Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PojWtung. 1. Juni 22. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis M kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Magdalena Herzogin von Bayern, Pfalzgräfin bei Rhein ic. von Carl August Boehaimb, Caplan in Neuburg a D. MagdalenenS Eltern. Herzog Wilhelm V. von Bayern und dessen Gemahlin Renata waren die Eltern MagdalenenS. Ich halte es für nothwendig, in gedrängter Kürze einige Züge auS dem Leben dieser heiligmäßigen Fürstenpersonen anzuführen. Herzog Wilhelm V. von Bayern war geboren den 29. September 1548 und bestieg den Thron seines Baters Herzog Albrecht V. oder deS Großmüthigen, cineS trefflichen Fürsten, am 24. Octobcr 1579. Wilhelm V. war unstreitig einer der gelehrtesten und gebildetsten Fürsten seiner Zeit; was ihn aber besonders auszeichnete, war seine außerordentliche Frömmigkeit, die ihm auch den Beinamen des Frommen verschaffte. Es war aber dieser Religionseifer seine lebendige Ueberzeugung von den Wahrheiten der katholischen Kirche, daher war er so wirksam vurch Thaten. So verwendete er ungeheure Summen für Erziehung der Jugend, Unterstützung der Armen, Kranken, Waisen, beförderte allenthalben den äußern Anstand und Zierden des Gottesdienstes, verherrlichte Kirchen, ließ neue erbauen, oder alte schöner herstellen, und eben so freigebig war er gegen Gelehrte und Künstler aller Art, die stets reichen Erwerb an seinem Hofe fanden. — Große Vorliebe hatte er für den damals neu entstandenen Orden der Jesuiten. Er übergab ihnen nicht nur die Schulen, sondern erbaute ihuen auch das prachtvolle Kollegium und die St. Michaelskirche zu München, gewiß ein herrliches Denkmal deS gegen Gott freigebigen Herzogs, entsprechend der hohen Würde des Stifters und seiner Absicht. Auch in RegeuSburg, Allötting, Ebersberg zc. räumte er ihnen Häuser ein. Mit seiner Gemahlin Renata hatte er sechs Knaben und vier Mädchen erzeugt. Diese waren: 1. Christoph, geb. 23. Jan. 1571 zu Friedberg, starb bald nach der Geburt und liegt in AndechS begraben. 2. Christine, geb. 23 Sept. 1572 zu München, starb 27. April 1580, liegt ebenfalls in AndechS. 3. Maximilian I. Churfürst von Bayern, geb. 17. April 1573 zu München, starb 1651. 4. Maria Anna, geb. 8. Der. 1574 zu München, wurde am 23. April 1600 an Erzherzog Ferdinand nachmaligen römischen Kaiser vermählt, starb 8. März 1616. 170 5. Philipp, geb. 22. Sept. 1576 zu München, wurde Bischof zu Regensburg, 1597 Cardinal und starb zu Dackan 18. Mai 1598. 6. Ferdinand II. geb. 6. Oct. 1577 zu München, wurde 1612 Churfürst und Erzbischof von Köln, starb 14. Sept. 1650 und liegt in Köln. 7. Eleonore Magdalene, geb. 7. Oct. 1573 zu München, starb 13. April 1579 und liegt im Kloster Seligenlhal. 8. Karl, geb. 30. März 1580 zu München, starb 27. Oct. 1537 und liegt in Andechs. 9. Albert VI., geb. 13. April 1584 zu München, vermählt 1612 mit der Markgräfiu zu Leuchtenberg, starb 5. Juli 1666. 