Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur miq»! ui klivit.Snu , ,,tchi'.5j»»!--g »z »n-kl n?.M Augsburger Mostzeitung. 2». Ocl-ber ^ ^l». l8S4> Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Gonntage. Der halbjährige Monuement«prei« TV kr., wofür e< durch alle köm'gl. bayer, Postämter und alle Buchhaudluugeu bezogen werden kavr. Kirchen und kirchliche Banwerke an den heiligen Stätten des Morgenlandes. Von Prisac. I. Jerusalem. (Schluß.) Ein trauriger Anblick ist es, wenn man vor die Kirche deS heiligen Grabes tritt. Man gelangt, wenn man von dem lateinischen Kloster kommt, auf einer engen abschüssigen Straße zuerst an ein kleines Pförtchen, womit fast alle Klöster im Morgenlande, wahrscheinlich zur Deckung gegen feindlichen Ueberfall, versehen sind, auf einen viereckigen Platz von etwa dreißig Schritten Länge und Breite. Der Platz hat ehemals als Porhof gedient, und noch stehen einzelne Basen von den schönen Säulen, womit derselbe geschmückt und abgesperrt war. Kommt man zu der Stunde, wo die Kirche geschlossen ist, Morgens von etwa zehn Uhr bis Nachmittags vier Uhr, so ist eS nur mittels eines enormen BakschiS, den man an die Türken verabreicht, möglich, hinein zu gelangen. Denn diese sind thatsächlich die Wächter deS heiligen Grabes und werden es wohl noch so lange bleiben, bis sich Europa wieder zu Einer Kirche bekennt und das SchiSma derart gedemüthigt ist, daß eS nicht mehr auf fremde Hilfe rechnen kann. Ist die Pforte offen (und die heilige Grabeskirche hat nur Einen Eingang), so erblickt man gleich, zum Aerger der christlichen Welt, auf einer mit einem bunten Teppich belegien Pritsche vier bis fünf Türke» aus ihren langen Pfeifen rauchend und immer neigen Kaffee schlürfend. Der Eintretende hat dann zunächst den Salbuugsstein vor sich, zur Rechten den Kalvarienberg. Zur Linken gehl es in der Diagonale hinüber zur Capelle des heiligen Grabes, diesem gegenüber in gerader Linie ist das Chor der Griechen und in der DurchschnittSlinie zuerst die Stelle, wo der göttliche Heiland der heuigen Magdaleua als Gärtner erschienen, der Altar der heiligen Magdalena und endlich die Capelle der Laleiner mit einem Theile der GeißelungSsäule iu dem FranciScaner-Kloster. Gebt man nun weiter an der Sacristei vorbei in dem Umgange, so folgen hier der Reihe nach erst die Capelle deS Kerkers, dann die deS LonginuS, die der Kleidervertheilung, der heiligen Helena und der Krcuzausfiudung, etwa dreißig bis vierzig Stufen unter der Erde, wiederum über der Erde die Capelle der Spottsäule und endlich der Kalvarienberg, etwa zwanzig Stufen gegenwärtig über dem Boden der Kirche. Von dem Kalvarienberge gehört die Stelle der Kreuzausrichtung den Armeniern, der Kreuzannagelung aber den Katholiken. Die sämmtlichen Capellen sind mit Altären versehen, woran Messe gelesen wird, und bloß die hl. GrabeScapelle hat als solche keine besondere Tumba vonnöthen, weil das heilige Grab selbst dazu dient, so daß über diesem selbst die heilige Messe gefeiert wird. Daö heilige Grab 338 hat aber, so wie alle Gegenstände, welche dasselbe berühren, keiner besondern Weihe vonnöthen. Es ist durch den Erlöser selbst geweiht. Von außen, an dem Kalvarienberge, haben die Lateiner, wir meinen die Katholiken, noch eine kleine Capelle, welche der schmerzhaften Mutter gewidmer ist. Man kann zu dieser gelangen ohne die türkischen Wächter, und noch