Eitfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augstmrger poiheitung. 12. Januar M- A. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis Ält kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. umsch a u. Hat ein Mensch fünfzig Jahre vollendet, so ist er gewiß auch um eine große Summe von Erfahrungen reicher geworden, und Glück und Heil ihm, wenn ihn die Erfahrung klüger gemacht hat. WaS vom einzelnen Menschen, als Glied des Geschlechtes gilt, daS sollte um so mehr Gellung finden von den Menschen, d. i. vom gesammten Geschlechte, das sich da fortentrollt nach Gottes Rathschluß im Laufe der Jahrhunderte. Fragen wir die Geschichte: Sind die Generationen klüger geworden durch die eigene sowohl als durch die Erfahrung der Vorzeit? Tritt nicht eine Gene^ ration, ein Volk blindlings nach in die Fußstapfen des andern, das, als ausgebrannte Ruine nur mehr der Geschichte gehörig, zum Aase geworden, um das sich die Adler versammeln, die eindringliche Lehre den Völkern geben könnte und sollte: „Seht! der Weg, den ihr einschlaget, ist derselbe, auf dem wir zu Grunde gegangen. Es ist der Weg der Gottverlaugnung, Selbstvergötterung, oder besser Selbstverthierung im groben und feinen Materialismus. Hochmuth kam vor dem Falle." Wir bezeichnen hier kein bestimmtes Volk als Ruine, als Beute der Adler, denn die Geschichte ist nicht verlegen um derlei Beispiele göttlicher Strafgerichte. Aber das Volk, das wir noch retten, vom Abgrunde zurückrufen möchten, das ist Europas Volk, die Generation, die wir noch zu erhalten wünschten am gesunden geistigen Leben, das ist die jetzige, und ihre Tochter, die nächstkünftige; das Jahrhundert, dem wir gerne eine ehrenvolle Zukunft am Tage des Gerichtes bereiten möchten, das ist das unsrige, daS l9te Jahrhundert. Fünfzig Jahre zählt es voll in seinem Alter. Gott gebe, es wäre um fünfzig Jahre auch klüger geworden! Zwar werden mir — dem finstern Heuler — dse Herren Lichtfreunde auS allen Confessionen vordemonstriren wollen, wie weit sie cs in diesen fünfzig Jahren mit dem Fortschritt im Glauben gebracht. O plagt mich nicht lange Ihr Herren! ich sehe es ohnehin ein. Ihr habt cs so weit gebracht, daß Jhrs nicht mehr weiter bringen könnt. Ihr seyd am Ziele! Ihr habt nur die Wahl, entweder zur Gnade des Glaubens an Christum umzukehren, den ihr mit Hohn unter die Füße der Generation getreten, oder — was euch vielleicht für den Augenblick lieber ist — einzukehren in die Kneipe eures selbstgeschaffenen Thierdienstes, und ü Is Ronge und Consorten süßen Weines oder sauren Bieres voll, aus oder unter dc» Bänken eure prophetische Begabung zu entwickeln. Von der andern Seite her werden mir — dem anrüchigen Ultramontanen — die Herren vom Handel des alten und neuen Bundes beweisen die Klugheit des Jahrhunderts, die Berge abgetragen, Thäler ausgefüllt, krumme Wege gerade, ungleiche Wege eben gemacht hat. Schau hin, du altrömische Gebirgsnatur! auf unsere eisernen Straßen und Rosse, zu Wasser und zu Land, wie wir den Handel in alle Welten verbreiten; ob wir statt hundert Tonnen OeleS fünfzig, statt hundert Malter Weizen 10 achtzig schreiben, darauf kommt's eben nicht an, vas gehört zur Klugheit deS evangelischen HauShälters. Die Herren Lichtsreunde haben uns den Weg in der Moral zu diesem Behufe geebnet. „Sey ein honetter Dieb, und siehe zu, daß du für deine alten Tage etwas erübrigst, klebt auch daran das Blut der Armen, Wittwen und Waisen." Das ist das Moralsystem unserer Führer. Sieh an, Nltramontaner! wie die Industrie in allen Zweigen zu unsern Füßen liegt. Komm' nur einmal auf die große Londoner Industrieausstellung und bewundere die Werke unsers schaffenden Genies, die Werke, die wir mit Hilfe zweibeiniger Lastthiere, v^Zo Menschenkinder genannt, vollbracht haben. Bei unS gilt der Unterschied von Geist und Natur, den ihr ultramontanen Philosophen und Theologen aufwärmt, nichts. „Die Natur ist groß, und die Industrie ihr Prophet!' Ihr habt mit eurer