Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt Augsburger PsstMung. - 1. Februar ^ 5. 185S. _^ Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« kr., wofür es durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. In dieser Weise verfloß Charlottens Kindheit, jene ersten Jahre, deren Erinnerung so süß ist, wenn sie die heiligen Bilder der Familie sich vorführen kann: jenen geliebten Vater, so ernst und zärtlich zugleich, jene Mutter, durch die Freude deS KindeS selbst beglückt, die Schwestern und Brüder, deren Leben an das unsrige gekettet war, mit denen wir alle Zärtlichkeit, alle Mühen und Freuden als Gemeingut theilten, und die unsere Freunde durch'S Herz sind, ehe sie durch die Bande des BluteS eS geworden. Wir haben es gesehen: Charlottens Gedächtniß konnte sich nicht mit den reizenden Gemälden eines häuslichen GlückeS beschäftigen, Langeweile, Verlassenheit und Zurückstoßung machten einen Tag dem andern gleich, und vorzüglich waren die der Erholung bestimmten Stunden für sie die traurigsten und ödesten. Nachdem sie sich im Haushalt nützlich gemacht, der Stiefmutter und ihrer jungen Schwester Felicie beim Anzug behilflich gewesen war, sah sie gewöhnlich die ganze Familie ausgehen auf irgend eine Landpartie oder ein heiteres Essen, und sie blieb dann einsam zu Haus bei einer mürrischen Magd, welche die treue Grete ersetzte, ohne Buch, ohne Erheiterung, da sie weder wie die reichen und glücklichen Mädchen Genuß im Innern des Hauses sand, noch wie die armen im Volke die reinen Freuden eines einfachen FamilienspaziergangS genießen konnte. Dann durchlaS die gute Charlotte wieder und wieder ihren Katechismus, besonders die Pflichten des Christen, die sie auswendig wußte; sie ging in dem öden Garten auf und ab, worin ihre junge Mutter sie, die kaum geborne Tochter, so oft auf den Armen umhergetragen; ein anderes Mal, wenn sie nicht wußte, wie sie die Langeweile ertragen könne, ging sie zu den Fenstern der Straße, um die Kommenden und Gehenden zu beobachten; aber bald machte der Anblick dieser unbekannten Gestalten sie betrübt, und sie rief dann auS: „Weder hier, noch dort habe ich Jemanden, der mich liebt!" Eines Tages, als sie mehr als gewöhnlich durch diese trüben Gedanken gedrückt wurde, suchte sie Zerstreuung, und ging auf einen Schrank zu, in dem sie sich undeutlich bewußt war, einige alte Bücher gesehen zu haben. Wirklich hatte man dort die Erbauungsbücher der verstorbenen Frau Henriot aufbewahrt. Sie waren ganz mit Staub bedeckt, so wie auch die Erinnerung an Diejenige, der sie theuer gewesen, mit dem Leichentuch der Undankbarkeit und Vergessenheit verhüllt war. Mit frommer Ehrfurcht nahm Charlotte die Bücher heraus, wählte sich eines aus, und ihr erster Blick fiel auf folgende Legende: Charlotte Henriot, oder Ergebung und Aufopferung. M tii,5 i (Fortsetzung.) »iS ?üf IV. Traurige Tage. -H^^. Schwester Ine s. Zur Zeit, als die heilige Theresia lebte, sah man in Granada noch eine gewisse Anzahl maurischer Familien, welche die Zerstörung ihres unter dem siegreichen Schwerte der katholischen Könige gefallenen Vaterlandes überlebten. Diese Familien, auf dem Boden ihrer Vorältern sich geächtet sehend, lebten in tiefer Zurückgezogenheit und befolgten mit großer Beharrlichkeit die Vorschriften der Gesetze Mu» hamed'S. Eine unter diesen, die, wie man glaubte, dem königlichen Stamme der AlhamarS noch angehörte, besaß eine Tochter, deren kindliche Anmuth und angeborene Tugend ganz Granada bewunderte. Man hatte sich bereits viele Mühe gegeben, dieses weiße und reine Schäfchen der Heerde deS guten Hirten zuzuführen. Hochgestellte Frauen, heilige Schwestern, fromme Priester hatten eS versucht, diese von Nacht umgebene Seele dem Lichte zuzuführen; gelehrte