Eilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 21. September S8. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 40 kr., wofür eS durch alle könlgl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Tröstung für die Zweifelnden. In den Jahren 1843 und 1849 sind, was die Hebung kirchlicher und klerikaler Zustände, waS die freie canonische Entfaltung deS kirchlichen Organismus anbelangt, von allen Seiten her verschiedene Verheißungen gemacht worden; und eS läßt sich nicht läugnen, daß manche von diesen Aeußerungen außerordentlich feierlich, ja man möchte fast sagen pathetisch geklungen haben. ES ist eine schöne Sache um daS wahre Pathos — denn daS wahre Pathos ist eine Sprache, die entweder selber That ist, oder der die That unmittelbar folgt, wie der Donner dem Blitze; das falsche PalhoS aber ist nur eine Nachahmung deS wahren, eS ist theatralisch, eS sind Worte ohne Handlung; es sind Worte mit einer fingirten Darstellung. Da gibt eS nun viele Leute, die eS mit der Sache der Wahrheit und deS Rechtes sehr ehrlich meinen, die aber alsogleich in Verzweiflung gerathen, wenn sie das, was sie kona licie angehofft haben, so gar nicht in Erfüllung gehen sehen. Diese guten Leute zu trösten und zu beruhigen, halten wir für eine nicht zu umgehende Pflicht; denn die Dinge stehen ja im Grunde gar nicht so verzweifelt, als sie aussehen. WaS wachst, macht keinen Lärm. Die Gedanken von der Freiheit der Kirche, von dem Erwecken ihres Lebens nach allen Richtungen und Aeußerungömöglichkeiten hin — diese Gedanken sagen wir, leben bereits in der Elite deS katholischen Klerus; und die Denk- und Thalfaulen, die Genießer und Prahler, die Brosamenbettler am Staatsmahle und Verächter der Gaben deS heiligen Geistes — die den Apostel Paulus selbst für einen Thoren gehalten hätten, als er in seiner ärmlichen Erscheinung sich vor den Areopag zu Athen hinstellte (weil ihnen Weihe und Sendung und Geist nichts gilt; und weil sie den ganzen Werih auf die äußerlichen Glücksgüter legen), diese sagen wir: sind bereits machtlos geworden, weil sie ohne die Staatsmacht sich gar nicht mehr halten können. Wehe dem Staat, der sich auf solche Kirchenmänner verläßt; denn der ist sicher verlassen! Wer kein Vertrauen auf sich selber, auf seine Sache hat — wie soll denn der Andern helfen? Und für die Staaten rückt heran die Zeit des KirchenschutzeS; die Zeit, in der nur die Kirche mit dem Schwert ihres heiligen Wortes die StaatSfeinde besiegen kann. DaS Schwert aus Eisen hat einmal auf eine höchst ehrenhafte, ruhmvolle Weise seine Pflicht gethan. Opfer und Todesmuth verschaffte den legitimen Regierungen durch ihre tapfern Armeen einen glorreichen Sieg. Die Kirche hat zum Siege keinen andern Weg. Durch Ränke, Selbstsucht, Faulheit ihrer Diener hat sie, wie die Geschichte lehrt, noch nirgends einen Sieg errungen — nur mit den Waffen des Geistes, geweiht und gefestigt vom Paraklet, hat sie ihre siegreichen Colonnen in der Weltgeschichte vorwärts geschoben; nur durch diese hat sie Boden gewonnen I Der Herr wird seine Kirche nicht verlassen. Erstehen werden die Männer des 298 Geistes und des Opfermuthes. In der Kirche wacht ein neues, herrliches Leben auf. Die Feinde in und außer der Kirche vermögen eS nicht mehr niederzuhalten. Mögen sie auch die eine oder die andere Stimme auf eine Zeitlang zum Schweigen bringen — der Geist geht seinen Weg; er fragt sich nicht mit einer Bittschrift an, wo er wehen darf; er weht, wo er will! (W.K.