Gilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 5. Oktober ^O. 1851. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsvrei« 4V kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Geschichte der Missionen in der Diöcese Eichstädt. (Ans den kath. Bl. a. Franken.) DaS BiSthum Eichstädt hat wiederum begonnen eine Geschichte der Missionen zu haben. Wenn der Himmel unsere Hoffnungen begünstigt, so werden Tage reichen Segens in die Jahrbücher der Diöcese eingetragen werden können. Eichstädt erhielt übrigens nicht jetzt erst eine Geschichte der Missionen, man kann sagen, daß eS von Anfang an eine solche besitzt. DaS Andenken an die Vergangenheit mit dem Anblick der Gegenwart zu vereinen — Gott zur Ehre, zum Danke für. Alles, soll der Zweck der nachstehenden Darstellung seyn. Eichstädts Geschichte beginnt mit einer Misston. S. Willibald vom heiligen BonifaciuS gesendet, pflanzt als einfacher Priester das MissionSkreuz über dem Kirchlein der heiligen Jungfrau auf und verkündet daS Evangelium den christlichen Bewohnern der Umgegend mit jener Liebe, welche die Nonne von Heidcnheim, seine ZuHörerin, in so zarten Bildern zu beschreiben*) gewußt hat. Seitdem der Stuhl des Abtes von „Eistat" zum bischöfliche» Sitze von Eichstädt geworden, ist wohl kein MissionSorden an der Diöcese vorübergegangen, ohne in ihr seine Fußstapfen zurückzulassen. Den Söhnen deS heiligen Dominicus gab Bischof Reimboto schon 1279 ein Kloster in seiner Hauptstadt,**) die FranciScaner hatten in Wemding eine ihrer ersten Niederlassungen in Deutschland begründet.**") Als Johannes CapistranuS, der begeisterte Prediger, seine Missionsreisen durch Deuschland machte, versäumte er nicht, nach Eichstädt zu ziehen, dessen Bischof Johann III. sein Freund war, und einige seiner Dienste der Diöcese zu widmen, was ihm der Bischof dadurch vergalt, daß er beim heiligen Stuhle seine Heiligsprechung betreiben half, f) Indeß hat kein Orden sich mehr Verdienste um daS BiSthum erworben als die Jesuiten; ihren Missionen hatte man die Wiedergeburt der Diöcese zu verdanken. WaS S. Willibald gepflanzt, seine Nachfolger gepflegt, — daS schien die Reformation vernichten zu wollen, welche im Laufe von hundert Jahren die schönsten Theile der Diöcese dem alten Glauben entriß. AIS Johann Christoph v. Westerstetten 1613 auf den bischöfl. Stuhl von Eichstädt erhoben war, zählte er 200 Pfarreien mit 200,000 Seelen, die sein -) Näheres in der Denkschrift zur Itten Säcularfeier der Diöcese von Titl. Herrn Domvropst David P»pv S. 1S4. ") Strauß Besch. Eichst, in HirschingS Archiv Bd. II. S. L49. V. ?etri Suevia üceles. p. 89t. 5) ^m. Kennsnn. tust. 5. Lspist. P. 403. 694. 314 Sprengel an den Protestantismus in der Oberpfalz, in Pfalz-Neuburg und Sulzbach so wie in der Markgrafschaft Ansbach und dem Gebiete von Nürnberg verloren, oder die mit den Grafschaften Grcisbach, Wolfstein, Pappenheim und der Reichsstadt Weißenburg vom Glauben der Väter abgefallen waren. Dazu kamen noch bei 14 Klöster, welche das Loos der Säcularisation getroffen hatte. Was von der Diärese übrig geblieben, war rings von der Häresie umschlossen und vom Abfalle bedroht, mir Ausnahme des kleinen Theiles, der in Bayern lag; an manchen Orten waren Katholiken und Protestanten nicht zum Vortheile der Erstern gemischt. Betrachtete der Bischof den Zustand der Treugebliebenen, so fand er in seiner eigenen Hauptstadt den Eifer für Religion und Tugend dem Erlöschen nahe und einen Klerus, dessen Mehrzahl noch hundert Jahre nachher ein Gcneralvicar von Eichstävt nur den blinden und lahmen Wächtern des Jsaias zu vergleichen wußte. Eine Jugend, die Johann Christoph von einem seiner Räthe nur träg und müßig, ohne Kenntniß und Sitte, frei und