Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger poKMung. 19. Januar A. - 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnemcntsvreis 40 kr,, wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die katholische Weltanschauung. (Vorirag im katholischen Cenlralverein zu Breslau, mitgetheilt im Schles. Kirchenblatt.) ES ist in hohem Grade auffallend, liebe BereinSgenossen, daß über eine und dieselbe Sache, über eine und dieselbe Begebenheit, über ein und dasselbe Unterneh» wen ganz verschiedene, ja oft entgegengesetzte Urtheile unter den Menschen sich bilden, daß also, weil die Urtheile aus der besonderen Auffassungs- oder Anschauungsweise deS Einzelnen hervorgehen, auch die menschlichen Anschauungsweisen ganz verschieden, ja oft einander ganz entgegengesetzt sind. Kommt daS etwa davon her, daß die Urtheilenden auf sehr verschiedenen Stufen der Verstandesentwickelung sich befinden? Keineswegs, denn sonst müßten die Klugen dieser Erde, die Gelehrten, die Staatsmänner, diejenigen, welche im Rathe der Fürsten und Volker fitzen, in ihren Urtheilen über wichtige Angelegenheiten doch wohl, wenigstens der Hauptsache nach, übereinstimmen; aber daß dieß nicht der Fall ist, sagt unö die Geschichte jedeS TageS; gerade die Klugen dieser Welt gehen in ihren Urtheilen über denselben Gegenstand oft am weitesten auseinander. Auf die Urtheile der Menschen, auf ihre gesammte Anschauungsweise hat nämlich nicht allein der mehr oder minder verfeinerte Verstand einen Einfluß, sondern auch das Herz mit seinen Neigungen und Wünschen, der Wille mit seinen Bestrebungen, mit einem Worte: das Gemüth, dieser Brennpunct aller Regsamkeit in unserm Innern. Ja, von dem Gemüthe, von der gesammten inneren Verfassung deS Menschen, von seiner größern oder geringern geistigen Selbst- ständigkeit, von dem Grade seiner Ueberzeugungstreue, von seinem ganzen Charakter hängt die Beschaffenheit der menschlichen Urtheile ab. Auf die innere geistige Verfassung, auf den gesammten Charakter deS Menschen wirkt aber nichts entschiedener ein, als die Religion. Wie die Religion das Leben der Völker durchdringt, so durchdringt sie auch das Gemüth des Einzelnen. Gegen die Religion kann sich Niemand gleichgiltig verhalten, denn erkennt er ihre Macht an, dann wählt er sie auch zu seiner Leiterin im Leben; läugnet er aber ihre Macht, wehrt er sich gegen dieselbe, dann macht sie ihm erst recht viel zu schaffen; das ganze Benehmen der Ungläubigen, der Irreligiösen beweist eö; sie möchten die Religion gern hinwegspotten, hinweghöhnen, aber immer tritt sie dem Elenden wieder mahnend und strafend entgegen. Uebt nun aber die Religion einen so unverkennbaren Einfluß auf die geistige Verfassung deS Menschen aus, so übt sie ihn auch selbstredend auf ihre Anschauung aus, die eben von der geistigen Verfassung bestimmt wird. Demnach gibt eö, je nachdem der Heide, der Jude, der Christ, und hier wieder der Protestant und der Katholik verschieden über eine Sache urtheilt, eS gibt eine heidnische, ludische und christliche, eine protestantische Auffassung oder Anschauung von dem, was in der Welt vorkommt. Wir haben eS hier vorzugsweise mit der katho- 18 lischen Weltanschauung zu thun; diese steht jeder andern mehr oder weniger entgegen, je nachdem die andere mehr oder weniger von der katholischen Wahrheit in sich aufgenommen hat. So trifft die katholische Weltanschauung mit der gläubig protestantischen in recht wesentlichen Stücken zusammen, weil der Protestantismus, als er aus dem Vaterhause schied, gar viel von den dort aufbewahrten Gütern mit sich genommen hat, an denen er zum Theil noch zehrt; am meisten aber, ja fast in allen Stücken völlig entgegengesetzt ist die katholische Anschauungsweise der alten und nun wieder heraufbeschworuen modernen pantheistisch-heidnischen Weltanschauung. Dieser gegenüber soll im Folgenden die katholische Weltanschauung entwickelt werden. Die katholische Weltanschanung, wie man sich leicht vorstellen kann, hat ihre Geltung nicht bloß auf dem Gebiete des Glaubens, sondern auf allen Gebieten des Lebens, auch