Reden sowohl, als sanfte Ueberredungen, Alles scheiterte an ihr; doch endlich kam die Stunde der Gnade für Xenie. Eine christliche Dame, die ihr sehr wohl wollte, führte sie eines TageS in ein Hospital, wo junge Mädchen, den höchsten Ständen Spaniens angehörend, sich dem Dienste der Kranken und Presthaften widmeten. Xenie wurde von Erstaunen ergriffen bei dem Anblick dieser langen Säle, dieser Zufluchtsörter für das Leiden, dieser Schulen für die Liebe. Schweigend durchschritt sie dieselben, und sah am Ende deS einen Saales eine Nonne vor einem Bette knieend, dessen Vorhänge zurückgeschlagen waren. Auf demselben lag eine Frau, die von einer so fürchterlichen ekelhaften Krankheit befallen war, daß der Anblick davon unerträglich schien. Die Schwester wusch jedoch deren Wunden, verband die entstellten Glieder, fand für dieß verlassene Wesen Worte der Güte und Milde, wie diejenigen einer Tochter an eine Müller, einer Schwester an eine Schwester. „Diese Nonne", sagte ZcenienS Begleiterin, „ist die Tochter deS Herzogs von Cordova." „Und warum ist sie nicht bei ihrem Vater, warum thut sie daS, waS eine Sclavin nicht thun würde?" „Weil sie unserm Heilande JesuS Christus gefallen und den Himmel verdienen will." Die junge Maurin antwortete nicht; als sie das Hospital eben verlassen, sah sie auf dem Platze einen alten, sehr ärmlich gekleideten Priester. „Dieser Geistliche," sagte wieder ihre Freundin, „ist der Herzog von Candia, Vicekönig von Catalonien; jetzt nennt man ihn Pater Borgia. Er ist Priester geworden, um dem Heilande zu dienen und sich den Himmel zu erwerben." Xenie antwortete noch immer nichts, aber zwei Tage darauf kam sie zu ihrer Freundin und sagte: „Ich will auch Christus dienen und den Himmel gewinnen!" WaS Vernunftgründe und Vorstellungen nicht vermochten, das vollbrachten Liebe und Demuth. Xenie empfing die heilige Taufe; aber ihre erbitterten Eltern verließen Granada, und eben so die neue Christin, die sich vergebens ihnen zu Füßen warf, um sie zurückzuhalten und sie an den süßen Glauben zu ketten, dem sie nun ergeben war. Sie blieb allein, und von einer heiligen Eingebung getrieben, suchte sie Zuflucht in einem Kloster der nicht resormirten Carmeliten, Ihr Noviciat trat sie unter dem Namen: Schwester JneS an. Unsere junge Nonne wäre nun sehr glücklich gewesen, wäre nicht daS Alleinstehen ihr oft centnerschwer auf's Herz gefallen. Die Schwestern wurden von ihren Eltern, Verwandten und Freunden besucht; kein Tag verstrich, wo nicht Viele in's Sprachzimmer gerufen worden wären. Da wurden denn trauliche Gespräche geführt, und die Stunden verflossen in unschuldigen Freuden der Familie und der Freundschaft. Niemals aber wurde der Name Jnes von den Pförtnerinnen ausgesprochen; Keiner fragte nach ihr, Niemand erkundigte sich, ob sie noch Bewohnerin dieser Erde sey; 35 sie schien in ihrem Kloster begraben, wie eS die Todten in den Gräbern waren. Dieß betrübte sie oft, sie dachte an ihre entfernten Eltern, an gestorbene oder sie vergessende Freunde. Eines TageS, als alle ihre Gefährtinnen zum Gitter gerufen waren und man in den Hallen deS Klosters daS Echo freundschaftlicher Unterhaitun, gen und heitere Laute hörte, begab sich JneS traurig zur Capelle. Sie warf sich am Fuße eines großen KreuzeS nieder, für daS sie besondere Verehrung hegte, und schüttete ihre traurige Seele vor Gott auS. Bitter klagte sie ihm ihre Einsamkeit, ihre Verlassenheit, und bat mit Thränen um Trost und Hilfe, sie zu ertragen. Während sie sich dieser AuSgießung überließ und daS Kreuz fest umfaßt hielt, war eS ihr, als höre sie eine Stimme aus den marmornen Lippen des Gekreuzigten hervortönen und ihr mit unendlicher Süßigkeit sagen: „Meine Tochter, warum betrübst du dich? Genüge