in der letzten Stunde meiner Anwesenheit in Jerusalem machte ich im Geleite unseres gemüthlichen Klosterbruders Fra Salvatore einen Gang dorthin, um Kirche und Bild mit frischen Blumen zu schmücken. Dieser Capelle gegenüber links ist das Kloster der Griechen mit verschiedenen Kapellen, oben und unten, in denen sich auch einzelne Madonnenbildcr in dem strengen griechischen Geschmacke befinden. Die Madonna, wie die Griechen sie male», ist nicht die milde, barmherzige Mutter, die zarte Jungfrau, sondern die ernste Matrone, der man, auch wenn das Bild zufällig die sonstigen Erfordernisse deö guten GeschiAackcs hat, doch nicht ohne Furcht und Zitiern nahen kann. ES ist ganz das byzantinische Hvfceremoniel, das sich darin ausspn'cht und nach dem in.ni den Tod verwirkt hat auch bei dem geringsten Verstoße gegen die Etiquette des hohen HofeS. Weiter abwärts zur Rechten liegt die Capelle der als gute Kaufleute bekannten Armenier, die überhaupt in Jerusalem zahlreich sind, ein eigenes Viertel bewohnen und mehrere Kirchen haben, Alles im Geschmacke der Griechen. In einiger Entfernung, vielleicht fünfzig dunkle Stufen unter der Erde, doch noch immer zusammenhangend mit dem ehemaligen Bau der heiligen Grabeskirche, liegt die Kirche der Kopten. Die Kirchen der Kopten haben wie die der Maioniten und sonstigen orientalischen Riten ihre ganz besondere Einrichtung. Sie haben, wie man das schon in Alerandria sehen kann, eine Menge von Tafel- und buntem Holzwerk, nicht nur zur Absperrung des Allerheiligsten von den sonstigen Gläubigen, sondern auch von den Franen, zuweilen auch eine Menge kleiner Tafelgemälde von der Größe eineö BucheS, sind aber sehr arm, dunkel und schmutzig und ganz unheimlich. Die Kirchen der Griechen und Armenier sind besonders in Jtrnsalem und Bethlehem mit reichem Gvlbschmucke und einer Menge von Bildchen versehen, aber Großes ist in denselben nicht vorhanden (mit Ausnahme der Wandgemälde vom heiligen Kreuz bei Jerusalem); ihr Geschmack ist kleinlich, ihre alten Bilder sind steif und starr, ihre neuen lheebreltartig geleckt, — Die Kirche an dem lateinischen Kloster St. Salvator ist klein und ein dürfliger Nolhbau, den mau schon längst erweitert hätte, wenn nicht Hindernisse in den Weg getreten wären, die einstweilen nicht zu beseitigen sind. Von großartigen Ruinen oder in Moscheen verwandelten Kirchen besitzt Jerusalem- die Aksa Moschee, die Kirche der heiligen Anna, deS heiligen JacobuS Minor, der heiligen Maria Magdalena, der heiligen Jungfrau, den Kerker dcS heiligen PerruS, das Cönaculum. — Die Aksa Moschee ist ein prächtiges Gebäude in dem Basilikenstyle deö 12ten Jahrhunderts und stößt unmittelbar an»die Area des alten Tempels. Sie war einstens der Ausopferung Maria im Tempel geweiht, u^id eS ist wahrscheinlich, daß es dieselbe Stelle war, wo die seligste Jungfrau als zartes Mädchen von kanm einigen Jahren in den Tempeldienst aufgenommen wurde und bis zum dreizehnten Jahre verblieb. Auch sind von jenen alten Tempel-Snbstructionen wahrscheinlich noch einige Reste vorhanden, schwere Bausteine von etwa sechzehn bis zwanzig Fuß Lange und in Bossage behauen, die man an jener Stelle erblick«, wo sich am Freitag Nachmittags die Juden versammeln und den Untergang deS Reiches Israel und Juda beweinen. Wenn man diese Leute so dasitzen sieht in der Thora betend, unter tiefem Schluchzen oder lautem Weinen, wie