Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PsjMtung. 9. März M- KO. 2851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis M kr., wofür es durch alle königl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Aus dem Leben des ersten deutschen Redemptoristen. (Schluß.) Neben diesen beiden Kreisen der gesegnetsten Thätigkeit bildete sich Hoffbauer noch einen dritten besonderen, wir möchten sagen, einen Familienkreis. Gott hatte ihm die Gabe, junge Leute an sich zu ziehen und deren Vertrauen zu gewinnen, in hohem Grade verliehen; und so sammelten sich nach und nach sehr viele Jünglinge und Männer um ihn, die ihm mit der kindlichsten Liebe und Verehrung anhingen. Namentlich in den Abendstunden sah man sie in die kleine Wohnung des Seligen strömen, Studirende aller Fächer, Künstler, Soldaten, Handwerker und Beamte, und es war rührend zu beobachten, mit welch' selbstvergessener Hingebung und Freundlichkeit er sie alle ausnahm, wie er sie zur Liebe des Herrn, zur Verehrung Mariä, zur Uebung einer wahrhaft praktischen Frömmigkeit anleitete. Zacharias Werner, damals schon Priester, war einer der Vorzüglichsten in diesem Kreise; seine Verehrung für Hoffbauer ging so weit, daß er keinen Anstand nahm, öffentlich auf der Kanzel bei Gelegenheit zu erklären: Jener sey ein Mann, dessen Schuhriemen aufzulösen er nicht würdig sey. Es scheint, daß sich in dieser Zeit auch einige der zersprengten Glieder der Kongregation in Wien wieder sammelten; das Schriftchen von Pösl läßt unS hierüber im Dunkeln, berichtet aber, daß P. Hoffbauer im Jahre 1815 vier Individuen aus der Versammlung auf die Bitten deS Bischof Erkolani von Nicopolis in die Bulgarei gesandt habe, die jedoch nach einigen Jahren wieder zurückberufen werden mußten. Das Jahr 1818 brachte dem Diener Gottes eine überaus große Tröstung, es war die Wiedereröffnung eines CollegiumS in der Schweiz. Die Priester der Versammlung, die seither auf verschiedenen Seelsorgposten zerstreut gewirkt, erhielten von dem Staatsrathe zu Freiburg die Aufnahme in den Kanton und ein verlassenes Klostergebäude zur Wohnung. Später siedelten sie in das alte Seminar in der Stadt Freiburg über und bald mehrte sich hier wieder die Gemeinde. Dieser Freude folgte sofort eine neue Prüfung für Hoffbauer; der Herr wollte ihn immer mehr noch läutern und zeitigen für den Heimgang in die Ewigkeit und zugleich aus dorniger Hülle endlich die Frucht hervorblühen lassen, welcher der Selige ohne Unterlaß entgegensehnte. Der Zusammenfluß so vieler Personen bei Hoffbauer hatte die Aufmerksamkeit der Polizei erregt; plötzlich erfuhr man, daß er Mitglied einer auswärtigen geistlichen Corporation sey. Da erschien denn ganz unerwartet eine Commission in seiner Wohnung; seine Schubladen und Schränke wurden durchsucht, seine Briefe und Papiere in Beschlag genommen und er selbst einem dreistündigen Verhöre unterworfen. Man stellte ihm schließlich die Alternative, entweder seinem Orden zu entsagen, oder 74 Oesterreich zu verlassen. Hoffbauer wählte unbedingt das Letztere und mußte darüber sogleich einen schriftlichen Revers unterzeichnen. Nach Beendigung dieser Procedur fragte Hoffbauer die beiden Commissäre, ob noch etwas Weiteres zu thun sey. Auf die verneinende Antwort sagte er mit erschütterndem Ernste: EineS ist noch übrig! — Was denn? fragte Einer von Jenen. — Hoffbauer wies mit dem Finger gen Himmel mit den Worten: Das jüngste Gericht! Wir erlauben uns hier kein Urtheil über die persönliche Stimmung der beiden Eommissäre, deren Namen unser Auctor wohl aus Schonung verschwiegen hat; auffaltend bleibt es übrigens jedenfalls, daß beide kurze Zeit nach dem erwähnten Vorgange am Schlage starben. Das Resultat der Untersuchung war, daß unserm Vater Clemens alsbald ein Negierungsbeschluß zukam, worin ihm auferlegt wurde, er solle die Verbindung mit