Gilfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur ^ Augsburger PostMtung. L. November HA. 585?. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprci« TV kr., wofür es durch alle königl. baycr. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Erhebung der Mäßigkeitsvereine zn einer kirchlichen Brnderschaft. Melchior, durch Gottes Grbarmung und des heiligen apostolische» Stuhles Gnad« Cardinal der heiligen römischen Kirche und Fürstbischof von Breslau, Doctor der Theologie ic. Unserem Ehrwürdigen KleruS und Unseren geliebten Diöcesanen Gruß und Frieden durch den Herrn Jesuö Christus! Eine frohe Botschaft, Ehrwürdige Brüder und geliebte Diöcesanen, haben Wir Euch dießmal auszurichten, eine Botschaft, die UnS Selbst erquickt und Euch Allen zur geistigen Erhebung gereichen wird. Der heilige Vater der Christenheit, Papst PiuSlX., hat Unsere und Eure Bitten erhört und die seit mehreren Jahren unter Euch bestehenden Mäßigkeitsvereine laut Decret vom 23. Juli dieses Jahres zu „einer kirchlichen Bruderschaft unter dem Schutze der seligsten Jungfrau Maria" erhoben, und diese Bruderschaft mit reichen geistigen Gaben aus dem Gnadenschatze Unserer heiligen Kirche ausgestattet. Dadurch ist Eure treue Arbeit, Ehrwürdige Brüder, die Ihr mit frommem Eifer in den schwierigsten Zeitverhältnissen, unter tausendfachen Mühen und Sorge», unter Verkennung und Verfolgung, unter Hohn und Spott, als wahre Hirten Eurer Heerden zum Heile ihrer unsterblichen Seelen übernommen, fortgesetzt und ohne müde zu werden getragen, hier schon belohnt und vergolten. Dadurch ist auch Euer Kampf, geliebte Diöcesanen, den Ihr im heiligen Glau- benSmuth wider den mächtigsten Feind, den Feind in Euch selbst: die Begierlichkeit deö Fleisches, gekämpft habt, hier schon mit einem Siege gekrönt, der Euch zugleich eine neue geistige Waffe darreichen soll, diesen edlen Kampf siegreich fortzukämpfen, bis Euch der Lohn treuen AusharrenS vor dem Richter Unser Aller am Tage der Vergeltung zu Theil werden wird! ES war eine böse Zeit, «IS Ihr das Werk Eurer geistigen Erhebung begännet. Niemals konnte die Ausführung desselben schwieriger und zweifelhafter erscheinen. Ein Geist der Gottlosigkeit, der Eurem Glauben Hohn sprach, Eure Kirche lästerte, 34S und daS, was Euch daS Heiligste und Ehrwürdigste war, mit seinem Geifer besudelte, trat, eben «IS Ihr den großen Kampf mit Euch selbst angefangen hattet, als Versucher zu Euch, und rechnete gerade da, wo „die Herzen mit Unmäßigkeit und Trunkenheit beschwert waren" (Luk. 2l), auf reiche Ernten. Ihr aber wäret wach geworden und ergriffen von dem Worte der Schrift: „Wo ist Weh? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursache? Wo rothgeweinte Augen? Nicht wahr, da, wo man beim berauschenden Becher sitzt und sich befleißiget, ihn zu leeren" (Sprüchw.23), hattet Ihr den Versucher zurückgewiesen. Aber er kehrte wieder und brachte einen zweiten, noch schlimmern Geist mit: den Geist der Empörung, der Empörung gegen alle sittliche und bürgerliche Ordnung. Ihr aber hattet Euch gerüstet gegen die gefährlichste Unordnung in Euch selbst, und hattet den Weckeruf des Propheten: „Wachetauf, die ihr trunken seyd!" (Joel), vernommen und den Versucher zurückgewiesen. Und wiederum kehrte der Versucher zurück und brachte noch einen dritten bösen Geist mit: den Geist der Sinnlichkeit, deren Gott der Bauch, deren Seligkeit die thierische Lust ist — und wie Tausende in seinen tödtenden Schlingen sich fangen ließen, so wollte er sie auch um Euch werfen und Eure Seelen morden. Ihr aber hattet die Mahnung des Propheten verstanden: „Wehe denen, die frühe aufstehen und bis zum Abend schwelg.cn — die Trunkenheit wird sie verderben" (Jesaiaö), und habt die Schlingen d«S Versuchers zerrissen, den Taumel der Sinnlichkeit abgeschüttelt und durch eine That der Selbstbeherrschung, wie sie auf dem Gebiete der Sittlichkeit nach so langer geistiger Knechtschaft in so rascher Entscheidung und in so weitem Umfange bisher unerhört gewesen, die freudige Bewunderung aller Freunde der Tugend erworben! Wenn eS Uns, Eurem Bischöfe, in den Drangsalen jener Zeit und in den schweren Kümmernissen, die Unser Herz ängstigten, ein reicher Trost war, so oft Wir erfuhren: wie fest Ihr standet in den Versuchungen, wie wacker Ihr kämpftet, wie treu Ihr wachtet, wie unerschüttert Ihr ausharrtet, wie geduldig Ihr die Schmach vor der Welt trüget, um die Ehre vor Gott zu retten; — so wird es auch dem heiligen Oberhaupte unserer Kirche in den schmerzvollen Prüfungen, welche die unerforschliche Weisheit GotteS über Ihn verhängte, kein geringer Trost gewesen seyn, zu hören: wie Ihr, seine in fernen Ländern wohnenden Kinder, von Eurem Glauben Zeugniß gebet, an Eurer geistigen Vollendung arbeitet und Eure heilige Kirche durch einen gottgefälligen Wandel verherrlichet! Und wie muß es Euch erheben, Ehrwürdige Brüder, wenn Ihr daö Felo Eurer Thätigkeit, das ehemals Unkraut, Disteln und Dornen trug, würdig deS ewigen Feuers, nun mit gutem Waizen gesegnet sehet, werth, in die himmlischen Scheuern gesammelt zu werden! Und endlich Ihr, geliebte Diöcesanen, die Ihr durch den schönen Sieg über Euch selbst zum Bewußtseyn Eurer Menschenwürde, Eures Christenberufs, Eurer Gotteskindschaft und Eures seligen ErbeS im Himmel gelangt seyd; — mit welchem Frieden im Herzen, mit welchem Troste Eurer Seele, mit welchem Danke gegen Gott, mit welcher Liebe zn JesuS, Eurem Erlöser, dem Ihr auf dem Wege der Selbstverleugnung nachgefolgt seyd — müsset Ihr jetzt schon auf die Segnungen, die Ihr in Eurem innern und äußern Leben durch daS freiwillige Gelübde der Enthalt- samkeit errungen habt, Hinblicken, wenn Ihr heute die heilige Arbeit an Euch selbst durch das Wohlgefallen deS sichtbaren Stellvertreters Jesu Christi ausgezeichnet sehet. WaS sollen wir noch weiter sagen! Wir heben unsere Hände zu Gott, der da mächtig ist im Schwachen und bisher so Großes an Euch gethan und flehen: Er wolle daS gute Werk, das Er in Euch angefangen, zu Seiner Ehre und Eurer Seelen Seligkeit vollenden! Wir breiten Unsere Arme aus nach Euch, Ehrwürdige Brüder und geliebte Diöcesanen, und bitten und beschwören Euch um der Liebe Jesu Christi willen: fahret fort, o fahret fort in dieser heiligen Arbeit! Ermüdet nicht im heiligen Kampfe! Bleibet stark in den Versuchungen! Machet Euch der geistigen Gna, den und himmlischen Schätze würdig welche Euch daö Oberhaupt der Kirche dar- 347 reicht! Leuchtet Andern durch das Beispiel der Mäßigkeit und Nüchternheit vor! Führet Eure Kinder, führet die Eurigen, führet besonders jene Unglücklichen, welche noch in ihrer thierischen Entwürdigung als ein Gräuel vor Gott, als ein Abscheu der Menschen, als eine Schmach deS christlichen Namens dahin leben — führet besonders diese in die heilige Bruderschaft, daß auch ihre Seelen gerettet werden und Jbr Alle, Alle durch die Gnade Gottes, durch die Erbarmung Jesu Christi, durch die Kraft deS heiligen Geistes und die mächtige Fürsprache Eurer großen Patronin, der selig- jten Jungfrau Maria, als wahre Brüder und Schwestern im Herrn nach Selbstver« läugnung und irdischer Entbehrung zum überschwenglichen Genusse der himmlischen Freuden gelanget! Amen. Gegeben auf Unserm Schlosse Johannesberg am Tage deS heiligen AugustinuS 1851. (I.. 8.) M e l ch i o r. Paintner, Secretär. Statut der Gesellschaft der Enthaltsamkeit von gebrannten Getränken. § 1. Ein Zeder, welcher dieser Gesellschaft beitreten will, verpflichtet fich für sein ganzes Leben, fich aller und jeder gebrannten Getränke, als Branntwein, Arak, Rum, Spiritus, oder was daraus bereitet wird, zu enthalten. § 2. Jedes Mitglied verpflichtet sich ferner, Wem, Bier, Meth und dergleichen gcgohrne Getränke nur mäßig zu genießen. 