Ellster Jahrgang. Sonntägs-Beiblatt zur Augsburger PoAzeitung. S8. September SS. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abounementspreis TV kr., wofür es durch alle köni'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kaun. Zwei Predigten von Joseph Othmar, Fürstbischof von Seckau, BiSthumsverweser von Leoben. II. Erneuerung des Lebens. „ES ist nun Zeit vom Schlafe aufzustehen." Rom. 13, 11. Zum zweiten Male haben wir uns versammelt, um das Gebet, durch welches wir die Gnade des JubiläumSablasseS zu erwerben hoffen, dem Herrn unserm Gott und Vater gemeinsam darzubringen. In der Zwischenzeit sind wohl die Meisten von Euch, theure Miterben der Verheißungen Christi, zu dem Brunnen der Läuterung hingetreten, welchen die göttliche Barmherzigleit unö eröffnet, und haben'durch ein reumüthigeS Bekenntniß ihrer Sünden sich des Wortes der Lossprechung würdig gemacht; die Uebrigen gedenken dieß in den nächsten Tagen zu thun und Jeder von uns bringt in dieß Gotteshaus fromme Gedanken und gute Vorsätze mit. Die guten Vorsätze, welche wir fassen, gleichen aber nicht weniger als die guten Lehren, welche wir anhören, einem Samenkorn, dessen Geschicke mannigfach sind. Der Tröster, welchen der Heiland uns gesandt hat, ist ein Licht, welches jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kömmt. ES gibt keinen zum Bewußtseyn erwachten Menschen, welcher nicht im Lause seines Lebens höhere Regungen mahnend und einladend gefühlt hätte, und die Erde trug wohl auch niemals noch einen Missethäter, welcher diese höhern Regungen immerdar mit gleicher Verstockung von sich gewiesen, welcher in gar keinem Augenblicke seines Lebens guten Wünschen und frommen Vorsätzen irgendwie Raum gegeben hätte. Auch der Sünder, welcher sich am frechsten wider das Gesetz der Heiligkeit empört, welcher in den dichtesten Finsternissen selbstgewählter Verblendung wandelt, hat wenigstens in frühen Jugendtagen Stunden gehabt, zu welchen seine Seele sich den Einsprechungen des Himmels aufschloß und es bleibt ihm davon auch eine Erinnerung, welche manchmal warnend emporstrebt. Wäre das Himmelreich durch gute Vorsätze zu erobern, so würde die breite Straße, welche zum Verderben führt, einsam und verlassen daliegen. Allein sehr häufig sind unsere guten Vorsätze ein Samenkorn, welches Wurzel zu fassen nicht vermag, oder sie bringen zwar einige Keime der Werke hervor, aber der Eifer welket schnell dahin oder die sündige Begierde tritt ihnen entgegen und erstickt sie. „O ihr Menschenkinder, ruft der heilige Geist uns strafend zu, wie lange wird euer Herz noch träge seyn, wie lange werdet ihr die Eitelkeit lieben und die Lüge suchen I" Nein nicht mehr lange: denn eS ist nun Zeit, vom Schlafe aufzustehen. Wer den Zweck will, der muß auch die Mittel wollen; sonst geräth er mit sich selbst in Widerspruch «nd dieß will sich, wo es die Güter dieser Welt betrifft, Niemand .jzlw?p<>1i^, iMiN nachsagen lassen, wir aber wollen uns vorzüglich in Dingen, welche unser Seelenheil betreffen, davor hüten. Wir wünschen des Jubiläumsablasses theilhaftig zu werden und indem wir diese Kirche zum Gebete besuchen, erklären wir öffentlich unsern Entschluß, die Bedingungen zu erfüllen, unter welchen die Kirche unS die Nachlassung der zeitlichen Strafen verkündet. Wir wissen, daß die Kirche nicht minder die Hüterin des Gesetzes der Heiligkeit als die AuSspenderin der Erbarmungen Gottes ist; wir wissen, daß, wenn die Ablaßverkündigung für uns Früchte des Heiles tragen soll, unsere guten Vorsätze wahr und treu seyn und sich in Werken des Glaubens und der Liebe bewähren müssen. Wohlan! so laßt unS nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern im Vertrauen auf Ihn, durch welchen wir Alles vermögen, das gut Begonnene zu gutem Ende führen. Dieser Tag, Geliebte im Herrn, sey für uns ein Tag der Erneuerung: denn er sey der Tag, an welchem wir vom Schlafe aufstehen, um auf dem