seiner Cougregation feierlich aufgeben, oder binnen einer gesetzten Frist die Kaiserstaaten verlassen. So der Beschluß der Regierung; — anders aber war eS im Rathe der Vorsehung beschlossen. Baron Penkler bewies sich auch in diesem Momente als treuen Freund Hoffbauers z er eilte ungesäumt zum Erzbischofe uud berichtete ihm das Geschehene. Dieser, der den Seligen aufrichtig liebte unv seine hohen Tugenden zu schätzen wußie, begab sich hierauf zum Kaiser, welcher gerade im Begriffe war, eine Reise nach Italien anzutreten. Mit aller Wärme sprach der würdige Fürsterzbischof hier für Hoffbauer und bat, demselben wenigstens bis zur Rückkehr des Kaisers den Aufenthalt in Wien zu gestatten. „Wenn jener weggeht," äußerte sich der Prälat, „so verliere ich meinen besten Priester!" — DaS nächste Resultat dieser gewichtvollen Verwendung war, daß Hoffbauer vorläufig bleiben durfte. Nach der Rückkehr des Kaisers nahm der Fürstbischof die Sache wieder auf; er fand den Kaiser in sehr guter Stimmung für unsern P. Clemens, da der heilige Vater ihn zu Rom gelegentlich darauf aufmerksam gemacht, welchen apostolischen Mann er an jenem in seiner Hauptstadt besitze; und so war nicht nur das Bleiben desselben alsbald gesichert, sondern überdieß äußerte Kaiser Franz in seiner bekannten Herzensgüte seinen Schmerz über die kränkende Behandlung, die Hossbauer erlitten und den Wunsch, ihm eine Gnade zu erweisen. In dieser wohlwollenden Stimmung des Kaisers glaubte Hoffbauer einen Wink Gottes erkennen zu sollen. Der Augenblick schien ihm gekommen, um seinen innigsten Wunsch, die Einführung der Congregation in Wien, zu realisiren. Nach reiflicher Erwägung und nach mehrfacher Rücksprache mit hochgestellten und einflußreichen Männern, unter welchen wir den damaligen Burgpfarrer Jakob Friut, später Bischof von St. Polten, und den kaiserlichen Hofcaplan Darnaut namhaft machen, reichte Hoffbauer am 29. October 1819 ein Promemoria in diesem Betreff bei dem Kaiser ein, und fügte zugleich eine deutsche Uebersetzung der Regeln der Congregation bei. Der Kaiser nahm dieses huldvoll entgegen und gab seine vorläufige Einwilligung zur Gründung eines Kollegiums der Redemptoristen in Wien, Er beauftragte demgemäß den genannten Darnaut, einen deßfallsigen Entwurf zu machen. Diesen gab er nachher dem Herrn Frinl zur weitern Ausarbeitung mit dem Befehle, ihn nach Vollendung dem Fürsterzbifchofe zur Begutachtung und demnächstigcn Vorlage an ihn (den Kaiser) zu übermitteln. So stand denn unser trefflicher Vater Clemens wider alles menschliche Erwarten mit einemmale dem Ziele nahe, daS er sich bei dem Eintritt in den Priesterstand mit besonderer Vorliebe gesteckt, — noch näher aber stand er einem andern Ziele, dem seiner irdischen Laufbahn; die Zeit war gekommen, wo der treue Diener eingehen sollte in die Freude seines Herrn. Nachdem er gleich Moses von der Bergeshöhe mit inniger Freude hinüber geschaut in das gelobte Land seiner sehnlichsten Wünsche, ') Vergl. Pvöl S. 73. 75 wurde er hinweggenommen; betreten sollte er selbst das Land nicht; die wirkliche Einführung der Versammlung des allerheiligsten Erlösers in Wien sollte er hienicden nicht mehr sehen. Er selbst schien jetzt seinen Tod zu wünschen, denn er äußerte gerade in dieser Zeit, wo sich die Verhältnisse so günstig sür ihn gestalteten, einem seiner Zöglinge: Bisher habe ich nichts als Widerspruch, Verachtung und Verfolgung erfahren; jetzt wartet eine große Ehre auf mich. Nun möchte ich sterben, bevor dieselbe mir zu Theil wird." Gegen Ende Februar 1820 erkrankte P. Stark, der nebst einem andern Priester, P. Barjalich, bei Hoffbauer sich befand. In Folge dessen hatte dieser weit größere Anstrengungen im Beichtstühle und in der Versehung des Gottesdienstes, als er eS in der letzlern Zeit gewöhnt war. Dieß, vereint mit der ängstlichen Sorge um den