Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augswrger PostMtung. 20. Juni SS. 185s. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementsvreis kr., wofür es durch alle königl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezöge» werde« kanu Der Freimaurer-Orden in seiner wahren Bedeutung. I. Unter dieser Aufschrift hat der Advocat Eduard Emil Eckert neuerdings zu Dresden ein Buch herausgegeben, welches mit einer Vollständigkeit, wie nie bisher, alle irgend wie zur Kcnnlniß gelangten Aclenstücke über den Freimaurer-Orden umfaßt und von-unschätzbarem Werthe für die richtige Beurtheilung dieser von der katholischen Kirche wiederholt feierlichst ercommunicirlen geheimen Verbindung ist. Indem ich das interessante Buch allen denen angelegentlich empfehle, welche bei Hellem Tage nicht im Finstern tappen wollen, vermeine ich der guten Sache einen Dienst zu erweisen, wenn ich in nachfolgenden Artikeln daraus eine kleine Aehrenlesl gebe und mit der Beleuchtung der Slellnng deS Ordens zur Kirche und zum positiven Christenthum beginne. Hier wird der Grund klar und deutlich werden, warum Papst Clemens XII. und Benedict XIV. den Freimaurerbund verworfen unv alle Katholiken, welche ihm beitraten, von der Kirche und ihren Seg-> nungen ausgeschlossen, eine Bestimmung, die noch bis heute in Kraft besteht, wcß- halb alle Absolutionen, welche ein Freimaurer von einem mit seiner Mitgliedschaft unbekannten oder sie ignorirenden Priester im Beichtstuhl erlangt, ungillig, kraftlos und gottesränberisch sind, so lange derselbe im Ordcnsverband verbleibt. Warum also diese Strenge der Kirche gegen einen Orden, der nach der vulgären Meinung nur edle wissenschaftliche und sittliche Zwecke verfolgen soll? Mit Recht findet Eckert es von vornherein sehr bedenklich, daß diese edlen Zwecke in das tiefste Geheimniß verhüllt und mit zwölf Eiden verklausnlirt werden. Denn besäße der Bund wirklich eine höhere Einsicht in die göttlichen Dinge als wir gewöhnlichen Menschenkinder, eine Einsicht, welche der Menschheit eine größere Vollkommenheit ermöglicht, als sie thalsächlich har, so wäre eine sittliche Nothwendigkeit da, dieß Licht mit seinem ganzen Glänze leuchten zu lafftn; denn offenbar hat der Weise die Pflicht, seine Weisheit zum Gemeingut zu machen, widrigenfalls er pflichtvergessen und unweise handelt und den gerechien Verdacht erregt, baß sein Vorgeben lügenhaft und seine Devise eine falsche Maöke sey. Oder besitzt der Orden außerordentliche Mittel zur sittlichen und gesellschaftlichen Erhebung der Menschen? Aber wie darf derselbe diese dann vorenthalten und nur wenigen Auserwäbllen knnd geben? Ist in diesem Fall das Geheimniß nicht unvernünftig und unmoralisch? Vernunft und Moral fordern die öffentliche Bekanntmachung aller guten Mittel zur Heilung der sittlichen und gesellschaftlichen Wunden der Völker. Es handelt somit der Orden unverantwortlich, wenn er seine angebliche Vorlrefflichkeit der Welt verbirgt, und wir haben das Recht, an der Güte seiner Zwecke zu. zweifeln, weil daö Gute di.> Finsterniß haßt. Dagegen heißt es: Wer böse ist, hasset daS Licht und kommt nicht .YNl,g7(lttß. 7?M5m6. ans Licht, damit seine Werke nicht offenbar werden. Oder ist es wahr, daß Wohlthätigkeit des Ordens letzter Zweck ist? Die ächte Wohlthätigkeit geht zwar ver. borgene Wege; allein ein Mal weiß man, daß der Orden seine Wohlthätigkeit in erheblichem Maaße nur auf die Ordensbrüder auSvehnt, und könnte man auch die Uneigennützigkeit seiner Liebe in ihrer Ausdehnung auf alle Menschen nachweisen, müßte eS nicht, sofern Wohlthätigkeit deS Ordens Envabsichl wäre, unverständig und lächerlich