Pfade, welchen daS Wort des Herrn unS vorzeichnet, mit der Gesinnung wahrer Christen zu wandeln. Eines thut Noth, sprach der Herr, als Maria zu seinen Füßen Worte des Lebens suchte, und eine einzige Forderung stellt er an unS: Sohn, spricht er, gib mir dein Herz! Die Antheilnahme^ welche wir nur zu oft an Geld und Gut, an Gunst und Achtung der Menschen, an flüchtige Vergnügungen, vielleicht an sündige, befleckte Genüsse verschwendeten, wollen wir unserm gnadenreichen Gotte und seinem heiligen Gesetze mit dem Eifer eines guten Kindes zuwenden. Dann ist uns wahrhaft Erneuerung geworden. So wollen wir denn auf die Bedeutung des menschlichen Lebens einen Blick der Betrachtung werfen; wir wollen insbesondere die Zeit, in welcher zu leben uns geordnet ist, prüfend ins Auge fassen und uns ermuntern, ungehemmt von der »geistigen Ermattung, von der Kraftlosigkeit zum Guten, deren Beispiele zum Schlummer einladen, uns mit dem Eifer der treuen Diener Gottes zu gürten und der Ankunft des Herrn mit brennenden Lampen zu harren. Als MoseS, bevor er auf den Berg Nebo stieg und starb, den Kindern Israels das Gesetz des Herrn noch einmal vorhielt, sprach er zu ihnen: „Der Herr läßt euch Versuchung erfahren, damit eS offenbar werde, ob ihr ihn liebet?" Dadurch ist die Bedeutung des menschlichen Lebens kurz und treffend bezeichnet. Wir sind nach Gottes Ebenbilde, wir sind, um Gott zu lieben und ihm allein zu dienen, geschaffen. Dieß weiß, so weit das Christenthum seine Lichtkreise zieht, jeder Schulknabe und der Weiseste der Weisen vermag nichts Höheres als in den Sinn dieses großen Wortes tiefer einzudringen. Weil wir aber ein Ebenbild Dessen sind, welcher sprach: ES werde Licht! und eS ward Licht, so sollen wir auch mitwirken, damit sein heiligster Wille erfüllt und das Reich der Geister, in welchem seine Herrlichkeit und Liebe sich abspiegelt, vollendet werde ringsumher um seinen ewigen Thron. Die Gestirne, welche in unermeßlichen Kreisen über unsern Häuptern dahinziehen, gehorchen willenlos dem allmächtigen Willen, welcher sie ins Daseyn rief; der geschaffene Geist soll mit der Gnade des Herrn freithätig mitwirken, damit er zu der ihm bestimmten Vollkommenheit gelange und in der Geisterwelt den Platz einnehme, welchen die Huld des Allerbarmers ihm beschicken hat. Die Liebe ist eine freie Gabe und Der, welcher dem Herrn sie darzubringen geschaffen ist, soll beweisen, daß er sie mit freiem Entschlüsse darbringe. Darum war den Engeln eine Zeit der Prüfung geordnet und nicht Alle blieben getreu; es fiel der glänzende Lucifer, eS fielen seine Genossen und ihre Stätte ward im Himmel nicht mehr gefunden. Darum ist auch den Menschen eine Zeit der Prüfung geordnet und unS, deren Stammvater am Baume der Erkenntniß von dem Herrn abtrünnig ward, ist eine Erde, über welche der Fluch der Sünde sich verbreitet hat, zum Schauplatze des Prüfungslebens angewiesen. «Ich selbst werde dein übergroßer Lohn seyn, sprach der Herr zu dem Vater der Gläubigen." Die Liebe Gottes ist wie die Bestimmung und Pflicht, so auch die Seligkeit des Menschen. Wenn der geschaffene Geist den Hocherhabenen, Hochheiligen nach dem Maaße der ihm zugetheilten Fähigkeit schaut und in getreuer Liebe mit ihm vereinigt ist, so spannt die Sehnsucht ihren Bogen ab: denn er hat Alles, waö 307 er zu haben berufen und fähig ist. Allein hier in dem Lande der Pilgerschaft kann das Sehnen, mit welchem das Menschenherz sich der ihm bestimmten Seligkeit unbewußt zuwendet, auf böse Irrwege gerathen und zwischen dem Dränge nach Bestie, digung und dem Bewußtseyn der Nothwendigkeit Gott allein zu dienen, tritt Entzweiung ein. So fühlt der Mensch sich zwischen zwei Gewalten gestellt; es lockt und zieht ihn das Verlangen, in einem Zustande der Befriedigung zu seyn und dennoch weiß er sehr wohl, daß eS etwas Höheres gebe, als die eigene Befriedigung zu suchen: weshalb sogar Jener, welcher seinen