Kranken, zog ihm selbst ein Leiden zu. Er achtete wenig darauf, pflegte fort seinen geistlichen Sohn und unterließ nichts von seinen gewöhnlichen Arbeiten. Einige Tage schien eS wirklich, als ob seine kräftige Natur auch in so hohen Jahren noch Herr über die Krankheit werden würde. Plötzlich aber trat wieder Fieberfrost bei ihm ein; dennoch predigte er noch am 5. März (zum letzten Male!) und hielt am darauf folgenden Tage, ungeachtet deS immer heftiger werdenden Fiebers, ein Seelenamt für eine verstorbene Wohlthäterin der Congregation. Nach Hause zurückgekehrt, .mußte er sich sogleich zu Bette begeben; unter großen Leiden brachte er einige Tage zu, durch seine kindliche Hingebung nnd Geduld Alle erbauend; doch liebevoll kürzte der Herr seine Schmerzen ab; er hatte im Leben schon genug geduldet. Am 15. März 1820 gegen die Mittagsstunde entschlief er in sanfter Ruhe, freudig seinen Herrn und Erlöser erwartend. Er war 63 Jahre und wenige Monate alt. Sein Leichenbegängniß war ein Triumphzug der Liebe; Arme und Reiche, Vornehme und Niedrige, Geistliche unv Laien drängten sich herzu, ihrem Wohlthäter, ihrem Vater und Führer aus dem Wege des Heils, ihrem Freunde die letzte Ehre zu erweisen. Die Leiche ward nach Maria-Enzersdorf, zwei Stunden von Wien, gebracht und daselbst beigesetzt. Ein Krenz nnd Stein mit der Inschrift: Hio jaeot k. I>. möns Uaris llotldausr, LonZreZationig 8. 8. Rvclempwri8 Vioanus (Fsneralis. Odüt clie Mrtü 1320 bezeichnet die Ruhestätte deS Verblichenen. Hoffbauer hatte, um hier die Worte deS PsalmensängcrS anzuwenden, sein ganzes Leben hindurch ausgesäet in Thränen; hienieden sollte er die Früchte seiner Aussaat nicht einärndten, nicht die vollen Garben freudig mit den Augen deö Leibes erblicken: jenseits aber, wo keine Trauer und kein Schmerz mehr ist, wird es ihm sicherlich vergönnt seyn, die Früchte seines Schweißes und seiner Thränen und Mühen in Deutschland reifen zu sehen; und jeder neue Erfolg des Wirkens seiner geistlichen Nachkommenschaft in nnsern Gauen, jeder Sieg der Gnade, durch ihre Missionöthätig- keit errungen, — wird neue volle Garben ihm in die Arme legen, die er vor dem Throne Dessen aufopfern kann, der ihn einst ausgesandt, daß er hingehe und Frucht bringe. Am 15. März 1820 war er gestorben und schon der 30. April desselben Jahreö brachte eine kaiserliche Anordnung, wonach die Errichtung eines Nedemptoristcncolle- giums in Wien alsbald in Ausführung gebracht werden sollte. „P. Hoffbaner kann beten!" rief der fromme Fürsterzbischof von Wien freudig aus bei dieser Nachricht. Neben dem Hanse in Wien, welches nunmehr rasch ins Leben trat, wurden bald noch mehrere in Oesterreich und späterhin das zu Altötting in Bayern gegründet. — Die Stürme der letzlvergangencn Jahre haben zwar Manches wieder zerstört, waö angepflanzt, Vieles niedergerissen, was zum Heile der Seelen aufgebaut war; aber der unsichtbare Wächter der heiligen Kirche hat diese Stürme gleichwohl so gelenkt, daß sie, während sie die Feuerstätten apostolischer Thätigkeit und Liebe in Einem Lande auslöschen wollten, nur die Funken von denselben hinüberbrausen konnten in 76 andere Länder, die der Erwärmung bedürsttg, damit sie zündeten und allmälig auch hier dasselbe göttliche Feuer eine oder die andere Stätte finden möchte, wo es auflodere zur Belebung des Glaubens, zur Entflammung der heiligen Liebe in den Herzen der Völker. __ Blumen ans dem Schriftgarten des heiligen Bernardus. (Fortsetzung.) 