Unterscheidung den Sonntag und Wochentag, daS' Jenseits und das DießseitS, Gott und den Menschen geschaffen. Unsere Arbeiter und Tagwerker an Eisenbahnen und in Fabriken kennen nur einen ewigen Wochentag, und reibt sich dieses Einzel-Naturwesen, dieser Splitter der Naturkraft auf, so werfen wir den Arbeiter weg, denn wir haben für eine Generation von Arbeitern gesorgt, wir sehen eS gerne, wenn Mann und Weib im friedlichen oder unfriedlichen Concubinatc uns die Fabriksbevölkerung geben. Wir bringen so wieder den Sclavenhandel zn Ehren, durch dessen Abschaffung ihr Ultramontanen der Industrie und den Rittern derselben empfindlich geschadet habt. Nur einen Wunsch hätten wir noch, nämlich den: daß der Staat durch die Civilehe der ganzen Sache einen legaleren Anstrich verleihe. Unsere Leute sind zufrieden mit dem DießseitS, wir geben ihnen daS tägliche Fntter, und können wir sie heute oder morgen nicht mehr füttern, dann werden sie doch hoffentlich das thun , was wir zu thun gesonnen sind: Durch eine Kugel vor den Kopf oder einen Sprung inS Wasser dem DießseitS ein Ende setzen. Der Umstand wäre freilich unangenehm, wenn sie in ihrer rohen Naturkraft an unS oder unserer Habe sich vergreifen möchten. Aber da gibts ja Schutzmittel gegen wilde Thiere — die Waffen; dafür zahlen wir Steuern. Die größte Mühe hat eS unS gekostet, den „ultramundancn" Gott eurer ultramontanen Religion aus den Köpfen und Herzen der Arbeiter herauszubringen, denn so lange dieser Gott darin herrschte, faselten sie noch immer von religiösen Pflichten an Sonntagen, von Verpflichtung der Kinder zum Religionsunterrichte, von christlich garantirten Rechten deS Arbeiters u. s. w. Da haben uns nun wieder die Herren Lichifreunde aus der Noth geholfen. Während Altisrael handelt mit der Industrie, handelt Jungisrael mit der Presse und macht Voltaires Höllengebräu, wie ihr eö nennt, sür daö gemeine Volk zurecht in Tagblättern, Volksbüchern und Kalendern. Wir besitzen dieses Arca- mim für uns selbst unv unsere Kindeskindcr fortwährenv in Fülle in den neu- uud altsranzösischen und deutschen Romanen. Haben wir daS Volk dergestalt systematisch vnrchgebildet, und bringt eS etwa hie und da gar zu arge Früchte unserer Schule, so schieben wir euch die Laster des Volkes in die Schuhe, ihr werdet euch wohl erinnern, wie oft wir in den Blättern geheult und. geseufzt haben über die Nachlässigkeit deS Klerus gegenüber der zunehmenden Demoralisation der Massen. .Endlich aber wird der herrliche Tag der vollendete» Aufklärung aubrecheu, an dem man keinen Kirchthurm mehr mit dem Kreuze, sondern lauter Dampfschornsteine, und unS verklärt in den Rauchwolken der Industrie mit unserem LcbcnSatom in Rauch aufgehen sehen wird, um einer neuen Generation Platz zu bereiten. Länger als billig vielleicht habe ich mir von den Industriellen des 19ten Jahrhundertes vordociren lassen, wohl aus keinem andern Gruiwe, als weil ich selbst ein großer Verehrer der Industrie bin, aber jener Industrie, die nicht vor Allein die Welt sucht, sondern zuerst nach dem Reiche GotteS und seiner Gerechtigkeit begehrt. Die Industrie ist ja eine Pflegetochter der Kirche, sie ist in den Klöstern des „finstern" Mittelalters großgezogen worden, sie ist heimisch gewesen in den christlichen Zünften, in denen das Handwerk noch einen goldenen Boden hatte. Aber nur Industrie und nichts als Jndustrietreiben ist eine Krankheit unsers Jahrhunderts, ist eine Ablagerung der edelsten Säste der Menschheit ans die minder cdlcn Organe des Lebens, ist eine u Selbstschwächung, an der nnsere im Materialismus versumpfte Generation nothwendig radinsiechen muß. Diese „alleinseligmachende" Industrie ohne Religion ist der verkörperte Pantheismus, das goldene Kalb Israels, sie ist der golvbelctterte Lcichenstcin auf dem Grabe der großen Weltstädte London. Paris und Wien. Sie kennt nur Productio» und Consnmlion des Geschlechtes, sie hat uns den Namen „Proletarier'' beschert, eine Classe Menschen, die dem Staate ni'chen soll durch „prvlvs loi-ro» sie macht die Liebe des Nächsten im Herzen der Menschheit zum Eise des EgoiSmuS erstarren, sie schafft hungernde und lungernde Skelette in den Hütten der Armuth, sie gibt den Menschen in seiner angeborncn und durch den Erlöser erneuten Wurde der offenen Schande prerS, und ist dem Ebenbilde Gottes die Ehre in Christo genommen, so ist sein geistiger Lebensnerv gctödtcr, er ist wieder Fleisch geworden wie ehedem in den Tagen der Sündfluth, und „l'-mem et tliieeii!