Cilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburgrr Pojheitung. 10. August M- 2851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsvrei« 40 kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Deutsche Mission in Paris unter dem Schutze deS heiligen Joseph. Für daS in der Uebcrsckrift bezeichnete ^ute Werk hat sich in Paris ein Comitö gebildet, besteh.nd aus dem Gencralvicar Bautain, den Volksvertretern Graf Mon» , talembert, de CoetloSauet, de Foblant, de Heeckeren, Prudhomme, dem Bicomte de Lambel und dem Grasen Arco-AaUey, bayerischem Reichörath. Protecioren sind: der Erzbischof von Paris und die Bischöfe von LangreS und Slraßburg. Dieses Comilö hat folgende Ansprache erlassen: „In Paris und seinem Weichbilde wohnen 60- bis 80.000 katholische Deutsche; darunter sinv Handwerker, Taglöhuer und Dienstleute, deren große Mehrzahl nie eine hinreichende Kenntniß der französischen Sprache erlangt, um von dem in den Pfarrkirchen eriheilten religiösen Unterrichte Nutzen ziehen zu können. So ist diese ganze Bevölkerung durch ihre unglückliche Lage dem Vergessen ihr^r Religion, der Gleichgilligkeil gegen dieselbe und allen Uebeln, welche davon die Folge sind, im Voraus überliefert. Wenn eine so traurige Thatsache in der neuen Welt, in Indien oder China sich zeigte, würde man sich nicht verpflichtet fühlen, den Eifer des KleruS uuv die christliche Liebe der Gläubigen anzurufen? Sollten wir denn gleichgillig dabei bleiben, da sie in der Haupistart des katholischen Frankreich, im Herzen der civili- sirtcn Well besteht? Diese Tausende von Seelen, die durch das Blut unseres göttlichen Heilandes losgekauft und dnrch die heilige Taufe wiedergeboren, die auch Kinder unserer Mutter, der Kirche, sind, — sollen wir sie mitten unter uns irren und verloren gehen lassen, diese armen Schafe ohne Hirt und Hurte? Stehen sie unS nicht lausend Mal näher, müssen sie uns nicht tausend Mal theurer seyn, diese katholischen Seelen, als jene nicht wiedergeborenen Seelen wilder und heidnischer Länder? Welche Gefahr mochte zudem der ihrigen gleichkommen? Die tiefste Unwissenheit, Unsiitlichkeit, Gottlosigkeit, Abfall vom Glauben, schleuniger und verderblicher Rück- fall in eine wahrhaft sittliche und religiöse Barbarei, sollen das die Früchte ihrcS Aufenthaltes unter uns seyn? Sollen sie diese früher oder später in ihr Vaterland mitnehmen? In unsern eigenen Häusern zählen wir Tausende von Kindermägdcn, Erzieherinnen und Dienstleulen deutschen Ursprungs; das heilige Interesse der Familie ist also mit dem Interesse der Stadt, der menschlichen Gesellschaft, der unsterblichen Seelen auf'S Innigste verknüpft. In Paris hat man kein gutes Werk vergessen, nur mit diesem hat man sich noch nicht ausreichend beschäftigt. Rom, London, New- Uork, New-Orleans besitzen Kirchen für die Franzosen und für die Deutsche«; Wien hat eine Kirche für die Franzosen gegründet. Sollte Paris allein zurückbleiben? Nein, die Welt ist von Paris solcher Ausnahmen nicht gewohnt! S50 Die Missionäre beginnen ihr Werk, indem sie im Mittelpuncte der Gegend, die sie bekehren wollen, ein Kreuz auspflanzen. So ist auch vor Allem eine Kirche nöthig, welche, groß und woblgelegen, in ganz Paris bekannt und den Deutschen ausschließlich vorbebalten ist, ncbst Wohnung für sechs oder acht Missionäre, welche sich bereit halten, überall da zu wirken und dahin sich zu begeben, wo es Noth thut. Ferner sind Schulen für Knaben und Mädchen erforderlich, besonders Abendschulen und Sonntagöschulen. Die armen Kinder, welche genöthigt sind, selbst ihr tägliches Brod zu verdienen, lernen nicht allein niemals Lesen und Schreiben, sondern erlangen auch nicht die geringste Kenntniß ihrer Religion, wenn man sie nicht in ihren Freistunden dazu anleitet. Es gibt Hunderte von erwachsenen Jünglingen und Jungfrauen, welche ihre erste heilige Commnnion nicht gehalten haben, ungerechnet zwci oder drei Tausend von geringerm Alter. Endlich wäre noch