Zwölfter Jahrgang. Sonntags.Beiblatt zjl -!lUM)L> i,.!^ -tnr^ jiüH läi ,,ZÄsittoÄ Angsburger PojWtung. „gi^udlvlckuoH ,1? N^-.A s, t^l^is i>!^ tt^j»j,l^^ s?kn/.w !l,-I^f<»6^ 7>NÄIl!dK mnöl I!» /z.-'! N7MMv?!M7M7^.ivsn» m K>ii »i^ ^S7»tcG 8. Februar «. 185S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementsprei« 40 kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogm werden kann. Charlotte Henriot, oder Ergebung und Aufopferung. Ill^Dl^M ^ch>»Z1k!l ,Ä!l0(N?Ulö 1Z!Z!i7G MI Ig^ll ^PliI7>Z<Ä »ittbtz dl^l,, " Il-^iuib^ hzMrWwS'l,^>! Nü-^i. t»-"^,i - u. VII. Mißgeschick. Ein Jahr war vorüber gegangen; einige Gruppen von Müßiggängern, in der Straße der Franciscaner stillstehend, besahen mit boshafter Neugier daS HauS Hen- riol's, das trotz der ziemlich späten Stunde sich noch nicht öffnete, um seine Waaren vor den Käufern auszubreiten. „WaS geht denn hier vor?" fragte der Eine. „Wenn es kein Unglück ist, so sind eS wenigstens Wechsel-Proteste. Gestern hat mein Neffe, der Gerichtsbote, deren drei an Henriot übergeben--" „Aber--sie sind mir Geld schuldig," sagte ein Hinzukommender; „laß sehen, ich will klingeln, damit ich weiß, was das bedeutet." DaS Räthsel löste sich nur zu bald der ganzen Stadt: Mit Schulden bedeckt, ohne Credit und Hoffnung auf Rettung, hatte Henriot Abbeville verlassen und hinterließ Haus und Waaren seinen Gläubigern. Vor der Abreise hatte er seiner Frau einen Brief voll bitterer, überflüssiger Vorwürfe geschrieben, und durchaus den Ort nicht angegeben, wohin zu gehen er gedachte. Dieser Brief wurde durch die Magd Mclanien überbracht, als sie eben aufstehen wollte. Sie laS ihn, und voller Zorn und Schrecken brach sie in Weinen und Wehklagen aus. Ihre Kinder liefen herbei, Charlotte folgte ihnen auf dem Fuße. Sie entnahm sogleich aus den einzeln auS- gestoßenen Worten der Stiefmutter die traurige Begebenheit, und obgleich ihre Klugheit Alles vorausgesehen, erleichterte sie durch das stolze Wort: „Ich habe eS Euch wohl gesagt," niesen Trost eigensüchtiger Herzen, nicht ihren Schmerz. Aber mitten im größten Leiden, welches durch das Verschwinden ihres Vaters, die verlorene Ehre und den auf der Schwelle des Hauses sitzenden Fall sie ergriff, wußte sie die Festigkeit ihres Geistes und die Klarheit ihres Urtheils aufrecht zu erhalten. Mit einigen Liebkosungen und freundlichen Worten die Kinder entfernend, schickte sie die Magd aus der Stube, und setzte sich neben ihre Stiefmutter, welche, der Ueberlegenheit nachgebend, die starke Herzen über schwache ausüben, ausrief: „WaS fangen wir an? Der Kopf schwindelt mir--alle Gläubiger werden sich über uns herwersen.....Ich weiß nicht, waö ich ihnen sagen soll.. . Großer Gott, welche Lagel---" „Willst du mir erlauben, dieselben zu empfangen?" „Gewiß; ohne Zweifel, du bist nicht betroffen, und ich sterbe, wenn ich daran denke -__—" ^ > ' > ^ " ' Und die ehemals so stolze Frau brach in Thränen aus und verlor sich in AuS- brüchen der Verzweiflung. .lMch-k(!liR.42-"tN! 5 mÄ. Charlotte zitterte: der Gedanke, sich den erzürnten Gläubigern zu zeigen, war ihr unaussprechlich peinlich; aber im Stillen erhob sie ihre Seele zu Gott; sie bat ihren erhabenen Beschützer um Kraft, und fühlte sich von jener Demuth beseelt, die große Dinge zu thun fähig ist. Die HauSklingel ertönte bald wieder, ihr Herz antwortete darauf mit unwillkürlichem Pochen. Die Magd trat ein und sagte: »Drei Herren warten im Salon." Frau Henriot warf Charlotten einen Blick der Verzweiflung zu, und diese, blaß, aber entschlossen, begab sich zu den Besuchenden. Sie erkannte dieselben auf der Stelle; eS waren die Hauptgläubiger ihres VaterS, die sich in einem gemeinschaftlichen Gange zu ihrem Schuldner begeben hatten. Charlotte begrüßte die Herren mit einer Schüchternheit, welche noch durch den harten und düstern Ausdruck der Züge der vor ihr Stehenden sich