ausgelassen nennen lassen konnte, gab keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Martin von Schau in berg hatte einige 4V Jahre vorher das Willibaldi- num nach dem Beschlusse des Concils von Trient gegründet. Mit Befriedigung liest man, daß die Tüchtigsten des damaligen Klerus auö ihm hervorgegangen. Allein den ersten Lehrern, Männern von großer Gelehrsamkeit, waren andere mit weniger Wissen aber mehr Selbstsucht gefolgt, und die anfangs prachtvoll aufblühende Pflanzung war unter den Nachfolgern Martins schnell dem Verfalle nahe gekommen. Einzig auf Jngolstadt ruhte das Auge Johann Christophs mit Wohlgefallen. Die Jesuiten hatten es durch aufopfernde Anstrengung zu eiuem blühenden Garten gemacht, den Kathedern der Universität Leuchten der Wissenschaft, dem Volke Beispiele der Heiligkeit gegeben, welche bis heute noch im Andenken der Einwohner nicht erloschen sind, f) Konnten dieß die Jesuiten in Jngolstadt, so konnten sie es für daS ganze Biöthum. Geistliche und weltliche Fürsten hatten sich ihrer Hilfe bedient und waren mit ihnen zufrieden, der Bischof hatte bei ihnen zu Dillingen und Jngolstadt seine Studien gemacht, als Propst von Ellwangen ihren Eifer schätzen gelernt — jetzt sollten sie in seine Diöcese einziehen, Lehrer für seine Jugend, Missionäre für sein Volk seyn, -i-r) Unter beständigen Schwierigkeiten von Seite eines durch Vorurtheile befangenen Capitels baute er ihnen Kirche, Collcgium und Gymnasium, die Väter eröffneten ihre Schulen uud Congrcgationen, und bald fehlte nichts mehr, was die Jesuiten an einem Orte zu besitzen gewohnt sind, an welchem ihre Thätigkeit eine vorzügliche seyn soll. Ihre Mission sollte auf der Kanzel uud in den Beichtstühlen der Domkirche beginnen. Es war nothwendig, daß Johann Christoph vorging, um Erfolge zu erhalten. Falsche Gerüchte über die Jesuiten hielten das Volk von ihnen ferne, man scheute sie, man floh sie. Da trat eines Tages im Angesichts seines Gefolges und vor den Augen der staunenden Menge der Bischof in der Domkirche zu einem der Väter in den Beichtstuhl, um der Erste zu seyn, der in Eichstädt einem Jesuiten sein Sündenbekenntniß ablegte. Der Weg war gebahnt; — was er seinen Fürsten und Bischof thun sah, thut nach ihm der Dechant des Capitels, nach diesem der Weihbischof, nach ihnen Männer deS höchsten Ranges, zuletzt Büßer aller Slände, 350 an der Zahl. Mit dieser That — eS war ein heiliger Kunstgriff bischöflicher Liebe — war die Mission in Eichstädt eröffnet. Das Wort deS Predigers auf der Kanzel ') Eine weitere Aufzählung gibt die Diöccsan-Matrikel im Anfange. ") Nicbcrlcin, Lobrede auf das Jubeljahr der Jesuiten von Eichstädt im Jahre 17t6. S, S. Aus mitgetheilten gleichzeitigen Handschriften, f) Kröpf Annal. Provinc. S, German. wm. III. pgssim, 55) Strauß Viri insiZi,- SM. p. S9 sy. 315 machte die Unwissenheit der Einwohner in religiösen Dingen, alte Irrthümer und eingerostetes Verderben verschwinden, die verachteten Gesetze der Kirche begannen wieder in ihre Rechte eingesetzt zu werden. Die religiöse Wiedergeburt der Stadt nahm bei den Kindern ihren Anfang, welche ihrerseits die Missionäre ihrer Eltern wurden, und es macht Vergnügen, einzelne Züge des Eifers der jungen Apostel berichtet zu lesen. Stets haben die Jesuiten es verstanden, mit bewundcrnswerther Kunst die studirende Jugend an sich zu ziehen. Studirende waren es auch hier, die ihre Absichten beförderten. Mit Christenlehrgeschenken in der Tasche zogen sie an Feiertagen auf die umliegenden Dörfer, und hielten den Landleuten, Erwachsenen und Kincern, Christenlehre, wenn sie nach Art indischer Missionäre mit einem Glöckchen sich Zuhörer zusammengeschellt hatten. Sie führten den Vätern geheime Anhänger der neuen Lehre zu (360 Absolutionen in der Stadt während fünf Jahre bezeugen, wie weit daS Nebel schon um sich gegriffen), um sie wieder in die Kirche auszunehmen oder ergraute Sünder, die sie zur Buße zu bereden wußten.") So verwundert man sich nicht, wenn man in den ersten fünf Jahren bei den Jesuiten in Eichstädt allein 36,000 Communicanten nachzählen kann und im Jubeljahre 1626 an allen Orten ihrer Missionen 17,966 Beichten rechnet, die sie den Gläubigen abnahmen."