Leute, denen augenblick ich daS größte Unglück begegnet ist, kann man sich unmöglich des Mitleids enthalten, und man möchte wünschen, raß in mancher christlichen Kirche deS Orientes jene Andacht und jener Ernst deS Gebe.'eö vorhanden wäre, die hier leider eine Hoffnung errichtet, welche nur dann ihre Verwirklichung findet, wenn sich Gottes Barmherzigkeit von Neuem über die Kinder der Verbeißung ergießt und sie zu dem verkannten Erlöser zurücksührt. Die Kirche der heiligen Anna ist ein grandioses Bauwerk im Basilikenstyle deS ILlen Jahrhunderts, etwa wie die Liebfrauenkirche in Halberstadt, von schönen edlen 339 Firmen, noch ganz wohl erhalten, und würde jeder Hauptstadt in der Christenheit noch immer eine besondere Zicide seyn. Sie gehörte ehemals deutschen Numen, ich glaube, Benedictinessen, und eS ist große Hoffnung vorhanden, daß sie bald wiederum in deutschen Händen seyn wird. Ich konnte wenigstens, wenn sich jene Hoffnung nicht verwirklichte, ganz Deutschland dafür in Bewegung bringen. Wie die Kirche der heiligen Anna, so war auch die des deutschen OrdenS mit dem deutschen OrdenShause ein höchst elegantes Gebäude. N'ch gegenwärtig sind davon sehr schöne Ueberreste vorhanden, leider von dem Schmutz und dem Unglück einer Stadt be eckt, die ihren Heirn verkannt, und eS ist eine höchst grandiose GeschichtSanschauung, wenn der GeschichiSschreiber der ersten Kreuzzüge, Wilhelm von TyruS, bei jedem Unglücke, das die Kreuzfahrer getroffen, immer als Einleitung zu der Erzählung desselben sagt: Unsere Sünden gaben uns in die Hände unserer Feinde. DaS alles wirb nirgendwo klarer, als wie im Morgenlande, weil hier die meisten Zustände ohne die europäische Schminke offen da liegen nnd die Gegensätze vollends entwickelt ohne ein vermittelndes Glied dastehen. Die Ueberreste an dem OrdenShause der deutschen Ritter verrathen aler auch, so wie ein Stück von dem Templerbogen, nicht bloß ein Gebäude von hoher Schönheit, sondern letztere mögen auch mitunter Norm gewesen seyn für manche Gebände in Deutschland, oder wenn man dieses nicht will, so sind sie doch gcinz vom deutschen Geiste durchdrungen, der aber, weit entfernt, ein erclusivcr zu seyn, damals das ganze civilisirte Europa in gleichem Maaße durchdrungen, also daß er hier unter dem Namen der Franken aus-rat und noch gegenwärtig alle europäischen Katholiken unter diesem Namen bezeichnet werden, so wie die Protestanten unter demjenigen der „Jnglesi." Dem französischen Patriotismus kommt jenes mannigfach zu Gute. ES gibt aber für die Erhallung der alten Kirchen im Morgenlande, für ihre Reinigung von dem türkischen Schmutze kein Heil, als wenn alle katholischen Mächte deS Abendlandes sich wieder unter gemeinsamem Banner versammeln. Von dem Schmutze Jerusalems und von der Schmach, womit die meisten der ehrwürdigsten Ruinen bedeckt sind, haben Sie in Europa keine Ahnnng. Der Kerker des heiligen Petrus, noch gegenwärtig mit den Resten einer schönen Kirche geschmückt und mit einem Kreuzgewölbe überwölbt, gleicht einer Mistpfütze; die Kirche der heiligen Maria Magdalena, in welcher man noch gegenwärtig den Eindruck ihrer Füße'sieht, die sich bei der Gelegenheit eingepreßt, wo sie an dem göttlichen Erlöser das Werk verrichtet, das er selbst als von guter Vorbedeutung gepriesen, das Haus der Maria Marci in Jerusalem, ebenfalls mit den Spuren der Füße der seligsten Jungfrau