Eilfter Jahrgang. Sonntags-Betblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 3. August AK. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis TV kr., wofür es durch alle königl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Was das Mährchen von Oskar v. Redwitz uns Schullehrern erzählt. (Schluß.) Hören wir, wie's dem Bächlein weiter erging I Und buhlerisch sah vom Altan Die Königstochter stolz sich an, Und sah ihm tief in's Herz hinein, Daß es erbebt in minnigcr Qual..... Und weiter zog's in trunk'ner Lust! Es ging ihm leiblich wohl und war zufrieden. Doch kam ein Sturm; Da saßt es schon der Winde Schaar An Füßen und Händen und wallendem Haar; Da ward es gezerrt, ward es geschwungen . , > . Und aus den brausenden Finsternissen Stach Blitz um Blitz auss Bächlein ein, Gleich einem brennend bösen Gewissen. Da wollte es umkehren zum Tannenbaum. Doch Wie es so für sich gedacht, Da hatten sich viel' lockre Genossen , . Zum Bächlein schnell hcrbcigemacht; .... Und sangen M spöttische Ammen die Weise: „Schön eia Popei, im Himmel gehn Viel Schäflcin weiß wie srischcr Schnee! Das Kindlein wollt' auf die Beine steh'n, Da fiel es um und that sich weh!" Da war daS Brünnlein verloren und eS lief mit. Nun hatten die andern Wellen einen Sturm schon lange unter sich auSgesonnen wider die Feinde deS Böge- leinS, in dessen Sold sie standen. Da mußte das Tannenbrünnlein denn mit. Da traf der entfesselte dräuende Strom Zuerst auf einen riesigen Dom..... Vom Thurme stieg das Kreuz in's Blau, Die ganze Erde sah es prangen. Und eine Schlange rief: Hichcr! und stürzt nur den Tempel um! Doch umsonst! Sie zogen weiter. Da trafen sie ein Königshaus. Und von dem stolzen Bau gedeckt Stand manch ein prunkender Palast, Die üppige Freude saß zu Gast .... Der Sturm begann; die Wächter alle hatten die Hut hintangesetzt und bald wäre es gelungen. Doch Da sank im stummen bleichen Kreis So still auf's Knie die Königin, Und hob ihr Kind zum Himmel hin, Und betete so tics und heiß. Ihr Gebet fand Erhörung und Gott rettete den König und sein Haus. Die Wellen zerstoben. Und ach! mit den empörten Wogen War auch das Bächlein überall « In blindem Laufe mitgezogen. Da bracht' es auf den letzten Wegen Ein friedlich Hüttlcin noch zu Fall; D'riu sprach eine Mutter den Abendsegen, Und drückte gcrad' in frommer Lust Ihr Kindlein an die junge Brust; Da stürzten die Mauern und sargten sie ein. O Bächlein, Gott erbarm' sich dein! DaS mag beim Beginne der Reformation ein lustiges Leben gewesen seyn. Die Thüren der Klöster wurden erbrochen und verdorbene Mönche konnten Nonnen in die Arme sinken und lang ersehnte Genüsse kosten. Gold gab es vollauf, und der Wein floß über die Straßen: denn die Kisten und Keller der geistlichen Häuser wurden aufgeschlagen. Da ging es manch Jahr in cluloi subilo und die Pädagogen liefen mit. Die hatten es seit jenen Tagen gar gut. Die Sorge ward den Fürsten überlassen, sie striechen gemach die Gehalte ein, und aßen höchstens als Nachtisch- Ideen von Menschen- unv Bürgerthum. Doch bald begann auch die Arbeit. Die Wasser ergossen sich in alle Lande und hier gab es eine Kirche, dort einen Adelssitz zu erstürmen, die Pädagogik mußte voran, um manches Herz in die Festungen selbst herüber zu ziehen. Viel gelang, viel nicht. War aber vorher in Allem Sicherheit und Einheit, so fiel jetzt Alles in