Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojtzeitung. 15. Februar 7. - 1852. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 40 kr., wofür es durch alle königl. bayer, Postämter und alle Buchhaodlimgen bezogen werden kann. Die Kirchenstürmer. „Wohlan! laßt uns die stolze Beste brechen „Mit ihren hohen, altersgrauen Zinnen; „Sonst mögen wir umsonst den Kampf beginnen, „Das Sclavenloos, das uns bedrückt, zu rächen! — > „Erschallt der Wächter Horn von ihren Thürmen, „Da fiuthen, zahllos wie der Sand am Meere, „Der Zwingburg Mauern vor dem Feind zu schirmen, „Heran der Kirche kampfgeübte Heere!" So sprach der Meister von der rothen Gilde, Und mit des Beifalls frevelndem Gcbahren Begrüßten der Gesellen rohe Schaarcn Den Ruf: „Für die Verhaßte keine Milde!" ') — Was von der Bosheit und der Lüge Waffen Im Arsenal des Zcitgeists aufgespeichert, Sehn' wir nun stolz die Helden an sich raffen, Mit buntem Wehrgehänge flink bereichert. Der zielet mit der Läst'rung gift'gcn Pfeilen Hin nach dem Kreuze auf des Thurmes Spitze: Umsonst! des Himmels nahe Nachcblitzc Zerstieben sie, eh' sie das Ziel ereilen; Die graben mit dem Lügcngeist im Bunde In trutzcm Grimme nach dem Fundamente: Doch weh: da starrt ein Fels aus tiefem Grunde, Und muthlos sinken die erschlafften Hände! Hier richten sie die dröhnenden Geschosse Mit sicherm Blicke nach dem Hauptportalc, Da winkt der Herr und sieh': die Kathedrale Steht unentweihet vor dem wilden Trosse! Dort schleudern sie der Lüge Feuerbrände Mit grauftm Spotte nach den hcil'gen Zinnen, Doch ruhig sah'n die grauen Ricscnwände Der Flamme Strom im leichten Sand zerrinnen. Jetzt winkt des lauernden Berräthcrs Tücke Den Kämpfenden, die schon den Muth verlieren: Er will zur Nacht sie in die Beste führen, Ganz nnbclauscht vom scharfen Wächterblicke. Doch eh' die Sonne von dem Tag gewichen, Ist des Verrathes Frevel kund geworden, Und als die Harrenden herangeschlichen, Sah'n sie bewacht die wohlverschloss'nen Pforten! eerssen I'mtsmö! Und nun erfaßt Verzweiflung die Verzagten, So daß sie toll, von blinder Wuth geschlagen, Die Waffen gegen sich zum Morde tragen, Da sie umsonst sich an die Beste wagten. — Doch diese blickt in düsterm Trauern Hernieder auf die blut'gcn Brnderleichcn, Und sühnend raget von den heiligen Mauern, Des Kreuzes unversehrtes Siegeszeichen! Tafrathshofer. Einladung zum GebetSverein für die Vereinigung schiSmatischer Slaven mit der katholischen Kirche unter Anrufung der beiden Slavenapostel Cyrill und MethodiuS. *) „Das letzte Gebet unseres göttlichen Lehrmeisters und Heilandes zum himmlischen Vater für seine Apostel und Gläubigen war, daß sie einig wären, so wie Er und der Vater EinS sind (Joh. 7, 1!). Von gleichem Geiste der Einigkeit beseelt waren auch die Apostel, unter denen der große Weltapostel Paulus die gläubigen Korinther durch den Namen Jesu Christi bittet und ermahnt, keine Spaltungen zu pflegen, sondern vielmehr vollkommen Eines SinneS und Einer Meinung zu seyn (l. Kor. i, 10). Auf diese Grundlage haben auch alle nachfolgenden apostolischen Männer und auch die beiden heiligen Apostel der Slaven, Cyrill und Method, im ausgezeichneten Grade an der heiligen katholischen Kirche gebaut, lebten und wirkten in heiliger Gemeinschaft mit Rom, dem apostolischen Lehrstuhle, dem Mittelpuncte der Einigkeit, und haben alldort nach glorreich vollbrachtem Tagewerke auch ihre Ruhe gefunden. Dieses herrliche Gebäude der Älaubenseinigkeit unter den bekehrten christlichen Slavcnvölkern hat das unglückselige Schisma deS Michael CerulariuS zerstört und den schönen Rock Christi in zwei große Theile (die orientalische und occidentalische