8 3. Fernere Verpflichtung für jedes Mitglied ist, im Geiste christlicher Liebe au» allen Kräften dahin zu wirken, auch andere Perscn n, Freunde, Verwandte, Bekannte, insbesondere aber solche, welche der Trunkenheit fich ergeben haben, für den Verein zu gewinnen. 8 Der Beitritt zum Vereine geschieht in folgender Weise: Die Beitrctenden melden fich bei dem Pfarrer deS Orts oder dessen Stellvertreter, welcher als das erste Mitglied des Vorstandes des Vereins anzusehen ist, und legen, nachdem dieser sie mit den Pflichten der Vereinömitglieder bekannt gemacht hat, in dessen Hände und in der Regel vor dein Altare in der Kirche folgendes Nüchternheitsgelübde ab: Ich N. N. verspreche vor Gott, der seligsten Jungfrau, vor meinem Schutzengel und der Kirche Gottes hiermit feierlich, mit Gottes Hilfe mich streng zn enthalten von allen gebrannten Gc- tränken, mäßig zu seyn in allen andern, und zu gleicher Nüchternheit aus allen Kräften auch meinen Nächsten zu bewegen. Züchtigung von Gott, Schande vor den Menschen, und Ausstoßung aus der Bruderschaft würde ich verdienen, das erkenne unv bekenne ich, wenn ich dieses wob lbed acht gegebene heilsame Versprechen leichtsinnig bräche. 8 3. Ist die Aufnahme in vorstehender Weise erfolgt, so erinnert der Pfarrer das neue Mitglied, daß es wenigstens alle Sonn- und Feiertage des Jahres das Gebet deS heiligen Bernardus: „Gedenke ic."*), oder wer nicht lesen kann, drei Ave Maria zu beten habe, um dadurch an seine Vereinspflichten sich zu erinnern und die mächtige Für- ') Gedenke, o mildeste Jungfrau Maria, cS sey noch nie erhört worden, daß Jemand, der sich in Deinen Schutz flüchtete, Deinen Beistand anrief, oder Deine Fürbitte cinflchetc, von Dir verlassen worden sey. Beseelt von diesem Vertrauen nehme ich meine Zuflucht zu Dir, o Jungfrau der Jungfrauen, Maria, Mutter Jesu Christi. Zu Dir komme ich, zu Dir eile ich, und als Sünder stehe ich seufzend und zitternd vor Dir. O Du Gebieterin der Welt, Du Mutter des ewigen Wortes, verschmähe meine Worte nicht, sondern höre mich gnädig an und erhöre mich Armseligen, der ich aus diesem Thale der Thränen zu Dir »m Hilfe rufe. Stehe mir bei in allen meinen Nöthen, jetzt und allezeit, und besonders in der Stunde meines Todes, o gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria, Amen. 348 bitt« der heiligen Jungfrau anzuflehen, auf daß sie ihm und allen Mitgliedern die Gnade der Standhastigkeit bewirke. § 6. Hierauf wird das neue Mitglied in die Vereinsbüchcr eingetragen und demselben der Gclöbnißschein eingehändigt, auf welchem dieses Statut nebst dem Gebete des heiligen BernarduS, so wie der Vor- und Zuname und der Tag der Aufnahme in den Verein eingetragen ist. 8 7. Der Verein feiert daS Fest Maria Lichtmeß als sein Haupt» und StiftungS» fest mit Predigt und feierlichem Hochamt, an einem folgenden Tage aber wird ein feierliches ^rmiverssrium für alle verstorbenen Mitglieder des Vereins, welche ihr Gelübde treu bis an ihr Lebensende gehalten haben, gelesen. 