Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augstmrger PojWtung. 13. Juni M- 2^. 185s. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abonnementspreis kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter uud alle Buchhandlungen bezogen werden kann Die Freiheit der Kirche. WaS schon längst von einsichtsvollen Männern anerkannt und als unbedingt nothwendig für die bessere Gestaltung der Gesellschaft ersehnt worden war: daß nämlich ächte, wahre Gottesfurcht die Menschen durchgingen und zu dem Ende die Kirche — denn sonst ist dieß nicht möglich — alle ihre reichen Mittel entwickeln möge, um den Geist deS Volkes auf das Wahre und Ewige hinzulenken und damit Gewissenhaftigkeit, Opferwilligkeit und Liebe zu guten Werken in den Herzen zu entzünden, daS ist durch die Fügung der Vorsehung durch daS Jahr 1848 zu einem großen Theile wenigstens wirklich geworden. Als damals Alles sich löste und an daS Tageslicht trat, da begann auch, zwar schüchtern anfänglich, die alte, fromme Gesinnung zu leuchten und Wärme um sich zu verbreiten. In so fern ist jenes Jahr ein wahres Jahr des HeileS; viele Menschen haben eS böse gemeint, Gott aber hat daraus Gutes gemacht! Das von der Religion getragene Leben zeigte sich wieder einmal Angesichts der ganzen Welt in zahlreichen Vereinen zur Verbreitung einer kräftigen, wahrhaft religiösen Gesinnung, in wohlthätigen Gesellschaften, in Verbrüderungen zu besondern Werken der Frömmigkeit. Der schlummernde Sinn für daS Göttliche wurde erweckt durch die alterprobten Mittel, durch Missionen, Wallfahrten, Andachten. Nur ein ganz verblendeter Mensch könnte in Abrede stellen, daß dieß Alles unendlichen, mit Händen zu greifenden Nutzen in allen Verhältnissen des LebenS gestiftet habe. Und dennoch war die Anwendung der angegebenen, so segcnrcichcn Mittel vor dem Jahre 1843 der Kirche in Deutschland größtentheilS entweder sehr erschwert oder ganz unmöglich. Diese Mittel gebrauchen zu können, die Möglichkeit also, recht viel Gutes zu stiften, Niemanden zu belästigen, sondern Jeden durch freie Entschließung zum christlichen Leben zu führen, gehört unter die Forderungen nach der Freiheit der Kirche. Allein freilich bleiben diese Forderungen hierbei nicht stehen, sie verlangen noch mehr, was man der Kirche, d. h. den Bischöfen, welche sie leiten, gewähren müsse. Denn alle jene Einrichtungen auf die Besserung unserer Verhältnisse fallen wieder zusammen oder wirken wenigstens nicht viel, wenn die Bischöfe nicht Alles anwenden können, waö der Stifter der Kirche in ihre Hände gelegt hat, um die Menschen zu Gott hinzuführen. WaS helfen Missionen, Andachten und Vereine, wenn z. B. die Geistlichkeit nicht im Sinne der Kirche erzogen wird, wenn die Bischöfe nicht die Stellen besetzen, sondern Personen, die im besten Falle weder das warme, persönliche Interesse, noch diese Kenntniß, keinesfalls aber diese Verantwortung haben! Was helfen alle jene Mittel, wenn sie morgen wieder eingestellt, wenn alle Anordnungen der Bischöfe, um das erwachte, religiöse Leben, damit es nicht erlösche, zu beleben, von anderweitiger 186 Bestätigung abhängig sind? DaS ist klar, daß die Zukunft der Gesellschaft, welche religiös und geistig schon verkommen genug ist, davon abhängt, daß man Alles aufbietet, um dieselbe wieder auf daS Höhere und Ewige hinzulenken. Deßhalb ist ein Stillstand, oder ein Rückschritt in dem Ringen, sich in den Besitz alles Dessen zu setzen, was hierzu nothwendig ist, nicht denkbar, gar nicht möglich. DaS kirchliche Leben ist zu mächtig erwacht, als daß eS wieder zurückgetrieben werden könnte, und wenn auch Schwankungen eintreten sollten, so dienen sie zu nichts Anderem, als die Kräfte neu zu sammeln und desto entschiedener zu entfalten. DaS ist das Begehren nach der Freiheit der Kirche. Wenn man nun freilich viele Zeitungen und Flugschriften lieSt, so glaubt man: morgen sey eS aus mit dem Staate, wenn heute die Kirche