Eilster Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur c Augslmrger postSeitung. 17. August M»- zz. issi. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonncmentspreis M kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Die Fortschritte des Katholicismus. Unter dieser Neberschrift brachte jüngst die „Neue Bremer Zeitung" einen Leitartikel, den wir wegen der seltenen Unbefangenheit und Gerechtigkeit, die er zu erkennen gibt, seinem ganzen Inhalte nach vorlegen zu müssen glauben. Er lautet: „Eine der großartigsten Erscheinungen unserer Zeit, ja wir dürfen Wohl sagen, die großartigste, ist die Wiedererhebung des Katholicismus aus dem tiefen Verfalle, in welchen derselbe, gleich dem Protestautismus, in Folge der so lange unaufhaltsam um sich greifenden Verbreitung jener flachen Aufklärerei gesunken war, die sich noch heute unrechtmäßiger Weise mit den Namen der Bildung und der Philosophie schmückt, während sie doch das Gegentheil jeder wahren Bildung ist, und jeder tieferen philosophischen und wissenschaftlichen Begründung entbehrt. Die revolutionären Bewegungen der Jahre 1348 uns 1849 bezeichnen den Wendepunct, der den Sieg des Katholicismus über die Gefahren entschieden hat, die ihn in den vornehmsten Mittelpuncten seiner Macht mit dem Untergange bedrohten. Noch sind kaum zwei Jahre vergangen, seit der Papst nur unter dem Schutze fremder Bajonette in die Hauptstadt zurückkehren konnte, aus der ihn der Aufruhr vertrieben; und heute sehen wir die römische Hierarchie eine weltgebietende Macht entwickeln, wie sie dieselbe seit jenen Tagen veö MittelallerS nicht mehr geübt hat, wo Völker und Fürsten vor den Bannstrahlen deS Vatikans zitterten. In Italien, im Kirchenstaate selbst, ist diese Macht zwar auch jetzt noch keineswegs befestigt; sie wird hier nur durch die fremde Gewalt aufrecht gehalten, welche die Revolution äußerlich unterdrückt hat, und die nicht zurückgezogen werden darf, wenn die in die Gemüther zurückgedrängte Gähruug nicht von Neuem in hellen Flammen ausbrechen soll. Aber die Macht der römischen Hierarchie ist, als eine geistige, an keinen Ort gebunden. Der Nachfolger deS heiligen PetruS kann seinen Sitz an jeden beliebigen Punct der Erdoberfläche verlegen; unv er wird die katholische Kirche, die ihn als den Stellvertreter Gottes auf Erden anerkennt, seinen Geboten eben so gehorsam -finden, als wenn seine Befehle von Rom ausgingen. Auch dürfen wir die Zustände Italiens nicht nach dem äußern Scheine beurtheilen; hier, wie beinahe in dem ganzen übrigen Europa, ist den finstern Mächten der Revolution nur ein Theil der sogenannten gebildeten Stände verfallen. Die Massen der ländlichen und selbst der städtischen Bevölkerungen hallen noch fest an dem allen Glauben; und die Revolution verdankt ihr Ucbergewichl nur dem allgemeinen Hasse gegen die Fremden, den sie geschickt zu ihren Zwecken zu benutzen weiß. In Frankreich hat der katholische Klerus nicht trotz, sondern in Folge der Februarrevolution einen Einfluß gewonnen, den demselben alle Begünstigungen der Restauration während ihrer ganzen fünfzehnjährigen Dauer nicht zu gewähren vermochten. Die Ursache liegt aber keineswegs darin, wie man wohl zu behaupten 238 versucht hat, daß die revolutionäre Bewegung von 1848 in Frankreich Überhaupt keinen gegenreligiösen Charakter gehabt habe. Die Grundsätze der Revolution sind heute dieselben, die sie im Jahre 1789 und die sie im Jahre 1793 waren. Aber die Machthaber, welche durch die Ueberraschung des 24. Februar die Gewalt an sich rissen, mußten zu ihrem Schrecken wahrnehmen, daß selbst die irregeleiteten Arbeiter- Massen, die sie in Bewegung setzten, von religiösen Gefühlen durchdrungen waren, unv sie wagten es deßhalb nicht, diesen Gefühlen entgegenzutreten. Die Freiheit der Religionsübung und die Freiheit des Unterrichts, welche die demokratische Verfassung von 1848 aussprach, hatte