^, I.uxn5 et l.uxurm" ist sein Feldgeschrei. So ist denn die Rundschau auf dem socialen Weltgebietc nicht gerade zu großer Ehre deS lNen Jahrhunderts ausgefallen. Es hat sich alle Laster früherer Jahrhun- för sich, will aber, nicht zufrieden damit, in nächster Ferne wahrscheinlich die letzte Erfahrung, den socialen Tod anch noch mitmachen, es will sterben an der Entkräfluug; denn eine Generation ohne Mark und Salz, vergiftet durch den eingeimpften leiblichen und geistigen KrankheitSstoff, ist werth, aus der Reihe gesitteter Völker hinwcg- gespült zu werden. Wie ist da zu helfen? Derselbe Boden, dem die Giftpflanze entsprießt, erzeugt auch daS Gegengift; dieselbe menschliche Gesellschaft, die in ihrer Mitte heutzutage den Keim des TvdeS birgt, birgt anch den Keim des Lebens. Wir alle kennen die Heilmittel, durch welche die Charlatancrie unserer Tage die Wunden der Gesellschaft vernarben machen will! eS ist der Wahnsinn des Socialismus und dessen Anwendung auf das praktische Leben: der Commnnismus. In dieses Prokrustesbett soll sich die kranke Generation legen mit all noch ihren geistigen und leiblichen Kräs' ten, dem Einen sollen die Füße abgehauen, dem Andern in die Länge geschraubt werden, auf daß vollkommene Gleichheit sey! Und wir dürfen ja nicht glauben, daß dieß bloß Tendenz der hochrothen Presse sev, dahin zielt auch die blaßrothe, die s. g. gutgesinnte oder konservative Presse, die da in ihrer gutmüthigen Einfalt oder versteckten Bosheit für den Staat conservativ schreibt, in religiösen Dingen aber sich nicht entblödet, Freimaurerei zu treiben. Schreibt nur zu! denkt aber an die Stunde deS Gerichtes, vor der auch wir erzittern! Bedenkt, ihr schreibt nicht mit Tinte, ihr schreibt mit dem Herzblut der Völker! Doch etwa« Wahres ist im Socialismus und CommuniSmuS, und dieses Wahre zu ersassen und baldigst zu erfassen zum Heile der Völker, ist die katholische Kirche berufen. Das Wahre im Socialismus ist daS Bedürfniß, das Recht und die Frei- heil der Vereinigung znr Erreichung sittlicher erlaubter Zwecke. Das Wahre im Com- munismuS ist das Bedürfniß, daS Recht und die Freiheit der Theilnahme an den geistigen und materiellen Gütern in sittlich erlaubter Weise. WaS hat die Kirche aus diesem Felde gethan? was wird sie ferner noch thun? Um eine kirchliche Rundschau hier zu eröffnen, kann sich wohl „ein Ultramontancr" einen bessern Standpunct wählen, als die Sicbenhügelsladt Rom? Der heilige Vater hat, die Bedeutung des katholischen Socialismus und CommuniSmuS in unsern Tagen erwägend, die allenthalben neu aufblühenden katholischen Vereine mit Vatersreude begrüßt, und ihre Pflege den Bischöfen aufs Wärmste anö Herz gelegt. Diese Vereine, entwachsen dem Organismus del Kirche, sollen in ihren verschiedenen Verzweigungen im Geiste der Zeit daS werden, waö die Brüdcrvereine auf dem Grunde der katholischen Liebe der Welt im Mitlclalter gewesen. Wie pocht mir daS Herz vor Muth und Unmuth zugleich, wenn ich hinübcrblicke nach Frankreich, nach diesem Spiegelbild« Europas, wenn ich betrachte jene zwei Riefen, die dort Leib an Leib hart im Kampfe aneinander gerathen sind, die sich um nichts Geringeres bekämpfen, als um die Herrschaft der Welt. Es siud diese beiden Riesen: die katholische Liebe der Ultramontanen und die eisig frostige derte eigen gemacht, ohne ihre Tugenden IS Humanität der Mvntagnc, jene vom Himmel stammend, diese dem Boden (b.umu5) entstiegen. Die katholische Liebe