ich dir nicht, um dich zu trösten? Bin ich dir nicht Gatte, Bruder, Vater, Freund und Gott? Suche mich im Schatten meines Tabernakels, und du wirst dich nicht mehr über die Einsamkeit beklagen!" Jnes' Haupt war in den Staub gesunken; Stunden verflossen, und sie verließ erst die Capelle, als die Glocke die Schwestern zum Abendbrode rief. Ihr Antlitz strahlte in ruhiger, heiliger Freude. Von diesem Augenblicke an sagte sie sich immer, wenn die Schwesteru in'S Sprachzimmer gingen, mit sanfter Heiterkeit: „Mich erwartet auch ein Freund," und ging dann zur Capelle. Bald hieß eS in Granada, daß keine Nonne glücklicher aussehe, als Schwester JneS. Charlotte träumte lange von dieser Legende, von der sie noch nicht alle Einzelnheiten begriff, deren Sinn aber sich für immer ihrer Seele einprägte. MIM ?VI n?Ms i>! hl/ .7!/ .ziivnky^ ,y'.< jsi-z . lt)K„ .51« »ijin V. Ein schöner Tag. St. Wulfran, die alte sächsische Kirche, hatte ihr Festkeid angelegt, der Altar strahlte von Lichtern und duftete von Blumen, und die sacramentalische Sonne leuch, tete über dem Heiligthum. Es war der Tag der ersten heiligen Communion. Die Kinder hatten im Chor Platz genommen; unter den verschleierten, weißgekleideten Mädchen bemerkte man ein blasses und zartes Köpfchen, dessen Züge Spuren längern Leidens trugen, das aber jetzt durch daS Gefühl einer unendlichen, heiligen Freude verwischt war. Dieses Kind war Charlotte, dem glücklichsten Augenblicke ihres LebenS nahe, da sie zum ersten Male dem heiligen Tische sich nähern durste. Seit einem Jahr hatte dieser große Gedanke sie einzig beschäftigt. Sie, die von Allen verstoßen war, sollte ihren Gott empfangen; sie, die Niemand zu lieben schien, sollte von Ihm so geliebt werden, in den vollen Besitz der Rechte der Kinder GolteS, einer Tochter der Kirche, einer Erbin deS himmlischen Reiches gelangen, sie, die der Gegenstand der Vernachläßigung, der Verachtung ihrer nächsten Angehörigen war. . .. Dieser Gedanke hatte alle ihre Stunden ausgefüllt, und da er immer in ihrem gläubigen Herzen lebendig blieb, so hatte er alle Empfindungen ihr eingegeben, alle ihre Wünsche geregelt und alle ihre Handlungen geleitet. Es schien, als habe Charlotte den Glauben als köstliches Erbtheil aus dem letzten Kusse, dem letzten Seufzer ihrer Mutter empfangen. Wie groß war auch die Erhebung und das Glück ihrer Seele nahe vor dem Hinknieen zum heiligen Mahle, wie war sie mit der doppelten Krone der Unschuld und deS Unglücks geschmückt! Weniger glücklich, als ihre Gefährtinnen, fand sie sich als Waise an dem Hochzeitsinahle ein, ihre Eltern waren nicht zugegen, keine andern FreundeSaugen ihr nahe, als die der guten barmherzigen Schwestern, bei denen sie ihren Katechismus gelernt hatte; aber was war ihr die sie umgebende Einsamkeit? Sollte sie nicht am heiligen Tische den Gott finden, in dem alle Güter sind, Denjenigen, der verlassenen Seelen Alles wird? Diese Gewißheit erfüllte ihr Herz, und unter diesen jungen Mädchen war keine, die daS lebendige Brod mit feurigerem Glauben, mit ehrfurchtsvollerer Liebe, tieferer Freude uud unaussprechlicherem Danke empfangen hätte, als die arme Charlotte, welche nun zum ersten Male glücklich war. Eine heilige Stille verbreitete sich in ihrer Seele, glücklich wie Maria, die Jesuö zu Gaste lud, schwieg sie wie Jene, und blieb mit ^ 36 ehrerbietiger Aufmerksamkeit zu Füßen des Heilandes. Endlich sagte sie mit der Einsalt eines Kindes, das seinen Vater um Rath fragt: „Herr, was willst du, daß ich thun soll? du gibst dich mir ganz hin — waS soll ich dir geben?" Mehrmals wiederholte sie dieses Gebet und es schien ihr (wie sie selbst nachher sagte), daß ein neuer Gesichtskreis von da sich ihr geöffnet. DaS Schöne, das Gute erschien ihr da in