gewiß nicht zum Zwecke, den Einfluß deS katholischen Klerus zu erweitern; aber durch diese Bestimmungen wurden die Schranken niedergerissen, welche die frühere revolutionäre Gesetzgebung dem Einflüsse des Klerus gesetzt hatte, und mehr bedürfte derselbe nicht, um durch die Kraft seiner natürlichen Ausdehnung von dem ganzen weiten Gebiete Besitz zu ergreifen, von dem er bisher durch die Gesetze des Staates ausgeschlossen war. Zu dieser Stunde ist in dem größten Theile von Frankreich der ganze niedere und mittlere Unterricht in den Händen des katholischen Klerus, den allerdings auch die gegenwärtige Regierung begün» stigt, weil sie in ihm neben der Treue des durch die Bande der Disciplin zusammengehaltenen, und von bewährten Anführern befehligten Heeres die festeste Stütze der Ordnung sieht. Nicht weniger bedeutsame Eroberungen, wie in Frankreich, hat der Katholicismus bei uns in Deutschland gemacht; und man darf es sich nicht verbergen, auch bei uns ist es viel weniger die Gunst der katholischen Regierungen, als die durch die revolutionären Verfassungen verkündete Freiheit, welche ihm das Feld eröffnet und eingeräumt hat. Die Schranken sind gefallen, welche die weltliche Macht auch in den katholischen Staaten zu ihrem Schutze gegen die römische Hierarchie aufgerichtet hatte. Mehr ist selbst in Oesterreich nicht geschehen, und Alles, was wir von dem beherrschenden Einflüsse vernehmen, zu dem hier die katholische Geistlichkeit gelangt sey, läßt sich darauf zurückführen, daß jene Bestimmung der Verfassung vom 4. März 1849, welche „„jeder gesetzlich anerkannten Kirche und Neligionsgesellschast"" das Recht zugesteht, „„ihre Angelegenheilen selbstständig"" zu ordnen unv zu verwalten, ausnahmsweise in Bezug auf die katholische Kirche zur Ausführung (?) gebracht ist. Wenn wir nun sehen, wie die römische Hierarchie durch die der katholischen Kirche eingeräumte Selbstständigkeit sich zu einer imponirenden Macht erhebt, der gegenüber der in sich gespaltene, durch den Unglauben bedrängte Protestantismus beinahe vollkommen rathlos und hilflos erscheint, so finden wir eS zwar leicht begreiflich, daß ans unserer, der protestantischen Seite, die ernstesten Besorgnisse entstehen; wir können eS aber unmöglich billigen, wenn man die Herausforderungen und Angriffe, zu denen das doch nur auf irriger Schätzung der Kräfte beruhende Gefühl der überlegenen Macht von der andern (katholischen) Seite nur zu häusige Veranlassung gibt, durch gleiche Herausforderungen und Angriffe erwidern zu dürfen glaubt. Wir haben nicht den Katholicismus zu bekämpfen, mit dem wir in den wesentlichsten Fragen einig sind, wenn auch in andern, doch immer weniger wesentlichen, eine noch so weite Kluft uuS trennt. Wir sollen vielmehr durch das erhebende Beispiel, das der Katholicismus uns.gibt, uns zur Nacheifcrung anfeuern lassen. Wir sollen vor allen Dingen da, wo es uns an der festen kirchlichen Ordnung fehlt, aus welcher der Katholicismus seine siegreiche Macht schöpft, mit Ernst daran gehen, auch in unsern Reihen die Ordnung herzustellen. Sobald wir dieß gethan haben, werden auch wir im Stande seyn, unsern wahren Feind', den Unglauben, der sich in unsere Mitte eingeschlichen hat, mit Erfolg zu bekämpfen; und dann können wir auch den Angriffen, welche die römische Hierarchie gegen uns richten mag, getrost und unbesorgt entgegen sehen." 