Kampf und Zersetzung. Ja! Uneinheit und Trennung ist seit jenen Tagen der Grundcharakter der Pädagogik. Bekanntlich ist sie eine Nachgeborene und nimmt ihre Grundsätze und Mittel aus andern Wissenschaften. Die Wissenschaft aber, wie das Leben, hat seitdem verschiedene Gänge gemacht, ist von Stufe zu Stufe auf der Gottesleiter der Wahrheit herabgestiegen und hat sich festgesetzt. Da liefen nun die Pädagogen je nach des eignen Herzens Drang in die Apotheken der Gelehrten und holten sich der eine destillirte Frömmigkeit, der andere christianisirteS Heidenthum, der dritte sociales Bürgerthum, der vierte absolute Ab- straction und jeder erhielt, was er verlangte. In unsern Tagen endlich hat man sich mit Divinität nicht weiter mehr begnügt, sondern holte sich aus der großen Garküche der Philosophie jene dekannte Salbe, die in geordneter Weise gebraucht, den Menschen Gott gleich macht. Das wird den losen Vogel freuen, daß daS Brunn- lein so treu ihm nachgelaufen. Ja er ist ihm nachgelaufen, der Brunnen der Cultur, unv hat mitgeholfen seines guten Theiles an allen Versuchen, die in den verschiedenen Landen von Wittenberg bis Rom zum Umsturz der Altäre und der Throne gemacht wurden. Sie mag so manche Mutterseele in den Abgrund geworfen, und die Kinder ihr nachgeschleudert haben. Warum nicht? Schaut an unsere Frauen, die Frauen der Zeit und des Fortschrittes! Sind sie Mütter voll Liebe, Ernst und Gottesfurcht? 243 Ehemals waren die schlechten Weiber gezierte Puppen, heute sind sie blutige Löwinnen, die ihre Kinder dem Irrthum der Albernheit und dem Verderben übergeben und so die Seelen ihnen aus dem Herzen reißen lassen. Darum hat die Pädagogik viel gesündigt! Möge sie vom Mährchenbrunnen sich erzählen lassen, was der Sünde folgen solle. Doch die Großhändler können durch ihre Waaren nicht schaden, wenn die Kleinkrämer sie nicht verschleußen. Die Wissenschaft mag Tollheit lehren, sie wird so lange wenig schaden, bis sie unter das Volk gelangt. Wahrheit und Irrthum aber kommt unter das Volk und dadurch erst in das Herz der Welt durch uns Schullehrer. Das ist unsere Bedeutung in der Welt, der Segen, den wir geben, aber auch der — Fluch, darum hat auch uns, zumal in den letzten Tagen, der schlaue Vogel so eifrig zugesungen: Komm mit! Komm mit! Und wir, wir sind mitgegangen, haben mitgeschrieen, mitgestürmt. Der Schuß, den ich vorhin hörte, war aus der Büchse eines Mannes gekommen, der sonst die Feder und den Griffel führte. Wen hat er wohl getroffen? Vielleicht ein ehemaliges Schulkind, das er lehrte, wie der Soldat seinem Fürsten zu gehorchen habe, seinem Fürsten, den er aber nun selber verrieth. Schaut hin nach Baden und über den Rhein! Die Wahrheit schwimmr auf seinen Gewässern. Doch halt! ich höre wieder einen Knall! wer fiel? „Der Schullehrer Hofer, standrechtlich hingerichtet!" „O Büchlein! Gott erbarm sich dem!" Darum wollen auch wir zum Mährchenbrunnen eilen und ihn fragen, wie er die Rückkehr zum Tannenbaum fand. Wir sollen Reine machen, und wessen Herz nicht selber rein, der kann nicht Reinheit geben. Ja! Lehrer, gebet alle Euren Kindern reine und Wahrheit und Recht liebende Herzen. Bald treten sie aus Eurer Hand in das Leben. Bisher hat der Schlangenvogel nur leise gerufen, daß ihr es nicht hören möchtet, aber nun ertönt seine Stimme hell und keck. Wen hat er zu fürchten? Den Vater? Der