8 8. Die Genehmigung dieser Statuten und die den WereinSgliedern gewährten Ablässe find in dem nachfolgenden Decret Sr. Heiligkeit Pius IX. vom 23. Juli 1831 enthalten. . , Decret Sr. Helligkeit Papst PiuS IX. Unser Herr und heiligster Bater, Papst PiuS IX., gern geneigt, die Wünsche Gr. Eminenz des Cardinal-Fürstbischofs von BreSlau zu erfüllen, und voll der tröstlichen Hoffnung, daß die Gläubigen durch die Mäßigkeitsvereine und frommen Genossenschaften von dem Laster der Trunkenheit abgehalten und zur Tugend der Mäßigkeit hingezogen werden, hat, nach Anhörung der Cardinäle der heiligen römischen Kirche und aus den Rath dieser für die Angelegenheiten und Geschäfte der Bischöfe und Ordensgeistlichen niedergesetzten heiligen Versammlung, den MäßigkeilS- verein unter dem Schutze der seligsten Jungfrau Maria zu einem wirklichen und wahren Verein, zu einer kirchlichen Genossenschaft und Bruderschaft, kraft dieses DecretS erhoben und für erhoben erklärt und die Statuten dieser Bruderschaft, wie solche im Vorstehenden enthalten sind, genehmigt und bestätiget; zugleich auch Sr. Eminenz dem Carvinal-Fürstbischof von Breölau die Vollmacht verliehen, noch weiter fromme Vereine und Genossenschaften, welche künftig unter demselben Titel und mit denselben Statuten rechtmäßig gegründet werden sollten, der vorerwähnten srommen Bruderschaft, unter Beachtung der kirchlichen Vorschriften, einzuverleiben und sie so der unten genannten Ablässe theilhaftig zu machen. Endlich hat Ke. Heiligkeit, um der mehrfach erwähnten frommen Bruderschaft einen Beweis Seines vorzüglichen Wohlwollens zu geben, allen gläubigen Mitgliedern deS MäßigkeitSvereinS für ewige Zeiten die nachfolgenden Ablässe, welche auch den Verstorbenen zugewendet werten können, verliehen; a!S: Vollkommenen Ablaß am Tage der Aufnahme in die Mäßigkeits-Bruderschaft unter der Bedingung: daß die Aufzunehmenden reuig beichten, daS heilige Sacrament des Altars empfangen, die BruderschaftSkirche des OrtS besuchen und einige Zeit dort auf die Meinung deS heiligen Vaters beten; 2) Vollkommenen Ablaß am Titularfeste der Bruderschaft unter den bei Nr. 1 genannten Bedingungen; 3) Vollkommenen Ablaß in der Sterbestunde, wenn der Sterbende die heiligen Sterbsacramente würdig empfängt und die heiligsten Namen JesuS und Maria wenigstens im Herzen anruft. 4) Ablaß von sieben Jahren und siebenmal vierzig Tagen an denjenigen vier Festen im Jahre, welche der Diöcesanbischof, jedoch nur für einmal, bestimmen wird, unter der Verpflichtung; die BruderschaftSkirche deS OrtS zu besuchen und unter Beachtung der oben angeführten Bedingungen. 5) Ablaß von sechzig Tagen für jedes einzelne gute Werk. 6) Ablaß von dreihundert Tagen für diejenigen VereinSglieder, welche Andere, die noch dem Trunke ergeben find, von dem Laster abwendig machen und sie 349 bewegen, der Mäßigkeitsbruderschaft beizutreten und die Verpflichtungen derselben fest und heilig zu halten. 7) Die Vergünstigung, daß alle Messen, welche in der BruderschaftSkirche des OrtS gelesen werden, dieselbe Wirkung haben sollen, als wenn sie an einem Privilegium Altare celebrirt würden. Dieses hat Se. Heiligkeit beschlossen, festgesetzt und bewilliget, ohne daß irgend Etwas dagegen seyn könne. Gegeben zu Rom im Secretariat der erwähnten heiligen Congrcgation der Bischöfe und Ordensgeistlichen, am 23. Juli 1851. (I.. 8.) Jos. AlphonS, Cardinal. Orioli, Präfect. Zeit und Ewigkeit. Die Zeit. In jener Zeit, da es auf Erden noch weise Männer gab, welche die Sprache der Thiere und Blumen verstanden, wandelte ein persischer Magier, welcher dieser Sprache kundig war, an einem schönen Sommerabend in einem lieblichen Lustgarten. Rachdenkend ging er eben bei einem Rosenstocke vorbei und hörte da ein verworrenes, leises Zwitschern von allerlei zarten Stimmchen, als ob in einem Neste eine Menge junger Vögel pippten. Er trat näher, und siehe, ein Theil der Blätter des Rosenstrauches war