erscheinen, diesen Zweck in das Geheimniß zu hüllen und die Mitglieder mit einer Menge schrecklicher Eide zu verpflichten, denselben gegen Niemand zu offenbaren? Kein vernünftiger Mensch wird darum läugnen, daß Eckert Recht hat, wenn er sagt: „Mag nun Wohlthätigkeit, Wissenschaft, Moral oder Religion als Zweck genannt werden, keiner dieser Zwecke verträgt sich noch heute mit der ängstlichen Geheimhaltung, mit den Verschwiegenheilseiden bei jeder Graduirung, selbst den Brüdern unterer Grade gegenüber." Entweder ist also der Orden eine große Spielschule für erwachsene Kinder, roaS Keinem einfallen wird zu behaupten, oder seine Zwecke vertragen sich nicht mit den religiösen und sittlich-gesellschaftlichen Grund-- principicn, wie sie durch das Christenthum gelehrt und realisirt werden. Dieses letztere nachzuweisen wird nicht schwer fallen und kann unmöglich die Bemerkung eines höchst oberflächlichen Correspondenten der schlestschen Zeitung dagegen etwas verfangen, wenn er, um den Freimaurerbund gegen allen Ärgwohn sicher zu stellen, hervorhebt, daß hohe Persönlichkeiten, welche ein Interesse haben, alle religions- und staatSgefährlichen Tendenzen niederzuhalten, demselben angehörten; denn wahrscheinlich weiß derselbe nicht, daß die meisten OrdenSglieder in höchster Unkenntniß über die veschworenen Geheimnisse des Ordens sind, so daß es durchaus nicht auffällig ist, wie Männer in.ihm arbeiten und mit Geld und Ansehen ihn unterstützen, welche niemals ihre Hand bieten würden, wenn sie klar erkennten, welche Tendenzen alö letzte Absicht verfolgt werden. Aeußerst wichtig ist zur Charakterisirung des religiösen Standpunctes im Freimaurerorden die „kritische Geschichte der Freimaurerei von Feßler", welche als Manuscript von der Großloge an die einzelnen Logen abschriftlich vertheilt worden, die also alö authentische Urkunde zu betrachten. Hier lieSt man (ok. Eckert pgZ. 120): „In der Behandlung war ich weder Lutheraner noch Calvinist, nicht Katholik, nicht Atheist noch Deist, nicht einmal Christ; so mußte es denn auch kommen, daß mir der JesuS, wie ihn die Vernunft anerkennen und das edlerfühlende Herz verehren und lieben muß, unmöglich der Jesus der Kirche und der Theologie werden konnte." Dieß Bekenntniß deS nackten Unglaubens an Jesus Christus als Gottessohn wird 122 erläutert und verstärkt durch die Auslassung: „JesuS wollte weder das Jubenthum reformiren, noch eine neue religiöse Secte bilden, noch auch eine Kirche errichten, sondern unter dem von ihm errichteten Reiche bloß den Zweck deS essäischen Bundes theils erweitern, theils allgemeiner machen, theils unter einer einfacheren und der Vernunft angemesseneren Hülle verbergen." Im weiteren Verlauf wird dann die Gründung der Kirche durch die Apostel und die bekehrten Juden als ein Erzeugniß der Unwissenheit und Beschränktheit erklärt, indem dieselben ihre Synagogenverfassung nicht hätten vergessen können, „weßhalb sie dahin gearbeitet, daS von Jesu gestiftete Reich GotteS in eine synagogenartige, d ogmatisirende, verfolgende, herrschende Kirche zu verwandeln." Man hat hier also so viel Blasphemien als Worte oder Sätze. Unmöglich kann für daS Angeführte blos Feßler persönlich verantwortlich gemacht werden; denn seine Schrift ist Eigenthum der Großloge; diese hat Abschriften von selber versandt; sie hat somit die in dem Manuscript klar gelehrte Verläugnung der Gottheit Christi und die hierin insinuirte Erklärung deS christlichen Glaubens und der christlichen Kirche als Product der Unwissenheit und des mindc, stenS unabsichtlichen Betruges nicht gemißbilligt und verworfen, sondern durch Verbreitung dieser Lehren offen kund