hat nicht Zeit, auf seine Kinder zu sehen. Die Mutter? Die hat es schon lange verspielt! Den Pfarrer? Was merkt der Vogel auf den Pfarrer? Den Landrichter? Der hat die Vögel nicht einmal ungern. Den Polizeidicuer? Jcr! den fürchtet er noch am meisten; doch seit er keinen Stock mehr schwingen darf, ist ihm der Stachel auch genommen. So singt er also lustig, Land auf und ab, morgen lustiger als heute; denn jeder Tag mehrt seine Siege. Da laufen sie denn hin, wohin der Vogel sie schickt, und jetzt nimmer hinter die Hecke. Das- ist nicht weiter nöthig. Im Salon wird gegen die alte Tanne der Zucht, auf der Tribüne gegen die alte Tanne der Religion, und auf freiem Felde gegen die alte Taune des Gesetzes losgezogen — losgestürmt. Ja! manches, manches Edelreis, das jetzt Ihr Lehrer zu des Herrn Füßen legt, wird ein wilder Apfelbaum werden,, manches Brünnlein, das ihr mit Gottes Wasser jetzt noch nährt, wird eine ungezügelte Woge werden, die mithilft bei der großen Überschwemmung, deren herannahendes Rauschen wir erst vernommen. Wehe den Palästen, den Kirchen und den Hütten! Gar mancher loser Bube wird aus unsern Händen kommen, der seine Kraft am Einwerfen prüfen wird. StetS aber wird es gehen, wie eS im Mährchen ging: Die Wogen werden zerschellen. Hebt darum das Mährchen auf, daß unsere Nachkommen darin lesen können, wie's dem Brünnlein ging und was eS that, als es ihm also begegnet war! Jetzt wollen aber wir hören, was eS that! Da lags dann da im schwarzen Moor, Das arme Büchlein, so stolz zuvor, Da lag's verlassen mit seinem Harm, Da lag's nun frei, daß Gott erbarm! Und vor ihm lag mit blutigem Haare Das bleiche Weib auf sumpf'gcr Bahre, Zur Seit, vom Herzen ihr gerissen, Das Kind mit schmerzlichem Gesicht; 244 Da starrt es hin in dumpfem Schmerz: Da lieg' ich nun, o Höllcnlug! In meiner ganzen Herrlichkeit. Da kam das Vögelein; das Brünnlein macht ihm Vorwürfe. Jenes aber spottet: Doch sag! Hab' ich dich denn geheißen, Des Users Bande zu zerreißen? Hast du es nicht von selbst gethan? Nach solchen Reden ist das Brünnlein endlich zur Einsicht gelangt und ruft: Fluch über dich und deine Brüt! Ich kenn' dich nun,' dein Spiel ist au«! Du und die Schlange find nur eins — Und in der Hölle steht dein Haus. Ja! laß die Wasser wieder schwellen, Daß sie die Erde überschwemmen! Ich werd' mich vor den Tempel stellen. Und ihnen mich cntgegenstcimnen! Und nun wendet sich des Brünnleins Sinnen zurück zum Tannenbaum und fleht im Herzen um Verzeihung und Rückkehr. Aber die Tanne hatte es längst ve» nommen und sendete ihm einen Tannenzweig entgegen, der in Gesellschaft von andern braven Vögelein dem Brünnlein entgegenging. Die nahmen Grüße mit vom Tannenbaum und den Blümlein allen, die dort den Brunnen umgeben hatten. Die Röslcin baten: Ach thut uns die Bitt' Nehmt doch auch von uns ein Blättchen mit, Und grüßt es von uns aus tröstendem Herzen! Sonst könnt' es von uns das Bächlein schmerzen! Und unterdessen hatte daS Brünnlein gefleht: O Tanncnbaum! sich' wie ich weine! Und hör' mein Jammern reueticf! Verschmachtend dich mein Herze sucht, O laß' mich finden auch das Deine! Was ich gefehlt, das sey verflucht! Und alsogleich stieg aus dem Moor So ernst der Tanncnzweig und sprach: „Du rufst und sich, ich steig empor"." ES ward, nun im Jubel zurückgetragen Da sank es leise weinend nieder, Und war beim Tannenbaumo