*) Jesuiten konnte man aber nicht bloß im Beichtstuhle und auf der Kanzel treffen, man begegnete ihnen auf den Straßen, um Almosen für die Armuth zu sammeln oder für das Haus, das der Bischof den Waisen gekauft; man sah sie in die Gefängnisse treten, um an dem Orte der Schmach Verlorne Seelen zu suchen, sah sie bei einer Seuche an den gefahrvollen Stellen und hörte sie zum Empfange der letzten Oelung ermähnen, deren Gebrauch in der Diöcese fast ganz erloschen, und die an einzelgen Orten seit 12 Jahren nicht mehr gespendet worden war; eine Erscheinung, die man nur etwas erklärlicher findet, wenn man die Predigten von vr. Eck gelesen hat, der die Diöcese wohl kennen mußte. *"") Es ist oben gesagt worden, was Eichstädt war, als Johann Christoph zur Regierung kam, jetzt konnte Gretser von ihm schreiben: Ilrlzs telix urks plena vec>, nutritis clivom. -j-) War einmal der Mittelpunct der Diöcese befestigt, so mochte man daran gehen, nach Außen zu wirken. Und hier ist es, als sehe man einen kriegsgeübten Feldherrn Schlag auf Schlag einen wohldurchdachten Eroberungsplan ausführen, so stufenweise ist das Vordringen der Jesuiten, die jeden neubefestigten Punct des katholischen Theiles der Diöcese zum Rückhalt nehmen, um den Protestantismus von allen Seiten zu umschlingen und ihm Seele um Seele, Land um Land zu entreißen. In den ersten Jahren (1615 — 17) finden sich die Jesuiten von Eichstädt in den umliegenden Ortschaften Landeröhofen, Psintz, Pollenfeld, Roppertsbuch, Ochsen- seld und Schermfeld als Katecheten, anfänglich das Gleiche erfahrend, was ihnen zu Eichstädt begegnet war. AIS die von Twlnstein den ersten Jesuiten sahen, ergriffen sie wie vor einem Ungeheuer — man verzeihe einen Ausdruck, den die Jahrbuche? der Societät selbst in die Feder geben — angstvoll und furchtsam die Flucht, bis sie kühner geworden, fleißig zum Unterrichte sich einfandcn. sf) Während man jedoch die Väter noch in der Umgegend von Eichstädt beobachtet, haben sie schon Verstärkung an sich gezogen und eröffnen zu Berchein die erste große Mission im Bisthum. Der Erfolg der Predigt war jener des Apostels zu Evhesus; die Einwohner kamen und legten ihre häretischen Bücher zu den Füßen > der Jesuiten nieder, viele aus dem Städtchen und der Umgegend entsagten dem Jrr- ") Krops I. c. tow. IV. p. S4 — S9. ") IZx lliswris LollsA. t^stoll. ws. Predigten 4 Theil. Jngolst. tSZ4 Fol. 109. äcta Vi5itat. äe anno 1602. 7) Dreiser Lärm, äeäicst sä 5osnnsm Lkristopkorum. -j-j-) Mstor. Loli. L^stett. sä »im. eit. 316 thume. Nur mit Thränen sah man die Missionäre scheiden, die man gerne für immer behalten wollte, und die jährlich nur einmal wiederkehren sollten. Im Jabre 1616 zur Fastenzeit begann eine Mission zu Spalt mit gleichem Erfolge; von Berching aus wird Beilngries und Greding in den Bereich der Thätigkeit gezogen und indem die Jesuiten in der Pfarrei Danhausen 17 Einwohner dem alten Glauben wieder zuführen, stehen sie an der Gränze der calvinischen Oberpsalz. *) Kaum von da zurückgekehrt, eilen zwei von ihnen nach Herrieden, dort in einem neuerrichteten Missionshause der Seelsorge zu leben, im Grunde, den Protestantismus in AnSbach zu bekämpfen. Doch die Markgrasschast sollte dem Bisthum bis zur Stunde verloren bleiben. Dort