Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 27. April /G"' K? «851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprcis 4V kr., wofür es durch alle köm'gl, baycr, Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Ueber Pastoralconferenzen. Der Fürstbischof von Seckau und Bislhumsverweser von Leoben, Joseph Othmar, hat unterm 17. März d. I. an den Klerus seiner Diöcesen einen Hirtenbrief in Betreff der Abhaltung von Pastoralconferenzen gerichtet. Wir entnehmen demselben die Eingangsstellen, welche sich im Allgemeinen über Bedeutung und Zweck solcher Konferenzen auösprechen: Der Buchstabe ist bestimmt, der Träger des Gedankens zu seyn; der Gedanke, welchen er uns bringt, kann mächtig seyn, zu erleuchten und zu entflammen und er ist es oft gewesen Allein gewaltiger noch greift das Wort, welches auS dem Herzen zum Herzen tönt, in daö Innerste deS Menschen ein. Darum hat die Kirche, über welcher der Geist der Weisheit schwebt, bei allen ihren Einrichtungen dem lebendigen Worte große Geltung gegeben. Als die Apostel ausgingen, um das Angesicht der Erde zu erneuern, kamen sie nicht mit der heiligen Schrift in der Hanv und sprachen: Leset, liebe Leute, was hier geschrieben steht! Vielmehr blühten schon viele Gemeinden von Gläubigen in der Fülle eines Eifers, von welchem unsere Tage nur vereinzelte Beispiele sehen, bevor ein einziges Buch der heiligen Schrift des neuen Bundes geschrieben war. Als Boten der Gnade, deren begeisterndes Walten auS ihrem ganzen Wesen hervorleuchtete, traten sie vor die Ungläubigen, welche das Joch des Gottesdienstes und des Lasters trugen, und predigten den Auferstandenen in E» weisung des Geistes und der Kraft. Wir besitzen nun die heilige Schrift, in welcher Gott selbst daS Wort seiner Wahrheit uns zum Unterrichte und zur Ermaknung niedergelegt hat. Wir besitzen viele und vortreffliche Werke, in welchen Männer voll himmlischer Erleuchtung DaS, was der Herr sie gelehrt, für ihre Brüder aufbewahr» haben. Die Bücher, einst ein theurer, Wenigen zugänglicher Schatz, sind wohlfeil geworden und die verbreitete Kunst des Lesens hat sie sogar in die bescheidene Wohnung des Landmannes eingeführt. Demungeachtet verordnet die Kirche so lringend wie vor einem Jahrtausenve, daß die christliche Gemeinde sich versammle, um die Verkündigung des Evangeliums zu hören und läßt keineswegs die Entschuldigung gelten, daß man ja auch zu Hause die schönsten Predigten lesen könne: denn „wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, dort bin ich mitten unter ihnen" spricht der Herr. Der Christ soll den Unterricht, welchen daS geschriebene Wort gewähren kann, mit Eifer benutzen, aber er soll deßhalb nicht versäumen, den Samen deS lebendigen Wortes in Mitte der gläubigen Gemeinde in sein Herz aufzunehmen. In demselben Sinne gestaltete die Kirche auch die Einrichtungen, durch welche sie die Lehrer deS Volkes, die Verwalter der Geheimnisse Gottes in ihrem heiligen Berufe zu kräftigen und zu vervollkommnen sucht. Der Priester soll, damit seine äußere Thätigkeit an Segen reich sey, nicht bloß für die äußere Thätigkeit leben; er 13V soll gewohnt seyn, i» sich selbst einzukehren und in der Betrachtung der Wahrheiten, die er Andern zu verkündigen hat, sich dem Throne teS Allerhöchsten zu nähern; er soll aber auch gewohnt seyn, der Vervollständigung jeder Erkenntniß, welche seinem Berufe frommt, eine entsprechende Zeit zu widmen, damit er den Auftrag deS Apostels erfüllen und wie mit Geduld so auch mit Lehrweisheit ausgerüstet ermähnen und predigen könne. ES ist seine Pflicht, in der heiligen Schrift niemals fremd zu werden, sondern in ihren reichen gotterfüllten Sinn immer tiefer einzudringen. ES ist aber auch seine Pflicht, keine Kenntniß gering zu achten, welche ihn leiten kann auf dem Wege, wo er die Verirrten zu suchen und die Schwachen zu stützen hat. Zu Bewahrung und Förderung eines solchen, ächt priesterlichen Strebens kann die Anregung, welche ein Verein von Gleichgesinnten