auf dem deS Staates, der Gesellschaft, der Kunst und Wissenschaft; sie wäre ja nicht die katholische, die allgemeine, die allumfassende, wenn irgend ein Gebiet des SeynS und Denkens von ihr nicht erreicht würde. Unmöglich kann es daher die Aufgabe dieses VortrageS seyn, die katholische Weltanschauung in ihrem Unterschiede von allen andern AuffassungSweisen in jedem Gebiete des Lebens, auf jedem Felde menschlicher Thätigkeit nachzuweisen. Nur in Bezug aus das, was das unruhige Herz fest macht (ES ist ein köstlich Ding, sagt die Schrift, daß daS Herz fest werde), nur in Bezug auf daS, was daS Leben der Gesellschaft im Innersten zusammenhält, kann ich den Nachweis führen. Die katholische Weltanschauung macht sich zuvörderst gellend in Rücksicht auf die Bestimmung sowohl veS Einzelnen als des ganzen Geschlechtes. Wenn die pantheistisch- oder heidnisch > moderne Auffassungsweisc daS Daseyn des Menschen auf der Erde für abgeschlossen hält, wenn sie von einem Leben jenseits des Grabes nichts weiß, wenn sie eine höhere unsichtbare Weltordnung, welcher der Sterbliche vorzugsweise angehört, durchaus nicht anerkennt; wenn der modernen Auf- fassungSweise Gericht, Ewigkeit, Himmel, Hölle, persönliche Fortdauer inhaltslose Worte sind, die man nur dem Unmündigen vorreden kann: so erscheint nach der katholischen Weltanschauung daS irdische Leben bloß als eine Vorbereitung für das ewige, himmlische Leben, der Mensch selbst stellt sich unS, da er nicht bloß einen sichtbaren Körper, sondern auch einen unsichtbaren Geist besitzt, der sich nach ganz eigenen Gesetzen entwickelt, der Mensch stellt sich uns dar als ein Bürger zweier Welten, der niedern sichtbaren und der höhern unsichtbaren, in welcher sein durch irdische Güter und Genüsse nie zu befriedigendes Herz erst die wahre Heimat findet. Fragt ihr bei der katholischen Weltanschauung an nach dem Ziele alles menschlichen ThunS und Treibens, alles Sinnens, Denkens und Strebens, alles Sorgens, Mü- hens und ArbeitenS, sie verweist euch nicht, wie die moderne Auffassungsweise, aus die elenden Träber der Wollust, auf etwas, was in Kurzem die Beute des Staubes und Moders wird, wohinter immer daS Gespenst des Todes euch angrinzt und Galle in den Taumelkelch der Sinnenfreude mischt, nein, die katholische Weltanschauung weist euch hinaus bis zum Throne GotteS, wo die Seraphim und Cherubim mit verhülltem Antlitz ihr dreimal heilig singen, wo das Hallelujah der millionenma! Millionen seligen Geister ertönt; sie weist euch, ihr armen Erdenpilger, euer Ziel in der Anschauung dessen an, der der Urquell alles Lebens und aller Schönheit und aller Seligkeit ist, in der Anschauung dessen, der euch überschwenglich mebr bereichern, überschwenglich mehr an euch thun kann, als ihr zu bitten und zu denken vermöget. Die katholische Weltanschauung macht sich dann geltend in Bezug auf die gegenwärtige Beschaffenheit des Einzelnen und des ganzen Geschlechtes. Wenn die moderne Auffassungsweise den Menschen an sich, den Menschen, wie er sich gegenwärtig darstellt, für ein vollkommenes Wesen, ja für das vollkommenste aller Wesen hält, da die unbewußte Naturkraft in ihm erst zum Bewußtseyn kommt, nachdem sie sich in Bildung der Elemente, in Bildung der Mineralien, der Pflanzen, der niedern und höhern Thiere versucht hat, wenn die moderne Auffassung von der Allmacht des Menschen, von seinen großen Thaten auf dem Felde 1V der Geschichte, von seiner Schöpferkraft auf dem Gebiete der Erfindungen nicht genug Rühmens zu machen weiß, wenn sie in ihrer Bewunderung bis zum Cultus deS menschlichen Genius, also zur Selbstvergötterung sich fortreißen läßt; wenn sie den Menschen, wie er da leibt und lebt, als durchaus gut und wacker preist, und die Sünde, die an ihm haftet, nur für daS werdende Gute hält; wenn sie Unzucht, Diebstahl, Raub, Mord und Brandstiftung nicht als Schuld des einzelnen Menschen gelten läßt, sondern diese und alle andern Verbrechen den gegenwärtigen Gesellschafts- cinrichtungen zur Last legt und daher diesen, nicht den Verbrechen den Krieg ankündigt; wenn sie