204. Verbindlichkeit gegen Gott. Willst du wissen, zu was und wem du verbunden seyest? Erstens verdankst du Jesu Christi dein ganzes Leben, weil Er sein Leben für daS deine einsetzte und bittere Peinen ertrug, damit du die ewigen nicht ertragen dürfest. Würden auf mich übertragen das Leben aller Kinder Avams und alle Tage der Zeit und alle Arbeiten der Menschen, die waren, sind und seyn werden: so wäre dieß nichts im Vergleiche mit jenem Leibe, der sichtbar und wunderbar ist durch himmlische Macht in seiner Em- pfängniß von der Jungfrau in Gegenwart des heiligen Geistes, durch die Unschuld seines Lebens, durch die Ausflüsse seiner Lehre, durch den Glanz seiner Wunder und durch die Offenbarungen seiner Geheimnisse. Wie also der Himmel über die Erde erhaben ist, so jenes Leben über das unsere, welches Er jedoch für das unsere eingesetzt hat. Wie das NichlS zu Etwaö keinen Vergleich gestaltet, so steht auch unser Leben in keinem Verhältniß zu seinem Leben, da nichts vortrefflicher ist, als daS seine, und nichts elender, als das unsere. Wenn ich Ihm also gebe, was ich kann, ist es nicht wie ein Stern gegen die Sonne, wie ein Tropfen gegen einen Fluß, wie ein Stein gegen einen Berg, wie ein Körnlein gegen einen Haufen? Aber bin ich denn allein ein Schuldner, dem ich kaum etwas vergelten kann? Meine vergangenen Sünden fordern von mir mein zukünftiges Leben, damit ich würdige Früchte der Buße bringe, und überdenke alle meine Jahre in der Bitterkeit meiner Seele. Und wer ist dazu tüchtig? Ich habe gesündiget über die Zahl des Sandes am Meere, meine Sünden haben sich vervielfältiget, und ich bin nicht werlh, die Höhe deö Himmels anzuschauen, wegen der Menge meiner Missethaten: ich bin umgeben von Unglück, dessen keine Zahl ist. Was aber ohne Zahl ist, wie werde ich dieses zählen können? Wie werde ich Genugthuung leisten, da auch der letzte Heller muß bezahlt werden? Aber die Sünden, wer merket sie! Und wenn er auch noch so sehr die Sünde bereut, und noch so sehr sich abtödtet und abmagert um deines Namens, nicht des Verdienstes der Buße willen, so spricht doch der Gerechte: „Sey gnädig meiner Sünde: denn ihrer ist viel." Wenn du also Alles, waS du weißt, was du hast, und was du kannst, auf diese einzige Sache verwendest, ist es etwaö oder ist es für etwas zu rechnen? WaS wirst du sagen, wenn ich dir den Dritten zeige, dem du Schuldner bist, der nicht weniger streng, aber in der That das Leben in Anspruch nimmt? Ich glaube, daß auch du ein Verlangen habest nach jener Herrlichkeit, die kein Auge uoch gesehen, kein Ohr noch gehört har, und in keines Menschen Herz noch gekommen ist, nach dem Reiche aller Zeiten, nach den ewigen Erbschaften. Ich glaube, du möchtest den Engeln GotteS gleich seyn, und ans den Straßen deS himmlischen Sion horchen auf die Gesänge der Engel, und sehen, was das sagen wolle: „Damit Gott Alles in Allem sey." Sollst dn nicht, um dieses zu kaufen, dich selbst ganz und Alles hergeben, waS immer und wo immer du es aufbringen kannst? Und wenn du auch Alles gethan hättest, so halte ich doch dafür, daß die Leiden dieser Zeit oder deö Leibes nicht zu vergleichen sind mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an unS offenbar werden wird. WaS wirst du endlich sagen, wenn ich dir den Vierten vorführe, dem du verbindlich bist, und der haben will, daß das Recht der Oberherrschast Ihm die obigen drei abtreten? Siehe wer steht vor der Thüre, der Himmel und Erde erschaffen hat. Er ist auch dein Schöpfer, und du bist sein Geschöpf. Du bist der Knecht, Er der 77 Herr: Er ist der Töpfer, du das Geschirr. Ganz bist du dem verpflichtet, von dem du das Ganze hast, jenem Herrn vorzugsweise, der dich gemacht und dir Wohlthaten erwiesen hat, der für dich lenkt den Lauf der Gestirne, den Wechsel der Luft, die Fruchtbarkeit der Erde u. s. w. 205. Verdacht. Was ist schändlicher für einen Vorgesetzten, als kleinliche Sorge zu tragen für das Tischgeräthe und für das geringe Vermögen, Alles zu erforschen, nach Allem zu fragen, vom Verdachte gepeiniget und durch jeden geringen Verlust und durch jede Vernachlässigung in Aufregung zu kommen? Zur Beschämung Einiger sage ich dieses, die täglich das ganze Vermögen durchgehen, Einzelnes zählen