zu dem armen Taglöhner und Arbeiter läßt einen Montalembert kämpfen für die Feier dcS Sonntags, die Humanität des Berges weiht ihm dafür den Geifer des Hohnes. In Belgien fordert der Katholicismus von dem „humanen'" Ministerium die Freiheit der Wohlthätigkeit, und sträubt sich gegen die Einschnürung in die bureaukratische Zwangsjacke oder gegen die Umwandlung der sinnig vertheilten katholischen Wohlthätigkeitsvereine in einen josephinischcn Verein allgemeiner Nächstenliebe mit obligaten Armeninstituts-Predigten. In England regt sich das verjüngte katholische Leben gegenüber den verzweifelten letzten Versuchen des Russell'schen GalvaniSmuS an der hochkirchlichcn Leiche. Deutschland und Oesterreich reichen sich die rührigen Hände zur Verwirklichung des katholischen Socialismus in den Vereinen. Möchte dem ungebeugten und unbeugsamen Muthe eines Büß sein Licblingsvlan gelingen, den schönsten Triumph des katholischen Socialismus durch die Gründung einer katholischen Universität zu seiern. Denn waö nützt all dieß vereinzelte Wimmern und Jammern, all dieß vereinzelte Reden und Wirken, wenn nicht die katholischen Kräfte einen Brenn- und Centralpunct gefunden, von dem aus sie ihre Missionen beginnen für katholisches Wissen und Leben. (K. Bl. a. M.) Die autikatholische Agitation in England.*) Der Sturm, den in England der apostolische Brief des Papstes und dic Besör^ ceniug eines englischen Unterthanen zum Cardinalat hervorgerufen hat, fängt an sich zu legen, wenigstens in seinen äußeren Kundgebungen. Eifrige Protestanten haben das Gedächtniß der Pnlververschwörung gefeiert und Freudenfeuer mit den Reliquien des Guy Fawkes angezündet; die Puppe des Cardinal Wiseman wurde auf einem Esel herumgeführt und in die Themse geworfen; das Bildniß dcS Papstes unter dem Prasseln des Feuers an den Galgen gehängt; in den Meetings wurde daS Gespenst dcS scharlachrothen Weibes und der H... der sieben Hügel wieder heraufbeschworen; wir haben einen der berühmtesten und einflußreichsten Prediger der anglikanischen Kirche zu Liverpool erklären hören, daß dic katholischen Priester ganz einfach die Todesstrafe verdient hätten, und darauf gesehen, wie er an demselben Abende noch in seiner Cvn- gregation Abbitte that für die entsetzlichen Lästerungen, die er am Morgen im Feuereifer seiner Rechtgläubigkeit ausgesprochen hatte; — aber nach alle Dem fragt man sich jetzt, was man denn eigentlich gegen den Papst, gegen den Cardinal und gegen die Katholiken thun kann? Die Engländer machen Witze über die Bulle des Papstes, und zeigen uns einen „Bullen," der sich den Kopf an einer Mauer einstößt; aber gleichen sie nicht selbst einem Stiere, der, in Wuth versetzt durch die Farbe eines Cardinalhutcs, mit seinen Hörnern gegen Puppen und Strohmänner anrennt? Es ist sehr zu bezweifeln, ob der Papst unter all Dem, was seinem Bildnisse Unangenehmes widerfährt, sehr zu leiden hat; darum möchte man jetzt eine wirksamere Weise entdecken, um ihn zu erreichen und wo möglich zu züchtigen. Gerade darin aber liegt die Schwierigkeit, und das Ministerium, ziemlich bloßgestcllt durch den famosen Brief Lord John Russell's, säugt an sich in bedeutender Verlegenheit zu finden. Die Hälfte des Cabinets hat sich geweigert seinem Haupte auf der von ihm betretenen Bahn zu folgen, und so steht denn Lord Russell fast allein mit Lord Palmcrston auf dem Boden, den er so leichtsinnig betreten hat. Man hat in den letzten Tagen viel von einer Rede gesprochen, die bei einem Meeting Sir Edward Sugden gehalten hat, der einer der tüchtigsten und mit Recht in großem Rufe stehenden Rechtsgelchrten Großbritanniens ist. Sir Edward Sugden hcU beim Durchwühlen der alten gegen die Katholiken erlassenen Gesetze eine unter der Regierung Elisabeths durchgegangene Acte entdeckt, welche die Einbringung Nach dem Journal des Debüts. 