10. Magdalena. Für diese zahlreiche Familie sorgte Wilhelm V. mit zärtlicher Vaterliebe und wie ihn die Demuth eines Christen schmückte, so die Milde eines Hausvaters. Vor allem ließ er sich ihre religiöse Erziehung sehr angelegen seyn. Kniend mit Gebet wurde ihr Tagewerk eröffnet und beschlossen, aber auch für ihre geistige Bildung nichts versäumt. Da nun der sanfte Charakter Herzogs Wilhelm V. immer mehr zur Stille und Einsamkeit geneigt war, so übergab er, um seiner Sehnsucht gemäß in Zurückgezogenheit sorgenfrei den Andachtsübungen obliegen zu können, im Jahre 1598 seinem Sohne Maximilian die Regentschaft und zog sich mit seiner Gemahlin in den Palast neben dem Jesuiten-Kollegium zurück. Renata, seine Gemahlin, war eine Tochter Franz I. Herzogs von Lothringen, und seiner Gemahlin Christine, einer königlichen Prinzessin von Dänemark. Sie war geborin 1543 und mit Wilhelm V. den 22. Hornung 1563 durch den Cardinal Otto, Bischof von Augsburg, zu München getraut. Sie war eben so fromm wie ihr Gemahl, theilte dieselbe Lebensart mit ihm, kurz beide waren Eines Herzens und Eines Sinnes. Selten erschienen sie nun mehr öffentlich und führten ein wahrhaft klösterliches Leben. Sie sowohl, als ihre Hofbediensteten glichen in ihren dunkeln Trachten Chorherren und Nonnen. Auf ihren Tischen sah man weder Gold noch Silber, sondern nur irdene Geschirre, auch wenn fürstliche Personen zugegen waren, obgleich dieß wenig der Fall war; denn gewöhnlich waren an seinem Tische arme Leute, Bettler von der Straße, denen er den Ehrenplatz einräumte. Alltäglich wurden zwölf Arme, nach der Zahl der Apostel, von ihm gespeist und getränkt und selber bedient, und nach der Zahl der Jünger wurden alljährlich 72 Männer und eben so viele Frauen gekleidet. Im Pilgerhause zu München, das er errichten ließ, bewirthete er jeden Pilger drei Tage lang, trug ihm die Speisen auf, wusch ihm die Füße und gleichwie er ihn mit einem Kusse empfangen hatte, entließ er ihn mit reichlichem Zehrpsennige. Nicht selten sah man den Herzog in dem von ihm gestifteten Siechenhause, oder in Spitälern und Wohnungen der Armuth die ekelhaftesten Kranken abwarten, ihnen Trost einsprechen und vorbeten. Arzt und Arzneien bezahlte er auf seine Kosten und wohnte demuthsvoll vielen Leichenbegängnissen bei. Das Waisen, und Findelhaus, das er gestiftet, besuchte er häufig, segnete und nährte die elternlosen Kinder. Zu Fuß, in schlichter Kleidung, einen Pilgerstab in der Hand, wallte er oft zu den Gnadenörtern, so daß ihn die begegnenden kaum erkannten. So hatte er sich 1585 auch über die Alpen begeben nach Loretto, und dort fürstliche Geschenke dargebracht. Zu Augsburg beim wunderbarlichen Gute zu heilig Kreuz hatte er ein eigenes Oratorium. Zu München und im Kloster der Carthäuser zu Prüel hatte er sich einsame Zellen gebaut, deßgleichen auf der Schwaige zu Schleißheim, wo er ein einfaches kleines Lustschloß mehr zum Gebet als zum Vergnügen angelegt hatte. Dahin wallte er gerne allein in der Fastenzeit, um solche andächtig begehen zu können. - Auf solche Weise brachten er und seine Gemahlin ihre Tage zu. Jede Stunde hatte ihre Bestimmung und jeder Tag wurde mit Gebet und frommen Werken begonnen. Bei dieser harten aber regelmäßigen Lebensart erreichten beide ein hohes Alter, Renata starb am 22. Mai 1602, Wilhelm aber am 7. Hornung 1626. Er hatte 171 sich alle Lobeserhebungen verbeten, und wollte auf seinem Grabe, in der von ihm erbauten Michaelskirche nur folgende Inschrift: „Ich fürchte mich wegen meiner Vergehungen und erröthe vor Dir, o Herr, wenn Du kommen wirst zu richten. Verdamme mich nicht!" Sein letzter Wille zeugte noch von seiner Milde. So