gezeichnet, siiid fast unzugänglich vor dem angehäuften Straßenmist, Kamcelkoth und sonstigem Schmutz- D.'S Cönaculum oder der Abendmahls-Saal nnd der Ort der Zusammenkunft am Pfingstfeste, einst eine prächtige Kirche, gegenwärtig durch eine Moschee entweiht, sind ebenfalls in dem traurigsten Zustande der Entweihung; die Kirche des heiligen Jacobus steht leer, wäre aber leicht herzustellen. Gehen Sie nach außen durch das StephanSthor nach Gethsemani nnd dem Oelberg hin, so liegen hier gleich im Thale das Grab der heiligen Maria, eine Grotte, die etwa fünfzig Stufen hinabführt, in dieser zur Rechten die Gräber von Joachim und Änna, ihnen gegenüber links das des heiligen Joseph und ganz nnten in der Tiefe in einer besondern Capelle jenes der heiligen Maria. Die Kirche ist jetzt in den Hänvcn der Schismatiker, nnd bloß die sogenannte Todangst-Grotte ist den Katholiken verblieben. Alle jene Kirchen, welche den Griechen und schiSmatischen Armeniern gehören, sind an den heiligen Stätten reich geschmückt mit vielem Gold und kleinem Bildwerk, aber der morgenländische Geist, der sich so oft und kühn in grandiosen Formen in den Gedichten der Hebräer, Araber und Perser ausspricht, hat weniger Empfänglichkeit für eine großartige Auffassung in der bildenden Kunst." Hier ist AlleS kleinlich uns klein, geschniegelt und geziert. Wie daS zusammenhängt, könnte ich leicht psychologisch und historisch entwickeln, aber ich will hier kein Aergerniß geben. 340 Ein Wiener Seandal. DaS Testament deS seines Lebenswandels wegen nicht sehr gerühmten Theater- DirectorS Carl — wurde in vielen Blättern, ja auch in Broschüren veröffentlich!, Äs ist dieß Aktenstück ein eigenthümliches Scandal, indem das große Vermögen auf verschiedene uneheliche, mit Namen bezeichnete Erben ganz kaltblütig vertheilt wird. Ueber die Veröffentlichung deS Testaments hat nun auch Saphir in seinem Humoristen in einer anerkennungS- aber auch am geeigneten Orte beherzigenSwerthen Weise sich unter anderm also ausgesprochen: „Die Veröffentlichung seines Testaments ist ein Fehler und eine Dummheit. Wir können nicht umhin, hier unser schmerzliches Bedauern darüber auszudrücken, daß es — so Hat'S wenigstens den Schein — jedem ersten Besten, der ein Gelüste darnach trügt, freisteht, für einen Gulden und so viele Kreuzer Abschreibgebühr jedes Testament jedes Verstorbenen der Publicität übergeben zu können! Sollte diese traurige Lücke wirklich in unserm Rechtszustande sich vorfinden? Wie? Familienglück, Ehre, Scandale, Dinge, über welche man dicht gewebte Schleier zu ziehen wünscht, sollten in die Welt geworfen werden können, von Todten und Lebenden, ohne daß dagegen das Sitlengesetz einzuschreiten berufen sey? Es ist von Erheblichkeit und für tausend und tausend Menschen von unberechenbarer Wichtigkeit, zu wissen, ob sie wirklich der Gefahr ausgesetzt sind, daß ihr Testament, in welchem vielleicht Geheimnisse, die für andere verletzend, für die Oeffcntlichkeit empörend, aber als testamentarische Verfügungen zu erörtern nöthig sind, ohne weiterS nach ihrem Tode dcr Oeffentlichkeit preisgegeben werden können I? Der Tod eineS Menschen ist der letzte Äct von seinem Leben, das Testament eines Menschen —, wenn eS denn einmal schon dem Urtheil der Menge übergeben ist, — daS Testament eineS Menschen ist nur die Schlnßscite seines Denkens und FühlenS. Im Testament Carl finden wir