frei würde, eS bliebe ihm gar Nichts mehr übrig, er sey rein überflüssig. ES ist dabei gar hübsch, daß dergleichen Blätter und Herren in dieser Angelegenheit ein so zärtliches Interesse am Staate und seinen Rechten, Schutzherrlichkeiten und Majestätsbefugnissen nehmen, da man doch weiß, wie sie sonst auf diejenigen Rechte und Gewalten, welche dem Staate in ihrer ganzen Ausdehnung zukommen und die er nur recht kräftig handhaben soll, so böse zu reden sind und ihm dieselben zu Gunsten der „Freiheit" entwinden möchten. Für Staatsmänner, die nicht verblendet sind, läge allein dain schon Grund genug, um zu sehen, waS zu thun sey. Ist denn aber wirklich solche Noth, bricht denn der Staat zusammen, wenn die Kirche frei wird? Sehet doch nur nach Belgien, England, Nordamerika — dort stellen die Regierungen nicht die Geistlichen an, erziehen sie auch nicht, eS gibt dort auch kein Placet, man kümmerr sich auch nicht darum, wie man die Kirchen baut und Altäre errichtet und Meßgewänver anschafft, und dennoch hat der Staat dort seine volle Gewalt. Doch, wir wollen in der Nähe bleiben, sehet nach, wie es in Frankreich, in Oesterreich, in Preußen steht! Das Alles ist demnach nur leerer Schein, man möchte gern Viel regieren, oder das katholische, daö christliche Leben, daS man nicht gern mag, möglichst einschränken. Beides aber ist vom Uebel. Wo ist auch nur Ein Eingriff, welcher von der Kirche, wenn ihr die gebührende Freiheit wird, in die Rechte des Staates gemacht wird? Will sie Mitwirkung bei den Anstellungen in Civil oder Militär, bei der Gesetzgebung, bei der Verwaltung deS StaatSvermögenS, will sie Verordnungen geben in bürgerlichen Dingen, Steuern auflegen, oder die Polizei in die Hand nehmen? AlleS daS soll und wird dem Staate bleiben und Niemand gönnt eS ihm mehr als die Kirche. Ja, aber die Kirche will frei, an Nichts mehr gebunden seyn! — Meinet ihr, sie verlange, daß ihre Diener oder die Gläubigen auch nur in Einem Puncte anders behandelt werden wollen, als auch die übrigen Unterthanen, oder daß sie sich über alle Anordnungen hinaussetzen wolle? O nein, sie verlangt, daß wer stiehlt, verleumdet, aufreizt, staatSgefährliche Verbindungen errichtet, wer kauft und verkauft, Testament oder Schenkung macht, geradeso behandelt werde, wie eS daS Gesetz für alle Unterthanen des Staates bestimmt hat. Die Kirche verlangt nur, daß sie in den Stücken, welche das Weltliche nichts angehen, daS thun darf, wozu sie auf der Welt ist. DaS ist doch gewiß nicht zu viel verlangt. Sie will singen und beten nach ihrem Gutdünken, Geistliche erziehen und anstellen, welche dieses thun nach ihrem Dafürhalten, sie will daS, waS die Gläubigen geschenkt haben, zum Gottesdienste und zur Erbauung verwenden nach ihrem Ermessen. Dabei will sie Niemanden zwingen, eS nimmt vielmehr Jeder nur nach seiner eigenen, freien Ueberzeugung Theil an Allem, was die Kirche unternimmt. Es ist dieß AlleS so sonnenklar, daß man gar nicht begreift, wie man sich dagegen nur immer so sehr sträuben mag! Allein, wendet man ein, der Staat muß sich vor dem Mißbrauche der Gewalt der Kirche wahren, was kann sie für Unheil gegen ihn anrichten! Mißtrauen ist eine schlimme Sache, besonders aber, wenn eS ungegründet ist. Alles, was in der Kirche gelehrt und gethan wird, ist so öffentlich wie etwas in der Welt; ihrer Wirksamkeit verdanken alle Staaten ihr eigenes Daseyn, eine zweitausendjährige Erfahrung 187 spricht entschieden gegen jenes Mißtrauen, wir wollen nicht reden von der Haltung der katholischen Kirche in den Stürmen der letzten Jahre. Sollte aber ein Mißbrauch von einzelnen Personen, waS stets möglich bleibt, je begangen werden, so hat der Staat das Recht und die Pflicht, solche Leute nach seinen Gesetzen zu strafen, und er thut wohl daran. Ein solches Mißtrauen ist um so schmerzlicher und kränkender, als die Kirche nichts Anderes will, als die Menschen zu Gott führen, also alles Böse auS ihnen