mit Blattläusen besetzt, welche emsig hin- und herliefen und eben in einem Streite begriffen waren. Der Magier horchte aufmerksam, konnte aber lange nichts verstehen, bis endlich die ganze Versammlung schwieg und nur ein Einziger sprach. ES schien ein Greis, der schon mehrere Tage alt war und im Ansehen bei den Uebrigen stand. Er sprach mit ernster Stimme: Der Streit, den ihr angehoben, ob nämlich dieses Weltgebäude, daS wir bewohnen und das wir Rosenstock heißen, von Ewigkeit her bestehe, kann von euch, die ihr so unerfahren seyd, nicht entschieden werden. Höret mich an, der ich schon einige Mal die Sonne untergehen sah und schon mehrere Generationen überlebte. Offenbar ist dieser Rosenstock ewig und wird auch ewig dauern, obwohl vielleicht einzelne Blätter mit der Zeit zu Grunde gehen könnten. Aber die Versammlung hörte nicht auf diese Worte; der Eine fing an seine schönen Fühlhörner zu putzen, der Andere erzählte, wie er schon große Reisen gemacht und einmal bis an daS äußerste Ende der Welt (unten an dem Rosenstock) gekommen sey, und wie er auf dem Wege große Gebirge (er meinte die Dornen) angetroffen. Ein Anderer wußte viel zu erzählen von einem Kriege, den daS Volk der Blattläuse gegen einige geflügelte Riesen, welche man Goldfliegen nannte, geführt, wieder Andere hatten erstaunlich viel mit Erziehung und Pflege der Jungen zu thun und jammerten, wie die Jugend in dieser bösen Zeit so ausgeartet sey. Andere hatten sich bei einem Thautropfen zusammengesetzt und sangen und tranken um die Wette. Plötzlich schnurrte ein Hummel vorbei, da erschrocken sie anfangs, hatten aber nachher lange von diesem Abenteuer zu erzählen. Die Alten erzählten von der Geschichte früherer Zeiten, wie einmal ein ganzes Rosenblatt herabgefallen und ein andermal eine ganze Völkerschaft geflügelter Blattläuse ausgewandert sey; ferner, wie einmal ein großer Held, Namens BlattlauSlöwe, daS ganze Blatt, auf dem sie wohnten, erobert und die Bewohner ermordet habe u. s w. Andere stellten tiefsinnige Forschungen an und beklatschten eben die Ansicht eines ihrer größten Gelehrten, welcher aus der täglichen Abnahme des Mondes berechnet hatte, daß derselbe nun in zehn Tagen, welche er Jahrhunderte nannte, nothwendig ganz und auf immer verschwinden müsse. Am eifrigsten disputirten sie über die Gottheit, indem einige die aus dem Stocke prangende Rose, andere dagegen einen prächtigen Goldkäfer, der oft auf der Rose saß, dafür hielten. Darin kamen alle überein, daß sowohl die Rose als der Goldkäfer ewig und höchst wohlthätig seyen, weil sie den Blattläusen so große Weisheit 350 und ein so langes Leben verliehen. Auf dieß letztere thaten sie sich besonders viel zu gute, und der Magier hörte deutlich, welche große Pläne sie für ihr übriges Leben entwarfen, und wie mitleidig sie auf die Eintagsfliegen herabsahen, welchen nur einige Stunden zu leben vergönnt ist. In einer Ecke saß eine gar fette Blattlaus, die zu sich selber sprach: So ist nun mein Glück befestigt und ich bin gegen jeden Sturm des Schicksals gesichert. Lange habe ich auf diesen Punct hin gesteuert, endlich ist es mir gelungen, ein Gegenstand des Neides für meine Mitbürger zu werden. Meinen Kindern habe ich das schönste Rosenblatt im Lande angewiesen, meine übrigen Tage sollen aber nicht ungenützt verschwinden und die Welt soll von mir hören. O ihr armen Geschöpfe! sprach der Magier zu sich selbst; — und doch, handelt der Mensch vernünftiger, der seine wenigen Lebensminuten für unvergänglich hält, und als seine Götter entweder die Rose der Sinnenlust oder den Goldkäfer des Geizes, oder die Tulpe des Stolzes anbetet, ohne zu bedenken, daß Rose und Tulpe welkt