Vortheil mit dem kältesten Eigennutze berechnet und wägt, eS sür eine Beschimpfung hält, wenn man ihn eigennützig nennt. Dieß ist der Kampf, welcher in jedem menschlichen Herzen muß auSgefochten werden, dieß ist der Kampf, von welchem der Mcnschensohn spricht: „Wer überwindet, soll bei mir auf dem Throne sitzen: gleichwie ich überwunden habe und bei meinem Vater auf dem Throne sitze." Der Apostel Jakob lehrt mit vollem Rechte: „Jeder wird versucht, indem er von seiner Begierlichkeit gereizt und gelockt wird, und wenn die Begierlichkeit empfangen hat, so gebiert sie die Sünde." Indessen haben die Worte und Beispiele Jener, in deren Mitte wir leben, große Macht, die böse Begierde zu ermuthigen und die warnende Stimme des Gewissens zu entkräften. Thut es nicht Dieser und Jener, warum soll eben ich es mir versagen? Diese Schlußfolge ist weder bündig noch geistreich, aber sie übt über Hohe und Niedere, über Gelehrte und Ungelehrte weit mehr Gewalt, als sie wissen und einzugestehen geneigt sind. Derjenige, ohne dessen Willen kein Haar von unserm Haupte fällt, wägt und zählt auch die Einflüsse, durch welche die Abweichung von seinem Gesetze uns ohne unser Zuthun nahe gelegt wird, und läßt nicht zu, daß wir über unsere Kräfte versucht werden. Allein damit wir seiner Hilfe würdig seyen, müssen wir auf die Mahnung hören: „Wachet, damit ihr nicht in Versuchung fallet." Der Mensch bleibt immer schwach und die göttliche Gnade bleibt immer mächtig. ES war keine Zeit, wo die Kirche nicht unwürdige Mitglie, der in ihrer Mitte sah und eS wird keine seyn. ES war keine Zeit, wo die Kirche nicht durch Beispiele der Glaubenskraft und Heiligkeit geschmückt wurde, und es wird keine seyn. Allein die vorherrschenden Geistesrichtungen und Stimmungen wechseln im Laufe der Jahrhunderte, daher wechseln auch die Einflüsse, unter welchen der Christ seine Lebensaufgabe vollziehen soll. Wer durch Arabiens glühende Sandwüsten ziehen will, der muß sich mit einem Vorrathe an Wasser versorgen; sonst könnte eS ihm begegnen, daß er den langsamen Tod des VerschmachtenS stürbe. Dieß hat, wer hoch im Norden wandert, nicht zu fürchten: dagegen muß er daran denken, sich wider den Frost zu verwahren, sonst kann er auf dem schneebedeckten Felde in tödt- liche Erstarrung sinken. So soll auch der verständige Christ wider jene Abirrungen, zu welchen die vorwaltenden Auffassungen und Stimmungen seiner Zeit ihn hinziehen, sich mit besonderer Sorgfalt waffnen und wahren. Wenn wir also heute vom Schlummer aufstehen und in der Kraft des Herrn zum Berge GotteS wandeln wollen, so lohnt es sich der Mühe zu fragen: Welche Versuchung ist eS, die der sogenannte Zeitgeist uns besonders nahe legt? Unsere Zeit findet viele und wortreiche Lobredner. In den stürmischen Tagen, welche die Freiheit als einzige Herrscherin und die Freiheit der Meinungen als das höchste Menschenrecht priesen, war es sehr gefährlich zu bezweifeln, daß wir in einem Zeitalter hoher Vollkommenheit leben und nur noch eines kleinen Fortschrittes bedürfen, um ganz Licht und Tugend zu seyn. Andere sind anderer Meinung und statt volltönender Worte bringen sie Thatsachen: denn sie weisen auf eine lange, klägliche Reihe von Lastern und Thorheiten hin. Allein wann war die Menschheit an Freveln arm? Als die warnende Erinnerung an das Verlorne Paradies noch frisch war, erschlug Kain von Neid gejagt seinen Bruder. In Israels ruhmvollsten Tagen, als David siegte und sang, frevelte Ammon an der Keuschheit seiner Schwester, übte Absalon durch Brudermord Rache und streckte die Hand nach des Vaters Reich und Leben aus. Auch das Schlangenhaupt der Gotteslästerung zischte bereits, wenn auch 308 in verborgenen Winkeln: denn, wie unS allen aus dem Psalme bekannt ist, sprach schon damals der Gottlose in seinem Herzen: ES ist kein Gott. Haben wir AergereS, haben wir auch nur all das Arge erlebt, welches Israel in den Tagen seines großen