Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. S5. Januar äll. 185S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« 4tt kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter nud alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. Charlotte Henriot, oder Ergebung und Aufopferung. *) I. Der Tod einer Mutter. Die Glocke der Pfarrkirche von St. Wulfran in Abbeville ertönte in langsamen Schlägen; ein Priester, vor dem Tabernakel stehend, entnahm eilig dem Hei- ligthume die heiligen Oele und die heilige Hostie, schloß alles in einen rothsammtnen Beutel und barg diesen an seiner Brust. Dann, Chorhemd und Stola unter seinem Mantel bergend, bloßen KopfeS, durchschritt er hastig mehrere Straßen, ohne daß, Dank den sonderbaren Einrichtungen unserer Zeit, Jemand geahnt hätte, der Schöpfer der Welt schreite in diesem Augenblick durch die Menge, demüthig, verborgen auf der Brust eines Sterblichen, und entschlossen, alle Erniedrigungen zu dulden, um einem sterbenden Wesen das Pfand der ewigen Glückseligkeit zu sichern. Unter der Fülle seiner Gedanken gleichsam gebeugt, eben so wie in Ehrfurcht vor dem lebendigen Gotte, den er so zu sagen unter seiner Hand fühlte, kam der gute Pfarrer bis zu einem bescheidenen Hause, dessen Aushängeschild die Worte trug: Henrior, Tuchhändler. Er durchschritt den verlassenen Laden, stieg die Treppe hinauf, und wurde oben von einem laut weinenden Manne empfangen: „Ach, kommen Sie, Herr Pfarrer, sie hört nicht auf, nach Ihnen zu fragen!" Der Pfarrer grüßte und folgte dem untröstlichen Gatten in ein Zimmer, welches starker Aethergeruch, die Folge der letzten bei der Sterbenden angewandten Arznei, erfüllte. Im Hintergrunde, auf einem mit Sorgsalt bereiteten Lager ruhte eine junge Frau, deren Züge in den Schmerzen und der Blässe des Todes noch anziehend erschienen; sie hielt ein kleines Crucifir in ihren Händen, und horchte mit frommer Sammlung der Stimme einer alten Dienerin, die ihr vorlas, indem diese, von Thränen fast erstickt, es versuchte, ihre Herrin durch einige Sprüche des vierten BucheS der Nachfolge Christi zur letzten heiligen Wegzehrung vorzubereiten: „Der größte und einzige Trost der Seele, so lange der sterbliche Körper sie noch von Dir entfernt hält, ist der, sich oft ihres GotteS zu erinnern, und ihren Geliebten mit zärtlicher Andacht zu empfangen." „O selig das Herz, glückselig die Seele, welche eS verdient, andächtig ihren Herrn und Gott zu empfangen, und dadurch von einer heiligen Freude erfüllt zu werden! Diese Freude, so sehr vom frommen Schreiber gewünscht, erglänzte hell auf der Stirne der jungen Frau, als sie den Priester an ihrem Bette stehen sah; ihr bleiches Gesicht verwandelte und verschönerte sich, so zu sagen, in dem heiligen AuS- -) Aus dem Journal de Brmelles. Uebersetzung der D. V. H. .ynl>yi(!l.K.267,h!5mK druck der Hoffnung, deS Vertrauens und der Liebe; eS schien, als färbe die unbewegliche ^onne der Ewigkeit schon die sterbende Stirne und entzünde in diesen, schon den Dingen der Welt geschlossenen Augen einen himmlischen Strahl. Der Geistliche nahte sich ihr, und nachdem er sie tiber ihren Glauben befragt, salbte er mit den heiligen Oclen ihre dem Grabe verfallenen Glieder, daS mütterliche Gebet sprechend, welches die heilige Kirche dem Munde ihrer Diener dictirt: „Durch diese heilige Oelung und durch Seine große Barmherzigkeit möge