vermachte er dem Geor- gianischen Klerikal-Seminar tausend Gulden, und sein ganzes übriges Vermögen zur Hälfte seinem Sohne Albert, zur andern Hälfte den Armen, woraus mau sehen kann, daß er diese wie seine Kinder hielt. Bei seinem Leichenbegängnisse befanden sich seine Sohne Maximilian und Albert mit ihren Frauen, Herzog Wolfgang Wilhelm von Neuburg nebst seiner Gemahlin Magdalena, Franz, Bischof von Osnabrück, Veit Adam, Bischof von Freising, der das Leichenbegängniß hielt, eine zahlreiche Geistlichkeit, der Hof, der Magistrat und eine zahllose Menge Volkes, das laut weinte. So war, in kurzen Zügen geschildert, das Leben und Ende zweier Fürstenpersonen und der Eltern unserer Herzogin Magdalena beschaffen, geschmückt mit den Tugenden der Heiligen, wenn ihnen auch nicht dieselbe Verehrung zu Theil wurde. Magdalenens Geburt und Jugendjahre. Unsere Herzogin Magdalena, deren Leben wir jetzt schildern wollen, war, als das Jüngste unter zehn ihrer fürstlichen Geschwisterte, geboren zu München im Jahre 1587, am 4. Juli, als am Feste des heiligen Bischofs Ulrich, zwischen vier und fünf Uhr morgens, an einem Sonnabende. An eben diesem Tage erhielt sie in der Capelle der neuen Residenz durch den Probst zu Unser lieben Frau, Dr. Lauter, die heilige Taufe und den Namen der heiligen Büßerin Magdalena; wobei ihre Großmutter Anna, die Gemahlin Herzog Albrechts von Bayern, und Herzog Philipp, Bischof von Regcnsburg, die Pathenstcllcn übernommen hatten. Ihre frommen Eltern theilten selbst die Sorge der Erziehung und Bildung ihrer Tochter Magdalena, uud da sie schon von der Natur mit seltenen Geistesgaben versehen war, so konnten die elterlichen Bemühungen nicht anders, als von einem glücklichen Erfolge gekrönt seyn. Magdalena machte sich wirklich auch bald die schönen religiösen und moralischen Tugenden ihrer Eltern eigen und wurde das leibhafte Ebenbild derselben. Ihre Andacht, ihr GebetSeifer, ihre Lernbegierde war von der Art, daß Jedermann darüber staunte. Von einem Kinde, das von Furcht und Liebe Gottes erfüllt ist, läßt sich nun nichts richtiger erwarten als die strengste Pflichterfüllung gegen die Eltern und so gewann sie auch durch ihre Liebe, Ehrfurchr und Folgsamkeit die Herzen ihrer Eltern. Jeder Wink, jedeö Wort derselben war für sie ein unverletzbares Gebot. Voll Offenherzigkeit und Vertrauen nahte sie sich denselben uud getraute sich nichts zu unternehmen, ohne ihren Rath oder Genehmigung darüber eingeholt zu haben. Eben so war sie gegen ihre Lehrmeister, und kein Verweis konnte ihre kindliche Liebe zu ihnen schwächen. Als sie zu etwas reifern Jahren und mit ihnen an Gottseligkeit heranwuchs, so hegte sie den frommen Wunsch, vom Getümmel der Welt sich zurückzuziehen, um Gott ungestört in einem Kloster als seine Braut dienen zu können. Doch ihren Tugenden, ihrer Herzensgüte war ein größeres Feld bcschieden, wo sie im hellsten Glänze strahlen sollten. Die Hand der Vorsehung, der Wunsch ihrer Eltern, der Ralh ihres Beichtvaters und die Hoffnung, vielleicht das Wohl eines ganzen Landes befördern zu können, brachten sie von ihrem Vorhaben ab und auf.eine andere Laufbahn, um das Licht, welches sie in stiller Verborgenheit angezündet hatte, auch Andern leuchten zu lassen. Wirklich sollte diese Hoffnung auch bald in Erfüllung gehen. Ungeachtet