überall den Th eater - D ir ect or, nirgends den Menschen, überall den Geldmenschen, nirgends den Christ! HumanilätS-Anstalten und fromme Stiftungen sind von dem Besitzer des „Zauberschlags", sind leer von dem Inhaber einer Reihe Häuser entlassen worden! Seiner Theaterdichter, der eigentlichen Erbauer all' dieser Häuser, hat er nicht gedacht! Nestroy, — der Leser wird mich keiner besondern Parteinahme sür Nestroy beschuldigen!! — Nestroy ist von Carl in seinem Testament nicht erwähnt worden, Nestroy, der mit seinen drei Handlangern „Knieriem", „Zwirn" und „Leim" die CarlSgasse in Hietzing baute! — Die Selbstüberschätzung und die Geringschätzung Anderer haben Karl auch beim Abfassen seines letzten Willens dictando zur Seite gestanden. Sein jahrelanger Secretär „Franz", seine rechte Hand und sein linker Fnß/seiu Minister des Innern und des Aller-Aeußersten, fleißig, tüchtig wie eine Ameise, treu wie ein Pudel — nicht im hündischen Sinn — unermüdlich wie ein Telegraph, der blinde Vollstrecker seiner Austräge t on bemächugt hat, so waren und sind wir berechtigt, es auch zu thun und schließen hiermit die traurige Verhandlung darüber," _ Der Tod Voltaire's. ^ (Fortsetzung,) Unsere Leser mögen nunmehr als sreiwillige Geschworne zusammentreten, nicht, um über den Mann selbst und seine Thaten Gericht zu halten und ihm sein fertiges Urtheil inS Jenseits mitzugeben — dort steht der Stuhl Desjenigen, der da spricht: „Die Rache ist mein!" und: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!" nein, sondern bloß, um die Zeugen zu prüfen, welche über die Art seines Todes ausgesagt haben. Wir, die wir dieses schreiben, gestehen offen unv unumwunden, daß wir dieser äußern, materiellen Zeugnisse nicht bedürfen, um unS Voltaire'S Seelenzustand während der Dauer seiner letzten Krankheit klar und lebhaft vorzustellen, da wir aus innern Gründen, woraus wir im Laufe dieses Versuchs auch kein Geheimniß gemacht, fest überzeugt sind, daß jener Zustand auf seinem Sterbelager nur eine poienzirte Wiederholung desjenigen war, den der Unglückliche an siebenzig Jahre wie eine schwere und durch ihr Gewicht schmerzende Kugel- und Ke tenlast allenthalben mit sich herum, schleppte, ohne ihrer auch nur einen Augenblick, selbst nicht im Gewühl eines rmldcn Lebens, loswerden zu können. Und das kann auch gar nicht anders seyn. Der Mensch hat allen Halt verloren, sobald er das Band zerreißt — oder vielmehr ,» zerreißen versucht, welches daS Geschöpf mit dem Schöpser verknüpft, und z» eer Haltlosigkeit gesellt sich die Qual, weil der in noch so ercenlrischen Bahnen schweifende Dünkel das Gefühl wie das Bewußtseyn des ew gen, unwandcll'arcn Mitielpunclcü behält. Voltaire verwahrt sich zwar ausdrücklich, und zwar öfters, gegen den Verdaut oder Vorwurf der Alheisterei, und spricht viel vom höchsten Wesen (I'ötrv surirSmv); allein er war ja als Christ getauft und erzogen, und kannte den dreieinigcn Go i, wie ihn die Kirche lehrt. Auch hatte er zu viel Verstand und Belesenhcit, um den Heiland für eine Schöpfung der EinbildungSkrafi irgend einer Classe von „VolfSauS- beutern" zu hallen, und zu viel Scharssinn, um den einmal historisch seststchenvcu Christus bloß für einen sittlichen und aufgeklärten Lehrer oder Moralphilosophen zu erkennen. Sein Kampf gegen den Gottmenschen und dessen vollbrachtes Werk (opus operstum) war daher schon von Anfang an der