und über Kleinigkeiten und Heller Rechenschaft fordern. Nicht so machte es jener Egvptier, der den Joseph über Alles setzte und um nichts wußte, als um daS Brod, das er aß. Es schäme sich der Christ, der dem Christen nicht traut, da doch der Mann ohne Glauben seinem Diener traute und ihn setzte über Alles. Und dieser war ein Fremdling. Es ist wunderbar, daß es Menschen gibt, die für das Kleine große und für das Wichtigste geringe oder keine Sorge tragen. Ich bitte dich, der du Andere lehrst, belehre dich selbst, lerne dich selbst höher schätzen, als das deinige. Vergängliches, das um keinen Preis aufgehalten werden kann, lasse vorübergehen, aber nicht an dir. Der fließende Bach untersrißt das Ufer, so das Hin- und Herlaufen in zeitlichen Dingen das Gewissen. Wenn der Gießbach auf die Felder laufen kann ohne Beschädigung der Saaten, so glaube, daß auch du ohne Verletzung des Gewissens mit jenen umgehen könnest. Nur rathe ich dir, daß du dich bemühest, die Anhäufung derselben abzuweisen. Wisse Vieles nicht, vom Meisten lasse dir nichts merken, und vergiß Manches. 206. V e r d i e n st. Alles Gute oder Böse, was du gethan hast, und was nicht zu thun dir frei stand, wird mit Recht als Verdienst angerechnet. Und wie nicht nur Derjenige mit Recht gelobt wird, der Böses thun konnte, und es nicht that, sondern auch Derjenige, der Gutes nicht thun konnte, nnd es doch that, so hat auch Derjenige ein böses Verdienst, der Böses nicht thun konnte, und eS doch gethan hat, gleich Demjenigen, der Gutes hätte thun können, und es nicht that. Wo aber keine Freiheit, da ist auch kein Verdienst. Daher haben die unvernünftigen Geschöpfe keine Verdienste, weil ihnen wie die Ueberlegung so auch die Freiheit mangelt. Sie werden durch Sinnlichkeit getrieben, von der Gewalt beherrscht, von der Lust hingerissen: denn sie haben keine Urtheilskraft, mit der sie sich beurtheilen oder regieren könnten, ja nicht einmal daS Hilfsmittel des Urtheiles, das ist, die Vernunft. Daher kommt es, daß sie nicht gerichtet werden, weil sie nicht urtheilen können. Denn auf welche Weise könnte man von ihnen Rechenschaft fordern, da sie sich selbst nicht Rechenschaft geben können? Diese Gewalt leidet von der Natur der Mensch allein nicht, und daher ist auch er allein unter den Geschöpfen frei. (Wozu also das Geschrei so vieler Menschen in unsern Tagen nach Freiheit, die sie ohnehin schon haben? Ach, der Thicrmensch ruft auS dem Gefängnisse seiner Sinnlichkeit, in daS ihn der Mißbrauch der Freiheit gebracht hat, nach Erlösung, und will doch von einem Erlöser nichts wissen! Unserm Neu- Heidenthum ist der Erlöser kein Licht zur Erleuchtung der Heiden, sondern ein Zeichen des Widerspruches, keine Verherrlichung d es Volkes Israel, sondern ein schmählicher Fall. Man denke nur an das demokratische Leichenbegängnis des Jonas Dörr in Frankfurt, wobei ein Jude daS christliche Kreuz der Bahre voraus trug, und ein Deutschkatholik die Grabrede hielt, und es steht vor uns ein trauriges Bild der innern Zerrissenheit und Charakterlosigkeit unserer an Glauben so armen und an Sittenlosigkeit so reichen Zeit. Bei solchen Erscheinungen möchte man sast Jenen glauben, die da sagen, anno 1353 werde der Antichrist geboren. Seine Vorläufer sind wenigstens schon angekommen.) 207. Verführer. Dem Verführer reicht die Hand, wer sie dem Lehrer zu geben versagt, und 78 wer die Schafe ohne Hirten auf die Weide gehen läßt, ist kein Hirt der Schafe, sondern ein Hirt der Wölfe. 