ein Asyl zum vorübergehenden Aufenthalte junger Mädchen, die ohne Arbeit und ohne Stelle sind, so wie ein kleines Hospital für diejenigen Unglücklichen, welche als Fremde keine Unterstützung und keine Ausnahme in den städtischen WohlthätigkeitSanstalten finden, oder denen der Aufenthalt in dieselben nicht bis zur völligen Wiederherstellung vergönnt ist, zu gründen. Bis jetzt ist Folgendes geschehen: In einigen Pfarrkirchen wird Religionsunterricht gehalten; aber bei allem guten Willen und der größten Zuvorkommenheit von Seiten der Herren Pfarrer wird der Pfarrdienst dadurch beeinträchtigt und die Stunden sind nicht zweckmäßig. So kann die Sache nicht vorangehen, und eS zeigt sich deutlich, daß ein eigenes Gotteshaus da seyn mnß. Es ist deßbalb ein Gebäude in der Nähe einer Barriere des Faubourg St. Martin gemiethet und in eine provisorische Capelle umgewandelt worden. Schulsäle für die Knaben sind auch beschafft, so wie eine erträgliche Wohnung für vier deutsche Schwestern vom heiligen Karl Borro- mäus aus Nancy, welche die Kranken in ihren Wohnungen besuchen und schon 300 junge Mädchen unterrichten. Da aber die provisorische Capelle nicht für ein Viertel der Gläubigen, welche sich zum Kirchenbcsuche drängen, hinreicht, mußten wir für ein größeres Gotteshaus sorgen, wäre eS auch nur von Brettern gebaut. Wir haben daher einen Bauplatz nebst einer kleinen Wohnung mit dem Rechte des Ankaufs gepachtet, der in der Nähe aller Verbindungswege nach Deutschland liegt. Dort soll der Angelpunct der Mission seyn; dort ist das Centrum einer Bevölkerung von ungefähr 2(1,(10» Deutschen, welche eine halbe Stunde von jeder Kirche entfernt wohnen. Im Ganzen haben wir für Miethe 7000 Franken jährlich zu zahlen, wozu noch die Unterhaltung deS Personals kommt. Die göttliche Vorsehung ist unsere einzige Hilfsquelle!" Das Comitv beabsichtigt, die Mittel zu vorstehend auseinandergesetzten Zwecken durch freiwillige Beiträge und Subscriplionen für regelmäßige monatliche oder jährliche Zahlungen zusammenzubringen, und nimmt auch Geschenke von Kirchengerälhen, Stoffen zu Gewändern, Leinwand u. s. w. mit Dank an. Direktor deS Vereins ist der geistliche Herr I. I. Chable, Rue Lafayette 126. Ein besonderes Comite, auS Damen bestehend, hat sich für die Errichtung der deutschen Armenschulen gebildet; unter mehrern französischen Namen bemerken wir dabei die der Gräfin Elisabetb von Bergh-TripS aus Düsseldorf und der Gräfin Anna Maria von Wald- burg-Zeil und Trauchburg. Cassirer dieses Comites ist Herr Bourlez, Place du Pantheon 1. — Indem wir die Gründung dieses verdienstlichen Werkes hiermit zur Kenntniß des deutschen Publicums bringen, hoffen wir, daß eS bei allen deutschen Katholiken lebhaften Anklang finde. Katholisches Leben in einer französischen Provinzialstadk (Fortsetzung.) Doch wir dürfen noch nicht ermüden in der Aufzählung der Erziehungsanstalten von Metz, so lange wir noch mit keinem Worte der Schwestern vom heili- S51 gen Vincenz von Paulo erwähnt haben, welche daselbst in so mannigfacher Wirksamkeit thätig sind. Ihnen ist nämlich die gan;e Waisen- und Krankenpflege der Stadt überlassen. In zwei getrennten Häusern werden die Waisenknaben und die Waisenmädchen, beide aber ganz allein aus dem Ertrag jährlicher freiwilliger Subscriplionen unterhalten und diesen Umstand müssen wir besonders hervorheben. Wenn man bei manchen hier gerühmten Anstalten vielleicht einwerfen könnte, daß man dafür ja auch bei unS ähnliche Einrichtungen von Staats wegen angeordnet und controlirt finde, so wird man doch nicht verkennen, daß ZwangSan- stalt'.'N eben keine Seltenstücke zu den hier besprochenen Beispielen zu liefern vermögen. Die freiwilligen WohlthätigkeitSanstalten der katholischen Kirche sind die ersten gesunden Elemente einer Decentralisation in Frankreich, also daS specifische Heilmittel für den gestörten Blutumlauf, wodurch jeden Augenblick die Schlagansälle dem Haupte deS Landes, der Capitole