Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 21. März M- 12. 185s. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis 5; z,A.iS»im,)w'-!L ,üim!> m i?>> j - jqtzu S »Wt <-t ».i^.itj Ueber christliche Gculptur. Wenn man Jahrhunderte lang sich für alles Antike, schon deßhalb, weil eS aus dem heidnischen Alterthum stammte, begeisterte und Dasjenige vernachläßigte, waS der christliche Geist in so reicher Fülle und Schönheit geschaffen: so sind wir, wenn auch der Sinn sich mehr erschlossen hat und allgemeiner, nicht mehr so bornirt einseitig ist, dennoch nicht bis zu der Höhe gelangt, von der wir die vorchristliche und christliche Kunst wenigstens mit gleicher Liebe und Unparteilichkeit überschauen sollten. Wir sind gewiß nicht geneigt, die sorgsamen Bestrebungen für das Auffinden, Erhalten, Erklären und Beschreiben antiker Denkmäler verächtlich abweisen zu wollen, vielmehr erfreut uns diese Thätigkeit in hohem Grade, weil sie dahin führt, die Geschichte und Zustände deS Alterthums bis in daS Einzelnste und Kleinste hinein aufzuhellen und zu beleben. Allein bei Weitem die meisten dieser gewonnenen Monumente der Vorzeit haben gar keinen künstlerischen Werth, höchst selten einen historischen, oder, wenigstens namhaften, archäologischen, sie reihen sich dagegen in der Regel ohne weitere Bedeutung an die Zahl derjenigen an, welche die Museen bereits füllen. Sie tragen demnach zur Erfrischung des Geistes, zur Versenkung deS Gemüthes in die Fülle der Schönheit Nichts bei, sie senden nicht aus der zündenden Betrachtung lcbenswarmer, aus schöpferischem Geistcsfeuer gebildeter Gestalten daS Licht neuer Ideen, überirdischer Wahrheiten in das Herz und führen dasselbe ge- wissermaßen in die unveränderliche Herrlichkett der Ewigkeit ein. Ja, will man auch über das bloß historische Interesse hinaus noch daS künstlerische befriedigen, so ist die alte Tyrannei der Gewohnheit, welche bei der bildenden Kunst nur die Antike und das ihr nachgeschaffene moderne Antike gelten lassen will, noch keineswegs besiegt, oder nur wesentlich erschüttert. Auch hier müssen wir uns — weil man in dieser Beziehung gar leicht Mißverständnissen ausgesetzt ist — verwahren, als ob wir der alten Sculptur ihren ungemein hohen Werth, ihre technische Vollendung, ihre formelle Schönheit auch im Entferntesten antasten wollten. Das ist so wenig unsere Absicht, als wir die herrlichen Schöpfungen der alten Poesie herabsetzen möchten. Nur das wünschen wir, und zwar zunächst vom Standpuncte der Kunst, daß man über den antiken, die aus dem ächt christlichen Geiste, in den christlichen Zeiten hervorgegangene Denkmäler nicht vergessen solle. Der tiefste Grund hiervon ist offenbar darin zu suchen, daß die Bildung Derer, welche sich mit solchen Gegenständen beschäftigen, daß die Bildung der yöhern Stände eben immer noch eine mehr auf der antiken, als christlichen Weltanschauung ruhende ist. Alle Gedanken, Empfindungeu, Ansichten und Strebungen des Herzens sind weit mehr verwandt dem Geiste, welcher die alten Monumente hervorgebracht, als jener Betrachtungsweise, auS welcher die christlichen Denkmäler entstammen. Die wahre Knnst ist die Darstellung deö wirklichen Lebens auf seinem letzte«, ewigen Grunde; sie ist deßhalb ein Genuß, weil sie DaS, was in der Tiefe der Seele lebt, zur Anschauung bringt. Ruht nun aber das Herz auf der Sichtbarkeit, der Sinnlichkeit, der bloßen Aeußerlichkeit, den