und der Austausch ihrer Ueberzeugungen gewährt, als wirksames Hilfsmittel dienen. Um unter den Priestern eine solche heilbringende Gemeinschaft zu vermitteln, hat der schöpferische Geist, welcher in den katholischen Einrichtungen waltet, Vieles gethan und Vieles begründet. Namentlich rief er zu diesem Zwecke die Zusammenkünfte hervor, welche man Pastoralcon- ferenzen zu nennen pflegt. Die Pastoralconferenzen sind Versammlungen, auf welchen die Seelsorger eincS größeren oder kleineren Bereiches sich vereinigen, um Fragen, welche die Verwaltung der Seelsorge betreffen, gemeinsam zu erwägen. Unstreitig ist es möglich, daß der Einzelne sich im einsamen Gemache mit denselben und vielen andern Dingen auf eine sehr nutzbringende Weise beschäftige. Allein für uns Alle ist es heilsam, daß ein äußerer Antrieb den innern manchmal verstärke und ergänze. Nichts wird so leicht versäumt als Dasjenige, wozu man nicht durch eine vollkommen bestimmte Pflicht gerufen wird. Daß der Priester sich mit dem, was er in den theologischen Studien erlernte, nicht begnügen, daß er die Kenntnisse, welche er dort empfing, nicht bloß bewahren und durch die Erfahrung beleben, sondern auch vervollkommnen und erweitern solle, dieß wird wohl von Niemanden geläugnet. Darum findet man auch, daß eS gut und löblich sey, in diesem Sinne zu handeln und nimmt sich vor, eS zu thun. Aber den Meisten scheint es anlockender und leichter, im äußern Leben zu wirken, alS sich viel mit den stummen Büchern zu beschäftigen und die Gedanken anhaltend zum Erwägen und Studiren zu sammeln. So geschieht es, daß man von der Ausführung deS guten Vorsatzes fast unmerklich abgelenkt wird. Heute ergibt sich dieß, morgen jenes Geschäft; jetzt ist man unwohl, jetzt nicht aufgelegt. Allein nun wird ein Tag für die Pastoralconferenz festgesetzt. Man will nicht ausbleiben, man will aber auch nicht kommen, ohne etwas Gründliches sagen zu können. Man schenkt den vorgelegten Fragen eine Stunde der Erwägung. Man schlägt in diesem oder jenem Buche nach und lieSt dabei auch Vieles, was zu dem Gegenstande in entfernterer Beziehung steht. Bei der Pastoralconferenz selbst vernimmt man daS Ergebniß der Erfahrungen und Forschnngcn Anderer. Der lebenvolle Verkehr wirkt aber nicht nur durch die Mittheilungen, welche man empfängt, sondern auch durch die Anregung der eigenen geistigen Thätigkeit. Der heilige Papst GregoriuS macht hierüber eine merkwürdige Aeußerung, welche er auS dem seltenen Reichthums seiner innern Erfahrung schöpfte: „Häufig, sagt er, geschah eS, daß mir Vieles auS der heiligen Schrift, welches ich, wenn ich allein war, nicht verstand, wenn ich mit meinen Brüdern war, deutlich wurde." Uebcrdieß soll die Pastoralconferenz nicht bloß für Entwicklung und Bereicherung deS Wissens dienen, sondern vor Allem die Gesinnung, in deren Dienste allein daS Wissen Werth hat, ermuntern und kräftigen. Man sagt mit Recht: Beispiele wirken mehr als Worte; aber die Ueberzeugung, für welche das Wort und neben dem Worte das ganze Aeußere zum Ausdrucke dient, ist auch ein Beispiel. Bei einer Pastoralconferenz, wie sie von der Kirche gewünscht und empfohlen wird, entzündet der Hirteneiser deS Einen sich an dem Hirteneifer des An, dern und jeder nimmt Licht oder Wärme als seinen Antheil mit sich nach Hause. Die Pastoralconferenzen haben den Wandel menschlicher Dinge erfahren. Sie begegnen uns schon in frühen Zeiten der Kirche, wenn auch unter verschiedenen Namen 131 und Formen. Im neunten Jahrhunderte standen sie ausgeprägt da und erst als das Mittelaltcr sich zu Ende neigte, schienen sie zu ersterben; allein sie glichen den Keimen, welche in winterlicher Erde ruhen und des Frühlings harren. Der heilige Karl BorromäuS, dessen Eifer für die wahre Reformation der Kirche kein Hilfsmittel der Erneuerung übersah, erweckte auch die Pastoral- (oder Capitel-) Conferenzen zu verjüngter Wirksamkeit; von neuem verbreiteren sie sich in der katholischen Kirche und trugen vielfache Früchte deS