verstärkte. Der Aelteste nahm daS Wort und sagte: „Aufrichtig gesagt, sind Sie eS nicht, mein Fräulein, mit der wir ein Geschäft abzumachen haben; Herr Henriot?" Sie reichte ihm daS von ihrem Vater an seine Gläubiger gerichtete Blatt, durch welches er ihnen seine Waaren und Möbel zu lassen erklärte. Herr Richard zog die Augenbrauen zusammen, gab daS Schreiben einem seiner College», und sagte in rauhem Tone: „Die ganze Geschichte liegt im Graben! Großer Aufwand, närrische Ausgaben I Der Schein eines großen Herrn und Werke eines Schurken .. . ." „Verschonen Sie uns, mein Herr! — —" „Aber, mein Fräulein, wie wollen Sie, daß ich dieses Benehmen auslege?" „Mein Vater hat unvorsichtig seyn können; aber er ist ehrlich, und läßt Ihnen Alles, was er besitzt." „Wer versichert uns dessen? .... Indessen, werden wir nicht bezahlt, so rächen Wir uns wenigstens, und auf der Stelle gehen wir jetzt an daS Handelsgericht, Henriot als sallit erklären zu lassen!" Dieses Wort ertönte in Charlotte wie Todtengeläute. Sie rang die Hände und rief aus: „Ich beschwöre Sie, mein Herr, verschonen Sie unS! Heften Sie diese Beschimpfung nicht an unsern Namen, an den meiner noch so jungen Geschwister. — --Seyn Sie gut, großmüthig; Alles, was wir besitzen, soll Ihren Händen übergeben werden, wir wollen arbeiten, um unsere Schuld abzutragen; ach ich flehe, erhören Sie mich!...." „Thut mir sehr leid, Ihnen nicht willfahren zu können, Fräulein: allein Sie verlangen etwas Unmögliches; wir müssen zu unserm Recht und unserer Ordnung kommen, und dann verdient der böse Streich, den uns Henriot gespielt, wohl ein solches Verfahren." „Aber, meine Herren," sagte Charlotte, in der plötzlich ein neuer Gedanke aufstieg: „wenn man Ihnen anböte, die Schulden auszugleichen, und so die Unterschrift meines Vaters frei zu machen?" „Wenn Sie Jemanden finden, der dazu gefällig genug wäre, so bin ich Ihr gehorsamer Diener." „Ich weiß es nicht.... ich hoffe .... Wollten Sie mir einige Stunden Aufschub noch geben?" Herr Richard besprach sich mit seinen Begleitern und sagte: „Aus Achtung gegen Sie, mein Fräulein, wollen wir bis diesen Abend um fünf Uhr noch warten; keine Gnade aber mehr, wenn diese Zeit vorüber ist!" VIII. Eine Minderjährige. Gleich nach dieser peinlichen Unterhaltung begab sich Charlotte, von ihrer Magd begleitet, zu ihrem Vormunde, Herrn Ravin, den sie allein fand und dem sie in Kürze das ihrer Familie zugestoßene Unglück erzählte. Er hörte sie stillschweigend an und sagte endlich: „Nun, liebes Fräulein, was gedenken Sie zu thun?« 43 „Mein Herr, ich besitze eine gewisse Summe als Erbtheil meiner Mutter —" „Ohne Zweifel, 30,000 schöne Franken, erheblich vermehrt und gut angelegt; ich rühme mich dessen." „Ich komme, um sie von Ihnen zu begehren." „Sie begehren!" rief der Vormund und sprang von seinem Sitze auf; „und um waS damit zu machen?" „Um sie den Gläubigern zu geben, so die Unterschrift meines Vaters auszulösen und ihm möglich zu machen, zu seinem Geschäfte zurückzukehren." Bei dieser Antwort, so bescheiden von Charlotte vorgebracht, sah Herr Ravin sie an, als wenn er an der Richtigkeit ihres Verstandes zweifle, und sagte dann: „Aber Sie träumen wirklich, mein Kind! Sich ganz zu entblößen!—" „Ach, mein Herr, nie werde ich ein besseres Geschäft machen!" „Und für wen? Für eine Familie... Hm, ich kenne mich darauf. Mehr als . einmal habe ich Henriot gesagt, waS ich über seine Frau dachte; aber eS war ein schwacher Mann — — —" „Schonen Sie mich, ich könnte nichts mehr hören--geben Sie mir eine Antwort---" „Wie, wegen deS Geldes? Es ist eine Thorheit! Ueberdieß kann eine Minderjährige nicht über ihr Vermögen verfügen; sie kann weder verkaufen, noch kaufen, noch schenken." „Sie weigern sich also? Die Ehre meines Vaters--?" „Ich bin eS nicht, der verweigert, sondern daS Gesetz. Hier sind die AuSsprüche." Charlotte durchlaS