Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Aygsburger poiiMung. 23. März 12. ^851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprcis kr., wofür es durch alle königl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Hirtenbriefe deutscher Bischöfe. Vom hochwürdigsten Bischöfe von Trier. „Mit Deiner immer wachenden Güte sey Du, o Herr, der treue Hüter Deiner Familie, damit sie, weil sich ihre Hoffnung auf Deine himmlische Gnade allein stützet, nun auch unter Deinem Schutze stete Sicherheit finde!" Also flehet die heilige Kirche an dem heutigen Tage zu Gott um Schutz und Erbarmen für die ganze große Familie der Gläubigen hienieden und dieses ihr Gebet selbst ist eine ernste Mahnung au jede einzelne Familie, sich täglich dem Schutze Gottes zu empfehlen, und einzig von Seiner Gnade und von Seinem Segen alles Glück oeS Lebeus zu erwarte». Und wahrlich, es thut Noth in unsern Tagen, auf diese Mahnung der Kirche zu horchen, wo die gegründetsten Klagen immer lauter und allgemeiner sich vernehmen lassen. Woher die traurige Zerrüttung des Hauswesens, der Verfall so vieler Familien, die Klagen über unglücklichen Ehestand, über mißrathene Kinder, über Noth und Elend aller Art, über täglichen Unfrieden im Hause? Das Alles rührt zum großen Theile daher, daß man deS Herrn, seines Gottes vergessen, daß man den lebendigen Glauben an Ihn und den Gehorsam gegen Seinen heiligen Willen verlassen hat. Denn nur durch Gottesfurcht kann eine christliche Familie eine glückliche und gesegnete werden und bleiben; sie allein lehrt die Eheleute in Liebe und Treue leben und sich wechselseitig heiligen; sie auch allein gibt Weisheit und Kraft, die Kinder recht zu erziehen, der Familie vorzustehen und alles Widerwärtige in diesem Leben standhaft und gottvertraucnd zu ertragen. Treffend entwirft ein Schriftsteller der ersten Jahrhunderte das Bild einer solchen christlichen Ehe und Haushaltung: „Zwei Gläubige, verbunden zu einer Hoffnung, zu gleichem Dienste. Sie sind in Wahrheit zwei in einem Fleische, ein Leib und ein Geist. Gemeinschaftlich ist ihr Gebet, gemeinschaftlich ihr Fasten; sie belehren, ermähnen und unterstützen sich wechselseitig. Miteinander sind sie in der Kirche Gottes, miteinander am Tische des Herrn, vereint in Nöthen, in Leid und Freude. Sie verhehlen einander nichts, und keiner ist dem Andern beschwerlich. Frei besuchen sie die Kranken, Pflegen die Armen, geben Almosen ohne Zwang. Ohne Zwang besuchen sie das heilige Opfer, üben die tägliche Andacht ohne Hinderniß und oft bezeichnen sie sich mit dem Kreuze und unter ihnen verstummt das Tischgebet nicht; wetteifernd singen sie Psalmen und Lobgesänge. Solches schauet und höret Christus und freuet sich; solchen sendet Er Seinen Geist. Wo Zwei sind,.da ist auch Er, und wo Er ist, da ist nicht der Arge" (IsrtuII. 1. 2. sä uxor.). Das ist die heilige Lebens- und Liebesgemeinschaft in Christo, durch die Religion geläutert und geheiligt, getragen von gegenseitiger Achtung, Treue und milder Nachficht, und darum dauerhaft und wohlgefällig vor Gott. » 90 Der Mann ist deS Haupt des Weibes, wie Christus das Haupt Seiner Kirche ist, die Er geliebt und für die Er Sich hingegeben hat, um sie zu heiligen. Und wie die Kirche Christo unterworfen ist, so auch ist das Weib dem Manne unterlhänig, wie dem Herrn (Ephes. 5, 32—26). Der Hausvater ist Christi Stellvertreter in der Familie und sein Wahlspruch ist mit dem Gerechten des alten Bundes: „Ich und meine Söhne und meine Brüder, wir wollen dem Gesetze unserer Väter gehorchen." (1. Macchab. 