gemeinen Erscheinungen, wie eben daS Alterthum, so kann eS die christliche Auffassung, welche auf den Grund deö Aeußern, auf daS Ucbernatürliche, das Geistige und wahrhaft Göttliche gerichtet ist, entweder gar nicht verstehen, oder eS wendet sich von ihr, als einem wesentlichen Gegensatze, ab. Das ist die eigentliche Ursache, warum man die christlichen Kunst- producte bei Weitem noch nicht mit derjenigen Aufmerksamkeit schätzt, welche sie — von dem christlichen und religiösen Charakter ganz abgesehen — in rein künstlerischer Beziehung mit dem vollsten Rechte verdienen. Fängt man nun auch schon seit geraumer Zeit an, einigen Respect zu bekommen vor der mittelalterlichen Architektur, obschon es hier an der richtigen Auffassung, weil eben am Verständnisse des christlichen Geistes, noch sehr fehlt, und antike Reminiscenzen, oder selbstschöpferischcr Hochmuth oftmals arge Streiche spielen, so ist dieß doch mit den ander» Künsten weit weniger der Fall. Zwar steht die Glasmalerei in besonderer 95 Achtung und Gunst. Allein dieß geschieht im Allgemeinen noch mehr, weil sie eben außer dem Mittelalter nicht vorkommt, also etwas Außerordentliches ist; dann liegt darin etwas Romantisches, auch ist dieser Zweig christlicher Kunst schon so sehr angepriesen und bewundert worden, daß eS schlechterdings zum guten Tone gehört, mit in das Lob dieses „zauberischen Helldunkels" einzustimmen. Allein welch' wunderbare Wirkung auch diese Malereien hervorbringen, rein künstlerisch betrachtet, werden sie steiS eine gewisse untergeordnete Stellung einnehmen. Denn die geist- und lebensvolle Durchbildung anderer Kunstwerke werden sie nie erlangen, und stetS mehr durch die Pracht und den Glanz der Farben auf die Phantasie mächtig einwirken. Dagegen hat man im großen Ganzen sich um die zum guten Glücke noch ziemlich zahlreich vorhandenen mittelalterlichen Sculpturen, namentlich die Grabdenkmäler, weniger geneigt angenommen. Und doch finden wir hier Arbeiten, welche sich selbst in äußerer, technischer Vollendung den besten Werken der Vorzeit kühn zur Seite stellen können. Das ist schon ein sehr richtiger Gedanke gewesen, diese Monumente in den Kirchen, Kreuzgängen oder in den Sälen der Nathhäuser anzubringen. Daö sind die Orte, an welchen auch die hauptsächlichsten Lebenserinnerungen sich knüpfen, und wo ein erhabener und wahrer Zusammenhang die Todten mit den Lebenden geistig verbindet, und durch diese innere Beziehung eine heilsame Frucht erwächst für Diejenigen, welche durch ihre Gestalten in das Leben hereinragen, so wie für Diejenigen, welche sie anschauen und dabei an die Dahingeschiedenen gemahnt werden. Die irdische Kirche ist dieser Weise das wahre, wirkliche Bild der ewigen, himmlischen Kirche, welche alle ihre Glieder umschließt. Wie sprechen die stummen, ernsten Gestalten, wie sie an Wände und Pfeiler lehnen, aus den Tagen der Vorzeit ans Herz! Der Mensch ist für sich allein in der Welt nicht vorhanden, er wäre die bcdauernSwertheste Crcatur; er ist Etwaö im großen Ganzen der Menschheit. Soll er nun nach seinem Scheiden aus der Sichtbarkeit in trostloser Vereinzelung uns vorgeführt werden? Darnach scheint unS wenigstens die Sitte, Monumente für sich allein, einzeln, oder gar auf Säulen gestellt zu errichten, durchaus unschön und verwerflich. Das erste Gesühl, welches beim Anblicke eines solchen unter freiem Himmel, ohne Schul) unv Halt dastehenden Monumentes das Herz