859 Katholisches Leben in einer französischen Provinzialstadt. (Schluß.) Doch eS ist Zeit, nach der Aufzählung so vieler einzelnen Werke und Anstalten katholischer Liebe und Thätigkeit, zu dem AuSgangSpuucte zurückzukehren, zu dein Kerne der bürgerlichen und christlichen Gesellschaft, welche in der französischen Pro- vinzialstadt zweiten Ranges solche Beispiele zu geben vermag. Von der städtischen Verwaltung, der Municipalität von Metz, wollen wir nur so viel erwähnen, daß sie als solche sich gegenüber der Kirche und den religiösen Interessen streng auf ihre gesetzliche Verpflichtungen, wie auf eine neutrale Stellung zurückzieht, jedoch mit Humanität unv dankbaren Rücksichten denjenigen wohlthätigen Vereinen entgegenkommt, deren Wirksamkeit da anfängt, wo der verpflichtende Buchstabe des Gesetzes aufhört. Wir setzen voraus, daß den Lesern die innere Einrichtung der Vincentiuö- vereine bekannt ist, wie dieselbe überall in einem und demselben Geiste, gleichsam als weltliche Ordensregel angenommen ist. Wir können daher von Metz sogleich einige Besonderheilen angegeben. Der Verein, welcher von P. Lacordciire gestiftet, jetzt dreizehn Jahre besteht und mehr als 100 wirkliche thätige Mitglieder zählt, hat sich demohngeachtet noch immer in einer einzigen Conferenz zusammengehalten, und die öfter vorgeschlagene Trennung in mehrere Abtheilungen bis jetzt noch nicht ausgeführt. Er zählt außerdem 36 Wohlthäter (welche den veräußerlichen Theil des Reservefonds durch ein Capital vermehrt haben), 140 Ehrenmitglieder und mehrere hundert eingeschriebene Kchenker und Schenkerinnen. Ein Frauenverein, wie die deutschen Elisabethenvercine, steht ihm in Metz nicht zur Seite, aber vier barmherzige Schwestern sind eigens für die entsprechenden Zwecke deS Vereines in beständiger Thätigkeit. DaS jährliche Budget beträgt durchschnittlich etwa 12,000 FrcS., welche gruncsätzlich, wie überall, nicht baar, sondern in Anschaffungen an die Armen gelangen. Einen Auszug der letzten Jahresrechnung wollen wir aus den letzten NechnungSablagen hier beifügen. 5) Der Jahresbericht wird jedesmal vor Neujahr in einer größern öffentlichen Versammlung erstattet. Hiebei pflegt der lebenslängliche Präsident Herr F. seit einer Reibe von Jahren immer mit musterhafter christlicher Beredsamkeit und der Bescheidenheit und Herzlichkeit, welche nach dem Geiste des Vereines Gesetz ist, die vorzüglichsten Erlebnisse des zurückgelegten Zeitraumes zu ') Einn ah in e n. Uebcrschuß Vom vorigen Jahr einschließlich des veräußcrlichcn Reservefonds Wöchentliche und außerordentliche Sammluugcn..... Beiträge der Mitglieder ........ Ertrag der jährlichen Lotterie........ Von der Commission der Bälle........ Zinsen des vcräußerlichcn Reservefonds Gaben zu bestimmten Zwecken...... Verkauf von Brod-, Kohlen- und andern Anweisungen Summa . . . t7,YS2 Pfund Brod . 504 Kil, S00 gr, Fleisch , .50,444 Kil. 500 gr. Steinkohlen 11,440 Lit. Holzkohlen Ofcnmiethen Kosten der Bibliothek Burcaukostcn, Auslage, Ausfälle Kleiningssiücke, Bettungen u, s, w> Gcfänanißwcrk . . . . Acrztliche Auslagen . . Jahr 1850 vermehrt um 2150 Frcs. Ausgaben. Summa 4425 Frcs. 52 Ct. 1155 — 85 — 3921 — so — — 90 — 450 ^ „ 364 — 20 — 332 —' ,» ^ 318 — „ — 14560 — 7 — 3140 — 35 — 454 — ' S 1049 — 25 — 1235 — 80 — 5S1 — 35 874 — 90 — 176 ' — » ^ 49 — 90 - 7621 — 6» — crvcfond hatte sich im 2«0 schildern und die Gesellschaft wird in der Regel auch von Seiten des Herrn Bischofs mit einem Lobe und einer Aufmunterung erfreut. Außer der gewöhnlichen Armenpflege dnrch die besuchenden Mitglieder hat sich der Verein von Metz besonders in folgenden zum Theil neuen Richtungen vervoll, kommnet. Die Bibliothek, wodurch der furchtbaren Ueberschwemmung der siltenver- derblichen und selbst gotteslästerlichen Literatur der Leihbibliotheken Concurrenz gemacht wird, beträgt jetzt 4000 Bände, welche im letzten Jahre 44,500 Leser gefunden hatten, und unter den Handwerkern schon anfangen, eine katholische öffentliche Meinung zu bilden. Ein Versuch war nur erst gemacht worden mit einer Hausmiethen- sparcasse. Dagegen hatte das gute Werk des Besuchs der Militärgefängnisse dem Verein schon reichen Lohn deS Erfolges gebracht. Man sieht hieraus, daß auch die Militärautoritäten dem heilsamen Einfluß christlicher Aufopferung die Thüren öffnen und es nicht unter ihrer Würde achten, mit dem Vincentiusverein über das LooS eines armen