wieder. Das Drama ist vollendet. Es war cm wehmüthig-heiteres Tranerspiel. Und also muß die Pädagogik ihren LcbenSlauf, den sie durch die Jahrhunderte macht, abschließen, will sie nicht beim Vöglein bleiben und in seinem Neste Wohnung nehmen. DaS möchte sie aber doch nicht wollen. Darum zurück! Nachdem sie ihre Jrrgänge gegangen, ist sie, wie daS im Reiche des Geistes nothwendig ist, bei der Negation jeder christlichen Grundsätze, bei der Negation ihrer selbst angekommen. Fragt die Koryphäen unter den jetzt lebenden Pädagogen um die Bestimmung des Menschen, um den Seelenzustand desselben, auf dem aufgebaut werden müsse, fragt sie um die Tugenden, die die Erziehung geben, und um die Fehler, die sie nehmen müsse; ihr werdet von denselben die euch höhnende Antwort erhalten: Der Mensch ist 245 Gott, vollkommen betritt er die Welt, seine Natur ist die absolute Vollkommenheit, seine Krone ist die Läugnung aller Autorität, sein einziger Fehler: das Glauben! Gebt solchen Leuten Eure Kinder in Erziehung, daß sie Götter daraus machen; dann erspart ihr dem Vögelein die Arbeit! Die Pädagogik ist aufgefahren und sitzt fest. Ruft sie nicht nach dem Tannenbaum, sie ist verloren! Sie führt die Kinder zur Schlange, von der ja jenes Wort ist: Ihr sollt seyn wie die Götter! Die Wahrheit aber ist die Bestimmung, die Gott gegeben! Der Grund aller Erziehung, der Zustand der zwar erlösten aber zum Bösen neigenden Seele! Die Mittel, die Seele im Guten festzumachen, sind in erster Reihe die von Christus gegebenen Heiligungsmittel. Aus, durch und für Christus! sey das Princip aller Bildung! Er ist der Tannenbaum des Brünnleins Pädagogik. Was macht wohl Hofers Weib und Kind? Es mag manche Thräne ihnen aus dem jammernden Auge geflossen seyn? Und die Flüchtlinge, die über dem Meere vor den Gendarmen Ruhe suchten — verlassend die heiligen Gräber, in die sie ihren Vater oder ihre Mutter gelegt hatten — wie mögen sie sich wohl befinden? Und die Unglücklichen, die dem Arme der Gerechtigkeit verfielen und jetzt öffentlich vor den Augen ihrer Schulkinder aus dem Gefängniß zur Anklagebank und von da zurückgeführt werden, wie mögen sie sich fühlen? Wohl nicht am Besten! Der Rausch ist ausgeschlafen, die Folgen dauern lange. Davon, ihr übrigen Alle, die ihr Eure Mitschuld zu verbergen wisset, die ihr dieselbe Lust nur aus Klugheit zurückgehalten, und ihr, die ihr den Vogelpfiff durchschauend treu bliebet, nehmt Euch ein Erempel! Ungestraft ist das Brünnlein nicht vom Tannenbaum gewichen. Darum, und weil es also vernünftig und christlich ist, wollen wir Alle Wahrheit, Gesetz und Gottes Wort ehren. Wir wollen halten zu dem Herrn! und weil der Herr zu seinen Verwaltern Kirche und Staat gesetzt hat, wollen wir zu diesen uns schlagen. Und fordert ein Beamter auch mit stolzer Miene die Steuer und ein Pfarrer mit unfreundlichen Worten den Dienst — was beunruhigt uns die Form: das Wesen ist daS Wort der Autorität, die sie zu vertreten haben. Laßt ihnen ihre harten Herzen und gehorchet! Knechte und Sklaven braucht ihr deßhalb nicht aus euch machen zu lassen! Ihr sollt nur freie Diener seyn! Freie Diener um Gottes willen! Ja kehren wir Alle, wir Lehrer der Jugend, zurück zu Gott. Er ist unser Tannenbaum uns armen Brunnen. Dann werden wir auch im Stande seyn, das Verderben wenigstens zu schwächen, daS der fremde Vogel in unsere