-Z.) Zwei Predigten von Joseph Otpmar, Fürstbischof von Seckau, BiSthumsverweser von Leoben. I. (Schluß.) Der Apostel ermahnet uns und Alle, welche das Wort der Allmacht in'S Daseyn rief: WaS hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du eS aber empfangen hast, warum rühmest du dich dessen? Jedes Geschöpf und darum auch der erschaffene Geist hat AlleS, was eS ist und besitzt, von Gott seinem Erschaffer und die Chöre der Engel, welche unberührt von der Schuld den Thron des Herrn umgeben, haben aus sich denn doch nichts Anderes gethan, als daß sie von den freien Geschenken göttlicher Huld keinen Mißbrauch machten. Je vollkommener der Geist ist, desto höher steht er an Erkenntniß und je höher er an Erkenntniß steht, desto deutlicher sieht er ein, daß er alles Gute von Gott empfangen hat und jeder Vorzug, welcher ihn schmückt, nur ein Abglanz ist der ewigen Sonne. Darum je vollkommener der Geist ist, desto vollkommener ist auch die Demuth, in welcher er sich vor dem Allerhöchsten beugt. Die wundervolle Jungfrau, welche der Erde den Heiland brachte und von Himmel und Erde staunend als Mutter GotteS begrüßt wird, kennt keinen höheren Ruhm als die Magd des Herrn zu seyn. Wir aber sind Sünder und Kinder des Sünders. Das Lamm GotteS hat unS zwar Versöhnung gebracht und SohneSrecht erworben bei Gott unserm Vater. Allein wir sind nicht getreu geblie- be.n, sondern haben daS Gewand der Unschuld, welches wir in der Taufe empfingen, durch vielfache Verschuldungen befleckt. Darum sind wir vor Dem, der da ist, nicht nur Geschöpfe, welchen er die Kraft des Lebens und jede Befähigung zum Guten ohne ihr Zuthun geschenkt hat, sondern wir sind auch Sünder, und seiner Gerechtigkeit verfallen. Dieß erkennt der Christ um so lebendiger, je weiter er an wahrer Vollkommenheit vorschreitet. Darum ist die Demuth, mit welcher wir an unsere Brust schlagen und sprechen: Herr sey mir armem Sünder gnädig! zugleich der sichere Höhenmesser unserer -geistigen Vollkommenheit. Wie? die Demuth, diesen Knechteswahn erzeugt im Schooße der tiefsten Finsterniß, diese Sklaventugend, welche der Tod des Lichtes und der Freiheit ist, versucht man heute noch uns zu rühmen? Mitbrüder in Christus unserm Herrn, wenn euch Leute oder Schriften vorkommen sollten, welche diesen Ton anstimmen, so denket an die Worte der heiligen Schrift: „Sie sind von ihm abgewichen und wollen seine Wege nicht verstehen." Die christliche Demuth ist weit entfernt, den Geist niederzudrücken; sie erhebt ihn vielmehr. Unstreitig enthält sie ein kraftvolles Bewußtseyn der eigenen Nichtigkeit, Schwäche, Sündhaftigkeit, aber sie enthält noch viel mehr. Der unselige Verräther JudaS wußte sehr wohl, wie verabscheuungSwürdig er durch seine That geworden war; und dennoch fiel kein Funke der Demuth in seine nachtbedeckte Seele, sonst wäre er statt den Strick des Selbstmordes zu schlingen, dorthin geeilt, wo an diesem selben Tage der schon des TodeS harrende Mörder die Verheißung empfing: Heute wirst du mit mir im Paradiese seyn! Sonst hätte er am Kreuze sich Magdalenen der Büßerin mit Thränen der Reue beigesellt. Er sah nur sich und daS Brandmahl, welches die Schuld seiner Seele eingedrückt hatte; zu Gott erhob sein verfinstertes Auge sich nicht. Aber die Demuth, wie der Geist GotteS sie uns lehrt, ist die Tochter und unzertrennliche Gefährtin der Liebe. Je reiner die Ahnung ist, in welcher der menschliche Geist sich Dem nähert, welcher ihn nach sei- 299 > nem Ebenbilde schuf, desto deutlicher steht ihm seine UnWürdigkeit vor dem Bewußtseyn, desto inniger ist der Schmerz, mit welchem er seiner Sünden gedenkt. Allein eben darum schwingt der Blick, den er in das Heiligthum des Allerhöchsten wirft, sich um so höher empor, je tiefer das Bewußtseyn der eigenen Ohnmacht und Un- lauterkeit hinabdringt. DaS Wohlgefallen an dem lieben Selbst, in welchem kleine Geister sich behaglich wiegen, verliert der Demüthige allerdings; aber hat er daran etwas verloren? mag der Mensch sich auch von dem Reiche der Wahrheit losreißen, ' dennoch muß er wider Wissen und Willen der Wahrheit das Zeugniß geben. Anmaßung und Selbstgefälligkeit wird zwar häufig geübt, schon von den Knaben geübt und es ist Mode daS kecke Pochen auf die Vorzüge, welche man sich selbst zuspricht, als edles Selbstgefühl zu preisen; allein Niemand liebt eS dergleichen an Solchen, mit welchen er zu verkehren hat, anzutreffen; man mag sich selbst noch so hoch stellen, Jene, an welche man irgendwie Forderungen zu richten hat, möchte