seinem höchsten Reize, sie verstand auS Eingebung die evangelischen Tugenden: die Sanftmuth, die vaS Erdreich sich unterwirft; die Demuth, welche den Himmel gewinnt; die Geduld, die unS zum Herrn unseres eigenen Herzens macht; die Liebe, welche deS Gesetzes Erfüllung ist; die Verzeihung aller Beleidigungen, die unS dem Sohne Gottes ähnlich macht. .. Sie verstand, was Niemand ihr gelehrt hatte, und von der sie durchglühenden Liebe GotteS erfüllt, rief sie mehrmals aus: „Ja Herr, um dir zu gefallen, will ich gut, will ich sanft seyn; ich will meine Stiefmutter, meine Geschwister lieben, mit Geduld leiden, und werde sie durch Liebe endlich gewinnen, und wenn eS mir schwer wird, dann will ich an dich denken, mein Erlöser!" Dieser Bund wurde gewiß im Himmel besiegelt, Charlotte fühlte dieß an dem süßen Frieden, der ihr ganzes Wesen durchdrang. Sie verließ die Kirche still und glücklich, jedoch wurde ihr das Herz schwerer, je mehr sie sich dem väterlichen Hause näherte. Ihr Vater saß im Comptoir vor einem großen Buche; schüchtern ging sie auf ihn zu und blieb einen Augenblick vor ihm stehen, ohne daß er aufsah; endlich von der in ihrem Herzen überströmenden Zärtlichkeit getrieben, nahm sie seine Hand und küßte sie. „Ach, du bist es, Charlotte, sagte er, eS ist schon gut; laß mich jetzt, ich habe zu thun." Und mit trockner Miene wandte er sich zu der Feder und den Ziffern zurück. Traurig, aber nicht entmuthigt, ging jetzt Charlotte ihrer Stiefmutter entgegen, bereit ihr einige herzliche Worte zu sagen; aber Frau Henriot warf ihr einen eiS, kalten Blick zu und rief auS: „Ach, Sie sind eS Fräulein, und noch in großer Toilette I Legen Sie das doch schnell ab und helfen sie Gertruden den Tisch decken." Die Tochter gehorchte ohne Widerrede, ohne Murren; denn an diesem Tage fing ja die Uebung aller Tugenden an, die sie auS dem Herzen des Heilandes schöpfte; von nun an sollte ihre Seele wie eine zu Boden getretene Blume den köstlichsten Wohlgeruch der seltensten Tugenden um sich her verbreiten. VI. Das Innere der Familie. zzz Zi^H^ gkizA, N^öÄ ^ ^il /I^'r!l'k! tf>!iil >n.'kl III/I^ Iil,//5l»n< n>>>ikk? Es war Abend; die Familie Henriot war in dem kleinen Saale vereint, der hinter dem Laden lag. Der Vater saß an einem von einer Carcel-Lampe hell erleuchteten Tische; er durchsah Handlungsbücher, und je mehr Seiten er darin nachschlug, desto sorgenvoller wurde seine Stirn. Da er vergnügungssüchtig und oberflächlich war, so belästigten ihn seine Pflichten, und mit dem Verluste seiner ersten Gaiiin hatte er auch die ihm gleiche Gehilfin verloren, deren sanfter Beistand ihm die Arbeit lieb und leicht gemacht hatte. Frau Henriot saß an der andern Seite des KaminS; ihre ausgesuchte Toilette zeigte, daß sie Ansprüche mache, welche die Zeit noch nicht geschwächt halte; nach zwölf Jahren war sie noch dieselbe kokette und harte Frau, nachsichtig gegen sich selbst und unbeugsam gegen Andere; ihr ganzes Leben zeugte von der Wahrheit des Spruches von la Bruyere: „Weichlichkeit gegen sich und Strenge gegen Andere sind ein und dasselbe Laster." — Ohne sich um die traurige Miene ihres Gatten zu kümmern, laS sie einen Roman und vergoß Thränen über das Unglück einer eingebildeten Heldin. Ihre Tochter Felicie, vor einem Ciavier sitzend, versuchte die Begleitung einer Romanze, während Julian, der Bruder, unter dem Vorwande, zu studiren, die Carri- caturen seiner Lehrer auf die Ränder eines Schulbuches zeichnete. Am andern Ende deS Tisches, fern vom Feuer, so wie vom Lichte, nähete Charlotte Leinenzeug und heftete von Zeit zu Zeit unruhig forschend das Auge auf die düstern Züge deS VaterS. Sie war jetzt achtzehn Jahre alt. AlleS, waS ihre harmlose Kindheit auf den Knieen der Mutter versprochen, Alles, was