ihres bescheidenen Wesens, konnte sie den aufmerksamen Blicken der Hofwelt nicht entgehen und in kurzer Zeit warben mehrere um ihre Hand, darunter ein königlicher Prinz aus Polen. Auch der bekannte Bischof Melchior Clcsel hatte im Namen des Erzherzogs Mathias von Oesterreich um sie geworben. *) Stumpf „Werbung des Erzherzogs Mathias von Oesterreich um die bayerische Prinzessin Magdalena" in der Zeitschrift für Bayern 1816 I. 1L9. S. 172 Keiner aber war so glücklich ihre Hand zu erlangen, als der damalige junge Erbprinz von Neuburg, Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm. Es war dieß hiemit eine höchst wunderbare Fügung der göttlichen Vorsehung, daß Magdalena von ihrem früher gefaßten Entschlüsse abkam und ihre Hand diesem Fürsten reichte, besonders wenn man die Folgen erwägt, die es hatte, daß sie die Gemahlin dieses Fürsten wurde. Wie uns die Geschichte vielfältig beurkundet, bediente sich Gott oft ausgezeichneter Frauen als Werkzeuge, ganzen Völkern daS Licht der Wahrheit zu bringen, und so war es auch hier der Fall. Es können zwar Frauen nicht als Prediger das Evangelium verkünden, aber durch ihre Tugenden, durch Beispiele und Belehrung in häuslichen Kreisen können sie die Menschen für die Wahrheit gewinnen; und dieß um so mehr, je höher die Stufe ist, die sie in der menschlichen Gesellschaft einnehmen. So können Fürstenfrauen die Herzen ihrer Gatten lenken und in ihnen als künftigen Herrschern gute Regenten heranbilden. So diente auch Magdalena gleich einer Clothilde dazu, als künftige Regentin eines Landes, in dem die neue Lehre bereits als die alleingeltende eingeführt war, das Heil des wahren Glaubens demselben zu bringen. Wolfgang Wilhelm Pfalz graf von Neuburg und Herzog in Bayern. Der Mann, der nun so glücklich war, die Hand einer so tugendhaften Jungfrau, wie Magdalena war, zu erlangen, war wie schon erwähnt Wolfgang Wilhelm, Pfalzgraf und Erbprinz von Neuburg. Er war geboren den 29. October 1573 in Neuburg. Die herrlichen Anlagen seines Geistes und Gemüthes brachten den Prinzen schon frühzeitig bei einer sorgfältigen Erziehung seines Vaters auf eine hohe Stufe von Kenntnissen, besonders auch in Sprachen, indem er sich in sechs verschiedenen, lateinisch, spanisch, französisch, italienisch und englisch, mündlich und schriftlich gleich fertig auszudrücken wußte. So mit den schönsten Kenntnissen ausgerüstet, begab sich der junge Prinz auf Reisen und benützte die Gelegenheit, um seine erworbenen Kenntnisse und Grundsätze durch Erfahrung und Beobachtung in der großen Schule deö öffentlichen Lebens zu bereichern. Er besuchte deßhalb die vorzüglichsten Fürstenhöfe von Europa, war bei der Krönung Christian IV. von Dänemark, bei Heinrich IV. von Frankreich und durchreiste später Spanien, Italien und Deutschland. Sein majestätisches Aussehen, sein feuriger durchdringender Blick, noch mehr aber seine ausgebreiteten Kenntnisse, sein bescheidenes musterhaftes Betragen gewannen ihm an allen Höfen Liebe, Bewunderung und Verehrung. Nach seiner Zurückkunft ließ der Vaier den 24jährigen an Erfahrung und Kenntnissen so reichen Jüngling an allen Regierungsgeschäften Theil nehmen; ja er theilte sogar die Regentschaft mit ihm und Wolfgang Wilhelm legte bei mehrern Geschäftsreisen z. B. au den Hof Kaiser Ru- dolph II. als