entfernen, sie gewissenhast, zufrieden und tüchtig machen in jeder Art. Allein dieses Mißtrauen, welches der Staat gegen die Kirche, d. b. gegen die Bischöfe hegen will, ist eine Beleidigung und Zurücksetzung seiner eigenen, oft zahlreichsten Unterthanen. Die Katholiken schenken ihren Bischöfen und deren Stellvertretern das größte Vertrauen, welches einem Menschen nur gezollt werden kann, in den zartesten und geheimsten Angelegenheiten ihres HerzenS, und sie sind hierzu verpflichtet. Und nun kommt „der Staat" und verfolgt diese Männer mit Mißtrauen! Oder traut er seinen eigenen, katholischen Unterthanen nicht, müssen diese bewacht werden? dann ist keine rechtliche Gleichheit mehr vorhanden; davon wollen wir nicht reden, daß die Katholiken nie Anlaß gegeben haben zur Begründung eines solchen Mißtrauens. Endlich aber begehren die Bischöfe, wenn sie die Freiheit der Kirche verlangen, Nichts, als ihr gutes Recht, sie wollen keine Gnade, keine Gefälligkeit. Denn durch feierliche Verträge haben die Regierungen sich verpflichtet, den Bischöfen alles daS in der Ausübung zu gestatten, wozu sie nach der Gesetzgebung und der Anordnung der Kirche berechtigt seyen. Genau dieß und gar nichts mehr begehren die Bischöfe, und die Regierungen sollen alle kirchlichen Gesetze nachsehen und sollen daS Oberhaupt der Kirche befragen, ob die Bischöfe auch nur daS Geringste begehren, waS ihnen nicht nach den deutlichsten Bestimmungen unzweideutig zusteht Wir wollen hier nicht auf die Art und Weise eingehen, wie der Staat in den Zeiten der traurigsten Verwaisung und Zertrümmerung der kirchlichen Verhältnisse nach der französischen Revolution, dem ReichSdeputationshauptschluß und während der napoleonischen Kriege sich Vieles angeeignet hat, waS den Bischöfen angehört und auch bis dorthin stets angehört hat; wir wollen auch nicht enthüllen/ auf welche wenig erbauliche Weise man die feierlich eingegangenen Verpflichtungen rücksichtlich der Freiheit der Kirche, o. h. der Befugnisse der Bischöfe umgangen hat; wir wollen nur daS aussprechen, daß auch nicht der leiseste Grund besteht, aus dem der Staat auch nur Einen Augenblick Anstand nehmen könnte, die Forderung nach Freiheit der Kirche in ihrem ganzen Umfange und zwar bereitwillig, nicht erst nach langem Zögern und Drängen zuzugestehen. Er macht dann ein großes Unrecht gut, übt einen Act der Gerechtigkeit, befreit sich selbst von schädlichen Geschäften, weicht großen Mißständen aus und gewinnt für sich die beste und kräftigste Stütze: — eine aufrichtige und starke Hilfe in der Arbeit am Wohle der Menschen, da die Kirche mit allen ihren Mitteln nie etwas Anderes als dieß bezweckt hat und bezwecken will. (M. I.) Das erste National-Coneil in den Bereinigten Staaten. (Tablet.) Baltimore, 10. Mai. Ich bin vorgestern von Charleston hierher gereist, um bei der Eröffnung des ersten großen National-Concils der amerikanischen Kirche zugegen zu seyn. Alle Dampfboote und Eisenbahnen, welche nach Baltimore führen, waren seit einigen Tagen von Leuten gefüllt, die in derselben Absicht Hieher reisten. Sie wissen, die amerikanischen Bischöfe haben mehrere Provincial-Concilien gehalten; auf dem letzten, im Mai 1849, stellten sie dem heiligen Vater vor, eS sey sehr zu wünschen, daß mit der Auctorität des heiligen Stuhles sür daS folgende Jahr ein National- Concil berufen werde. Piuö IX. willfahrte der gemeinsamen Bitte der amerikanischen 183 Bischöfe, verschob aber das Concil bis 1852. In diesem Jahre erhielt der Erzbischof von Baltimore, Franz PatriciuS Kenrick, ein Schreiben deS heiligen VaterS, worin er ermächtigt wurde, ein National-Concil nach Baltimore zu berufen und demselben als Delegcit deS heiligen Stuhles zu präsidiren. Der Erzbischof lud nun die Erz« bischöfe, Bischöfe, Ordensobern u. s. w. auf den 9. Mai nach Baltimore ein. In der vorigen Woche kamen schon mehrere Prälaten und Geistliche an; die katholischen Familien