der Herr dir alles Böse verzeihen, waS du durch Augen, Ohren u. s. w. begangen." Er beeilte sich, weil ihm schien, als entfliehe bald der letzte LebenShauch der Kranken. Sie selbst fühlte es, und sprach leise: „O mein Erlöser, komm, komm doch bald!" Sie wollte sich aufrichten, aber ihre große Schwäche ließ cö nicht zu: auf ihren Gatten und die alte Dienerin gestützt, empfing sie mit verlangender Seele ihren Heiland und blieb lange in stillem Dank versunken; endlich erhob sie die Stimme, aber so schwach, so gebrochen, daß nur der über sie gebeugte Gatte die letzten Laute derselben vernehmen konnte. „Mein Lieber," sagte sie, „bringe mir Charlotte, ich will sie segnen." Der arme Gatte und Vater ging hinaus und kam bald zurück, ein kleines frisches, rosiges Mädchen von sechs Jahren an der Hand führend, das an das Belte der Mutler eille und sich mit stürmischer Freude darüber hinstürzen wollte. „Ruhig, mein Kind," sagte der Pfarrer, „deine Mutter ist sehr krank." — „O Mutter!" rief die Kleine mit kläglichem Tone. — «Hebe sie auf mein Bett," flüsterte die schwache Stimme der Sterbenden. ES geschah, und beim Anblick ihrer blassen, so veränderten Mutter brach das Kind in Weinen aus. Jene betrachtete die Kleine starr mit den verschleierten Augen, und ihre zitternden Hände zum Himmel erhebend, betete sie: „O mein Gott, Dir befehle ich sie, für sie bringe ich Dir das Opfer meines LebenS! Laß sie fromm, laß sie gut werden, und Dich über AlleS lieben!... LiebeS Kind, Gott möge dich segnen, wie ich dich segne!... Du, mein Freund, sey ihr gut, erziehe sie gottesfürchtig, liebe sie, wie du mich liebtest. — Leb' wohl, Charlotte, leb' wohl!" . . . Ihre Stimme sank, erschöpft fiel sie zurück, daS Crucifix, den Trost ihrer langen Leiden, auf ihre Lippen drückend. Charlotte näherte sich ihr, um sie zu küssen, aber schnell zog sie sich von ihr weg und rief: „O wie kalt ist meine arme Mutter!" II. Die Waise. Auf die ersten Tage einer fürchterlichen Leere, einer unendlichen Trostlosigkeit, die ein unersetzlicher Verlust hinterläßt, folgt ein stillerer Schmerz, der sich in den täglichen Beschäftigungen, in dem Treiben und Arbeiten deS LebenS allmälig abschleißt: Henriot nahm seinen Platz in Bureau und Comptoir wieder ein, Grete sah man wieder in ihrer gewohnten Thätigkeit, und ward sie durch die Arbeit von ihrer wirklichen Betrübniß etwas abgelenkt, so hörte man sie wohl bei ihren unaufhörlichen Wanderungen durch'S Haus das eine oder andere alte Liedchen singen. Der Verlust der guten Frau Henriot drückte also eigentlich mit seiner ganzen Last nur die kleine Charlotte; nicht daß dieS Kind sein Unglück auf eine seinem Alter unnatürliche Weise empfunden hätte, sondern darum, weil Niemand ihr daS Verlorne — die Sorge und Liebe einer Mutter — ersetzen konnte. Es ist wahr, daß der Vater sie liebte; indeß ganz durch sein Geschäft in Anspruch genommen, glaubte er die Schuld der väterlichen Liebe durch Liebkosungen und Spielzeug genügend abzutragen. Margaret!)'liebte die Kleine mit der Vergötterung, die oft daS Alter der Kindheit widmet, und die beständige Verwöhnung des Lieblings zeugte von ihrer Zärtlichkeit. Vergebens forderte daS Kind von diesen beiden Wesen, ihr gut zu seyn, jene ausopfernde Liebe, jene erfinderische Sorgfalt, jene geduldige, starke, verständige Zärtlichkeit, deren Gegenstand sie sich seit sechs Jahren gefühlt