endlich , da sie den Menschen für durchaus nobel hält, auch nichts von einem Erlöser und von einer Erlösung wissen will oder höchstens, wenn sie die Erlösungsbedürftigkeit zuläßt, den Menschen zu seinem eigenen Erlöser macht: so erscheint nach der katholischen Weltanschaunng der Mensch nur allzusehr crlösungS- bedürftig und zu nichts weniger fähig, als sich selber zu erlösen. Wahrlich, der zur Gemeinschaft mit Gott berufene uud durch Mißbrauch seiner Freiheit auS dieser Gemeinschaft-gefallene, tief gefallene Mensch ist an sich ein Sünder, und ein großer Sünder; seine ursprüngliche Gerechtigkeit, die von Gott ihm verliehene Vollkommenheit, ist verloren, des Menschen Geist ist umdüstert, sein Herz ist verderbt, sein Wille ist schwach, sein Sinnen und Denken, sein Thun und Trachten ist eitel und thöricht von Jugend auf, Gott kann an ihm, wie er da ist, kein Wohlgefallen haben, er kann ihn in seinen Himmel nimmer aufnehmen. Aber der Mensch ist erlösungssähig geblieben trotz seines tiefen FalleS; er konnte sich wieder erhe- ben, wenn der Allerbarmer ihm seine Gnadcnhand reichte, und der Allerbarmcr hat sie ihm gereicht: Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu erlösen; der Vater hat seinen Sohn gesendet, damit er die sündigen Menschen errette, damit er durch sein aufopferungsvolles Leben und Wirken, Leiden und Sterben die Schuld von ihnen nehme und sie zu Kindern Gottes, zu Erben der ewigen Seligkeit wiederum mache. Nicht der Mensch also ist sei» eigener Erlöser, der Sohn Gottes allein ist der Menschen Erlöser, ihr alleiniger Mittler, ihr Lehrer, Hoherpriester und König: nur durch ihn können wir zum Vater kommen. Ich breche hier ab, denn die Hoheit nnd Würde deS Erlösers, die Geheimnisse und Wunder des Erlösungswerkes > sie werden auch sonn- und festtäglich von heiliger Stätte verkündet, sie können, sie dürfen euch nicht unbekannt seyn. Hier kam es nur darauf an, euch aufmerksam zu machen auf den ungeheuern Unterschied, der in der Lehre von der Sünde und von dem Erlöser zwischen der modernen und zwischen der katholischen Weltanschauung stattfindet; jene raubt dem armen elenden Geschlechte den Erlöser unv macht es nun erst wahrhaft arm und elend; diese aber, die katholische Ueberzeugung, zeigt dem Menschen in dem hochheiligen Werke der Erlösung den Quell alles Heiles und SegenS; sie zeigt, wie dieser Quell durch die Reihe der Jahrhunderte bis hin zum Ende der Zeiten in der von Christus gestifteten nnd vom Geiste GotteS regierten Kirche durck die Verkündigung des Evangeliums und durch die Ausspeudung ver Gnadenmittel über jedes nenc Geschlecht der Menschen reinigend und läuternd, tröstend nnd lebenspendend sich ergießt, und im Einzelnen wie im ganzen Geschlechte das Ebenbild Gottes strahlend wieder herstellt und Allen, Allen, die aus diesem Strome trinken, zum Frieden auf Erden, zur Seligkeit im Himmel verhilft. Die katholische Weltanschauung macht sich serner folgerichtig geltend in Rücksicht auf die Gestaltung des irdischen Lebens, auf die Gestaltung der Formen, deren die Gesellschaft zur Erreichung ihrer Bestimmung bedarf. Der Inbegriff aller dieser Formen des GesellschaftSlebcnS ist das, waS wir den Staat nennen. Wenn nun die moderne Anschauungsweise den Staat für das Höchste im Leben, aber auch zugleich als ein bloß menschliches Product ansteht, wenn sie ihn als durch ein Ueber- einkommcn aller Classen der Bevölkerung gegründet, bloß als eine Art von gesellschaftlichem Contract betrachtet, wenn sie jedem Bürger eine Betheiligung an der Gestaltung deS Staates, an der Veränderung der Gesellschaftsformen zuspricht; wenn sie dem Volke und jedem Einzelnen im Volke Souveränität, d. h. Selbstherrlichkeit 2ft und damit das Recht zugesteht, daß das Volk nach Belieben sich entweder für eine monarchische oder für eine republikanische, entweder für eine konstitutionelle oder für eine demokratische Verfassung entscheiden darf; wenn die moderne Auffassung den Für- ften gar nicht zum Volke gehörig, ihn vielmehr im Gegensatze zum Volke betrachtet, wenn sie von keiner höheren