203. Verkleinerung. Jeder, der verkleinert, verräth sich selbst zuerst, daß er leer an Liebe sey. Dann beabsichtiget der Verkleinerer, daß derjenige, den er verkleinert, denen verhaßt und verächtlich werde, bei denen er ihn herabsetzt. Er schlägt also die Liebe in Allen, die seine böse Zunge anhören, und tödtet sie, so viel an ihm ist, in sich selbst vom Grunde aus. Beinahe überall finde ich im Kreise junger Weibspersonen solche, welche die Handlungen einer Braut vorwitzig beobachten, um sie herabzusetzen, nicht um sie nachzuahmen. Das Gute an ihren ältern Mitmenschen ist ihnen zur Pein, durch daS Böse werden sie befrieviget. Du kannst sie mit einander gehen, zusammen kommen und zusammen sitzen sehen, und bald werden sie den spitzigen Zungen zur verabscheuenS- würdigen Ohrenbläserei den Lauf gestatten. Eine verbindet sich mit der andern, und sie kommen kaum zu Athem, so groß ist ihre Begierde zu verkleinern, oder die verkleinernde anzuhören. Sie schließen Freundschaft zur Verleumdung und Ehrabschnei- dung, sie sind einig im Zwietrachtstiften. Sie machen unter sich die friedlichsten Freundschaften, und stimmen in der Bosheit zusammen. Durch die Leidenschaft wird eine solche hassenswerthe Verbindung hergestellt. So machte es einst Herodes und PilatuS, von denen das Evangelium erzählt, daß sie an jenem Tage Freunde wurden, nämlich am Tage des Leidens des Herrn. Der Tod steigt durch unsere Fenster, wenn wir einander mit aufgesperrten Ohren und mit offenem Munde den tödtlichen Becher der Verleumdung und Ehrab- schneidung darzureichen uns beeifern. Meine Seele komme nicht in die Versammlung der Verkleincrer, weil sie der Herr haßt. Ich kann es nicht genau sagen, was verdammlicher sey, zu verleumden, oder den Verleumder anzuhören. Der schlimmste Fuchs ist ein heimlicher Verleumder, aber um nichts besser der feine Schmeichler. Der Weise wird sich vor diesem hüten. 209. Vernunft. Die Seele, welche wünscht, daß Christus durch den Glauben in ihrem Herzen, d. i., in ihr selbst wohne, sehe zn und hüte sich sorgfältig, daß nicht ihre Glieder untereinander uneinig seyen, nämlich die Vernunft, der Wille und das Gedächtniß. ES sey also die Vernunft ohne Irrthum, damit der Wille gut passe. Denn eine solche liebt der Wille. Auch der Wille sey ohne Bosheit, weil einen solchen die Vernunft billigt. Außerdem wenn die Seele sich selbst verurtheilt wegen Bosheit des Willens in dem, was sie durch die Vernunft gutheißt, entsteht innerer Krieg und gefährliche Zwietracht, weil einen solchen Willen die Vernunft immer verspottet, anklagt, richtet, verdammt. Deßwegen sagt der Herr im Evangelium: „Vereinge dich mit deinem Widersacher ohne Zögern, so lange du mit ihm auf.dem Wege bist, damit dich nicht der Widersacher dem Richter übergebe." So sey auch das Gedächtniß ohne Schmutz, damit keine Sünde darin bleibe, die nicht durch aufrichtige Beicht und durch würdige Früchte der Buße getilgt sey. Außerdem haßt der Wille das Gedächtniß, in dem eine Sünde verborgen ist, und die Vernunft verwünscht es. Berichte über Missionen. G e i f e n h e i m. AuS dem Rheingau, 27. Febr. Die Misston in Geisenheim wurde am 25. des Nachmittags geschlossen. Die Zahl der täglichen Zuhörer betrug an Werktagen stets 6000 bis 7000; Sonntags und beim Schlüsse der Mission steigerte sie sich auf mehr als 10,000. Das Urtheil aller Unparteiischen über dieselbe fällt übereinstimmend dahin aus, daß dieselbe etwas Erhabenes und Außerordentliches gewesen sey. Außer allem Zweifel steht es, daß diese zehn Tage, der Buße, der 79 Erbauung, Belehrung und christlichen Betrachtungen gewidmet, einen entscheidenden Einfluß auf die Kräftigung des christlichen Bewußtseyns und der Sittlichkeit haben werden. Ja es sind unS die unermeßlichen Schätze unserer heiligen Kirche, die ewigen Grundwahrheiten des Christenthumes so recht klar enthüllt und in ihrer ernsten Herrlichkeit auf das.