kampf und Sieg der Herren „Jtalianissimi" hier nicht minder glänzend und ruhmreich gewesen seyn möchten, als in den Straßen und an den Thoren Turins gegen die so furchtbaren Stiftsdamen, Capucincssen, Dominicaner und Oblaten, deren Verblendung so weit ging, sich unter der dreifarbigen Fahne des Statuts zu vereinigen und die durch eben dieses Statut verbürgte Unverletzlichkeit deS häuslichen Herdes und überhaupt des Eigenthums auch für sich in Anspruch zu nehmen! Gegen die zuerst Vertriebenen machte man das SophiSma geltend, Collectivbesitz sey dem individuellen nicht gleich zu achten. Nun ist aber daS HauS zu Casale wahres Privat- und individuelles Eigenthum, iudem einzelne Mitglieder cS aus ihrem eigenen Vermögen angekauft haben; dennoch kommt ihnen daS Statut nicht zu gute! Man sieht, Herr Rattazzi liebt den Fortschritt. Der „Campanone" bringt über diese Sachlage einen Artikel unter der Ueberschrift: „Was sich gegen ein verfolgungssüchtiges Ministe- 336 rium thun läßt"; wir theilen daraus einige der prägnantesten Stellen mit. „Alle Revolutionäre", heißt eS darin, „so lange sie nicht am Ruder sind, proclcuniren laut und bethätigen noch lauter „„das heilige Recht deS Aufstandes."" Wir als Katholiken halten solches für nicht erlaubt, da die Uebel deS AnsstandeS großer sind, als die Leiden, denen er abhelfen soll. Dennoch predigen wir darum keine gänzliche Untätigkeit: Vorstellungen, Petitionen, Comites, Presse zc. sind ja auch Waffen, wenn auch nicht blutige, wie die unserer Gegner, und ein passiver Widerstand, den ja kein Gesetz verbietet, ließe sich auch mit Erfolg zur Anwendung bringen." Nun schlägt mehr- gedachteS Blatt den Bischösen vor, bei vorkommender Gelegenheit die Absingung deS Tedeum abzulehnen, da dieß bei der offenen Verfolgung der Kirche und der frevelhaften Verletzung der Reichsvcrfassung einem Hohn gegen Gott, die Religion und daS Volk nicht unähnlich sähe. Der Artikel schließt mit der Bemerkung, daß in Piemont nur Juden, Waldeuser, Engländer, politische Flüchtlinge und einzelne Beamte Ursache hätten zu singen, allen Uebrigen dagegen das Weinen besser ließe. Rom, 34. Sept. Im Auftrage Sr. Heiligkeit erließ Seine Eminenz der Car- dinal-Vicar eine Aufforderung an die Stadt Rom zu eifrigem Gebete um Abwendung der Cholera. Zu diesem Zwecke sind vom 2(1. bis 30. d. M. folgende Reliquien ausgesetzt: Die heiligen Häupter der Apostel PetruS und Paulus zu S. Giovanni in Laterans; der Finger des heiligen Petrus in S. Peter; der heilige Leib des Papstes PiuS V. in der Basilika Liberiana: das heiligste Kreuz nebst der Ausschrift in S. Croce di Gcrusaleme; die Säule der Geißelung m S. Prassede; die Ketten deS heiligen PetruS zu St. Peter in Vinculis; der Arm deS heiligen RochnS in der Kirche dieses Heiligen; die Reliquien deS heiligen PhilippuS Neri zu S. Maria in Vallicella; der Arm des heiligen Franz Xaver in der Kirche al Gesu; die Reliquien deS heiligen Sebastian in S. Andrea dclla Valle; das Herz des heiligen Carl Borromeo in der gleichnamigen Kirche am Corso. Außerdem sind alle namhafteren Crucifire und Mutter- gottcS-Bildnisse zum audächtigen Besuche anempfohlen. Zur Anregung und Belohnung der Andacht sind Ablässe verliehen. In der That wird mit großem Eifer gebetet und zwar nicht bloß vom weiblichen Geschlechte, sondern auch von Jünglingen und Männern. ^ 5 ^ London, 25. Sept. (N. Pr. Z.) Eine neue prote st an tische Bewegung ist im Gange. Die Rede, die Benjamin d'Jsraeli am 3. August dieses Jahres im Unterhause hielt, hat das Signal gegeben; seine Frage: Haben wir eine protestan, tische Versassung? klingt im ganzen Lande wieder und schon kommen die ?rote8t- ^Lsoeiations, z. B. die in Irland, und bringen ihm und Spooner (der gegen die Staatsunterstützung deS katholischen Kollegiums von Maynooth agiurt) Dankadressen und Worte der Aufmunterung. Die TorieS kommen dieser Bewegung mit offenen Armen entgegen. Ihr Wochenblatt „Preß« sagt: „Die öffentliche Meinung wird sich immer energischer diesem ernsten Gegenstande zuwenden müssen. Aber vergeblich wird sie sich aufregen, wenn sie nicht eine staatsmännische Leitung erhalten wird, waö wir allerdings glauben. Die protestantische Gesinnung des Landes darf sich nicht unter der Fintenpolitik (olsptraii polier) deS Schreibers deS Durham-BriefeS (Russell) verflüchtigen und nicht, wie in dem Falle Mr. ChamberS und der Klosterfrage, in ein verwegenes Spiel gezogen werden." - Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Inhaber: F. C. K reiner.