Kirche) zerrissen, Völker getheilt, und zwischen Brüdern einen fanatischen Haß angefacht, der durch acht Jahrhunderte dauert, zum großen Nachtheile der Religion und Kirche, so wie jeder wahren christlichen Volksbildung, besonders bei den weit zerstreuten slavischen Völkern. Der glänzende Stern christlicher Civilisation, der den Slaven in den beiden Aposteln Cyrill und Method im 9ten Jahrhunderte so glänzend aufging, ist ihnen im ilten Jahrhunderte durch daS unselige Kirchenschisma untergegangen. Alle Versuche einer Vereinigung sind, mit weniger Ausnahme, großentheils erfolglos geblieben; eine kalte Eisdecke eines tief eingewurzelten NeligionShasseS bedeckt die Herzen auch . der sonst so gemüthlichen, warmen, aber getrennten Slavenvölker, die nur die Gnade Gottes zu brechen, die verschlossenen Herzen zu öffnen und sie mit dem Feuer christlicher Liebe zu erwärmen im Stande ist. Die Kraft deS Gebetes ist wunderbar, und was ein vereintes Gebet vermag, beweisen die zahlreichen Bekehrungen der getrennten Brüder durch England und Deutschland in unsern Tagen. Die GebetSvereine Frankreichs für die Bekehrung Englands, so wie die Gebetsvereine für die Glaubensvereinigung deS durch die sogenannte Reformation zerrissenen Deutschlands haben über die beiden Völker ein neues, frisches, religiöses Leben auSgegossen, daö als ein Geschenk GotteS für die katholische Kirche eine erfreuliche Zukunft verkündet, während im Lager deö unglückseligen SchiSma eine starre Grabesstille herrscht, die nur häufige Vorfälle deS lieblosesten Fanatismus unterbrechen. Und doch sind unS die nichtunirten Griechen so nahe in Anbetracht der UnterscheidungSlehren, den Slaven so nahe der Abstammung und der Sprache nach. Die unselige Glaubensspaltung ist die große Scheidewand, die unS gegenseitig entfremdet; und so lange diese Mauer nicht fällt, ist jede bleibende Annäherung und ") Der hochwürdigste Herr Fürstbischof von Lavant hat diesen Gebetsverein bei den Priester- Erercitien in seiner Diöcese in Anregung gebracht, und obenstehende Einladung zum Beitritte erlassen; welche wir, an uns geäußertem Ansuchen gemäß, gern diesem Blatte einverleiben. D. R. 51 Befreundung vergeblich. Das unselige Schisma hat uns getrennt, die Beseitigung deS SchiSma allein kann uns vereinen zu einem gemeinsamen Anstreben einer wahren christlichen Bildung. DaS wirksamste Mittel dazu ist ein GebetSverein, nicht etwa zu einer leidenschaftlichen Polemik, nicht zu einer unedlen Proselytenmacherei, sondern zur frommen christlichen Fürbitte, daß Gott, der ein Gott der Wahrheit, der Liebe und Einigkeit ist, unsern zertrennten Brüdern das Licht der Wahrheit anfachen, die Tugend der wahren Demuth beleben, die uneigennützige Liebe vermehren, und Alle zur Einigkeit teS Glaubens und der Hoffnung führen möge. Es erhob sich im Jahre 1342 eine Stimme auS Baden und forderte die katholischen Brüder zu einem GebetSvereine, für die irrenden und ungläubigen Mitbrüder Deutschlands zu beten, auf. Mit großer Freude wurde diese Aufforderung besonders vom katholischen Klerus vernommen, ES schlössen sich sogleich mehrere Priester und Laien dem GebetSvereine an und sammelten zu Hunderten betende Mitglieder. Dieß war der Grund zu dem schönen St. Bonifaciusverein, der nun für die Bekehrung und Einigung Deutschlands so kräftig wirket. Und eben reiset der berühmte Pater Jgnaz v. St. Paulo, einst Lord Georg Spencer, vormaliger anglicanischer Pfarrer, durch Irland, England, Deutschland und Italien, klopft an die Thüren der Katholiken und Protestanten, ladet alle zur Glaubensvereinigung ein, und hat für die Ausgleichung unserer religiösen Spaltungen eben durch die GebetSvereine mehr, als irgend