Autorität als von der deS Volkes etwas weiß: so erkennt die katholische Weltanschauung als böchsie Autorität die göttliche an, der sich Fürsten und Völker in gleicher Weise unterzuordnen haben; die Entstehung und Entwickelung, die Blüthe und der Verfall der Staaten ist, vom katholischen Standpunkte auS, kein bloß menschliches Productz nach der katholischen Weltanschauung stehen die Geschicke der Staaten unter der Leitung der allwaltenden Vorsehung; sie verlangt für alle Einrichtungen im Staate eine religiös-sittliche, eine auf der Offenbarung ruhende Grundlage. Nach der katholischen Weltanschauung ist die Obrigkeit von Gott eingesetzt, um das Gesetz zu hanthaben, um Frieden und Ordnung unter den Menschen zu erhalten, um ihre zeitliche Wohlfahrt zu befördern; denn Gott ist kein Gott der Unordnung, und gottloses Wesen mißfällt ihm. Er will, daß seine Kinder auf Erden ein ruhiges und zufriedenes Leben führen in aller Zucht und Ehrbarkeit, unangefochten von den Friedensstörern, von den Ehrgeizigen und Ruhmsüchtigen, von den Hubgierigen und Schwelgern, unangefochten überhaupt von allen Knechten der Sünde. Da nun, wie die Schrift sagt, alle Obrigkeit von Gott ist, da jeder, der sich der Obrigkeit widersetzt, der Anordnung GotteS widerstreitet und sich das Gericht zuzieht: so verwirft die katholische Weltanschauung jece eigenmächtige Selbsthilfe, alle ClubbS- und Barricadenwirthschast, und selbst dann, wenn die Obrigkeit die von Gott empfangene Gewalt mißbraucht und selbst revolutionär wird, selbst dann verlangt die katholische Weltanschauung Gehorsam, natürlich nur einen leidenden, einen solchen, >der den Katholiken dem Despoten zurufen täßt: „Das ist dir nichl erlaubt; für deine Verletzung deS Rechtes, für deine Willkür und Grausamkeit hast du nicht nur vor dem Gerichte der Weltgeschichte, sondern auch vor dem Gerichte des Allheiligen Rechenschaft zu geben; unsere Seufzer, unsere Thränen klagen dich vor dem Herrn aller Herren an, von dem du deine Gewalt nur zum Lehen trägst." Ja, so darf der Katholik, so muß er seinem Unterdrücker gegenüber sprechen; denn thäte er eS nicht, er würde den ungerechten Machthaber in seinem Unrechte bestärken, er würde sich fremder Sünde schuldig machen. Unter keinen Umständen aber ist eS nach katholischer Weltanschauung erlaubt, offenen Aufruhr zu erregen und den gewaltsamen Umsturz des Bestehenden herbeizuführen, «denn, spricht der Herr, rächet euch nicht; die Rache ist mein, ich will vergelten." Die Tyrannei, den Despotismus betrachtet der Katholik allerdings als ein großeSZ Uebel, aber auch zugleich, wie jedes andere Uebel, als eine Prüfung und Heimsuchung, die über ein Volk wegen seiner Verschnlbung und zur Abbüßung seiner Sünden hereinbricht; der Katholik ehrt noch immer den Despoten, und kann er ihn nicht als den Vater deS Vaterlandes ehren, so ehrt er ihn als eine Geißel GotteS, berufen zur Läuterung des sündigen Geschlechtes. Vom modernen Standpuncte auS erscheint eine solche Auffassung, welche die Revolution verwirst und den Teufel nicht durch Beelzebub, den obersten der Teufel, auStreiben will, nur als Sclavensinn, die christliche Demuth, Geduld und Unterwürfigkeit wird von der modernen Weltanschauung nur für Feigheit, Wegwerfung der Menschenwürde, ja für schmähliche Niedertracht gehalten. So stehen aus dem Gebiete deS staatlichen LebenS die heidnische und die katholische Weltanschauung einander schnurstracks entgegen. (Schluß folgt.) Wolfgang Menzel über die Missionen. *) Nachdem man Misstonen in alle Weltgegenden, zu den schwarzen, gelben, rothen und olivenfarbigen Heiden geschickt hat, ist man inne geworden, daß eS auch noch in Wolfgang Menzel ist unsern Lesern als ein angesehener Historiker und Kritiker, als Redacteur des frühern Litcraturblattes zum Morgenblatt gewiß bekannt. Er ist au» Ueberzeugung 21 der nächsten Nähe, mitten in Europa und Deutschland, weiße Heiden gibt, und daß hier am Ende noch mehr zu bekehren übrig bleibt, als an den Küsten von Alt- und Neu-Guinea, Labrador und Kamtschatka. Daher findet, aus dem buntscheckigen China