in Baltimore nahmen alle Bischöfe und Priester in ihre Häuser auf, so daß keiner in einen Gasthof zu gehen braucht. Am Samstag kamen Tausende von Fremden aus New-York, Philadelphia, Boston, Charleston und den entfernten Städten des Westens an. Die Gasthöfe waren überfüllt; die Omnibus und Droschken fuhren beständig zwischen den Bahnhöfen und den verschiedenen Theilen der Stadt; an den Bahnhöfen erwarteten Gruppen von Neugierigen die Ankunft der Prälaten. Am SamStag Abend um 6 Uhr wurde die große Glocke im Dome gezogen und darauf in allen katholischen Kirchen geläutet. Die Bischöfe versammelten sich, um die Beamten deS Concils zu ernennen und die Ordnung, welche während desselben einzuhalten, festzusetzen. Zugleich wurden die sechs Commissionen gewählt, welche die Decrete vorbereiten. Die Namen der anwesenden Bischöfe sind: Erz bischöfe: Franz PatriciuS Kenrick (Baltimore), Franz Blanchet (Oregon), Peter R. Kenrick (St. Louis), Anton Blanc (New-OrleanS), Johann HugheS (New-York), Johann B. Purcell (Cincinnati). — Bischöfe: Michael Portier (Mobile), Mathias Loras (Dubuque), Richard P. MileS (Nash- ville), Johann Chanche (Natchcz). Richard V, Whclan (Wheeling), Peter Lefevre (Detroit), Johann Odin (Galveston), Michael O'Connor (Pittöburg), Johann M'KIoskey (Albany). Andreas Byrne (Little Rock), Johann Henni (Milwaukie), Jgnaz Reynolds (Charleston), Johann Fitzpatrick (Boston), Amadeus Rappe (Cleve- land), Johann Timon (Buffalo), Martin Spalding (LouiSville), Jacob Vandevelde (Chicago), Magloire Blanchet (Nesqually), Johann Alemany (Monterey), Bernard O'Reilly (Hartford). Franz Xav. Gartland (Savannah), Johann Mac Gill (Rich- mono), Johann V. Miege (Indisches Territorium), Johann Lamy (Neu-Mexico), de St. Palais (Vincennes) und der Bischof von Minisota. AIS Vertreter der religiösen Orden sind anwesend: Jesuiten, Joseph Aschwan- . der, Vice-Provincial von Maryland, W. Murphy, Vice-Provincial von Missouri, Clemens Bonlanger, Superior der Mission in Canada und New-York, und Anton Jourdant, Superior der Mission in New-OrleanS. — Trapp ist: Maria EutropiuS, Abt von St. Maria de Trappa in Kentucky. — Augustiner: PatriciuS Moriarty, Assistent und Generalcommissar. — Benediktiner: Bonifaz Wimmer, Superior.— Dominicaner: Robert Aug. White, v--. tkeol., Generalvisitator. — Lazarist: MarianuS Maller, Director der Barmherzigen Schwestern. — Sulpicianer: FranciS L'Homme, Superior deS Seminars zu Baltimore. — FranciScaner: / Wilhelm Untertbiner, Superior. — Redemp torist: B. I. Hackenscheid, Provincial. Im Ganzen waren 6 Erzbischöfe, 26 Bischöfe, 12 Vertreter von neun Orden, 38 Theologen der Bischöse und gegen 100 andere Priester zugegen. Am Sonntag Morgen zogen die Anwesenden in feierlicher Procession von der Wohnung deS Erz- bischofS zur Kathedrale. An der Spitze ging ein Seminarist mit dem Kreuze, begleitet von Akolythen und Thuriferarien, dann folgten die Seminaristen, die anwesenden Priester, die Theologen, die OrdeZS-Superioren, dann die Bischöfe im vollen Ornat und zuletzt der Erzbischof von Baltimore. Der feierliche Zug, der von dem herrlichsten Wetter begünstigt wurde, machte auf die Zuschauer einen tiefen Eindruck. Gewiß an 100 000 Menschen waren versammelt; die Straßen dicht gedrängt, alle Fenster und Balcone besetzt. Die Ruhe und Ordnung, welche selbst unter dem Pöbel herrschte, erregte die Bewunderung aller Fremden. Die Mitglieder eines katholischen Vereins begleiteten die Procession auf beiden Seiten, kamen aber kaum einmal in den Fall, die Prälaten gegen ungestümes Gedränge schützen zu müssen. 