eines Verzweifelten, der voraus weiß, daß er unterliegen wird, unterliegen muß, und seine schon entschiedene Niederluge durch gesteigerte Wuth verhehlen will. So Kaiser Julian der Abtrünnige. Die gainc Macht deS römischen Reiches — freilich doch nur eine jämmerliche Ohnmacht — bot er auf, um daS Christenthum zu vernichten; nicht durch rohe Gewalt, deren Fruchtlosigkeit ihm die Geschichte seiner Vorgänger zeigte, nein, durch Spott und Herabwürdigung, ganz s Is Voltaire, durch Wiedereinführung und Verherrlichung der Göllcr des Olymps, und durch daS scheußliche Verbot, daS den Christen alle Quellen d,S Unterrichtes verstopfen sollte. Julian hatte Talent, Gelehrsamkeil, einen sehr scharfen Verstand, unermüdliche Thatkraft, wie Voltaire, und überdieß jchwang er das Scepter 342 der Cäsaren noch über die größere Hälfte der damals bekannten Welt; allein er scheiterte an derselben Klippe, die später Voltaire in den Abgrund stieß: er rief einen K'mpen in die Schranken, den seine Waffen, wie er auch wohl wußte, nicht erreichen konnten, müdete sich ab in Fechterstteichen, die in die Luft gingen, sank erschöpft, entmuthigt auf sein letztes Lager, und beschloß sein junges, an unmögliche Zwecke verschwendetes Leben mit dem, mehr als der dickste Commentar sagenden Geständniß: „ Du hast gesiegt, o Galiläer!" Ob sein brechend Auge Vergebung erfleht, sich erhört und beruhigt zum ewigen Schlaf geschlossen habe, daS wissen wir nicht; allein eine ansmcrksame Betrachtung seiner Geschichte, von seinem geräuschlosen, den Studien gewidmeten Ausenthalt in Athen bis zu seiner Erhebung zum Cäsar und AugustuS, seine kurze RegierungSzeit mitgerechnet, läßt uns keinen andern AuSgcmg erwarten; denn sein Sircben war von vornherein ein verkehrtes nnd darum verfehltes; die von ihm selbst als solche >rkannte Wahrheit sollte auf kaiserlichen Befehl bei Allen, die sie eden so innig fühlten und noch dazu liebten, für Luge gelten. Wer dieß nicht auS ' der Acht läßt, der würde Julians Geständniß errathen, wenn eS auch nicht authentisch vorläge, und ebenso würde ihm der AuSgangSpunct der Voltaire'schen Thätigkeit genügen, um ihren Verlauf und endlichen AuSgang durch Induktion zu ermitteln. — Die Philosophen, Voltaire'S Freunde und Anhänger, die Gelegenheit hatten," ihn auf dem Sterbebette zu betrachten, sollen daS Wort zuerst haben. — „Die Aerzte machen kein Hehl daraus, daß alle Hoffnung ve loren sey, daß sein Leben bald erlöschen werde, die Kunst vermöge hier nichts mehr. Er selbst schien sein nahes Ende zu fühlen: „„Man kann seinem Geschicke nicht entfliehen; ich bin nach Paris gekommen, um zu sterben,"" sagte er zu La Harpe, der diese Details in seiner »lilerarischen Corr.spondenz" niedergelegt hat. — „Vor seiner Krankheit (Brief d'Sllembert's vom 1. Juli 1778 an den König von Preußen) fragte er mich in einer vertraulichen Unter» redung, welches Benehmen ich ihm anriethe, wenn er während seines Aufenthaltes in Paris krank würde. Meine Ant-vort war so, wie jeder verständige Mann sie an meiner Stelle gegeben hätte, nämlich, er würde wohl thun, sich unter solchen Umstanden an daS Beispiel aller vor ihm gestorbenen Philosophen zu halten, namentlich Fonteiulle'S und Montesquieu'S, die dem Herkommen gefolgt wären. Er schenkte meiner Antwort seinen vollen Beifall, und setzte hinzu: „„Ich denke eben so; man soll mich nicht auf den Schindanger werfen, wie