hatte nicht bloß die Politik deS Hofes, sondern auch Hochmuth und Geiz der Unterthanen der Lehre LulherS Eingang verschafft. **) ES ist wahr, der Protestantismus der Markgräflichen war geschmeidig und machte wenigstens keine offenen Versuche, weiter zu dringen, aber man darf nicht vergessen, daß er auf der einen Gränze den Bischofsstab von Eichstädt gewahrte, den der Löwe von Bayern hütete, auf der andern Seite das Schwert des deutschen Ordens, das der Commenthur von Franken führte. Die Jesuiten haben mit Freude erzählt, daß AnSbach ehrlich genug war, um sie nicht für die Männer zu halten, welche der Ruf mit schwarzen Farben schilderte, artig genug, daß seine Vornehmen den Umgang mit Jesuiten nicht verschmähten, wenn sie auch Einen Altar und Einen Glauben mit ihnen nicht haben wollten. Hätten sie gewußt, was damals der Markgraf gegen Eichstädt für Gedanken hegte, so würden sie weniger Freude gezeigt haben.-j-) Die bescheidene Zahl 3 ist die Ziffer der Bekehrungen aus dem AnSbachischen; stieg sie auch auf 46 in den nächsten Jahren, so blieb die Thätigkeit der Jesuiten doch meist auf das katholische Herrieven beschränkt, daß ihnen freilich unsterbliches Lob eingebracht hat. Die Station von Herrieden war nicht eine vereinzelte in jener Gegend, die Jesuiten hatten noch weiterhin ihre Gränzwachen liegen. Schon seit 1606 hielten sie Missionen in Eschenbach, dessen Einwohner einzig durch den ernsten Willen des Commenthur von Franken beim Glauben erhalten worden waren. Der Unterricht der Jesuiten von Dillingen während der Fastenzeit machte den äußern Zwang zur innern Ueberzeugung, tt) Einen festen Anhaltspunct gab daS bayerische Städtchen Wemding, wo seit 1602 fast jährlich Missionen waren. Die Jesuiten liebten diese Gemeinde, die Bürger hatten bei ihrem ersten Erscheinen einen seltenen Glaubensmuth an den Tag gelegt, als sie mitten durch protestantisches Gebiet, unbekümmert um Spott und Beschimpfung, womit man sie überhäufle, eine Wallfahrt nach einem fremden Gnabenorte der seligen Jungfrau machten. Wemding ist jetzt selbst einer der Orte, an denen die Himmelskönigin vorzugsweise eine gnädige Mutter der Gläubigen seyn will, vielleicht ist ricß ver Dank der Jungfrau, den Nachkommen für die Treue der Väter erwiesen. Die Jesuiten von Eichstädt, die nachher oft nach Wemding zogen, vergaßen daS nicht, was auf dem Wege lag. Sie führten Philipp, den Marschall von Pappenheim, ihrem Bischof zu, um das katholische Glaubensbekenntniß ihm abzunehmen; sie sprachen in Mohren ein, dessen Besitzer mit seinen Unterthanen wieder katholisch geworden, und versahen einige Jahre lang die Pfarrei. Kipfenberg und Treuchlling vermehrten um dieselbe Zeit die Namen der Orte, an denen Jesuiten thätig waren, iffl-) Sie haben sich jetzt auf allen Gränzen deö katholischen Theiles der Diöcese *) Ilist, Loll, I5)slclt,. M8. !»1 ÜNN. 1657, ") Vgl z. B. Niederer, Nachrichten z. Kirchengcsch, Bd. II. S. 333 ff. Bd. lll. S. 3t7 ff. Kröpf ps, IV. p. kl 319, f) Vgl. Anhalt, Kanzl. 1621. S, 30. 43, 206, 212 — 214. 1"!-) Kröpf I. c, III. p. 2S4 et sl. Lit. Ann. S, I. 1602. p. 451, ^tl-) Ilist. Loll. LM. acl -mn. 1623. et 1626. 317 ausgedehnt und stehen kampfbereit dem Protestantismus gegenüber. Nur eine Gelegenheit, und sie werden sich auf ihn stürzen, seine Beute ihm abjagen. Diese Gelegenheit kam mit der Bekehrung des Herzogs Wolfgang Wilhelm von Neuburg. (Schluß folgt.) Zwei Predigten von Joseph Othmar, ' Fürstbischof von Seckau, BiSthumsverweser von Leoben. II. (Schluß.) Die Abwendung der Seele von Gott tritt nicht immer in gewaltigen Leidenschaften und grellen Verbrechen hervor, meistens gibt sie sich in weit zahmerer Weise kund. Wo dein Schatz ist, dort ist dein Herz, spricht