Paris, drohen, um von da aus periodisch auch die Glieder zu lähmen, nämlich die armen Provinzen, die eines solchen Wechsels nachgerade müde werden. ES war mir oft schwer zn begreifen, wie es möglich sey, daß dieselben Personen, welche von Staats wegen schon so hart besteuert sind, welche auch für die Stadt ihren gezwungenen Antheil tragen, außerdem auch noch für fünf oder zehn freiwillige gute Werke jährlich mit vollen Händen ihr Opfer bringen, und daß nicht allein einzelne Reiche, sondern auch viele gute Bürger aus den Mittelklassen für solche Anstalten einmal für allemal in ihrem Rechnungsüberschlage des Jahres verhältnißmäßig bedeutende Posten ansetzen. Aber eine solche Opferwilligkeit und großmüthige Gewohnheit würde gewiß auch unter-den besten Bürgern nicht so andauern und wachsen, wenn Christen nicht daS Brod, welches sie heute auf fließendes Wasser legen, am dritten Tage wiederfänden; wenn sie nicht von ihrer Arbeit, von ihrem einträchtigen Wirken Dank und Freude ernteten. Daß Letzteres der Fall ist, liegt in dem rechten Geiste der Unternehmungen und in der Wahl der rechten Mittel, welche sich in Metz unter dem doppelten Schutze und Segeu des heiligen Vincenz von Paulo täglich erproben; eS liegt darin, daß die thätigsten Christen, organisirt als Vincentiusverein, ihre Almosen nicht in dunkle Kasten werfen, sondern sie in die Familien der Armen tragen, an deren Herd die Werke der Liebe selbst ausüben, für die verlassenen Einzelnen aber, für die Waisen besonders, durch neue geweihte Bereinigung sorgen und diese auS freiwilliger Liebe gegründeten Anstalten den barmherzigen Schwester» vom Orden desselben großen Apostels der Armenpflege anvertrauen. Wir dürfen über diese lieben Schwestern hier nur ein Wort sagen; theils weil ja ein Jeder, der sehen und hören will, der nicht absichtlich nichts oder aus schlechtem Gewissen nichts Gutes hören und sehen will, viel besser thut, die ersten Sendlinge, die wir so glücklich sind in mehrern deutschen Kirchenprovinzen bereits zu besitzen, an Ort und Stelle selbst zu besuchen; theils weil Alleö, was Clemens Brentano*) von den Schwestern des heiligen Carl BorromäuS zu Nancy mit beredter unübertrefflicher Einfachheit gesagt hat, fast ohne Ausnahme auch von den Schwestern des heiligen Vincenz gilt. Wenn jene in der Auswahl und Aufnahme strenger sind, so scheinen diese in ihrem rücksichtslosen Gottvertrauen noch unternehmender zu seyn. Diese frommen Seelen, deren Mutterhaus und großes Noviziat in Paris ist, deren Pflanzschulen aber auch schon in Straßburg und in München unS nahe gerückt sind, werden im übrigen Deutschland hoffentlich nicht weniger guten Boden finden, als in Algier, Nordamerika und China. So oft ich in Metz zwei solcher lieben Schwestern mit den breiten weißen Flügeln ihrer Hauben durch das Straßcngewühl der Sackträger und Schacherjuden, durch Gassenjungen und Soldatenhaufen unberührt und leichtgetragen hindurchschweben sah, kamen sie mir immer vor, wie die Tauben, die gleichfalls ungestört und von den Menschen unbemerkt sich auf den Straßen niederlassen und ebenso unberührt ') In dem vortrefflichen Buche: „Die barmherzigen Schwestern in Bezug .ins Armen- um Krankenpflege/- Coblenz bei Hölscher 1S31. 852 wieder weiter fliegen. Betreten wir zuerst daS Waisenhaus der Knaben, wo die Schwestern nur als Mütter erscheinen, so finden wir in den Morgenstunden die jüngsten der anwesenden Kinder in ihren Schulclassen versammelt; eine Abtheilung von 45 Knaben von 10 bis 14 Jahren von einer Schwester, die kaum 30 Jahre erreicht haben kann, in ganz musterhaficr Zucht und doch in vertraulicher Liebe zu- sammengehalten; die ä leren Zöglinge, nur zum Theil unter Overgesellen von fünf Hantwerken in verschiedenen Werkstätten, im Hofe unv im untern Stocke vertheilt, während ein anderer Theil schon in der Frühe zu guten Meistern in die Statt geführt worden ist; die Schlassäle zum Lütten weit geöffnet, Küche, Vorrathskammern