dieselben und sah, daß sie nichts erlangen könne. Sie grüßte ihren Vormund, der ihr sagte: „Sie werden jetzt Ihre Familie verlassen; wir wollen Ihre Pension bis zu Ihrer Großjährigkeit in einem Kloster Ihnen auszahlen, und dort werden Sie ein recht ruhiges Leben führen, so ganz nach Ihrem Geschmacke." „Mein Herr," antwortete Charlotte mit sanfter Stimme, „zwingen Sie mich nicht, Ihnen ungehorsam zu werden; lassen Sie mich, wo ich bin, und glauben Sie mir: ich fühle mich da wohl!" Sie grüßte ihn wiederholt, und ihn verlassend, schlug sie den Weg zu Herrn Richard ein. Der reiche Kaufmann war allein; er empfing Charlotte mit finsterer Höflichkeit, in der seine Unzufriedenheit mit dem Vater und die unwillkürliche Achtung, welche ihm dessen Tochter einflößte, sich gegenseitig stritten. Gleich auf ihren Zweck zugehend, legte sie ihm ihre Lage klar dar, ihren heißen Wunsch, den Namen ihres VaierS vor Schande zu retten, ihren vergeblichen Gang zum Vormunde, den Schmerz, den sie darüber empfand; sie sprach Alles mit unvergleichlicher Wahrheit und Offenheit und schloß ihren Vortrag mit den Worten: „Wenn Sie, mein Herr, mir eine Bitte erfüllen und sich mit mir verständigen wollen, so gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich am Tage meiner Großjährigkeit die mir gehörende Summe Ihren Händen übergeben werde, die zur Genüge unsere Schulden decken wird. Sie haben keine andere Garantie, als mein Versprechen; genügt Ihnen dieses?" DaS Herz des alten Herrn Richard war durch sein Geschäft und durch den Umgang mit den Menschen etwas erkältet; aber unter dieser äußern Kälte und Härte schlugen Saiten an für'S Schöne und Gute. Er blickte Charlotte an und verstand sie ganz: „Ja, mein Fräulein," erwiderte er mit Ehrfurcht, „Ihr redliches Versprechen genügt mir, und ich hoffe, eS wird eben so den andern Betheiligten genug seyn. Ich werde ihnen selbst Ihre Vorschläge mittheilen und glaube, daß sie angenommen werden." „Ach, mein Herr, wie gut sind Sie!--Also die Ehre meines VaterS....?" „Wird gerettet seyn; Alles wird auf freundschaftlichem Wege beigelegt werden; aber Sie, mein Fräulein, sind dann ruinirt; ich muß gestehen, daß dieser Gedanke mich fast Ihr Anerbieten ablehnen macht." 44 „O, weigern Sie sich nicht, und glauben Sie, daß der Augenblick, wo ich Sie befriedigen kann, der schönste meines LebcnS seyn wird. Leben Sie wohl, mein Herr, und seyen Sie meiner ewigen Dankbarkeit versichert!" Der Kaufmann gab ihr daS Geleite, und als er sie weggehen sah, murmelte er vor sich hin: „ES ist seltsam, eine Seele glücklicher durch Opfer, als andere durch Genuß,--es ist vielleicht eine Thorheit, aber sie hat mich überwältigt!"--- Voller Freude eilte Charlotte, ehe sie nach Hause ging, Golt zu danken: ihr Herz floß über; sie goß eS zu den Füßen deö HeiligthumS aus und empfand jene überschwenglichen Tröstungen, die unS in diesen Worten verheißen sind: „Gebet, und es wird Euch gegeben werden, Ihr werdet ein gerütteltes, überfließendes Maaß empfangen; denn man wird Euch mit demselben Maaße ausmessen, mit dem Ihr Andern eingemessen." IX. Veränderte Lage. Wenige Tage nachher bereitete sich die Familie Henriot dazu, daS HauS zu verlassen, welches einem andern Kaufmanne schon vermiethet war; sie trennte sich von allen ihren Möbeln, die jetzt andere Eigenthümer hatten, und bezog arm unv entblößt von Allem eine kleine Wohnung am Ende der Stadt. Mit der tiefen Herzens- wehmuth, die den das Vaterland verlassenden Auswanderer ergreift, sagte auch Charlotte dem alten väterlichen Hause Lebewohl, diesem Hause, in welchem sie geboren, ihre Mutter gestorben war, worin sie gelebt und gelitten hatte, und das sie selbst dieser Leiden wegen liebte; denn das menschliche Herz kettet sich an'S Leben weit mehr durch Elend als durch Wohlergehen, Ihr so festes Herz brach, als sie sich von der Stätte losreißen sollte, die