einer seiner Zeitgenossen gethan; denn dadurch erwacht die wahre christliche Liebe, und wird einen mächtigen und heilsamen Einfluß auf die Neugestaltung Europas, sowohl in religiöser als socialer Beziehung ausüben, indem es ja eben die religiösen Zwistigkeiten sind, welche den Völkern eine Quelle noch größeren Uebels, als die gegenwärtigen sind, zu werden drohen. Die Einheit der Religion wieder herzustellen soll darum das eifrigste Bestreben eines jeden wohlwollenden Menschenfreundes, um so mehr eines jeden Katholiken seyn, dem die Religion, Nation und Vaterlandsliebe heilig sind. Diesem nach lade ich hiermit alle meine Mitbrüder, als Mitgenossen des Amtes, der Sprache und der Abstammung zu einer größern GebetSvcrbrüderung ein, auf daß der Vater deS Lichtes, von dem eine jede gute Gabe, besouders aber die Gabe deS Glaubens kömmt, durch die Verdienste Jesu, durch die Vermittlung Maria'S, der hochgebenedeiten Mutter unseres Heilandes, und durch die Fürbitte der beiden Slavenapostel, St. Cy- rilluS und MethodiuS, unsere durch die unselige Kirchenspaltung getrennten Brüder, und Schwestern zur Gemeinschaft unserer Mutter, der katholischen Kirche, führen wolle. Satzungen dieses Gebetsvereines. 1) Jedes Mitglied verpflichtet sich, täglich Ein Vater unser und Gegrüßt seyst du Maria, mit dem Beisatze: „Heil. CyrilluS und MethodiuS, ihr großen Apostel der Slaven, bittet für uns!" auf obige Meinung zu beten. 2) Am 9. März, als am Gedächtnißtage der beiden hl. Slavcnapostel, wollen alle Priester auf obige Meinung ein hl. Meßopfer Gott darbringen; die Laien aber nach abgelegter HI. Beichte die hl. Communion aufopfern. 3) Jedes Mitglied suche in seiuer Umgebung Theilnehmer zu werben, und scheue keine Mühe, um alle Wohlmeinenden, besonders aber Slaven zu dieser Gebels- vereinigung zu bewegen, auf daß sie sich und den getrennten Brüdern die Vervollkommnung in allen christlichen Tugenden, namentlich aber in der Demuth (der Hochmuth ist die Grundursache der Trennung) und in der christlichen Liebe (sie ist daS Band der Völker und Nationen) erflehen mögen. Die ächte Demuth wird alle Hin- dernisse der Einheit beseitigen und die Liebe in allen Herzen daS Verlangen nach christlicher Einheit entzünden, zugleich aber auch die Uebel deS SchiSma mildern. Welche katholische Seele, die daS uucrfaßliche Glück fühlt, ein Kind der allein wahren und eben deßhalb der alleinseligmachenden, römisch-katholischen Kirche zu seyn, sollte nicht auch das sehnlichste Verlangen haben, dieses höchste Glück hienieden auch seinen außenstehenden Brüdern und Schwestern, die sich nicht in dem Einen Schafstalle deS Einen guten Hirten befinden, und auö eigener oder fremder Schuld von dem 52 Felsen, auf den Christus seine Kirche gegründet (Matth. 16, 18), getrennt sind, durch sein kleines Scherflein baldmöglichst zu vermitteln, auf daß Alle Theil haben an der vollen Hinterlage deS Glaubens, so wie an allen Gnaden und Verheißungen der katholischen Kirche. Indem aber der Glaube nicht ein Werk der Natur, das durch VerstandeSbegriffe, nicht ein System, daS durch Vernunftschliisse constituirt wird, sondern eine reine unverdiente Gabe GotteS ist, und Niemand zu wahrer Erkenntniß desselben gelangt, außer eS ziehe ihn der Vater mit seiner Gnade hinzu (Joh, 7, 44), so ist vor Allen zur erwünschten Vereinigung das gläubige, vereinte und beharrliche Gebet nothwendig, damit Alle zur Erkenntniß der Wahrheit und dadurck zu ihrem wahren Heile gelangen (1. Tim. 24). Darum, ihr Alle, jeden Alters und Standes, die ihr eure Kirche, eure Nation und Sprache wahrhaft liebet, bringet zum wahren Heile derselben dieses kleine Opfer, daS aber durch daS vereinte