auch bey andern wichtigen Verhandlungen die auffallendsten Proben seiner Einsicht, Klugheit und Geschäftsgewandlheit ab. Nach dem Wunsche seiner Eltern sollte er sich nun vermählen und warb um die Hand der brandenburgischen Prinzessin Anna, allein der Plan wurde zernichtet und nun suchte er am Hofe zu München, was er am brandenburgischen nicht mehr erlangen wollte. Er begab sich deßhalb im Jahre 16l2 nach München und eröffnete den Wunsch sich mit der Prinzessin Magdalena zu verbinden. Der Herzog Maximilian nahm den Wunsch gut auf, denn sie waren ja Jugendfreunde, indem er oft von Jngolstadt ans nach Neuburg gekommen war, fügte aber bei, daß er sich noch mit seinem Vater darüber unterreden müsse. Beide schrieben nun an den Pfalzgrafen, daß die Heiralh keinen Anstand habe, und nur in Betreff der ReligionSverschiedenhcit noch einiges im Wege stehe. Sie luden ihn daher ein, nach München zu kommen und sich hierüber zu besprechen. Wolfgang Wilhelm kam und die Unterredung begann, und betraf die Religion zunächst. Der Pfalzgraf that, nachdem noch einige Unterredungen gehalten worden waren, endlich den AuSspruch, daß die Wahrheit der katholischen Religion auf sehr einleuchtenden Gründen beruhe und er wolle Gott anflehen, daß er ihn nicht 173 auf unrechter Bahn lasse, nur bitte er hierüber um Muße und Verschwiegenheit vor seinem Vater, der ihm sonst alle Wege zur Bekehrung und zur Hcirath abschneiden würde. Er machte sich mit Fleiß über die Werke des Canisius her und versicherte, daß dieser Schriftsteller am Meisten zu seiner Rückkehr zur katholischen Kirche beigetragen habe. Noch am Ende des Jahres 1612 entdeckte er seinem Vater Philipp Ludwig seine Wünsche in Betreff der Heirath mit Magdalena. Dieser fand eine solche Verbindung sür sehr wünschenswert!), Fräulein Magvalena, äußerte er, habe in jeder Hinsicht so treffliche Eigenschaften, daß sie geliebt zu werden verdiene, auch wisse er selbst, daß sie ihm gut sey und deßhalb andere Bewerber hintangchalten habe. Bei ihrem trefflichen Verstände sey auch die Hoffnung zu ihrer Bekehrung nicht auszugeben. Die Unterhandlungen wurden nun angeknüpft, hatten aber einen etwas langsamen Gang, desto rascher entwickelte sich Wolfgang Wilhelms Bekehrung; denn er legte am 19. Juli 16l3 ein förmliches Bekenntniß des katholischen Glaubens in der Residenz zu München ab, und faßte es in den rührendsten Worten eineS gläubigen und dankerfüllten Gemüthes ab. Die Heirath aber wurde beschleunigt.*) (Fortsetzung folgt.) Die Bauhütten des Mittelalters. Von A. Rcichensperger. (Schluß.) ES sey gestattet, als Beleg für daS früher im Allgemeinen Gesagte einige Auszüge aus den verschiedenen Steinmetzen-Ordnungen, aus denen, beiläufig bemerkt, unsere wegen der „Organisation der Arbeit" so gar sehr verlegene Zeit sich mehr als Eine gute Lehre nehmen könnte, hier anzureihen.**) So heißt eS z. B. in den bereits erwähnten ältesten englischen Satzungen: „Die erste Pflicht ist die, daß du ein treuer Mann gegen Gott, den glorreichen Baumeister Himmels und der Erde, seyn sollst, und weder Irrthum noch Ketzerei übest," so in den ältesten deutschen, den straßburger, von 1459: „daß echte Freundschaft, Einhelligkeit und Gehorsamkeit ein Fundament alles Guten seye," und in den torgaucr Satzungen (§. 