man doch stets voll Bescheidenheit finden und gesteht dadurch unwillkürlich, die Demuth sey eine ganz gute Sache, wofern man sie nur nicht selbst zu üben brauche. Wenn der Sünder dem Herrn ein Herz voll Zerknirschung darbringt, so bewegt iF. nothwendig auch daS aufrichtige Verlangen, der göttlichen Gerechtigkeit genug zu thun und dieß Verlangen ist das zweite Kennzeichen der in der Liebe begründeten Reue. Die Sünde verdient Strafe. Das Bewußtseyn der Nothwendigkeit, daß daS menschliche Thun und Lassen auf der Wage der Gerechtigkeit gewogen werde, ist eben so unaustilgbar, wie das Gewissen, und kann von Denen, welche das Auge vor dem Lichte der Wahrheit schließen, eben so gemißbraucht werden wie das Gewissen. Die Heiden, welche von der Erkenntniß Gottes abgefallen waren, machten sich Götzen; der Mensch, welcher von dem Gesetze der Heiligkeit abgefallen ist, macht sich ein Wahnbild der Pflicht und um eS zu vertheidigen, ruft er ein Wahnbild der Gerechtigkeit zu Hilfe. So ist es ergangen, seit der Cherubim mit dem Flammen- schwerte vor die Pforten deS verschlossenen Paradieses trat und so wird es ergehen, bis die Posaune deS Engels daS Weltgericht verkündigt. Uns aber ist es vorbehalten zu sehen und zu hören, wie dieß gottverlassene Treiben den vollen Wahnsinn seiner Widersprüche entwickelt. Man macht förmlich ein Gewerbe daraus, den Leichtgläubigen ein irdisches Paradies zu versprechen. Man nimmt Gott dem Herrn das Geschäft ab, Himmel und Erde neu zu machen. Alles soll anders werden, die Menschen, so verheißt man, werden in vollkommener Freiheit leben, Keiner wird mehr und anders arbeiten als ihm angenehm ist und Jeder die Fülle sinnlicher Genüsse haben. Dazu, so wird versichert, gehört nichts als Bruderliebe und abermals Bruderliebe, welche daS höchste und einzige Gesetz des menschlichen Lebens ist. Diese Bruderliebe ohne Gott umfaßt Alles, was man bis jetzt als Sünde, als Verbrechen bezeichnete, mir überfließender Zärtlichkeit. Eine Verletzung der Keuschheit zu rügen, ist ein erschrecklicher Frevel wider die Humanitär. Die Begierden, welche sich dem sinnlichen Genusse zuwenden, hat die Natur uns eingeflößt und der Natur zu gehorchen ist nicht nur erlaubt, sondern geboten. Für Diebe, Räuber und Mörder gibt man, in so weit man durch sie nicht selbst zu Schaden gekommen ist, die zarteste Theilnahme kund; eS ist aber nicht die Theilnahme der christlichen Liebe, welche in dem Verbrecher einen gefallenen Bruder sieht und ihm Erneuerung und Trost von oben zu vermitteln sucht. In der neuen Ordnung der Dinge ist das Verbrechen pri- vilegirt; es muß mit achtungsvoller Schonung behandelt werden und genau genommen sollte man es gar nicht bestrafen: denn die Leidenschaften sind heilig und die Gesellschaft hat die Pflicht für Befriedigung derselben zu sorgen; hätte man aber alle Wünsche jener Unglücklichen befriedigt, so würden sie schwerlich gestohlen, geraubt oder gemordet haben. Allein die Eiferer für Humanität und Bruderliebe verändern daS Angesicht, so bald eö sich um Solche handelt, welche von jenem irdischen Paradiese, wo GotteSläugnung und Haß deS Eigenthums blühen, nichts wissen wollen. Jetzt führen sie nicht mehr die Milde, die Schonung, die Liebe, sondern nur die Gerechtigkeit im Munde. Diese Frevler wollen die Menschheit um das ihr gebührende 300 Glück betrügen, nur Blut kann ihre Schuld sühnen. Hängt sie an die Laternen, schleppt sie aufS Blutgerüst, erwürgt sie wo und wie ihr könnt; ihr vollbringt ein heiliges Werk der Gerechtigkeit! AlS die Republik der brüderlichen Gleichheit zum ersten Male gegründet wurde, galt die Beschuldigung, ein Aristokrat zu seyn, einem TodeSurtheile gleich und um den Aristokraten beigezählt zu werden, brauchte eS nicht viel; man brauchte nicht einmal zwei Röcke zu besitzen; eS genügte, wenn man durch ein Wort oder eine Miene verrieth, daß man mit der Herrschaft der Guillotine nicht einverstanden sey. In neuester Zeit hat ein gesinnungstüchtiger Held der Bruderliebe