Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt ^ zur Augsburger Pojheitung. itj ',,^1lU. 27. Juli 3V. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 40 kr., wofür es durch alle königl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Was das Mährchen von Oskar v. Redwitz uns Schullehrern erzählt.*) „Und ach! vor Allem die Mütter ich bitt', Ich bitt' sie drum aus ganzem Herzen: Bringt doch auch ja die Kindlcin mit! So bittet in zarter Weise der Mährchenerzähler die heiligen Sonnen der Kinderwelt zu sich, um ihnen sein Mährchcn vom .Waldbächlein und' Tannenbaum zu erzählen. Ja Mütter! kommt heran mit Euren Kindlein und vernehmet, welch' schöne Mähre der Dichter Euch singet! Der Tannenbaum ist Euer ewig grüneS Herz, das Euch die Gottheit in den Busen gelegt hat und daS nur dann nicht Thaten vollbringet, wenn Ihr es nicht kennet. Würdet Ihr kennen, wie edel und erhaben Euch die Gottheit geschaffen, würdet Ihr den Segen und den Adel wissen, der in Eurer Seele liegt, Ihr würdet stolz seyn, daß Ihr wie der Tannenbaum über Eure Pfleglinge wachen dürfet. Und sehet: der liebliche Sagensänger sagt eS Euch — unv wie zart, wie lieblich und doch wie kräftig! Des Morgens in der frühesten Stunde, Da schüttelt er sacht mit weichem Munde Den Himmelsthau zum Fclsenbcckcn, Dc« jungen Brünnlcins Aug' zu klären, Und ihm des Lebens Kraft zu nähren. Das seyd Ihr, Mütter, wenn Ihr des Morgens das geweihte Wasser über Eure Lieblinge schüttelt und mit dem Kusse Eures Lebens Leben ihnen einathmet. Da gab cö wegen der Sonncnglut Alltäglich wieder neue Sorgen. Was gab er sich nicht da für Mühe Und bog darüber sein dichtes Reis, Daß ja kein Mittagsstrahl zu heiß In seinen frischen Spiegel glühe. Welch herrlich Bild der Mütter! Wird eS dem Kinde zu heiß, ein kühlend Dach birgt es vor den Sonnenstrahlen, über des freundlichen Engels Haupt errichtet von der Mutter. Und also singt das Mährchen fort: Die Blumen all' und Vögc- lein ruft der Tannenbaum zusammen, um sein Brünnlein, das er sich zu Füßen gelegt, zu schützen, zu erheitern, zu erlustigen. DaS sind die feinen geheimnißvollen Künste alle, die die Mutter sucht und in sich findet, um ihrem Kinde Daseyn und ") Aus dem „Organ des Berc-'nS katholischer Schullchrcr in Bayern", welches pädagogische Blatt wir bei dieser Gelegenheit bestens empfehlen wollen. A. d. R. 234 Leben suß und wonnig zu machen. Und das Brünnlein, das ist das Kind, das aus dem Schooße der Mutter getreten, an ihrem Leibe hängt und klammert, so lange die Fuße eS nicht tragen, auch dann noch von der Mutter Hand nicht läßt, bis eS mit erkräftetem Fuße den Boden drückt und stampft und nun zum Selbstbewußtseyn kommt, daß es stehen könne. Da stellt eS sich auf und schaut als persönliche Selbst- heit stolz umher und steht nimmer ein, warum es sich führen und leiten lassen solle. ES tritt aus der Mutter schützendem Liebesarm und läuft hinaus in die Welt, vergessend aller Liebeserweise, die es zu Hause erfahren. Und die Mutter, sie fragt, Ist's für ein Kind im Muttcrarm Denn gar so arg darin zu ruh'n? und klagt: Vom Walde klang ein Klagen dumpf: Ums Bächlein rief der Tannenbaum. Doch daS Brünnlein Grub durch Gestein und Moos Sich links den Weg und macht sich los. Und mied den Weg zur rechten Hand. Bald aber kam eS in einen Strom, und endlich mußte eS bei einer Ucber- schwemmung mithelfen. Nachdem diese abgelaufen, lag es nun entblößt und zerrüttet da Die Sonne sank in blut'ger Pracht. Du arme Mutter, gute Nacht! O Bächlcin! Gott erbarm' sich Dein. Da