2, 19). Mitten unter dem Götzendienste der Eitelkeit, der Habsucht und der Weltlust, der in so vielen Familien die wahre Gottesverehrung nicht aufkommen läßt, pflanzt «r die Fahne Jesu Christi auf, zu welcher er geschworen, und bekennt Ihn laut vor den Menschen, und betrachtet sich als Hüter und Wächter unsterblicher Seelen, die er für Christus und für daS ewige Leben heranzuziehen und zu bewahren hat. Und in gleichem Geiste wirkt im Innern des Hauses die Mutter in Liebe und Sorgfalt, mit ganzer Seele hält sie ihren hohen Beruf erfaßt, durch Milde und Ernst die zarten Herzen ihrer Kinder zu bilden und sie vor Allem zur Gottseligkeit anzuleiten. Wie jede Kunst frühe gelernt werden muß, so besonders die höchste Kunst und Wissenschaft, fromm zu leben und selig zu sterben. Darum empfängt das Kind aus dem Munde der Mutter die ersten Eindrücke der göttlichen Lehre; auf ihrem Schooße lernt es schon den Vater im Himmel kennen und den Er gesandt hat, Jesum Christum, und mit stammelnder Zunge Seinen hochheiligen Namen anrufen. Und diese religiösen Eindrücke prägen sich meist für daö ganze Leben unauslöschlich dem kindlichen Herzen ein. So konnte der heilige Augustin, den seine Mutter frühe mit dem Kreuze bezeichnet und den Namen Jesus aussprechen gelehrt hatte, später lange Zeit keinen Geschmack an heidnischen Schriften finden, weil dieser Name nicht darin vorkam. Und ein frommer und gelehrter Mann unseres Jahrhunderts spricht im hohen Alter noch voll Dank und Rührung: „Ewig bleib' ich Dein Schuldner, geliebte Mutter! So oft mir Dein Blick, Deine Gebehrde, Dein stilles Wandeln vor Gott, Dein Leiden, Dein Schweigen, Dein Geben und Arbeiten, Deine segnende Hand, Dein stilles, stetes Gebet vor Augen trat, von den frühesten Jahren an ward das ewige Leben, das Gefühl der Religion mir gleichsam neu eingeboren, und dieses Gefühl konnte nachher kein Begriff, kein Zweifel, kein Reiz, kein entgegengesetztes Beispiel, kein Leiden, kein Druck, selbst keine Sünde todten. (Sailer.) Der Mutter erste Sorge ist, dasz die Kinder Gott recht erkennen, recht lieben lernen, und da sie selbst mit aller Lehre und Ermahnung uicht ausreicht, so übergibt sie dieselben frühe in die mütterliche Hand der Kirche, damit sie am Busen dieser heiligen Mutter zur Frömmigkeit herangebildet werden und auf dem Pfade des Glaubens ihre wankenden Schritte befestigen. Ist eS doch die Kirche, welche von Oben den Geist der Weisheit empfangen hat, zur Erleuchtung und wahren Bildung des Menschengeschlechts. Unsere Mutter, die Kirche, hat Milch sür die Kleinen und kräftigere Speise für die Starken. Sie führt die einen an der Hand, die andern trägt sie liebevoll auf den Armen, und für Alle hat sie heilsame Zucht und Lehre, Milde und Ernst, Ermahnung, Beispiel und Trost. Groß und heilig ist das Werk der Erziehung, und eS kann nur gelingen, wenn das HauS, die Kirche und die Schule in voller Eintracht daran arbeiten. Keine Menschcnweisheit wird ausreichen, wenn nicht Religion und Gottesfurcht mit den Kindern aufwächst und groß wird lind sie durch das Leben begleitet. Erziehet eure Kinder in der Lehre und Zucht des Herrn (Ephes. 4, 6), mahnt ernstlich der Apostel- Alles andere Wissen ohne die Wissenschaft des ewigen Heils ist wie Spreu zu achten, und darum werden gotteSfürchtige Eltern vor Allem gewissenhaft darauf sehen, daß ihre Kinder den nothwendigen Unterricht in dem Höchsten und Wichtigsten, in der Lehre des Herrn nicht versäumen, welche allein den Weg zur Wahrheit, zum Frieden und zur ewigen Seligkeit- zeigen kann. Mit der Lehre aber verbinden sie auch die Zucht des Herrn, die den Geist des Kindes zur Demuth und seinen Willen zum Gehorsam bildet, seine schlimmen Ange- » 91 Wohnungen zügclt, seine Leidenschaften und Begierden