berechnet, daß, wenn die Menschheit glücklich werden solle, zwei Millionen Köpfe fallen müssen. Dieß ist die Gerechtigkeit Jener, welchen die Gerichte deS lebendigen GotteS eine Thorheit, ein Aberglauben, ein Gräuel sind. Der von Gott geschiedene Mensch ist vielleicht in Dingen, welche ihm wenig oder gar nicht am Herzen liegen, sehr großmüthig und sentimental; wofern man das berührt, waS ihm ernstlich am Herzen liegt, so ist sein Grimm gleich dem Grimme der Hyäne und seine Rache ein unauslöschliches Feuer. Zwischen die göttliche Gerechtigkeit und die Schuld tritt an der Hand der Barmherzigkeit die Buße. WaS die Buße sey und was die Buße wirke, zeichnet daS Evangelium uns in dem Bilde deS Verlornen Sohneö mit lebenvollen Zügen vor. AIS der verl-orne Sohn durch das Licht höherer Erkenntniß erneuert wird, ist er sogar von dem Nothdürftigen entblößt und seinen Hunger zu stillen nicht im Stande. Dennoch macht er sich auf den Weg nach dem Vaterhause, welckeS durch weite Räume von ihm getrennt ist. Dabei leitet ihn keineswegs die Hoffnung, in die verscherzten Sohnesrechte wieder einzutreten, er schmeichelt sich nicht in der nachsichtigen Liebe des VaterS für daS vergeudete Erbe Ersatz zu finden. Ungemildert von den Täuschungen der Eigenliebe steht die ganze Bedeutung seiner Sünde vor ihm da; er weiß, dasz er keinen Anspruch habe, bei seinem Vater fernerhin als Sohn zu gelten und sein Verlangen ist auf nichts gerichtet alö unter den Knechten einen Platz zu finden. Mit reicher Habe verließ er in jugendlichem Uebermuthe die Heimath; barfuß und in grobem, zerrissenem Gewände soll er nun heimkehren, als ein Sünder, welchen die Strafe der Sünde schon hienieden ereilt hat, soll er in Armuth und Hunger sich dem Vater darstellen, welchen er beleidigt hat, soll er vor dem Bruder erscheinen, dessen LooS er nicht theilen wollte, und für die Knechte, welchen er einst gebot, im besten Falle ein Gegenstand deS MitleidenS werden. Allein daS Bewußtseyn der Gerechtigkeit, welche er zu sübnen begehrt, drückt die Regungen deS Stolzes nieder und das Verlangen, dem gekränkten Vater seine Schuld und Reue darzulegen, hält ihn aufrecht auf dem lan« gen Wege; als er aber an'S Ziel gekommen ist, als er den Aufenthalt seiner schuldlosen Jugend wieder betritt und der Vater sich vor seinen Blicken zeigt, da sinkt er auf die Knie nieder und ruft: Vater ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir und bin nicht mehr werth dein Sohn zu heißen, halte mich nur wie Einen deiner Taglöhner! Aber der Vater, der in seinem Herzen lieSt, hebt ihn auf und spricht: Bringt das beste Gewand und legt eS ihm an, gebt einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße: denn dieser mein Sohn war todt und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist wieder gefunden worden. Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöhet werden, spricht der Herr und herrlich erfüllt sich diese Zusicherung an dem Sünder, welcher umkehrt von seinen bösen Wegen und wahrhaft Buße thut, herrlich bewährt diese Verheißung sich an Allen, welche mit der Gesinnung, deren Beispiel uns in dem verlernen Sohne gezeigt wird, sich zu Gott ihrem Vater wenden. Benützen wir die dreißig Tage der Jubiläumsfeier, um durch Gottes Gnade unter die Zahl dieser Begnadigten einzutreten. Schon das heidnische Alterthum wußte sehr wohl, daß die Selbsterkcnntniß der Anfang aller Weisheit sey. Gehen wir mit uns selbst inS Gericht, vergleichen wir alle unsere Worte, Werke und Gedanken, jede Regung unseres Begehrens und StrebenS mit dem Gesetze Dessen, welcher gesprochen hat: Seyd vollkommen wie euer Vater im Himmel vollkommen ist! Wie, sollten wir finden, daß Alles ganz rein und heilig sey, 301 sollten wir gar nichts entdecken, wofür wir der göttlichen Gerechtigkeit ein Opfer der Genugthuung schuldig wären? Groß ist die Zahl der geistig Blinden. Sie sind von aller Begierltchkeit deS Fleisches voll, wie die Fäulniß von Würmern, sie lassen dem Stachel ihrer Zunge freien Lauf, wo