der Herr, und wenn unser Herz bloß bei dem ist, was unö für die kurze Zeit deS Lebens Gewinn und Wohlbehagen verspricht, so haben wir unsern Schatz auf Erden und nicht im Himmel. Das Versinken in den Augenblick und seine Güter, das Erkalten für die Ewigkeit und ihre Hoffnungen ist eine schlimme, Gefahr drohende Krankheit der Seele, welche in der Regel noch schwerer zu heilen ist als daS hitzige Fieber der Leidenschaft und diese Krankheit ist in unsern Tagen zu einer Seuche geworden, deren lähmender Gifthauch sich weit verbreitet! Der Apostel Paulus ermahnt die Christen, das Irdische zu gebrauchen als gebrauchten sie eS nicht; jetzt hat man daS Geheimniß erfunden zu glauben als glaubte man nicht. Bist du ein Christ? Das versteht sich. Glaubst du an den dreieinigen Gott, der dich geschaffen hat, glaubst du, daß der Sohn Gottes Mensch geworden ist, um dich durch seinen Tod am Kreuze zu erlösen? Nun ja; aber das geht die Theologen an. So lautet die ablehnende Antwort, wenn sie auch nicht mit den Lippen ausgesprochen wird; man weiS't jede Aufforderung, sich über die Ausgaben des eigenen Lebens Rechenschaft zu geben, mit Mißbehagen ab. Glaubst du an den Richter der Lebendigen und Todten, vor dessen Throne auch du einst daö Urtheil empfangen wirst? Diese Frage ist gar zu unbescheiden. Wie kann man den Fanatismus so weit treiben und die Leute an so unangenehme Dinge erinnern? Mit einer Regung deS AergerS wendet man sich ab; der eS schon weiter gebracht hat, fügt ein Achselzucken deS Zweifels hinzu, ein Anderer murmelt Etwas von GotteS unerschöpflicher Barmherzigkeit, doch Keiner will ein Ja oder Nein zum klaren Bewußtseyn bringen. Dieß Christenthum ist eine winterliche Sonne, bei welcher die Kraft der christlichen Gesinnung so wenig gedeihen kann als im Jänner die Traube reift und die Rose ihren Blüthenkelch entfaltet. Nur zu Viele dieser Christen beflecken sich schaam- loS durch Werke der Unlauterkeit, in welchen sie höchstens eine kleine, menschliche Schwäche sehen wollen. Viele greifen Unbedenklich nach ungerechtem Gewinne, wofern eS nur nicht geradezu ein Diebstahl ist: denn Wer wird nicht für sich und die Seinigen sorgen? Die Zeiten sind ohnehin schlecht genug. Verleumdungen, Ränke, Feindseligkeiten werden gar nicht in Rechnung gebracht. Andere sind nun allerdings, waS daS Mein und Dein betrifft, rechtschaffene Leute, Einige Wenige enthalten sich auch von der Befleckung unreiner Lüste und dieß ist wohl EtwaS: denn eS ist ein Beweis, daß sie für die wahre Ehre und die wahre Schande nicht alles Gefühl verloren haben. Allein ihr ganzes Streben ist darauf gerichtet, sich daS Leben so angenehm als möglich zu machen und kann man ihnen nicht nachweisen, daß daS, waS sie thun und begehren, schlechthin und unter allen Umständen verwerflich sey, so glauben sie vollkommen in ihrem Rechte zu seyn. Ist eS eine Sünde, schöne Kleider zu tragen, an einer wohlvesetzlen Tafel zu sitzen, Gesellschaften zu besuchen, Ehrentitel zu führen, hohe Aemter zu bekleiden? Weil nun dieß AlleS an und für sich genom- men keine Sünde ist, so meinen sie von allem Tadel frei zu seyn, wenn sie nichts Höheres als diese Dinge kennen und verlangen. Aber sie besuchen doch die Kirche? Ja, sie zeigen sich hin und wieder bei der heiligen Messe. Aber meistens beweiö't 318 schon ihr AeußereS, daß sie nicht wissen, waS sie thun: denn sie beobachten im Hause deS Herrn nicht einmal die Gesetze des äußern AnstandcS, welche ihnen sonst überall heilig sind und wenn die Erhebung der Hostie verkündet, daß der Sohn Gottes unter der Gestalt des Brodes gegenwärtig ist, so halten sie es für zu viel das Knie zu beugen und nicken höchstens ein wenig mit dem Kopfe. Das Gebet ist ihnen fremd