gegeben, daß die Verläugnung ver christlichen Grundlehren sich mit dem Zwecke deS Ordens wohl vertrage. Wenn daher auch in dem 195 Manifest, welches die Ordensobern in Deutschland unter dem Großmeisterthum des Herzogs von Braunschweig im Jahre 1794 erließen, gesagt wird: „Durch daS Christenthum hat der Bund seine Consistenz erhalten; daS Christenthum hat ihn ausgebildet; die Göttlichkeit des Christenthums war die Hauptgrundlage seiner Lehre und seiner Zwecke/' so ist doch unzweifelhaft, daß diese angebliche christliche Grundlage schon seit lange dem Orden abhanden gekommen. Faciisch hat derselbe dieß anerkannt durch die Aufnahme der Juden in die Verbrüderung, und die vorzüglichsten maurerischen Sprecher bestätigen mit Worten, was der Orden in der That sanctionirt hat. Man wolle bei der folgenden Darlegung der antichristlichen und antikirchlichen Bestrebungen im Freimaurerbunde nicht übersehen, daß kein Ordensbruder eine Rede halten oder drucken lassen darf, die nicht von den Obern approbirt ist. Somit sind sämmtliche Auslassungen Ansteht deS OrdenS, nicht einer Person. In der Zeitschrift für Freimaurerei, als Manuscrivt für Brüder gedruckt zu Altenburg 18Z3 (es. Eckert psg. 255) wiro die Zerstörung alles posiiiven Christenthums intendirt, indem gesagt wirv: „Einigung der verschiedenen Kirchengenossen in der naturlichen Religion, Gleichheit der Rechte und Ansprüche, gemeinschaftliches Vergnügen und gemeinschaftliches philanthropisches Wirken sollen die Verbrüderung befestigen." Ebendaselbst wird nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß die Gottheit unpersönlich und daß die eigentliche Gottheit die Menschheit sey; denn der Bruder Maurer meint: „Man würde unö (die Maurer) der Abgötterei beschuldigen, wenn wir die Idee von Menschheit als moralische Person ebenso personificiren wollten, wie man die Gottheit zu personificiren pflegt." DeS Pudels Kern also ist nach diesem Geständniß: Wir Maurer würden unsern Unglauben an Gott offen verkünden und an die Stelle deS christlichen GotteS die Menschheit setzen, wenn wir nicht glauben müßten, daß man uns für Abgötterei hielte. Wenn der Atheismus unter den Fittigen deS Maurer- thumS Platz hat, wie sollte das Christenthum daselbst auf große Ehre Anspruch machen? Wer kann cS daher dem Prediger am neuen israelitischen Tempel zu Hamburg, Gotthold Salomon, Mitglied der Loge „zur aufgehenden Morgenröthe im Osten" zu Frankfurt a. M., verübeln, wenn er in einer Logenrede ausruft: „Warum findet sich in dem ganzen maurerischen Ritual auch keine Spur von einem kirchlichen Christenthum? Warum wird der Name Christus nicht ein einziges Mal genannt, weder im Eivc, noch im Gebet, daS bei geöffneter Loge oder bei der Tafellogc verrichtet wird? Warum zählen die Maurer nicht von der Gvburt Christi, sondern wie die Juden von Erschaffung der Welt? Warum ist in der Freimaurerei kein christliches Symbol? Warum Zirkel, Winkelmaaß, Waage? Warum nicht daS Kreuz und die andern Marterwerkzeuge? Warum statt „Weisheit, Stärke und Schönheit" nicht daS christliche Trio: „Glaube, Hoffnung, Liebe?" Und Gotthold Salomon antwortet ganz recht: Alleö das sey so und nicht anders, „weil ein kirchlich-christliches Maurerthum der schreiendste Widerspruch, wie ein eckiger Zirkel, sey." DaS Maurerthum hat mit dem wahren Christenthum nichts zu schaffen. Deßhalb, als man zu Berlin die Juden nicht aufnehmen wollte, schrieb auch Graf Fernig, Vice-Präsident aller französischen Logen an vr. Verend: „daß man in ganz Frankreich den Maureraspiranten nur nach seinem Leben, nicht nach seinem Glauben frage; der Gott der Maurer habe keinen besondern Namen; eS sey der