hatte. Ohne noch ihr Unglück zu begreifen, empfand sie eS dennoch: die Mutter war nicht mehr da, um mit ihr zu plaudern, um durch geschickte Fragen ihre schlummernden Begriffe zu wecken, den kaum erschlossenen Keim zu hüten; die Mutter fehlte, um sie lesen zu S7 lehren und ihr die heiligen Bilder der großen Bibel zu deuten > ihren Eifer durch interessante Erzählungen zu beleben und ihre Fehler-durch edle Beispiele verschwinden zu machen. Charlotte arbeitete nicht mehr; ihr Leben war eine lange Ferienzeit. O wie langweilte sie sich auch, wie langsam und traurig verfloß ihr die Zeit! In dem weiten, leeren Hause irrte sie bald in dem Laden, bald in dem Speisezimmer umher; von da zum Garten, wo einige spärliche Sträuche standen; von da zur Küche, wo Grete sie durch Liebkosungen und Leckerbissen zu unterhalten strebte; aber überall war sie traurig, wie ein armeS Kind ohne Mutter, d. h. ohne Führer, ohne Ordnung, Stütze und Leitung. So verfloß ein Jahr. Die wunderbare Maschine des VergefsenS, die, wie Jemand sagt, die Welt in Bewegung setzt, hatte auch auf Henriot's Geist ihre gewöhnliche Wirkung ausgeübt. Auch er vergaß die so sehr beweinte Gefährtin, und der verödete Herd erweckte in ihm allmälig den Wunsch, denselben wieder auf'ö Neue belebt zu sehen. Daher wurde das Verlangen, neue Baude zu schließen, in ihm immer dringender, und da er Gründe suchte, ein so schnelles Vergessen vor sich selbst zu rechtfertigen, so wurde der Zustand der Verlassenheit, in dem sich seine kleine Charlotte befand, der Vorwand, welcher ihn vor dem Richterstuhle seines eigenen Herzens entschuldigte. Er wählte ihr also eine Stiefmutter. Welch große Wurde und folglich welch große Bürde liegt in dem Titel einer Stiefmutter, den doch so viele Frauen so leicht sich aneignen I Nicht allein, die erste Gattin dem Gatten, sondern auch die Mutter an der Wiege zu ersetzen, all' ihre Empfindungen, ihre Selbstverläugnung, Zärtlichkeit, Aufopferung, Geduld zu übernehmen; durch Pflicht DaS zu werden, wozu die Natur die Mutter macht, ihr, so zu sagen, das in Liebe getränkte Herz abzuleihen, das Gott ihr gab, um daran ihre Kinder zu erwärmen; durch Vernunft und Güte alles DaS zu thun, was Jene aus natürlichem Triebe vollbringt; selbst später Mutter geworden, dann nicht ihre eigenen Kinder zu großen Vorzug ahnen zu lassen; immer, zu jeder Zeit gerecht, gut, zärtlich, Beherrscherin ihrer selbst zu seyn, über eine unwillkürliche Abneigung sowohl, als über eine zu blinde Liebe zu siegen: daS sind die Verbindlichkeiten, die jener Titel auferlegt, edle Pflichten, so selten verstanden, so selten erfüllt. DaS junge Mädchen, dem Henriot seinen Namen gab, hatte während ihres ganzen Lebens wenig darüber nachgedacht, waS Andere mit Recht von ihr fordern könnten. Aeußerst eigensüchtig, hatte sie sich zum Mittelpunct des kleinen Zirkels gemacht, in dem sie lebte; nie war es ihr eingefallen, daß irgend eine Pflicht Andern Rechte über ihre Zeit, ihre Sorge und ihre Person gäbe, und da sie ziemlich kalte Tochter und gleichgiltige Schwester gewesen, so glaubte sie nicht, daß jenes Kind, zu dessen Mutier sie Henriot machte, ihr eine ernstliche Aufgabe, eine schwere und bindende GewissenSverpflichtung werden könne. Während der wenigen, der Vermählung vorhergehenden Tage sah Melanie in der kleinen Charlotte nur ein niedliches Spielpüppchen, und nachdem Henriot die Kleine