beherrschen lehrt und dasselbe von jedem Unrechte und jeder Lieblosigkeit und von allem Unanständigen fern hält. Die Gottesfurcht ist für die Eltern selbst die Quelle wahrer Erziehungsrveisc. — Aus ihr müssen sie schöpfen die rechte Anwendung von Milde und Ernst, das rechte Maaß im Lehren und Strafen, die rechte Geduld und Mäßigung, die rechte Wachsamkeit und die nothwendige Abwehr des gefährlichen Umgangs uuv der mannigfachen Fallstricke der Verführung und des Verderbens, das im Finstern schleicht. Die Gottesfurcht allein auch lehrt die Eltern einsehen, wie keine Erziehung gedeihen kann, wie alles Lebren und Ermähnen, alles Hüten und Wachen vergeblich ist, wenn nicht die Eltern durch das eigene Beispiel, welches stärker und mächtiger als alle Worte wirkt, den Kindern ein leuchtendes Vorbild sind der Frömmigkeit und des treuen Wandels vor Gott. Betrachtet nur eine solche christliche Familie in ihrem häuslichen Leben. Da ist vas Haus eine Kirche, wo Gottes Wort hoch in Ehren gehalten wird, als das Licht auf dem dunkeln Lebenswege, als das Brod des Lebens, als fester Stab und mächtiger Schild in Noth und Versuchung. Es ist ein solches Haus eine Kirche, worin viel gebetet wird, worin die geringste Gabe alle Glieder der Familie zum Danke gegen Den vereint, Dessen Gnade wir unausgesetzt bedürfen, und ohne welche wir nichts für unser ewiges Heil zu thun im Stande sind, ja ohne welche selbst unsere Mühen und Arbeiten für dieses Leben nicht gedeihen können. Durch Gebet wird in einer solchen Familie die Arbeit geheiligt und wird zum Gottesdienste, indem Jeder freudig und im Hinblicke auf Gott seine Berufspflicht erfüllt, wohl wissend, daß es Keinem in Gottes großer Haushaltung gestattet ist, müßig zu gehen, und daß, wer nicht arbeiten will, auch nicht zu esse» verdient. Aber über den Sorgen und den Arbeiten für das tägliche Brod und inmitten der pflichtgemäßen zeitlichen Geschäfte wird nimmer das erste und wichtigste aller Geschäfte vergessen: Suchet zuerst d,as Reich GotteS und seine Gerechtigkeit! (Matthäus 6, 33.) Und wo vor Allem nach dem Reiche Gottes und nicht vorerst nach den Gütern viescr Welt gestrebt wird, da schlägt, selbst bei geringem zeitlichen Segen, Ruhe und Zufriedenheit ihre» Sitz auf; denn ein sicherer Schatz ist da für immer geborgen — Gottseligkeit mit Genügsamkeit (1. Timoth. 6, 6). Und mit diesem himmlischen Schatze ist noch ein anderes unbeschreiblich großes Gut unzertrennlich verbunden, nämlich vas christliche Mitleid und die Barmherzigkeit mit den Armen und Bedrängten. Der Arme hilft dem Armen am liebsten, und was in großen und reichen Häusern oft nicht gefunden wird, das findet sich in einer armen Hütte — zwei Schwestern, die eine heißt: Gebet, die andere: Es wird Euch gegeben (Luc. 6, 38). Unter solchem Beispiel nun blühen die Kinder heran in Unschuld und Frieden Gottes, und die heiligen Engel halten Wache über sie. Und wer sie sieht in dem Tempel, am Tische des Herrn, geziert mit heiterer Jugeudschöne, geschmückt mit Bescheidenheit und Schamhaftigkeit, der preiset Gott und fühlt sich gedrungen, auszurufen: Wie schön ist ein keusches Geschlecht, unsterblich ist sein Andenken. Bei Gott und den Menschen ist es geehrt (Weish. 