heimgekehrt, der große Gützlaff unerwartet einen Nebenbuhler in dem Wandcrvater aus dem rauhen Hause, und die aus Paraguay unv dem Goldland Californien längst verbannten katholischen Missionäre kommen in den dunkelgrünen Thälern unseres Schwarzwaldes und OdenwaldeS wieder zum Vorschein und predigen den Wilden im Vaterlande. Die Revolution der letzten zwei Jahre hat weniger selbst verwüstet, als die längst vorhandene „große Menschenwüste" nur entblößt, und die täuschenden Schleier von ihr weggezogen, womit Aufklärung, Polizeistaat und conventueller Anstand sie zugedeckt hielten. Man hat in den Abgrund einer sittlichen Entartung und Verwilderung hineingeblickt, welche der Staat mitverschuldet zu haben sich plötzlich bewußt geworden ist. Daher der Nothruf nach kirchlichen Mitteln, die man so lange verschmähte. Daher Emancipationen der Kirche, wie man sie noch vor drei Iahren nicht für möglich gehalten, nicht im Traume sich vorgespiegelt hätte. Daher der elektrische Schlag, der mit Wichern'S Zauberwort „innere Mission" durch ganz Deutschland fuhr, daS erste Licht in der tiefen Finsterniß, der lebendige Quell aus dem Felsen, vor dem man trostlos dürstete. Daß auch der kirchenfeindlichste Bureaukrat jetzt einsehen muß, man komme mit bloßer Polizei nicht auS und bedürfe nothwendig der Religion und ihrer Getreue», um den Dämon im Demos zu bewältigen, ist ein großer werthvoller Gewinn der neuesten Zeit. Höher aber noch schätzen wir die im Volke selbst, zunächst in den gebildeten Classen, vorgegangene Verwandlung der Gesinnung und Meinung in Bezug auf die religiösen Dinge. Der Dünkel der falschen Aufklärung ist immer mehr als solcher anerkannt worden. Wenn auch die Noth noch nicht so groß ist, dj,ß sie überall beten gelehrt hätte, so kam doch wohl auch der im gewohnten Daseyn Behaglichste in den Fall, wünschen zu müssen, daß wenigstens seine Kinder und Untergebenen lieber möchten beten, als fluchen gelernt haben. Man ist so scheu geworden vor dem Unheiligen, das auS der revolutionären Presse, aus den Clubbs, Volksversammlungen und Freischaaren mir höllischen Tönen hervorbrülltc, daß darüber die alte herkömmliche Scheu vor dem Heiligen merklich verschwunden ist. An den Katzenmusiken hat man gelernt, um wie viel lieblicher doch die Kirchenmusik sey. Wir wollen nicht schärfer untersuchen, von welchem innerlichen Widerstreben diese Bewegung zur Kirche begleitet ist und wie viele heimliche Vorbehalte sich die Furcht macht, indem sie zum ersten Male den sonst so widerwärtigen und lästigen Priester zum Beistande ruft. Wir halten uns nur an die Thatsache, daß die Bureaukraten wirklich den Priestern einmal Platz gemacht, ihnsn Vertrauen gescheut, ihnen dasselbe Volk zur Zucht empfohlen haben, welches sie der priesterlicher Zucht zu entreißen seit einem Jahrhunderte keine Gewaltthat, keine Verleumdung des Standes, keine Verspottung der Religion selbst gescheut hatten. Unter allen Wundern, welche diese Umwandlung der Stimmung seit der letzten deutschen Revolution hervorgerufen, ist wohl das Wunderbarste die freie und ungehinderte Thätigkeit der Jesuiten, welche man nicht etwa bloß gewähren läßt, sondern auch gut heißt und mit ehrfurchtsvollem Staunen begrüßt. Wer erinnert sich nicht noch des Ausbruches eines allgemeinen Ingrimmes in Deutschland» als es vor fünf Jahren der Schweizer Sonderbund wagte, zwei alle Männer von der Gesellschaft Jesu nach Luzern zu berufen? In Sachsen stieg die Wuth bis zu dem Grade von Fieberhitze, daß sogar das Knöchlein eines Jesuiten, welches man als Reliquie im Altare gläubig« Protestant, hat aber schon oft bewiesen, daß er fähig ist, Erscheinungen aus dem Gebiete der katholischen Kirche unbefangen und vorurtheilsfrei zu würdigen. Seine Beurtheilung der katholi. schen Missionen ist einem größern Aufsatze: „Die Mission auf katholischem und protestantischem Gebiete," im 4, Hefte der „Deutschen Vierteljahrsschrift." entnommen. ss einer Kirche zu entdecken geglaubt hat, daS Land beinahe in Aufruhr brachte. AIS die Radikalen in der Schweiz unter der Leitung entschiedener