schickt ihm aber der Tannenbaum einen Zweig, der das sehnende Kindlein zurückführt. Die Freude ist groß im Tanncnhaus. S' ist ausgcsehnt! s' ist ausgetrauert! So freut sich die edle sinnende Mutter, wenn ihr Kind aus der Fremde, die ihm Verführer war, reuend und sehnend zurückkehrt. Solche Lehre gibt der Sänger Amaranths den Müttern und Kindern im Mährchen. Dazu hat er sie zum Moossitze gerufen. Der Ruf ist aber weiter gedrungen, als des TannenbaumeS Gipfel schauen, er ist all' überall hingedrnngen, hat gut vernehmende Ohren getroffen, und Dieser hat Jenes und Jener sich Dieses abgelernt. Also will es der Dichter. Schon seh' ich vor mir Gast an Gast, Ich spring' vom Moos mit raschem Fuß: Sey mir willkommen, edle Schaar, So Mann wie Fräulein, Mutter, Kind! Darum bitten wir Lehrer den süßen Sänger, er möge auch uns horchen lassen am tiefen Sang, daß auch wir lernen vom Tannenbaum und Brünnlein. Bitten wir ihn, daß er zu uns sage: Komin' setz' sich traulich mir zu Füßen, 2ch lad' auch dich zum Horchen ein. Es ist uns zur große» Ehre, in der Reihe Platz finden zu dürfen; denn nicht nur „Jungherren" und „Jungfräiilein" sitzen in der Runde, sondern graue und ernste Häupter viel, die auf hohen Stühlen sich wundgesessen und im sanften MooS bei jungem Sang sich das Herz verjüngen wollen. Die manch' Brünnlein schon zur Ruhe und Ordnung gewiesen, die mancher Quelle den Todtensegen schon gegeben, sie sitzen all herum um den Tannenbaum und horchen still und stumm, und ihre Hand nimmt die Richtung zur Brust, um der Wahrheit Recht zu geben. Drum eilen wir Lehrer hin auch und hören wir, was da gesprochen wird. Es war einmal ein Tannenbaum, Der stand am dunkeln Bergcssaum Wohl viele hundert Jahre schon. 235 Einst lag umher ein todter Moor, Nicht Laub, nicht Blume sproß hervor, Nur Schierling wuchs und Schilf und Dorn Vom Tanncnbaumc treu umdacht, Von mächt'gcr Wurzeln Arm umfaßt, In tiefem Moosumblühtcn Schacht, Gar frisch ein junges Brmmlcin quoll; Noch war es nicht des Wassers voll. Was dem er that, das denkt ihr kaum! Ja sonder Rasten Tag und Nacht War um sein Brünnlcin er bedacht — Das treuste Mntterhcrz auf Erden Kann für sein Kind nicht sorglicher werden. Und sprach zu ihm mit frommem Wort Von seinem Lieben, seinen Sorgen, Und wie er sey sein Himmclshort, Bei dem allein es treu geborgen, > Bis eö des Wassers Fülle gewonnen. Dieß ist der AusgangSpunct und der erste Abschnitt des großen Drama'S, das daö Weltbrünnlein abspielt und mit sich abspielen läßt. Es ist aber auch der erste Abschnitt der christlichen Pävagogil. „Einst lag umher ein todter Moor." Die die Jugendbildung vor dem den Nebeln entstiegenen Tannenbaum Christus in Händen hatten, die jüdischen und heidnischen Familien und Staaten, konnten ihrer Thätigkeit das rechte Cnvziel und den rechten AusgangSpunct nicht setzen, und so blieb verworren und sumpfig das ganze Bilduugswerk. Während die Einen National- und Patriarchalstolz zur Frucht sich wünschten, glaubten die Andern, deS Menschen Bestimmung erreicht zu haben, wenn sie dem Körper eine schöne oder kräftige Form gegeben hätten. Daß die Gottheit allein und ihr Genuß der Begriff unsers Lebens sey, und in ihr die Welt erst gewonnen werden müsse, das war ihrem Geiste verborgen. DaS Brünnlein war verschüttet und seufzte tief unter Gestein und Schlamm Da zogen die Nebel von danncn und ein Tanncnbaum erschien in klarem Lichte, der Heiland der Welt. Er räumte das Gestrüpp vom Platze und zog daS armselige Quellchen zum Tageslicht, setzte ihm Gränze uud