und Keller, besonders aber daS einfache Hauscapellchen in reinlichster Ordnung, Alles, waS zur Verwaltung gehört, wiederholt sich in sämmtlichen Anstalten, die den Schwestern übergeben sind, unv findet sich natürlich am sorgkältigsten da geordnet, wo ihnen auch die Leitung und Rechnungsführung unmittelbar anvertraut ist, wie hier in beiden Waisenhäusern. DaS der Märchen ist viel zahlreicher, viel geräumiger. Hier ist natürlich daS Nähen und Behandeln der Wäsche die Hauptsache; der Wech- zcugvorrath ist die Schatzkammer, und dieses ganze Fach bildet die künftige Lautbahn der Zöglinge. Wenn sie entlassen werden, treten sie unter den Schutz eines besondern religiösen Francnvereins (I'oeuvre clo jcrmes seoriomes), welcher sie in eigenen Werkstätten oder Arbeilksälen unter Auflicht eines Mitgliedes vereinigt, ihnen Beschäftigung gibt, ihre Sparpfennige anlegt, ihnen für passende Dienststellen sorgt, in einem Worte, mit ihnen in Verbindung bleibt, um sie vor der Nothwendigkeit und den Gefahren .anderer zufälliger und zweifelhafter Verbindungen zu schützen. In dem Mädchenwaisenhause zu Metz, einem ehemaligen Klostergebäude, ist der schöne lange Schlifsaal berühmt. Es ist damit auch eine Apotheke verbunden, in welcher vier Schwester von besonders guten Anlagen und Vorkenntnissen, unter zeitweiliger Anweimng eines Provisors au>a der Start, die Arzneimittel für das Haus und für die Stadiarmen bereiten. Wie sie dabei die Schwierigkeiten und Vornrthcile der Zunft überwinden, hat schon Brentano beschrieben unv gerechtfertigt. Müssen nicht auch unsere gelehrten ungläubigen Aerzte vom Glauben an ihre große Wissenschaft leben? Unv man frage die aus Hospitälern beiderlei Arten entlassenen Kranken, an Wen sie mehr glauben? ob ihnen besser mit der liebevollen Wartung, dem Troste unv den Hausarzneien der Schwestern, over vielleicht mit den gelehrten Recepten wirklicher geheimer Hofräche und den Mieihlingshandlhierungen ächt weltlicher Krankenwärter qevient gewesen sey? Glücklicher Weise nimmt doch allenthalben die Zahl der einsichtigen Aerzte zu. die sich nicht mehr gegen den Anblick der demüthigen, gehorsamen Schwestern mit Scheuledern bewaffnen; müssen sie ja doch schon in vielen protestantischen Gegenden Deutschlands die viel schwierigere Schule der D>acomssen durchmachen. Unter den beiden städtischen Hospitälern zu Metz, welche den Schwestern vom heiligen Vincenz von Paulo vertragsweise übergeben sinv, ist das eine, an der Mosel gelegen (Aotre vamo cls linn seoourg), von geringerm Umfange und nur für vor- übergehcnve Krankheiten und Unfälle berechnet; eS trägt hier AlleS den thätigen, hoffnungsvollen Charakter einer balv bestandenen Prüfung; das große Bürger- hoSpiial (8t Aielgs) dagegen zählt unter der Aussicht und Pflege von einigen zwanzig Schwestern mehr als 700 Seelen, und darunter eine große Anzahl Unheilbarer und Pfründner. Das HauS hat sei' en eigenen Aumonivr, der den beschwerlichen und mannigfaltigen Pflichten seines Priesteramtes nur mit äußerster Anstrengung allein .^ugen kann. Ein bloßes Durchwandeln der Höfe, zahlreichen Treppen unv Gär;e .'ch drei Stockwerke hindurch ist eine halbe Tagereise. Der Anblick so mancher ubschnckenden Gestalten in dieser vollzähligen Sammlung und Aufstellung menschlicher Gebrechen, Laster und Leiden erfüllt den Zuschauer mit der Ueberzeugung, daß eS hier nicht auszuhalten ist, ohne eine bestimmte Sendung von Gott; und wenn er sich in mancher Stunde eingebildet bat, daß er doch auch ein Herz für seinen Nächsten habe und daß gute pflichtmäßige Vorsätze für alle Fälle im Leben ausreichen L53 müßten, so verläßt er dieß HauS sicherlich mit schwerer Seelenermüdung, mit tiefer Beschämung und behält für's Leben eine ehrfurchtsvolle Erinnerung an die geheiligten Wesen, die einer unausgesetzten Gnade GotteS würdig seyn müssen, um auf immer und stündlich ein gleiches Band feuriger Liebe flechten zu können durch die hundertfachen Verwickelungen