große Baumeister deS Universums, und, fährt er fort: „die religiösen Vorurlheile deS Mittelalters (daS Christenthum) bewahren, heißt daS Gesetz deS Fortschritt« läugnen; vorgeben, daß die Freimaurerei vo« christlicher Aera sich herleite, daS heißt die feierliche Ueberlieferung der königlichen Kunst verkennen; wir waren früher als die Stiftung der christlichen Religion." Der Sinn all dieser Thorheiten ist der: die Freimaurerei will auch nicht einmal christlich scheinen! Bruder Kloß, der gelehrteste Maurerschrifisteller, Professor und Medicinalrath, ist darum auch sehr ungehalten gegen die, welche die Logen noch mit einem christlichen Anstrich versehen wollen; er hielt 1344 in der Meisterloge zur „Einigkeit« einen Portrag: „über die Unstatthaf- 196 tigkeit deS Versuchs, ein positives Christenthum in die Freimaurerlogen hineinzuziehen," worin er bemerkt, daß 25W Logen an den Grundsätzen festhielten, welche die Behandlung positiv christlicher Gegenstände verböten. Ihm schließt sich an ein evangelischer Prediger zu Frankfurt a, M., welcher in der „Latomia" erklärt: daß auf der ganzen Erde nur die drei Berliner Logen specifisch christlich zu seyn prätendirten. Um das Maaß voll zu machen, wollen wir noch ein Paar Juden abhören. Der Eine, Dr. M. H eß, schreibt in der von einem evangelischen Prediger redi- girten „Latomia": Wenn Maurerlogen sich als christliche Institutionen betrachten und Nichtchristen den Zutritt nicht gestatten, so vergessen sie die wesentlichste B-stim- mung der Maurerei: daS im Menschengeschlechte wieder zu vereinigen, waS durch kirchliche Meinungen wie durch bürgerliche Verhältnisse von einander geschieden ist. Verliert die Maurerei diese ihre Bestimmung auS dem Auge, so dient sie nur, Irrthümer und Vorurtheile zu befestigen, von welchen die geläuterte Religion die Menschen zu befreien trachtet." WaS der Jude unter Irrthümern und Vorurtheil, so wie unter geläuterter Religion versteht, geht deutlich auö der Fortsetzung hervor, wo derselbe in unnachahmlicher Schamlosigkeit das Christenthum verhöhnt, wen» er sagt: „Zwar stürzt ein Stein nach dem andern von der dichten Mauer, welche Männer, deren Lebenselcment die Finsterniß ist, aus heiligem Trug und Satzung, auö Sagen und Legenden aufgeführt haben, um dem Licht der Vernunft (dem religionslosen Mauschellhum) den Zugang zu versperren und den blinden Glauben mit seinem Liede: blinden Gehorsam, unversehrt zu erhalten..... Die Maurerhallen waren eö, wo unter dem Schutze des Geheimnisses Edle (?) auS allen Classen und Ständen die Grundsätze lehrten und inS Leben riefen, die in der profanen bürgerlichen Gesellschaft noch als Ketzereien und frevel, hafte Neuerungen verpönt waren." Der Jude Heß wird noch übertroffen von dem Juden Ludwig Borne, welcher als Mitglied des Freimaurerbundes 1333 eine Rede hielt, worin derselbe ausführt: Die Herrschaft wurde geboren, mit ihr die Sklaverei. Die Bösen hielten Rath, ihre Herrschaft zu befestigen und ersannen daS Christenthum und benutzten cS, eine blutige Zwietracht unter die Menschen zu bringen. Dagegen verband sich der Maurerorden (es Eckert pgg. 261 ff ). Ich könnte noch zahllose authentische Belege auS dem vortrefflichen angezeigten Buch beibringen, um zn beweisen, baß der Maurcrorcen der Kirche und dem christlichen Glauben feindlich entgegenstehe, daß in seinen Hallen die Glaubensgleichgilligkeit privilegirt und selbst der Atheismus geduldet sey; allein für unsern Zweck sey eS dießmal genug. Jeder Kacholik, will er nicht Verrath an Kirche und Glauben üben, muß sich von diesem Bunde fern halten, unv wo er aus Unwissenheit sich ihm hingegeben, ihn verlassen. Das