189 In der Cathedrale, die leider nur 3000 Menschen saßt, celebrirte der Erzbischof von Baltimore das Hochamt. Nach demselben hielt der Erzbischof von New-Uork, Dr. HugheS, die Predigt. Er ist ein Mann von sechzig Jahren, mit feinen Zügen, breiter Stirn und sanftem Blick. In seinem ganzen Wesen verbindet sich die Einfachheit eines Kindes mit der Würde eines Apostels. Während der Predigt herrschte in der Kirche die größte Ruhe. — Einige Stunden, nachdem sie gehalten war, muß man sie in New-Uork schon gedruckt gelesen haben, da sie unverzüglich von den Cor- respondenten der dortigen Blätter dorthin telegraphirt wurde. Nach der Predigt wurde das Concil unter den üblichen Förmlichkeiten für eröffnet erklärt. Bericht des apostolischen VicarS für Ceutralafrika. (Schluß.) Für die Katarakten von Ambnkol waltete keine Besorgniß, da der Reies von Dongola daS Wasser bis auf den letzten Stein kannte. Am 26. wurden die mittleren Strömungen ohne Schwierigkeit durchschifft; sobald eS aber an das Ziehen gehen»sollte, erhoben die Leute allerlei Schwierigkeiten, welche indeß die Festigkeit deS ReieS nach einiger Erörterung mit solchem Erfolg niederschlug, daß bis ein Uhr daS Schiff durch alle Krümmungen dieser Katarakte gebracht wurde und deS gleichen TageS noch bis in die Gegend von Tangua fuhr. Zwei Tage sodann kreuzte eS zwischen den Felsen, in welche von da an der Strom eingeengt ist; dann erst gelangte eS an die eigentlichen Katarakten von Tangua. Mittelst Segel und Seilen gewann eS die letzte gefährlichste Strömung, worauf eS wegen seichten WasserS bald vorwärts, bald rückwärts mußte gezogen werden, dabei einen Leck bekam, der erst auszubessern war, doch nicht hinderte, am gleichen Abend über die letzte Stelle dieses Kataraktes hinüberzukommen. DeS folgenden Tages stellte günstiger Wind sich ein. Die Gegend, nicht umsonst Baten-el-Hagiar (Bauch der Felsen) genannt, gewann allmälig ein freundlicheres AuSfthen; die Felsen, bisher immer den Fluß begränzend, weichen gegen die Wüste zurück, ein Saum üppiger Vegetation, jedoch bloß einige Klafter breit, zieht sich dem User entlang, knarrende Wasserräder (Salien) gellen wieder an daS Ohr. Das Schiff flog stromaufwärts; eine Stunde nach Mittag schwankte eS schon in dem Katarakt von Akasche. Auch über diesen half der kräftige Wind ohne Mcnschenhilfe. Um fünf Uhr wurde Angesichts der Trümmer eines ehemaligen katholischen Klosters auf der fruchtbaren Insel Kullub Halt gemacht, die Rastzeit zum Besuch von jenen verwendet. Mit dem kommenden Tag stand der Katarakt von Dal in Aussicht. Er hat eine Länge von drei Stunden. Am Firmament traten Anzeichen einer nahen Wit- terungSveränderung hervor. Sie blieb nicht auS. Ein heftiger Wind trieb daS Schiff im Nu vor den Katarakt. Der wackere ReieS von Dongola hatte bald den Ueberblick gewonnen. Er wagte eS, die Segel aufspannen zu lassen, um bloß mittelst deS WindeS durch die Stromschnellen daS jenseitige Ufer zu gewinnen. Schäumend schlug das Wasser von allen Seiten in daS Schiff; dennoch durchschnitt eS die Wogen und Strömungen, ohn« zu wanken; wehe aber, wenn eS anstieß! Der NckS und der Steuermann gedachten, knapp an dem Felsen die Strömung abzuschneit cn; allein der Wind blies zu heftig, das Wasser wälzte sich zu mächtig, rasch mußten die Segel gerefft werden, um deren Zerreißen und den Bruch deS MastbaumeS zu verhüten. Indeß stieg der Wind von Minute zu Minute, in Wolken wirbelte er den Sand auf; daS Schiff war aufgefahren. Die schwarzen Matrosen springen in den Strom, bemühen sich mit ihren Schultern, eS zu heben. Zum Glück war der Felsen flach unv vom Wasser geglättet; so hatte ihre Anstrengung den gewünschten Erfolg. In zwei Stunden war der Katarakt von Dal, wozu nach allgemeiner Aussage bei bloßem Ziehen zehn Tage kaum hingereicht hätten, dann noch eine weitere Strecke von neun Meilen zurückgelegt; an der Insel Differnati wurde die Nacht zugebracht. 