Sträflings sich zu verständigen. Allerdings wird dieß den Besucher nicht wundern, der etwa als Mitglied eines auswärtigen VincentiuSvereinS in Metz an einem Freitag Abend in die Conferenz eingeführt und als Bruder aufgenommen worden ist; denn da erblickt er mitten in der Reihe greiser Bürger auS allen Ständen auch eine ganze Anzahl von Officieren, theils pensionirte alte Schnurrbärte der großen Armee, theils active Stabsofficiere, theils auch junge Fähndriche der Artillerieschule in voller Uniform und in voller eifriger Thätigkeit. Er wird nicht allein die Geschäftsübung und Geläufigkeit in der Behandlung der vorgeschlagenen Anforderungen, sondern viel mehr noch die heitere Stimmung, daS herzliche gegenseitige Vertrauen bewundern, mit welchem die Fürsprecher bald für alte noch nicht gerathene, bald für neue Pflcgbefohlene in der Versammlung behandelt werden. Er fühlt klar, daß es sich bei den Anwesenden nicht darum gehandelt hat, sich mit den Armen pflichtmäßig abzufinden, sondern daß sie eine beständige Lehre und Uebung der eigenen Besserung gefunden haben und den Armen für ihren Beitrag auch dankbar sind. Die Conferenz von Metz darf wohl als eine Schule der Demuth und Würde unter den Vereinen gerühmt werden. Der gute Geist, der in einer Stadt die Unternehmungen christlicher Liebe mir geringen Mitteln und kleinen Anfängen belebt, erscheint zuweilen als die Inspiration eines einzigen ManneS. In Metz waren Viele geneigt, alles Gute, was lange geschehen ist, auf Rechnung des Abbö Chalendon zu setzen, eines gebornen Lyoners, der viele Jahre allerdings höchst segenreich in Metz gewirkt hat; allein nachdem derselbe, jetzt Bischof von Thaumacum, seit einem halben Jahre zum Coadjutor mit Nachfolgerecht in Bellay ernannt und dahin abgegangen ist, überzeugt man sich, daß im Weinberge des Herrn der Segen christlicher Arbeit, wenn derselbe gute Wille nur bleibt, nicht von der Kunst eines einzigen Winzers abhängig gemacht ist. Man hört auch wohl im Volke in den Kaufläden Urtheile und Erzählungen von einzelnen wackern Männern aus dem Verein; „dieser hat den armen Schulbrüdern ein HauS gebaut für die christliche Volksschule; aber die zc. sind auch alle brav, sie sind eS immer gewesen;" „jener war früher St. Simonianer, er kennt deßhalb die Menschen und ihre Irrthümer um so besser, er hat alles reichlich gut gemacht;" „da sehen Sie Herrn v. P., der hat nun alle Menschenfurcht überwunden, er trägt ihnen einen Kranken auf seinen Schultern nach Hause uud läßt ihn von seinen Mädchen pflegen und doch ist er nicht mehr reich." Aber von denselben also.gelobten Männern hört man das Anerkenntnis- „nein, unsere Handwerker geben uns oft die treffendsten Beispiele; an ihrer Einfalt und praktischen Weltkcnntniß müssen wir uns spiegeln." Der Vincentiusverein setzt nun eine Ehre darin, nickt eines von den vielen guten Werken, welche von ihm ausgehen, oder mit ihm in Verbindung stehen, verfallen zu lassen. Wir wollen deren nur noch zwei nennen: den Schutzverein für unbemittelte sparsame Mädchen (loeuvre tle8 jc-unes 6ecmomo5) mit Arbeitsschulen unter Leitung von fünf barmherzigen Schwestern und einem eignen Budget von durchschnittlich 7000 Frcs. und den Verein vom heiligen Franciscuö RegiS, S61 welcher den ganz speciellen Zweck hat, durch Verwendungen aller Art die wilden Ehen unter den Armen zu gesetzlichen zu machen. In Metz und nächster Umgegend wurden so im vorigen Jahre 80 Ehen legalisirt und 33 Kinder durch Hilfe des Vereins legitimirt. Die letzten hier angeführten Thatsachen und Zahlen sind den gedruckten Jahresberichten entnommen und könnten durch viele interessante Bemerkungen aus denselben Quellen bereichert werden; die ganze frühere Erzählung dagegen ist auS planlos und zufällig empfangenen Eindrücken, aus gelegentlichen Besuchen und Wahrnehmungen entstanden. Wer auf den Fußstapsen des Berichterstatters mit Fleiß