13 irgend einer Bulle oder eines Briefes des Papstes in England verbietet unter Androhung jener summarischen Strafe, welche die christliche Liebe jenes Geistlichen von Liverpool verlangte, nämlich der Todesstrafe. Die durch dieses Gesetz ausgesteMe Strafe ist nun zwar durch eine Parlamentsacte von 1847 abgeschafft worden; allein Sir Edward behauptet, daß daS Gesetz selbst nicht zurückgenommen worden und daß die Einbringung oder Veröffentlichung von Bullen noch immer eine Verletzung der Gesetze des Königreichs sey. Jedenfalls aber besteht die Strafe nicht mehr, und man müßte jetzt eine andere anwenden. Wird nnn die englische Regierung diese Bahn betreten wollen, wird sie dieselbe zu betreten wagen? In zwei Monaten, wenn das Parlament wieder zusammentritt, werden wir eS sehen. Schon jetzt ist das Ministerium über diese Frage gespalten. Lord John Russell ist für die Bestrafung, vor Allem weil er die Ehre hat, Russell zu heißen und einen Ahn zu haben, aus dem die Geschichte einen Märtyrer gemacht hat, obgleich er im Grunde nichts weiter war, als ein Empörer; dann weil er auf gut Glück hin seinen Brief an den Bischof von Durham in die Welt geschickt hat und allzu weit gegangen ist, um zurück zu können: endlich weil er durch Schwimmen mit dem Strome seinen Pacht mit der Gewalt zu erneuen hofft, der dem Erlöschen sehr nahe war. Lord Palmerston wird wahrscheinlich, auf seiner Seite stehen, nicht sowohl aus protestantischem Feuereifer, als aus Abneigung gegen den römischen Hof und auS Groll gegen die Politik und die gegenwärtigen Allianzen des Papstes. Zu ihnen muß man noch den nenen Kanzler Lord Truro zählen, der übrigens in England kein besonderes Ansehen genießt, nicht einmal als Gcsetzkundiger, und bei dem Banket der Eity selbst bei seinem College» Lord Campbell Aergerniß erregte durch einen Ausfall, der des Chefs der Justiz nicht sehr würdig war. Allein die anderen bedeutendsten Mitglieder des Cabinets Lord Grey, Sir Charles Wood, Lord Lansdowne sind dem Vernehmen nach weit entfernt die Uebereilung zu billigen, mit welcher Lord John Russell die Regierung in diese Lage gebracht hat; und ein Mann, dessen Stellung und Charakter nolhwendig bei diesem Anlasse von großem Gewichte seyn werden, Lord Clarendon gilt dasnr, daß er sie gänzlich mißbillige. Lord Clarendon ist nämlich Vicekönig von Irland, d. i. von jenem Theile des vereinigten Königreiches, von welchem Sir Robert Peel gesagt hat: „Dieß ist der Stein des Anstoßes." Lord John Russell kann überzeugt seyn, daß dieser Stein des Anstoßes auch für ihn vorhanden ist. Die Suprematie und das Monopol einer Kirche, die nur von 800,000 Individuen anerkannt, dagegen 3 Millionen von Widersachern aufgcdrungcn ist, ist und bleibt eine Anomalie, die in einem und demselben Hause stets Verlegenheiten bereiten wird. Die englische Regierung ist genöthigt gewesen, mit dieser hundertjährigen Ungerechtigkeit zu tranSigiren; sie hat zuerst die Emancipationsacte gegeben, und endlich die kalholischen Bischöfe von Irland officiell anerkannt. Wir unseren Theiles haben geglaubt, sie habe dieß aus Gerechtigkeitssinn eben so sehr, als aus Furcht vor der Empörung gethan: jetzt müssen wir daran zweifeln. Doch dem sey wie ihm wolle, sie hat nicht nur nicht das Recht, sondern auch nicht die Macht mehr, diese durch die Nothwendigkeit ihr entrissenen nnd durch Jahrhunderte der Unterdrückung so theuer erkauften Zugeständnisse wieder zurückzunehmen. Canning sagte, als er vom Widerrufe der Union sprach: „Die Union widerrufen! eben so gut könne man die Heptarchie wiederherstellen!" Dieses Wort läßt sich eben so gut auf die Emancipa- ticmsacte anwenden. ES darf überhaupt nie vergessen werden, daß Irland eine Schwierigkeit ist für Alles, was die Regierung in England selbst thun möchte. Irland schützt die englischen Katholiken. Wenn z. B. die Regierung und das Parlament den katholischen englischen Bischöfen untersagen wollten, Titel anzunehmen, so müßten sie dieses Verbot auch auf die Bischöfe Irlands ausdehnen. Ist eS ja doch dieselbe StaatSkirche, die zu London wie zu Dublin herrscht; die Königin