16): „Meister und Gesellen sollen christliche Ordnung halten, sich einander beistehen, jeden Sonntag in die Hochmcsse und mindestens alle Jahre zu den heiligen Sacramenten gehen." Und man weiß, das Mittelalter kannte die Phrase im heutigen Sinne deS Wortes nicht. Jeder mußte eine Wochcnabgabe sür den Gottesdienst und die Pflege der kranken Brüder in die Büchse geben, aus welcher die Haupthütte stets eine Jahresabgabe „als Zeichen der Gehorsame und brüderlicher Lieb" erhielt. In allen Hütten war Hochachtung des Alters und der Autorität oberstes Gesetz; eS wurde eine genaue Aufsicht über die Sitten geführt, strenge Maaßregeln bestanden gegen Spiel, Trunk, Unzucht, Fluchen und Schwören. Den Gesellen war es z. B. untersagt, allein inS Wirthshaus zu gehen, alle Vierteljahre (f. auerfurter Ordn, von 1574) wurden sie befragt, ob Haß oder Neid, oder sonst ein Laster unter ihnen wäre; ihre Streitigkeiten schlichtete der frei nach Verdienst gewählte Meister „nach Handwerköbrauch und Steinwerksrecht" alö Richter über Parlircr, Gesellen und Diener. Die Hauptfeste der Steinmetzen waren der Tag Johannis des TäuferS und der f. g. vier Gekrönten (vier Märtyrer vom Gewcrk aus der Zeit des Diocletian), der speciellen Schutzpatrone der Genossenschaft. Ueberall hatte der Künstler, hier wie in der Malerei, nicht zunächst das Menschliche, sondern das Heilige, nicht daö Mittel, sondern den Zweck im Auge zu behalten. — Schon bei der Aufnahme der Lehrlinge verfuhr man mit *) Dieses Hochzcitscst ist umständlich beschrieben in I'keoäori Ueurvri rclationilms kistoric. 1613 und iu den Ncuburgcr Collcctanecn Blätter Jahrg. 1S4S. '") Viel Treffliches über die Bauhütten findet sich in den „Kölner Dombricfcn" von I. Krcuscr, namentlich im vierten Sendschreiben, so wie in dem im Erscheinen begriffenen höchst empfehlenswerthcn Werke desselben Verfassers: „Der christliche Kirchcnbau." Bd. I. S. 32S u. folg. 174 Umsicht. Die meisten Satzungen verlangen ausdrücklich freie Geburt und unbescholtenen Ruf, Tüchtigkeit an Leid und Seele. Der zünftig gewordene Lehrling, der in England sieben, in Deutschland fünf Jahre zu dienen hatte, mußte nach den englischen Satzungen wandern; in Deutschland war solches nicht absolute Vorschrift, ergab sich aber meistens von selbst. Die Gesellen arbeiteten, und zwar nie anders als im Tagelohn, unter der unmittelbaren Leitung des Parlirers, wohl so genannt, weil er für den Meister das Wort führte. Je nach dem Grade ihrer Ausbildung wurden sie zur Anfertigung von „Steinwerk, Maaßwerk, Laubwerk oder Bildniß," wie die querfurter Ordnung von 1574 (A. 37 und 38) sich ausdrückt, verwendet. Allen wurde stetö eingeschärft, darüber zu wachen, „daß die Zunft nicht in Übeln Ruf komme und die Kunst nickt beschimpft werde." Die beiden genannten Grade waren in gewisse, mehr Aeußerlichkeiten betreffende s. g. Hüttengeheimnisse eingeweiht, wie z. B. die Erkennungszeichen, den HandwerkSgruß, das s. g. Wort, und führten Steinmetzzeichen, die ihnen von der Hütte gegeben wurden, nicht willkürlich verändert werden durften und häufig in der Familie vererbten. Im Vollbesitze des Wissens wie der Berechtigung war der Meister. Er kannte den „rechten Steinmetzengrundz" er wußte das Acht- und Sechsort und die übrigen Constructions-Schlüssel zu deuten und anzuwenden; ihm allein war die Lade zugänglich, worin