Vierzehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augstmrger Psjizeitung. 29. October 1854. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle ZSouutage. Der halbjährige Abo»ncinen»s>,rel« kr., wofür e« durch alle köm'gl. baver. Postämter und alle Buchhandlungen bezog-n werden k^un. Der VtneentiuS-Berein. Stiftung, Plan und Bedeutung desselben für die Gegenwart. ES war im Jahre l833, als in Paris mehrere studirende Jünglinge in einem Saale deS lateinischen Viertels zu gemeinsamen Besprechungen über literarische Materien sich versammelten. Sie nannten ihre Zusammenkünfte nach einem dort geläufigen Ausdrucke Co ufere uzen. Viele derartige Vereine waren vor und mit ihnen entstanden und wieder untergegangen, darum blieben sie auch unbekannt nnd unbeachtet. Wer hatte auch Zeit und Lust, an eine Gesellschaft junger Leute viel zu denken, da ganz andere Interessen das öffentliche Leben beherrschten! Drei Jahre vorher war ja unter immensem Applaus der liberalen Meute das legitime Königthum zum zweiten Male gefallen, das Bürgcrtbum konnte nun statt deö verhaßten Ad.ls sich behäbig sonnen in den Strahlen seines BürgerkönigS, der VoliairianiSmuS erhob von Neuem sein Haupt uud die Genoseva muhte in dem zu ihrer Ehre erbauten Tempel „allen Göttern" weichen, die statt ihrer min dort ihren Einzug feiern scllten, Voltaire und Rousseau voran, deren cynische Leiber die ehedem geweihte Stätte besudelten. Die Kirche von Frankreich trauerte tief, eö schien, als sollte der alte gottlose Geist deS Unglaubens und der Frivolität mit allen Mitteln wieder herausbeschworen werden und von Neuem blutelen ihre kaum vernarbten Wunden. Der Mensch denkt, Gott lenkt. Da fiel ein zündender Funke höhern Lebens herab von Oben und ein heiliges Feuer flammte aus in den Herzen der acht Jünglinge dort im lateinischen Viertel zu Paris, gerade dort, wo der PhilosophiSmuS seine meisten Jünger zählte. Sie machten sich aus, wie vor Jahren einst jene Zehn unter ihrem Führer JgnatiuS von Loyola, Studirende der Universität Paris wie sie, und rcich-en sich die Hände zur Verbrüderung. Sie wollten die Noth ihrer leidenden Brüder lindern, sie wollten dem armen, verlassenen, verwahrlosten Volke Hilfe bringen. DaS aber ist der Jugend eigen, daß jedes edle und erhabene Wort Wiederhall findet in den Seelen, darum schlössen sich mehr und immer mehr Studirende dem Bunde der Jünglinge an, aus der medicinischen Anstalt und der Rechtswissenschaft, von den polytechnischen und Militärschulen kamen sie herbei in immer weitern und wcitern Kreisen, Beamte, Officicre, Notare und Advocaien, Kami»crmitglicder — Alle gezogen vom Geiste heiliger Liebe reihten sich ihnen an, sie wollten dem armen, verlassenen, verwahrlosten Volke Hilfe bringen. Sie gingen hinaus am Abend — nicht in strahlende Säle und glänzende Gesellschaften, nickt zu geistreichen Abcndversammlungen und den hell erleuchteten Theatern, wo Alles sich vereinigt, um die jugendlichen Sinne zu berauschen — sie gehen in die verödeten, verrufensten Gassen der Stadt, in diese Höhlen deö menschlichen Elendes, sie trösten dort den Kranken auf seinem Strohlager, sie spenden Almosen, so weil ihre Kräfte reichen, nehmen die verwaisten Kinder aus, 346 bringen den Gefangenen christlichen Zuspruch und suchen für die Arbeitslosen Brod und Beschäftigung, Sie wollten dem armen Volke helfen, aber sie wußten, daß sie ihm nur helfen können dadurch, daß sie eS zu einem sittlichen Volke machen. Aber alle Bemühungen für die Sittigung der Massen hielten sie für umsonst, wenn diese nicht auf religiösen Grundlagen ruht, die tief hineingelegt sind in die Herzen. Sie wollten einen starken Bau aufführen, darum ihn nur auf den Fels des Glaubens gründen