ist die Souveränin der einen wie der andern. Wenn die Butte deS Papstes ein Eingriff in die katholische Suprematie in England ist, so ist sie es auch in Irland; die Wahrheit wechselt nicht 14 von einem Ufer des St. Georgcauals zum andern. Nun aber sind die Titel der katholischen Bischöse Irlands seit langer Zeil von Regierung unv Parlament anerkannt und angenommen; entweder muß man also die katholische Kirche Irlands unterdrücken, oder man muß der katholischen Kirche in England, die nur eine mit ihr ausmacht, dieselben Rechte gewähren. Gerade jetzt finden wir in den englischen Blättern eine Erklärung des Grafen von Sainr-GcrmainS, ehemaligen Staatssecretärs für Irland, und in derselben die folgenden Worte: „DaS Parlament wird, wenn es über diese Frage Gesetze macht, in folgendem Dilemma sich befinden: entweder muß eS in England untersagen, was eS in Irland erlaubt, oder eS muß in Irland untersagen, waS dort seit undenklicher Zeit ohne Hinderniß geschehen ist. Im ersten Falle wird daS Parlament die Einheit der Kirche zerstören, und dadurch ihre Stellung in Irland schwächen (und einen Eingriff in fremde Rechte sich erlauben); im zweiten Falle wird cS eine große und allgemeine Unzufriedenheit unter den Katholiken Irlands hervorrufen, die Schwierigkeit dieses Land zu verwalten vermehren, und unserm Gesetzbuche nur ein Gesetz hinzufügen, das bestimmt ist, wie so viele andere, nur ein todter Buchstabe zu bleiben." Mau hätte die Frage unmöglich besser stellen können. Wahrscheinlich betrachtet sie Lord Clarendon in dem nämlichen Lichte und ist nicht geneigt, alle Früchte feiner weisen Politik aufs Spiel zu setze«, durch welche er die Ehre gehabt bat, Irland den Frieden zu geben. Lord John Russell muß jetzt die Schmähungen bereuen, die seine Stellung als erster Minister, d. i. als Repräsentant der Interessen der ganzen Nation ohne Unterschied der Glaubensbekenntnisse, ihm mehr als irgend einem Andern untersagen mußte; er wirb cS zu bedauern haben, so leichthin als „abergläubische Mummercien" die Uebungen einer Religion qualifieirt zu haben, zu der sich mehr als zehn Millionen Unterthanen seiner Souvcränin bekennen; und waS ehemals für seinen ruhmreichen Nebenbuhler und Vorgänger im Amte eine große Schwierigkeit war, könnte für ihn wohl zur unübersteiglichen Schwierigkeit werden. A us Pari S. DaS Faubourg St. Marceau und die Schwester Rosalie. Eine der Pariser Vorstädte, die von dem schmutzigsten und zerlumptesten Pöbel, gleichsam von dem Auswürfe der Bevölkerung bewohnt wird, ist daS Faubourg St. Marceau. In keinem andern Bezirke der mit Elend und Laster aller Art so gesegneten Hauptstadt herrscht eine ähnliche Verwahrlosung der Menschen an Leib und Seele, eine solche Gleichgiltigkeit gegen die Vortheile höherer Gesittung bei so barbarischem Hasse gegen Diejenigen, die derselben theilhaftig sind, eine so cnnische Hingabe an die Unordnung und den Unflat, eine so erschreckende Bereitwilligkeit, vor jedweder Noth veS Augenblickes in abscheulicher Betäubung Schutz zu suchen und eine so mächtige Neigung zu revolutionärem Schwindel in allen Dingen. Ich sage herrscht, ich sollte vielleicht sagen herrschte, denn seitdem die Cholera im Sommer neunundvierzig diese Vorstadt, so entsetzlich heimsuchte, ist in dem Geiste und den Gewohnheiten ihrer Insassen eine merkliche Aenderung eingetreten. Die Verheerungen, die das grausame, ost so plötzlich erscheiucnde, so zauberschnell daS begon> ncne Werk vollendende Ungethüm in diesem von jeher verpesteten Häusergewinkcl anrichtete, möchten an sich schon diese rohen, aber zugänglichen Gemüther zum Jnsich- gehen bestimmt, die Hand deS TodeS, die ganze Wohnungen vom Keller bis zum Giebel ausräumte, mag sie an die unsichtbare Gegenwart einer höheren Macht gemahnt, und die das Maaß, daS doch schon hohe Maaß ihrer alltäglichen Entbehrungen uno Verlegenheiten weit übersteigende Bedrängniß im Gefolge der mörderischen Seuche wie eine Strafe des Himmels aus sie