die Docnmente der Zunft aufbewahrt lagen. Die Traditionen der Hütte, in welchen vorzugsweise die Kunstkenntniß beruhte, waren, wenigstens dem Rechte nach, Gemeingut der Meister, in denen die theoretische Bildung sich mit der praktischen aufs innigste verbunden fand — vielleicht das Hauptgeheimniß der Hütten und ihres GlanzeSl Die Vorsteher der Haupthütten, „die obersten Richter deS Steinwerks" genannt, ragten im Wesentlichen nur durch ihre Jurisdiction hervor, welche sich immer mehr cen- tralisirte, und zwar in dem Maaße, wie das Leben in den äußern Organen abstarb und die Gemeinsamkeit der Interessen und Bestrebungen schwand. Die letzte gesetzgebende Versammlung der Steinmetzen in Deutschland hatte im Jahre 1563 Statt. Bei einer frühern Veranlassung habe ich umständlicher von der baulichen Tektonik deS Mittelalters gehandelt. 5) Ich bemerke daher in dieser Beziehung hier nur beiläufig, daß, was seither über dieses, der näheren Aufklärung allerdings noch sehr bedürftige Thema die Forschungen, namentlich in England und Frankreich, ergeben haben, nur geeignet ist, den Kern meiner damaligen Aufstellung zu erhärten: daß nämlich eine, auf festen Grundsätzen beruhende, streng-geometrische EntwicklungSmethode bei der Anordnung deS Ganzen eines Bauwerkes wie seiner Theile maßgebend war. DaS Hereinbringen der Antike in die christlichen Bildungen lockerte erst und sprengte endlich ihr Gefüge, Kaiser Maximilian I-, ver letzte Ritter, ließ sich noch in der „edlen deutschen Steinmetzenkunst" unterrichten, sogar, nach einer Sage, in die Zunft aufnehmen. — Albrecht Dürer dagegen preist schon im Jahre 1525 in seiner „Underweisung der Messnng mit dem Zirkel und Richtscheit" den „alt Römer Vilruvius" an, der „so künstlich und meyfterlich in seinen Büchern von der Besten- digkeit, Nutzbarkeit und Zierden der Gebäu" geschrieben, indem er — wie es bei Dürer wörtlich heißt — „der Deutschen Gemüt bedenkt, denn gewohnlich Alle, die etwas neues bawen wollten, auch gerne ein ncwe fatzon darzu haben, die vor nye gesehen war." — Daö große Künstler-Genie, welches damals das Alte und daS Neue zugleich in sich beschloß, ahnte nicht, wohin diese Neuerungssucht die edle deutsche Kunst noch führen sollte. Nachdem sie erst das Althergebrachte bei Seite geschoben, brach sie der französischen Mode die Bahn, die endlich ihrerseits am Uebermaaße deS Ungeschmackeö zu Grunde ging und eine Leere zurückließ, welche der After- Classicismus vergebens auszufüllen trachtete. Doch wir kehren, um zu schließen, wieder zu unserm Gegenstande zurück. Die letzten Strahlen der deutschen Baukunst gingen von der wiener Hütte aus, welche -) S, Zugabc zur „D, Volksh,", 18S0, 175 noch in der zweiten Hälfte des löten Jahrhunderts am Stephans-Dome arbeitete. Das InnungSwesen hielt indeß auch später noch, zufolge seiner Organisation, gleichsam mechanisch Vieles von den alten Ueberlieferungen fest, das wie gefrorener Wein sich in der Eishülle barg. Manches d-won ist in der neuesten Zeit wieder anS Licht getreten. So ließ ein glücklicher Zufall mich in Trier, wo die deutsche Baukunst in der Liebfrauenkirche ihre erste und reizendste Knospe getrieben hat, die Zunftlade der Steinmetzen-Innung in einem Winkel ihres ehemaligen Zunfthauseö entdecken. Die Lade, bunt bemalt, mit den Bildnissen der