und Absicht dasselbe Feld besuchen wollte, würde ohne Zweifel eine reichere Aehrenlese halten. Ich weiß wohl, daß eS eine große Illusion wäre, den Zustand der französischen Welt nach Schilderungen aus Lothringen oder auö der Bretagne und Franche- Comit6 zu beurtheilen, die wie Goldadern in unermeßlichen Steinmassen erscheinen können; allein noch irriger wäre es, wenn man das Leben des Volkes, des überwiegend noch katholischen Volkes der Franzosen nach den Pariser Zeitungen und unsern meist daraus nachgeklalschten deutschen Blättern aburtheilen'wollte; selbst Paris hat seine katholische Seite, die nur die wenigsten Fremden kennen lernen. Frankreich hat in nächster Zeit noch große nothwendige Krisen und Prüfungen zu bestehen; eS hat große Sünden in der Weltgeschichte zu büßen, allein dort werden sich bald die wahren urgründlichen Gegensätze im Kampfe einfach und klar gegenüber stehen; möge dann Gott das feurige Gebet so vieler auserwählter Seelen erhören und ihre Sühnopfer in Gnaden annehmen, als welchem gewiß Viele, gleich dem Erzbischof Affre, ihr eignes Leben der Rettung ihres ganzen Geschlechtes auS dem Verderben zu weihen bereit stehen. Auch für uns können dort Siege errungen werden. Denn wenn gleich das Leben der Heiligen mit gutem Rechte von der eignen Nationalität für sich in Anspruch genommen wird, so kennt doch ihr Tod keine engen LandeSgränzen; das Blut der Märtyrer gehört der katholischen Welt. 5) Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen Bernardus. **) (Fortsetzung.) 210. Versuchung. Es kann der Feind die Bewegung der Versuchung erregen, aber an dir liegt eS, ob du ihm Beistimmung geben oder versagen wollest. In deiner Macht steht eS, *) Wir können uns nicht versagen, in Bezug auf die Verdienste einzelner christlichen Helden und ganzer Orden, einen verwandten Gedanken aus Cl. Brentano's „barmherzigen Schwestern" hier wieder abzudruckein „Daß diese heilbringenden Orden so häufig in Frankreich sind, ist eine Gnade, die Frankreich durch die heiligen Priester und gottseligen Menschen zu Gute kömmt, welche diese scgcnbringcnden Institute mit Gottes Beistand gegründet und unterhalten haben. Der Staat bezahlt diese'wohlthätigen Orden nicht, er schützt sie und gibt ihnen seine Hilfsbedürftigen zur Pflege, weil er diese Pflege besser uud wohlfeiler bei ihnen erhält; ja der Staat hat sie sogar in seinen revolutionären Rasereien zertrümmert, gemartert und gemordet, nnd doch sind sie demüthig und ohne Rache zurückgekehrt, als er sie wieder wünschte. Wenn nun andere Länder die Wohlthat solcher Institute in solchem Maaße entbehren, daß sie bei dem oberflächlichen Anblicke derselben schon in Staunen gerathen, so ist dieses ein Beweis, daß sie nicht in den unmittelbaren Bereich der Gnaden gehören, welche die heiligen Stifter dieser Orden ihrem Vatcrlandc vorzugsweise errungen haben, daß sie kein Erbrecht auf diese Gnaden haben, welche man nicht mit Geld erkaufen kann, sondern die aus dem religiösen Zustande des Vaterlandes selbst erwachsen. Man ist in vielen Ländern gewohnt, ans Frankreich zu schmähen, weil man gewohnt ist, alles Ueble an Grnndsätzcu, Sitten und Moden mit vielem Gelde dort zu erkaufen, während man den übergroßen Schatz des Guten nnd Heiligen dort leichtsinnig am Wege liegen läßt, und kaum zu würdigen, viel weniger aus eigenem Grnndc Aehnliches zu erzeugen vermag, welches Letztere doch, so man auf die rechten Grundlagen baute, möglich seyn müßte, denn Frankreich hat Solches auch aus sich selbst erzeugt, und zwar in seinen lururiösestcn Zeiten. Es sind aber diese Heilsanstaltcn einzig und allein die Früchte der kirchlichen Einigkeit und der großen Seelen, die aus ihr hervorgegangen." S, Nro, 10 des Sonntagsbciblattcs, S6S ob du deinen Feind zu deinem Knecht machen willst, daß dir alle Dinge zum Besten dienen. Denn siehe, der Feind entzündet daö Verlangen nach Speise, er bringt