Heils. Wieder ermattete der Eifer, auch die Ungunst äußerer Verhältnisse wandte sich wider diese harmlosen Zusammenkünfte und als das achtzehnte Jahrhundert schloß, waren sie fast überall spurlos verschwunden. Allein sie traten sehr bald wieder hervor und fanden in mchrern Ländern Aufnahme und Pflege. In diesem jüngsten Zeitraume ihrer Thätigkeit waren sie nicht aller Orten von dem Geiste beseelt, in welchem sie von den frommen Hirten der Vorzeit gegründet und von dem heiligen Karl erneuert wurden. In einem hartgeprüften Kirchsprengel erkor eine Partei, welche die Lehre, die Verfassung und Disciplin der katholischen Kirche haßt, schon vor Jahrzehnten die Pastoralcvnferenzen zu ihrem Werkzeuge und theilweise gelang es ihr, auf den Pastoralconferenzen zu herrschen. Allein man soll sich nicht scheue«, den Weizen zu säen, weil das Unkraut dazwischen aufsprossen kann. Darum wandte die bischöfliche Versammlung, welche im Mai und Junius 1849 zu Wien gehalten wurde, den Pastoralconferenzen ihre Sorgfalt zu und vereinigte sich zu dem Beschlusse, daß die Wiederherstellung derselben dringend zu empfehlen sey..... Der glaubenslose Priester. -j- Der glaubenslose Priester ist wahrlich ein armer, armer Mensch, und wer einen Solchen zurückbringen könnte zum Glauben, ihn wiedergeben der Würde seines Berufs, deren Gewänder er bloß trägt, der wäre in der That ein großer Wohlthäter! Denkt Euch den glaubenslosen Priester in Gesellschaft, wo schlechte Blätter gelesen ober gelobt werden, und wo man über die Pfaffen, über die „betrogenen Betrüger" loszieht. O du Armer! was wirst du thun? Du wirst ihnen Recht geben im Innern, und da du deines RockeS und Standes nun einmal nicht so leicht los werden kannst, wie sitzest du da in solcher Gesellschaft! Da sitzest du. stumm, weil du dich noch deines GewandeS einigermassen schämtest, wenn du Beifall klatschen wolltest, und du redest nicht, wo du reden, nämlich die Ehre deines Standes und deiner Kirche männlich vertheidigen solltest; so sitzest du da und spielst eine jämmerliche Rolle, du armer, armer Mensch! Und wenn du im Beichlstuhl sitzest und hörst das demüthige Bekenntniß so mancher gläubigen und frommen Seele und schauest hinein in ihr ganzes Leben und verlachst bei dir selbst „die dumme Offenherzigkeit" und kömmt dir selber ganz curios vor, daß du der dummen frommen Seele eine Absolution ertheilen sollst, die du nicht verdienst und an die du nicht glaubst, — und bist „neugierig", was dir wohl dieses und jenes Beichtkind anvertrauen werde, sitzest lauernd im Beichtstuhl, wie die lauernde Spinne im Holzwinkel, um die harmlos heranfliegende Mücke zu fangen; — mit welchem Gefühl magst du wohl oft auö dem Beichtstuhl gehen und in deine entweihte Wohnung zurückkehren, o du armer, armer Mensch! Und am Altare!--Dort, wo du, Heuchler vor Gott und den Menschen, das heiligste aller Geheimnisse feiern sollst an einem Ort, den deine unwürdige Gegenwart entehrt; was fühlst du wohl während der ganzen heiligen Messe? Was fühlst du besonders, du armer, armer Mensch, wenn der Augenblick der heiligen Wandlung kömmt, wenn Hunderte gläubiger Christen, die hinter deinem ehrwürdigen Gewand nicht den unehrwürdigen Heuchler ahnen, voll heißer Andacht, voll inniger Liebe auf die Kniee sinken, — was fühlst du da wohl? Unv waS fühlst du, wenn du, glaubenslos und gewissenlos, bei der heiligen Communion, die du mit äußerlichem Respect 13s celcbrirst und innerlich belächelst oder doch gleichgiltig betrachtest, daran bist, dir den Tod und daS Gericht hincinzuessen, du armer, armer Mensch? Und wenn vu, ein hohler Kürbiß, äußerlich schön bemalt, die Kanzel besteigst; o du Acrmster! Wo sollst du Gedanken, wo heilige Eingebungen, wo fromme Gefühle, wo hinreißende Begeisterung hernehmen? Wo willst du, im Schweiß deines uurvü» digen Angesichts, Worte und Wendungen hernehmen, um „die Dummköpfe da unten", die zu dir mit frommem, heilöbegierigem Blick hinaufschauen und die Kanzel, die. du entehrst, so