Gebet großen Segen bringen wird, und treret diesem Gebetsvcreine bei, auf daß wir Alle Eins werden durch den, der die Erwartung der Völker ist. Ihm sey Lob und Ehre. Amen." Charlotte Henriot, oder Ergebung und Aufopferung. (Fortsetzung.) X. Stieftochter und Stiefmutter. Die Gesundheit Melaniens hatte seit ihrem Mißgeschick große Stöße erlitten; sie hatte sich eigensinnig gegen die Behandlung eines ArzteS aufgelehnt, vorgebend, daß eS sich der Mühe, zu leben, nicht mehr lohne, und selbst durch Charlottens Nähe nicht begreifend, daß daö Leben eine auferlegte Pflicht und nicht ein Vergnügen ist, dessen man genießen soll. Eines TageS endlich, von ihrem Zustande überwältigt, konnte sie daS Bett nicht mehr verlassen, beunruhigende Anfälle erfolgten, und sie wurde von dem Arzte zur strengsten Sorgfalt und der entschiedensten Ruhe aufgefordert. „Und wer wird mich denn pflegen?" rief sie mit Bitterkeit aus. „Ich, liebe Mutter, wenn du eS mir erlaubst," erwiverle Charlotte sanft. Von diesem Augenblicke an wurde sie in der That die eifrigste, wachsamste Pflegerin; jedoch entschloß sie sich nicht ohne geheime Kämpfe zu dem engen, immerwährenden Zusammenseyn mit der Frau, die "der Tyrann ihrer Kindheit und die Ursache all ihrer Seelenleiden war. Sie empfand eine unwillkürliche Abneigung gegen ihre Stiefmutter, und seit lange war ihr Leben ein beständiger Kampf zwischen einem sie von derselben entfernenden Gefühl und der unwiderstehlichen Liebe zu der Tugend, die sie täglich zu neuen Opfern anregte; denn Diejenigen, welche das Gute erkämpfen wollen, entdecken jeden Tag neue Felder für ihre Siege, neue Gesichtskreise für ihre Selbstverläugnung und Nächstenliebe. Die Krankheit Melaniens war der fruchtbare Acker, von dem Charlotte ernten sollte. Ihre treue, aufopfernde Pflege wurde zuerst mit der ihrer Stiefmutter eigenthümlichen Trockenheit und Gefühllosigkeit angenommen, aber daö liebe Mädchen ließ den Muth nicht sinken. Sie brachte all' ihre Zeit in diesem kleinen Zimmer zu, arbeitend oder schreibend während der kurzen Augenblicke, wo daö Leiden oder die Laune der Kranken eö ihr erlaubten, weder von Ermüdung, noch von den abstoßendsten Beschäftigungen zurückgehallen. , Zuweilen sank ihr der Muth unter dieser Last. Tiefe Traurigkeit ergriff ihre Seele bei'm Anblicke dieses kalten, ernsten Angesichtes, dieses ärmlichen und dunkeln Stübchens, dieser sie drückenden Obliegenheilen; aber ein Seufzer zu Gott erhob sie; sie gedachte deS glorreichen EndeS dieser kurzen Pilgerfahrt, und crmuthigte sich, weiter zu gehen. Oft auch opferte sie ihren eigenen Kummer für die Kranke auf; ihre zurückgehaltenen Thränen, ihre bekämpften Wünsche stiegen dann gewiß als ein 53 köstlich wohlriechendes Opfer zum Himmel auf, und sprachen am Richterstuhl Gottes für Melanie, wo so oft die Barmherzigkeit die Gerechtigkeit entwaffnet« Eines TageS war Charlotte zu Füßen der Mutter beschäftigt, eine böse Wunde am Fuße zu verbinden, deren Anblick mehr als eine Krankenwärtcrin vor Ekel zurückgescheucht hätte. Wider Willen wurde Melaniens Aufmerksamkeit durch diese jungen und rührenden Züge gefesselt, die sich zu ihr niederbeugten, und welche das vollendete Bild der Sanftmuth und Liebe waren. Eine schnelle Erinnerung hielt der Frau Henriot das Leben dieses KindeS vor, in Verlassenheit und der ungerechtesten Unterdrückung verflossen; ihr Gewissen erwachte zum ersten Male, und plötzlich durch die sie so beschuldigende Vergangenheit sich tief betroffen fühlend, fragte sie sich selbst, woher sie so viele Aufopferung verdient habe. Das Herz durch ungekannte Rührung gepreßt, in der sich die Bitterkeit der Vorwürfe und die Freuden eines