eS sich um Gewinn und Fortkommen handelt, scheuen die Falschheit, Trug und Ränke nicht; sie setzen die Gebote der Kirche mit Gleichgiltigkeit bei Seite oder verhöhnen sie sogar mit Frechheit, und dennoch wenn sie, weil sie gute Christen sind, nach einem langen Jahre vielleicht wieder einmal dem Sacramente der Buße nahen, so wissen sie kaum, waS sie bekennen sollen: sie klagen sich kurzabgebrochen in allgemeinen Ausdrücken einiger UnVollkommenheiten an, wie sie auch der treueste Diener GotteS in den Tiefen seines Herzens findet: denn freilich, sie haben keine Thüren erbrochen, keinen Straßenraub begangen, Niemanden ermordet und keine Feuersbrunst angelegt. Wie, sollten auch wir den Schaaren dieser kläglich Bethörten uns beigesellen? Nein, daS sey ferne! Großer Gott, dessen Blick in die Geheimnisse der Herzen dringt, verleihe, daß wir unS selbst erkennen, so wie wir von dir erkannt werden! Verleihe« daß wir AlleS, waS wir thun und wollen und gethan und gewollt haben, so schauen, wie wir eS schauen werden, wenn eS am Tage des Gerichtes hüllenlos daliegt vor den Augen der versammelten Welt! Herr der Heerschaaren neige dich nieder zu unS und laß daS Vorbild der Heiligkeit, welches du unS gegeben, mächtig in unserer Seele leuchten, damit wir unserer Ohnmacht und Sünde vollkommen und mit tiefer Beschämung inne werden! Gott der Huld und Gnade, der du deinen eingebornen Sohn für unS hingegeben hast, erwecke in unS daS flammende Verlangen, für alle Uebertretungen und Versäumnisse deiner Gerechtigkeit ein Opfer der Genugthuung darzubringen in Vereinigung mit dem großen Versöhnungsopfer, auf welchem allein unsere Kraft und Hoffnung ruht! Lehre in dieser JubiläumSzeit unS nicht mit dem Munde, sondern mit dem Herzen sprechen: Vater ich habe gesündigt vor dir und dem Himmel und bin nicht mehr würdig, dein Kind zu heißen! Vater der Barmherzigkeit, erschaffe in unS ein Herz voll der Zerknirschung und Demuth und laß unS Verzeihung, laß unS volle Erneuerung finden, wie der Verlorne Sohn sie gefunden hat! Amen. Die Londoner Industrieausstellung. Die große Industrieausstellung zu London gibt allen periodischen Blättern so viele Veranlassung zu interessanten Besprechungen, daß wohl auch vom katholischen Standpuncte aus derselben einige Berücksichtigung gewidmet werden kann. Wenn auch die katholischen Sonntagöblätter wenig mit der Industrie sich zu beschäftigen haben, so liegt doch die Kunst und der Geist, der sich in den Bestrebungen der Gegenwart kund gibt, in dem Kreise ihrer Aufgaben. Die große Weltausstellung zu London zeigt in einer alle Beschauer hinreißenden Fülle und Vollendung den Triumph deS menschlichen Geistes über die sinnliche Natur. ES offenbart sich da, mit welcher Kraft und Ausdauer der menschliche Geist eS versteht, sich alle Elemente dienstbar zu machen, und nicht nur die erhabensten Kräfte der Natur sich zu unterwerfen, sondern auch die kleinsten und unbedeutendsten Gegenstände der Schöpfung zur wohlthätigsten Wirksamkeit zu erheben. Dessenohngeachtet sieht man darin auch eine gewisse Sklaverei deS menschlichen Geistes. „Im Schweiße deS Angesichtes sollst du dein Brod verdienen," dieser Gedanke befällt uns bei jedem einzelnen der ausgestellten Gegenstände. Sie sind daS Ergebniß eines unbeschreiblichen Fleißes, einer lebenslänglichen Mühe und Anstrengung. Viele Sorgen, Thränen und Opfer waren nöthig, um Kunstwerke von solcher Vollendung darzustellen. Und wenn man nun diese industrielle Herrlichkeit als daS höchste Ziel menschlicher Bestrebungen hinstellt, so ist die Sclaverei deS Geistes, die materielle Versunkenheit unserer Zeit in der ganzen Einseitigkeit ausgesprochen. — Wohl sind daS große Wohlthäter der Menschheit, welche durch Fleiß und Ausdauer, durch Erfindungen und 302 Kunstfertigkeit so viele nützliche Werke hervorbringen. Allein die Veredlung des Herzens, die sittliche Vollendung der Seele, die Ausübung der Tugend ist jedenfalls höher anzuschlagen und dankbarer zu verehren, als alle