Kinder hineinpfeift, wir werden im Stande seyn, wenigstens daS Bild und die Erinnerung deö Tannenbaums tief in die jungen Herzen zu graben. Wohl wird manches Kind, das jetzt noch ganz harmlos in der Schulbank sitzt, einst andere Wege gehen, denn jetzt. ES mag stolz an Gottes- und Königshäuscrn vorübergehen und vielleicht mit verbissenem Grimme die Steine vor denselben mit dem Fuße wegschleudern; es mag manchen Damm sprengen, den Recht unv Zucht aufgebaut und nur die Schwäche zu hüten vergessen; manches Blümlein, daS lustig und heiter in die Welt geblickt und alle reinen Herzen entzückt hatte, mag es in traurigen Augenblicken knicken — allein eS wird auch für dasselbe der Tag des Unglückes, des Elendes und der Reue kommen. Haben wir dann die Lehre vom Tanncnbaum fest ins Herz, gelegt, dann wird der Tannenzweig auS der untersten Seele des unglücklichen Verbrechers heraufsteigen, Heilung und Rettung bringen. Mögen alle jungen Sünder nnd Sünderinnen dann die Rückkehr zum Tannenbaum finden; denn der Tannenbaum ist Gott, der allein sie dann retten kann. Das nun habe ich dem Mährchen vom Tannenbaum und Brünnlein abgelesen; aber AlleS ist das nicht. Noch viel mehr liegt drin verborgen. Wer ein reines Herz hätte, der könnte den Schau erheben. Darum, liebe Freunde vom katholischen Schullehrcrverein, verschafft Euch das Buch. Es ist so wunderbarlich schon und sinnig, daß ich eS Euch nicht zu sagen vermag. Es enthält die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Schule. 246 Und da Jeder von uns ein Brüunlein war, oder ist, oder doch werden kann, so schreiben wir die Schlußworte des Mährchens uns tief ins Herz: Doch horch! Im Tanncnbaum, wie's schauert! Er rauschet mahnend: Wacht und betet! Katholisches Leben in einer französischen Provinzialstadt. (Fortsetzung.) Die freundliche, neue gothische Capelle der Schwestern von St. Chrötienne, im besten Style mit Glasmalereien und gelungenen Fresken vor wenigen Jahren vollendet, wird dem Fremden als eine der Sehenswürdigkeiten von Metz gezeigt. Ueberbaupt scheint der junge Orden einer großen Verbreitung und Blüthe entgegen zu gehen. Zwischen drei und vierhundert Schwestern mögen jetzt schon in Lothringen und den benachbarten Departements in den Städten und größeren Flecken vertheilt seyn. Da die Schwestern aber nach den Ordensregeln nicht einzeln ausgehen und sich niederlassen dürfen, können sie auf dem Lande in kleinen Flecken und Örtschaften nicht wirken. Hiefür ist also ein anderer Orden nöthig gewesen und er hat nicht lange gefehlt. Die Schwestern der Vorsehung nämlich bestehen zwar schon länger und waren bereits in der Capitelversammlung aller Barmherzigen Schwestern und verwandten Orden vertrete», welche Napoleon unter dem Vorsitze seiner Mutter 1807 abhalten ließ; allein der Stamm des gegenwärtigen Ordens hat nach mancherlei Schicksalen und Verpflanzungen erst in den letzten fünfzehn Jahren gesunde Wurzeln geschlagen, seitdem er durch seinen Almosenier und Reformator, den noch lebenden frommen und unglaublich unternehmenden Domherrn H.... in dem Schlößchen Peltre, anderthalb Stunden von Metz, angesiedelt worden ist. Von diesem jetzt umgebautcu und erweiterten Schlößchen tragen die Klosterfrauen aligemein den Namen Schwestern von Pelrre, sie haben daselbst ihr Noviziat und ein Pensionat sür Kinder von wohlhabenden Familien aus dem