Rinnsal und blieb an dessen Ufer stehen, zur Wache, zum Schutze. Doch das Gestrüpp war des Teufels Werk und der Kampf gegen ihn endete mit deS Heilandes Tode — und Siege. Nun hat der Schützling guten Lebens genossen, mit dem Safte der Tanne ward er gesäftigt und getränkt. Der Erlöser, Mittelpunct der Welt, wird auch Mittelpunct der Bildung und Civilisation. Lange, viel hundert Jahre, ward dieß anerkannt vom Brunnen; deß sind Zeuge die ersten Christen. Ihnen war des Tannenbaumes Wort und Geheiß Gesetz; wie er eS andeutete, setzten sie ihren Kinvern Bilbungsziel und Bildungömittel — und befanden sich wohl dabei. Nicht haben sie jedoch in Höblen und Kerker ihre Kinder eingepfercht und der Sonne Licht ihnen entzogen, nur des „Wassers Fülle," daS volle Wissen des Glaubens, und die volle Kraft des kirchlichen Lebens ihnen vorher gegeben, ehe sie in die Welt und ihr Geschäfte sie entließen. DaS war die Zeit der katholischen Pädagogik. So hat man auch uns Lehrern allen, als wir noch in den Schülerbänken saßen, einen Tannenbaum zur Seite uns gesetzt. Die Lehre Christi und der Kirche ist uns eingegossen und der Religion segnende Mittel uns als Waffen mitgegeben worden. Wir waren brave hörende Kinder und nicht wahr? es war unS wohl! Wie süß ist die Erinnerung an unsere erste Communion, wie süß daö Gedenken mancher Lehre, die unS im Seminar gegeben und vor unS wohl schon durch das Leben bestätigt worden. Ja! eS ist eine selige Zeit, zu den Füßen christlicher Lehrer, zu den Füßen 236 des Herrn zu sitzen. Unser Herz bestätigt es, wenn auch der alberne Verstand es nicht einsieht. Darum Lehrer, macht diese Zeit den Kindern süß! Auch unter Eurer schützenden Obhut liegen solch glückliche Brünnlein, die ihr als Tannenbäume zu bewachen und zu beschützen habet. O schaut auf zu des MährchenS Tannenbaum, lernt es ab von ihm, wie solche Kinder zu lieben, zu bewachen, zu führen sind. Es ist ein hohes Ding ein solches Brünnlein! Sonst hätte der Mährchenbaum nicht also sehr bei Tag und Nacht Wache gestanden. Noch sind Eurer Pfleglinge Wasser nicht voll! Macht sie voll und mit rechtem Wasser! Gebt ihnen JesuS inS Herz, nicht in den Verstand! Hier wird er einst verloren, während er dort, wo deS Menschen wahr'stc und kräftigste Stelle ist, nur verdunkelt, nie vergessen werden kann. Ja! macht sie voll mit rechtem Wasser! Noch ist es Zeit, bald nimmer! Ich hör' das fremde Vögelein schon pfeifen! Darum eilt! Doch wie es oft so gehen mag, Da kam einmal vor'm früh'sten Tag Ein fremdes Vög'lein hergeflogen, Mit schillerndem Flaum, mit Schlangcnhaut; Das aber sprach mit lauerndem Blick: „O Brünnlein, wie jammert mich dein Geschick, Daß deine junge selige Zeit Du so verdirbst in Einsamkeit. Und daß dein blutjung freies Leben Für ewig willst gefangen geben An diesen alten Tannenbaum, Der dich ja doch nur darum liebt, Weil ihm dein Wasser das Leben gibt! DaS Wort ward gehört und der Sprecher nicht abgewiesen. Wohl kostete es harten Kampf, das Brünnlein vom Tannenbaum zu ziehen, allein es gelang. Der fremde Vogel hatte gesagt: Nun Brünnlein, nun ist's hohe Zeit, Jetzt oder nie wirst Du befreit! Ist frei dein Wille, so magst du's zeigen! DaS traf; das Selbstgefühl, der Stolz ward rege; das Brünnlein wollte zeigen, daß „frei sein Wille" und fiel. Es grub Sich links den Weg, und macht sich los; Und mied den Weg zur rechten Hand. Es wollte nur ein wenig zum Walde hinauögucken, und dann wieder umkehren zum Tannenbaum; allein Wie's in die Weite den Blick möcht senden, Die ferneste Ferne war wunderbar, Und wollte der Zauber sich nimmer enden > Da schwanden dem Bächlein die Sinne ganz. Der Tannenbaum war vergessen: es kehrte nicht zurück. Vom Walde klang ein Klagen dumpf — Um's Bächlcin rief der Tannenbaum. Die Pädagogik war lange zu den Füßen der heiligen Kirche gesessen, wohl gehütet und erfreut. Sie konnte sich in süßer Ruhe in sich erstarken und kräftigen. 