gewirkt haben. Aber hiczu kamen noch andere Triebfedern der Bekehrung und Beweggründe der Besserung. Die Religion bot all ihre Kräfte zu geistiger und körperlicher Linderung des >rH. 15 unabsehbaren Elends auf, die Priester drangen in die ekelhaftesten Behälter seit Menschengedenken aufgestapelten Unraths, wo ganze Haushaltungen mit stets sich erneuerndem Ungeziefer seit Jahren in enger mephitischer Gemeinschaft lebten, die Gesellschaften frommer Laien verdreifachten ihre Anstrengungen, religiöse Frauen aus den höhern Ständen suchten hungernde Familien mit Arznei und anderm Bedarf in ihren traurigen Stätten ans, und die barmherzigen Schwestern bewiesen sich wahrhast helden- müthig. DaS HauS dieser Spital- und Schulnonnen in dem Faubourg St. Marceau wird von einer Dame geleitet, die in ganz Frankreich nicht bloß durch ihre ausgebreitete Wohlthätigkeit und ihren Feuereifer für die Armen, fondern durch ihren vielseitigen Einfluß und die Ursprünglichkeit ihres Wesens zu einer Berühmtheit gelangt ist, nach der mancher Künstler, Politiker nnd Literator, der auf der großen Oper, im Palais Bourbon oder im Feuilleton der „Presse" ein mithin leuchtender Stern ist, vergebens trachten dürfte. Soeur Rosalie hat sich in den Junitagen als Retterin einiger Officiere der Nationalgaide und als leitende Wärterin an den Barricaden hervorgethan. Sie war daher lange Zeit auf verschiedenen Bildern in ihrer Ordenstracht, aber stark verjüngt, wie sie die Blutgier der Insurgenten stillte, zu sehen, und General Lamoriciere, damal« Kriegsminister, stellte sich mit der galanten Ungebundenheit, die ihm geläufig ist, in ihrem Hause ein und legte ihr, nebst dem Danke der Negierung, das Anerbieten des Ehrenkreuzes, das sie jedoch, glaub' ich, ausschlug, und überfluthende Versprechungen officieller Hilfe und Aufmerksamkeit zu Füßen. ' Soeur Rosalie wurde von dieser etwas martialischen Darlegung ritterlicher Svm. pathie weder verblüfft noch geblendet. Sie war an den Verkehr mit den politischen Großmächten des Landes, wie an die Dienstbarkeit von Fürsten und Ministern seit langer Zeit gewöhnt; sie hatte Zutritt bei Carl X,, und Ludwig Philipp in der Tasche, Soult hatte mit ihr wie mit einem alten KriegSgefährten sich unterhalten, und Guizot gab ihr Audienz, so oft sie es verlangte. In ganz Paris verzweigt sich ihre Macht, in allen Vierteln, in allen Ständen, in allen Parteien hat sie Bekannte und Agenten, wo sie nicht selbst anklopfen kann, läßt sie anklopfen, Gläubige und Ungläubige rekrulirt sie im Namen der christlichen Liebe für ihre Unternehmungen und sogar von Voltairianern läßt sie, sagt man, Tribut sich zahlen. Ihre Sammlungen sind oft erstaunenswerth ergiebig, sie weiß so geschickt zu bitten, und mit Liebenswürdigkeit so dringend zu fordern, man schlägt eine.r so hohen Person nicht leicht Etwas ab und wagt eS nicht, mit einer geringen Beisteuer ihr zu kommen; kurz sie besitzt das beneidenSwerthe Vorrecht, die Cassen der Armen schneller und besser als irgend eine ihrer Colleginnen zu füllen und den Reichen daS wohlthuende Bewußtseyn erhöhter Freigebigkeit zu verschaffen. (Oest. R.-Z.) Ein Mittel gegen die Sonntagsentheiligung. Den Grund zu allen religiösen Vereinen hat der Heiland selbst gelegt, in der Stiftung seiner Kirche, des großen Vorbildes aller besonderen Vereine, und in den Worten: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, bin Ich mitten unter ihnen." In diesem AuSspruche liegt die Aufforderung, jedes gute Werk in Gemeinsamkeit zu beginnen, und liegt die Verheißung deS göttlichen SegenS zu dem im Namen des Herrn begonnenen Werke. Gegenwärtig breitet sich über Frankreich wiederum ein Verein aus, der obgleich klein in seinem Ursprung, doch durch die Idee, die ihm zu Grunde liegt, allerwärts Beifall findet und Großes verspricht — „Die Bruderschaft zur Sühne der Gott dem Herrn zugefügten Unbilden." ES war im Jahre 1847, als der Pfarrer einer kleinen Pfarrei Lanone, im BiSthum LangreS, welche