und nicht auf Philanthropie, dieses wankende, schwankende, ncbelhaf'e Ding. Und darum wählten sie einen Priester zu ihrem Vorsitzenden, um durch die Weihe der Religion sich im Voraus des Gelingens zu versichern. Nun sahen sie sich um in der Geschichte von Frankreich; da erschien ihnen ein Mann groß durch den Adlerblick seines Geistes, groß durch die unbeugsame Energie seines Willens, aber noch größer durch die Glut heiliger Liebe im Herzen. Es war ein Heiliger. Er sollte ihr Vorbild und ihr Beschützer werden, und sie nannten sich nach ihm „Die Gesellschaft deS heiligen Vincentius von Paula." AuS dem Schooße der studirenden Jugend von Paris ging ein Männerbund hervor, der Europa vor der Häresie gerettet hat. Dreihundert Jahre später ging von hier ein zwener Männerbund aus, um die Gesellschaft zu retten von CommuniSmus und Socialismus. Ihr Zweck ist ein anderer, eine andere ihre innere Organisation, denn die Gefahren sind andere; aber die Stelle ist die nämliche, das lebende Princip ist die katholische Glaubenökraft und ihre himmlische Tochter, die rettende Liebe. Der NincentiuSverein, aus Tausenden von Mitgliedern bestehend und über ganz Frankreich verzweigt, hat Großes gewirkt; eine noch größere Zukunft steht ihm bevor. Schon in dem ersten Jahrzehent seines Bestandes waren anderthalb Millionen Franken an die Armen vertheilt worden, nachdem die ersten Jahre kaum einige Tausend Franken ergeben hatten. Dann aber mehrten sich die Einnahmen in steigender Progression. Im Jahre 1833 waren eS nur 2000 Franken. Im Jahre 1840 schon 96,000, im Jahre 1841 - 142,000, — im Jahre 1842 — 232,000, - im Jahre 1843 — 322,000, — im Jahre 1844 — 447.000. Aber er hat bei seiner weiten Entfaltung sein niedriges Herkommen und die unscheinbaren Anfänge nicht vergessen, auS denen er entstanden ist. Darum nennen sich die einzelnen Zweigvereine „Conferenzen", sie wollen bei ihrem ausgebreiteten Wirken den Segen, den Demuth bringt, nicht verlieren. Der charakteristische und fast ausschließliche Zweck des VinceutiusvereinS zu Anfang seiner Gründung war die Besuchs-Armen pflege. Der Verein erkennt und betrachtet diese seine besondere Aufgabe nicht als Ergebniß menschlicher Wahl und Berathung, sondern als besondere providentielle Leitung GotteS. ES ist dieß, wie der Bericht vom 8. Mai 1851 besagt, duS gemeinsame Feldzeichen, an welchem sich die einzelnen Abtheilungen erkennen, wie die auf viele Posten vertheilten Schaaren des einen Heeres. Es unterscheidet sich sonach das großartige Wirken des VincentiuSvereins in dreifacher Hinsicht wesentlich von der öffentlichen und amtlichen Armenpflege. Einmal erscheint jede, auch die geringste seiner Gaben, als reiner Ausfluß freier christlicher Liebe, die auS Mitleid sich über die Armen erbarmt, nährt sonach an der Brust deS Hilfsbedürftigen die sanften Gefühle der Dankbarkeit, während die „Beiträge" (!), welche der Arme cmS den öffentlichen Cassen regelmäßig empfängt, in ihm einen scheinbaren Rechtsanspruch begründen, darum nicht selten nur seine Unzufriedenheit mehren und statt deS DankgesühlS finstern Trotz und empörende Undankbarkeit zur Folge haben. Zweitens beschränkt sich die Wirksamkeit des Vereins nicht auf die Darreichung einer augenblicklichen Unterstützung, sondern er betrachtet diese nur als eines der vielen Mittel, deren er sich zur Linderung der Noth bedient. Der vorzüglichste Hebel für Erleichterung der Noth aber ist die persönliche Einwirkung der Mitglieder, die einen Reichthum von geistigen und materiellen Hilfsquellen für alle Verhältnisse und Lebenslagen deS Armen in sich birgt, den unerschöpflichen Reichthum der heiligen Liebe, welche Wort und That, Einfluß und Vermögen, die Kraft und der