190 Hier beginnt ein gesegneteres Land, eine gesichertere Fahrt. An beiden Ufern wechseln Dattelwälder mit grünen Gefilden. Am letzten Tage des scheidenden JahreS erreichten die Reisenden die Insel Seid, die Wohnstätte des vornehmsten ScheikhS der mohamedanischen Bcrberiner. Der ReieS von Dongola und die Matrosen statteten demselben ihren Besuch ab; zu solchem fand er mit Geschenken auf dem Schiffe sich ein. Der Beginn des eben eingetretenen JahreS war in so fern nicht so glücklich, wie das Ende des abgelaufenen, als Windstille eintrat und bei dem Ziehen das Schiff nur langsam vorwärts kommen konnte. Erst am 3. Januar stellte wieder einiger Wind sich ein, der zwischen den zahlreich bewohnten Nilinseln hindurch eine angenehme Fahrt gewährte. Ueberall standen an den Ufern Schaaren von Menschen, die mit Freudengejauchze das ungewöhnliche Schiff begrüßten, was mit Aufziehen der Flaggen und einer Kanoncnsalve erwidert wurde. Auf diese zwar verliefen sich im ersten Augenblick die Massen, kehrten aber bald jubelnd wieder zurück. Eben so mit Zuschauern gefüllt war der Landungsplatz bei Kouke am Abend des 3. Januars, vor welchem, noch eine Stunde entfernt, der Katarakt von Kazhbar wartete. Er zeichnet sich vor den andern durch seine Seichtigkeit aus, und verursachte Mühsal bloß durch öfteres Auffahren und wieder Flottmachen deS Schiffes, waS eine Zeit von sechs vollen Stunden erforderte. Merkwürdig! hier hat das Wasser eine Tiefe von bloß 2—4 Fuß, indeß oberhalb eine Stange von eben so vielen Klaftern den Grund nicht erreichen würde. Für die Strömungen von Taba wäre auf den folgenden Tag Wind besonders erwünscht gewesen; aber er blieb aus, was zu dem langsameren Ziehen, zu früherem Landen nöthigte. Der heilige DreikönigStag wurde auf Mossul gefeiert, wo bis zu Mittag das Quecksilber von 12 auf 45 stieg. Der dortige Scheikh lud die Fremdlinge zum Mahl und speiste die gesammte Mannschaft durch zwei Tage. Am 7. Januar half wieder der Wind den Ziehenden bis zum Eingang in den letzten Katarakt vor Dong-ola, der für den 8. aufgespart blieb. In der Nacht aufsteigender Wind ließ eine rasche Fahrt hoffen. Sie war eS Anfangs, aber nach einer halben Stunde blieb das Schiff im Schlamme stecken, auö dem es nur mir großer Mühe konnte herausgearbeitet werden. Bald darauf stieß es auS Unvorsichtigkeit deS Schiss- reieS mit solcher Gewalt auf einen Felsen, daß alles Geräthe zusammenkugelte. Zum Glück traf der Stoß nur das Vordertheil. Dennoch sank bei den Matrosen daS Vertrauen zu dem Winde; die Ziehcr mußten zusammengerufen werden, um daö Schiff wieder flott zu machen. Die letzte große Strömung gab noch viel zu schaffen; doch nach einer Stunde war auch diese überstanden und im Flug durchschnitt die 8te!Ia mstutins den bewegten Strom oberhalb TumboS. Von beiden Ufern lief abermals Alles herbei und schrie verwundert: „Ein eisernes Schiff schwimmt über daS Wasser!" Und noch mehr verwundert waren die Landesbewohner, überhaupt bei diesem Wasserstand ein Schiff die Katarakten hinaufkommen zu sehen. Um sechs Uhr AbendS landeten die Missionäre in der herrlichen Gegend von Hasir. DaS allmälige Rasten deS WindeS hätte es unmöglich gemacht, am folgenden Abend in Dongola einzutreffen, würde nicht Herrn KociancicS Festigkeit den ReieS gezwungen haben, auch durch die Dämmerung die Fahrt fortzusetzen, so daß die Stadt eine Stunde nach Sonnenuntergang mit den üblichen Salven konnte begrüßt werden. Ungesäumt verfügte sich Herr Kociancic zu dem Mudir, Horschub Bey, um ihm seinen Dank für die Uebersendung deS ReieS abzustatten, sodann ihn um Handreichung für die fernere Fahrt zu bitten. Der Missionär war überrascht, in dieser fernen Gegend einen so gebildeten Mann zu treffen; dieser dagegen bezeugte seine Freude, daß jener mit seiner Fahrt daS Unglaubliche geleistet habe. AIS der Mudir sodann das Schiff besuchte, setzte ihn Alles in Verwunderung, Alles ließ er mit dem lebhaftesten Interesse sich weisen, stellte auch manche Frage über die Vorgänge in Europa und in Egypten. Im Divan hernach, welchem Herr Kociancic beiwohnte, wurde die Weiterfahrt über Abusamed beschlossen, der Lohn für die Zieher festgesetzt. Ueber diese Fortsetzung der Reise steht der Bericht noch zu erwarten. 