Königes sah? Aber wenn der Hagel einige Strecken verwüstet, so ist damit noch nicht gesagt, daß das Jahr unfruchtbar sey; vielleicht bringt eS sogar Wein und Obst und Korn in seltener Fülle hervor. Wir müssen nicht nur nach den Beispielen des Lasters, sondern auch nach den Beispielen der Tugend fragen. Gräuelthaten, welche alle Bande der sittlichen Ordnung verhöhnen, sind ein furchtbares Zeugniß des Ab- grundeö, in welchen der Mensch, der seinen eigenen Lüften dienet, versinken kann. Doch wenn er dadurch zum Gegenstande des verschuldeten Abscheues wird, wenn einzelnen Beispielen wilden Frevels viele und herrliche Beweise sittlicher Kraft zur Seite stehen, wenn den wüthenden Leidenschaften gegenüber der Eifer für Gott und sein Reich sich mächtig waltend erhebt, so ist die Zeit gar mäht so schlimm und segenlos. Lasset es wachsen bis zum Tage der Ernte, spricht der Herr. Daß eh' der große Tag der Ernte kömmt, das Unkraut gänzlich ausgerottet werde, können wir nicht hoffen, wir müssen zufrieden seyn, wenn daS Unkraut nicht zu hindern vermag, daß der Weizen in vollen, reichen Aehren aufsprosse. Allein kann unsere Zeit sich Dessen rühmen? Daß wir an grellen AuSbrüchen des Frevels keinen Mangel haben, weiß Jeder- . mann. Dennoch sind scharf ausgeprägte, kühn zugreifende Leidenschaften seltener geworden. Der heiße Durst nach Sinnengenuß und Befriedigung der Eitelkeit, der bittere Neid gegen Alle, welche haben, was man zu haben begehrt, herrschte niemals über so viele Gemüther wie eben jetzt; aber wenn eS von Worten zu Thaten kommen soll, so gibt sich eine scheue, furchtsame Berechnung kund. Die Männer des Umsturzes sind ungemein verwegen, wo sie wenig oder gar keinen Widerstand besorgen; sie stacheln sich mit bluttriefenden Redensarten zu gan^ entsetzlichen Unthaten auf und würden sie ohne Zweifel verüben, wofern sie nur wüßten, daß für sie selbst keine Gefahr dabei sey. Sie möchten es gerne bis zum tobenden Wahnsinn bringen und bringen es meistens nur bis zu Fieberträumen. Das Böse ist an Kraft und Entschlossenheit arm geworden. Aber mit Beschämung müssen wir eS bekennen, noch ärmer an Kraft und Entschlossenheit ist das Gute geworden. (Schluß folgt.) Die Mission in Laupheim. *) (Vom 31. August bis 14. September 1351.) ES liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen Und das Erhab'ne in den Staub zu zieh'u. Längst schon hatte ich gewünscht, einer Mission anzuwohnen, aber immer hatten sich der Erfüllung dieses Wunsches die verschiedensten Hindernisse in den Weg gestellt. Endlich, als die Misston in Laupheim begann, sollte eS mir vergönnt seyn, meinen Wunsch zu befriedigen. Alles, waö ich seither in den Blättern über die Missionen gelesen, und von Freunden, die solchen beiwohnten, über sie gehört, ließ mich ahnen, daß die Missionen zu den großartigsten Erscheinungen unserer an Erhabenem so armen, an Erbärmlichkeiten leiver so reichen Zeit gehören müssen und die Lästerungen und Schmähungen der religionsfeindlichen Presse machten mir den großartigen Charakter der Missionen vollenvs zur Gewißheit, denn stets wurde daS wahrhaft Große und Erhabene am meisten gelästert und mit den Waffen der Bosheit, mit Lüge und Verleumdung bekämpft. Auf den Flügeln der Sehnsucht eilte ich daher hinauf in die Gauen Ober» schwabenS, nach Laupheim, dem einstigen Sitze der Freiherren von Weiden, wo die P. P. Schlosser, Rover und ZeU das Werk der Mission begonnen hatten. Leider -) D. Kr. 309 war ich nicht so glücklich, der Misston von Anfang beiwohnen zu können, ich mußte, mich deßhalb über das, was ich versäumt hatte, mit Berichten begnügen. Der Zweck der Misston ist bekanntlich kein anderer, als die Erneuerung und Belebung deö alten katholischen Glaubens. Die Kohlen, die in der Asche glühen, sollen angefacht werden zur hellen Flamme, welche die Sünde und die Lust der Welt verzehrt, der todte Glaube soll aus seinem Grabe erweckt und verwandelt