Scharfsinn ihres Geistes, die Wärme ihres Herzens, die Beredsamkeit ihres Mun- 347 deS aufbietet, um den Armen zu retten, die den Hochmüthigen durch ernste Worte niederschlägt, den Faulen ausstachelt, den Gebeugten emporrichtet durch linde Rede und den Verzagten beruhigt. Drittens endlich unterscheidet sie sich von jeder ofsiciellen Armensorge dadurch, daß sie dem Spender selbst ein eben so großcs Almosen, wie dem Empfänger bietet, Sie öffnet sein Herz den edlen Gefühlen heiliger Luve, sie zeigt ihm edle, heilige Seelen unter der ranhen Hülle der Armuth, die ihn mit Rührung und Staunen erfüllen; sie heiligt ihn selbst, indem er arbeitet an der Heiligung seiner Brüder, beschenkt und bereichert ihn mit jenem Lohne, der den Barmherzigen verheißen ist. Jene Seligkeit im Herzen tragend, die im Geben liegt, da ja „Geben seliger ist, als Nehmen," geht das Mitglied des VincentinSvercius heraus aus der niedern, dumpfen Wohnung des Armen, hinweg vom SchmerzenSbette deS Sterbenden. DaS Almosen ist himmlischer Thau für den, der gibt, irdischer Thau für den, der empfängt, sagt Herr von Barante in den „Annalen von der christlichen Liebe," Sie bietet dem jugendlichen Thatendurst ein weites offenes Feld und gräbt dem innern Strome jugendlich frischer Begeisterung ein tiefes Bett, daß er nicht seine Dämme überfluthend, ringS umher Alles verwüstet und verheert. Ein Schreiben Papst Gregors XVI. vom Jahre 1845, welches den VincentinS- Verein durch Verleihung von Ablässen auszeichnete, hat den von Anfang an dem Vereine innewohnenden ächt kirchlichen Charakter vor aller Welt ausgesprochen und besiegelt. Der Besuch des Armen in seiner Wohnung ist nach dem Gesagten der eigentliche Brennpunct, um den die ganze Thätigkeit des Vereins sich ordnet, von hier aus Richtung uud Bedeutung gewinnt. Denn wer sich niedersetzt zu dem Armen an seinen häuslichen Herd, sagt ein Bericht vom Jahre 1844, wer da sein ganzes Elend, seine Leiden und seine Entblößung sieht, der kann bei solchem Anblicke unmöglich kalt, glcich- gillig^ bleiben. Hier erzählen sie uns die Geschichte rhreS Unglücks, diese oft uuunter- trochene Kette von Leiden uud harten Schlägen deS Schicksals, Wir folgen ihnen bis zur erste» Quelle ihrer Mißgeschicke, entdecken die letzten, oft verborgenen Ursachen und gewinnen nnr so die richtige Einsicht und Kenntniß der sichern Mittel, durch welche wir ihren Nothstand heben oder wenigstens erleichtern können. Von der Wohnung deS Armen ans öffnet sich uns der Blick uud wir schauen weithin über ein großes, ausgedehntes Land voll Noth und Elend, Jetzt erst enthüllt sich uns die Armuth in ihrer ganzen furchtbaren Größe. Wir glanbtcn ein gutes Werk zu thun, einen Verein für mildthätige Zwecke gestiftet zu haben; aber ein Abgrund rief dem andern zu, ein Werk veranlaßte das andere, ein Keim weckte nene Pläne, Von der Dachstnbe führte die Noth den Besucher in die Werkstätte, in die Schule, iu daS Spiral, in das Gefängniß, in die Bewahranstalt und es sind so die verschiedenen Werke christlicher Liebe nur die einzelnen Strahlen, die von diesem Brennpuucte heiliger Liebe nach dem weilen Umkreise deS ganzen socialen Lebens anSgehen, So umfaßt denn die Gesellschaft deS heiligen VincentinS von Pcmla in den mannigfaltigen, aber immer in organischer Gliederung ihm sich einfügenden Einigungen alle Siufen und Nuancen deS menschlichen Elendes. ES sind dieß die einzelnen kleinern Capellen, den einzelnen Nothständen deS Volkes geweiht, aber über alle wölbt sich der weite erhabene Dom heiliger, rettender Liebe, Keiner hatte den Plan für den ganzen Bau erfunden, Keiner hatte den Grundriß vorgezeichnet; es ist eine böhere Fügung, die in seiner Geschichte sich offenbart, und ihr