Bauernstande, worauf Unterricht und Erziehung speciell berechnet sind. Die Schwestern von Peltre also haben vorzugsweise die Bestimmung für die Landgemeinden und zwar nicht allein für den Schulunterricht der Mädchen, sondern auch für Armen- und Krankenpflege auf dem Lande, weßhalb die Ordensregeln ihnen gestatten, auch einzeln, auf die Ortschaften zu gehen. Es werden dazu von Seiten der Gemeinde Verträge mit dem Orden eingegangen, wie dieß auch bei andern Schulschwcsteru der Fall ist, und das Wirken einer einigen solchen Schwester ist in der Regel so segenreich und ein so großer Trost sür eine Gemeinde, daß die Beispiele äußerst selten ftyn werden, wo man sich von diesen Verträgen seitens der Ortsbehörde wieder lossagt. Den guten Schwestern soll durch die weltlichen Schullehrer zuweilen das Leben etwas sauer gemacht werden, allein ihre Demuth erwirbt ihnen doch meistens den geeigneten Schutz, und die stetig zunehmende Nachfrage und Bewerbung der Ortschaften liefert den besten Beweis, daß hier einem Bedürfnisse des Volkes nach Wunsch entsprochen wird. Peltre liegt gerade an der im Bau rasch voranschrcitcnden Eisenbahn von Metz nach Saarbrücken. Dadurch wird der nothwendige häufige Verkehr zwischen den Schwestern und dem Mutterhaus in der Diöcese nicht allein sehr erleichtert werden, sondern es können auch die deutschen Nachbarn aus den Diöcesen Trier, Speyer und Mainz in wenigen Stunden Kenntniß nehmen 'von einer wahrhaft praktischen Anstalt, welche gewiß auch bei uns verlangt und nachgeahmt werden würde, wenn das Volk eS einmal wieder selbst erfahren hätte, daß die Quellwasscr, welche von ven Höhen rieseln, einen reinern gesündern Geschmack haben, als das Wasser, welches für seinen Durst ihm jetzt aus Cisternen und Filtrirmaschinen zufließt. ES ist eine große Gnade Gottcö und eS gehört ein mächtiger innerer Beruf dazu, wenn eine einfache Tochter 247 des Landvolkes durch eine Schule und Einübung von wenigen Jahren innerhalb der Gemeinschaft so weit im Unterrichte gelangt und sich im geistigen Leben so ganz befestigt, daß sie ohne Gefahr allein, ohne höhere oder gegenseitige Aufsicht, in entlegene Orte ausgesandt werden kann, wo sie an ihr Gelübde streng gebunden, Allen nützlich werden soll, ohne von Jemanden etwas ansprechen zu können, als nur vom Ortspfarrer den nöthigen geistlichen Trost und Rath. Aber die uneigennützige, unentgeltliche Widmung, die unbezahlte Dienstleistung der christlichen Liebe stickt doch dem Bauer wie dem Handwerker so in die Augen, daß der Lebensberuf der Schwestern von Peltre bereits ein Ehrenstand geworden ist, und daß auch angesehene Familien der lothringischen Landbevölkerung es als ein Glück und eine Ehre für sich betrachten, wenn ihre Mädchen den Beruf bekommen und etwa auö dem Pensionate sogleich in den Orden eintreten. Doch wir kehren in die Stadt zurück und verfolgen weiter die Wege, auf welchen katholische Liebe die Bedürfnisse deS heutigen Volkslebens, wenn auch die traurigsten, zu stillen sucht. Da begegnen uns denn noch zwei Anstalten, die wir nicht unerwähnt lassen dürfen. Zunächst die sogenannte Natermtö, Entbindungsanstalt und FiudelhauS, eine städtische Einrichtung, in welcher jetzt durch die Anstrengungen eines verdienten alten Arztes und die einsichtsvolle Fürsorge desselben thätigen Domherrn, der die Schwestern der Vorsehung erneuert hat, die