werdenden Wohlwollens vermischten, sagte sie: „Charlotte, du bist mir sehr gut, ich habe eS nicht verdient--" Charlotte wurde roth, und als sie sich bückte, um ihr Geschäft fortzusetzen, fiel ein Crucifir'(daS ihrer Mutter) von ihrem Busen. Frau Henriot betrachtete eS lange stillschweigend und sagte dann: „Du bist fromm, sehr fromm, darum glaube ich, bist du auch so gut. Ich habe dir noch nichts gesagt, aber seit lange rührt mich deine treue Pflege, und ich fühle wohl, daß ich sie Gott und nicht mir verdanke." „Wirklich, liebe Mutter, wenn etwas in mir dir hat gefallen können, so hat Gott eS mir gegeben--für dich gab er mir das Herz einer Tochter---" „Einer Tochter! Sprich nicht so, Charlotte, du kannst, du darfst mich nicht lieben; ich bin so hart und ungerecht gegen dich gewesen, und doch fühle ich — wäre eS mir süß, von dir geliebt zu werden I" Bei diesen Worten erhob sich Charlotte, nahm der Stiefmutter Hand, und sah sie mit Blicken an, die so klar von der Zärtlichkeit und Reinheit ihrer Gesinnungen zeugten, dann sagte sie: „Ich liebe dich, Mutter, sey dessen gewiß!---" „Aber das Vergangene! — kannst du eS vergessen, verzeihen?" „Ich erinnere mich dessen nicht mehr--" „Aber Gott denkt daran, Er wird mir nicht vergeben!" „O Mutter, was sagst du da? Gort, der dich tausendmal mehr liebt, als ich es kann, Er sollte die Fehler nicht verzeihen, deren du dich anklagst!" „Wenn ich es glauben könnte! Das Vergangene verwirrt mich; seitdem ich dich so beständig um mich beschäftigt sehe, begreife ich, daß du Gott angenehm bist, und daß Er mich verabscheuen muß.— Höre, Charlotte, sprich mir noch mehr von Gott--vielleicht könnte ich noch einst dazu gelangen, wie du, ruhig und heiter zu werden —" Charlotte, wenig unterrichtet in andern Gegenständen, verstand es, von Gott auS der Fülle des Herzens zu reden; Er war ja der beständige Gegenstand ihrer Gedanken, das Ziel ihrer Neigungen, der Führer und Eingeber all' ihrer Empfindungen. Sie sprach von Ihm mit einer zärtlichen und kindlichen Freude, die allmälig das Herz ihrer Mutter durchdrang. Der Gott, den Diese sich bisheran als den strengen Gott gedacht, sitzend in Seiner ewigen Nnveränderlichkeit, verschwand, und das sanfte und väterliche Bild des Christengvlies trat an dessen Stelle, dieses Gottes, der uns mehr liebt, als eine Mutter, „denn diese kann ihres Kindes vergessen, aber Er vergißt unser nicht;" das Bild des barmherzigen Gottes, der daS Lager deS Armen bewacht, und welcher der Vertheidiger der Wittwe, der Vater der Waise ist; der, weit entfernt, gleichgiltig gegen unser Geschick zu seyn, kein Haar ohne Seinen Willen von unserm Haupte fal!en läßt, der unsere Namen in Seine Hände gezeichnet, dessen Liebe von Ewigkeit her über unS gewacht; diese göttlich erhabene Liebe, welche vor dem Werden der Welten war, und die im Voraus die armen Wesen umfaßte, welche dazu bestimmt waren, diese Erde zu bevölkern! Dieser große und gute 54 Gott war eS, den Charlotte sich bemühte, ihre Stiefmutter kennen zu lehren. Sie sprach ihr vorzüglich von Jesus Christus, unserm Heilande, und mit welchem Tone, welcher Liebe! DaS einfache junge Mädchen wurde beredt, wenn sie in naiver Sprache die Krippe beschrieb, worin der Sohn Gottes geboren, der ärmer war, als das ärmste unter den Kindern der Menschen; die Werkstatt von Nazareth, wo Er dreißig Jahre lang sich den Arbeiten unterzog, die das Erbtheil der Söhne AdamS geworden sind; dann die drei Jahre der evangelischen Ernte, während welcher das fleischgewordene Wort durch Sein Beispiel, unterstützt durch Wunder, daS göttliche Gesetz bestätigte, daß Er der Welt zu geben kam; dann endlich den Calvarienberg, wo Er mit Seinem