strenge VerwerfungSurtheil der Kirche, das sie über die Freimaurerei gefällt, steht gerechlfenigt da und würde selbst dann gerechtfertigt erscheinen, wenn wir weniger von der Maurerei in ihrem antichristlichen Charakter wüßten; denn eine Thalsache ist, daß Katholiken, die sich der Maurcrei zuwende», fast durchschnittlich ihre kirchlichen Pflichten sträflich verabsäumen, die Sacramente meiccn und dem JndiffercntiSmuS verfallen, von dem der Herr in der Offenbarung sagt: Weil du nicht kalt noch warm bist, darum will ich dich ausspeien auS meinem Munde. (Fortsetzung folgt.) " Religiös-politisches Glaubensbekenntniß des Marquis von Bal- degamas (Donoso CorteS.) An Herrn Herausgeber des „Heralbo." Paris, 15. April t8S2. Mein Herr! Der „Heraldo" (vom 8. d. M.) enthält einen Artikel, welcher der Vertheidigung deS Rationalismus, deS Liberalismus und deS Parlamentarismus gewidmet ist. Sie zählen dort lobend alle die kostbaren Vortheile der freien Erörterung auf und citiren, um Ihre Lehren zu stützen, gewisse Worte, die ich im Jahre 197 1336 im Athenäum zu Madrid gegen das göttliche Recht der Könige ausgesprochen habe, Worte, die Sie beredt nennen, während sie höchstens wohlklingend waren. Ich glaube, Sie daran erinnern zu müssen, daß ich bereits seit langer Zeit dergleichen Lobsprüche nicht mehr verdiene, und daß ich in Bezug hierauf von Ihnen nur Vergessenheit oder Tadel fordern kann. Zwischen Ihren Ansichten, welche ich selbst theilte, als ich noch ein junger Mensch war, und denen, zu welchen ich Mich jetzt bekenne, besteht ein vollständiger Widerspruch und eine unüberwindliche Verschiedenheit. Sie glauben, daß der Rationalismus das Mittel sey, zur Vernunft, der theoretische Liberalismus, zur praktischen Freiheit, der Parlamentarismus, zu einer guten Regierung zu gelangen; baß die freie Forschung in Wahrheit das Mittel zum Zweck, daß endlich die Könige nichts Anderes als die Verkörperung des mensch, lichen Rechtes. Ich glaube im Gegentheil rücksichtlich des Rechtes, daß daS menschliche Recht nicht eristirt, und daß es kein anderes Recht gibt als das göttliche Recht. In Gott ist das Recht und die Concentration aller Rechte; im Menschen ist die Pflicht unv die Concentration aller Pflichten. Der Mensch nennt sein Recht den Vortheil, der fin ihn aus der Erfüllung der Pflicht des Andern, die ihm zu gut kommt, hervorgeht: das Wort Recht ist auf seinen Lippen ein fehlerhafter Ausdruck. Wenn er noch weiter geht, und seinen fehlerhaften Ausdruck in Theorie verwandelt, so entfes, seit diese Theorie die Stürme auf der Welt. Die freie Erörterung, wie Sie dieselbe verstehen, ist nach meiner Ansicht die Quelle aller möglichen Irrthümer unv der Ursprung aller denkbaren Ertravaganzen. WaS den Parlamentarismus, den Liberalismus und den Rationalismus betrifft, so glanbe ich, daß der erstere die Negation der Regierung, der zweite die Negativ» der Freiheit, der dritte die Affirmation der Narrheil ist. Was bist du denn aber, wird man mir sagen, wenn du weder für die freie Erörterung, wie sie in der modernen Welt verstanden wird, noch liberal, noch rationalistisch, noch parlamentarisch bist? Bist du Absolutist? Ich würde Absolutist seyn, wenn der Absolutismus der radicale Widerspruch aller jener Dinge wäre; aber die Geschichte lehrt mich, daß es rationalistischen AbsolulismuS gibr, daß eö bis auf einen gewissen Punct liberalen und diSculirenden Absolutismus gibt, und daß eS umgekehrt absolute Parlamente gibt. Der Absolutismus ist also höchstens der Widerspruch in der Form, nicht der Widerspruch im Wesen, von jenen Lehren, welche berühmt geworden sind durch die Größe ihrer Verwüstungen. Der