4, 1). Wahrlich, diese Jünglinge, diese Jungfrauen sind durch Gehorsam und Treue der Eltern Trost und Freude, sie sind im Alter durch Liebe und Dankbarkeit ihre Stütze. Und was der Priester beim Brautsegen den Eltern verkündet, das hat sich durch GotteS Gnade und Erbarmung erfüllet: Siehe, also wird der Mann gesegnet, der den Herrn fürchtet! Die Arbeit deiner Hände wirst du genießen; selig bist du und glücklich. Deine Kinder sind wie Oel- bäumchen um deinen Tisch her. Gott segne dich von Sion aus und lasse dich schauen Jerusalems Heil alle Tage deines Lebens! (Ps. 127.) . An dem gottseligen Beispiele einer solchen christlichen Familie erbauen sich Alle, die mit derselben in Berührung kommen; eS ist ein leuchtendes und erwärmendes Licht sür alle Hausgenossen. In solcher Umgebung finden wir heilige Dienstboten, die GotteS Segen herbeiführen und bewahren helfen. Denn nicht nur wird bei der Wahl derselben auf die Tugend, als aus die vorzüglichste Eigenschaft eines guten Dienstboten, 92 die erste Rücksicht genommen, sondern sie gelten auch in der Familie als Miterlösetc, als Brüder und Schwestern in Christo und sind geachtet und geliebt von allen Gliedern der Familie; nicht nur wird Sorge getragen für gerechte und dillige Behandlung derselben in zeitlichen Dingen, sondern sie finden auch an dem Hausherrn einen Vater, der für ihr ewiges Heil wachet nnd sorget, und an der Hausfrau eine Mutter, die liebevoll in jeder Noth und Gefahr ihnen hilfreich zur Seite steht. Darum dienen sie auch gern und gehorchen mit aufrichtigem Herzen in Christo, nicht etwa bloß als Augendiener, um den Menschen zu gefallen, sondern als Diener Christi, die den Willen Gottes von Herzen thun, wohl wissend, daß Jeder sür daS Gute, das er thut, vom Herrn belohnt wird (Koloss. 3, 22—26). Man darf aber ja nicht wähnen, eö müsse eine so durch Religion und Gottesfurcht beglückte Familie ohne häusliches Leiden und Kreuz seyn. Mit dem menschlichen Leben und mit dem christlichen vor Allem sind harte Prüfungen und Leideu unzertrennlich verbunden; doch im vertrauenden Aufblicke zu Gott, der sie auf diesem Wege läutern und für den Himmel vorbereiten will, erträgt die christliche Familie Alles in Liebe und Geduld, und beflissen, die Einigkeit deS Geistes zu erhalten durch daS Band des Friedens (Koloss. 3, 12—13). Eben die gottesfürchtigcn Familien werden oft besonders schwer vom Herrn heimgesucht; denn also pflegt der himmlische Vater die Gerechten durch Leiden zu prüfen, zu reinigen, in der Tugend zu befestigen nnv zur Vollkommenheit zu führen, wie wir eS in dem Hause des frommen Dulders Hiob und deS gerechten Tobias sehen. ES kommt Armuth und schwere Sorge für daS Auskommen, aber der Gerechte hat mit Pauluö gelernt, sich mit dem, was er hat, zu begnügen, und weiß sich in Demüthigung und Ueberfluß zu schicken (Phil. 4, 11—12). Er wirft seine Sorgen auf den Herrn, der wird für ihn sorgen (I.Petr. 5, 7), und selbst beim Verluste aller irdischen Güter spricht er unbeirrt in seinem Glauben und Gottvertrauen mit dem Hartgcprüsten des alten Bundes: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat eS genommen, der Name des Herrn sey gepriesen!" (Hiob 1, 21.) Es kommt Verlust der lieben Angehörigen: „Wie eö der Wille im Himmel ist, so soll es geschehen!" (I.Macchab. 3, 6V.) Es kommt Krankheit und harte Bedrängnis; von Seite böser Menschen; aber der Gottesfürchtigc verzagt nicht, denn er weiß, daß wir durch viele Trübsale in daS Reich Gottes eingehen müssen, daß Alle, welche in Christo ein gottseliges Leben führen wollen, Verfolgung zu leiden haben, daß Denen, die Gott lieben, Alles zum Besten gereicht. Und darum auch hebt er, gestützt auf seinen Glauben und geleitet von seiner Gottesfurcht, unter den harten Schlägen, die ihn treffen, vertrauensvoll seinen Blick nach oben und tröstet sich mit deik Apostel Paulus: „Allenthalben leiden wir Trübsal, aber wir werden nicht beängstigt; wir gerathen in Noth, aber wir kommen nicht um. Wir werden verfolgt, aber nicht verlassen; wir werden niedergeworfen, aber wir gehen nicht zu Grunde" (2. Kor. 4, 8—1V). Wie herrlich bestätigt sich hiernach in dem Leben der christlichen Familie die Wahrheit der apostolischen Lehre: „Die Frömmigkeit ist zu allen Dingen nützlich; denn sie hat die Verheißung dieses und des zukünftigen LebenS" (1. Timoth. 