industrielle Herrlichkeit deS GlaSpalafteS. Unter den Ausstellern in London scheinen nur die Belgier diesen höhern Gedanken erfaßt zu haben. Um nämlich mit ihren kostbaren Kirchengewändern einen höhern Gedanken auszusprechen, und den Geschmack zugleich im besten Lichte zu «eigen, haben sie mit denselben drei Wachsfiguren bekleidet, und diese in Glaskasten aufgestellt. Der mittlere Glaskasten enthält eine Wachsfigur, bekleidet mit den Jnsignien eines CardinalS. Sie trägt eine reich mit Gold gestickte Mitra, einen würdevoll gearbeiteten Chormantel und was sonst noch zum prachtvollen Anzüge eines in kirchlichen Functionen begriffenen CardinalS gehört, die rechte Hand ist segnend ausgestreckt, der Blick freundlich auf das beschauende Volk gerichtet. Der Glaskasten aber trägt die Ueberschrift! „Der Cardinal von Belgien." Das Wachsbild zu seiner Rechten stellt einen Erzbischof dar mit ernstem Angesichts. Nicht minder kostbar und kunstreich sind die auf Sammt in reichem Goldschmuck gestickten Gewänder. Seine Rechte ist wie zur Belehrung und Warnung erhoben. Die Ueberschrift besagt: „Der Märtyrer von Canterbury." Zur Linken des CardinalS ist ein dritter Erzbischof im vollendetsten Glänze prachtvoller Kirchengewän- der aufgestellt. Freundlich lächelnd blickt er nach oben, seine Gestalt ist noch jugendlich, sein Auge freudig strahlend, die Linke hält den Stab, die Rechte folgt der Richtung der Augen wie zum Lobe und Preise Gottes, und die Aufschrift heißt: „Der Märtyrer von Paris." Man erinnert sich noch, wie die Ernennung deS Herrn Wiseman zum Cardinal und Erzbischof von Westminster Veranlassung gegeben hat, die Cardinalswürde sammt Papst und Katholicismus zu verhöhnen. Fast hätte man fürchten mögen, daß die Kleidung katholischer Kirchenfürsten vor dem Publicum in London keine Gnade finden Würde. Aber gerade daö Gegentheil findet statt. Vor den Wachsfiguren der Belgier verweilt stets eine große Zahl von Beschauern, und es ist leicht wahrzunehmen, daß die Erinnerung der Belgier an die Verdienste und die Freimüthigkeit katholischer Kirchenfürsten mit einer gewissen Ehrfurcht aufgenommen wird, die weit entfernt ist von dem Geschrei, womit hoher und niederer Pöbel erst vor Kurzem die Straßen füllte, und Cardinäle verbrannte. Im Uebrigen ist die katholische Kunst in dem GlaSpalaste nur schwach vertreten. Katholische Kirchengewänder, Kelche und Monstranzen sind zwar auch aus England, Frankreich, Bayern, Oesterreich und Spanien eingesendet. Aber die plastische Kunst, die so vielen Schmuck und so großartige Bildsäulen geliefert, sie hat in kirchlichen Gegenständen fast nichts geliefert. Man vermißt biblische Darstellungen, Heiligenbilder, Crucifire und Madonnen, während man die Hauptgänge mit Bildern angefüllt sieht, die in Erz, Bronce und Marmor in rühmlicher Vollendung ausgeführt sind, aber unS beinahe in die heidnische Zeit zurückversetzen, indem sie meistens nur ihren Werth in der Nachbildung nackter Leiber suchen, und nur sinnliche Ideen, wie Körperkraft, Muth, Schmerz, Unerschrockenheit, Angst, irdische Liebe darstellen. So fehlt dem Geiste sein höchster Schwung zum Himmlischen, und die Ausstellung erscheint ohne Einheit, ohne Mittelpunct, ohne geistige Erhabenheit und Größe. Den nämlichen Eindruck machen die im letzen Jahrhundert erbauten Kirchen der Stadt. Ihre Thürme ragen hoch in die Lüfte empor, und beurkunden den Reichthum wie die Opferwilligkeit der Erbauer. Allein sie machen den Eindruck des Mangelhaften, Unvollendeten, weil die Hauptsache, der Mittelpunct, die Einheit fehlt. Diese Thürme endigen nämlich oben in eine Plattform, umgeben von vier kleinen Thürmchen, die auf den Ecken angebracht sind, und ohngefähr wie große Schornsteine sich auSnehmen, weil die gothische Pyramide oder das spitze Schieferdach, worauf das Kreuz und der Hahn prangen müßten, gänzlich fehlt. ES scheinen die Baumeister damit die englische Hochkirche finnbildlich dargestellt zu haben, welche sich 303 von dem Oberhaupte und Mittelpunce