von Schmerz und Ekel, von selbstverschulvetem Siechthum und von scheinbar „unverdientem Büßen für der Väter Missethaten." Unter den thätigen Schwestern sind vielleicht sechs bis acht ältere, gesetzte Matronen, welche ihren Schlüsselbund mit kerniger Faust schwingen und stämmigen Schrilles durch die Säle schreilend, mit festen Blicken bald rechts bald links, in der gemischten Gesellschaft Ordnung und Frieden durch ihre bloße Anwesenheit gebieten. Aber bei weitem die meisten sind rührend junge Mädchen, denen, wie ich eS einst vernahm, das allererste Anklopfen des Meisters das Herz getroffen hat und die ihm unverwandten Blickes bis hierher gefolgt sind, wo sie seine Gegenwart täglich in der unkenntlichsten Gestalt aufsuchen und ehren, wo sie nur, wenn daS müde Auge sich am Abend schließt, das lohnende Wort zu vernehmen glauben: „DaS hast du mir gelhan " Da sieht man bald die eine mit einem Korb voll Arzneiflaschen von einem Bett zum andern schweben, den Leidenden, die wohl ihr zu Liebe so gerne einnehmen, freundlich ernst zunicken; die zweite kniet vor einem Bette und verbindet den von einem Hufschlage zerschmetterten Fuß eines rüstigen Bauernburschen mit so anmuthiger Einfalt und Würde, daß der Dulder nur daran zu denken scheint, wie auch er sich in stummem Anstand? gegen die liebe, vornehme und doch wieder demüthige Schwester einfach ergeben und dankbar, verhalten soll; einer dritten hat eben ein armer Bauer in einem Korbe sein Bübchen mit zerbrochenem Beine übergeben; sie hat eS gebettet und sitzt nun bei ihm mit einem Bilderbuch«. Wenn unter den vier so eben beschriebenen, den barmherzigen VincentiuS-Schwestern anvertrauten Anstalten die beiden erstgenannten ganz von freiwilligen Beiträgen, also vom öffentlichen Vertrauen leben, so haben wir nun noch eine Stiftung zu erwähnen, die von einem einzigen noch lebenden Ehepaar gegründet und zur Stunde nicht ganz vollendet, aber der Einweihung in kurzer Zeit entgegensehend, wahrscheinlich in dieselben treuen Hände übergehen wird. ES ist dieß das künftige Waisenhaus der heiligen Constan- tia, so benannt nach dem einzigen, im sechzehnten Jahre nach unsäglichen Leiden heimgerufenen Töchterchen des Herrn H........, Notars zu Metz. Der Staub dieses einen gebrechlichen KindeS wird nun bald in der Gruft der neuen Capelle ruhen; aber den trostlos gewesenen Eltern erblüht auf der Erde der Verwesung, der auch sie bald angehören werden, ein immergrüner neuer Stamm; denn am Todestage faßten sie den Entschluß, vierzig Waisen, wenn ich nicht irre, vorzugsweise von unverschuldet verarmten Eltern an KindeSsiatt anzunehmen, und diese werden hier daS Andenken des frühen Opfers ihrer kleinen Schwester Eonstantia feiern. Nicht allein der schöne Bau, der sich auf der St. Vincenzinsel in Hufeisenform nach der Mosel hin erstreckt und dessen offne Säulengänge einen freundlichen Garten umschließen, also nicht allein die Räume und Mauern wurden von den wohlhabenden und wohlthuenden Gatten gegründet, sondern sie sollen auch die vierzig Freistellen schon vollständig sundirt haben. In solchen Zügen, wie wir sie seither betrachtet haben, könnten wir fast stolz werden, den Bürgersinn der alten deutschen Reichsstadt verwandtschaftlich wieder erkennen zu dürfen, wenn nur von unserer Seite die Ahnenprobe ohne Scham zu bestehen wäre. Aber wo sind denn drei Namen auS dem gesammten deutschen Adel, die Fürsten mit einbegriffen, die auf ihrem Stammbaume in der ganzen ersten Hälfte dieses Jahrhunderts auch nur ein Denkmal wie daS des Metzer Bürgers aufzuweisen vermöchten; geschweige denn des christlichen Sinnes im neuern deutschen Bürgerstande, der in der reichsten und stolzesten freien Reichsstadt die Stiftungen seiner bessern Vorzeit zwar conservativ fortverzehrt, die Gräber seiner Vorfahren aber, wie die seiner Ehegatten und ehelichen Kinder beschatten läßt von dem Alles überragenden Denkmal einer auswärtigen, ich meine von der babylonischen Schule. Man