Gedanken der Eitelkeit oder Ungeduld bei, oder auch er erregt der Wollust Reiz. Stimme nur durchaus ihm nicht bei, und wie oft du Widerstand geleistet hast, so oft wirst du gekrönt werden. Wir selbst tragen unsern Fallstrick und den eigenen Feind überall herum: dieses Fleisch meine ich, das von der Sünde empfangen, in der Sünde genährt, durch die böse Gewohnheit verdorben ist. Desselben bedient sich zum Angriffe gegen uns die überaus listige Schlange, die kein anderes Verlangen, keine andere Mühe, kein anderes Geschäft hat, als das Blut der Seelen zu vergießen. Sie ist eS, die beständig auf Böses gegen nns sinnt, Sie ist eS, die unsere Hände mit unserm eigenen Bande bindet,, damit das Fleisch, welches uns gegeben ist zur Beihilfe, für uns zum Untergange und Fallstricke werde. Doch an uns ist cö gelegen, ob wir gebunden werden wollen: und Niemand von uns wird in diesem Kampfe gegen seinen Willen unterliegen. Unter dir, o Mensch, soll ihre Begier seyn, und du sollst über sie herrschen. Aber wer sind wir, und welches ist unsere Stärke, daß wir so vielen Versuchungen zu widerstehen vermögen? DaS war es sicherlich, was Gott suchte, das war es, wohin er unS zu führen sich bemühte, daß wir unsere Schwäche einsehen, und daß wir, weil wir keine andere Hilfe haben, in tiefster Demuth zu seiner Barmherzigkeit hineilen. Beschwerlich ist uus die Versuchung deS Feindes, aber weit beschwerlicher ist ihm unser Gebet. Es verletzt uns seine Bosheit und Arglist, aber weit mehr peiniget ihn unsere Einfalt und Barmherzigkeit. Unsere Demuth kann er nicht enragen, er wird gebrannt durch unsere Liebe, er wird gekreuziget durch unsere Sanftmuth und unsern Gehorsam. Das will ich euch im Voraus ermähnen, daß Niemand auf Erden ohne Versuchung siegen werde: damit derjenige, der vielleicht auS einer Versuchung kam, eine andere sicher und furchtsam erwarte, und wenn er bittet, davon befreit zu werden, daß er in diesem Todesleibe sich niemals eine vollständige Freiheit oder Ruhe zu versprechen wage. In diesem Stücke müssen wir die gütige Anordnung der göttlichen Liebe betrachten, daß sie unS in einigen Versuchungen längere Zeit zu schaffen gibt, damit nicht vielleicht noch gefährlichere uns begegnen. Von andern aber befreit sie unS schneller, damit wir wieder in andern, von denen sie voraussieht, daß sie uns nützlicher seyen, geübt werden können. So voll von Versuchungen ist unser Leben, daß es, nicht mit Unrecht, selbst eine beständige Versuchung genannt werden muß. Wenn wir also den Anfall der Versuchung im Gedanken empfinden, so wollen wir sogleich zn Golt fliehen und demüthig um seine Hilfe flehen. Denn die Menschen können fallen, so lange sie auf Erden zurückgehalten werden. Einige fallen, Andere fallen nicht, weil Gott die Hand unterlegt. Aber wie werden wir sie unterscheiden können, daß wir trennen die Gerechten von den Ungerechten? Aber dieser Unterschied ist zwischen ihren Fällen, daß der Gerechte vom Herrn aufgehoben wird, und so stärker aufsteht: der Ungerechte aber, wenn er gefallen ist, wird nicht wieder ausstehen, ja er fällt sogar noch einmal, nämlich in schädliche Scham oder in Schamlosigkeit. Denn entweder entschuldiget er, was er gethan hat, und das ist die Scham, welche die Sünde herbeiführt, oder er wird wie die Stirne einer Hure, und fürchtet weder Gott noch Menschen mehr, und rühmt sich öffentlich seiner Sünde wie Sodoma. Der Gereckte aber fällt auf die Hand des Herrn, und auf eine gewisse wunderbare Weise verhilft ihm die Sünde selbst zur Gerechtigkeit. Oder verhilft uns jener Fall nicht zum Guten, durch den wir besser und vorsichtiger werden? Nimmt nicht der Herr jenen Fallenden auf, der von der Demnth aufgehoben wird? In der Schöpfung, in der Erlösung und in allen übrigen Wohlthaten ist er der Gott Aller: aber in ihren Versuchungen haben ihn einzelne Auserwählte ganz besonders eigen; 263 denn so ist er