4, 8), Deutlicher noch werden wir aber diese Wahrheit einschen, wenn wir den Zustand eines Hauses betrachten, in welchem Glauben und Gottesfurcht wenig gelten oder wo überhaupt diese Grundlagen deS zeitlichen und ewigen Heiles fehlen. Wie wird es bei der Schwachheit und Unbeständigkeit deS menschlichen Herzens, bei der Verschiedenheit der Charaktere, Neigungen und Gewohnheiten ohne tiefgegründete Religiosität und Gottesfurcht möglich seyn, auf die Dauer jene Liebe und Treue, jene heil. Liebesgemeinschast zu bewahren, welche auf Christus gegründet seyn und in Ihm Krast und Bestand gewinnen muß, zur wechselseitigen Heiligung und zur treuen Erfüllung der großen und ernsten Pflichten des ehelichen Standes? Wo der Gott der Liebe und des Friedens nicht im Hause herrscht, da werden bald Unfriede, Abneigung, Eifersucht und bittere Zwietracht um die Herrschast streiten, und statt des Ertragens, des VcrzeihenS und der Aufopferung im Hinblicke auf Gottes heiliges Gesetz zeigt die Geschichte deS Tageö nichts als traurige 93 Zerwürfnisse, Trennungen und Aergernisse aller Art — Ehen, ohne Gott geschlossen und darum in jeder Beziehung höchst unglücklich. Aber selbst da, wo solche betrübende Erschein nungen nicht offenkundig werden, wie trostlos ist es um ein HauS bestellt, wo man den Namen GotteS nicht täglich in kindlicher Ehrfurcht anrnft, wo man aufsteht und schlafen geht ohne Gebet zu dem Herrn des Lebens, wo man ißt und trinkt ohne einen dankbaren Ausblick zum Geber aller guten Gaben, oder wo solches zwar geschieht, aber ohne Geist und Leben, ohne Glauben und Liebe, ohne tiefes Gefühl des eigenen Elends und der gänzlichen Hilflosigkeit: wo Alles bloß Sache der Gewohnheit und Gedankenlosigkeit ist? Das ist denn auch der Grund, weßhalb es in manchem Hause mit der Erziehung der Kinder nicht glücken will, und weßhalb trotz der sorgfältigsten Leistungen der Schule, trotz des vielen Lernens und Unterrichtens das Ergebniß oft so kläglich ausfällt. Eö mangeln die drei wesentlichen Bedingungen zur wahren Erziehung: das Beispiel der Gottesfurcht, die Lehre der Gottesfurcht, die Uebung der Gottesfurcht. Wie werdet ihr die Kinder mit Erfolg zur Tugend und Religiosität heranbilden können, wenn ihr selber ihnen darin nicht vorleuchtet, wenn euer Wandel nicht, kräftiger als alle Worte, ihnen die Liebe GotteS, den Gehorsam gegen sein heiliges Gesetz prediget und Abscheu gegen die Sünde einflößet? Wie wird das Evangelium Jesu Christi, diese Gotleskraft zur Heiligung und Bcseligung Aller, die daran glauben, Wurzel schlagen und Frucht bringen, wenn eS nicht frühe in das unverdorbene und empfängliche Herz des Kindcö gepflanzt und sorglich gepflegt wird? Wie wird daS Wort des Lebenö, wie cS die Kirche verkündet, die Seele der Erziehung bilden können, wenn eS im Hause nicht wicdcrklingt, wenn gar im Hause das gerade Gegentheil gelehrt und gethan wird, wenn die Bücher, welche die häusliche Lesung darbieten, die Gespräche, welche ihr führet, so wie der tägliche Umgang Zweifel, Unglauben und Unsittlichkeit begünstigen? Wenn Niemand im Hause darüber wachet, daß die Kinder und Dienstboten gewissenhaft dem christlichen Unterricht beiwohnen? Religion und Gottesfurcht sind nicht Worte und Begriffe für den kalten Verstand allein, sondern sie sinv vor Allem Sache des Herzens, des Lebens. „Der Gerechte lebt auS dem Glauben" (Habak. Z, 4). Wie sollte aber daS ein Leben auS dem Glauben seyn, wenn nicht