auf dem Schooße der jungen Braut gesehen, glaube er seinem Kinde alles DaS wiedergegeben zu habe», was ihm der Tod geraubt. Unter diesen günstigen Vorzeichen ging die Vermählung vor sich; nur Margareth, ähnlich Troja'S Kassandra, klagte allen Nachbarn: „Man gibt meiner armen Charlotte eine böse Stiefmutter, eine Rabenmutter! Ach, wenn meine Herrin das sähe!" III. Die Stiefmutter. Die ersten Monate vergingen auf ruhige Weise; Frau Henriot blieb ihrer Stieftochter gegenüber in der neutralen Lage gänzlicher Gleichgiltigkeit. Sie küßte Charlotte am Morgen und eben so Abends; während des TageS war die Kleine der Aufsicht und den LiebeSbezengungen der alten Grete übergeben, die sie nicht einen Augenblick verließ. Jedoch eine leicht vorherzusehende Begebenheit erweckte bald in der Tiefe von MelanienS Herzen die schlechten Gefühle, welche der Egoismus erzeugt. 28 / Während sie eines Tages im Comptoir ihres Ladens saß, sah sie einen Beamten an sich vorübergehen, der Henriot zu sprechen wünschte und sich lange mit ihm einschloß. Als ihr Mann auS dieser geheimen Confercnz zurückkehrte, fragte sie ihn um den Gegenstand der Unterredung. „O, dieser Herr," antwortete Henriot, „ist der Nebenvormund unserer Charlotte, der wegen Unterbringung einiger Gelder meine Meinung zu wissen wünschte." — „Wie, Charlotte hat also Vermögen?" — „Ja wohl, ungefähr 30,000 Franken, welche ihre Mutter besaß; ich denke sie durch den Ankauf eines kleinen Bauerngutes anzulegen, daS in ^ill^ Is nsut dlvoder liegt." Diese einfachen Worte verwandelten mit Einem Male alle Gefühle der Stiefmutter. Arm, und ohne Mitgift vermählt, konnte sie ihren künstigen Kindern kein anderes Gut hinterlassen, als daS väterliche, sehr beschränkte Vermögen, wovon Charlotte, ihr bereits unausstehlich geworden, noch die Hälfte für sich ansprach. Dieser Gedanke verfolgte sie von -nun an so sehr, daß daS Kind der Gegenstand ihres fortgesetzten Hasses wurde, den selbst seine zarte Kindheit nicht schmelzen konnte. Charlottens Fehler, über die sie bisheran nicht mit heilsamer Sorgfalt gewacht, wurden mit boshafter Aufmerksamkeit hervorgesucht, dem Vater mit listiger Verstellung geschildert, und ihre kleinsten Vergehungen auf's schärfste bestraft. Auch fand die Stiefmutter daS Geheimniß, das schwache und oberflächliche Gemüth deS VaterS von dem Kinde zu entfernen, und die ganze Summe der ihm möglichen Zuneigung dem Sohne und der Tochter zuzuwenden, die sie in wenigen Jahren ihm schenkte. So immer enger in die Bande um ihn her eingeschlossen, vernachlässigte er daS theure Vermächtniß einer Sterbenden, daS Kind, welches nur ihn zur Stütze und zum Vertheidiger hatte, und übergab Charlotte ihrer Stiesmutter, d. h. ihrer Feindin. Der Haß ist erfinderisch; auch litt die Kleine in jeder Hinsicht: Seit ihrer Geburt war sie von zärtlicher Sorgfalt umgeben gewesen, ihre Bedürfnisse, selbst ihre kleinen Wünsche waren von einer stets wachen Liebe vorhergesehen; gänzliche Verlassenheit trat an die Stelle jener süßen Sorge: Gesundheit, Anzug, Erholungen wurden vernachlässigt, und selbst ein Unwohlseyn rief kaum einigen Beistand bervor. Sie verlangte nach Unterricht, man beschränkte sie auf die nöthigsten Stunden, und nachher unternahm Frau Henriot selbst den Unterricht ihrer Stieftochter, waS ihr bei dem oft getäuschten Publicum zu großem Lobe gereichte. Charlotte bewegte sich gerne