ihre geprüfte frühe Jugendzeit unter der Herrschast einer gegen sie eingenommenen Familie angekündigt, hatte Charlotte gehalten. DaS Feuer dcS Unglücks hatte ihre Seele geläutert und die Leiden, welche gemeine Herzen selbstsüchtig und hart machen, hatten in das ihrige eine unerschöpfliche Quelle von L>ebe, Milleid und edlen Gefühlen gegossen. Da sie bis zur Aengstlichkeit wahr, sanft, nachsichtig ohne Schwäche, geduldig bis zur Ermüdung ihrer Verfolger war, so hatte sie durch dieß Alles den Ihrigen unwillkürliche Ehrfurcht eingeflößt. Ihre Stiefmutter haßte sie noch stets, ja, wohl noch mehr, als früher, wegen der Achtung, die Charlotte ihr einflößte, aber sie durfte dieses Gefühl nicht mehr öffentlich zeigen. Zuweilen suchte der Vater ihren Rath nach, war aber gewöhnlich zu schwach, denselben zu befolgen; denn dieser war immer fest und edelmüthig. Julian liebte seine ältere Schwester, die so oft seine leichtsinnigen Streiche wieder gut machte; Felicie hingegen hatte von ihrer Mutter gelernt, Charlotte zu verabscheuen aus dem Grunde deS Frau Henriot immer gegenwärtigen AuSsprucheS: „Sie wird 30,000 FrcS. besitzen, und meine Kinder werden nichts haben." Mit geduldiger und engelgleicher Sanftmuth ertrug Charlotte die heimlichen Kränkungen und die stummen Uugerechtigkeiten, wodurch sie fast erdrückt wurde; Gott allein war der Vertraute ihres Kummers; vor der Welt hatte sie nur Worte deS Friedens und der Versöhnung für Diejenigen, durch welche sie litt. Jenen Abend gesellte sich zu ihren gewöhnlichen Leiden eine lebhafte Sorge für das Schicksal ihres Vaters; sie ahnte irgend ein trauriges Ereigniß und fürchtete dieß mehr für Andere, als für sich. Es herrschte große Slille, durch Verdrießlichkeit und Traurigkeit hervorgerufen; endlich rief Henriot auS: „Niemals werde ich die beiden Enden dieses JahreS zusammenknüpfen I Die Einnahme vermindert und die Ausgabe vermehrt sich." „Nun, und dann?" fragte Melanie mit Bitterkeit. „Nachher, Madame? — — der Bankrott I Wir sind auf dem breiten Wege zum Hospital." — „Großer Gott!" rief Charlotte auS. „Ach, das Fräulein fürchtet, unser Elend zu theilen; sie seufzt im Voraus darüber! --Vergiß jedoch nicht, Charlotte, daß deine Ellern, deine Geschwister nichts--tröste dich — sie werden auf Stroh schlafen, und du aus Federn---" „Liebe Mutter," erwiderte die Stieftochter ruhig, „ich habe diesen Verdacht nicht verdient; aber eS ist wahr, die Zukunft, welche ich vorhersehe, erfüllt mich mit Schmerz. Hat der Vater denn keine Aussichten auf Hilfe mehr?" „Für einen mehr oder weniger entfernten Fall weiß ich keine--" Charlotte war aufgestanden; eine schwache Röche färbte ihr sanftes und blasseS Gesicht: „Könnte eine gänzliche Aenderung unserer gewohnten Lebensweise uns nicht retten?" fragte sie. „Wie verstehst du daS?" „Erlaube, lieber Vater, daß ich mich erkläre: Du sagst, daß unser Handel wenig blühe und unsere Ausgaben die Einnahme übersteigen; könnten wir da nicht ein Gleichgewicht hervorbringen?" „Das Fräulein schlägt Einschränkungen vor; sie würde ohne Zweifel die Letzte seyn, sich in dieselben zu sügen." „Nein, liebe Mutter; denn wenn der Vater mich hören wollte, so würde er seine beiden Gehilfen im Comptoir verabschieden und mir erlauben, den einen zu ersetzen; ebenfalls würde er nur eine Magd halten; und ich würde mich bemühen, die Obliegenheiten der fehlenden zu erfüllen; unsern Tisch würde ich vereinfachen und endlich mir gestatten, die durch meinen Vormund mir für meine Toilette und meine Annehmlichkeilen zugestandene Pension zur Erziehung für die Geschwister zu verwenden. Diese Aenderungen, meine ich, müßten unsere Lage verbessern und das allge- meine Vertrauen würde einer Familie zugewendet werden, die der Ehre