ich'S an der armen Lccouvreur (eine Schauspielerin vom Ili^tre lrancsis) erlebt habe."" Er hatte einen großen Abscheu vor einer derartigen Beerdigung, und entschloß sich ohne Weiteres, everitusliter unserer Uebereinkunft gemäß zu handeln." — Voltaire leichtste und unterschrieb den Widerruf, den Abbe- Gautier verlangte. Er hatte (nach Wagniere) über 100.000 LivreS baar zu Ferney zurückgelassen; dennoch überg ib er (nach W.) seinem GewissenSrath für die Armen von St. Sulpice nur eine, erst nach seinem Tode zahlbare Anweisung von 600 LivreS. Möglich, daß dieses Almosen ihm als Buße auferlegt worden; es war sicherlich die beste, die man ihm auslegen konnte. Den 18. December 1762 hatte er an Marquis de Thibou ille geschrieben: „Man stirbt, wie man gelebt hat." Scheint er das Sprüchwort nicht durch die Geringfügigkeit jenes Legats gerechtfertigt zn haben? Eine solche Knickerei mußte wohl nicht viel Trost über seine letzte Stunde ausgießen. Ging er in seinem Geiste alle Gelegenhei en durch, wo er Unglück lindern konnte und nicht linderte, welche gegründete Aussicht hatte er da wohl, vor dem Auge eines ver- gelienden GolteS Gnade zu finden? Schon am 11. J muar 1771 meldete er Friedrich: „DaS System der Atheisten ist mir stets unsinnig vorgekommen. Die Annahme eines ungerechten Gottes ist meines BedünkenS eine Unverschämtheit; so viel ist gewiß, daß der Rechtschaffene nichts ju fürchten hat." Suchen wir nun zu erfahren, ob Voltaire ohne GrauS den Augenblick nahen suhlte, wo er über den Gebrauch seines Vermögens und seiner Geistc?gaben Rechenschaft ablegen sollte, — In dem schon angeführten Briefe d'SllembertS erzählt der Verfasser, Voltaire'S TodeStampf sey ein langer und schmerzhafter gewesen, und der Philosoph habe in seiner Krankheit große Ruhe gezeigt, obschon er ungern vom Leben zu scheiden schien: zwei 343 Dinge, die sich augenfällig widersprechen. — „Er entschlummerte sanft (La Harpe, liter, Corresp.), und erkannte nur noch mühsam die Personen, die sich seinem Lager näherten. AIS Abb6 Gautier und der Pfarrer von St. Sulpice bei ihm eintraten, wurden sie bei ihm angemeldet. Erst horte er gar nicht; dann antwortete er: „„Versichert sie meiner Hochachtung"" Der Pfarrer trat an ihn heran, und richtete folgende Worte an ihn: „„Herr von Voltaire, Sie stehen am Ziel Ihres Lebens; erkennen Sie die Gottheit Jesu Christi an?"" Der Sterbende sagte wiederholt: „„JesuS Christus! JesuS Christus!"" Dann streckte er die Hand auS, wie um den Pfarrer zu entfernen, mit den Worten: „„Lassen Sie mich in Frieden sterben!"" „„Sie sehen ja, daß er nicht bei sich ist,"" sprach der verständige Pfarier zum Beichtvater, und sie verließen beide das Zimmer. Die Wärterin trat ausS Bett zu; er sagte mit ziemlich starker Stimme zu ihr, indem er mit der Hand auf die abgehenden Priester wieS: „„Ich bin deS TodcS!"" und sechs Stunden später lag er im Verscheiden." — Nach der „Liter. Corresp." von Grimm, Juni 1778, starb Voltaire wie er gelebt halte, ohne Schwäche und ohne Vorurtheil. (Fortsetzung folgt.) ,W irnzzii!