Blut das Vermäcktniß Seiner Liebe besiegelte. Charlotte ergriff mit Eifer jede Gelegenheit, um ein Wort über diesen theuren Gegenstand zu reden, der ihre ganze Seele beherrschte. Diese Unterredungen waren oft kurz, oft unterbrochen durch die täglichen Verrichtungen; aber ihr ganzes Leben, ihre kleinsten Handlungen bestätigten die göttliche Lehre, in welcher zu unterrichten sie sich bemühte. Melanie, durch ihr Leiden an ihr Zimmer gefesselt, fand Geschmack an diesen Gesprächen, deren Gewicht noch einige gute Bücher unterstützten. Die dankbare Anhänglichkeit, welche Charlotte ihr einflößte, öffnete ihre Seele den Strahlen der Wahrheit und den klaren Bächen der Gnade — Gott hatte zugelassen, daß in diesem harten und stolzen Herzen der Hochmuth durch Unglück gestürzt, der Haß durch unaufhörliche Wohlthaten entwaffnet werde, und von dem Tage an, wo Melanie sich demüthigte, wo die Freundschaft ihre Seele erhellte, wurde sie eine Christin; denn daS 'süße Gesetz deS Heilandes kann wie eine himmlische Pflanze nur in den durch Demuth geläuterten und durch Liebe erweiterten Herzen blühen. So sagt der heilige Bischof von Genf. XI. Die beiden Schwestern. Die Krankheit der Frau Henriot hatte Charlotte nicht von der Sorge und Aufsicht abgehalten, deren ihre junge Schwester bedürfte. Sie bemühte sich, ihr Liebe zur Arbeit, Sanftmuth, Bescheidenheit, Liebe zur Einsamkeit, alle die bescheidenen und starken Tugenden einzuflößen, die der Schmuck der Frau nach dem Evangelium sind, deS durch das Christenthum wiedergeborenen WeibeS, daS unter dem häuslichen Dache große Dinge verrichtet in der Uebung eines verborgenen Lebens und in den täglichen Kämpfen mit Leiten und Unglück. Besonders suchte sie Felicie zur Frömmigkeit hin« zuneigen, jener einfachen und wahren, die für Gott die täglichen Pflichten deS LebenS erfüllt und nur Ihn zum Zeugen ihrer Bestrebungen, als Trost ihrer Leiden und Lohn ihrer Kämpfe sucht. Aber bis jetzt hatte der leichtsinnige Charakter der Schwester alle Versuche Charlottens vereitelt; daS Beispiel wurde nicht verstanden, Ermahnungen nicht angehört, Vorwürfe blieben ohne Erfolg, und selbst die harten Lehren des Unglücks hatten das Gemüth deS jungen Mädchens erbittert, ohne ihre Vernunft zu reifen. Einige Pensionsfreundinnen, so leichtsinnig wie möglich, unterhielten in ihr einen Geist des Widerspruches gegen Charlottens Wünsche, und die Krankheit von Frau Henriot machte diese Verbindungen inniger und häufiger. Mit Schmerz bemerkte Jene die üble Wirkung davon, und nachdem sie geduldig Feliciens Vernachlässigung und ihre kühnen und spöttischen Antworten ertragen, glaubte sie sich verpflichtet, mit einiger Strenge zu handeln, und die Nachsicht, mit welcher sie bisher die Fehler deS KindeS übersehen, im Hinblick auf der Schwester Zukunft durch Ernst zu ersetzen. Die Gelegenheit dazu bot sich bald: Es war im Frühjahr, und die ländlichen Feste zogen zahlreiche Spaziergänger zu jenen armen und malerischen Hütten, mit denen die Picardie übersäet ist, und die nichts der Kunst, aber Alles der Natur verdanken. EineS TageS kündigte Felicie der Schwester kurz an, daß sie den übermorgenden Tag, einen Sonntag, mit einer ihrer Freundinnen und deren Familie zur Kirchweihe nach ValloireS zu gehen gedenke. Charlotte besann sich einen Augenblick, und sagte dann einfach: 55 »Dieses Vorhaben ist nicht passend für dich; du wirst eS daher nicht ausführen." „Und warum nicht? Wer wird mich davon abHallen?" „Ich, die während unserer Mutter Krankheit und der Abwesenheit unseres Vaters über dich wachen und dich abhalten muß, an gefährlichen Vergnügungen in einer noch gefährlicheren Gesellschaft Theil zu nehmen. Mein