bereit, den Fallenden aufzunehmen und den Fliehenden herauszureißen, daß man es sehen kann, er verwende die Mühe auf Einen, während die übrigen zurückläßt. Daher ist es für jede Seele heilsam, immer auf Gott zu merken, nicht nur als auf ihren eigenen Helfer, sondern auch Zuschauer. Man weiß nämlich, daß die Teufel das Menschengeschlecht um sein doppeltes Glück beneivcn; sie wetteifern, die Menschen um ihr beiderseitiges Wohl zu betrügen, nämlich um ihr himmlisches und irdisches, jedoch mehr um den Thau des Himmels, als um das Fett der Erde. Das ist von großem Nutzen zu wissen, auf welcher Seite die hartnäckige Menge der Feinde heftiger andringe. Dort nämlich muß man um so eifriger entgegen kämpfen, wo eine größere Versuchung drängt, wo daS ganze Gewicht des Krieges droht, wo der Grund des Kampfes liegt. Daher steht entweder den Besiegten eine schmähliche Gefangenschaft oder den Siegern ein triumphiren- der Ruhm bevor. Denn eS ist bekannt, daß uns die Teufel zwar um Himmlisches unv Ewiges mehr beneiden: doch geschieht dieses nicht, damit sie erhalten, was sie unersetzlich verloren haben, sondern damit nicht der auS dem Staube gehobene Arme dorthin gelange, von wo sie, geschaffen in Herrlichkeit, unwiderbringlich gefallen sind. Ihre verstockte Bosheit ist unwillig und schwillt auf vom Neide, daß die menschliche Gebrechlichkeit erhalte, waS sie selbst zu behalten nicht verdient hat. Aber wenn sie zuweilen Jemanden zeitlichen Schaden zuzufügen sich bemühen, oder sich freuen, wenn einer zugefügt wirv, so zeigt sich ihre ganze Bosheit besonders darin, daß der äußere Schaden, der einem Menschen zugefügt wird, entweder diesem selbst oder einem Andern Gelegenheit zu innerm werde. Denn das ist der ganze Kampf der Schalkheitsgeister gegen uns, daß sie unS verführen und hinführen auf ihre Wege und zu dem bestimmten Schicksale, daS ihnen bereitet ist. „Auf Nattern und Basilisken wirst du wandeln, und treten auf Löwen und Drachen." Was wird der menschliche Fuß unter diesen thnn? WaS für eme menschliche Zuneigung kann gegen solch fürchterliche Ungeheuer bestehen? ES sind nämlich die Bosheitsgeister, und zwar mit nicht unpassenden Namen bezeichnet. Wer kann aber wissen, ob unter ihnen die Handlungen der Bosheit vertheilt sind, die Geheimnisse der Schlechtigkeit, so, daß sie nach den verschiedenen Verrichtungen oder vielmehr Uebelthatm auch verschiedene Benennungen erhalten haben? Einer heißt Natter; ein anderer Basilisk, einer Löwe, ein anderer Drache, weil sie nämlich auf ihre unsichtbare Weise auch verschieden schaden, einer durch den Biß, der andere durch den Anblick, einer durch Gebrüll und Anfall, der andere durch Hauch. ES ist nicht nachzugeben, noch zurückzuweichen, auch wenn eine heftige Hitze der Versuchungen den beiderseitigen Zustand deS Menschen belästiget. Wählen wir lieber zu brennen, als einzuwilligen. Was will ich mit dem Siege, wenn ich nicht einmal im Treffen gewesen bin? Unverschämt masse ich mir Ruhm an ohne Sieg, oder Sieg ohne Kampf. Vier Arten von Versuchungen gibt es, welche unS durch prophetische Rede so beschrieben werden: „Wie ein Schild umgibt dich seine Wahrheit, du darfst nicht fürchten nächtlichen Schrecken: nicht den Pfeil, der am Tage fliegt, nicht das Ding, so im Finstern wandelt: nicht den Anfall des mittägigen Teufel.S." Dieß sind die vier Versuchungen, die unS überall umgeben und eS nöthig machen, daß wir auch umgeben scpen durch den Schild deö Herrn, daß er uns zur Rechten und Linken, vor unS und hinter unS sey. Die Wahrheit aber umgibt, weil er der Wahrhastige ist, der eö verspricht. So stachelt die Erstlinge unserer Bekehrung zuerst die Furcht auf, die sogleich den Eintretenden einjagt die Strenge einer beschränkenden und ungewohnten Zucht. Und diese Furcht wird nächtlicher Schrecken genannt, weil in der heiligen Schrift die Nacht das Widerwärtige zu bezeichnen pflegt, und