schreibt der Verein allen Segen zu, der seit Jahren durch ihn geflossen ist über das Volk und unläugbar als vorzüglichster Factor die gegenwärtigen besseren Zustände verbreitet, Darnm verkennen die Mitglieder auch keinen Augenblick die hohe, bedeutungsvolle Mission, die der Verein an dem Geschlecht der Gegenwart zu erfüllen hat. „Gott hat unsere Mühen gesegnet," spricht der Berichterstatter, „aber denken wir deßwegen noch nicht daran, zu rasten. Auch daS Elend rastet nicht, die Propaganda der Gottlosigkeit schreitet voran, daS Laster kennt keinen Stillstand. Arbeiter im Weinberge deS Herrn, Streiter im Kriegsheere Jesu Christi, müssen wir kämpfen und arbeiten ohne Rast! Unsere Mission ist 348 zu groß, als daß wir uns Ruhe geben könnten; nein, im Angesichts von Hunger und Noth, im Angesicht? dieser unheimlichen Symptome, dieses schlecht verhaltenen Grim. meS, dieses glühenden HasseS gegen die Gesellschaft, welche deS Egoismus und der Korruption bezüchtigt wird, im Angesichts dieser neuen Barbarei, die heraus gerufen werden soll, um die Welt zu läutern, vor diesen Verheerungen, grauenhafter als ehedem die Züge der Ungläubigen — nur Ein Mittel bleibt unS, die Gesellschaft und Bildung und Gesittung zu retten, und es ist nichts Anderes, als rückhaltlose Hingebung zur Linderung des Elendes, zur Bekämpfung der Unsitte. Wir müssen den Gegner entwaffnen, dadurch, daß wir ihm jeden Vorwand zu seinem Hasse aus den Händen winden. Wohlan denn, Christen! Gott will eS haben, darum hat er unser Werk gesegnet, Gott will eS haben! Die heilige Liebe, daS ist unser Kreuzzug im 19ten Jahrhundert!" Der Tob Boltaire'S. (Fortsetzung.) In „Voltaire'S Leben" rückt Douvernet offener mit der Sprache heraus: „Herr von Villevieille schreit ihm in'S Ohr: „„Ihr Beichtvater, Herr Gautier, ist da!"" und der Philosoph antwortet zur großen Verwunderung der Zeugen seiner Agonie: „,,Abb6 Gautier, mein Beichtvater? empfehlen Sie mich ihm bestens."" Darauf wurde der Pfarrer angemeldet. Beim Wort Pfarrer richtet sich der Sterbende halb auf, reicht ihm die Hand, ergreift die deS Seelsorgers, küßt sie und spricht: „„Ehre meinem Pastor!"" Diese Stellung, diese Liebkosung, diese wenigen Worte schienen Letzten» zu sagen: „„Herr, quälen Sie mich nicht."" Allein der Pfarrer fragt ihn von Neuem, und zwar in nicht sehr festem Ton: „„Herr, erkennen Sie die Gottheit Ehristi an?"" Und Voltaire, sterbend, mit offener Hand und gestrecktem Arm, wie um den Pastor zn entfernen, antwortet mit lauter, fester Stimme: „„Herr, lassen Sie mich ruhig sterben!"" Der Pfarrer wiederholt seine Fra^e, und spricht ihm nochmals von der Gottheit Christi. Da rafft der Philosop'? alle seine Kraft zusammen, entfaltet zum letzten M.il den Ungestüm seines Charakters, und stößt ihn mit der Faust zurück, wobei man die Worte hört: „„Im Namen GotteS, reden Sie mir doch nicht vcn dem Menschen!"" Das waren Voltaire'S letzte Worte. Man darf mit Recht versichern, daß, auf vie Ungeduldsäußerung, die durch die Zudringlichkeit deS Pastors veranlaßt, wurde, eine große Ruhe eintrat, und daß Voltasre zwei Stunden später mit der Gelassenheit und Ergebung eines Philosophen starb, der zum großen Wesen eingeht." — „Zwei Tage vor diesem traurigen Sterbsalle (VVsgniere, me'inoii-es) holte Abb6 Mignot dm'Pfarrer zu St. Sulpice und den Abb6 Ganticr in das Zimmer deS Kranken, dem er meloete, AbbS Gautt'er sey da. „„Nun denn,"" sagte der Patient, „„meine Empfehlung und meinen Dank an ihn."" Der Abb6 sprach einige Worte zu ihm und ermähnte ihn zur Geduld; darauf trat der Pfarrer au5 St. Sulpice näher, gab sich ihm zu erkennen, und fragte ihn mit erhobener Slimme, ob er die Gottheit unseres Herrn Jesu Christi anerkenne? Der