leider fast alleS religiösen Geistes bar geworden, bei einer veranstalteten Mission lebhaft von dem Gedanken sich ergriffen fühlte, seinen Pfarrkindern einen Verein 16 in Vorschlag zu bringen, um für die vielen Gotteslästerungen und EntHeiligungen des Sonntags Gott dem Herrn eine Genugthuung zu bereiten. Bald hatte er 200 Mitglieder, und der Bischof von Langres, der die Sache prüfte und seiner Billigung für'würdig fand, führte die „Bruderschaft" feierlich am 18. Juli 1847 ein. Noch in demselben Monate verlieh der heilige Vater als Beweis seines besondere» Wohlwollens für dieses zeitgemäße Werk derselben zahlreiche Jndulgenzen, und erhob sie unter dem 30 Juli 1847 zur Erzbruderschaft. — Auf diese Weise von der Kirche bestätigt und ihres Segens theilhaftig machte sie unglaubliche Fortschritte. Ende des Jahres 1847 waren bereits 21 ^Einschreibungen, worunter 8 Seminarien, 22 religiöse Genossenschaften und 30 Filialbruderschaften in 17 ViSthümern. Gegenwärtig bestehen nahe an 1000 Filialbrnderschaften; sie ist über 68 Diöcesen ausgebreitet und in 135 religiöse Anstalten eingeführt. DaS erste, so eben erschienene Heft der „Jahrbücher" dieser Erzbruderschaft ertheilt über ihr Wirken recht erfreuliche und überraschende Mittheilungen. Mailand. Die Bischöfe der Lombardie waren bekanntlich vom 27. Nov. bis 5. Dcc. zu einer Privatconferenz in Mailand versammelt, welche der Erzbischof dieser Stadt, BartholomäuS Earolus, mit einer lateinischen Anrede eröffnete. Es waren ihrer im Ganzen 8, nämlich außer dem Erzbischof die Bischöfe von Como, Crema, Lodi, Mantua, Pavia, Crcmona, ^Brescia. Was sie verhandelten, ist zur Zeit noch un bekannt. Ihr vom 1. Dec. datirter Hirtenbrief an die Geistlichkeit ihrer BiSthümer zeigt, welcher Gegenstand ihre Aufmerksamkeit und hirtliche Sorgfalt dermal besonders in Anspruch nehme. Sie klagen darin, daß daö Land überschwemmt sey mit Büchern und Zeitungen aller Art, welche alles, was dem Christen heilig ist, verächtlich oder lächerlich zu machen suchen, welche die Reinheit' der christlichen Sittenlehre und die Wahrheit unsers heiligen Glaubens angreifen. Die Feinde des Glaubens haben die gesetzlose Zeit der Revolution schlau benützt, um eine Unzahl von Bibeln, welche von Ketzern in die Volkssprache übersetzt und zugleich durch eingestreute ketzerische Irrthümer verfälscht worden, ins Land zu bringen, bei dem gemeinen Volk in Städten und Dörfern, bei Weibern und Kindern in Umlauf zu setzen, und so ihren Irrthümern Eingang zu verschaffen. Sie halten es daher für ihre dringendste Pflicht, den Klerus zur Wachsamkeit und Sorge aufzufordern, daß die dem wahren Glauben drohende Gefahr rechtzeitig abgewendet werde. Sie weisen hin auf die heilsame Anordnung deS apostolischen Stuhles, daß nur solche Bibelübersetzungen in der Landessprache gelesen werden dürfen, welche entweder vom apostolischen Stuhl für richtig und unverfälscht erklärt, oder mit Anmerkungen aus den heiligen Vätern oder aus andern gelehrten katholischen Schriftauslegern versehen sind. Darum sollen die Priester auf alle Weise in Liebe und Ernst dahin wirken, daß die dem Glauben und den Sitten zugleich drohende Gefahr beseitiget, und namentlich die leichtbewegliche Jugend von der Verführung gesichert werde. Man sieht aus dem Ganzen, daß die Reformation in der Revolution gute Geschäfte machte. Sie hat in jenen Gegenden, die ihr bisher unzugänglich waren, reichlichen Saamen ausgestreut. Möge eS den emsigen Bemühungen der wachsamen Hirten gelingen, ihn auszurenken, bevor er wuchernd aufgeht und das arglose Volk zerrüttet. Nordamerika. Unter den Schissbrüchigen der „Helena Sloman" (f. Postztg. vom 2. Jan.) befand sich auch, wie daö Schles. Kirchenblatt meldet, der MissionSpfarrer Schonnat aus Ohio. Er wurde zwar gerettet, hat aber Alles eingebüßt, was er an Kirchenvaramenten, theologischen Schriften ,c. auS Europa mitgenommen hatte. Berantwortlichcr Redacteur: L. Schönchen. Vn'lags-Jnhaw: F. C. Krem er.