geworden, kömmt es hoch, so tönen einige Formeln in verstümmelten Lauten auf ihren Lippen: was eS aber sey, sich die ewigen Wahrheiten in frommer Sammlung zu vergegenwärtigen und auf daS eigene Thun und Streben anzuwenden, das ist ihnen ein völlig unbekanntes Ding. Vergessen und verloren sind alle Anlässe, welche der Tag dem Christen darbietet, um das zeitliche an das ewige Leben anzuknüpfen. Von Morgen- und Abendgebet ist keine Rede mehr, vor und nach dem Tische sich dankbar des Allmächtigen zu erinnern, wäre altväterisch und gemein. Die Glocken tönen dreimal des Tages und sprechen zu dem Christen: Gedenke Dessen, welcher für dich KnechtSgestalt angenommen hat. DeS Morgens hört man sie nicht. Mittags und AbendS denkt man dabei höchstens: Es ist nun zwölf Uhr, es ist sieben oder acht Uhr. So wird die Seele kalt und leer und was man von dem Christenthums allenfalls noch in der Erinnerung behalten hat, gleicht einer erloschenen Fackel, welche die Nacht nicht mehr zu erhellen vermag. Gewohnheit, Scheu vor dem Urtheile Anderer, unzusammenhängende Regungen des Gewissens können solche Leute in dem Geleise der Rechtlichkeit und des äußern AnstandcS erhalten; doch wenn außerordentliche Ereignisse die Schranken der herkömmlichen Ordnung durchbrechen, und der Mensch auf sich selbst stehen muß, so ist auch auf ihre äußere Rechtlichkeit wenig zu bauen; die Meisten suchen sich mit dem Frevel so gut als möglich abzufinden nnd würden ihm gerne Religion, Sittlichkeit uud Thron preisgeben, wofern sie selbst nur in Sicherheit leben oder auch gelegentlich ein Stück deS Schiffbruches an sich reißen könnten. So ist die Welt rings um uns her und wie sind wir? Wir haben durch Gottes Gnade das Kleinod des Glaubens bewahrt, wir bekennen Alles, was der Herr unS geoffenbaret hat und die katholische Kirche, geleitet vom heiligen Geist, unS zu glauben vorstellet: „Doch waS nützt es, meine Brüder, wenn Jemand sagt, er habe den Glauben, er hat aber die Werke nicht? Wird der Glaube ihn selig machen können?" Der Glaube, welcher zum Heile führt, ist kein Wähnen und Meinen, auch kein bloßes Nichtläugnen, Geltenlassen; er ist eine lebendige und Leben bringende Ueberzeugung. In ihrem Lichte wird uns der Zusammenhang zwischen Zeit und Ewigkeit klar unv eben darum fühlen wir uns auch mächtig getrieben, Alles, was wir in der Zeit verlangen und vollbringen, nach dem Maaßstabe der Ewigkeit zu messen. Durch den Glauben berühren wir den Himmel und der Himmel sendet einen Funken seines Lichtes in unser Herz. Jene Ankündigung der höhcrn Welt, welche jedem Menschen im Gewissen gegeben ist, wird zu einer Macht, die unser Inneres beherrscht; wir fühlen uns nickt nur aufgefordert, das Böse zu meiden, sondern mächtig tritt auch das Verlangen hervor, daß Gott an unS und durch uns verherrlicht werde. Lebt in uns Etwas von diesem heiligen Verlangen? Dem Landmann ist viel daran gelegen, daß Feld und Garten Frucht bringe zur rechten Zeit. Deßwegen ist Alles, was der Ernte Gedeihen verspricht oder Schaden droht, für ihn ein Gegenstand der lebhaftesten Theilnahme; er wünscht daS Wetter so zu haben, wie es für die Früchte nützlich, nicht so, wie es znm Spazierengehen gut ist. Traurig blickt er zu dem blauen, freundlichen Himmel empor, wenn vie Wiesen und Felder dnrsten und der erquickende Regen nicht kommen will. Und wenn die Wolken sich dunkler und dunkler zusammenziehen nnd der Donner rollt und die Tropfen niederrieseln, so ist sein Herz von Frende erfüllt. Doch wenn das reife Getreide schon der Sichel harrt oder bereits in Garben gebunden auf dem Felde liegt nnd jetzt die Wolken sich thürmen und ihre Wasser niedcrgicßcn, so wird ihm bange. Er zählt die Stunden, die Minuten des Regens und froh