Gewissen verbietet mir, dir dieses zu erlauben, und ich wiederhole, du wirst hier bleiben." Nachdem dieß gesagt war, setzte sich Charlotte nieder, nahm die Feder und schrieb den Angehörigen Albertinenö (der Freundin ihrer Schwester) einige Zeilen mit höflichen, aber bestimmten Entschuldigungen. Dann rief sie den im Nebenzimmer arbeitenden Bruder, und bat ihn, dieß Billet gleich wegzutragen. Während dieser Zeit machte Fclicie den AuSbrüchen ihrer Thränen und ihrer Widersetzlichkeit laut und lärmend Luft. Um sie zu besänftigen, wollte Charlotte ihr die Hand reichen, die aber unsanft zurückgestoßen wurde; sie sagte ihr nur milde: „Liebe Felicie, du hast keine bessere Freundin, als mich; dieß beweist dir heute meine Strenge; hoffentlich wirst du es noch einmal einsehen, und dann werden wir unS verstehen/' Felicie brachte den ganzen Freitag und Samstag abwechselnd in Schmerz oder Zorn zu; sie weinte, sie beschuldigte ihre Schwester, unv ihr Murren wurde noch stärker, als sie Samstag Abend den ruhigen, herrlichen Sonnenuntergang als Vorboten deS schönsten Tages sah. Wirklich beleuchtete am Sonntage die Maisonne strahlend das kleine Stübchen, daS die Schwestern beim Ausgange auS der Messe betraten; man hörte das Säuseln deS LaubeS von den Bäumen deS Walles, aus der Straße sah man Familien im Sonntagsstaat daS Land aufsuchen, welches so schön seyn mußte mit seinen blühenden Gebüschen, mit seinem unter leisem WindcShauche zitternden Korn und seinen in der ersten Frische ihres Schmuckes prangenden Gehölzen. Felicie betrachtete mit übler Laune die hüpfenden Sonnenstrahlen im Zimmer und rief: „Albertine ist jetzt schon weit---wie werde ich mich ergötzen, diese alten Bücher nochmals zu durchlesen oder alte Geschichten anzuhören! —" Sie wurde durch das Geräusch eines Wagens unterbrochen, der an der HauS- thüre hielt; es stieg Jemand die Treppe herauf, öffnete die Thür, und unsere Mädchen sahen Herrn Ravin eintreten, der lustig ausrief: „Wir kommen, Felicie zu holen, um mit ihr den schönen Tag in St. Valery zuzubringen; am Abend kehren wir zurück. Der Wagen ist unten mir meiner Frau und meiner Tochter--sie warten schon — komm, eile dich, meine kleine Felicie!" Diese, ganz erstaunt, suchte in den Augen der Schwester zu lesen. Lachend aber stieß Charlotte sie sanft in ihr Schlafzimmer, wo das betroffene Mädchen auf dem Bette ihren frischesten Sommeranzug bereit sah: ein Jaconnet-KIeid, Handschuhe, ein Gürtel, ein weißes Mantelet, Alles war durch die zuvorkommende Sorge der Schwester hergerichtet. Charlotte kleidete sie an, ohne ihr so zu sagen Zeit zu lassen, zu sich selbst zu kommen; dann führte sie Felicie zu Frau Henriot, die sie mit dem Wunsche zu einem fröhlichen Tage umarmte. Endlich rollte der Wagen weg, daS Kind zu entführen, daS noch zu träunun glaubte. Charlotte sah ihr nach und ging beglückt ins HauS zurück. Am andern Morgen arbeitete Felicie neben ihrer Schwester; sie hatte wenig gesprochen, weil sie sich noch ein wenig der bösen Laune schämte, die sie in den vorhergehenden Tagen gezeigt; jedoch faßte sie einen Einschluß, erhob den Kopf und sprach: „Herr Ravin hat mir gesagt, daß ich eS deiner Bitte verdanke, von ihm und den Seinigen gestern abgeholt worden zu seyn, daß du für mich diese allerliebste Partie eingerichtet hättest, ich danke dir sehr dafür!" Mehr vermochte sie nicht zu sagen; denn sie empfand in Charlottens Gegenwart eine lebhafte Verlegenheit als Folge deS großen Unrechts gegen diese. Die ^ Schwester nahm freundlich ihre Hand und entgegnete: > 56 „Felicie, mein liebes Schwesterchen, ich hatte dir ein Vergnügen entzogen, daS mir nicht schicklich für dich schien; eS war also