in frischer, freier Luft; man befahl ihr, meistens in einer Ecke deS finstern HinterladenS sitzen zu bleiben, wo sie immerwährend beschäftigt seyn mußte, grobe Strümpfe zu stricken oder breite Säume zu nähen. Sie hatte ein annäherndes, sich gerne erschließendes Gemüth: ihr Vertrauen wurde zurückgedrängt; Ausbrüche lindlicher Offenheit, die eine Mutter in die Tiefe ihrcS Herzens aufgenommen hätte, wurden durch Spott lächerlich gemacht, oder durch die wehthuende Kälte zurückgestoßen, und was ihr der Liebe so bedürftiges Herz bei allem Diesem noch mehr quälte, war die Vergleichung, die sie jeden Tag machen mußte, wenn sie ihre Geschwister von der Zärtlichkeit umgeben sah, die ihr selbst entzogen wurde. Während einiger Monate fand daS arme Kind eine Zufluchtsstätte bei der treuen Grete; aber sobald die Stiefmutter merkte, daß Charlotte ein FreundeSherz, eine sanfte Trostesstimme, wahre, sie vertheidigende Freundschaft gefunden, suchte sie einen Vorwand, ihr dieß zu rauben, und sie suchte nicht lange: Margaret!) wurde verabschiedet. Die arme, in Schmerz aufgelöste Alte nahm am Tage ihres Abschieds die Kleine an eine verborgene Stelle deS Gartens, küßte sie wohl hundert Mal und sagte: „Mein Kind, mein liebeS, theures Kind, ich muß gehen, man schickt mich fort; ich werde dich nicht mehr sehen, dir nicht mehr von deiner guten Mutter reden können, die im Himmel ist; aber da nimm, Charlotte, steh, da ist das Crucifix, das sie sterbend geküßt; ich habe es aus ihren kalten Händen genommen, bewahre eS gut und erinnere immer, daß sie dir so oft anbefohlen hat, gut und fromm zu seyn. Leb wohl, leb wohl, mein Kind!" .... „Ich will nicht, daß du weggehst," schrie die Kleine in Thränen zerfließend, und schlang ihre Arme um die alte Dienerin. Diese drückte das Kind fester an sich.... Aber Charlottens lautes Schluchzen hatte 29 die Stiefmutter herbeigerufen, die sie rauh bei der Hand nahm, und sagte: „Geh in dein Zimmer, und wenn du mich noch länger durch dein Schreien langweilst, so bekommst du nichts zu Mittag." Und zur Magd sich wendend, sprach sie: „Mar- gareth, verlaß auf der Stelle mein Haus, du verwöhntest dieses Kind auf lächerliche Weise, eS war daher Zeit, daß dies aufhörte." (Fortsetzung folgt.) Die heilige Genofeva, Schutzpatronin von Paris. Wird in Deutschland der Name Genofeva genannt, so denkt man zunächst an die Geschichte, welche den Inhalt eines unserer schönsten Volksbücher bildet, daS in so trefflicher Weise von Christoph v. Schmid zu einer seiner vielgelesenen Jugendschriften umgearbetet worden ist. Sofern diese Erzählung überhaupt auf geschichtlicher Grundlage beruht, darf die Heldin derselben nicht verwechselt werden mit der heiligen Genofeva, der Schutzpatronin von Paris, deren Name in jüngster Zeit auch in Deutschland viel genannt worden ist auS Veranlassung der Wiederherstellung deS ihr geweihten, seither „das Pantheon" genannten Tempels. Ihr JahrgcLächlniß wurde am 3. Januar begangen, so mag denn auö Anlaß desselben eine kurze Mittheilung über sie in unsern Blättern willkommen seyn. Die heilige Genofeva war in Nanterre, zwei Stunden von Paris, im Jahre 422 geboren. Die Volkssage nennt sie eine Schäferin; wahrscheinlicher ist, daß ihre Eltern SeveruS und Gerontia vermögende Gutsbesitzer waren, die denn wohl auch zahlreiche Heerden haben mochten. AIS im Jahr 429 zwei heilige Bischöfe Frankreichs, GermanuS