sehnsüchtig, ehrerbietig betrachten, zu satisfaciren? In welche falsche Begeisterung wirst du dich hineinlügen, welche Glaubens- und Sittenlehren wirst du vorheucheln; wie wirst du dich abmühen, um vor deinem Publicum das Elend deiner GlanbenSIosigkeit zu verberge»? So bist uud bleibst du denn ein armer, armer Mensch, und besonders, wenn dir so recht innige, warme, fromme Serien in den Weg kommen, da muß dir (o sey nur aufrichtig!) denn doch zuweilen seyn, als läge der Donner des Gerichts über deinem Haupte! Ihr, die ihr so unglücklich seyd, glaubenslose Priester zu seyn, wendet Euch nicht ab von diesem Spiegel, in dem ihr euer Bild nur allzu Wohl erkennet, — schaut sie an, diese unerquicklichen Züge, und möge durch die Fürbitte Dessen, an den Ihr nicht glaubt, Eure Seele durch die Gnave Gottes im Innersten erschüttert, Euer Herz bewegt, das Schaamroth auf Eure Wangen getrieben werden, möge Euch ein Strahl der Gnade den fürchterlichen Abgrund beleuchten, an dessen Rand Ihr steht, um, gleich den gefallenen Engeln, hinabzustürzen, anstatt daß Ihr mit Glauben und Reue zurückgekehrt zum Herrn, der so süß »nd lieblich ist, ein englisches Amt, eine wahrhaft königliche Würde verwalten und Euch und Andern zum Heil, zur Rettung, zur heiligen Freude werden könntet! Geschrieben in der Charwoche 1851. C. Eine Mission im Jahre 171«. k. In unsern Tagen, wo die Missionen einen so großen Aufschwung erhielten, dürfte es nicht unwillkommen seyn, die Art und Weise einer Mission darzustellen, wie selbe im Jahre 1716 zu Neuburg a, D> stattfand, und in welcher Gestalt selbe allenthalben um diese Zeit gehalten wurden. Es bildet dieß einen nicht unwichtigen Beitrag zur Sittengeschichte deS 18ten Jahrhunderts. Wir beginnen sogleich mit der Erzählung derselben. Nachdem Churfürst Carl Philipp sowohl als daö hvchwürdige Ordinariat Augeburg das Vorhaben, eine Mission zu Neuburg halten zu dürfen, genehmigt hatten, wurde mit allein Eifer alles hiezu Erforderliche veranstaltet und hergerichtet. Bor Allem wurden die zu diesen christlichen Verrichtungen für die bayerische Provinz bestimmten vier Patres Jesuiten einberufen. Zwei, nämlich Pater Georg Loserer und P. Conrad Herdegen, befanden sich in Düsseldorf, wohin sie auf Verlangen und Kosten der Frau Churfürstin 1714 geschickt weeden mußten, der dritte P. Caspar Rieger war Prediger bei S>. Martin in Landshut, der vierte P. Carl Walliardo Missionär in der Schweiz. Die beiden Erstem kanien den 17. October in Neuburg an, die Andern etwas früher. Hierauf wurde die Mission von den Kanzeln dem Volke verkündet und dasselbe ermähnt, den Predigten und Erercitien fleißig beizuwohnen. Die vornehmsten Einwohner der Stadt, so wie die Geistlichkeit lud man durch eigene Abgeordnete hiezu ein. Letztere sprachen ihren Beifall hiezu aus und boten auch ihren Beistand dazu an. Nun wurde vor dem Rathbause aus einem freien Platze zu den öffentlichen Vorträgen und andern geistlichen Verrichtungen, die dabei gewöhnlich waren, eine eigene Bühne errichtet und der Anfang der Misston auf den 22. October festgesetzt. Schon am Vorabende deS ersten MissionstageS drängte sich Nachmittags 3 Uhr eine ungeheure Menge Volkes in die St. PeterS- Pfarrkirche, um dem Ansang der Mission beizuwohnen. Dieser hatte auf folgende 133 Weise stattgefunden. Der Stadtpfarrer trat mit dem Missionär zum Hochaltare und übergab demselben ein Kreuz, als das Symbol deS vorhabenden heiligen Geschäftes mit einer kurzen Anrede, worin er ihm das Heil der Stadt und der Einwohnerschaft empfahl. Der Missionär empfing dieses heilige Unterpfand mit großer Ehrfurcht und versprach alle seine Kräfte auS Liebe zu dem Gekreuzigten, und dem Seeleuheile deS Volkes zu widmen. Hierauf wurde die erhabene Himmelskönigin um ihren Beistand zu diesem Unternehmen angefleht, und eine Procession angestellt, welcher auch die FranciScaner und barmherzigen Brüder beiwohnten; der Zug begab sich in die Hofoder Jesuitenkirche, wo der Hymnus verii scmetö 8pii'itus gesungen