Kranke fuhr nun mit einer Hand nach dem Käppchen des Pastors, stieß ihn zurück, und rief, indem er sich rasch umwandte: „„Lassen Sie mich in Frieden sterben!"" Der Pfarrer ging darauf mit Abbe Gauu'er weg. Als sie fort waren, sagte Herr v. Voltaire: „„Ich bin deS TodeS!"" Dieser große Mann starb mit der größten Gelassenheit, nachdem er die grausamsten Schmerzen ausgestanden. Zehn Minuten zuvor, ehe er den letzten Seufzer auöstieß, faßte er seinen Kammerdiener Morand, der bei ihm wachte, bei der Hand, und drückte sie ihm mit den Worten: „„Adieu, lieber Morand, ich sterbe "" Das waren Voltaire'S letzte Worte." Da La Harpe, Grimm, Douvernet und Wagniere während deS Besuchs der beiden Geistlichen nicht in Voltaire'S Zimmer waren, so ist eS angemessen, nachstehende Zeilen des Beichtvaters anzuführen: „Wir traten in'S Gemach deS Herrn von Voltaire, sagt Abb6 Gautier. Der Pfarrer zu St. Sulpice wollte zuerst" mit ihm 349 reden, allein der Kranke erkannte ihn nicht. Ich versuchte eS mm meinerseits ihn anzureden; er drückte mir beide Hände, und gab mir Beweise von Vertrauen und Freundschaft; aber ich gen'ech sehr in Erstaunen, als er zu mir sagte: „„Herr Abl>6 Gautier, ich bitte Sie, mich dem Herrn Abb6 Gautier bestens zu empfehlen."" So fuhr er fort, mir Dinge ohne allen Zusammenhang zu sagen. Da ich sah, daß er irre redete, so sprach ich weder von Beichte noch von Widerruf. Ich bat seine Auge- hörigen, mich benachrichtigen zu lassen, sobald er wieder zu sich käme, was sie mir auch versprachen. Ach! ich halte mir vorgenommen, den Kranken wieder zu besuchen; allein schon früh am nächsten Morgen erfuhr ich, drei Stunden nach unserm Weggänge sey er verschieden." Abb6 Gautier ist nicht so anSführlich, wie die Pbilosophen; er beweiset aber, daß Wagniere sich hinsichtlich deS Besuchstages der beiden Priester geirrt hat. Die Anekdote vom Käppchei? findet sich nur bei W allein, und eS bleibt dem Leser überlassen, ob er sie für wahr oder für eine Erfindung deö Erzählers ansehen will. — Mehrere Stunden liegen zwischen der Entfernung deS Beichtvaters und Voltaire'S Tod. Welche» Gebrauch machte der Sterbende von seiner Vernunft, nachdem daS Phantasiren vorüber war? Alle seine Freunde haben nnS so eben versichert, er sey bis in die letzte Stunde hinein vollkommen ruhig gewesen. Kanu nnd darf der Historiker bei ihrem Zeugniß stehen bleiben? Nein; denn eS sind andere Autoritäten vorhanden, die eS entkräften. Formey („Souvenirs cl'un eitoven") berichtet, Voltaire habe seine Laufbahn in schrecklicher Verzweiflung beschlossen. In der „Xouvelle Kevus enevclopeclic;ue" kommt folgende Stelle vor: „Man hörte sagen, Dr, Trauchi», der Herrn v. Voltaire behandelte, und ihm bis zn seinem letzten Athemzuge bcigestauden, habe sich besonders über die vcrzweiflungsvolle Raserei entsetzt, die Voltaire in dieser verhängnißrollsten aller Lagen geäußert, er, der sich selbst die Heilsmittel und Tröstungen geraubt hatte, die man aus der Religion schöpfen kann. Der Patient schrie immerfort: „„Herr, helfen Sie mir da heraus!"" worauf Tronchin nothgedrungcn eben so einförmig antwortete: „„Ich vermag nichts, Sie müssen sterben"" Die Worte preßten dann dem Sterbenden den Sckmerzensruf auS: „„So bin ich denn von Gott und den Menschen verlassen!'"' Der Doctor, ein Protestant, sagte laut und oft: er hätte zur Bekehrung der Ungläubigen nichts anders gewünscht, als sie am Sterbebett Voltaire'S versammeln zu können und zu Zeugen der gräßlichen Angstqualen desselben zu machen, welche nach seiner Meinung einen liefern Eindruck auf ihren Geist und ihr Gemüth bewirkt haben würden, als die rührendsten Reden und lichtvollsten oder überzeugendsten Schriftwerke." — Pater Harel erzählt in