von Aurerre und LupuS von TroycS sich nach Großbritannien begaben, um dort an der AuStilgung der damals grasstrenden pelagianischen Irrlehre zu arbeiten, und auf ihrer Reise in Nanterre übernachteten, strömte eine große Volksmenge herzu, um ihren Segen zu erbitten. Auch die Eltern der heiligen Genofeva mit ihrer damals siebenjährigen Tochter befanden sich unter der Menge. Da siel der Blick des heiligen GermanuS auf daS Kind, und mit jenem Tacte, der den Heiligen inncwohnt, ihres Gleichen aufzufinden, oder durch eine besondere Erleuchtung veranlaßt, rief GermanuS sie herbei, und unterredete sich mit ihr. Die Kleine sprach ihre Absicht auS, als eine gottgewcihte Jungfrau ganz Jesu Christo anzugehören und in Heiligkeit zu wandeln. GermanuS ertheilte ihr seinen Segen, nahm sie mit sich in die Kirche, betete mit aufgelegten Händen über sie, unv gab sie dann ihren Eltern zurück, indem er ihnen voraus sagte, wie ihre Tochter einmal eine große Heilige seyn und durch ihre Heiligkeit Vielen zum auferbauenden Beispiele gereichen werde. Am andern Morgen, vor seiner Abreise, ließ GermanuS sie mit ihren Eltern nochmals zu sich kommen, befragte sie von neuem um ihren Entschluß, und als sie denselben wiederholt auösprach, ermunterte er sie, demselben treu zu bleiben, und schenkte ihr ein kleines ans Kupfer gefertigtes Kreuz, daß sie es mit Weglassung alles sonstigen Geschmeides stets an ihrem Halse trage. Von dieser Zeit an betrachtete sich Genofeva als ein gottgeweihtes Kind, hielt sich von allen Spielen und Belustigungen fern und unterzog sich mit Eifer den Uebungen in der christlichen Vollkommenheit. Nirgend war ihr so wohl als in der Kirche. Im Alter von fünfzehn Jahren wurde sie mit zwei andern Jungfrauen dem Bischof vorgestellt, damit sie den heiligen Schleier empfange. Dbgleich die jüngste, wurde sie von diesem den beiden andern vorangestellt, mit dem Bemerken, Gott habe sie bereits geheiligt. Nach ihrer Eltern Tod zog sie nach Paris zu ihrer Taufpathin und führte da nunmehr ein Leben der strengsten Abtödtnng, verbunden mit der Pflege aller christlichen Tugenden, Uebung guter Werke, und eifrigem Gebete. Die Welt ist sich immer gleich geblieben; auch damals vermochte sie eine höhere Vollkommenheit nicht zu ertragen, 30 ohne daran zu mäckeln und zu schwärzen; Genofeva wurde als Schwärmerin und Heuchlerin verdächtigt und endlich selbst der Verdacht eines unerlaubten Umganges ihr nicht erspart. Sie hatte diese Befeindungen zu ertragen, bis der heilige Germanus von Aurerre zum andernmal durch die Gegend kam, um sich nach England zu begeben, sie in Paris besuchte, und ihre Gegner öffentlich der Verleumdung überwies. Zum andernmal brach ein Sturm über sie los, als der Hunnenkönig Attila Frankreich mit seinen Horden überschwemmte, die Einwohner von Paris in Schrecken setzte und zur Flucht bewog. Genofeva nämlich weissagte den Bewohnern den Schul) Gottes, wofern sie zu Uebungen der Frömmigkeit und Buße sich mit ihr vereinigen wollten und veranlaßte manche, den Gedanken an Flucht aufzugeben. Das erbitterte die andern, welche sie als falsche Prophetin erklärten, in solchem Maaße, daß sie ihr nach dem Leben strebten. Auch dießmal wurde der heilige GermanuS, obgleich zu dieser Zeit nicht mehr am Leben, wiederum ihr Retter. Dieser hatte nämlich von Italien aus, wohin er eine Reise unterommen, seilten Archiviacon nach