und Achtung einige Opfer zu bringen weiß." Charlottens Augen wurden belebt, während sie sprach; man las in ihnen alle edlen und großen Gefühle, von denen ihre Seele erfüllt war, und die Ihrigen ganz stille geworden, schienen die Autorität dieser Stimme zu fühlen, die gewöhnlich so beschnren und demüthig klang, sich aber im Namen der Tugend und Ehre laut erheben konnte. „Charlotte hat Recht," sagte endlich Henriot. Dieses Wort erweckte in seiner Frau den Geist deS spruches, wovon sie einen so großen Theil empfangen hatte „Charlotte hat Recht! Wie erkenne ich dich darin!" rief sie. „Der Vorschlag eines KindeS verwirrt deine Sinne, und um ihr zu gehorchen, bist du bereit, unsere Armuth an den Straßenecken zu veröffentlichen I Ist daS denn daS Mittel, daS öffentliche Vertrauen wieder zu gewinnen, wenn wir allen Menschen unsere bedrängte Lage bekannt machen? Verblenden, täuschen, daS ist das große Mittel, unsern Credit zu sichern; und was auch deine Meinung sey, ich erkläre hiermit: ich werde nicht zugeben, daß Charlotte die Ungeschickte und Dumme im Comptoir spielt; ihre Dienste im Hause will ich ebenfalls nichts auch mag ich nichts davon hören, daß meine Kinder auf ihre Kosten erzogen werden sollen, und endlich sehe ich nicht, wie man unsern Tisch vereinfachen könnte--" „Dennoch ... ." "Weder ob,'noch aber, noch dennoch! Ich habe mein letztes Wort gesprochen." „Ein unvermeidlicher Fall____—« „Nun wohlan! der Vorschlag Charlottens, uns als Bettler zu schildern, wird uns an den Bettelstab bringen! —--" , - /^"i.nn'in „Einige Einschränkungen „In Schwefelhölzern.---Sprich mir nicht mehr von solchen Ungereimtheiten." „Vater," rief Charlotte, auf's Aeußerfte getrieben, „verzeih, wenn ich auf meiner Bitte verharre; glaube mir, nur da ist Heil für uns, die einzige Rettung! Ich beschwöre dich, entziehe dich nicht diesen leichten Opfern, die, wenn auch nicht unser Vermögen, doch unsere Ehre retten werden!" „Aber wirklich, mein Kind, eS ist sehr hart____« „Ach, lieber Vater, härter wird eS seyn, unsern guten Ruf zu verlieren und Niemanden Mitleid einzuflößen.... Das wird daraus erfolgen.... Wenn unsere Opfer und Bemühungen wenigstens die rechtlichen Leute zu unsern Gunsten stimmen . . . . Verzeih', daß ich nickt nachlasse; noch EinS: eS handelt sich um unser Geschäft, das vom Vater meiner Mutter auf uns übertragen ist---" „Das ist mehr, als ich zu hören vermag," rief Frau Henriot wüthend aus; „ich trete zurück vor den schönen Phrasen des Fräuleins! —" „Ach, Mutter, verschließe dich nicht meinen Bitten; um die Zukunft meiner Geschwister handelt eS sich----" Sie sprach vergebens; die Stiefmutter hatte das Zimmer verlassen und die Thür heftig zugeworfen. Ihr schmacher Mann eilte ihr nach, und die untröstliche Charlotte sah daS Unglück ihrer Eltern unvermeidlich. (Fortsetzung folgt.) -WA Ilzii!^? -üliiiik.'H ".n?hü? uz n-6!/j'>iZ lil chkf iimZ -isttiiM .ni^?« Jerusalem. UllI In dem jüngsten Missionöberichte der ehrwürdigen P. P. Franciscaner im heiligen Lande sind folgende zwei Schreiben (hier auS dem Lateinischen übersetzt) enthalten, I. Schreiben deS hochwürdigsten P. Custos vom heiligen Lande an Seine fürstliche Gnaden den hochwürdigsten hochgebornen Herrn 39 Fürst-Erzbischof von Wien. Hochwürdigster, hochgeborner Herr Fürst-Erzbi- schof! Nichts konnte mir erfreulicher, nichts günstiger, nichts beglückender seyn, als die, durch ein Rückschreiben des Wiener-CommissariatS mir zugekommene Nachricht, daß Eure hochfürstliche Gnaden auf daö ehrerbietige Ersuchschreiben des CustodiatS- Discretoriums sich huldvoll entschlossen haben, daS, zum Zeichen der Verehrung und Dankbarkeit für Hochdero übergroße Verdienste unserseits anerbotene Diplom des Ritterordens vom heiligen Grabe unsers