beschleicht, ist daö eines gewissen Mitleides mit der trostlosen Verlassenheit und Einsamkeit. Man stellt unwillkürlich den Vergleich an zwischen der ehemals so bewegten, lebensvollen Stellung des Dargestellten und der peinvollen Lage, in die man jetzt ihn gebannt. Allein daß man die Denkmäler großer Verstorbener auf den Straßen und Plätzen und nicht mehr in Kirchen und Rathhäusern aufstellt, hat seinen nur allzu triftigen Grund. Daö öffentliche Leben ist nicht mehr ein religiöses und frommes, ist nicht mehr ein bürgerliches, eingezogenes; eS hat sich der Vergötterung und dem Genusse der Natur, dem Aeußern zugewandt, eS ist aus der Tiefe, Bedächtigkeit und dem Ernste hinausgetreten in das Weite, Schnelle und Leichtfertige. Da lebt es, da will eö auch seine Erinnerungen haben. Weil die Betrachtung die Schärfe und Bestimmtheit des Gedankens verloren hat, darum stellt man auch in den Denkmälern mehr oder weniger Ge- bilde der Phantasie hin, welche man nach dem Geschmacke der verschiedenartigsten Zeitrn auSstaffirt; so daß — daö erste Erfordernis; der Kunst — die Wahrheit des Gegenstandes nicht mehr mit aller Kraft dem Beschauer entgegentritt Wohl hat man dieß auch gefühlt und z. B. in der Walhalla dieser Verlassenheit und Einsamkeit, in welcher die Gestalten berühmter Männer der Vorzeit dastehen, abzuhelfen gesucht. Allein eine solche Sammlung und Aufstellung von Monumenten macht offenbar den Eindruck etwa eines Wachsfigurenkabinetts, eS ist eben in dem Gebäude zunächst kein anderer Zweck zu erkennen, als der, diesen Gebilden Dach und Fach zu geben. Aehnlich ist eS, aber in geringerem Maaße, mit den Gemäldekabineten, Mit welch' anderer Begeisterung muß ein Künstler arbeiten, der weiß, daß sein Werk einen unmittelbaren Lebenszweck, eine Anregung haben wird, als dann, wenn seine Schöpfung in einem Saale zur kritischen Betrachtung aufgestellt wird. Die Alten haben darin gewiß den besten Weg betreten, sowohl um die Kunst auf's Höchste für ihre Ausgabe zu begeistern, als auch ihren Einfluß auf die gestimmte Menschheit — alle Stände und Verhältnisse — am Weilesten auszudehnen. Waö nun die bildende Kunst betrifft, so sind wir in unserm engern Vater- 96 lande, besonders an Grabdenkmälern der vorzüglichsten Art, sehr reich. Der Dom von Mainz ist in dieser Hinsicht vielleicht der ausgezeichnetste in ganz Deutschland, oder noch weiter hin. Man kann in demselben die Stufen des künstlerischen Entwickelungsganges bis auf die neueste Zeit verfolgen. Wir wollen hier nicht eine kunstgeschichtliche Uebersicht seiner Monumente geben, sondern nur auf einige der vollendetsten aufmerksam machen. Erst als die Reinheit deS gothischen StyleS zu schwinden und sich vielfach in Willkür zu verirren begann, erscheinen die trefflichsten Arbeiten der Sculptur. Offenbar war man in der technischen Fertigkeit bei den mannigfachen, zarten Verzierungen im Gothischen bedeutend fortgeschritten. Allein nicht bloß ist eS die weiche, gleichsam elastische BehandlungSwcise, welche dem Steine Leben einzuhauchen scheint, die uns entzückt, eS ist noch weit mehr die innere, wahre, hohe Auffassung. ES liegt ein reiner, heiliger Ernst in den Gestalten, was sicherlich davon meistens herrührt, daß eben der Künstler wußte, er arbeite für eine Kirche, für die Erbauung, Dann hält man sich durchweg an der Wahrheit deS Darzustellenden, der uns entgegentritt, wie er leibte und lebte, ohne alle erborgte, erlogene