Absolutismus ist nicht der Widerspruch dieser Lehren; es kann kein Widerspruch vorhanden seyn zwischen Dingen von verschiedener Narur. Es ist eine Form, und nichis al>? eine Form; unv ist es nicht die größte Absurdiiät, in einer Form den radicalen Widerspruch einer Lehre zu suchen, oder in einer Lehre den radicalen Widerspruch einer Form? Der Kaiholiciömus allein ist der Widerspruch der Lehren, welche ich bekämpfe. Gebt der katholischen Lehre eine Form, welche ihr wollt; trotz dieser Form wud Alles im Augenblick umgewandelt seyn unv ihr wervet daS Angesicht der Eide erneuert sehen. Mit dem Katholicismus gibt es kein Phänomen, das nicht in die hierarchische Ordnung der Phänomene paßte, keine Sache, die nicht der hierarchischen Ordnung der Dinge sich fügte. Die Vernunft hört auf, Rationalismus zu styn, d. h. sie hört auf, jener Leuchllhunn zu seyn, von dem man sagt, daß er uuerschaffen sey, um ihm das Privilegium zu geben, zu erleuchten, ohne von irgend Jemand angezündet zu seyn; sie wird wahre Vernunft, d. h. ein wunderbares Licht, das sich in sich concenlrirt, und außer sich daS glänzende Licht des Dogma verbreitet, den reinsten Reflex Gottes, des ewigen, uuerschaffenen LichteS. WaS die Freiheit betrifft, so ist die katholische Freiheit weder ein Recht in ihrem Wesen, noch eine Unterhandlung in ihrer Form; sie erhält sich nicht dnrch den Krieg; sie entsteht nicht aus einem Conlracte, sie wirv nicht erworben durch Eroberung. Sie ist nicht eine weinberauschte Bacchantin, wie die demagogische Freiheit: sie 198 schreitet nicht einher unter den Völkern mit den Reizen einer Königin, wie die parlamentarische Freiheit; sie hat nicht zu ihren Dienern Tribunen, die ihr den Hof machen; sie schläft nicht ein unter dem Gemurmel der Menge; sie hat keine permanente Armeen, die aus Nationalgarden bestehen; sie liebt es nicht, sich auf dem Triumphwagen der Revolutionen bequem niederzulassen. Die Gebole Gottes sind das Brod deS Lebens. Unter der Herrschast des Katholicismus «heilt eS Gott den. Regierten und den Regierenden aus, invem Er sich das unveräußerliche Recht vorbehält, sich von den Regierenden eben so wie von den Regierten gehorchen zu lassen. Unter dem Schutze und in der Gegenwart GotteS vereinigen sich Herrscher und Unterthan in einer Ehe, deren Heiligkeit sie mehr der Natur eines Sacramentes, als der eines Contra cteS nähert. Die beiden Theile finden sich implicite gebunden durch die göttlichen Gebote. Der Unterthan übernimmt die Pflicht, zu gehorchen, mit Liebe zu dem Herrscher, den Gott einsetzt; und der eingesetzte Herrscher geht die Pflicht ein, mit Liebe und Milde die Unterthanen zu regieren, welche Gott seinen Händen anvertraut. Wenn die Unterthanen gegen diesen Gehorsam und diese Liebe fehlen, so läßt Gott die Tyrannei zu; wenn der Herrscher gegen jene Liebe und Milde verstößt, so läßt Gott die Revolutionen zu. Durch die erstere werden die Unterthanen zum Gehorsam zurückgeführt; durch die letzteren werden die Fürsten zur Milde zurückgeführt. Eben so also, wie der Mensch das Böse auS dem guten Werke GotteS zieht, so zieht Gott das Gute aus dem schlechten Werke des Menschen. Die Geschichte ist nichts Anderes als die Erzählung der verschiedenen Ereignisse dieses riesenhaften Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen dem göttlichen Willen und dem menschlichen Willen, zwischen dem allbarmherzigen Gott und dem widerspenstigen Menschen. Wenn die Gebote Gottes genau beobachtet werden, d. h. wenn die Fürsten mild und die Völker gehorsam sind, und wenn beides von der Liebe unterstützt wirb, dann entsteht aus der gleichzeitigen Unterwerfung unter die göttlichen