seinem „iieeueil cle» psrticularites curieuses cle Is vie et cle li» mort ele Voltsire": „Nachdem der Pfarrer zu St, Sulpice und Abb6 Gautier fort waren, fand Volta're's Arzt, Herr Tronchin, den Kranken in schrecklicher Gemüthsbewegung; er schrie wie ein Rasender: „Ich bin von Gott und den Menschen verlassen", griff in seinen Nachltopf und verzehrte den Inhalt, vr. Tronchin, der dieses Factum verschiedenen achtbaren Personen erzählte, that dieß immer mit dem Zusätze: Ich wünschte, Alle, die durch Voltaire'S Bücher verführt wurden, wären Zeugen seines Todes gewesen; eS ist unmöglich, bei einem solchen Schauspiele nicht in sich zn gehen. Chaudon wiederholt diese Erzählung, und bemerkt dazu, „nichts sey glaubhafter. Reizbare Phantasien seyen von Natur religiös, besonders wenn sie früh mit den vortrefflichen Grundsätzen der Religion genährt worden. Voltaire habe daher gewiß seine letzte Stunde nicht so ruhig und glcichgiltig schlagen hören, wie seine Anhänger behaupten, zumal andere Zeugnisse das Gegentheil darthun. Möge er im gesunden Zustande nicht geglaubt haben, so wäre sein Unglaube doch wankend und seine Krankheit sicher nicht ohne Zweifel gewesen. Wer aber zweifle, berge wider Willen Schrecken und Verzweiflung in seinem Busen." Barruel („HelvienneS") verweist an P. Harel, und führt dann den Prälaten de VivierS an, zu dem Tronchin eines TageS sagte: „Rufen Sie sich die ganze Raserei und die Wuthanfälle deS Orestes ins Gedächtniß zurück, so haben Sie doch nur ein mattes Bild von denen Voltaire'S während seiner letzten Krankheit." In seinen 3S0 „Mmoires" ist Barruel ausführlicher: „Der Biograph fürchte hier nicht zu übertreiben. Was für ein Gemälde er auch entwerfen mag von den WuihauSbrüchen, Gewissensbissen, Vorwürfen, Ausrufungen und Lästerungen, die sich während einer langen Krankheit auf dem Lager des sterbenden Gottlosen ablösen, selbst die Genossen seiner Gottlosigkeit werden daS grellste Coloril nicht Lügen strafen, Ihr gezwungenes Stillschweigen wiegt die zahlreichen Zeugnisse und Denkmale der Geschichte über diesen Tod, den fürchterlichsten, ver je einen Gottlosen getroffen hat, nicht auf, oder vielmehr jenes Stillschweigen von Männern, denen so viel daran liegen muß, unsere Zeugnisse als falsch darzustellen, ist ihre urkundlichste Bestätigung. Auch nicht ein einziger von den Sophisten hat die Kühnheit gehabt, dem Haupt ihrer Verschwörung die geringste Festigkeit beizulegen, ihm auch nur die Ruhe eines Augenblicks zu vindiciren in den langen drei Monaten, die von seiner Krönung im „'tü^trs sran^sis" bis zu seinem Tode verflossen. Dieses Stillschweigen ist beredt; eS sagt deutlich, wie sehr ein solcher Tod sie demüthigte." Um den letzten Satz zu verstehen, muß man sich erinnern, daß die meisten Schriften der Philosophen, woraus wir Stellen angeführt, erst mehrere Jahre nach BarruelS ,Mmoirk8" erschienen. Dieser Autor fährt also fort: D'Alem- bert, Diderot und zwanzig andere Verschworene, die sein Vorzimmer belagerten, nahten ihm jetzt nicht mehr, ohne Zeugen ihrer eigenen Demüthigung in der ihres Meisters zu seyn, und nicht selten wurden sie unter Verwünschungen und Vorwürfen von ihm zurückgewiesen. „Fort mit euch! fuhr er sie an, ihr seyd schuld an meinem Zustande. Fort mit euch! Ich konnte euch alle entbehren, ihr mich nicht; welch' unseligen Ruhm verdanke ich euch!" Diese Verwünschungen wider seine Adepten riefen die grausame Erinnerung an seine Verschwörung (gegen Christus und Christenthum) in ihm wach, und dann konnten seine Jünger mir eigenen Ohren hören, wie er, von Angst und Schrecken gefoltert, diesen nämlichen Gott, den frühern Gegenstand seiner Anschläge und seines Hasses, abwechselnd nannte, anrief und