Herrn JesuS Christus, anzunehmen, somit in dem Register der Grabeöritler jenen hochherzigen Männern angereiht zu werden, welche sich um daS Grab Jesu vorzüglich verdient gemacht, und denen deßhalb daS heilige Land in hohem Grade verbunden bleibt. In der That, wer ist wohl der Ehre eines Ritters vom heiligen Grabe würdiger, als Eure hochfürstlichen Gnaden, hoch- welche nicht allein die Vorzüge eines wachsamen ProtectorS jenes General-Commissa- riateS, sondern auch die deS liebreichsten Vaters dieser heiligen Custodie ganz besonders auszeichnen? Empfangen daher Eure fürstlichen Gnaden mit angeborner Huld die zwei Diplome, welche ich mir erlaube Hochdenselben unter Einem zu übersenden; EineS nämlich des Ritterordens vom heiligen Grabe, das Andere aber der Confrater- nität in unserm seraphischen Orden und dieser heiligen Missions-Custodie. Für hoch- ihre besondere Herablassung, welche ich in dieser Annahme hochverehre, so wie für alle unS bisher geschenkte Gunst und erwiesenen Wohlthaten geruhen Eure fürstlichen Gnaden meinen und meiner Mitbrüder heißesten Dank huldreich entgegen zu nehmen, denn eine Vergeltung unterfangen wir uns gar nicht zu verheißen: zumal unsere dießfällige Unzulänglichkeit nur zu offenbar am Tage liegt. Indessen geruhen Hoch- dieselben für gewiß zu halten, daß wir auch hinfüro in unserm Gebete und heiligen Meßopfer Euer Hochfürstlichen Gnaden eingedenk, an den heiligen Stätten Jerusalems zu dem Belohner alles Guten flehen, und ihn inständigst bitten werden, er wolle Hochdieseiben lange erhalten, und mit dem Segen deS Himmels erfüllen. Mit beson» derm Dank muß ich erwähnen, wie willkommen und nützlich uns die Unterstützungen waren, welche von dem dortigen Commissariate, dessen huldvoller Protector Eure hvch- fürstlichcn Gnaden sind, in neuester Zeit unS zugeflossen sind. Hochdenselben sind die bcdaurungSwürdigen Verhältnisse Italiens keineswegs unbekannt; Verhältnisse, welche leider unter den Gläubigen jener Länder selbst die Möglichkeit hemmen, zur Linderung unseres Elendes ihr Schärflein wie früher beizutragen, da doch die Bedürfnisse der heiligen Länder sich mit jedem Tage vervielfältigen und derart vermehren, daß uns zu deren Befriedigung die Hilfsmittel unerschwinglich geworden. Ich habe mich bei Gelegenheit der canonischen Visitation überzeugt, daß die meisten unserer Kirchengebäube einer bedeutenden Ausbesserung bedürfen; mehrere derselben aber, wegen allmäliger Zunahme der Gläubigen, eine Erweiterung fordern; einige befinden sich leider in solch' elendem Zustande, daß ich sie den gottesdienstlichen Handlungen augenblicklich geschlossen hätte, wenn mir anders Mittel zu Gebote ständen, anständigere Locale hiezu anzukaufen. Dazu gesellet sich noch der Umstand, daß in mehreren Ortschaften Gotteshäuser von Neuem aufgebaut werden müssen; indem theils mehrere Katholiken sich da ansiedeln, theils Viele zum Katholicismus sich bekehren. Um nicht langweilig zu werden, will ich andere Ucbelstände dieses Missions-TerrainS dießmal gar nicht anführen, da auch solche Hochderselben religiöses und hochedleS Herz ohne Zähren des Schmerzes nicht vernehmen könnte. — Ich schließe daher mit der inständigsten Bitte: Verlassen «Eure fürstlichen Gnaden die heiligen Orte und unsere Missionen nie; sondern lassen Sie uns und unsere Angelegenheiten Hochihrem frommen und edlen Herzen jederzeit anempfohlen seyn. Entschuldigen Hochdieselben diese meine Bitte und leben stets wohl! Euer fürsterzbischöflichen Gnaden demüthigster und dienstwilligster P. Bernardin von Montefranco in. p. CustoS des heiligen Grabes und der gesammten heiligen Länder. ^__ Antwortschreiben des H. H. Fürsterzbischofs von Wien. Hochwürdigster P. CustoS! Von dem Eifer für unsere heilige Religion