Frankreich geschickt, und ihm bei dieser Gelegenheit auch „Eulogien" für Genofeva mittzegeben, fromme Geschenke, wie die Bischöfe sie als Zeichen und Ausdruck der kirchlichen Gemeinschaft zu übersenden pflegten. Der Archiviacon gelangte, in Folge eines nicht bekannten Hindernisses, erst zwei Jahre später nach Paris, und übergab an Genofeva die Geschenke des heiligen Bischofs, der inzwischen bereits in Ravenna gestorben war. Dieser Ausdruck der Hochschätzung von Seiten des heiligen Germanus brachte ihre Verfolger zum Schweigen, und die Befeindung der heiligen Jungfrau verwandelte sich in Ehrfurcht und Vertrauen, als endlich ihre Vorhersagungen bezüglich der politischen Ereignisse buchstäblich in Erfüllung gingen. Dieses Vertrauen bewies und rechtfertigte sich namentlich auch während der Belagerung von Paris durch den Frankenkönig Childerich. AIS nämlich die belagerte Stadt von Hungersnoth bedroht war, stellte sich Genofeva an die Spitze derer, die zur Beischaffung von Lebensmitteln auS> gesandt wurden, begleitete sie bis nach Arcis-sur-Aube und bis nach TroyeS, und führte sie durch alle Gefahren, die ihnen von Seiten der Feinde ringsum drohten, unversehrt in die Stadt zurück. Nachdem Childerich die Stadt eingenommen, konnte er, obgleich er ein Heide, den Tugenden der Heiligen seine Anerkennung nicht versagen, und ließ sich durch sie zu verschiedenen Werken der Liebe und Freigebigkeit bewegen. Noch mehr stand sie bei ChilvcrichS Sohn und Nachfolger Chlodwig in Verehrung, den sie nie um die Freilassung von Gefangenen bat, ohne von ihm erhört zu werden. Ueberhaupt waren der Ruf ihrer Tugenden, so wie ihrer Gabe der Weissagung uud der Wunder, die sie mehrfach wirkte, weithin gedrungen, so daß der heilige Simeon der Stylite von ihr Kunde erhielt und sich in ihr Gebet empfahl. Sie starb in hohem Alter im Jahr 5l2. nur wenige Wochen nach Chlodwig, und wurde neben diesem ersten christlichen König der Franken in dem Raum der Kirche beigesetzt, die derselbe auf ihren Anlaß zu Ehren der heiligen Apostelfürsten PetruS und Paulus zu erbauen augefangen hatte. ^Vollendet wurre sie erst nach dem Tode Chlodwigs durch seine Gemahlin Clotilde) Es ist dieselbe Kirche, die später nach ihr genannt wurde, und an deren Stelle der jetzige durch Ludwig XV. begonnene in den 1790er Jahren vollendete Tempel sich erhebt. Die Bewohner von Paris waren stets gewöhnt, bei allgemeinen Plagen ihre Fürbitte anzurufen und erfreuten sich vielfach in solchen Fällen augenscheinlich wunderbarer Hilfe. Die St. Panlskirche in Rom. (Schluß.) Wenden wir unS jetzt zu der dem freistehenden Altar gegenüberliegen Chornische. Sie umschließt den herrlichen Thron, welcher aus mehreren Marmorstufen ruht und dem heiligen Vater bei feierlichen Fuuctionen zum Sitze dient. Rundum 31 an den Wänden der Nische erblickt das Auge die feinste Bekleidung von buntem Marmor, ohne daß man jedoch, wie dieses so häufig der Fall ist, eine Uebertreibung oder ein Ueberladen in den Farben zu tadeln hätte. Ernst und ehrwürdig, ermunternd und mahnend zugleich blicken dann von der Wölbung der Nische die großen Mosaikbilder mit ihren lebendigen Augen auf unS herab. Es ist Christus der Herr, dargestellt auf den verklärten Fluren deS Paradieses; zu seinen Füßen entspringen die Ströme deS lebendigen WasserS, und zu beiden Seiten stehen PetruS und Pauluö mit andern Heiligen. In der