der Christenheit getrennt hat, und zwar noch Bischöfe aber keinen obersten Bischof mehr besitzt. Die Thürme der Stadt, welche aus der frühern, mehr an die katholischen Jahrhunderte reichenden Zeit stammen, laufen noch in die christliche Spitze aus, und gewähren einen weit befriedigendem Anblick, wenn man auch nur auf die ästhetische Anforderung und künstlerische Vollendung sehen will. Die Ausstellung im Jndustriepalaste wird an Sonntagen nicht geöffnet. Eben so ruhen in London des Sonntags alle Geschäfte. Alle Läden sind unwiderruflich geschlossen. Der Londoner Geschäftsmann ist die ganze Woche hindurch so thätig, daß er nicht an den Himmel denken, noch sonst einer ernsten Erinnerung Raum geben kann. Am Sonntage nimmt er daher keinerlei Arbeit vor, dieser soll für ihn wahrhast ein Tag der Ruhe und Erholung werden. An Werktagen qualmt der Steinkohlendampf in Vereinigung mit dem feinen Nebel so nahe über den Häusern der Stadt, daß man das blaue Himmelsgewölbe nicht sehen kann. Am Sonntage erlö, schen die meisten der riesenhaften Feuerungen und man kann etwas freier nach Oben blicken. Gerne aber entflieht der Londoner am Sonntage der Stadt, um in der frischen Natur sich zu erinnern, daß eS auf Erden auch noch andere Schöpfungen gebe als Häuser, Kaufläden und Maschinen. — Wie der Steinkohlendunst den Anblick beS Himmels entzieht, so umnebelt die Industrie das geistige Auge und raubt ihm die Aussicht nach den höhern Regionen. Daher hat selbst die Kirchlichkeit deS Anglica« ners noch einen industriellen Anstrich. Er betrachtet Gott als einen sehr schätzbaren Geschäftsfreund, dem er an Sonnlagen seine Huldigung in Ehrfurcht und Andacht darbringt, dem er für alle Geneigtheit dankt und dessen Lehren er dankbar benützt. Aber in dieser Gottesfurcht erhebt er sich nicht über den Kreis seiner Geschäfte. Sehr deutlich spricht sich dieß aus in der Benützung der berühmten Westminster-Abtei. Die aus alten Zeiten stammende gothische Kirche ist die Grabstätte aller großen Männer Englands, deren Asche hier zum Lohne ihrer Verdienste beigesetzt und durch Grabmäler von weißem Marmor verherrlicht wird. Gewiß ein erhabener Gedanke, welcher der Nation zur Ehre gereicht und alle kommenden Geschlechter erfreut. Dessenungeachtet machen diese Grabmäler einen ungünstigen Eindruck. Die Männer, welche hier ruhen, haben sich verdient gemacht, indem sie dem zeitlichen Wohle, der irdischen Herrlichkeit, dem Handel, der Schifffahrt, den sinnlichen Vergnügen und der weltlichen Bildung Vorschub leisteten. Der Marmor ist daS Mittel, wodurch die Hand des Künstlers der Nachwelt die Körpergestalt und die Verdienste dieser großen Männer bewahrt. Da sehen wir die Minister im goldgestickten Fracke Gesetze entwerfen; die Generäle, wie sie Schlachten commandiren; Dichter, welche Verse machen; Mathematiker, welche Figuren zeichnen und Maschinen bauen. Daher wollen die Grabmäler durchaus nicht zum Style der Kirche passen. Während sonst in alten ehrwürdigen Kirchen die Bilder der Verstorbenen betend, knieend oder im Grabe lie^ gend dargestellt wurden, ist hier das weltliche Gewand und die irdische Beschäftigung der einzige Schmuck. Während sonst die Grabmäler im Baustyle der Kirche ausgeführt und als Zierde in die Wänve eingefügt wurden, erscheinen sie hier wie an die Wand angeklebt von einem Geschlechte, das den Geist, den Werth des Gotteshauses nicht kennt, oder nicht zu würdigen versteht. — So reich die Grabmäler sind, so arm sehen sie aus, weil daran jedes christliche Zeichen fehlt. Die Unsterblichkeit ist nur dargestellt als ein Fortleben in dem dankbaren Andenken der Menschen, und als ein Fortwirken ihrer ehemaligen Leistungen sür Nutzen und Vergnügen. Von einer Belohnung durch Gott, von einer Begnadigung durch Christus wissen die stolzen Denkmäler nichts zu erzählen. Nicht zu verwundern ist's daher, daß man in dieser ehemals katholischen Kirche keinen Opferaltar, kein Heiligenbild, kein Crucifix mehr sieht. Ja manche Blende, wo das Bild der