237 Da kam aber vom 12ten Jahrhundert an ein fremdes Vögelein, Vorläufer des Protestantismus, uud Humanismus geheißen, und pfiff drei Jahrhunderte hindurch ein feincS Lied von Knechtung und Freiheit, von Dunkelheit und Licht; daS Brünnlein der wahren Menschenbildung hat lange dagegen gestritten und sich von ihm abgewendet; allein als das Vögelein im Höhne die Menschen kraft- und saftlos gescholten, da hielten diese nimmer zu des Tannenbaumes Wort, sondern zogen allmälig weiter und weiter vom alten Horte weg. Auch sie wollten nur ein paar sreie Blicke in die Welt werfen und dann Rückkehr nehmen zum guten Alten. Allein der Blick in Freiheit und Ungebundenheit war zu lockend und zu entzückend, als daß der letzte Schritt nicht gethan werden sollte. Und eS geschah. Die Reformation des löten Jahrhunderts hat die Pädagogik von der Kirche gerissen; diese hat die alte Mutter vergessen, auf eigene Faust im Leben sich gegründet; sie hat vergessen, ihr Wasser sich vorher zu füllen, ehe sie des Vogels Stimme erwogen. Von jenen Tagen schreibt sich , wie die Weltsärbung der Welt, so die der Pädagogik. Ob sie sich gut gebettet, soll daS Mährchen uns weiter erzählen. Und wie es die Zeit gemacht zu jeder Zeit, so auch die Menschen, so ehemals, so jetzt. Welch' reicher, schöner Quell ist des LehrerS Herz, wenn eS sich nährt an der Lehre Jesu, sich die Adern füllt mit seinem Blute. So hat eS vor wenig Jahren nicht übel ausgesehen um den Lehrerstand. Hatte er auch der Mängel manche in seinen Geist mit aufgenommen, die die Welt nach seinem Eintritte in dieselbe ihm eingeschmuggelt, so war das Gemüth noch frei geblieben und der Wille besonders war gut, rege und gelenk. Da aber kam der fremde Vogel auch und pfiff zu den kleinen Fenstern der allerdings gedrückten Männer hinein und rief ihnen zu: Ich sehe kein Brod in Eurem Haus! Kommt mit, kommt mit! Ich will's Euch geben! Eure Mädchen und Buben, sie haben kein Kleid! Kommt mit, kommt mit! Ich will sie schmücken! Der Pfarrer, der ist ein harter Herr! Kommt mit, kommt mit! Wir wollen ihn jagen! Kommt mit, kommt mit! Das war die lose Stimme der Emancipation und viele haben mit Aufmerksamkeit ihr gehorcht. „Der Hunger thut auch gar so weh! und die hohen Herrn sie leben so üppig. Wenn nur die Brosamen unser wären! mehr auch wollen wir nicht. Hält das Vöglein sein Wort und gibt uns mehr, gut dann! wir nehmen es nur in den Kauf. Wir folgen!" So sprachen Manche in Baden und am Rhein, „wohl hüben und drüben." Doch horch! ich höre einen Schuß! Wie schmiegen sich jetzt auch so traulich und zart die Kinderherzen an Euch, ihr Lehrer der Jugend! Doch hört ihr nicht schon manchmal so einen Pfiff, wie wenn er aus der Seele deS Kindes käme? und draußen vor den Schulfenstern, da schwirren der fremden Vögel so viele an den Häusern vorbei, setzen sich den Schulkindern aus die Schulter und singen ihnen in die Ohren: Glaubt nicht Alles, waS der Lehrer sagt! und viel, viel sagt er Euch gar nicht! Kommt mit, kommt mit hinter die Hecke, ich will Euch was gar Süßes sagen! Da länft so mancher blühende Knabe und manches vorwitzige Mädchen nach, und wenn sie aus dem Verstecke