wird 254 zwar sagen, solche Stiftungen, wie das HoSpital de St. Constance in Metz, möchten voch auch in dem katholischen Frankreich eine Seltenheit, eine zufällige Ausnahme seyn. Allein obgleich es nicht die Absicht des Schreibers war, an Ort und Stelle Notizen mit Namen und Zahlen zu sammeln, und überhaupt einen Bericht zu erstat- ten, zu welchem ihm jetzt erst nur sein Gedächtniß zu Gebote steht, so können hier doch noch einige Beispiele hinzugefügt werden, welche allein aus Metz und aus den letzien Jahren entnommen, die Ausnahme fast zur Regel erheben. Ein Fräulein S. hat beim Antreten ihrer elterlichen allerdings bedeutenden Erbschaft sogleich den größern Theil unter die milden Stiftungen ihrer Vaterstadt vertheilt und z. B. den Waisen 60.000 Franken geschenkt. Ferner von Werken der Baukunst, zu weichen sonst unter Tausenden collectirt wird, sind neuerlich durch drei einzelne Damen aus Metz drei neue Kirchen in nächster Umgebung der Stadt ganz allein auS ihren Pri- vatmitteln, ohne besondere oder ohne alle Verpflichtung erbaut worden und zwar in Trepy bei Peltre eine kleine Basilika mit gemalten GlaSfenstern, gewiß nicht weniger als 80,000 Franken anzuschlagen, durch Mad. P. de C.; sooann zu Noiseville eine gleichfalls sehr anständige ländliche Kirche durch Fräulein M.; endlich aber in Woip- pieS, eine Stunde von Metz, die meisterbaft und im reinsten Style durchgeführte kleine gothische Kirche, welche über 130,000 Franken gekostet hat, durch Frl. M. Wir können noch ein weiteres Beispiel hinzufügen. Eine würdige Dame hört, daß ein junger Priester eö sich besonders eifrig angelegen seyn läßt, auS der zahlreichen Garnison, welche, wie die ganze Armee, keinen Aumonier mehr hat, die guten christlichen Gemüther aufzusuchen und ihnen mit Rath und That, mit Unterricht und geistlichem Troste nach Kräften beizustehen, Sie stellt ihm einen Saal in ihrer Wohnung zur Verfügung, worin er bald eine kleine militärische Gemeinde von 60 — 100 Mann versammelt Der Herr Bischof hilft nun seiner Seits nach; er enthebt ihn seiner bisherigen Vicarstelle und übergibt ihm förmlich die Sorge für die selbstgcbildete Gemeinde. Diese nimmt täglich zu und verbreitet immer größern Segen. Die Räume deS SaaleS reichen nicht hin und können zum kirchlichen Gebrauche nicht schicklich dienen. Da baut unsere hochherzige Dame Mad. P____sofort im Hofe ihres Hotels eine freundliche, ja geschmackvolle Mariencapelle an, welche ihr 46,000 Franken kostet. Die militärische Gemeinde ist nun bereits auf 800 Mann angewachsen; zwar nur ein kleiner Theil der großen Garnison, aber auS lauter Freiwilligen bestehend, welche noch obendrein Schwierigkeiten zu bekämpfen haben, um ihre Capelle öfter besuchen zu können. Die Wohlthäterin hat aber keinen andern Lohn von ihrer Stiftung, als daß sie in ihrer nichtsichtbaren Seitenloge im Chor täglich sich dem Dankgebete so vieler frommen und tapferen Soldaten anschließen kann Derselbe würdige junge Priester, Abb6 M., welcher gleichzeitig auch einen Handwerkerverein von mehreren hundert Mitgliedern gebildet hat und diesen sowohl als seinen Soldaten täglich Morgens die heilige Messe lieSt, Abends KatcchiSmuS und geschichtliche Vorträge hält, ist ein geborner Metzer und ein Liebling seiner Vaterstadt. Eö ist ein ganz kindliches aber feuriges Gemüth, und weiß, indem er sich selbst bescheiden zurückhält, seine Leute bewundernswürdig zur Selbstthätigkeit und zur Verbreitung seiner guten Werke anzuleiten. Anfangs sah die Militärbehörde seine Bemühungen mit Mißtrauen und einige Chefs argwöhnten legitimistische Umtriebe; junge Officiere mußten ihn eine Weile beobachten. Er aber wußte die letztem durch seine unwiderstehliche liebenswürdige Einfalt unbewußt so sehr zu beschämen, daß sie nicht allein zn seinen Gunsten zeugten und ihm Freunde und Zuhörer warben, sondern jetzt selbst mithelfen, den Soldaten in den Abendstunden allerlei nützlichen Unterricht zu ertheilen. Auch Schüler