mit allen Erinnerungen ihres Daseyns verwebt war, und nur der Ruf der Pflicht machte sie stark, als sie mit Mutter und Geschwistern die kleine Wohnung betrat, welche von jetzt an die ihrige seyn sollte. Melanie, ganz zerrüttet durch den Schlag, der sie getroffen, überließ sich völlig der Führung ihrer Stieftochter; nicht daß sie dieselbe wegen ihrer Ausopferung geliebt oder wegen ihrer Handlungen geehrt hätte, sondern weil sie unfähig zum Handeln war, weil ihr Stolz gebrochen, ihre Heftigkeit geschwächt und ihre ganze Seele durch die Bande des Unglücks überwältigt war. Charlotte konnte also ihre neue Lebensweise eintheilen und ordnen. Sie hatte keine andere Hilfsquelle, als die aus ihrem Vermögen ihr zugetheilte kleine Rente und den Erlös des Verkaufs einiger Kleinodien, deren Gold und Edelsteine in einige einfache, der neuen Lage entsprechende Möbel verwandelt wurden. Nach diesen Ankäufen blieb nur eine kleine Summe übrig. Charlotte suchte Arbeit und erhielt sie, aber solche Frauenarbeit, deren Erlös für ihre Bedürfnisse nicht zureichend war, die sie jedoch als ein köstliches Geschenk des Himmels mit Dank annahm. Sie zog Felicie und selbst deren Mutter zur Arbeit, die indeß Beide in Stumpfsinn und Erschlaffung verfallen waren. Julian, dessen große Jugend Herrn Richard's Interesse ans sich gezogen, wurde von diesem in dessen Bureaur gebraucht, und sah auf solche Weise eine durch Arbeit geschaffene Zukunft sich vor ihm öffnen. Unsere Charlotte fand sich bald in ihr Leben der Entbehrungen, der Arbeiten uud Opfer, ohne mit dem Geschick zu hadern, mit dem Unglück zu unterhandeln, ohne es um einigen Aufschub, einige Vergessenheit zu bitten. Sie arbeitete mit Eifer unv Ausdauer nicht allein an Näharbeiten, die man ihr anvertraut, sondern auch an einigen Avministrationsschreibcn, um die sie muthig bat. Ihre beiden Gefährtinnen halfen ihr kaum, und sie allein besaß die Kraft, die Last einer Lebensweise zu ertragen, die beständig mit denselben Obliegenheiten verbunden war. Felicie, ein unbedachtsameS und leichtsinniges Kind, ging von einem Thränenstrome zum heitersten Lachen über, war ihrer Schwester eine nur sehr unzureichende Hilfe, und verstand so hohe und edle Aufopferung nicht. Melanie, die ganz zusammensank, arbeitete wenig und schlecht, erzürnte sich über ihr Geschick, über ihre Kinder, brach in bittere Klagen aus beim Anblick deS frugalen Mittags- und noch einfachern Abendessens, daS Charlotte mit vieler Sorgfall und Reinlichkeit, der letzten Koketterie der Armuth, auftischte; sie verletzte ihre sie ^ ' .ZMm^>u>!M?'5'nnslV»lM ^ 45 besuchenden Freunde durch rauhe Worte, erzürnte sich über die, welche nicht erschienen, unv so verflossen ihre Tage abwechselnd im Zustande der Aufgeregtheit, oder in einer Erschlaffung, welche ihre Seele verwirrten und ihre Gesundheit zerstörten. Diesen Zuständen hielt Charlotte nur den Schild einer unerschöpflichen Geduld und Güte entgegen, die durch alle Zurückstoßuug nicht zu ermüden war Am ersten aufgestanden, bereitete sie das Frühstück ihrer Mutter und verbesserte cS oft auf Kosten deS ihrigen; dann weckre sie ihre Geschwister, betete das Morgengebet mit ihnen, und war dann daS Haus besorgt, so entschlüpfte sie einen Augenblick, um zu den Füßen des Trösters Aller für den Tag Kräfte zu schöpfen, wohnte dem heiligen Opfer bei, und wenn sie dann am heiligen Tische Ihn empfing, der sich für Seine Brüder dar- gcgeben, so fühlte sie das Feuer der göttlichen Liebe in ihrem Herzen brennen, und kehrte gestärkter und heiterer zu ihren trockenen Beschäftigungen zurück. Der ganze Morgen war außer einigen häuslichen Beschäftigungen der Arbeit gewidmet, und wurde oft durch die Ausbriiche der heftigsten Launen Melaniens gestört. Nach dem kurzen, traurigen und stummen Mahle ging sie einen Moment auf ihr Zimmer, setzte sich zum rebenbekränzten Fenster und öffnete