lästerte. Mit lang gezogenen Tönen, der Stimme des nagenden Gewissens, rief er bald: „JesuS Christus! JesuS Christus!" und bald klagte er, von Gott und Menschen verlassen zu seyn. Die Hand, die dem schwelgenden Belsazar das vernichtende Mene Tekel an die Wand schrieb, schien jetzt Voltaire'S Augen seine eigene Formel: „Zertritt doch den Schändlichen!" als VerdammnngSurtheil vorzuhalten. Vergebens suchte er die grausenhafle Erinnerung zu verscheuchen, stets war sie da, leuchtend wie Phosphor in ver Nacht; denn die Zeit war gekommen, wo er dem „Schändlichen" verfallen, von ihm gerichtet, vielleicht von seinem Fuße zertreten werden sollte! Seine Aerzte, vor allen Tronchin, kamen, um ihn zu besänftigen, und gingen wieder, um zu bekennen, sie hätten daS grausigste Bild des sterbenden Gottlosen gesehen. Der Hochmuth der Verschworenen wollte vergebens solchen Bekenntnissen wehren. Tronchin sagte vor wie nach, die Raserei deS Orestes gebe nur einen schwachen Begriff von der Raserei Voltaire'S. Marschall Richelieu, der Zeuge einer solchen Scene war, floh eiligst davon und sagte: „In Wahrheit, daS ist zu stark; man kann'S nicht aushalten." Der berühmte Deluc, dem vorstehende Beschreibung später zu Gesicht kam, schrieb unterm 23. October 1797 von Windsor an den Verfasser (Barruel): „WaS Sie bei Gelegenheit eines Umstan- deS, der mit allen anderen zusammenhängt, vom Tode Voltaire's berichten, kann ich als wahr bezeugen. Bei meiner Anwesenheit in Paris im Jahre 1731 kam ich öfters mit einer von den Personen zusammen, die Sie nach dem öffentlichen Gerücht als Gewährsmann anführen; diese Person war Herr Tronchin. In Vollaire'6 letzter Krankheit ward Tronchin zu ihm gerufen, und aus dem Munde dieses Arztes weiß ich Alles, waS damals in und außerhalb Paris über den schrecklichen Seelenzustand des grauen SündcrS beim Herannahen deS TodeS erzählt wurde. Als Arzt that Herr Tronchin alles Mögliche, um dessen Aufregung zu stillen, deren Heftigkeit jede Arznei unwirksam machte; seine Bemühungen blieben fruchtlos, und daS Grausenhaste dieses ganz eigenthümlichen Wahnwitzes zwang ihn, den Bedauernswürdigen aufzugeben. Ein so gewaltsamer Zustand in einem hinfälligen Körper kann nicht lange währen; Gefühllosigkeit, ein Vorbote der sich auflösenden Organe, muß naturgemäß darauf 351 folgen, wie auf jede heftige vom Schmerz veranlaßte Aufwallung, und diese seine Seelenlage hat man mit dem Namen „Ruhe" geschmückt. Herr Tronchin, der jedem Irrthum hierüber vorbeugen wollte, verbreitete persönlich als unverwerslicher Zeuge alle jene Umstände, wie ich sie in Ihrer Darstellung der Wahrheit getreu nacherzählt finde." Den Philosophen schien ein solches Zeugniß doch zu wichtig, um eS geradezu falsch zu erklären; man schlug also einen Seitenweg ein. Wognit-re bat einen Netter deS verstorbenen Tronchin um Auskunft, welcher auch so gefällig war und ilnn am 25. Jänner 1737 antwortete, „im schriftlichen Nachlaß seines Verwandten habe sich keine Spur von dergleichen Aeußerungen gefunden, auch habe Tronchin ihm nie mündlich etwas AehnlicheS mitgetheilt " Das beweiset aber weiter nichts, als waS buchstäblich in den Worten liegt; denn daraus, daß ich Zc, V oder Z eine Sache nicht anvenraut, folgt doch keineswegs, daß ich sie darum auch A, B oder C habe verhehlen müssen, und daß Tronchin über seine Erfahrungen an Voltaire'S Sterbebett nichts Schriftliches hinterließ, bedingt rben so wenig die Wirklichkeit dieser Erfahrungen als ihre Mittheilung an dritte Personen. DaS Verfahren von Voltaire'S Adepten in Betreff dieses Puncts war also um so unlogischer, da sie selbst die Aechlheit der bestrittenen Facta am besten kannten, und als Gelehrte auch Einwürfe voraussehen mußten, wie