werden in einen durch Liebe thätigen Glauben. Sehen wir, auf welche Weise die Misstonäre das Ziel zu erreichen suchen, daS sie sich gesteckt haben. Die Dauer einer Misston ist gewöhnlich auf 14 Tage bestimmt, während dieser Zeit werden täglich drei Predigten gehalten. Durch diese Vorträge sowohl als durch verschiedene ergreifende Feierlichkeiten, welche wir bald näher kennen lernen werden, suchen die Missionäre auf den Verstand und auf daS Gemüth gleichzeitig einzuwirken. Die Mission beginnt mit einer Predigt über die Bestimmung des Menschen, welche zum Zwecke hat, dem Auge des Geistes klar zu machen, daß nicht die Erde, nicht die materiellen Genüsse das Ziel seyn dürfen, nach welchem der Mensch zu streben hat, sondern daß sie nur daS Mittel zum Zwecke, zur Ausbildung für ein überirdisches, göttliches Leben seyen. Hieran reihen sich dann die Predigten über die Sünde im Allgemeinen, über die vier letzten Dinge, Himmel, Hölle, Tod und Gericht und über die sieben Todsünden und die Belehrungen über die Standespflichten. In ergreifender Weise werden jedem Stande, den Jünglingen, den Jungfrauen, den Eheleuten, den Eltern, den Dienstboten und Dienstherrschaften:c. die besondern Pflichten ihres Standes eingeschärft. Alles, was den Verstand aufklären und daS Herz erschüttern kann, wird in den Predigten über die Sünde zc. den Zuhörern zu Gemüthe geführt, bis die Gläubigen, aufgelöst in heiße Bußthränen, sich hinwerfen vor dem Richterstuhle GotteS, und seinem Stellvertreter auf Erden ein reumüthigeS Bekenntniß ihrer Sünden ablegen und ihm wahre aufrichtige Besserung versprechen. Gewöhnlich beweist sich bei diesen Missionen die Aufrichtigkeit der Reue auf mannigfache Weise, jahrelange Feindschaften hören auf, unzufriedenen Eheleuten kehrt der häusliche Friede wieder, ungerechtes Gut wird vielfach zurückerstattet, ärgerliche Verhältnisse zwischen Leuten verschiedenen Geschlechtes schwinden. Wenn die Predigten über die Sünde und ihre Folgen vorüber sind, wenn der Mensch ganz darniedergebeugt in den Staub durch das Bewußtseyn seiner Schuld vor Gott sich gedemülhigt und am Thron seiner Barmherzigkeit um Gnade gefleht hat, dann beginnt mit der Predigt über die göttliche Barmherzigkeit eine gar schöne trostreiche Seite der Misston, dann wird Alleö, was die katholische Religion Erhebendes und Tröstendes hat, vor den Augen der Gebeugten ausgebreitet, dann wird die katholische Glaubenslehre als eine stärkende Arznei ihnen dargereicht. Die Misston in Laupheim hatte, wie oben bemerkt, am 3l. August begonnen. Ich kam am 6. September Morgens frühzeitig genug an, um gleich der ersten Predigt beiwohnen zu können. Pater Roder predigte vor einer zahlreichen Versammlung in der Kirche über die Sünde deS Geizes und der Habsucht. Mit beißendem Spotte griff der Prediger dieses Hauptgebrechen der Zeit an, trefflich charakterisirte er seine Wirkungen. „Um Geld, sagte er unter Anderm, thun die Menschen heutzutage Alles, um Geld werden Meineide geschworen, um Geld zu gewinnen versäumt man den Gottesdienst und daS Gebet. Der Himmel fiele ein, wenn man nicht alle Sonntage arbeitete. DaS Kirchengehen, das Beten zc. bringt mir kein Geld in die Tasche, sagen unsere Philosophen im Bauernkittel, und darum muß eS wahr seyn. Ein einziger Gulden, der verloren geht, erweckt mehr Thränen, als ein Dutzend Todsünden." Die Predigt zerfiel in zwei Theile, im ersten Theile sprach der Redner von den Gefahren der Habsucht, im zweiten von den Heilmitteln derselben, unter den letztern wurde namentlich der Ersatz deS ungerechten Gutes angeführt. Um unsere Leser über den wahren Werth dessen, was Ulmer Schnellpost, Beobachter und andere Lügen« 310 blätter über die unmoralischen, sittenverderbenden Grundsätze der Jesuiten und über die von ihnen gepredigte Werkheiligkeit schmieren, s eoutrariv aufzuklären, heben wir nur noch folgenden Satz aus der Predigt des Pater Roder hervor: „Niemand meine mit Gebet, mit Messenlesen, mit Almosen, daS ungerechte Gut ersetzen zu können, damit ist dem Beschädigten nicht geholfen, das ist nur dann zulässig, wenn ein Ersatz auf andere Weise absolut unmöglich ist." Klarer, durchdringender Verstand, beißende Ironie, eine vollendete Form, eine glänzende Sprache, treffende Bilder und Vergleichungen, ein lebendiger eindringlicher Vortrag zeichnen die Predigten deS Pater Roder aus, der es sich hauptsächlich und vor allen Andern zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, auf den Verstand zu wirken. Am Mittag des 6. September predigte Pater Schlosser über die Pflichten der Eltern. Die Predigten dieses Pater haben meist katcchetische Form, sind für daö Volk berechnet, äußerst klar und verständlich und bemühen sich namentlich durch öftere Wiederholungen der Fassungskraft der unteren Volköclassen den Gegenstand möglichst klar zu machen. Abends predigte Pater Zeil über die Barmherzigkeit GotteS. Bei diesem Redner vereinigt sich Alles, um auf das Gemüth einen tiefen Eindruck zu machen. Eine schöne jugendliche Gestalt, ein klangvolles Organ, ein fließender, eindringlicher Vortrag, eine gefühlvolle Sprache, ihm hörte man selten mit trockenen Augen zu, die Thränen flößen reichlich, wenn er sprach. Am Sonntage mußte wegen deö großen Andrangs von Fremden im Freien gepredigt werden, eben so am Montag, den 8. September, am Festtage Mariä Geburt, wo sich zwischen 12 und 15,000 Personen eingefunden hatten. An diesem Tage begannen die verschiedenen Feierlichkeiten, welche einen Theil der Mission bilden, mit der Empfehlung unter den Schutz der Gottesmutter Maria. Pater Roder hielt die Predigt über die Verehrung Mariens, worin er zunächst dem Vorwurfe begegnete, als würde die Gottesmutter von den Katholiken angebetet und sodann auS dem katholischen Dogma nachwies, wie berechtigt die Verehrung der heiligen Jungfrau sey. Vor dem Beginn der Predigt war ein Marienbild von mehr als hundert Jungfrauen begleitet, welche alle Kränke in den Haaren trugen, in feierlicher Procession auf den freien Platz hinausgetragen worden. Ich hatte die Gewohnheit, die meisten Predigten nachzuschreiben, aber heute war es mir unmöglich den herrlichen, begeisterten Schluß dieser Marienpredigt niederzuschreiben, heiße Thränen füllten mein Auge und benetzten das Papier, auf das ich schrieb, der Bleistift entsank meiner Hand, ich weinte wie ein Kind. Und was müßte auch daS für ein Herz gewesen seyn, das gefühllos geblieben wäre bei diesen herrlichen, ergreifenden Worten, bei dem Anblick dieser andächtigen Menge, welche tief ergriffen nnter dem in den letzten Strahlen der Abendsonne glühenden Firmamente mit feierlicher Stimme die Formel der Empfehlung in den Schutz der Gottesmutter und daö Gelöbniß eines reinen und frommen Lebenswandels nachsprach. Als der Prediger geendet hatte, zog man in feierlicher Procession 'unter dem Geläute der Glocken wieder in die Kirche zurück, wo auf dem mittlern Altare im Schiff der Kirche der Namenszug der Himmelskönigin mit der Krone flammte. Der ganze Weg, den die Processton nahm, und die breite Kirchenstaffel waren von andächtigen Landleuteu mit entblößten Häuptern belagert und es gemahnte mich dieser Anblick an jene frommen altdeutschen Bilder, auf denen man immer fromme Beter, meist Landleute mit gefalteten Händen und barhaupt vor einem Crucifir oder einem Muttergottesbilde knieen sieht. Die Predigt deS Pater Roder hatte sichtlich einen tiefen Eindruck gemacht, denn man verdankte ihr den rührenden Anblick, daß man, als die Glocken zum englischen Gruße läuteten, ganze Gruppen in den Straszcn knieen und andächtig beten sah. Am darauf folgenden Tade fand die zweite der die Mission begleitenden Feierlichkeiten, die Versöhnung mit den Feinden vor ausgesetztem Allerheiligsten und einem beleuchteten Kreuze statt. In erschütternder Rede stellte Pater Zeil daS Sündhafte deS Hasses