dort die tröstende „Nachahmung Christi." Diese wohlthuende Lectüre war für ihre Seele, was eine Rascnbank im Schalten deS Waldes und am Ufer des BacheS für den erschöpften Wanderer ist. Aber die monotone Nähnadel erwartete sie--- Nach dem Abendessen zog sie sich ebenfalls auf ihr Stübchen zurück, und beschäftigte sich dort bis zu später Stunde mit ihren Verwaltnngscopien; daS Abendgebet am Fuße eines MuttergottesbildeS schloß den Tag, der, von der verschlingenden Zeit vergessen, für die Ewigkeit aufgezeichnet wurde; denn jede Stunde hatte ihre Frucht getragen, die der Geduld, des Muthes, der Güte und Selbstverläug- nung. Eine große Zahl Tage verfloß ganz einander gleich, alö ein neues Unglück sich ereignete. (Fortsetzung folgt.) Die Mission in Mainz. Mainz, 15. Jan. Am Sonntag den 11. Januar in der Frühe um fünf Uhr ist die Mission im Dome dahicr, und an demselben Tage um 8'/z Uhr in St. Emmeran eröffnet worden. Wir ließen absichtlich einige Tage ablaufen, ehe wir unsern auswärtigen Lesern von diesem Ereignisse und seinem Verlaufe eine Nachricht geben wollten. Mit Recht nennen wir die Mission ein Ereignis;, sie ist es, und zwar nicht bloß ein religiöses, sondern auch ein sociales, so gewiß als die menschliche Gesellschaft auf der sittlichen und die Sittlichkeit auf der religiösen Grundlage beruht. Das waren die zwei verhängnisvollen Grundirrthümer der modernen Welt, daß man wähnte, ober doch so handelte, als ob die menschliche Gesellschaft lediglich auf politischen, polizeilichen und materiellen, nicht aber auf sittlichen, ja ganz und gar auf sittlichen Grundlagen beruhe, — und der andere Irrthum ist an Verderblichkeir diesem gleich, daß man wähnte, man könnte eine ausreichende, ächte, lebendige und lebensfähige Sittlichkeit im Einzelleben, in der Familie unv im öffentlichen Leben anf eine trockene und unsichere philosophische Moral, man könne sie überhaupt auf eine andere Grundlage stützen, als anf eine lebendige positive Religion, mit andern Worten auf das lebendige, positive Christenthum, wie eS — wohlgemerkt — nicht etwa erst zu schaffen, sondern wie es im Volke, weil von Ureltern ererbt, weil mit der Muttermilch eingesogen, weil in alle Lebcnsverhältnisse verschlungen, als Thatsache vorhanden ist. Mag es noch Leute geben, die, der abgestandenen und Bankerott gewordenen Weisheit des 18ten Jahrhunderts huldigend, diese Wahrheiten nicht hören wollen, — es ist gewiß, daß alle Staaten und die Gesellschaft zu Grunde gehen, wenn und wo dieselben nicht anerkannt uuo zur praktischen Geltung gebracht werden. Die Missionen aber sind thatsächlich daS Mittel, um jene tiefste Grundlage aller Sittlichkeit und aller socialen Tugenden, das lebendige und praktische Christenthum kräftig herzustellen. Denn auch das ist eine Thatsache, daß durch den Zusam- 46 menfluß vieler Ursachen und zuletzt noch in dem tollen Treiben der letzten Jahre, wo aller moralische Unrath aufgewühlt auf die Oberfläche des Lebens trat, jene religiöse Grundlage vielfach erschüttert und gleichsam wie mit Trümmer und Schlamm bedeckt wurde. Das geschah in hohem Grade auch in Mainz, dieser Stadt, welche durch ihre Geschichte und ihren ganzen Charakter eine vorzugsweise katholische Stadt ist, so daß sie wohl zu Grunde gerichtet, aber nimmer ihr ein anderer Charakter auf- gezwnngen werden kann; für sie ist also die Mission, diese großartige religiöse LebenS- erneuening in der That von jedem Standpuncte, der nicht jener der Zerstörung selbst ist, als ein höchst wichtiges und heilbringendts Ereigniß zu betrachten. Wir wollten nun einige Tage warten, um ein einigermaßen sicheres Urtheil, wenn auch nur ein vorläufiges, über die Wirksamkeit der Mission uns zu bilden, und können wir nun sagen: eS scheint gewiß, daß die Mission in einer sehr großartigen und fruchtbaren Weise verlaufen wird. Man komme um fünf Uhr des Morgens in den