Überzeugendste entwickelt worden. Weit entfernt, unserer berufstreuen, würdigen Geistlichkeit zu nahe treten zu wollen, muß eS doch offen zugestanden werden, daß die äußern Umstände bei der Mission, die glänzende Rednergabe der PatreS die freudige, begeisterte Theilnahme der Zuhörer, Geist und Herz für jedes Wort empfänglicher machten, als eö sonst im gewöhnlichen Alltagsleben zu geschehen pflegt. Die guten Folgen der Mission zeigen sich aber auch jetzt schon im bürgerlichen Leben. Langjährige Feindschaften sind gehoben und einer aufrichtigen Nächstenliebe gewichen; — fremdes Eigenthum wird häufig zurückgegeben und das Raisonuiren in Wirths- localen :c., es läßt nach. Ein schon erstarkler Baum sällt schwerlich auf einen Hieb und so wird der Rheingau auch jetzt noch Manches zu wünschen übrig lassen. Wird aber unsere Hoffnung, die Mission im Rheingau oft und bald wiederholt zu sehen, erfüllt, so darf man sich überzeugt halten, daß der Rheingau in moralischer und religiöser Hinsicht seinen alten Ruhm wieder erlangen wird; und ist das einmal erreicht, so wird der gütige Schöpfer und Herr auch den zeillichen Segen unS nicht vorenthalten. — Bei der ganzen Mission ist auch nicht eine einzige absichtliche, böswillige Störung vorgekommen; alle Anwesenden waren ein Herz und eine Seele. Den protestantischen und israelitischen Zuhörern begegnete man allseitig aufö zuvorkommendste, und auch sie verließen nie das Gotteshaus, ohne sichtbar von dem Gehörten ergriffen zu seyn, und der Jsraelit S. S. glaubte, im Herrn Superior wären Salomon und JesaiaS vereinigt. Einen Tadel, der die Mission von gewisser Seite trifft, darf ich jedoch nicht unerwähnt lassen. Es wurde nämlich bei den Vortrügen über die Standespflichten auf's strengste darauf gehalten, daß nur solche Persomn zugelassen wurden, die dem Stande, für den die Predigt gerade gehalten wurde, angehörten. Die Gründe für dieses Verfahren sind jedoch so einleuchtend und für Jeden, der einen klaren Kopf hat, so überzeugend, daß es eine böswillige Tadelsucht verräth, sich hierüber mißbilligend zu äußern. Möge der gütige Gott dem beendeten MissionSwerke den nachhaltigsten und reichsten Segen für Zeit und Ewigkeit schenken! (Rhein. Bl.) Mainz. Von der Nahe, 13. Febr. Ein reges Leben haben wir gegenwärtig hier; in dem kleinen Dorfe Pfasfenschwabcnheim werden im Verlaufe dieser Woche Volksmissionen gehalten, was um so bemerkenswerther ist, da der Ort selbst nur ein Filialdorf und die Kirche simultan ist. Es sind diese Missionen in der That wahre Volksmissionen, denn die Einladung zu denselben geschah lediglich durch daS Volk, das ist durch die katholischen Bewohner von Pfaffenschwabenheim, wie mir das mit Gewißheit versichert wurde, die sowohl den Herren Missionären als auch den zur Aushilfe nothwendigen Geistlichen ans der Nachbarschaft die freundlichste Aufnahme boten. Der Hochwürdigste Herr Bischof Wilhelm Emmanuel wußte aber auch ein so edleS Benehmen seiner Pfaffenschwabenheimer zu würdigen, ordnete nicht nur die Mission an, sondern kam selbst, um die Stelle des einen der Missionäre, deS Herrn Pater Werdenberg, der in Straßburg erkrankte, zu übernehmen. Nachdem an dem ersten Sonntage, theils wegen des Simultangebrauchcs der Kirche, theils auch wegen der sehr regnerischen Witterung, die Kirche nicht sehr stark besucht war, das Wetter jedoch am Montage sich schon zu bessern anfing, und am Dienstage die Erde gefroren, die Witterung am Nachmittage sehr schön geworden, der Hochwürdigste Herr Bischof auch bereits am Montage Abends angekommen war, hatten sich die Besucher der Mission schon bis zu 5000—6000 vermehrt, so daß die große ehemalige Klosterkirche, welche, wenn sie, das Chor mitgerechnet, gedrängt voll ist, gegen 80 8000 Menschen nach ihrem Flächeninhalte fassen kann, bereits so angefüllt war, daß bis zum Portale Kopf an Kopf stand. Es läßt sich leicht denken, daß cS auch hier nicht ohne Neckereien abgeht. So wurde schon Montags erzählt: zwei Personen, nicht katholisch, Mann und Frau seyen des NachtS von Räubern überfallen und jämmerlich zerschlagen worden, und daS habe Niemand Anders gethan, als — die Jesuiten, oder sie