und der Feindschaft seinen Zuhörern vor und forderte Alle auf, einander 311 gegenseitig zu verzeihen und um Verzeihung zu bitten. Die ganze Kirche war in Thränen aufgelöst, über eine halbe Stunde lang hörte man fortwährend lautes Schluchzen, tief ergriffen ging die fromme Versammlung auseinander und gewiß blieb die schöne ächt christliche Feierlichkeit nicht ohne gute Folgen. Und solchen Thatsachen gegenüber, die gewiß besser sprechen als alle Worte, gibt eS Boshafte genug, welche fortwährend behaupten, die Jesuiten predigen Intoleranz, Haß und Verachtung. Wie grundlos diese Verdächtigungen sind, mag am Besten durch einige Stellen aus der Predigt des Pater Roder über die Nothwendigkeit der Kirche bewiesen werden. Nachdem der Redner nachgewiesen, daß daö Christenthum ohne Kirche nicht denkbar ist, nachdem er mit beißender Satyre die Hohlheit des Satzes: Auf die Religion kommt nichts an, alle Religionen sind gleich, charakterisirt, fährt er fort: „Ich achte und ehre einen Jeden, welcher eine Ueberzeugung hat, wenn auch eine irrige. Denn Irrthum ist des Menschen Looö, und wer eine Ueberzeugung hat, thut, was er kann, steht nur materiell im Irrthum, formell, vor Gott, steht er nicht im Irrthum, weil er nicht irren will, weil er für seinen Irrthum nichts kann. Einen Jeden solchen werde ich achten, denn er erfüllt seine menschliche Bestimmung." Und am Schlüsse der Rede sagte der Prediger weiter: „Hoffentlich wird Niemand sagen, man müsse alle diejenigen, welche unsere Ueberzeugung nicht theilen, hassen. Es gibt aber Leute, welche eine andere Ueberzeugung nicht neben sich sehen können, ohne die Träger derselben zu hassen. Das Gesetz des Herrn, jeden Menschen ohne Unterschied zu lieben, steht in seiner Kraft. Daraus, daß ich denke, eS irre Jemand, folgt nicht, daß ich ihn hassen muß. Ich meine im Gegen- theil, die Liebe könne sehr gut neben der Ueberzeugung bestehen, daß Andere irren. Ich halte einen für irrend mit dem Verstände, der Haß aber ist Sache des HerzenS. Irren ist menschlich. Schlecht macht nur das Herz." Und solchen klaren Worten gegenüber, welche gesprochen wurden vor mehr als 12,000 Personen, die alle die Wahrheit derselben bezeugen können, wagt man fort und fort die Lüge: Die Jesuiten predigen Haß und Verachtung gegen Andersgläubige. Ich sage, die Missionäre haben diese Behauptungen der religionsseindlichen Presse mit Wort und That Lügen gestraft, sie haben sich gerächt, wie eS Christen geziemt, denn sowohl am Schlüsse der Versöhnungsrcde, als in ihren Abschiedspredigten haben sie ihre Zuhörer aufgefordert zu beten für die Verfolger und Verleumder der Missionäre. Der Versöhnungsfeier folgte noch'am Freitag die feierliche Abbitte vor dem Allerheiligsten und am Samstag die Erneuerung der Taufgelübde. Am Sonntag den 14. am Feste der Kreuzerhöhung fand die herrliche Schlußfeier der Mission mit Errichtung eines Missionskreuzes statt, das in feierlicher Procession an den Ort getra- gen wurde, wo eS errichtet werden sollte. Es ist etwas schönes um so eine Procession. Da zieht sie hin, die streitende Kirche, voraus das Kreuz, das Zeichen, in dem sie siegen wird, und die Fahnen und die Bilder der Heiligen, der mit Sieg gekrönten Streiter; da zieht sie hin, wie auf dem Wege zum Himmel; die Waffe, mit der sie kämpft, ist das Gebet, darum betet sie unablässig zum Herrn der Heerschaaren um Sieg im schweren Streite. ES war ein schöner Anblick, wie die Procession sich durch die schwarze Menschenmasse durchzog, die heute wohl aus zwanzig Tausenden bestand, wie eine Perlenschnur schlangen sich die Kränze der vielen Jungfrauen, welche an dem frommen Zuge Theil nahmen, durch den Knäuel. Pater Roder hielt, nachdem das Kreuz errichtet war, die Abschiedspredigt, bei welcher die Thränen der vielen Tausende, welche sie hörten, reichlich flößen. Nach der Predigt bewegte sich die Procession in die Kirche zurück, wo ein feierliches „Großer Gott wir loben dich", in das alle Anwesenden einstimmten, den Schluß der Mission bildete. DaS MissionSkreuz steht vor einer Capelle zwischen zwei Bäumen. Um diese Capelle, so wie um das anstoßende MeßnerhäuSchen herum schlingt sich eine eiserne Kette, die einst ein Fuhr- mann gelobte, welcher nah dieser Capelle in der Nacht mit seinem Wagen im Sumpfe stecken blieb und nimmer heraus konnte, bis ihm auf sein brünstiges Gebet unerwartet« ! 