Dom, und seine weiten Räume sind dicht gedrängt voller Menschen, und wohl mehr als die Hälfte derselben mögen Männer seyn; man gehe hierauf 3'/» Uhr nach St. Emmeran, AUeS ist gedrängt voll Menschen; und eben so findet man es wieder um 2 Uhr Nachmittags in St. Emmeran, um 4 Uhr im Dome, Abends 6 Uhr in St. Emmeran und um 8 Uhr im Dome; in dieser Stunde wächst die Menschenmenge inS Ungeheure, wohl an die 8—10,000 mögen sich hier zusammendrängen. Das ist die Eine Thatsache; die andere ist, daß die Frequenz stets zunimmt, in sehr merklicher Progression; wie ein Magnet zieht die Mission an, in weitern und immer weitern Kreisen. Die dritte Thatsache ist, es findet keine, nicht die mindeste Störung statt, ja kaum hört man da und dort eine alberne Aeußerung, — vor nicht langer Zeit ist daS bekanntlich ganz anders gewesen. Eine vierte Beobachtung, die sich Jedem aufdrängt, ist die Art und Weise, wie die Predigten gehört werden. Da ist diese unermeßliche Menge und wo man hinsieht, bemerkt man fast nur ernste, gesammelte Mienen; da ist diese unermeßliche Menge, und eS herrscht die tiefste Stille schon vor dem Beginne der Predigten; auch die Menschenströme zu der Kirche, auS der Kirche bewegen sich in merklicher Ruhe und Stille; während der Predigten aber kann man öfters eine Stille bemerken, die fast einen größern Eindruck macht, als das Wort des Redners, die sie hervorrief. Auch jene tiefe Rührung, die in Thränen sich kundgibt, welche nicht durch sinnliche Motive, sondern durch erhabene Wahrheiten und tief innerliche Gemüthsbewegungen verursacht werden, zeigt sich öfters. Unter den Missionären sind freilich mehrere, die Alles besitzen, was den Redner ausmacht und man ist ihrer Bewunderung voll; aber dennoch schiene eS unS sehr irrig, ihren rednerischen Mitteln jene Erscheinungen zuzuschreiben; der Grund liegt vielmehr in der Kraft der christlichen Wahrheiten selbst, von denen eS unS nicht wundern kann, daß sie da, wo sie auf einmal, gleichsam wie die Sonne aus dichten Nebeln, mit concentrirter Stärke und mit vereinigten Strahlen hervorbrechen, ihren Einfluß auf ein Volk üben, daS seiner innersten Wesenheit nach christlich ist, aber durch schlimme Zeitverhältnisse in einen Zustand religiösen Zerfalles gekommen, der ihm selbst lästig ist und aus dem heraus eö sich unbewußt nach einem Zustande deS innern Friedens sehnt, den die Mission ihm nahe bringt. (Mainzer I.) Paris. Paris, 25. Jan. Heute feiern wir in unserer Psarre (St. Nicolas du Chardon- nct) daS Fest der Geistlichkeit. Mit diesem Feste hat eS folgende Bewandtniß. Jede unserer Pfarren hat sich einen bestimmten Heiligen als Patron ihrer Geistlichkeit gewählt und zwar einen solchen Heiligen, der eine gewisse Beziehung zum geistlichen Stande hat und ikm als Vorbild dienen kann. So findet man unter Andern als Patrone: den heil. Petruö, PauluS, Johannes, Carl BorromäuS, Vincenz von Paul u. s. w. Unsere Pfarre hat den h. Franz von Sales gewählt, dessen Fest auf den künftigen Donnerstag fällt und heute anticipirt wurde. Der heutige Tag ist für unsere Geistlichkeit ein Freudentag; man erinnert sich der Gnade der hl. Priesterweihe, gedenkt freudig des WahlspruchS: „Mein 47 LooS fiel mir auf ein herrliches Theil!" man wünscht sich Glück und gibt sich den Bruder, kuß. WaS der Tauftag und sein Jahrestag jedem Christen ist, nämlich eine feierliche Angelobung, den christlichen Glauben zu bekennen und zu befolgen, so wie eine feierliche Erneuerung der Taufgelübde; waS der Tag der ersten h. Communion und sein JahreStag jedem zur innigsten Gemeinschaft mit dem Gottmenschen zugelassenen Christen ist, nämlich eine Angelobung und jährliche Erneuerung dieses Versprechens, mit Christo vereint zu bleiben, wie die Rebe mit vem Weinstock; was der TrauungStag und sein Jahrgedächtniß den Eheleuten ist, nämlich ein Versprechen und eine wiederholte Erneuerung