Gottesleugner, z. B. deS hohnlachenden Verfolgers der waadtländischen Kirche, den Sonderbund überwältigten, jubelte ihnen die gesammte deutsche Presse, mit nur sehr wenigen Ausnahmen zu, selbst Regierungsblätter nahmen damals mit Partei gegen den Sonderbund. ES sind seitdem erst drei Jahre vergangen. Wer hätte sich träumen lassen, daß die damals mit so lautem Halloh verjagten Jesuiten noch einmal wieder dießseits der Alpen mitten unter uns seyn und in aller Sicherheit predigen würden? Denn Die, von denen wir sprechen, gehören zum Theile der Gesellschaft Jesu, zum Theile dem Orden der Liguo- rianer oder Redemptoristen an. . Die im Laufe des Jahres 1850 im südwestlichen Deutschland und vorzugsweise im Schwarzwalde abgehaltenen katholischen Missionen hatten theils als Bilder des zurückgekehrten Seelen- und Landeöfricdens einen hohen idyllischen Reiz, theils offenbarten sie eine so intensive Kraft des Religiösen und Sittlichen, mitten in der Corrup- tion der Zeit, daß kein Anwesender, selbst der mit Vorurtheil dazu getreten, sich eines heiligen Schauers zu erwehren vermocht hat. Auch Zuhörer des evangelischen Bekenntnisses waren tief ergriffen und bekannten, daß hier nichts, was ihnen sremd oder feindlich hätte seyn können, vorgekommen, sondern ein wahrhaft evangelischer Geist in apostolischer Einfachheit und Kraft sich offenbart habe. Welcher Protestant wäre engherzig genug, solche Erfolge der alten Kirche mit Mißgunst ansehen zu wollen? Nur neidlose Freude kann uns bewegen, wenn wir DaS, was allen Christen gemeinsam ist, gedeihen und das Kreuz triumphiren sehen über seine Widersacher. Denn aller Gläubigen^ von welcher Confession sie seyn mögen, gemeinsamer Feind ist, der hier besiegt wurde, und nie dürfen wir vergessen: das Reich der Feinde Christi ist so weil ausgedehnt, so männervoll und streitbar, daß keine Confession für sich allein sich rühmen darf, es erobern zu können. Eine vielmehr wird der andern noch in heißem langem Kampfe helfen müssen. Es wäre eine große Ungerechtigkeit und hieße den Ernst der Zeit tief mißverstehen, wenn man, wie wohl geschehen ist, das reine evan- gelische Verfahren der Missionäre und ihr Sichfernhalten von jeder kirchlichen Polemik nur aus Berechnung und politischer Klugheit erklären wollte. Sie hatten ja gar keine konfessionelle, sondern nur eine sittliche Ausgabe, und diese haben sie redlich erfüllt. Die katholischen Missionen begannen schon im Februar in Säckingen, Kirchgarten, Schwetzingen und wurden fortgesetzt im März zu Herbolzheim und Urloffen, im April zu Gengenbach, Gerwihl, Haigerloch und Löffingen, im Juni zu Triberg und Waldthüm, im Juli zu Ellwangen, Wnrzach, Sigmaringen und Zipplingen im Rieö, im August zu Konstanz, im September zu Mcersburg:c., wobei sich nach Erkrankung des Anfangs thätigen Pater Haslacher, vorzüglich die Patres Zobel aus Tirol, Schlosser auS dem Elsaß und Rodcr auS Bayern betheiligten. Alle diese Priester sind hochbegabte Redner und brachten durch ihren apostolischen Eifer eine staunenswerthe Wirkung hervor, indem das Landvolk überall zu vielen Tausenden sich um sie versammelte und da, wo ein Jahr früher die Revolution ihre wildesten Orgien gefeiert hatte, unter Reuethränen in tiefster Zerknirschung Buße that. Zu Urloffen, unsern von Osfenburg, wo im Mai des Jahres 1849 die berüchtigte Volksversammlung gehalten worden war, die dem badischen Aufruhre den Anstoß gab, versammelten nicht zehn Monate später fromme Missionäre dasselbe Volk zu einer Verhandlung von ganz anderer Art und Natur, und eine andere Begeisterung schlug hier in Heller Lohe zum versöhnten Himmel auf. Wir müssen uns das seltsame Geschichtsbild näher vergegenwärtigen und zu seiner Ausmalung die warmen Farben eines Augenzeugen wählen: „Mitten unter den radikalen Städtchen Renchen, Obcrkirch, dem weltberühmten Demagogensitz Offenburg und'uahe dem berüchtigt gewordenen Flecken Appenweier liegt der große Ort Url offen mit seiner schönen Kirche, ganz geeignet, eine große Menge Derer aufzunehmen, welche trotz aller Wühlereien ihr katholisches Bewußtseyn