seligsten Jungfrau oder eineö Heiligen gestanden, ist jetzt leer und zerfallen, während daneben ein Grabmal von weißem Marmor allerlei Figuren zeigt, deren Haltung niemals christlich, oft nicht einmal anständig ist. Es ist, als ob an die Stelle der Religion der sinnliche Vortheil, an 304 die Stelle der Tugend die Industrie, an die Stelle der Heiligen die weltliche Freude, an die Stelle deS Welterlösers der armselige Mensch sich gesetzt hätte. So ist die berühmte Westminster-Abtei ein Denkmal deS allmäligen materiellen VersinkenS, wie der GlaSpalast gleich einer schillernden Seifenblase den vergänglichen Triumph der Wirklich vollbrachten materiellen Versunkenheit unserer Tage darstellt. (K. S.-Bl.) Aus der Diöeese Eichstädt. Aus dem Altmühlthale. Der 17. August war für die Gemeinde Buchen- hill, so wie für alle frommen Christen in unserm Altmühlthale ein Tag hoher Freude, da an diesem Tage der seit 260 Jahren stehende, in diesem Jahre wieder renovirte Kreuzweg auf dem Fußsteige von Eichstädt nach dem Marienkirchlein in Buchenhill feierlich eingeweiht, und diese Feier noch durch die Anwesenheit Unsers hochwürvigsten Herrn Bischofes Georg erhöht wurde. Schon TagS vorher wurden unter Leiiung deS Herrn Pfarrers Simon von Preith, wohin die Filiale Buchenhill gehört, Ehrenpforten zum würdigen Empfang unsers hochwürdigsten Herrn Bischofes aufgerichtet. Die Bewohner Buchenhills verzierten ihre Häuser, und suchten auf alle mögliche Weise zu zeigen, wie wichtig ihnen der kommende Tag sey. Der Empfang und Einzug deö hochwürdigsten Herrn Bischofes am 17. August im Filialorte war wie ein Triumphzug; alle Anwesenden drängten sich herbei, um die väterlichen Worte deS geliebten Oberhirten zu hören, und auf den Knien den bischöflichen Segen zu empfangen. Nach Beendigung der im Freien gehaltenen feierlichen Pontificalmesse, bei welcher die HH. Alumnen des Klerikalseminars sangen, begann die Procession, in deren Mitte unser hochwürdigster Herr Bischof segenspendend einherschritt, zur ersten Station. Den Act der Weihe vollzog P. Po licarp aus dem FranciScanerkloster in Jngolstadt. Nach der Weihe einer jeden Station trat der Herr Domvicar Martin Wirth, von Sr. bischöflichen Gnaden eigens als Prediger zu dieser Einweihung bestimmt, vor über 3000 Zuhörern gemischten Standes und Religion auf, und sprach in 14 kurz gefaßten Predigten vom Leiden Jesu Christi, von unserer Erlösung durch dasselbe in einer Weise, die alle Anwesenden ergriff und zu Thränen bewegte, zumal der Prediger auf unsere so verkommene Zeit zu sprechen kam, und Alle bei der letzten Station in tiefeindringenden Worten zum treuen Festhalten an dem heiligen katholischen Glauben, zum Frieden unter uns, zum Gehorsam und Gebete für die Obrigkeiten aufforderte. Rührend war eS zu sehen, wie unser hochwürdigster Herr Bischof nicht nur jedem Wort des Predigers folgte, sondern auch zuerst unter den Anwesenden bei den einzelnen Stationen auf die Knie sank, um durch die vorgeschriebenen Gebete den heiligen Ablaß zu gewinnen, und so dem versammelten Volke daS schönste Beispiel apostolischer Demuth gab. Obwohl eine unzählige Menschenmenge gegenwärtig war, so herrschte doch überall die auferbaulichste Andacht und musterhafte Ruhe, und man konnte auf dem Angesichts eines jeden lesen, daß die Worte deS Predigers, noch mehr aber daS demuthsvolle Beispiel des geliebten Oberhirten einen tiefen bleibenden Eindruck bei allen Anwesenden bewirkt habe. (Volksb.) Böhmen. Die Fürstin Hohenzollern-Sigmaringen, geb. Fürstin Hohenlohe, welche gegenwärtig mit ihrem erlauchten Gemahl daS Schloß Bistritz bei Klattau bewohnt, zeigt sich den Armen der Umgegend als Engel wahrer christlicher Nächstenliebe und Wohlthätigkeit. Ihr jährliches Nadelgeld von 12,000 Gulden geht zum größten Theil in die Hände der Nothleidenden. Der Fürst baute ein Krankenhaus für Arme, und die Fürstin ist Willens ein Mädchen-Erziehungsinstitut zu gründen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. E. Krem er.