dieses Versprechens, einen Bund zu bilden, wie ihn Christus mit seiner Kirche bildet — das ist, in besonderer Art, auch der heutige Tag der Geistlichkeit, nämlich eine Belebung und Auffri» schung der mit dem Priesterstand übernommenen Gelübde und Pflichten. Man siebt heute nur die Geistlichen um den Allar; alle Chordienste, die sonst von Chorknaben, Chorsängern u. s. w. ausgeführt werden, werden von Geistlichen bestellt, kurz der ganze geistliche Stand ist den Tag über bei allen Feierlichkeiten um den Altar versammelt und zeigt damit an, daß er einzig dem Dienste des AltarS gewidmet ist. Eine ähnliche Erscheinung finden wir hier am Feste der unschuldigen Kinder, wo nur der Priester am Altare ist, alle übrigen Altar- und Chordienste aber von Chorknaben verrichtet werden. Die Knaben sind die Sänger im Chor und wissen sich ihrer Aufgabe vortrefflich zu entledigen. ES versteht sich von selbst, daß die heutige Festrede ausschließlich an die Geistlichkeit gerichtet ist. — Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, auf ähnliche sinnreiche, im christlichen Boden begründete Feste hinzuweisen, die hier bestehen, aber in Deutschland (so viel mir bekannt ist) sich nicht finden. Es sind deren drei, die gewissermaßen ein Ganzes bilden: das Fest deS h. NicolauS, der h. Katharina und der h. Barbara. Ersteres ist nicht sowohl, wie im katholischen Deutschland und Rußland, ein allgemeines Kinderfest, sondern vielmehr das Fest der Knaben und Jünglinge (Is köte cleg Asr?ons). Das zweite ist das Fest der Jungfrauen; und das letzte das der Verheiratheten, oder vielmehr der Frauen. Wo in Paris diese Feste noch gefeiert werden, beschränken sie sich meist darauf, daß man sich gegenseitig beschenkt und daß der betreffende Theil (Knabe, Jungfrau oder Frau) an dem Tage eine gewisse Herrschaft im Hause und in den Gesellschaften ausübt. Der religiöse Charakter dieser Feste ist in unserer Hauptstadt ganz verloren gegangen, und muß man auf die entlegenen Dörfer gehen, um noch einige Spuren davon wieder zu finden. Dort eröffnet eine kirchliche Feier diese Familienfeste, unv jeder Theilnehmende muß der Kirchenfeier beigewohnt haben. In der Kirche, wie zu Hause, genießt der betreffende Theil einen Vorrang, indem er die vorder» Plätze einnimmt, den Gesang leitet und bei den Ceremonien (so weit eö die kirchliche Sitte erlaubt) sich betheiligt. So werden z. B. am Barbaratage die gesegneten Brode (pains dsaits) von den Frauen ausgetheilt. (WaS — beiläufig bemerkt — den Gebrauch betrifft, gesegnete Brode oder Kuchen an den Hauptfesten auszutheilen, so findet er sich in ganz Frankreich und ist ein offenbares Ueberbleibsel der Ngapen oder LiebeSmahle in der ersten Kirche.) Ferner bringt man der Kirche ein Opfer unv läßt die zu vertheilenden Geschenke nicht selten zuerst segnen. Jene drei Feste, wie sie hier in Paris gefeiert werden, erinnern mehr an die heidnischen Saturnalien, als an christliche Feste. So wahr ist es, daß der christliche Geist nur im Stande ist, eine reine und erhebende Familienfeier zu gründen und zu erhalten. Mit dem Umsichgreifen deS modernen HeidenthumS haben jene Feste ihren Sinn und ihre Bedeutung verloren, sind in Bacchanalien ausgeartet und sind, zum Glück, meist eingegangen, Mit dem wiedererwachenden christlichen Geiste wird eS nicht ausbleiben, daß jene Feste auch wieder aufstehen, denn daS Christenthum soll daS Leben der Menschheit beseelen, seinen Schmerz lindern und seine Freude heiligen, gemäß dem Spruche des Apostels: „Freuet euch, aber freuet euch im Herrn!" Im christlichen Mittelalter hatte jeder Stand, jedes Gewerk, jede Anstalt einen eigenen Schutzpatron, den man besonders verehrte. (M. S. Bl.) Mailand. Die Verwendung der barmherzigen Schwestern im großen Civilspital zu Mailand hat nicht nur auf die Krankenpflege ven wohlthätigsten Einfluß geübt, 48 sondern auch in ökonomischer