der Leols ä'gppliestion mit Officiersrang kann man da oft bis zehn Uhr AbendS noch mit der Kreide an der Tafel stehen und lehren sehen. Der jetzige Kriegsminister, General Randon aber, obgleich selbst Protestant, hat als Gouverneur von Metz noch vor wenigen Monaten der Einweihung der Capelle beigewohnt und begünstigt daö gute Beispiel auf alle Art. sSchluß folgt,) 255 England. Durch die definitive Annahme der Titel bill in der Sitzung deS Hauses der Gemeinen vom 4. Juli ist der umviderlegliche Beweis für die Unduldsamkeil der ang- licanischen Kirche vor aller Welt geliefert. Die englische Geistlichkeit wollte sich den ruhigen Besitz ihrer unermeßlichen Reichthümer, so wie die ausschließliche Herrschaft über daS religiöse Bewußtseyn der Bewohner der britischen Inseln sichern, und das ist ihr in so weit gelungen, als eS von ihr selbst und von dem unter ihrem Einflüsse stehenden Parlamente abhängt. Zweierlei wird durch dieses Ereignis, offenbar: erstens, daß der Katholicismus in England bereits dergestalt gekräftigt ist, um die Eifersucht und die Besorgnisse eines Bekenntnisses zu erregen, daS aus der Genußsucht eines englischen Königs hervorgegangen ist; zweitens, vaß man die englische Nationalität vorzugsweise als die Verfolgerin deS Katholicismus betrachten muß Daß der katholische Glaube in England täglich mehr Kraft und Ausdehnung gewinnt, unterliegt um so weniger einem Zweifel, je mehr man nicht bloß die Zahl der dort fast täglich stattfindenden Uebertritle zum Katholicismus, sondern auch die hohe sociale Stellung vieler Personen in daS Auge faßt, welche daö Schisma verlassen und in den Schooß der wahren Mutter der Völker zurückkehren. Unwiderleglich geht auch aus der Geschichte unserer Tage hervor, daß der Haß und die Verfolgung deö Katholicismus jetzt mehr als je ein Charakterzug der englischen Nationalität ist. Allerdings zeigt zu unsern Zeiten der Nachrichter dem Volke nicht mehr das Haupt eines Hingerichteten Thomas MoruS, allerdings färbt das Blut englischer Märtyrer nicht mehr daS Schaffst, dennoch ist es leider eine unbestreitbare Thatsache, daß die englische Verfolgung an Grausamkeit nicht abgenommen, wohl aber an Schlauheit zugenommen hat. Elend' und Hunger reiben in Irland die katholische Bevölkerung auf, und das reiche Albion weiß kein Mittel, will keines finden, ihre Leiden zu mildern. Binnen wenigen Jahren hat die katholische Bevölkerung Irlands um zwei Millionen abgenommen. AIS im Jahre 1829 die Emancipationsbill die königliche Genehmigung erhielt, hatte eS den Anschein, als sollte der katholische Cultus von seinen Fesseln befreit werden. Da schmiedet sie plötzlich nach einundzwanzigjähriger PrüfungSzcit Lord Russell wieder fester. Dadurch hat er ein Werk vernichtet, dessen Zustandebrin- gung dem Herzog von Wellington tausendmal mehr zur Ehre gereicht, als seine Siege in Spanien und Belgien. Es fehlte im englischen Parlamente keineswegs an vielfachen Betheuerungen des Liberalismus und der Toleranz; es waren aber nur leere Worte, nur höhnische Phrasen. In dem zwanzigjährigen Zeilraum, während welchem das Joch anglikanischer Unduldsamkeit minder schwer drückte, athmete der Katholicismus wieder auf und gewann frische Kraft, und bereits bedrohte die in ihm liegende Wahrheit die Herrschaft deS AnglicauismuS. Auch die den Katholiken noch belassenen bürgerlichen Reckte werden ihnen wieder entrissen werden, sobald ein kaiho- lischeS Votum dem Protestantismus auch nur einen Schatten von Besorgnis) einflößen wird. (Bilancia.) K öl n. Köln, 24. Juli. Gestern fand im großen NathhauSsaale dieser Stadt die Generalversammlung der Vjricenz vereine in (Nord-) Deutschland statt. Vertreten durch Deputirte waren die Vereine von Aachen, Düsseldorf, Neuß, Bonn, Koblenz und Andern ach; von den übrigen Vereinen, deren entferntester in Schwerin mit vielem Erfolge sich gebildet, waren die Berichte an den Provin« zialrath eingelaufen, welche, nachdem die persönlich