/ ,,-i't twuL '"öiis.!m''L ,sri>bZ Kirchliche Notizen. Heiligenbilder. Die xylographische Kunstanstalt von Braun und Schneider in München, Herausgeber der „Fliegenden Blätter" zc., hat nun auch Heiligenbilder in Holzschnitt herauszugeben unternommen. Da eS bei diesen Bildchen, von denen auch das Aermste unseres Volkes eine kleine Galerie besitzt, vorzüglich darauf ankommt, den Geschmack des Volkes mit den Anforderungen der Kunst zu vereinen, so find sie nicht so leicht anzufertigen, als man glauben möchte. Braun und Schneider haben diese schwierige Aufgabe glücklich gelöst. Die Holzschnitte sind fast durchaus nach guten Meistern gefertigt, und wahr und treu colorirt, so daß sich die Figuren lebhaft vom Hintergrunde abheben. Auf die Rückseite jedes Bildchens ist eine kurze Lebensbeschreibung jedes Heiligen, dann ein Gebet oder ein Denkspruch gedruckt. Dieß alles kann man haben für Einen Kreuzer. Wir wünschen diesen Bildchen gleiche Verbrei>ung, wie den andern Werken dieser Kunstanstalt, und zweifeln nicht, daß sie solche auch finden werden. Mögen sie in aller Welt Zeugniß geben, daß in Bayern auch für die Kunstbedürfnisse der ärmsten Classe mir Liebe und Geschmack gesorgt wird. ilttu ti^ä^KluV ÄZtbil,? «57)? > ^iili»>n5 i^chl^diil HlvrA. mmis um ?ti>lil 6nu i?I,m Ais Newton und Voltaire. (Ein wahrer und ein falscher Prophet.) Der berühmte Newton, von dem sich die neueren großen Entdeckungen in den Naturwissenschaften herschreiben, war, wie schon öfter erwähnt, zugleich ein frommer Christ, und hat z. B. auch eine Auslegung deS Propheten Daniel geschrieben. In diesem Buche sagte er auch, daß in den letzten Zeiten, von denen Daniel weissage, wunderbare Erfindungen gemacht werden würden, man würde 50 (englische) Meilen in einer Stunde zurücklegen in s. w. Der Spoiler Voltaire sagte darüber: „Sehet, was aus dem gewaltigen Geiste Newtons geworden ist, seitdem er, altersschwach, sich daran gemacht hat, dieses Buch zu studiren, daS man die Bibel nennt! So sehr b-'t er seinen Verstand verloren, daß er uns weiß machen will, der menschliche Verstand werde noch so weit kommen, daß er das Geheimniß entdecken werde, 50 Meilen in einer Stunde zu machen. Der arme Träumer!" — Und nun? '.mökti HchzmK ui!ir*s5Ultti»Ä »i>«nv h»v >chk»rm M« ^».'U nni'i«». >!pmg ni Kk«'-s' MW ?»Uv «'» ,A nzköiÄ» n^Ni'n ü>«v >ch'>/> m' Hk4 « Münster, 21. Sept. Die altehrwürdige Stiftskirche auf St. Mauritz umgibt sich mehr unv mehr mit einem Kranze kirchlicher Jnstitule, deren rasches Eulstehen und Aufblühen an jene Zeiten erinnern, wo die thätige Liebe die Welt zur Bewunderung aufforderte. Auf der Westseite der Kirche umschließt das vor einigen Jahren errichtete Kloster zum „guten Hirten" bereits gegen siebzig Büßerinnen. Ihr Tagewerk besteht in Handarbeit, Gebet und Erlernung der Hellswahrheiten. Alles wird ausgeboten, diese Unglücklichen aus ihrer Erniedrigung zu heben und den Funken höherer Liebe in ihnen wieder anzufachen. Auf der südöstlichen Seite bringt ein zweites großartiges Bauwerk, durch rastlosen Fleiß gefordert, seine einzelnen Theile der Vollendung nahe. Die Kranken mehrerer Pfarrgemtinben werden hier leibliche Pflege und Heilung nebst einer milden Gabe für ihre Seele empfangen. Das Gebäude soll zugleich Mutlerhaus für die „Krankenschwestern vom heiligen FranciScuS" werden. Für beide Zwecke erhebt sich aus ihren Grundmauern, unmittelbar verbunden mit der Anstalt, in gothi, schein Style eine geräumige Capelle. Einige hundert Schritte nach Osten steht, eben vollendet, ein massives HauS, daS seine Thore solchen verwaisten Kindern öffnet, welche auf andere ähnliche Anstalten kein Anrecht haben. ml Verauluwrtlicher Steda« lcur! v Scheuche» Verlags-Inhaber- H. Kremer,