alle Glieder der Familie ihren Glauben öffentlich, wie im stillen häuslichen Kreise bekennen, wenn nicht gemeinsames Gebet und Hausandachten, nicht der öftere Empfang der hl. Sacramente und Befolgung der Gebote Gottes und der Kirche den Beweis liefern, daß man Gott über Alles verehrt uud liebt? Da mag viel vorgepredigt, viel gewarnt und Alles gethan werden, um den Kindern eine angemessene Erziehung zu gebe», um sie in der Welt emporzubringen; da mag man alle möglichen Kenntnisse ihnen beibringen, nur nicht die Erkenntniß der ewigen Wahrheit, nicht die Erkenntniß ihrer selbst; Fertigkeiten aller Art in Kunst und Gewerbe, aber keine Fertigkeit, keine Uebung in Dem, was gottgefällig macht, was der Seele Frieden bringt, was die Macht der Leidenschaften zügelt und das jugendliche Alter vor Unordnung und Sünde schützt. Wohl wachen da der Wächter viele, aber umsonst, wenn das Auge dessen, der Israel hütet, nicht die Jugend bewacht, wenn das heilige Gesetz des Herrn nicht die Leuchte ist auf dem dunkeln gefahrvollen Wege durch das Leben. Ach, wie viel reichbegabte und edle Seelen sind eben deßhalb, weil die Gottesfurcht ihnen nicht als das Erste und Höchste nahe gelegt wurde, so frühe schon auf Abwege gerathen, sind um die Ruhe dcS Gewissens gekommen und haben am Glauben Schiffbrnch gelitten! Allerdings hören wir viel Rühmens von der Höhe der Bildung, auf welcher wir stehen, wir prunken mit dem Scheine von Aufklärung und Anstand, aber hinter dieser glänzenden Außenseite gewahrt das scharfblickende Auge oft eine trostlose Oede, grausen- hafle Verwilderung und Verwesung im Innern — junge Leute beiderlei Geschlechts voller Anmaßung uud Dreistigkeit in der Gesellschaft, kein Gebot achtend, keine Regel kennend, als ihren Eigensinn und ihre verkehrte Lust, früh vertraut mit Dingen, von denen ihr Alter noch nichts wissen sollte, frech sich rühmend ihres Trotzes und ihrer Ungebundenheit: Das ist die Frucht einer Erziehung ohne Religion und Gottesfurcht. 94 Dazu wird bei solcher Erziehung die ernste Mahnung des Herrn: „Suchet zuerst vaS Reich Gottes und seine Gerechtigkeit" (Match. 6, 33) ganz außer Acht gelassen Alles Sinnen und Trachten des Herzens, alle Wünsche und Sorgen bewegen sich in dem niedrigen Kreise der täglichen Bedürfnisse, des Erwerbens und Genießens der vergänglichen Güter. Dagegen wird alle Zeit, welche den Angelegenheiten deS ewigen Seelenheils gewidmet wird, für verloren geachtet. Man fürchtet sich, wie der heilige Augustin sagt, das Zeitliche zu verlieren, und denkt nicht an das ewige Leben, und so verliert man beides. Mit eigener Klugheit und mit eigenem Fleiße will man Alles ausrichten, und siehe, es gelingt nicht, es gedeiht nicht, weil Gott nicht dabei ist, weil sein Segen nicht gesucht wird. Vergebens steht man früh auf und legt sich spät nieder zur Ruhe und ißt sein Schmerzenbrod, wenn der Herr nicht mitwirkt (Ps. 126, 2). Gott theilt nach seiner ewigen Weisheit und nach unerforschlichem Rathschlusse seine Gaben auS und Niemand darf mit Ihm rechten und fragen: Warum thust Du also? Aber von deS Menschen Willen allein hängt cS ab, beides zum Quell des Segens zu machen und sein ewiges Heil zu wirken, sey es im Wohlstand, sey eö in oer Dürftigkeit. Der gottessürchlige Reiche hängt sein Herz nicht an die vergänglichen Güter, er betrachtet- sich mir als den Verwalter des himmlischen Hausvaters, der bestellt ist, wohlzuthun und Segen zu spenden, und mit dem trüglichen Reichthum« sich Freunde zu verschaffen, die ihn am Tage, wo er alles Irdische verlassen muß, in die ewigen Hütten aufnehmen. Ist aber die Gottesfurcht nicht seine Führerin, siehe, so vergißt er die