und über den Tert 2. Cor. 5, 20: So sind wir nun Botschafter an Christi Stadt:c. eine Predigt gehalten wurde. Diesem feierlichen Anfange wohnten nicht allein die Bürger, sondern auch alle Hofleute und fürstlichen Räthe und Beamten bei, trotz der übelsten Witterung und heftigen Regens. Während der Procession sangen die Studenten eine in Verse gebrachte deutsche Litanei, die man auch abendS in der Kirche und in den Straßen vernahm. Nachdem die Predigt beendigt, wurde der Segen gegeben und das Bolk entlassen. AbendS 7 Uhr begann die Gewissenserforschung in der Kirche und vor derselben wieder eine kurze Anrede, worin fünf Puncte auseinander gesetzt und jeder derselben den Zuhörern zur Ueberdenkung vorgelegt wurde. — Der folgende, also der erste Missionstag, begann mit einer Predigt, welche schon früh Morgens 6 Uhr über die Absicht der Ausübung guter Werke gehalten und nach derselben eine hierauf bezügliche Formel vorgetragen und von allen Anwesenden mit lauter Stimme nachgesprochen wurde. Nun folgte die heilige Messe ohne Musik, nur als der Priester mit dem Hochwürdigsten den Segen ertheilte, antwortete der Chor. Um 1 Uhr Nachmittags wurden den Mädchen in der Hofkirche, den Knaben in der St. PeterSkirche die vorzüglichsten Glaubenslehren erklärt. Um 2 Uhr führte man aus erstgenannter Kirche die Mädchen und die Frauen, aus der andern die Männer mit den Knaben in schönster' Ordnung zum MissionSplatz. Hier bielt ein Pater wieder eine Anrede über das Thema: „was zur Besserung unseres Lebenwan- delS erfordert werde." Nach geendigter Rede wurde aus der Kirche das Hochwürdigste unter Begleitung des Adels und der Vornehmsten der Stadt getragen und auf einen eigens dazu errichteten Altar der öffentlichen Verehrung ausgesetzt. Bevor der Priester dem Volke den Segen damit gab, forderte einer der Missionäre, angethan mit Chorrock und Stola, dasselbe in einer nachdruckövollen Rede zum Glauben und zur schuldigsten Ehrerbietung gegen dieses Schauder und Zittern erregende Geheimniß auf. Das Zurücktragen des Hochwürdigsten in die Kirche geschah ohne Begleitung, indem jetzt wieder eine andere Predigt, die eigentliche Bußpredigt, begann. Diese hatte den Zweck, die Gemüther aufzurütteln und zur Furcht Gottes zu bewegen. Damit aber der Prediger nicht allein durch Worte, sondern auch durch die That auf seine Zuhörer wirke, begann er gegen das Ende seiner Rede sich öffentlich zu geißeln. Während der 10 Tage, als die Mission währte, wurde dreimal unter der Messe das Officium der unbefleckten Jungfrau und deS heiligen Franz v. Xaver gesungen, und in dessen Namen ein Wasser geweiht, das stark abgeholt wurde. Gegen die Nacht versammelten sich, wie bisher die Männer in der St. Peterskirche, die Frauen in der Hofkirche, um Bußübungen vorzunehmen. Beide Abtheilungen begaben sich auf den MissionSplatz und durchzogen von da aus, jedoch besonders abgetheilt, die Hauptstraße der Stadt. Den Männern ging der Missionär mit einer eisernen Geißel versehen voraus und gab durch unaufhörliche Hiebe, die er sich beibrachte, den Pönitenten Muth dasselbe zu thun. An der Spitze der Frauen schritt eine adeliche Dame, in. einem BufMide, barfuß, das Bildniß deS Gekreuzigten in den Händen tragend Einige von den PatreS und Brüdern der Jesuiten, einen Strick um den HalS und eine Dornenkrone aus dem Haupte, trugen Vorstellungen (tereuls) deS Leidens Christi, andere schleiften Kreuze. Auch die Schüler der Volksschulen und die Studenten bildeten einen Zug. Derf P. Präfect als Kreuzträger, einen Strick um den HalS und eine Dornenkrone au 134 dem Haupte, führte denselben, und die Studenten folgten gleich ihrem Führer ebenfalls daS Haupt mit einer Dornenkrone umwunden. Die Zahl der Pönitenten, welche Kreuze trugen, oder mit knotenvollen Stricken, mit eisernen Ketten und Geißeln ihren Körper zerschlugen oder ihren Rücken zerfleischten, war sehr groß, und eS befanden sich darunter nicht blos gemeine Leute, sondern auch hochgestellte, adeliche Personen. WaS diese