haben eS wenigstens thun lassen. Dieser Mann und diese Frau sind nun allerdings jämmerlich zerschlagen worden, aber, wie man sagt, von — ihrem eigenen Sohne, der in die Stube einbrach, der Mutter die eine Hand entzweischlug, dem Vater den Kops u. s. w. verwundete und sich dann aus dem Staube machte. Während am Dienstage über daS schändlichste Laster der gegenwärtigen Zeit und die schönste Tugend unserer deutschen Voreltern gepredigt wurde, ertönte ein gellender Pfiff in die Kirche hinein, und mehrere edle Zuhörer der Predigt bliesen fortwährend aus Tabakspfeifen dicke Rauchwolken ihren Nachbarn ins Gesicht. Auch hielt der Hochwürdigstc Bischof eine ergreifende Anrede an die in der Kirche versammelte Schuljugend der Umgegend. Heute fiel keine derartige Unart mehr vor. Möge der Erfolg dieser Misston von dem Segen Gottes eben so gekrönt werden, wie anderwärts! (Rhein. Bl.) _ Der Kirchenfurst in der Hütte der Armuth. Eineö Tages fuhr ein herrschaftlicher Wagen einen Berg in N. hinauf. Oben stand eine ärmliche Bauernhütte, ringsum gestützt, daß sie nicht zusammenstürze. Vor der Hütte spielten drei mit Lumpen bedeckte Kinder, deren Gesichter von Hunger und Entbehrung zwar gebleicht, doch in unschuldiger Freude lächelten. Der Fremde im Wagen ließ stille halten und stieg aus. Wie einst der göttliche Kinderfreund, begrüßt er freundlich die Kleinen und begehrte von ihnen in die Hütte geführt zu werden. Die Kinder, welche, wie Kinder überhaupt, bald merkten, wer sie lieb habe, faßten Zutrauen zu dem fremden Herrn und hüpften freudig vor ihm her, ins Stübchen hinein, wo der Großvater, ein blinder Greis, allein saß und die eben gesottenen Kartoffeln, seine und seiner Enkel einzige Mittagskost, bedächtig befühlte, ob sie wohl schon genießbar seyen. Mit freundlicher Stimme, die zu Herzen ging, fragte der Fremde den Alten um seine Umstände und erfuhr, daß der Greis und die übrigen Bewohner dieser Hütte sehr dürftig leben mußten. Aber wie getraut ihr euch, fragte er weiter, in dieser so baufälligen Hütte, die alle Tage einzustürzen droht, zu leben? Ach, entgegnete der Greis, es würde zwar nur 80 fl. kosten, sie wieder herzustellen; aber woher so viel Geld nehmen, da daö Essen schon so theuer zu stehen kommt? Der Fremde tröstete den Greis, ermunterte ihn zum Vertrauen auf den „Vater unser, der Du bist im Himmel" und steckte ihm ein Papier in die Hand, mit der, Mahnung, es wohl zu verwahren, bis die Eltern der Kleinen, die bei der Feldarbeit dienten, nach Hause kämen. Er ließ auch kalte Küche aus seinem Wagen hereintragen und speiste vie hungernden Kindlein und den armen Großvater. Nach der Mahlzeit, wobei sowohl der Mund der Kleinen, um die gar so guten Bissen zu verspeisen, als auch ihre Augen, um den schönen, großen, so lieben Mann mit dem blinkenden Riug am Finger zu betrachten, genug zu thun hatten, segnete dieser Groß» Vater und Enkelchen und fuhr von dannen. Abends, als die Eltern von der Arbeit heimkehrten, sprangen die Kleinen ihnen munter entgegen und plauderten, wie gut sie heut gegessen, wie ein großer, schöner, fremder Herr dagewesen, der daS Essen mitgebracht und dem Großvater habe er ein Papier gegeben; sie hätten eS aber nicht nehmen und sehen dürfen! Neugierig eilte man in die Hütte und das geheimnißvolle Papier war eine UZV fl. Banknote! Wie waren die armen Leute so glücklich und segneten den großen, schönen, fremden Herrn und seine Barmherzigkeit! Und dieser Herr? Aus der Beschreibung der Kinder und aus Nachfragen auf der nächsten Station ergab sich endlich, daß der mitleidige Vater der Armen kein Anderer war, als der hochwürdigste Cardinal Melchior. (NegenSburger Zeitung 1347.) Die Nutzanwendung können sich die Leser, vorzüglich die großen Herren, selber machen/ (Schl. K. BI.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VcrlagS-Jnhahcr: F. C. Kremer.