Rechenschaft, die er über die Verwendung seines Vermögens abzulegen hat; er wird übermüthig, setzt sein Vertrauen nicht auf den lebendigen Gott, sondern auf den Mammon, dem er dient. Er vergißt des Herrn, seines Gottes, dem er Alles zu verdanken hat, wird übermüthig und aufgeblasen und begegnet mit Stolz und Härte dem Armen und Niedrigen. Oder er mißbraucht die Gaben Gottes zu einem schwelgerischen und sündhaften Leben, zum eigenen Verderben und zum Unglücke vieler Andern. Bezeichnend schildert diesen Uebermuth der Psalmist, wenn er sagt: „Von menschlichem Ungemach erfahren sie nichts, die irdischen Heimsuchungen kennen sie nicht. Darnm übermannt sie der Stolz, sie sind von Unrecht und Bosheit überdeckt. Wie aus Fett quillt ihre Sünde hervor, sie thun nach ihres Herzens Gelüsten, denken und sprechen Sündhaftes, reden Lästerungen von der Höhe herab" (Pf. 72, 4—9). Aber falsch ist diese Ruhe, und scheinbar dieses Glück. Denn wie könnte das ein glückliches Leben seyn, wo die Hoffart täglich aufblähet, wo die Wurzel alles Bösen, die Habsucht, in zahllose Sorgen, Ungerechtigkeiten und lieblose Handlungen verwickelt? wo Ueppigkeit und Wollust die Seele verweichlichen und ein Feuer entzünden, das hinabbrenut bis in die Tiefe der Hölle? Daher läßt Gott alltäglich in Erfüllung gehen, was an den Uebermüthigen in grauer Vorzeit als warnendes Beispiel aufgestellt ist, „Ihre Missethat war: Ucbermuth, Sättigung an Brod und Ueberfluß und ihre und ihrer Töchter sorgenlose Ruhe; sie reichten dem Armen und dem Dürftigen nicht die Hand, sondern sie erhoben sich und übten Gräuelthaten vor mir: Darum raffle ich sie hinweg", spricht der Herr (Ezcch. 16, 49. 5V). Und wenn auch nicht überall der Wohlstand deS Gottvergessenen wie Spreu vor dem Winde verfliegt, und wenn auch nicht, waö so oft geschieht, ungeralhcne Kinder, in Müßiggang und Weichlichkeit erzogen, denselben als zweischneidiges Schwert zu ihrem zeitlichen und ewigen Verderben mißbrauchen; es kommt bald der Tag, da der Herr richten wird den Armen und den Reichen, den Gerechten und den Gottlosen: Dann wird die Zeit seyn aller Sachen, aller Händel und aller Werke (Predig, 3,17), und dann erscheint das reichste HauS arm unv beklagenswert!), wenn es nicht reich ist vor Gott an Werken deS Glaubens und der Liebe.. Betrachten wir nun aher auch einen Armen ohne Gottesfurcht, der nicht gelernt hat, daö Wenige, was Gott gegeben, dankbar aus seiner Hand anzunehmen und weise zu benutzen. Er ist verzagt nnd klcinmüthig und suhlt sich unglücklich in seiner Lage, und eS bcschleicht ihn der Neid über Andere, die seiner Meinung nach es besser haben. „Wie lebt doch der und der so glücklich", spricht Mancher, „wie reich und angesehen ist er!" 95 Schau aber nur auf die ewigen Güter, so wirst Du leicht sehen, daß alles irdische Gut nichtig , sehr unzuverlässig unv mit vielen Mühseligkeiten verbunden ist, und ohne Furcht und Angst nicht besessen werden kann. (Nachfolge Christi 1, 22). Wie manchem Unzufriedenen könnte man mit Recht erwidern: Du bist wahrhaft unglücklich, nicht weil Du arm bist, sondern weil Du nicht auf Gott vertrauest, weil Du, mit dem Unentbehrlichen nicht zufrieden, nach Uebcrflüssigem trachtest. Wie Viele klagen über Gott und die Welt, weil sie das, was für sie und die Ihrigen zum Unterhalte ausreichte, in Unmäßigkeit und Schwelgerei vergeudet. Wie Viele darben und klagen, weil sie in der Jugend ihre Geistes- und Körperkräfte nicht geübt, sich nicht bestrebt haben, ein-stilles Leben zu führen, ihr eigenes Geschäft zu treiben, mit ihren eigenen Händen zu arbeiten, wie eS der Apostel befohlen hat (I.THess. 