begrüßt er die Sonne, welche ihren Strahl durch die zertheilten Wolken sendet. Wenn es wahr ist, daß Gott unser Herz verlangt, so 319 ist es doch billig, daß wir für Alles, was die christliche Wahrheit und das christliche Leben angeht, wenigstens eben so viel Interesse fühlen als der Landmann um seiner Ernte willen an dem Wetter hat. Können wir dieß von uns sagen? Ist eS z. B. für uns eine Herzenssache, vor Allem in unserm eigenen Hause christliche Zucht und Ordnung zu wahren? Wenn wir sehen, daß Einer unserer Mitchristen sich durch verbotene Lust befleckt, erwacht in uns das Gefühl deS Abscheues, welches der Sünde gebührt zugleich mit dem innigen Mitleiden, welches wir dem Sünder schuldig sind? Oder behandeln wir die Sache als einen Gegenstand der Unterhaltung und forschen neugierig nach und stellen Vermuthungen auf und werden nicht müde, davon zu erzählen und erzählen zu hören? Wir haben oft genug Gelegenheil, die Stimme der Vethörten zu vernehmen, welche sich mit blinder Wuth wider Gott und sein Gesetz und seine Kirche erheben. Balv rasen sie in rohen Lästerungen, bald stacheln sie sich zu schalen Witzeleien auf, bald suchen sie den Frevel in glatte, flimmernde Worte zu verkleiden. Aber der Sinn bleibt immer derselbe, nämlich: Reiße dich von Gott und dem Gewissen los, wo und wie immer Gott und Gewissen dich beirren. Fühlen wir bei solchen Schmähungen der Wahrheit Dasjenige, was ein treuer Sohn empfindet, wenn man Verleumdungen wider seinen Vater ausstößt? Oder bleiben wir gleich- giltig? Finden wir eS, wofern es nicht gar zu arg kömmt, sogar unterhaltend? Nicken wir etwa auch Beifall, um nicht für Finsterlinge zu gelten? Wir hören die heilige Messe, wir beichten, wir empfangen den Leib des Herrn. Aber regt sich in uns ein Wehen der heiligen Scheu, womit wir dem Lamme Gottes, welches sein Versöhnungsopfer erneuert, welches huldreich für unS zur Speise wird, den Zoll der Ehrfurcht und Liebe darbringen sollen? Ist es uns Ernst, in der Reinigkeit der Gesinnung vorzuschreiten und alle Flecken unserer Seele auszutilgen? Oder sind unsere frommen Uebungen denn doch halb und halb eine Sache der Gewohnheit, bei welcher das Herz sich sehr mäßig bctheiligt,? Verwenden wir die zweite Hälfte der Jubiläumszeit dazu, um unS diese wenigen Fragen gründlich zu beantworten. Dann wird die Antwort auf viele andere Fragen sich von selbst ergeben und wir werden beurtheilen können, ob unser Eifer für Gott und sein Reich auf Erden lebendig sey? Das Uebel, an welchem unsere Zeit siecht, liegt weniger in dem Bösen, welches vorhanden ist, als in dem Guten, welches mangelt. DaS Feuer der christlichen Begeisterung muß wieder auf dem Altare unseres Herzens entbrennen und von ihm wird ein Licht ausgehen, in dessen Glänze die Erde und die Güter der Erde für uns das Angesicht ändern. Schickt der Herr unS Freuden, so werden wir sie dankbar von seiner Hand empfangen und über der Gabe des Gebers nicht vergessen. Führt der Herr uns in die Schule der Trübsal, so werden wir gedenken, daß er uns nur wenige Tropfen reicht aus dem Kelche, welchen er selbst ausgetrunken, daß der Gerechte in der Trübsal geläutert wird, wie das Gold im Feuerofen und der ewige Richter jede Entbehrung, jeden Schmerz des Leibes und der Seele, wofern wir im Glauben und Ergebung dulden, als ein Opfer der Genugthuung für unsere Sünden väterlich annimmt. Segnet der Herr unS mit reichlicher Habe, so steht Er unS vor Augen, welcher verheißen hat: WaS ihr dem Geringsten von Diesen thut, das habt ihr mir gethan! und unser Ucberflnß wird zur Erquickung der Nothleidenden. Haben wir wenig, so ertragen wir das Bittere des Mangels so wie die Heiligen die Entbehrungen und Beschwerden trugen, welche sie beseelt vom