Selbstpeinigung noch um vieles empfindlicher machte, war eine kalte Nacht und Regenwetter. Indessen wurde alles dieses Ungemach mit fröhlichem Muthe ertragen Aber nicht allein unter den Männern bestand der Eifer zu Bußübungen, auch Frauen, adeliche Frauen, ahmten das Beispiel derselben nach, zogen daS Kreuz oder geißelten sich. Selbst daS zarte Alter verließ das jugendlich Fröhliche, nahm einen heiligen Ernst an und schwang mit nicht leichter Hand die Geißel. Dieser Eifer wurde vorzüglich durch die öffentliche am Platze gehaltene feurige Bußpredigt uud dadurch entflammt, als man sah, wie der Prediger sich selbst geißelte. Allenthalben erhob sich Weinen, Stöhnen und Geheul, wodurch die Zuhörer die Schmerzen und Reue über ihre Sünden an den Tag legten. Unter Andern machten auch einen besondern Eindruck zwei Ehefrauen, welche unbedeckten Angesichts, schwere Kreuze ziehend daher kamen. Alle, die sie sahen, wurden durch diesen Anblick sehr gerührt und aufs Innigste bewegt. In den letzten drei Tagen der Mission strömten auS weit entfernten Orten so viele Landleute, theils schaarcnweise, theils in Processionen geordnet, mit Fahnen und ihren Geistlichen herbei, daß der geräumige Hauptplatz der Stadt, wo die Mission gehalten wurde, kaum die Menge fassen konnte. Bei dem letzten Umzug schätzte man die Zahl der männlichen Büßer allein über 40t>l). Den Tag bevor die Misston geendigt wurde, ermähnte der Missionär seine Zuhörer zu einer eifrigen Verehrung Mariens und sprach mit solcher Rührung, daß alle Anwesenden in Thränen auSbrachen. Nach geendigter Rede bat er öffentlich um Verzeihung und Nachsicht über seine Fehler und gab, wenn er allenfalls, auf waS immer für eine Art, die gehofften guten Früchte der Mission in etwas gemindert haben sollte, seinem Körper öffentlich wieder die Geißel. Um an dem darauffolgenden Feste Allerheiligen Unordnung und alles die Andacht Störende zu vermeiden, wurden für die verschiedenen Stände eigene Stunden zur heiligen Communion bestimmt. In der Hofkirche allein, ohne die andern Pfarr- und Klosterkirchen, zählte man 7VW Communicanten. Um N Uhr bestieg der Hauptprediger die Kanzel, ermunterte die Zuhörer zur Standhaftigkeit in ihren guten Vorsätzen, forderte sie auf, alle Gelegenheiten zum Sündigen zu vermeiden, öfters die heiligen Sacramente der Buße und deS Altares zu empfangen. Hierauf wurde der Ambrosianische Lobgesang gesungen, Gott für die gewährte heilige Mission gedankt, nach I Uhr Nachmittags der vom Papste Elem- menS II. verliehene Segen gegeben und so die Mission beschlossen. Die englische Kirche. Der bekannte Historiker Professor Leo in Halle (Protestant) gibt im „VolkS- blatt für Stadt und Land" folgende bemcrkenswcrthe Erörterung: Von der Art und Weise, wie König Heinrich VIII. die Reformation in England ein- und durchführte, kann man getrost auSsprechen, daß sie durch und durch sündhaft und abscheulich gewesen sey, sowohl in ihren Motiven, als in ihren Proceduren — seine ehebrecherischen Gelüste und seine Habsucht bildeten die Motive, Gewaltsamkeit, Tyrannei, die schauderhafteste Kirchenbedrückung war die Procedur. Die englische Kirche ward durch die Reformation nicht zu geistlicher Freiheit, sondern zu , ehester Sclaverei geführt, uud Elisabeth, die ein uneheliches, ja ein Kind deS Ehebruchs gewesen wäre, nicht daS mindeste Recht auf den englischen Thron gehabt hätte, wenn man Heinrichs Thun nicht als berechtigt anerkannt hätte, mußte in dieser Kirchentyrannei beharren, wenn sie Königin von England bleiben wollte. Diese 135 Kirchentyrannei aber bestand darin, daß in England der König an die Stelle deS Papstes getreten war — ohne irgend ein Recht, ohne irgend eine Befähigung dazu. Zwar sollte nachher eine Art parlamentarische Repräsentation der Kirche in der ähnlich dem weltlichen Parlamente eingerichteten geistlichen Convocation stattfinden; allein die Könige mochten wohl fühlen, daß von dieser Seite ihrer ganzen päpstlichen Stellung und (oa diese mit der