nicht verloren hatten. Vom zweiten Fastensonntage an sah man Tausende aus allen Richtungen nach der Kirche wallen, welche in schöner weiter S3 Ebene fernhin einladet. Referent besuchte die Mission einige Mal und war erstaunt über die heilige, ernste Stille, die unter den Tausenden herrschte, welche zur Mission zusammengeströmt waren. Die Vergleichung mit den Jahren 1848 und 1849 drängte sich uns unwillkürlich auf. Welch wüster Lärm, welche bacchanalische Aufregung zeigte sich aus den Offenburger Volksversammlungen vom 19. März 1848 und 13. Mai 1849, wo ein Stay, ein geckenhafter Knabe Gögg, betrunkene, meineidige Soldaten an eine von Wahnsinn ergriffene Menge sprachen, und die schmählichsten Ausdrücke gegen einen der edelsten Fürsten, ja gegen alle Fürsten, den vollsten Beifall ernteten. Dagegen welche heilige, stille Freude auf dieser religiösen Volksversammlung in Urlos- fen! Welche Genügsamkeit unter diesen Tausenden, welche die wenigen LebenSmittel, die sie mitgebracht hatten, da und dort sich in Gruppen lagernd, genossen, und dann wieder zur Kirche eilten, wo dcS TageS dreimal über die wichtigsten Religionswahrheiten die ergreifendsten Vorträge gehalten wurden, welche selbst die Herzen vieler Verirrten mächtig erschütterten. Die Beichtstühle waren von Morgens 3 Uhr bis spät in die Nacht umdrängt. Die Menge zog her und zog ab in der ruhigsten Stimmung. Am dritten Fastensonntage predigte ein ausgezeichneter Gottesmann vor wenigstens 7000 Menschen, die auf dem Kirchplatze versammelt, waren, da die große Kirche solche Menge nicht zu fassen vermochte; lautlose Stille herrschte wie in der Kirche. Die Prediger faßten ihre Sache am rechten Puncte an, ihre Reden waren auch vorzüglich einzelnen Ständen gewidmet, z. B. der Jungfrau, dem Jünglinge, dem Ehegatten. Der Jungfrau wurde ihre erhabene Bestimmung erklärt, und gezeigt, wie sie durch Keuschheit, Sanftmuth, Fleiß und Gehorsam sich die Achtung ihrer Nebenmenschen verschaffen kann. Dem Jünglinge, der seinem Berufe mit Eifer obliegt, ob Landwirt!), Handwerker, Künstler oder Gelehrter, wird Fleiß, Mäßigung, Nüchternheit, Gehorsam und Sanftmuth empfohlen, die Folgen der Trunkenheit, der Streitsucht, der Unzucht in all ihren traurigen Abstufungen vor Augen gestellt, und bewiesen, daß die Laster, die er mit 18 — 24 Jahren treibt, demselben auch als Mann mit 30 — 50 Jahren, ja bis an das Grab ankleben." (Fortsetzung folgt.) Berlin. Die katholische Bevölkerung in Berlin wie in der ganzen Delegatur schreitet in dem unablässigen Bestreben, die kirchlichen Einrichtungen zu vervollkommnen und zu erweitern, mit sichtlichem Erfolge voran, ein Beweis, daß die Bahn, welche die frühern Pröpste, die Herren Brinckmann und v. Ketteler, hier betreten und eingehalten haben, auch unter der jetzigen Leitung des Herrn Pelldram nicht verlassen wird. Durch unablässiges Streben wurde der sonntägliche Gottesdienst in der Hauptstadt, welcher bei einer so großen katholischen Bevölkeruug, außer der entlegenen Jnvaliden- kirche, ausschließlich auf die.Hauptkirche zu St. Hedwig beschränkt war, auf vier Puncte ausgedehnt, das Hospital und die Garnisonskirche, die bis noch vor kurzer Zeit sehr vernachlässigte katholische Schule reorganisirt, ein treffliches SchulhauS gebaut und ein Unterricht eingeführt, welcher den Anforderungen einer tüchtigen Stadtschule entspricht. Bei der großen Zahl der hiesigen Gemeindeglieder (sie hat nach jüngster Zahlung fast 21,000 Pfarrangehörige, außerdem 470 überwiese»? Katholiken unter der hier garnisonirenden Linie) kann indeß der so sehr umfassenden Scelsorge kaum in den nothwendigsten Dingen genügt werden, zumal die Thätigkeit der bis jetzt vorhandenen fünf resp, sechs Geistlichen durch die Anhäufung der Landwehr in Berlin und die Funktion am Hospital in neuester Zeit noch wesentlich gesteigert ist. Man hat deßhalb ernstlich Bedacht genommen, einen sechsten Geistlichen definitiv zu gewinnen, der durch die Erweiterung des Hospitals und den nicht mehr zu versäumenden Religionsunterricht unter den katholischen Gymnasiasten