angestellten Pflegerinnen durch kurze Gelübde allmälig aus Miethlingen zu Berufenen umgebildet werden (8vvurs cle 8ts. I^Iicie). Im Vorbeigehen mag hier angeführt werden, wie die verschiedenen Orden vom Volke vorzugsweise nach der Dauer der Gelübde, als nach dem Grade und Werthe ihres Lebensopferö, abgeschätzt und behandelt werden. Nach diesem Maaßstabe stehen denn am allerhöchsten Diejenigen, die sich selbst am tiefsten stellen und für ihr ganzes Leben zu den Verworfensten der Erde gesellen, die Frauen vom guten Hirten. Sie werden zwar nicht in obigem Verhältnisse vom Volke mit allen Mitteln versehen und mit Almosen unterhalten, denn Wer denkt so leicht an jenen heimlichen Winkel ewiger freiwilliger Verbannung deS Lasters, — so lange arme Waisen und Kranke öffentlich nach dem Almosen die Hand ausstrecken, sie sind vielmehr ost wie vergessen und der härtesten Entblößung preisgegeben. Dafür haben sie die Ehre, den Herrn und Meister auf jenem Pfade, wo ihm von den Pharisäern rie Herablassung zu den Sündern als Sünde vorgeworfen wird, stets allein zn begleiten; die Frauen vom guten Hirten können sich niemals auf grüner heiterer Wiese bei den gesunden und unscknlvigen Lämmern ausruhen. Diese meist den höhern Ständen angehörigen erhabenen Seelen tragen unschuldig und freiwillig das Kreuz der Sünden einer ganzer Stadt mit unbegreiflicher Ueberwindung jeder menschlichen Regung nach Freude und Erholung; sie scheinen selbst des heiligen Jg- natins dritten Grad der Demuth hinter sich zu lassen, indem sie nicht allein Armuth, Krankheiten und Verachtung lieben und aufsuchen, sondern auch fast unausgesetzten sittlichen Ekel, indem sie, wie man glauben sollte, eine Hölle auf Erden von dem Herrn sich erbitten und von den Menschen sich auflegen lassen. Welche Bnße, welche Härte kann den Sünderinnen hart erscheinen, wenn sie sehen, daß die edelsten, reinsten Wesen der Erbe ein so hartes Leben aus freier Wahl mit ihnen theilen; der Anblick solcher übermenschlichen Widmung wird gerade den wahren Magdalenen Anfangs fast unerträglich, aber auch nur unter solchen Eindrücken bleibt die Reue unermüdct und lange, lange unersättlich an Buße. Den Büßerinnen steht der erste Eintritt wie der Austritt frei; Zwang und Strafe findet gegen die Austretenden nur dadurch statt, daß ihnen ein zweiter Eintritt unerbittlich versagt ist. Die Büßerinnen sind natürlich in verschiedene Grade abgetheilt, auch iu der Kleidung von einander unterschieden; in einem besondern Verhältnisse und von den eigentlichen Büßerinnen ganz getrennt stehen die von ihren Eltern zur Aufsicht und Besserung übergebenen gefallenen, oder sittlich sonst gefährdeten jungen Mävchcn. Endlich haben die Frauen vom guten Hirten auch wenige andere Kinder zur Erziehung bei sich, eine Last, die bei ihnen fast als eine Erholung erscheinen könnte. So sind ihnen einige, durch 248 einen frommen italienischen Priester aus der Sklaverei in Egypten befreite Negerkinder zur Pflege anvertraut, für deren Unterhalt, wenn ich nicht irre, ihre Tauf- pathinnen, die oben erwähnten Marienkinder, Sorge tragen. Uebrigens ist eS nicht leicht und für männliche Besucher ganz untersagt im Kloster zum guten Hirten weirer als bis zur Capelle oder zum Sprachgitter der Vorsteherinnen vorzudringen. Der Neugierde, welche so selten etwas bringt, wird hier auch wenig zu suchen gestatten; auf