Geiste der Buße sich auferlegten und die Hoffnung deS ewigen Lebens wird unsere Armuth reich machen. Vereint in dem Bunde der Liebe, welchen der Meister der Liebe gestiftet hat, werden Hohe und Niedere, Arme und Reiche dastehen und dem Herrn ihrem großen Gott muthig das Zeugniß geben. Dann weichen die unheilvollen Gewalten, welche gleich dem Löwen einhergehen und suchen, wen sie verschlingen. Dann ist die Erde zum Vorhose deS Himmels geworden. Herr, dieß verleihe unS: denn um Großes zu bitten, gibst du uns den Müth'I Herr, erneuere dein Reich aus Erden I Amen. « 320 Ein Trau:». Einem Kranken, der seiner baldigen Auflösung entgegensieht, kommen allerlei Gedanken, bald im Wachen, bald im Traum. Ein solcher Kranker, der aber sein Herz bei weitem noch nicht von den Banden und Sclavenketten dieser Welt losgerissen hatte, träumte in einer Nacht, der Heiland JesuS Christus klopfe an seinem Herzen an und bitte um Einlaß. So sanftmüthig aber auch Jesus anklopfte, fand sich der Kranke doch nicht bewogen, Ihm aufzuthun, sondern antwortete kalt: „er habe der Gäste in seinem Herzen schon genug, und könne den Heiland nicht brauchen, da er für Ihn keinen Platz mehr habe." Da antwortete Jesus betrübt: „Wer sind denn diese Gäste?" Und es entgeg. nete ihm der Kranke: „ES sind dieß der Hochmuth, die Unkeuschheit, der Neid, der Zorn, die' Trägheit und noch andere gute Freunde und Freundinnen, die schon so lange in Treue mit mir verbunden sind." Da sagte ihm JesuS, er solle diese Gesellschaft aus seinem Herzen hinauSweisen, damit Er darin Platz finde; es müßten aber alle hinaus, damit Er allein sein Herz in Besitz nehme. Vergeblicher Anspruch. Der Kranke meinte, er könne doch seine besten Freunde nicht so behandeln. Und der Heiland seufzte und ging betrübt von bannen. * 5 * Die zweite Nacht aber hatte der Kranke einen ähnlichen und doch ganz andern Traum. Es träumte ihm, daß er von dieser Erde geschieden sey und vor der Himmelspforte stehe, gar dringend Einlaß begehrend. Allein JesuS erschien an der Himmelspforte und sprach: „daS kann nicht seyn; ich habe schon viele Gäste, und kann dich nicht brauchen, da ich keinen Platz mehr für dich habe." „Ach!" sagte der Kranke: „Wer sind denn deine Gäste?" Worauf er vom Heiland die Antwort empfing: „die allerseligste Jungfrau Maria, die vielen Gerechten deS alten Bundes und die zahllosen Heiligen, Märtyrer und Bekenner deS neuen Bundes, und noch andere gute Freunde und Freundinnen, die schon so lange in Treue mit mir verbunden sind." Da begehrte der Kranke: JesuS solle doch diese Gäste aus dem Himmel HinauSweisen, damit er darin Platz nähme. Vergeblicher Anspruch. Der Heiland gab ihm zu bedenken: „Ich kann doch meine besten Freunde nicht so behandeln!" Und der Kranke wich betrübt von der HimmelSthür. Als er aber erwachte aus diesem Traum, erkannte er die furchtbare Wahrheit desselben, that von Stund an aufrichtige Buße und starb eines höchst auferbaulichen, gottseligen TodeS. (K. S. Bl.) Der Rosenkranz «nb seine Bedeutung.*) Ueber den Rosenkranz, dessen Verehrer durch Seine Heiligkeit den jetzt regierenden Papst PiuS IX. unlängst wieder mit neuen Ablässen begnadiget wurden, sind in verschiedenen Zeiten mehr oder minder umfangreiche Schriften verfaßt worden. DaS Schriftchen, daS wir hiemit zur Anzeige bringen, sucht in möglichster Kürze Alles anzudeuten, was für einen Verehrer deS Rosenkranzes von Bedeutung seyn kann. Namentlich wird das Ave Maria nach allen Seiten hin zu erklären gesucht, und kein Verehrer der Rosenkranzandacht wird in dieser Beziehung die kleine Schrift ohne Gewinn lesen. ") Augsburg, Druck de» F. C. Kremer'schen Buchdrucker«'. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Juhaber: F. «. «,»m»?.