geleitet, hatte ich nichts sehnlicher gewünscht, als daß eS mir von Oben gegeben werde, Etwas zur 40 Erhaltung und Unterstützung der Custodie des Landes beizutragen, damit an den Orten, wo unser Herr und Heiland, JesuS Christus, den ersten Samen der christlichen Lehre gesäet, und das Heil der Menschen mit seinem kostbaren Blute erworben hat, Gottes Lob so wie das Heil der Menschen von Tag zu Tag mehr befördert werde. ES freuet mich, ja ich zolle Gott dem Allmächtigen den innigsten Dank dafür, daß ich von seiner Gnade unterstützt, das Commissariat für das heilige Land in Wien, welches durch so viele Jahre außer Wirksamkeit gewesen, wieder inS Leben rufen konnte. Jedoch nicht mir, sondern Gott gebührt dafür die Ehre; denn ich weiß nur zu wohl, daß ich hierin ein bloß unwürdiges Werkzeug in seinen Händen war. In Erwägung dessen habe ich das mir angebotene und übersandte Diplom deS Ritterordens vom heiligen Grabe so wie jenes der Confraternität des seraphischen Ordens mit innigstem Dankgefühle angenommen; und da ich der Erleuchtung und Stärkung von oben, vorzüglich in den dermaligen Zeitumständen benölhige, so empfehle ich mich angelegentlichst in die mir verheißenen frommen Gebete am Altare des Herrn. Gleich- zeilig wünsche ich sehnlichst, Sie wollen mich der Liebe und Andacht des hochwürdigsten Herrn Patriarchen, den ich im Geiste küsse und umarme, empfehlen. Gott segne Sie, hochwürdigster Vater, so wie alle Brüder des Ordens des heiligen Fran- ciscuS, und lasse Sie zu Ihrem eigenen und anderer Menschen Heile lange leben. Vincenz Eduarv m. p. Erzbischof. ,NZ!U?Nl llj InkA, U'>»l!tlji!>^ 7!iHli7(l! l"? 7!tl!lZM ÄllU ll!il!IZM NZ?liU(^> .7/>nil Is,muz -lttßjzkin« uz liditt 7l) s. ÄI!U 7107 Mhnr^ü-Iliu hNli,.?jZ7zU 5MZ lMZS ^choH mHung lttffüÄiiL .igsil Ztzi-T Ml- 7v'lll!,fja uz 7UN zi^^ilßiiöliiii.lk z^ill^ßzj^ D-- «.»r- »ek-»-.ng. Folge dem Beispiele deS heiligen Paulus, ivenn du dich wahrhaft bekehren willst. Folge, frage, thue, wie Er. Den heiligen Paulus traf ein Strahl vom Himmel und er hörte eine Stimme. Wie oft hat der Strahl der Gnade dich getroffen, wie oft hast du die Stimme GotteS gehört! Folge der Gnade, höre die Stimme! Bleib nicht liegen, kehre nicht auf den alten Sündenweg zurück, sondern frage, wie der heilige Paulus: Herr, was willst du, das ich tbun soll? Den Baum erkennt man an seinen Früchten, den Christen an seinen Thaten. Thue, wie der heilige PauluS! Er stand auf, — so stehe auf von deinen Sünden. Bleib nicht müßig stehen, sondern gehe, wohin der Herr dich führt. — Sey blind, wie Paulus, und verschließe deine Augen gegen die Welt und ihre Lust. — Er aß nicht und trank nicht — übe Abtödtung! Er ging in die Straße, welche die gerade heißt, — so verlaß die krummen, schlüpfrigen Straßen deS Lasters und suche die gerade Straße deS Heiles und der Tugend! Nimm den AnaniaS, welchen der Herr dir schickt, gern und willig auf und laß dir von dem Jünger und Diener deS Herrn die Hände auflegen, damit du wieder sehend, von deinen Sünden befreit und mit dem heiligen Geiste erfüllet werdest, das heißt kurz, beichte mit demüthigem, reu- müthigem Herzen aufrichtig deine Sünden und eS wird wie Schuppen von deinen Augen fallen. Und dann nimm, wie der heilige Paulus, Speise zu dir, daS heißt jene himmlische Lebensspeise, welche in der heiligen Comm union dir dargereicht wird, — und siehe, du wirst wieder zu Kräften kommen und wie der große Wellapostel, siegreich bestehen gegen Welt, Fleisch und Teufel. WaS du gelesen hast, das thue, und du wirst glücklich seyn für Zeit und Ewigkeit. Der heilige Paulus ist wunderbar bekehrt; er ist aber auch zugleich das vollständige Vorbild jeder wahren Bekehrung geworden. 5 ^ / 0 k, !l,"^lL U»« n ia77)I! 7!» T P 7')5s-l!-I