4, 11); während sie ihre eigene Trägheit und ihr müßiges unthätiges Leben anklagen sollten. Während der gottselige Hausvater für das Geringe, was ihm erübrigt, Gott dankt und mit Vertrauen zu Ihm betet, und -zu seinen Kindern spricht: Wir führen zwar ein armes Leben, aber wir sind reich genug, wenn wir Gott fürchten, vor jeder Sünde fliehen und Gutes thu» (Tob. 4, 23), hören wir in dem Hause, wo Gott vergessen wird, die wildesten Ausbrüche von Verwünschungen und Flüchen über Weib und Kind, und statt des heiligen Gebetes furchtbare Gotteslästerungen. Wie kann der Segen des Ewigen über ein Haus kommen, in welchem Sein Name täglich entheiligt wird? Und was soll ich sagen von der Unredlichkeit, von den Kunstgriffen der Lüge und des Betruges, womit man sich durchzuhelfen sticht? Was von den Beispielen der Unmäßigkeit, von den schändlichen Reden selbst in Gegenwart der unschuldigen Kleinen? Von jener Versunkenheit und Gleichgiltigkeit gegen Gott und Seine heilige Kirche? Und welche Namen verdienen Vater und Mutter, die ihre eigenen Kinder an Leib und Seele verwahrlosen, die da ruhig zusehen oder selbst noch dazu mitwirken, daß sie dem Laster und der Schande sich preisgeben? Siehe, das heißt unglücklich seyn, das heißt schlechte Haushaltung führen: wenn im Hause die Sünde herrscht. Nicht Armuth, nicht Krankheit, nicht Gefahr und Noth machen das Unglück einer christlichen Familie aus, sondern die Gottvergessenheit. Wenn man tausend Sünden begeht, so kümmert man sich darum wenig, wenn aber nur ein kleines Unglück kommt, läßt man den Muth sinken, wird verzagt und des Lebens überdrüssig. Um deßwillen, spricht der heilige Chrysostomus, ist das gegenwärtige Leben voll der Mühseligkeiten und Beschwerden, damit auch die roher gearteten Menschen, die sich ganz an das Zeitliche hängen, mürbe werden, des Zeitlichen und Irdische» entleivet, der Liebe zum Himmel nachtrachten und für den Tag des Gerichtes sich vorbereiten. Weil Viele dem Fleische dienen und, von der Tyrannei des Zeitliche» gefesselt, wie Thiere in ihren Höhlen liegen und sich darin behaglich fühlen, so will Gott durch Unglück diese Neigung auS ihnen ausreißen und hat ihnen deßhalb viel Mühsal, TrauerSorgen, Kämpfe, Gefahren, das ganze Heer der körperlichen Leiden und «sei anderes Ungemach geschickt, auf daß sie, durch diese Wolke von Uebeln erschreckt, in den ruhigen Hafen zu gelangen streben und den ewigen Frieden zu gewinnen trachten, wo nicht Gutes uud Böses vermischt, sondern nur Gutes allein sich findet (B. 12, S. 338). In der Furcht des Herrn, Geliebte, ist einzig Heil und Seligkeit. Sein Auge merkt sorgend auf die Frommen und Sein Ohr ist ans ihr Flehen geneigt; Sein Zornblick aber trifft die Uebelthäter. Kommen auch viele Leiden über die Gereckten, aus allen rettet sie der Herr (Psalm 33. 16—20). Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi sey Mit euch Alle»! Amen (2. Thess. 3, 18). Gegeben zu Trier, am fünften Sonntage nach dem Feste der Erscheinung deS Herrn 1851. 5 W i l h e l m, Bischof. Dr. N. Knopp, Geh. Secretär. 96 Toledo. (Aus einem Pnvatschrciben in der Dentschen Volkshalle.) Es gibt keine Stadt in Spanien, wo die neue Ordnung der Dinge mehr Unheil gestiftet hat, als in dem spanischen Köln, Toledo oder Toledoth, wie die Juden diese Stadt nannten. Nichts als Ruinen. llucxl non teeerunt Lgrbsri, seoerunt Larbsrini, wie die Römer sagen; dieß Sprichwort kann auch auf Toledo angewandt werden. Was die rohe Soldateska eines Napoleon dort verschont hatte, das haben die Freunde des Lichtes und der Aufklärung des 19ten Jahrhunderts dem Erdboden gleich gemacht. Die schönsten Kirchen und Klöster, Denkmäler der Kunst, die der berühmte Pons in seinem VisZe