191 Diesem mag noch aus einem zweiten nach Chartum gerichteten und von da zur Kenntniß des Comites genannten Bericht aus Dongola vom 15. Januar Nachstehendes folgen: „Von drei Tagreisen her und noch weiter kommen die Leute, um zu sehen. Das Erste, waS ihnen am Herzen liegt, ist Maria. Gott weiß, wer ihnen das bekannt gemacht hat. Mit lauter Stimme, mit aufgehobenen Händen bitten sie, wenn wir sie nicht auf daö Schiff lassen, wir möchten wenigstens die Fenster (der Capelle öffnen); sobald sie dann Maria erblicken, schreien sie laut auf. Selbst von zwei kleinern Gemälden verbreitet sich weit durch das Land der Ruf. Das Zweite, was die Eingebornen anzieht, ist daS Schiff. ES scheint ihnen ein Wunder, daß Eisen schwimme. Manche glauben, wir hätten daS Schiff auf unsern Rücken über die Katarakten hinausgetragen. Andern ist AlleS unbegreiflich; den ganzen Tag im Staube gekrümmt, staunen sie das Schiff an und schweigen, als harrten sie neuer Wunder. „„So etwas habe ich in meinem Leben nicht gesehen"", ist oft der einzige Laut, der sich vernehmen läßt. Stell» mstutins, die unter GotteS und Mariens Schutz so große Gefahren überstanden hat, fortan siegesfreudig dem Lande der Neger zusteuern wird, ist eine Blüthe der werkthätigen Nächstenliebe; ist eine Perlenkrone, die sich vie Katholiken durch ihren Beistand zum Heile deS Südens geflochten haben; ist der Triumph Oesterreichs, dessen Macht und Ehre die vom Schiffe flatternde Fahne den staunenden Negern verkündet; ist der Triumph der Mission, die zu neuen Triumphen, zum Triumphe des Christenthums, den Weg bahnen wird!" Dem können wir auS einem kurzen Schreiben des Herrn ProvicarS — Chartum, den 10. Februar — noch beifügen: „Die Stell» mstutins hat eine wahre Riesensahrt zu Verwunderung der überraschten Nubier zurückgelegt. Wir erwarten sie hier in der ersten Hälfte des Märzes. — Meine Gefährten beschäftigen sich häufig mit den hiesigen Einwohnern und mit Vorbereitungen zu der Expedition auf dem weißen Strom, wo bereits ein von mir zurückgelassener Missionär seit Beginn des verflossenen Jahres unter den Bari-Negern den Nachkommenden den Weg bereitet. Auch von diesem hoffe ich mit Anfang des künftigen MonatS Berichte über seine Erfolge zu erhalten. Drei unverdächtige Zeugen über die Gesellschaft Jesu. Der Encyklopädist d'Alembert war bekanntlich in seinem Haß gegen die Kirche weit kälter, in seinem Grimm gegen dieselbe ungleich schneidender, als der Patriarch dieser sogenannten Philosophen: Voltaire. Dennoch sah selbst d'Alembert sich gezwungen, in seinem Artikel: „Abschaffung der Jesuiten" der Wahrheit in so weit wenigstens Zeugniß zu geben, baß er eingestehen mußte, die wissenschaftlichen Celebritäten der Gesellschaft ständen keinen andern nach. „Man muß billig seyn, sagt er. Keine Ordensgesellschaft ohne Ausnahme hat einer so großen Zahl berühmter Männer in allen Wissenschaften und in der Literatur sich zu rühmen. Die Jesuiten haben in allen Fächern mit Erfolg sich bewährt. Beredsamkeit, Geschichtsforschung, Alterthumskunde, Geometrie, tiefe und angenehme Literatur, eS gibt keine Classe von Schriftstellern, unter denen die Gesellschaft nicht Männer ersten Verdienstes aufzuweisen hat." Durfte der große Astronom und entschiedene Atheist La lande einen ClaviuS, «inen Ricciola und Grimaldi, welche Galilei'S System durch unumstößliche Versuche erhärteten und von denen letzterer KepplerS Sternencatalog mit 505 Sternen bereicherte, einen P. Scheiner, der lange vor Galilei die Sonnenflecken beobachtete, einen Grünberger, der die höchst merkwürdige prospeetivs novs coelestis verfaßte, einen Lecomte, der zuerst auf die Trabanten-Finsternisse aufmerksam machte, seinen Zeitgenossen BoScowich, den die königliche Gesellschaft der Wissenschaften zu London unter ihre Mitglieder aufnahm, so viele andere, welche in der Wissenschaft der Astronomie sich hervorgethan haben, mißkennen? Sie sammt solchen, welche in andern Fächern des Wissens sich hervorgethan haben, würdigend, sagt