Touristen sind überhaupt die Klöster der ernsten neubelebten Orden nicht eingerichtet. (Fortsetzung folgt.) Bonn» Bonn. 22. Juli. Der berühmte Pater Jgnatius (Lord Spencer) hält sich seit einigen Tagen hier bei^uns auf, um auch hier für seine heiligen Zwecke zu wirken, und findet überall, nicht bloß bei seinen Glaubensbrüdern, sondern auch bei den fremden Glaubensgenossen die liebevollste und freundlichste Aufnahme. Ungemein rührend und erhebend war es, wie er in der Generalversammlung der Mitglieder des Nincenzvereins, die am vergangenen Sonntage im hiesigen Convictorium stattfand, das Wort ergriff, und die Versammlung mit dem Zwecke seiner Mission in einer herzlichen Ansprache bekannt machte, deren Inhalt auch für einen weitem Kreis von Interesse seyn dürfte, und den wir daher auf seine specielle Erlaubniß nachstehend zur Kenntniß Ihrer Leser bringen: „Mit großer Dankbarkeit ergreife ich die Gelegenheit, die mir der Herr Präsident gütig gegeben hat, um dem Hauptzwecke meiner Reise durch Deutschland zu dienen. Ich komme, um Hilfe für die Bekehrung Englands, meines Vaterlandes, zu erbitten oder, wie ich zu sagen gewohnt bin, um meinen Kreuzzug für die Ueberwindung Englands zu predigen und an allen Orten Soldaten für die heilige Armee zu werben. ES ist nicht nöthig, zu bemerken, daß dieser Krieg nicht mit irdischen Waffen geführt wird, die den menschlichen Körper tödten. Nein, die Waffen, womit wir kämpfen, sind nicht fleischlich, sondern göttlich, stark, daS Herz deS Menschen zur Unterwerfung unter Christus zu bringen und gefangen zu nehmen. Und welche sind diese Waffen, womit die Kreuzfahrer versehen seyn müssen? Sie sind dreifach: Erstens Gebete, zweitens das heilige Beispiel, drittens die christliche Lehre und Unterweisung. Und welches sind die Classen, auS deuen diese Soldaten gewählt seyn müssen? Alle Classen; aber besonders die Armen, die Kranken und die Kinder, jene, sage ich, die Gott selbst für sich auSer- wählt hat: die Armen, die Verachteten, die Verworfenen der Welt, aber die reich sind durch den Glauben; und dieses ist eS, was mich antreibt, mich Euch zu empfehlen, eifrige Nachfolger des heiligen Vincentius, des Vaters der Armen. Ihr besorget die Armen; Ihr erquicket sie in allen ihren geistigen und leiblichen Leiden und Bedürfnissen, und darum seyd Ihr es, die ihre Herzen bewegen können. Vielleicht werbet Ihr mir bemerken: Ja, es ist wahr, unser armes Volk kann wohl für England beten, aber wie kann eS England durch das Beispiel und durch den Unterricht zu Hilfe kommen? Es ist wahr, sie können es nicht; aber mir müssen auch an unsere irrgläubigen Brüder in Deutschland denken. Warum sollen wir in diesem Unternehmen auf England allein schauen? Wir können hoffen, daß, wenn England katholisch wird, dieses der Todesschlag deS Protestantismus auf der ganzen Welt seyn wird. Und Ihr solltet für Englands Rettung mehr besorgt seyn um Deutschlands, als um Englands willen. Der Vorschlag also, den ich, wie es auf meinem kleinen Zettel steht, zu machen wage, ist, daß alle Katholiken der ganzen Welt ihre getrennten Brüder überall in den Schooß der Mutterkirche durch heilige, liebevolle Gewalt zu kommen nöthigen, uud daß sie diese Brüver selbst einladen, Gott zu bitten, er möge sie alle zur Einheit in der Wahrheit führen." (D. Volksh.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er.