312 > Hilft kam. Mit einbrechender Dunkelheit wurde das neu errichtete Kreuz beleuchtet und strahlte mit tröstlichem Glänze in die Nacht der Erde hinein. Betende standen unter demselben bis daS letzte Lämpchen verglüht war und sandten laut ihre Gebete für alle möglichen Anliegen zum Himmel empor, für ihre Eltern, für ihre Freunde und Wohlthäter, für die armen Seelen im Fegfeuer, für alle Kranke und Presthaste, für ihre Seelsorger, für die Missionäre. „Ich thät auch noch um ein Vater unser bitten für ein KrankeS" sagte ein Weiblein als man enden wollte und alsobald willfahrte man ihr; ein „Vergelt'S Gott" lohnte die bereitwilligen Beter. Am andern Morgen, ehe ich Laupheim verließ, ging ich noch einmal zur Kirche in die Frühmesse, welche zum deutlichsten Beweise, daß die Mission einen tiefen Ein« druck hinterlassen, sehr zahlreich besucht war. Die Laupheimer haben eine schöne Kirche. Schöne Bilder schmücken die glänzenden Altäre. Die Bildnisse der Apostel, aus Holz geschnitzt und mit glänzend weißer Oelfarbe angestrichen, schauen ernst und mahnend herab auf die Gläubigen. Ich nahm einen wehmüthigen Abschied von diesen Altären, vor denen ich so oft gebetet, von dieser Kanzel, von welcher ich so viele trösMDe Wahrheiten hatte verkünden hören aus dem Munde der unermüdlichen MissioMrt, welche ihre Gesundheit, ja ihr Leben opfern in ihrem heiligen Berufe, von diesen Beichtstühlen, in welchen so manches gepreßte Herz, so manche mühselige und beladen« Seele in diesen Tagen des Heils Trost und Frieden sich geholt. Mit Thränen im Auge verließ ich den Ort des Friedens, um die heilige Stille dieser Tage wieder mit dem lärmenden Treiben der Welt zu vertauschen. F. X. Schumacher. Nekrolog. St. Pölten. Am 2. September verstarb der hochwürdigste Herr Bischof Anton Buchmayer in Folge von Altersschwäche im 31sten Jahre seines Lebens. Hochderselbe war geboren zu Waidhofen an der AbbS, studirte Theologie im General- Seminar zu Wien und ward zum Priester geweiht zu St. Pölten 1792. Er wurde daselbst angestellt als Domcurat, und schon als solcher in der Consistorialkanzlei ver- wendet. Einige Jahre darnach erlangte er die Pfarre Erlakloster; man berief ihn aber schon im Jahre 1303 als Kanzleidirector und CanonicuS nach St. Pölten. Als Kanzleivorstand wirkte er hier durch fast zwanzig Jahre bis 1822. In diesem Jahre erhielt er auf sein Verlangen die Pfarre RaabS, auf welcher er nur zwei Jahre blieb, da er 1324 zum k. k. Regierungsrath und Referenten in geistlichen Angelegenheiten ernannt wurde. Als solchen berief ihn (1835) der gegenwärtige hochwürdigste Herr Fürsterzbischof von Wien zugleich zu seinem Generalvicar, Weihbischof, DomcustoS und Domherrn bei St. Stephan. Im Jahre 1840 wurde er Domprobst in Wien, und im Jahre 1842 zum Bischof von St. Pölten ernannt; im selben Jahre feierte er seine Secundiz. Am 24. Mai 1343 hielt er als Bischof von St. Pölten seine Introduktion. Der dahingeschiedene Bischof ist somit acht Jahre lang der Diöcese St. Pölten alö Oberhirt vorgestanden. B r e s l a «. BreSlau, 20. Sept. Die grauen Schwestern aus München, auch wohl Lehrschwestern genannt, werden demnächst nun auch in unserer Stadt ihre Wirksamkeit, die Jugend zu erziehen und zu bilven, beginnen. Vorerst soll ihnen die Waisenanstalt zur „schmerzhasten Mutter" (Mter äoloross) auf dem Dome alö daS zu bebauende Gebiet angewiesen seyn. ' -' > ' ' ' . <">)lf'nc. Verantwntlicher Redactem: L. Schönche«. - V»rkgs-Jnhaw: F. E. »retM.