Zuthat. Steht das Monument an sich schon im Vereine mit dem ganzen Gebäude, so ist es noch näher umgeben von Ornamenten, Figuren, Gruppen u. s. w. Es ist so gar nichts Gemachtes, Theatralisches an diesen Gestalten, vielmehr sind sie so schlicht, einfach und demüthig! Man sehe einmal das Denkmal deS ErzbischofS Konrad II. v. Weinsberg (gest. 1369), gleich links an der Thüre vom Leichhofe her; es ist noch schwer und einfach, aber voll Wahrheit und Leben. Vollendet schön aber sind die Monumente des Churfürsten Diether von Jsenburg (gest. 1482), deS Prinzen Albert von Sachsen, Administrators des ErzstifteS (gest. 1484), deS Churfürsten Berthold von Henneberg (gest, 1504), alle im Schiffe des DomeS befindlich, und das Denkmal des Domherrn Johann Bernard von Gablenz (gest. 1592), eine treffliche Gruppe, die ganze Familie vorstellend. Diese Kunstwerke sind entzückend schön und zeichnen sich besonders durch die Frische, Wärme und Beweglichkeit vor den Antiken aus. Die St. Katharinenkirche zu Oppenheim, sowohl nach den Verhältnissen, als der Gliederung im Grundrisse, der Mannigfaltigkeit und Reinheit in der Durchführung eine Perle unter den gothischen Kirchen, enthält auch vorzügliche Grabdenkmäler, auf welche wir hiemit aufmerksam machen: der Grabstein der „Anna dochter deS ritterS Wolffen kämmerers zu wormS," auS der letzten Hälfte deS fünfzehnten Jahrhunderts stellt uns daS Bild einer Jungfrau von fünfzehn oder sechzehn Jahren dar, rn einer Anmuth und Lieblichkeit, welche bezaubert. Die zarte Gestalt, im edlen, leicht hingeworfenen Gewände, mit diesen reinen, kindlichen Zügen, den rührend gefallenen Händen ist schon ganz verklärt und tritt uuS wie eine Lichterscheinung aus dem Himmel entgegen. Jeder wird bei diesem Anblicke tief bewegt und das lebensvolle Bild deS selig verklärten Leibes schauen. Ein anderes Denkmal aus der ersten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts stellt die noch trefflicher ausgeführten Gestalten eines RitterS und Kämmerers von Worms (d. h, eines auö der Familie von Dalberg) und seiner Ehefrau aus dem Geschlechte derer von Sickingen vor. Der ehrliche, treuherzige Kopf des Ritters und daS sanfte, ergebene, etwas bekümmerte Antlitz seines Weibes sind von der ausdrucksvollsten Wahrheit, und beide Figuren mit der größten Freiheit, Sicherheit und bis ins Einzelnste sorgfältig gearbeitet. Trefflich ist auch die Statue eines Ritters von Hanstein auS der letzten Hälfte deS sechszehnten Jahrhunderts, schon mit Ornamenten auS der wiederaufgegriffenen Antike. DaS Gesicht und die Gestalt sind höchst geistvoll, die Behandlung ganz trefflich, ungemein fein, ohne Aengstlichkeit und Kleinlichkeit. — Solcher Schätze gibt eS noch eine große Menge; sie werden aber durchaus nicht, wie billig, gewürdigt; wie viele sind aber umer den Hällden gebildeter und ungebildeter Barbaren zertrümmert worden! Möchte man sich um diese christliche, bildende Kunst doch auch bemühen, wie man sich um die Steindenkmale der Vorzeit so sehr kümmert; jedenfalls lernt man aber daraus, daß bei dem Reichthum an solchen Menumenten aus einem Zeitraume von mehr als zweihundert Jahren daS Leben der Kunst damals ein sehr tüchtiges und großartiges gewesen seyn müsse, und wir unS gegenwärtig keineswegs herabwürdigen, wenn wir die Werke jener Meister beschauen, bewundern und an ihnen lernen. (Katholik) Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Kremer.