königlichen auf das Innigste verwebt war) auch ihrer königlichen Stellung gelegentlich große Gefahren drohten; sie haben also dieß kirchliche Organ nie zu tüchtiger Ausbildung kommen, haben es nun seit langer Zeit ganz eingehen lassen. Die Verfolgung der protestantischen Richtungen unter der katholischen Marie hatte zahlreiche Engländer auf dem Festlande, wohin sie geflohen waren, mit der HerzenSrichtung der protestantischen Welt bekannter werden lassen — mit ihrer Rückkehr unter Elisabeth begann ihre Mission für diese Richtung, deren geistig unabhängiger Fluch bald in Elisabeth Besorgnisse entstehen ließ — die Besorgnisse führten zu Bedrückungen, die sich unter Jakob I. und Karl I. steigertens aber mit der Bedrückung ward der Trieb, der unterdrückt werden sollte, nur heftiger, zuletzt krankhaft revolutionär, und eS ist bekannt, in welch' grauenhafter Weise sich endlich diese Tyrannei durch die Ausbildung deS JndependentiSmuS, den sie erzog, selbst bestrafte. Aber in diese Entwickelung war das, was wahr war in dem kirchlichen Streben deS JndependentiSmuS, selbst so versetzt worden durch die Allianz mit der Revolution, mit dämonischen Trieben, daß er nichts schaffen, daß er, wenn er herrschend blieb, die Revolution perennirend machen und das Land verderben mußte. Cromwell's Heldenherz ist im Anblick dieser Teufelsmühle, die er eine Zeitlang getrieben, zuletzt gebrochen, da er sah, wie auch er weder von ihr loskommen, noch in ihrem Treiben sie aufhalten konnte. AIS nach seinem Tode die Stuarts zurückkehrten, ließ die Erschöpfung und Ermüdung der Generation, die die Rebellion durchlebt hatte, zuerst um nur den JndependentiSmuS sicher loS zu werden, die frühern kirchlichen Verhältnisse wieder herstellen, mit aller Ausschließung deS Katholicismus, mit völliger Bedrückung und Verfolgung aller protestantischen Dissenters. Die Könige waren wieder Päpste — als sie aber selbst das Hohle, Haltlose uud Unberechtigte dieser Stellung fühlten, und sich, da sie nach der Seite der protestantischen Dissenters ihrer ganzen Stellung nach nicht neigen konnten, der römischen Kirche entgegen bewegten, war inzwischen als Erbe aus der frühern Rebellion jene völlige Neutralisirung kirchlicher Richtung zur Ausbildung gekommen, die man den englischen Deismus zu benennen pflegt, und ihre Bewegung zitterte, wie die Ringe um einen inS Wasser geworfenen Stein, von ihren ausgesprochenen Repräsentanten aus in immer schwächeren Wellen zwar, aber doch durch die ganze Nation hindurch und machte allein diese Staats- und Kirchen- carricatur möglich, die seit Vertreibung der StuartS in England bestanden hat. Wir fühlen wohl, wie sich viele Herzen empören werden dagegen, daß wir diese englischen Zustände, die hochgepriesenen, als Carricatur bezeichnen; aber man erlaube uns, zu bemerken, daß wir die Vortrefflickkcit und hohe Ausbildung des parlamentarischen Staates für sich in England gar nicht bestreiten. auch nicht als Carricatnr bezeichnen, und eben so wenig läugnen wollen, daß sich in dem der Hauptsache nach todten, mechanischen Gehäuse der englischen Kirche doch eine Menge christlicher LebenSelemente aufgehoben hat — aber das war und ist Earricatur, daß man neben einen lebendigen, freien Staat, der sich fortbewegen und entwickeln konnte, die Autorität einer schablonenartig zugeschnittenen Kirche stellte, die außer der Convocation gar kein Mittel hatte lebendiger Fortentwickeluug, und der man dieses Mittel fortwährend entzog, indem man die Convocation nur als antiquirteS, gewissermaaßen staatsgefährliches Institut behandelte. Das war Carricatur, und die Möglichkeit der Herstellung derselben beruhte allein in der inzwischen eingetretenen kirchlichen Gleichgiltigkeit, welche recht wohl damit bestehen kann, daß die kirchlich einmal ausgebildeten Formen noch auf tausend Puncten von subjectiv höchst lebendigen Christen ausgefüllt werden. Das Resultat aber war doch immer ein Staat in Schlachtordnung, der seinen Gott nicht mit sich in lebendigem