und der Käfer in Staub und Unrath hauset? Am andern Tag, als der Weise wieder an derselben Stelle vorüberging, lagen die Rosenblätter am Boden und der ganze Stock war wie zerrissen, denn eS hatte in der Nacht ein Sturmwind gewüthet. Die Blattläuse schwiegen. Die Ewigkeit. Jene unselige Gesellschaft der Verdammten, scheint sie uns nicht in einer dunklen, nur spärlich vom blutrothen Widerschein der Feuergluth erleuchteten Höhle bei- sammenzusitzen und vor sich hinzubrüten? In der Mitte dieser unabsehbar weiten Höhle hängt vom ungeheuern Gewölbe der Perpendikel einer Riesenuhr herab. Man sieht keine Zahlen und kein Zifferblatt, eS laufen keine Zeiger, eS tönt keine Glocke- Wie dieser schwerfällige Pendel in träger Schwingung hin und her schwebt, tönt eS hohl, wie aus dem Munde einer leblosen Maschine, durch die Abgründe des Gewölbes: Immer, Nimmer! — Nimmer, Immer! Und in den Herzen der Verdammten hallt eS wider: Immer, Nimmer! — Nimmer, Immer! — Immer im Tod, Nimmer zu Gott! — Nimmer ein Hoffnungsschein, Immer in Qual und Pein! Da erhebt sich Einer der Verworfenen, der erst seit Kurzem diese Qualen kennt. Er hat sich die Augen wund gesehen nach den mangelnden Zeigern und Ziffern der Uhr, und harret schon lange vergeblich, daß die Glocke einmal eine Stunde aus. schlage. Jetzt richtet er sich von seinem SchmerzenSsitze auf, läßt die stieren Augen ringS herum schweifen und fragt mit heiserer Stimme: Wer sagt mir doch eigentlich, wie viel Uhr eS ist, und wie wir in der Zeit sind? Einer seiner Mitgenossen rcgl sich ächzend und ruft ihm mit Zähneknirschen hinüber: Schweig, Verfluchter! Verstumme! Hier gibt eS keine Minuten, keine Stunden, keine Tage, keine Wochen, keine Monden, keine Jahre; — hier gibt eS keine Zeit und keine Zeiten; hier gibt es nur eine Ewigkeit. Frage nie mehr, wie wir in der Zeit sind, denn wir sind längst über alle Zeit hinaus; hier ist immer Ewigkeit! — Der, weicherfragte, sinkt mit einem Schrei der Verzweiflung auf seinen SchmerzenSsitz zurück. Und ungestört setzt der große Perpendikel seinen langsamen, bedächtigen Schwung fort, und ununterbrochen tönt eS wieder dumpf aus den unsichtbaren Rädern deS nie ablaufenden Uhrwerks: Immer, Nimmer! — Nimmer, Immer! (K. Sbl.) Die christliche Kunst und ihr Organ. (Nach dem Wests. Kirchenblatt,) Wenn man auf die Lage der christlichen Kunst im vorigen Jahrhunderte uud im Anfange deS jetzigen zurücksieht, so wird man wirklich von Schauder ergriffen, und dankt dem lieben Gott, daß eS anders, daß eS besser geworden ist. Das Jahrhundert der Aufklärung, seicht und flach in der Philosophie, Theologie, Geschichte, Politik, vor Allem aber geschmack- und ideenlos in der Kunst, eS wird noch als das 351 Zeitalter jämmerlicher Dummheit und elender Verkommenheit gebrandmarkt werde». ES vcrhausete und verwirthschastete alle Schätze der Vergangenheit, die der Dreißigjährige Krieg noch gelassen, so viel eS konnte. Was mußten die ehrwürdigen Dome, die schönen StiftS- und Klosterkirchen sich gefallen lassen! Man verschwendete enorme Summen, um sie mit dem Gewände der Aufklärung zu verunstalten. Wie viele herrliche Altäre, wie viele Gemälde u. s. w. sind da vernichtet oder verschleudert! Am besten sind noch viele schöne altkatholische Kirchen bei den Protestanten weggekommen. Diese ließen dieselben, wie sie waren, weil ihr Rationalismus kein Gelb für Kirchen und kirchliche Zwecke hatte. Da kam die große Säkularisation und mit ihr der Gräuel der Verwüstung. Die Kirchen der aufgehobenen Stifter und Abteien mit ihren herrlichen Kreuzgängen verfielen oder wurden abgebrochen, um — neue gradlinige und rechtwinkelige Straßen zu gewinnen. Die K.Uhedralen wurden