That, wunderbar ist es um diese Mosaikbilder in den altchristlichen Kirchen Roms und anderswo: so ungelenkig, so steif sie sind, so viel die neuere Kunst daran kritteln und bessern möchte, sie genügen dem christlichen Herzen, sie sprechen zu demselben und führen es dem dargestellten Gegenstände sofort nahe. Wandern wir nun links und rechts von der Chornische in die Capellen, von der des heiligen SacramentS in die Crucifircapelle, von der des heiligen Beuedict in die Capelle des heiligen Stephanus: überall erblicken wir den Reichthum und die Pracht mit der Kunst und Frömmigkeit im Bunde. Der Boden ist künstlich ausgelegt mit kostbarem Gestein, die Wände sind bekleidet mit prächtigem Marmor, die gewölbte mit Malerei oder Vergoldung geschmückte Decke wird von schlanken Granitsäulen getragen, und von oben herab fällt durch farbige Gläser daö Licht. Wir können nicht sort von hier, ohne zu beten! Werfen wir nun noch einen Blick über den ganzen innern Raum der Kreuz- arme (also deS QuerschiffeS). In der Mitte der ehrwürdige gothische Baldachin über dem Grabe deS Apostels, von den Seilenwänden her der Glanz des edlen Marmors und deS Alabasters, an den beiden Schlußwänden die großartigen Gemälde, die Bekehrung des heiligen Paulus und die Krönung der heiligen Jungfrau darstellend, bei welchen die neuere italienische Kunst Alles, was sie vermag, aufgeboten hat; oben unter dem Gesimse die Mosaikbilder der Päpste vom heiligen PetruS an durch all' die Jahrhunderte hindurch, so lebend und so sprechend, die Decke mit herrlichem Schnitzwerk weiß und golden: wahrlich, ein Anblick, der dem Deutschen die Versuchung nahe legen könnte, auf einige Augenblicke selbst seiner gothischen Kirchen zu vergessen! Nur den vollendeten und bereits eingeweihten Theil der Basilika sahen wir bis jetzt; wollen wir auch eintreten — und wen würde es nicht dazu drängen! in jenen Theil derselben, wo noch Hunderte von Händen täglich beschäftigt sind, die milden Gaben der Christenheit 5) zu einem glorreichen Denkmal des Weltapostels zu gestalten, so müssen wir denselben Weg zurückwandern und das Gebäude umgehen, um zum Hauptportal zu gelangen; denn daS Querschiff ist zum Zweck deS Gottesdienstes einstweilen noch durch eine Bretterwand vom Hauptschiff geschieden. An der massiven Säulenhalle vor dem Portal hat das Feuer vergebens seine verwüstende Kraft versucht; sie steht noch und wird unverändert bleiben. Treten wir nun ein! Gewiß, daS Schweigen und die staunenden Blicke Aller sagen es mir deutlicher, als Worte es auszudrücken vermöchten: diese großartig weiten Räume, welche dennoch so leicht übersichtlich und in allen ihren Theilen so harmonisch geordnet sind, waren unerwartet! — Vierzig Granitsäulen scheiden den Raum in daS Haupt- und vier Nebenschiffe; Proportion und Arbeit ist bis in das Kleinste hinab gleich bewundernswerth. Hier sehen wir die Reihenfolge der Päpste in deren Bildern fortgesetzt. Die Täfelung der Decke mit ihrem feinen Schnitzwerk, welche eben so viel Fleiß als Tüchtigkeit erfordert, geht ihrer Vollendung entgegen. Auch die Wandbekleidung mit Marmor ist beinahe ausgeführt. Noch einige Jahre der rastlosen Arbeit, und an jenen mit dem Kranz bezeichneten Stellen werden Alläre sich erheben, und auch hier werden dann die Lobgesänge der frommen Pilger von Nah und Fern zu Ehren deS . rrWWWiti> m LijZZ i'jSvll?) H ,»A»?-„. >.' >,!!'!!t>L-