ganz billig, dich zu entschädigen. Gestehe aber, du hast mich sehr streng gefunden?" „Aber--" „Ich gebe das zu; immer werde ich streng seyn, wenn es sich um deine Grundsätze und um deinen Ruf handelt; denn ich bin deine beste Freundin, dein Mentor, in einem Wort: deine Schwester. — Ich wünsche dich glücklich und geachtet zu sehen, und verlange von dir das Bestreben, dich zu beherrschen, einige, vielleicht etwas mühsame Ueberwindungen; aber immer werde ich bereit seyn, dir Vergnügen zu verschaffen, und über dein Glück mich zu freuen." „Du bist gut, liebe Schwester —" „Ich habe dich jieb, siehst du, darin liegt Alles--" „Ich verkannte dich sehr —" „Verstehst du mich denn jetzt?" Felicie legte ihren Kopf auf Charlottens Schulter, sie weinte, erweicht durch Güte und schwesterliche Liebe, diesen Herzensschatz, den ihre so lange verblendeten Augen zum ersten Mal entdeckten. AIS diese Rührung ein wenig vorüber war, sagte Charlotte weiter! „Wir verstehen uns jetzt und werden eS immer thun. Glaube mir, Felicie, ich habe nur einen Wunsch, den, dich glücklich zu sehen, so wie auch unsere Mutter; aber siehst du, daS Glück ist vor Allem in uns, es wohnt im Gründe unseres Herzens, in dem Zeugnisse unseres Gewissens, in der stillen Freude einer Seele, die mit Gott, mit den Menschen und sich selbst in Frieden ist. Dieses Glück können Alle, erlangen, eS ist von allen Vorfällen des Lebens unabhängig; aber du wirst eS nicht anders erreichen, als in Erfüllung deiner Pflichten, indem vu gut und weise bist; ^ das häusliche Glück erkauft sich durch Opfer, durch gegenseitiges Ertragen — du wirst die Fehler meines Charakters verzeihen, ich die Verirrungen deS deinigen; wir werden uns beide in dem Willen vereinen, unserer Mutter Achtung und kindliche Liebe zn beweisen. — Die Achtung Anderer trägt auch zu unserm Glücke bei, man gewinnt sie durch eiji geordnetes, arbeitsames Leben, durch Sanftmuth, durch die Gefälligkeit, die man in gesellschaftlichen Beziehungen übt--Ich denke mir, daß unser Glück aus diesen drei Elementen besteht: Frieden mit Gott, Familien-Anhänglichkeit und Aufopferung für Alle--Wirst du mir nicht helfen, dieß zu erreichen?" „Werde ich das können?" „Warum nicht? Und nun noch eins: Willst du einen schönen Anfang zn dem Leben deS Glückes machen, das ich dir vorschlage? In drei Tagen denkt die Mutter zuerst wieder auszugehen, und natürlich geht sie, dem guten Gott zu danken, der ihr die Gesundheit wieder schenkt; sie hat sich vorgenommen, in die Messe nach St. Wulfram zu gehen.--Vereinigen wir unsere Danksagungen mit den ihrigen, nähern wir unö dem heiligen Tisch, und dann wollen wir Gott versprechen, Ihm zu dienen, Ihn zu lieben und von ganzem Herzen unsere Pflichten zu erfüllen. — Willst du diesen Vertrag eingehen und ihn durch eine heilige Communion besiegeln?" — Drei Tage nachher ging Frau Henriot, obgleich noch schwach und blaß, aber mit heiterm Antlitz zum heiligen Abendmahle, auf Charlotte gestützt und von Felicien gefolgt, deren Züge den glänzenden Ausdruck wiedergewonnener Unschuld trugen. Als Charlotte so zwischen Mutter und Schwester kniete, gedachte sie auf einmal deS Tages ihrer ersten heiligen Communion, wo sie an demselben Platze in gänzlicher Verlassenheit von den Menschen ihrem Heilande gelobt hatte, Die zu lieben, welche sie haßten, und Denen wohlzuthun, durch die sie so viel gelitten. Sie hatte ihr Versprechen erfüllt, und indem sie über sich selbst gesiegt, hatte sie über Andere einen leichtern Sieg erfochten, und jetzt brachte sie die so eroberten Seelen zu Füßen des Hirten aller Schäflein-- _(Schluß folgt.)_ Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. E. Krcmer.