mitunter Magazine, und würden vielleicht nie wieder Kirchen geworden seyn, wenn nicht über der menschlichen Thorheit in der Weltgeschichte die göttliche Fürsehung stände. Der Kölner Dom hat sollen demolirt werden, um einen großen Platz zu gewinnen, die wunderherrliche Apostelkirche in Köln ist schon fast ein Schutthaufen gewesen, zum baldigen Abbrüche bestimmt; die'zierliche und kühne Lambertikirche in Münster hat dem Erdboden gleich gemacht werden sollen, um eine große Straße auf daS Schloß anlegen zu können. Da kommt mit dem Untergänge Napoleons die Zeit deS Friedens; aber noch nicht gleich eine bessere Zeit für die christliche Kunst. Viel Gold, enorme Summen sind in den Friedensjahren für neue Kirchen, neue Paläste, neue Straßen, neue Stadtviertel ausgegeben. Aber was für Kirchen, waS für Thürme, was für Paläste! Und wie dauerhaft!.', DaS berühmte „Sich setzen" wurde da besonders bei neuen Kirchen, Pfarrhäusern und Schulen Mode. Bei einer neuen Kirche hat der Bienenkorb, genannt Thurm, die Freundlichkeit gehabt, und drückte daS Portal ein und setzte sich «IS Schutthaufen. Viele dieser neuen Kirchen eignen sich ganz vorzüglich zu Casernen, Magazinen und Pferdeställen; in andern lautet das Predigen wie der Chorgesang gewisser griechischer Secten im Oriente. Bei den Altären und Kanzeln der alten und neuen Kirchen waren vorzüglich die natürlichen Farben verhaßt. Weiß und Gold war die Losung, obschon noch kein Mensch weiße Eichen gesehen, obschon daS Weiß nach einem oder zwei Wintern schmutziges Grau wurde. Dieses Jllumi- niren hat unserer Provinz seit 1815 wahrscheinlich so viel Geld gekostet, daß eine gothische Kirche wie Maria-Hilf in der Au zu München sich dafür baue ließe. Auch haben noch viele schöne gothische Kunstwerke in den letzten dreißig Jahren sich allerlei Mäntel und Kleistereien müssen gefallen lassen. Endlich ist die Zeit umgeschlagen, und wie eS mit den Herzen und Geistern gothischer wurde, ist's auch mit den Augen wieder gothischer geworden. Die christlichen Maler und Künstler in Düsseldorf, München, Frankfurt haben an dieser Umwandlung großen Antheil. Die religiösen Bilder haben besonders Propaganda unter dem Volke gemacht, während bedeutende Meister und Gelehrte in der gebildeten Welt den Vernichtungskrieg gegen den verjährten schlechten Geschmack eröffneten, und mit immer größern Erfolgen fortsetzten. Die ältern Künstler und Gelehrten haben zahlreiche Schüler und Jünger, welche für die Verbreitung des altchristlichen und altdeutschen Geschmackes rastlos thätig sind. Der fromme Bischof von Münster steht unter den Kennern und Beförderern der christlichen Kunst in erster Reihe. Die PiuSvereine der Katholiken deutscher Nation haben die Gründung eines großen katholischen deutschen KunstvereinS beschlossen, von dem ehrwürdigen Bischöfe von Münster das Protektorat dcö Vereins erbeten und dreien edlen Männern aus Preußen, Oesterreich und Bayern die Gründung übertragen. Bald werden gewiß die meisten deutsche» Diocesen Diöcesankunstvereine mit reicher Betheiligung des Klerus, des Adels und der Bürger besitzen, als individuellen Ausbau des großen katholischen deutschen KunstvereinS. Für unsere Diöcese ist ein solcher Berein auf der letzten Generalversammlung der PiuSvereine zu Dortmund am 3. d. MtS. beschlossen und dem Centralver- 35L eine in Paderborn die Ausführung des Beschlusses im'engsten Anschlüsse an die von Herrn A. RcichenSperger entworfenen Statuten übertragen. Im Seminare zu Köln werden von diesem ausgezeichneten Beförderer der christlichen Baukunst auf Veranlassung des hohen Oberhirten deS ersten deutschen DomeS Norträge über die christliche Kunst gehalten; und