Herzschlag der Reihen, sondern im Rücken in einer wohlauf- 136 gefahrenen Wagenburg kirchlicher Institutionen hatte, auf welche Wagenburg die Schlachtreihe nur taktische Rücksicht nahm. DaS lebendige kirchliche Bedürfniß hat sich denn auch neben jener Wagenburg geltend gemacht, zuerst als der Jndifferentis- mus schon daS ganze Leben zu verschlingen drohte im Methodismus, dann als dieser für GewissenSsragen selbst schon bedeutend die Gewissen wieder geschärft hatte, die Lage Irlands als daS Facit eines zweiten entsetzlichen Sündenregisters die StaatS< männer auch von der politischen Seite drängte und man nun die Katholiken emanci- pirt hatte, in dem sich ausbreitenden Katholicismus, der, wie neuerdings ganz richtig ausgeführt worden ist, sich noch reißender verbreitet haben würde, wenn nicht der PuseyiSmus als ein Versuch, der englischen Staatskirche wieder mehr eigenes Leben zu gewinnen, vermittelnd dazwischen getreten wäre. — So steht nun in diesem Augenblicke der englische Staat sowohl nach der kirchlichen, als nach der politischen Seite vor einer Krisis, die leicht auch eine Katastrophe werben kann. Der Methodismus konnte sich ausbreiten, ohne dus kirchliche Gerüst des Staates von England zu bedrohen; die römische Kirche bedroht dieses Gerüst ihrer Natur nach, auch wenn sie eS nicht ausdrücklich will — sie ist nicht bloß eine geschlossene Macht, sondern zugleich ein vollkommen organisch gebautes und vollendetes Wesen. Der Methodismus hat nur ein Herz — der Kopf fehlt seinem Daseyn und Mit ihm die organische Geschlossenheit, was sich in seiner politischen Ohnmacht der Staatökirche gegenüber eben so sehr, als in seiner Neigung, wieder in eine Reihe von Spaltungen und Secten zu zerfahren, darstellt. Seit Jakobs II. Vertreibung war die kirchliche Wagenburg, die im Rücken der Staatslinie aufgefahren war, nicht wieder bedroht gewesen — man hatte sie ruhig stehen lassen können, so daß allmälig die Räder sich tief in den Rasen senkten und unbeweglich wurden. Ab und zu holte man Munition und Proviant aus ihr; — hatten Einzelne in ihren eigenen Taschen Munition und Proviant bei sich, so störte daS nicht. Mit einem Male ist die Wagenburg im Innern und von Außen bedroht. Im Innern, denn neben der ursprünglichen linearischen Ordnung der Wagenburg hat sich ein bequemes Gehenlassen der einzelnen Wagenführer gebildet — mit der Zeit muß daraus Verwirrung folgen — Philpotts dringt auf Herstellung der alten präcisen Ordnung, seine Gegner schreien, die lebendige Entwickelung der Bequemlichkeit habe auch ihr Recht — also Streit zweier Haufen im Innern, und während dessen fährt mit einem Male eine andere Macht, die in der vornstehenden staatlichen Schlachllinie eine gute Anzahl Kämpfer hat, eine neue Wagenburg neben der alten auf. Im Kleinen, für die irländischen Mitkämpfer, hatte man daS aber schon gestattet — waS nun? entweder muß auch die Ordnung der römischen Hierarchie für Irland abgefahren werden, oder man muß auch die neu aufgefahrene Wagenburg für die englischen Streiter stehen lassen. Thut man aber daS, so werden immer mehr, die es ihrer subjectiven Stellung nach näher haben, denen Munition und Proviant in der neu aufgefahrenen Wagenburg besser zusagen, auch aus den englischen Reihen dahin laufen — eS wird Verwirrung entstehen und am Ende die im Rasen eingewachsene Staatskirchenwagenburg im Tumult bei Seite geräumt und geplündert werden, da sie bald nur als ein hinderliches, halb vermorschtes Gesckleppsel erscheinen wird. Noth in allen Ecken und nun zugleich die Noth vorn in der Schlachllinie — es ist, wie wenn Jemand, der an einem Magenübel leidet, ein Hautleiden dazu bekömmt — die Arznei, die ihn vom Hautleiden befreien könnte, verschlimmert das Magenübel und so umgekehrt — da ist eS gar nicht so unmöglich, daß über lang oder kurz des guten kuZ 6v Wllrss Prophezeiung eintrifft und England einen gewaltigen PlumpS thut - : ^rißletorre rie sers plu5. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er.