Hinsicht die erfreulichsten Resultate geliefert. Ohne des UmstandeS weiter zu gedenken, daß die ehrwürdigen Schwestern freiwillig auf den jeder Einzelnen für Kleidung zugewiesenen Jahresbeitrag von 100 Lire verzichteten, hat es sich auch herausgestellt, daß, seitvem sie die Verwaltung der Küche übernahmen, diese nicht nur weit besser bestellt war, sondern daß auch in einem Jahre nur 122 Malter Kohlen gegen den alljährlichen frühern DurchschniuSverbrauch von 344 Malter Kohlen verbrannt wurden. Am Brennöl belief sich der jährliche DurchschuittSve» brauch früher auf 222 Pfund, unter der Leitung ver Schwestern wurden nur 157 Pfund gebraucht; an Brod wurden im laufenden Jahre 259 Pfund erspart; an Blutegeln, die sonst nach einmaliger Verwendung weggeworfen, von den Schwestern aber durch zweckmäßige Behandlung zur wiederholten Verwendung vollkommen geeignet erhalten wurden, sind 173,341 Stück in der Zeit von 4 Jahren und 4 Monaten erspart worden, was einer Geldökonomie von 23,292 Lire gleichkommt:c. !c. So berichtet die Wiener Zeitung. Berlin. Berlin, im Januar. Hengste nberg entwirft in der „evangelischen Kirchenzeitung" ein trauriges Bild von der „kirchlichen Verwahrlosung Berlins." Die meisten Kirchen stehen an Sonntagen leer; in der Marien-, Kloster-, Neuen-, Waisen- hauSkirche predigen die Geistlichen für die leeren Bänke, nur sehr wenige, königlichen Patronats, an welchen „gläubige" Prediger angestellt sind, werden besucht. ES erscheint ihm daher ziemlich gleichgiltig, „ob die neue Kirche in der Georgenparochie vollenvet werde oder nicht — denn leere Kirchen mit ihren leeren Predigern seyen ja doch als geistliche Ruinen zu betrachten; möge die äußere Ruine als Symbol dieses ganzen ruinirlen KirchenwesenS dastehen I" Wir wollen nicht untersuchen, ob bloß der Magistrat, der Patron der meisten Kirchen, wie Hengstenberg meint, die Schulv dieser kirchlichen Verwahrlosung trage; merkwürdig sind aber die Mittel, die er zur Abhilfe solcher Noth vorschlägt. Er räth neue Kirchen zu bauen — aus freiwilligen Beiträgen, unv zwar möge der König, wie einst Daviv, „einen besondern Schatz von Golv und Silber" dazu hergeben; dann meint er, könne es nichts Erwünschteres geben, als wenn römisch-katholischer Eifer sich Berlin recht zum Zielpuncte machte. Er ruft daher auS: „Hätten wir erst sechs Klöster in unserer Stadt, sähen wir auf den Straßen eben so viel Capuciner als Constabler, schlüge die katholische Mission erst ihr Lager hier auf, so dürften wir wohl hoffen, daß viele Schlafende zum Eifer erweckt würden. Wir müssen es bedauern, daß der Piusverein im vorigen Jahre den Plan aufgegeben hat, seine Hauptversammlung in dieser Stadt zu halten. Vielleicht wird dieser Plan im nächsten Jahre wieber ausgenommen." — ES muß sehr traurig um die „kirchliche Verwahrlosung Berlins" stehen, da ein Mann, wie Hengstenberg, ein solch verzweifeltes Mittel vorschlägt und die Protestanten durch die Katholikenfurcht in die Kirchen treiben will. Würden sechs Klöster in Berlin gegründet, so würden vielleicht manche Protestanten voll fanatischen EiserS in die Kirchen eilen, um dort: „Eine feste Burg ist unser Gott" zu singen, aber Viele würden auch still zu den Klöstern gehen, um dort zu suchen, wonach ihr Herz sich sehnt, und waS sie in den protestantischen Kirchen nicht finden, wahre Versöhnung mit Gott, wahren Frieden deS Herzens. Hengstenberg lobt seit einiger Zeit wiederholt den ThomaS von Kempen. Möge er denselben wieder und wieder lesen in den stillen Mauern eines katholischen Klosters und das vierte Buch etwa vor dem Tabernakel eines Klo- sterkirchleinS, wo das ewige Licht brennt, eS wird ihm dann vielleicht klar werten, warum die Protestanten ihre Kirchen nicht besuchen, wenn sie auch nach seinem Wunsche Tag und Nacht offen stehen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Jnhaber: F. C. Kremer.