bald werden gewiß auch diesem rühmlichen Vorgange die übrigen deutschen Diöceseu folgen. Der KleruS stand bisher in dieser Hinsicht rathlos da. Große Studien auf dem Gebiete der christlichen Kunst machen erlaubt den wenigsten der mannigfaltige seelsorgliche Beruf, und große Reisen, um durch lebendige Anschauung der Kunstschätze sich zu bilden, den wenigsten der Geldbeutel und die Zeit. Was unS bei dieser glücklichen Verwandlung bisher noch fehlte, war ein eigenes Organ für die christliche Kunst, zugäuglich für die Gebildeten aller Stände. Das „Domblatt", so viel Gutes eS auch gestiftet hat und noch stiftet, war zu enge und zu klein für den großen Zweck. Wo könnte aber ein solches Organ wohl besser erscheinen alö in dem heiligen Köln, außer seinem hochberühmten Dome trotz aller Verwüstungen seit sechzig Jahren noch immer so reich an den schönsten Kirchen der mittelalterlichen Baustyle, so reich an Kunstschätzen, so reich an Vereinen für den Dom und die Reparatur der übrigen Kirchen? Diesem Mangel hat in Verbindung mit gediegenen Männern gleicher Richtung abgeholfen ein christlicher rühmlich bekannter Maler in Köln, Fr. Baudri, Bruder des hochwürdigsten WeihbischofeS und GeneralvicarS der Erzdiöcese. Die Verbreitung dieses Organs, das in Köln alle 14 Tage, einen großen Bogen stark, unter dem Titel: „Organ für christliche Kunst, herausgegeben und redigirt von Fr. Baudri, Maler", erscheint, ist auf der Generalversammlung in Dortmund auf das Dringendste von vielen Seiten empfohlen. Hoffentlich wird diese Empfehlung reiche Früchte tragen, sowohl für die festere Begründung und Ausbreitung deS Unternehmens, als auch für die allseitige Förderung des christlichen Kunstsinnes. Oberbayern. AuS Aibling 23. Oktober wird dem Volksboten geschrieben: In Pang bei Rosenheim haben sie gestern/ein schönes Fest gehabt: denn eS wurde die neuerbaute Pfarrkirche benedicirt, damit einstweilen im Winter darin Gottesdienst gehalten werden kann. Der Herr Pfarrer Rubenbauer von Rosenheim vollzog aus oberhirtlichem Auftrag unter Beistand benachbarter Geistlicher die Benediction, und als die Weihe vollendet und die Kirchthüren geöffnet waren, ward alsbald die große herrliche Kirche mit Menschen überfüllt. Zu dem feierlichen Hochamt ertönte zum ersten Mal die treffliche neue Orgel von dem bekannten Orgelbauer Wagner in Glon und eine schöne Kirchenmusik, wobei auf dem Chor auch mehrere Rosenheimer freundlich mitwirkten. Vor anderthalb Jahren wurde der Pau dieser Kirche auf eifrigen Betrieb deS Herrn Pfarrers Nißl begonnen zum Tbeil nach dem (natürlich großen) Muster der St. BonifaciuSkirche zu München im Basilikenstyl. Der Eifer, mit dem der Bau vom Pfarrer und der ganzen Gemeinde geführt wurde, verdient alles Lob; sie haben sich hier ein schönes Denkmal ihrer Frömmigkeit gesetzt. Mit größler Bereitwilligkeit leisteten alle Pfarrangehörigen Hand- und Spanndienste die ganze Zeit hindurch, und eS bestand ein eigener Ausschuß aug braven Männern, welche abwechselnd jeder einen Tag in der Woche unentgeltlich die Aufsicht führten und für Herbeischaffung deS Materials sorgten. Holz und Lebensmittel für die Arbeiter wurde Alles von den Leuten geschenkt, und man hörte nicht die geringste Klage über Belastung, obgleich die Leute im Ganzen nicht sehr vermöglich sind. Im nächsten Jahre wird mit Gottes Hilfe die Kirche ganz vollendet und dann vom Herrn Erzbischof eingeweiht werden. Man darf aber jetzt weit gehen, um auf dem Lande eine so schöne Kirche zu sehen, und gewiß wird kein Fremder durch Pang reisen, der nicht dieß liebliche Gotteshaus betrachtete. Verantwortlicher Redacteur: L, Schön ch«u. BerlagS.Jnhaber: F, S, Krem er.