wir wegen des Guten, daS Wir nicht sehen, uns fürchten, die gegenwärtigen Uebel zu ertragen. S64 Haben wir aber diese Versuchung überwunden, so müssen wir uns nichts desto weniger gegen die Lobsprüche der Menschen waffnen, welche ihren Stoff vorzüglich vom lobenswerthen Leben nehmen. Sonst werden wir ausgesetzt seyn der Verwundung des am Tage fliegenden Pfeiles, welcher der eitle Ruhm ist. Der Ruf fliegt, und zwar am Tage, weil er kommt aus Werken des Lichtes. Wenn derselbe als eine leere Luft ausgeblasen wird, bleibt uns übrig, daß wir uns Festigkeit aneignen wegen der Reichthümer und Ehren, damit nicht Würden suche, der um das Lob unbekümmert ist. Außerdem würden wir hintergangen werden von dem Ding, so im Finstern wandelt, welches die Verstellung ist. Denn sie kommt vom Ehrgeize, und im Finstern ist ihre Wohnung, weil sie verbirgt, was sie ist, und lügt, waö sie nicht ist. Sie macht Geschäfte zu jeder Zeit, behält die Gestalt der Frömmigkeit bei, und eignet sich ihre Gewohnheit und alle Ehren zu. Die letzte Versuchung ist der mittägige Teufel, der am meisten den Vollkommenen nachzustellen pflegt, die als Männer der Tugenden AlleS überwunden haben, Vergnügen, Gunstbezeigungen und Ehren. Denn was bleibt dem Versucher anrcrs übrig, wcßwegen er gegen Solche offen kämpfen könnte, da er sieht, daß sie auf jede Weise die Gerechtigkeit lieben und daS Unrecht hassen? Warum könnte das nicht geschehen, daß er das Unrecht zudecke mit der Larve der Tugend? ES soll also viertens diese Versuchung gefürchtet werden, und je höher Jemand sich stehen sieht, desto wachsamer hüte er sich vor dem Anfall des mittägigen Teufels. Ich halte dafür, daß dieser Teufel deßwegen der mittägige heiße, weil eS unter der Anzahl der bösen Geister einige gibt, die wegen ihres finstern und hartnäckigen Willens mit Recht Nacht und ewige Nacht sind: doch sie verstehen eS, sich als Tag auszugeben, um uns zu täuschen, nicht nur als Tag, sondern sogar als Mittag. Und dann erscheint der Versucher als Mittag, d. i., als größerer Glanz, wenn er den Schein des größern Guten annimmt. Jene Versuchungen werden leicht besiegt und leicht durch die Vernunft angegriffen, welche entweder an sich verdächtig sind, oder gleich beim ersten Anblicke sich als bös zu erkennen geben. Welche aber unter dem Schein dcS Guten sich eiuschlei- chen, werden schwerer unterschieden und gefährlicher zugelassen. Denn gleichwie eS schwer ist, in dem Maaß zu halten, was man als gut glaubt, so ist auch nicht immer das Verlangen nach jedem Guten sicher. Aller Versuchungen aber und böser und unnützer Gedanken Grund ist der Müssiggang. Sache der Teufel ist eS, böse Eingebungen beizubringen, unsere Sache ist eS, ihnen nicht beizustimmen. Denn so oft wir widerstehen, überwinden wir den Teufel, erfreuen die Engel, ehren wir Gott. Denn er selbst ermahnt uns, daß wir kämpfen, er hilft uns, daß wir siegen: er schaut den Kämpfenden zn, er richtet die Wankenden auf, er krönt die Siegenden. Aber wehe, wehe! Weder das Meer kann ohne Fluthen, noch dieses Leben ohne Versuchungen seyn: und.es kann kein fester und dauerhafter Friede seyn, außer im Reiche Gottes. Der Satan ist eS, der beständig auf Böses sinnt, der verschlagen redet, künstlich beibringt, schlau hintergeht, unerlaubte Begierden anbläst und giftige Gedanken entzündet: er erregt Kriege, ernährt den Haß, reizt die Eßlust, erzeugt die Wollust: er stachelt an die Begierden des Fleisches, bereitet Gelegenheiten zur Sünde, und hört nicht auf, durch tausend Künste die Herzen der Menschen zu versuchen. (Sowohl für Beichtväter als auch für Beichtkinder möchte dieser etwas längere Artikel von der Versuchung von großem Nutzen seyn, in welchem der heilige Bernard sich als Meister der wahren Selbstkenntniß zeigt. Auch erinnert daran das Comple- torium des Priestergebetes alle Tage.) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er.