sämmtlicher hiesigen Gymnasien noch großentheilS in Anspruch genommen werden wird. Die vielgerühmte Toleranz 84 hat es bis jetzt nicht dahin bringen können, die Directoren und Behörden der evangelischen Schulanstalten in Berlin zu vermögen, für den katholischen Religionsunterricht der hiesigen kntholischen Gymnasiasten zu sorgen, ungeachtet ihre Zahl wohl 80 bis 100 betragen möchte. Man ist jetzt entschlossen, diesem Mangel entschieden abzuhelfen, da die Parität der Consessionen eS verlangt, soll diese nicht bloß eine papierne bleiben. Man hat sich bis jetzt, wenn auch nicht entschieden geweigert, doch sehr lässige in dieser Beziehung gezeigt. Ohne Energie möchte wohl kaum etwas zu erlangen seyn, zumal der intolerante Geist früherer Zeit in den östlichen Provinzen überhaupt sich nicht selten Geltung zu verschaffen sucht. Der Magistrat von Königsberg z. B. schlug daS Gesuch der Katholiken, für den entsprechenden Religionsunterricht der 200 die städtischen Gymnasien besuchenden katholischen Gymnasiasten sorgen zu wollen, mit dem kategorischen Bescheide: „die Gymnasien seyen protestantische, und Niemand sey verpflichtet, sie zu besuchen," rund heraus ab. Erinnern wir unS hierbei, daß an den katholischen Gymnasien für den evangelischen Religionsunterricht nach Möglichkeit gesorgt wird, sobald ein einziger evangelischer Schüler vorhanden ist, dürfen wir uns der Worte Fenslon's erinnern, daß die Evangelischen die Toleranz predigen , die Katholiken sie üben. Wir halten es indeß für eine unabweisliche Pflicht deS Unterrichtsministeriums, in dieser Hinsicht die geeigneten Maaßnahmen zu treffen. Für Berlin hofft man, einen Geistlichen, welcher auch die philologischen Studien durchgemacht hat, zu gewinnen. Der FontzS sür das eine Hospital, daS gleichfalls seine Entstehung den Ideen der Herren Brinckmann und v. Ketteler verdankt, hat sich bereits auf 31,000 THIr. ausgedehnt, fast die Hälfte der Summe, welche man für die erste Anlage für nöthig erachtet, und zwar hat derselbe innerhalb zweier Jahre diese so bedeutende Höhe erreicht. Auch wird Peter von Cornelius zu Gunsten desselben ein Bild malen, welches, wie wir hören, bereits in Angriff genommen ist und in Stahl gestochen werden wird. Dasselbe wird eine Scene aus dem Leben der heiligen Elisabeth von Thüringen darstellen, welche nach der Legende den Eifer der Krankenpflege so weit ausdehnte, daß sie die armen Kranken gegen den Willen ihres Gemahls sogar im Schlosse unterbrachte. Das Bild soll nun den Moment auffassen, in welchem der Landgraf, erzürnt über die wiederholte Uebertretung seiner Gebote, selbst die Betten untersucht und beim Aufheben der Decke, durch welche Elisabeth ihm den Anblick des Kranken entziehen wollte, Christus selbst statt deS Kranken erblickt. Gewiß ein sinnreicher Stoff für die Bezeichnung der Armenpflege. Auch in der Provinz ist die katholische Seclsorge entschieden im Fortschritt. Die Zahl der früher vorhandenen sechs Pfarreien hat sich innerhalb der sechs letzten Jahre verdoppelt, und die Zahl der Schullehrer in 11 Jahren sich von 15 auf 31 erweitert. Die Zahl der Katholiken in Brandenburg und Pommern beläuft sich nach der letzten Zählung am Schlüsse deS verflossenen Jahres auf 37,000 Seelen. (Wests. M.) Wien. Wien, 3. Jan. Die ehrwürdigen Redemptoristinnen am Rennweg, deren Kloster und Kirche seit ihrer cannibalischen Vertreibung zu militärischen Zwecken verwendet wurden, haben auf ihre früher beabsichtigte Zurückkunft nach Wien verzichtet, und Haus und Kirche bereits verkauft. So eben werden die werthvollen Dekorationen aus der Kirche geräumt, um sofort mit andern Kirchen-Utensilien in eine neue Stiftung der ehrwürdigen Frauen nach Belgien gebracht zu werden. So ist auch daS Lob Gottes aus dem Munde dieser opferfreudigen Seelen sür daS dem Abgrunde der Gott- losigkeit zueilende Wien für immer verklungen. Die Zahl der Gerechten, deren Gebet versöhnend und sühnend durch die Wolken dringt, wird täglich kleiner in Wien. (Kath. Bl. a M.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlagö-Znhaber: F. C> Kremer.