komme», trauen sie Euch nicht mehr ins Auge zu blicken. Lehrer! der Vogel hat gepfiffen! Gib Acht! gib Acht! Und erst, wenn die Schulbänke zerschlagen sind und die Knaben Buben, die Mädchen aber Dirnen geworden sino, dann singt der Vogel Tag und Nacht! am Felde, in der Scheuer, am Nocken und im Stalle! Und schauet um, wie viele dem Lockvogel die Thüre gewiesen? Keiner; er würde sonst nimmer mehr rufen. Ja! unsere Kinder sind schlimm, unsere Buben noch schlimmer! Gott lasse uns sterben, ehe sie Männer werden! Vom Walde klingt ein Klagen dumpf Uni's Bächlcm ruft der Tannenbaum, (Fortsetzung folgt,) 238 Katholisches Lebe» in einer französischen Provinzialstadt. (Fortsetzung.) Im Range und in der mannigfaltigsten Wirksamkeit aufsteigend, gelangen die guten jungen Damen zum großen Gelübde auf Lebenszeit, obgleich eS nur ein Beispiel gibt, daß das Opfer nicht beim ersten schon innerlich fürs ganze Leben gebracht war, — sie erhalten mit der Zeit den Ehrennamen von Müttern, und können Oberinnen in demselben Hause oder in einem andern werden; endlich können sie Provinzialen, also Aufseherinnen aller Häuser einer Ordensprovinz und Assistentinnen der Generaloberin seyn, deren vier mit der letztern die Regierung des Ordens führen. In jedem einzelnen Hause sind die Klosterfrauen noch unterschieden in Damen und Schwestern, welche letztere in der Kleidung kaum erkennbar, so viel wie in andern Orden die Laienschwestern sind und die niederen Verrichtungen der Hausordnung, des Kochens u. s. w. ausüben. In der Gemeinschaft stehen sich aber alle gleich und einer schlichten Laienschwester, einer besonders gotterfüllten Magd deS Herrn, werden in dem verborgenen Leben der Gemeinschaft Vorzüge eingeräumt, welche die Oberin sich selbst versagt, und deren Grund Auswärtigen unerklärlich, ja der Auserwählten selbst unerklärt und unbewußt bleibt. Doch kann auch der fremde Besucher unter diesen Schwestern, die meist der dienenden Classe entstammen, oft eine ungewöhnliche Würde und milde veredelte Züge entdecken, und es ist immerhin wichtig, daß auch in den Beziehungen zu der Bedienung die Kinder sich des Klanges von Gezänke, Schreien und unnützem Geschwätze so lange Zeit entwöhnen. Im Uebrigen werden sie in der Bedienung so wenig, als in der Kost und Pflege verweichlicht. In manchen Stücken wie in der Heizung findet man in Frankreich die deutschen Kinder allzu weich und üppig gewohnt; in Paris und in den südlichen Provinzen versetzen auch die Bedürfnisse der Kost, wie sie die Deutschen mitbringen, die französischen Damen in Erstaunen; doch bilden die Häuser von Metz, Kinzheim und Blumenthal (M Lim- burgischen, bei Aachen) hierin den naturgemäßen Uebergang und der westdeutsche, besonders aber der luxemburgische Appetit wird als weltgeschichtliche Thatsache respectirr. Die Fasten sind äußerst mäßig. Zur Zeit der großen Fasten dürfen die artigsten Kinder die Ersparnisse des Klosters, oder eigentlich die von den Zöglingen auS freien Stücken am Munde ersparten Confitüren vom Vieruhressen, umgesetzt in Linsen und Bohnen, wöchentlich den armen Frauen vom guten Hirten in einer kleinen Deputation zum Geschenk hinbringen. Andere dürfen zur Belohnung an gewissen Tagen bei der Bewirthung der heiligen Familie im Kloster die eingeladenen Armen bedienen; auch an sonstigen guten Werken dürfen die älteren Mädchen sich schon selbst betheiligLn. Also mit Versuchen und Uebungen der Wohlthätigkeit machen die Zöglinge ihren Uebergang zum Leben in der Welt. Mag dann in dieser Welt später der Tanzmeister