die unsrigen. Zwei Jahre hatten sie geschwiegen, das war klug; daß sie dieses kluge Stillschweigen nachher brachen, zeugt von ihrer Verwirrung, und daß sie, die ersten Köpfe Frankreichs, so tölpisch verfuhren, von einer faulen Sache, die man um jeden Preis retten wollte, weil man sie zu der seinigen gemacht hatte. Unsern Lesern aber versprechen wir für nächstens zwei Beweisstücke, die jedem Angriff trotzen; es sind dieß ein eigenhändiger Brief TronchinS an Bvnnet und die von einem katholischen Bischof verbürgte Erklärung der Wittwe Marquise de Billette, in deren Hotel Voltaire seinen Geist aufgab. (Schluß folgt.) Eine Jubelfeier in Ornbau. Ornbau, 15. Oct. „Ehre, wem Ehre gebührt!" Diese Worte fanden heute bei einer eben so seltenen, als festlichen Veranlassung ihre Deutung. Der hoch- würdige Herr Decan und Stadtpfarrer zu Ornbau, Jgnaz Königsvorfer, hat nämlich heute — 15. October — fast am nämlichen Tage, an welchem er vor fünfzig Jahren dem Herrn die Erstlinge im hochheiligen Opfer dargebracht, nunmehr seine Secundiz gefeiert. An Geist uud Leib gleich rüstig, schritt der ehrwürdige Jubelgreis den Opferaltar hinan, um dem Allerhöchsten für die in langer Jahresreihe empfangenen Gnaden seinen Dank und seine Anbetung im heiligsten Geheimnisse auszudrücken. Sämmtliche Capitularen des Capitels Ornban — nur zwei waren zu ihrem Bedauern wegen Krankheit und zu weiter Entfernung zu erscheinen verhindert —, mehrere Priester auS der Ferne, darunter nahe Verwandte und ehemalige Zöglinge deS Gefeierten, und eine äußerst zahlreiche Masse deS gläubigen Volkes auS allen Theilen des Capitels und der Umgegend waren herbeigeeilt, um dem hochwürdigen Jubelpriester ihre Verehrung, Liebe und Freude kund zu geben. Seit vielen Jahren wirkte der Jubilar als Landralh des Kreises Mittelfranken, geehrt und geliebt als AlterS-Präsident, und wie sehr man seine Verdienste um Kirche, Thron und Vaterland allerhöchsten OrteS anzuerkennen wußte, dessen ist Zeugniß, daß Seine Majestät ihn zum Ritter deS Verdienstordens vom heiligen Michael zu ernennen geruhten. Aber auch sein hochwürdigster Bischof glaubte den verdienstvollen Greis für sein Wirken im Gebiete der heiligen Kirche auszeichnen zu müssen. Die Ernennung zum bischöflichen geistlichen Rathe, eine in der Diöcese Eichstädt seltene Ehre — wurde dem greisen Decan mit einem ehrenden Beglückwünschungsschreiben von Seite deS bischöflichen Ordinariates zu Theil, und um die FesteSfeier zu erhöhen, hatte sich als 352 Stellvertreter deS hochwürdigsten Herrn Ordinarius Herr Domkapitular und General- Vicar Fricß eingesunden, und er, so wie der tonigl. Landrichter Dennefeld von Her« rieden, gaben der Gemüthsstimmung aller Anwesenden den sprechenden Ausdruck, nachdem ehcvor Herr Stadtpfarrer und Kammerer Bernhard von Herrieden in der Festprcdigt die hohe Bedeutung dieser Feier in Beziehung auf die Würde deS PriesterthumS hervorgehoben hatte. In Wahrheit, eS bestätigte sich auch hier die ächt katholische Liebe und Theilnahme bei diesem Feste, das so recht in katholischem Geiste gefeiert wurde. Noch möchte ich eine» Blick hinrichten auf den gefeierten JubilariuS. ES gewährt einen herrlichen Genuß, den tieferfahrnen Mann am Abende seines Lebens eine Rundschau anstellen zu sehen, auS seinem beredten Munde die vielfachen Erlebnisse seines bewegten Lebens, die Freuden und Leiden während seiner Studienzeit in Augsburg, Dillingen und in dem herrlichen Stifte Ottobeuern schildern zu hören. Mit hoher Begeisterung spricht der dankbare Schüler noch von seinen ehemaligen Lehrern in diesem Stifte, deren Ruf wohl noch in spätern Zeiten nicht verklungen seyn wird, — von einem MauruS Feyerabend, Prior und Schulvräfect, dessen in