er in seinen „philosophischen 192 Jahrbüchern" von dcr Gesellschaft überhaupt: „Ich habe sie in der Nähe gesehen, eS war eine Helc>enschaar. Der Name Jesuit übt auf mein Herz, meinen Geist und meine Dankbarkeit Anziehungskraft auS. Carvalso und Choiseul haben das schönste Menschenwerk, den ewigen Gegenstand meiner Dankbarkeit und meiner Bewunderung und welchen nie irgend eine Anstalt unter'dem Monde gleichkommen wird, unwiederbringlich (?) zerstört." Dann sagt er an einem andern Ort: „Das menschliche Geschlecht hat jenen kostbaren und staunenswerthen Berein von zwanzigtausend Individuen, welche unausgesetzt und uneigennützig mit dem Unterricht, der Predigt, der Mission, mit Wiederaussöhnungen, mit dem Beistanv der Sterbenden, mit einem Worte, mit den der Menschheit theuersten und nützlichsten Leistungen, beschäftigt war, für alle Zeiten eingebüßt." — Was wäre aber der ehrliche Atheist gegen den verantwortlichen PillerSdorf? Hätte jener im Jahre 1848 in Wien gelebt, er hätte sich'S müssen gefallen lassen, den Jntelligenzlosen beigezählt zu werden. Der driite unserer Zeugen ist zwar ein Erzbischof, aber weniger als Kirchen- fürst, denn durch seine Unterwürfigkeit vor der Jmperatorengewalt Bonaparte'S ausgezeichnet: der aufgedrungene Bischof von Mecheln de Pradt, Auch er kann nicht umhin, auszurufen: „Welch' eine Richtung war dieses unter den Menschen! WaS sind die anspruchslosen Tugenden anderer Ordensgeistlichen gegen diese Männlichkeit des Genies? Wirklich, wie hat der Orden auch gelebt, wie ist er unterlegen? Dieses nach Art und Weise der Titanen — den vereinten Blitzen aller Götter deS irdischen Olymps. Hat der Anblick des TodeS seinen Muth erkältet? Ist er einen Schritt vor demselben zurückgewichen? ^ut 8int. ut sunt, gut non sint, lautete sein Bescheid. Das heißt aufrecht und nach Art der Cäsaren sterben. Wer könnte St. JgnatiuS und seiner Stiftung den Titel groß versagen? ES wäre eine gewaltige Unbill, ihnen in der Hierarchie der Macht des menschlichen GenieS den ersten Platz zu verweigern. Loyola war ein großer Eroberer, er besaß das Genie zu Eroberungen. Ja, JgnatiuS war groß, groß unter den Großen, von einer bis auf ihn unbekannte» Größe. Ein Eroberer einer neuen Art, hat er zwei Jahrhunderte hindurch mit wehrlosen Mönchen sich die Welt zu eigen gemacht. Er hat in die Mitte der Welt einen Baum mit unvergänglichen Wurzeln gepflanzt, welcher unter dem Beil, daS ihn verstümmelte, neue Lebens- und Triebkraft erlangt. Wenn dieß keine Größe des Genies ist, so sage man doch, worin denn eS bestehe. Es geziemt der Mittelmäßigkeit nicht, Colosse in Erz zu gießen." (W. Kirchenztg ) Berlin. Berlin, 22. Mai. In der Mark Brandenburg gedeiht die katholische Kirche auf eine höchst erfreuliche Weise. Die Seelenzahl mehrt sich von Monat zu Monat. So sind z. B. in Neustadt-EberSwalde vor Kurzem cilf erwachsene Personen mit ihren Kindern, zusammen fünfundzwanzig Personen, in den Schooß der Kirche aufgenommen worden, und acht Erwachsene sind wieder im Unterrichte. Möge die erbarmende Liebe unserer GlaubenSbrüder in der Ferne unS beistehen, damit dem Seelenhunger so vieler kleinen Gemeinden des Delegatur-Bezirkes, die kaum einmal deS Jahres einen Priester sehen, Genüge geschehen könne, Wohl hat der Himmel in den letzten Jahren wunderbar geholfen, denn die Zahl der Seelsorgerstellen ist innerhalb acht Jahren verdreifacht worden, aber noch brauchen wir wenigstens fünf Priester, um den dringendsten Bedürfnissen zu genügen, Was sind in Berlin selbst für 2O,vl1t> Seelen der Civilgemeinde fünf Curatpriester, von denen der eine noch zwei Drittheile seiner Zeit am Schreibtische zubringen mußl — Der zum Feldpropst für den katholischen Bestandtheil der Armee vom Könige bestellte westfälische Geistliche, Herr Menke, ist vor einigen Tagen hier eingetroffen und hat seine Funktionen begonnen. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. E. Aremer.