vier gekrönten Meister in Medaillons und mehreren Steinmetzen-Zeichen verziert, scheint im 17ten Jahrhundert angefertigt worden zu seyn. Ihr Inhalt aber reicht zurück bis ins 14te Jahrhundert. Leider hatte der Hausbesitzer, ein Schmid von Profession, die kostbarsten Pergamente bereits zur Ausbesserung seines Blasebalgs verwendet. Indeß enthielt sie doch noch manches Seltene, u. A. eine Urkunde vom 30. October 1397, eine Steinmetzen-Zunftordnung, ausgegangen von den Scheffen und Scheffenmeistern der Stadt Trier. Ich muß darauf verzichten, Sie näher mit dem Inhalte dieses DocumenteS nicht bloß, sondern der Zunftlade überhaupt bekannt zu machen, wie beziehungsreich und charakteristisch letzterer auch ist, und zwar nicht bloß für die innere Geschichte der trierer Steinmetzen- Bruderschaft, sondern für die Entwicklungsgeschichte der Architektur überhaupt, deren verschiedene Stadien hier ausS getreulichste revräsentirt sind. Neben den Satzungen jener Steinmetzen, die noch „aus den rechten Grund der Geometrey" fußten, finden wir da die „^rotutootura ei>ilis, nach deutscher und nach wälscher Art," einen Folioband von Johann Wilhelm aus Frankfurt am Main vom Jahre 1618, dann weiter, nach ausschlietzlich wälscher Art, des Barozzi Vignola „Buch von den fünf Säulen-Ordnungen," sodann ein Heft aus dem Jahre 1792, „Zeichnungen nach dem neuesten Geschmack" betitelt, und endlich vom Jahre 1793 ein sich so nennendes „Ideen-Magazin" mit Abbildungen in chinesischem, griechischem (!) und ägyptischem Geschmacke, darunter auch ein wunderlich barockes Gartenhäuschen mit der Unterschrift: „Sommerhaus im gothischen Style."*) — So sehen wir die Nachfolger der Erbauer der Liebfraucnkirche, jener kraftvollen, lebensfrischen Werkmeister, in ein schwachsinniges Geschlecht ausgeartet, dem die pariser Tapezierer und Galanteriehändler die „Ideen" liefern. Dahin ist eS gekommen, weil man Leben, Wissen und Können verschiedene Straßen ziehen ließ, weil man seine Nationalität, seine Geschichte, seine heiligsten Ueberlieferungen verläugnet hatte! Der Dünkel, die Vornehm- und Gelehrtthucrei haben hauptsächlich der deutschen Kunst ihr frühes Grab gegraben und das freudige Leben hinweggenommen, welches vormals in ihr pulsirte. Zum Glück wird der Schmerz über diesen Wechsel der Dinge durch den Gedanken gelindert, daß wieder ein neuer Umschwung begonnen hat, ein Umschwung zum Besseren; daß eö den Anschein gewinnt, als ob jenes freudige Leben um deßwillen sich in die Tiefen gezogen habe, um dort zum neuen Springquell sich zu sammeln. Allerwärts drängen in diesem Sinne sich die Zeichen. Schon baut wieder die mächtigste Nation der Erde am Themsestrande das HauS ihrer Vertreter auS dem alten Steinmetzengrunde mit nie gesehener Pracht auf, und der Dom zu Köln treibt auf allen Seiten wieder Zweige, Blätter und Blüthen: multa rensseentur czuse jam oeciclere. (Domblatt.) Die heilige Mission in Regensburg. Die schönen Tage der Mission, sie sind vorbei — doch nein, sie dauern immer noch — denn das Himmlische, das Göttliche kennt kein Ende. Dem kalten, unfreund- ") Recht interessant ist noch das auf der städtischen Bibliothek zu Trier beruhende Steinmetzen- amtS-Protocollbuch, welches die Jahre 1670 bis 1721 umsaßt und die lateinische (!) Aufschrift führt: „proloeollum inslilulum ipzo