Anwesenden ihre Vorträge geHallen, vorgelesen wurden. Die Versammlung war (durch die hiesigen zahlreichen Con- ferenzen) sehr groß, auch der Oberbürgermeister, welcher mit großer Bereitwilligkeit den schönen NathhauSsaal zu dem Zwecke eingeräumt kalte, so wie der Präsident der 25k Armenverwaltung, Herr Geheimrath BerghauS, waren von Anfang bis zum Ende zugegen. Das Präsidium führte Baron Devivere, den Ehrcnvorsih, da der Herr Cardinal abwesend, der hvchwürdigste Herr Wcihbischos. Die mannigfachen, aus verschiedenen Landestheilen eingehenden Berichterstattungen über die gesegnete, oft wunderbare Wirksamkeit dieses schönen Vereines und die Anwesenheit mehrerer mit dem Geiste und Zwecke des Vereines in engerm Zusammenhange stehende Ordenspriester machten diese Versammlung zu einer eben so interessanten als anferbauenden. Pater Jgnatius (Spencer) brachte aus Altengland seinen frommen Brmergruß und flehte in rührender Ansprache (er spricht schon recht verständlich die deuische Sprache) nm Gebete für sein Vaterland. Der Superior der erst seit einigen Monaten hier eingezogenen MissionSpriester (Lazaristen) Herr Hire hielt zum Schlüsse, im Namen seines Ordens — der Söhne deS heiligen Vincenz — über die Werkihä- tigkeit deS Glaubens in ächter Christenliebe eine ergreifende Rede. Die Versammlung schloß wie sie auch begonnen mit Gebet. Keine der frühern Generalversammlungen deS hiesigen Provinzialrathes war so zahlreich gewesen, keine so interessant und wichtig durch ihre Resultate: der Geist deS großen Heiligen waltete sichlbar in« mitten der Brüder und gibt die zuversichtliche Hoffnung, daß die junge Pflanze, kein erotisches, sondern ein heimatliches Gewächs, zum kräftigen Baume auf Deutschlands Boden heranwachsen werde. (M. I.) Köln. Für den Dombau ist bekanntlich eine Bruderschaft zusammengetreten, deren Statuten wir hier mittheilen: 8. 1. Unter dem Titel: St. Peters-Bruderschast wird eine Bruderschaft von Priestern errichtet, welche für den Foribau des hochbe-- rühmten Kölner Domes fromme Gaben beizuschaffen bezweckt. Z. 2. Die einzelnen Mitglieder dieser Bruderschaft übernehmen folgende Verpflichtungen: 1. Daß sie das gottgefällige Werk des DombaueS mit frommem Gebete unterstützen. Deßhalb werden sie an jedem Sonn- und Feiertage die unten angegebenen Gebete verrichten. 2. Daß sie außer derjenigen Gabe, welche sie aus eigenen Mitteln opfern, jährlich wenigstens 3 Thaler unter den Gläubigen einsammeln, indem sie jede Gelegenheit wahrnehmen, wo sie dieses sromme Werk der christlichen Freigebigkeit am besten zu empfehlen im Stande sind. 3. Daß sie, wenn sie ein Testament machen, in demselben eine beliebige Gabe zur Vermehrung des DombaueS vermachen. 4. Daß sie jährlich einmal das heilige Meßopfer verrichten für das Wohl der Bruderschafts-Mitglieder und aller Wohlthäter des frommen Unternehmens. §. 3. Zur möglichst leichten Organisation ist die Bruderschaft so eingerichtet, daß je zehn benachbarte Mitglieder einen unter sich haben, der als Vorsteher das von den Einzelnen aufgebrachte Gelo empfängt und jährlich zur rechten Zeit mit einer Nachweiseliste nach Köln in die Kasse der Bruderschaft schickt. Wenn diese Zehnzahl auf irgend eine Weise abnimmt, so hat dieser Vorsteher so bald wie möglich für ihre Wiederergänzung sich Mühe zu geben. Dieses Zusammentreten der zehn, so wie die Bestimmung ihres Vorstehers ist der freien Einigung der Bruderschafts-Mitglieder überlassen. Wenn eS aber in irgend einer Gegend Schwierigkeiten fände, so wird die geistliche Behörde dafür Sorge treffen. §. 4. Der hochwürdigste Herr Erzbischof von Köln ernennt aus der Zahl derjenigen Mitglieder, welche in Köln wohnen, drei Verwalter, welche der gesamm- ten Bruderschaft vorstehen. §. 5. Das aufgebrachte Geld wird an die Erzbischöfliche Kasse übergeben und jährlich muß in der Octave von Pein Pauli darüber Rechnung gelegt werden. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhabcr: F. C. Krem er.