noch Einiges nachzuholen haben, es wird nicht so schwer werden, wenn der Körper durch gesunde Pflege und gerade Haltung, die Seele aber durch die Würde der Unschuld zur anmuthigen Erscheinung unter den Menschen vorbereitet ist. Wenn man in Deutschland überhaupt eine zu geringe Vorstellung von dem haushälterischen Berufe der französischen Weiber hegt, so gilt dieß mit besonderm Unrechte von den klösterlichen ErziehungShäusern. Nicht allein werden die weiblichen Arbeiten, von dem niedrigsten Strumpfflickwerke und dem einfachsten Saume bis zur feinsten Stickerei, auf das Gründlichste und Strengste betrieben, sondern auch durch Rechnungsfertigkeit und eigene Verwaltung der kleinen Ausgaben wird die künftige sparsame Hausfrau schon herangebildet. Reinlichkeit, unerbittliche Ordnung und Rührigkeit zu jeder Arbeit werden stündlich geübt; schwärmerische Freundschaften, Weltschmerz, Blaustrümpfigkeit, kurz jede Art anerzogener, angelogener Phrasen sind verpönt; dagegen liebt und begünstigt man eine freie und heitere Entfaltung aller Anlagen des Charakters, aller guten Einfälle; man überläßt den Kindern abtheilungsweise die Erfindung und Ausführung von allerlei Spielen, erlaubt ihnen, um die Wette ihre Vorstellungen zu 239 geben, weiß jedoch die Charaktere, Alter und Nationalitäten so zu mischen, daß ein Gleichgewicht erhalten bleibt; strenge Kritik wird nach dem Maaß der Fähigkeiten und der Anstrengung nicht gespart; so wird der Wille vielfach geübt in der Unterwerfung, der Charakter dagegen im Wollen und der gute Wille im Können und in der Beharrlichkeit. Was aber endlich als das höchste Lob einer gelungenen Erziehung betrachtet wird und wofür wir in Deutschland das rechte einzige Wort fast eingebüßt haben, ist die Einsalt. Wir müssen jetzt nur noch eine der Verbindungen berühren, durch welche die Klosterfrauen vom heiligen Herzen Jesu nicht allein für sich zur Unterhaltung ihrer Menschenkenntnis) von der Welt sich belehren lassen, sondern auch ihrerseits die Fäden ihres wohlthätigen Wirkens unter den Weltkindern durch Rath, Gebet und Werke fortspinnen. Die Belohnungen der Kinder werden theils von den Gespielinnen durch Wahl zu gewissen Ehrenämtern mit besondern Bändern ertheilt, theils von den Damen in einem eigenen Capitel beschlossen und durch Aufnahme in kleine geistliche Genossenschaften, wie die des Kindleins Jesu, dann aufsteigend die der heiligen Engel und zuletzt die der Muttergotteökinder bewerkstelligt. Diesen letztem Ehrennamen mit der Medaille, worauf das Herz Jesu und die schöne Inschrift: „dor meum jungatur vodis" (Mein Herz bleibe mit Euch verbunden) vie Vorderseite zieren, behalten die belohnten Kinder, auch wenn sie zu der Familie in die Welt zurückkehren; ja Damen aus der Welt, wie selbst die Gemahlin eines Präsecten, machen sich eine Freude daraus, unter die weltlichen Marienkinder sich ausnehmen zu lassen. Beide zusammen haben im Kloster jede Woche ihre eigene heilige Messe und einen Tag der Zusammenkunft, wobei Arbeiten für bestimmte mildthätige Werke verfertigt werden, z. B. Meßgewänder für die armen Kirchen der ganzen Diöcese. Die Bräute schenken dahin ihre reichen Hochzeitskleider, eine jährliche Lotterie aber liefert die reichsten Beiträge zu jenen Kirchenschätzen, welche am Ende des Jahres dem Herrn Bischof zur Vertheilung, nach seinem Ermessen, überbracht werden. Dem 8serö eosur steht am nächsten, sowohl nach dem Geiste des OrdenS, als nach der Bestimmung für die höhern Stände, das Erziehungskloster Maria Heimsuchung (vam