Vorschriften eine gewisse sociale Ordnung, eine gewisse Lebensweise, ein gewisses individuelles und allgemeines Wohlseyn, welches ich Zustand der Freiheit nenne, und welches dieß wirklich ist, weil die Gerechtigkeit da herrscht, und die Gerechtigkeit macht unS frei. Hierin besteht die Freiheit der Kinder GotteS, die katholische Freiheit. Diese Freiheil ist keine bestimmte, besondere und concrete Sache; sie ist weder ein Organ deS politischen Organismus, noch eine der verschiedenen socialen Institutionen. Dieß ist sie nicht; sie ist mehr: sie ist das allgemeine Resultat des guten Zustandes aller Organe; sie ist daS allgemeine Resultat der Harmonie und Uebereinstimmung aller Institutionen; sie ist daS, was die Gesundheit des Organismus im Allgemeinen ist, welche mehr gilt als ein gesundes Organ; sie ist daS, was daS Leben deg socialen und politischen Körpers ist, welches kostbarer ist als daS Leben einer blühenden Institution. Die katholische Freiheit ist daS, waS diese beiden Sachen sind, die vortrefflichsten unter den vortrefflichen, die, weil sie überall find, aus diesem besondern Grunde, in keinem einzelnen Theile ihren Ort haben. Diese Freiheit ist so heilig, daß jede Ungerechtigkeit sie verletzt; so stark und so gebrechlich zu gleicher Zeit, daß Alles sie belebt, und die kleinste ungeregelte Bewegung sie erschüttert; so voll Liebe, daß sie alle Menschen zur Liebe einladet; so mild, daß sie alle Menschen zum Frieden ruft; so eingezogen und bescheiden, daß sie, vom Himmel gekommen, um daS Glück Vieler zu begründen, von Wenigen nur gekannt und von Niemand beklatscht wird; ste selbst weiß nicht, wie sie sich nennt, oder wenn sie eS weiß, so sagt sie eS nicht, und die Welt kennt ihren Namen nicht. Was die freie Erörterung betrifft, so ist nicht mehr Aehnlichkcit zwischen der katholischen Erörterung und der philosophischen Erörterung vorhanden, als zwischen der katholischen Freiheit und dem, waS man politische Freiheit nennt. Der Katholicismus geht folgendermaßen zu Werke: Er n, mt einen Strahl deS Lichtes, daS ihm von Oben zukommt; er gibt ihn dem Menschen, um mit seiner Vernunft ihn zu befruchten, und der schwache Strahl deS Lichtes verwandelt sich durch daS Mittel der 199 Befruchtung in einen Lichtstrom, der die Horizonte erfüllt. Der Philosophismus im Gegentheil fängt damit an, geschickt mit einem dicken Schleier die Wahrheit und daS Licht zu bedecken, daS unS vom Himmel gekommen ist, und stellt der Vernunft ein unlösbares Problem, nämlich: durch dciö Mittel der Befruchtung die Wahrheil und das Licht aus dem Zweifel und der Dunkelheit zu erzeugen, welches die der Befruchtung der menschlichen Vernunft ausgesetzten Dinge sind. Der PhilosophiSmuS verlangt also vom Menschen eine Lösung, welche der Mensch nicht geben kann ohne vorläufigen Umsturz der ewigen und unveränderlichen Gesetze. Nach einem dieser Gesetze hat die Befruchtung nur die Kraft, den befruchteten Keim zu entwickeln nach den Bedingungen seiner eigenen Natur, und in seinem eigenen Sinne; so geht vaS Dunkle auö dem Dunklen, das Helle aus dem Hellen, das Aehnliche auS dem Ähnlichen hervor, veum cle veo, lumsn cle lumine. Gehorsam diesem Gesetze ist die menschliche Vernunft, in ihrer Befruchtung deS Zweifels, bei der Negation angekommen, und in ihrer Befruchtung der Dunkelheit bei der stockfinstern Nacht, und zwar durch daS Mittel logischer und progressiver Transformationen, die in der Natur der Sachen selbst gegründet sind. Bei der Verfolgung so verschiedener Wege ist es nicht zu verwundern, wenn der Katholicismus und der PhilosophiSmuS ein so verschiedenes Schicksal haben. Achtzehnhundert Jahre lang erörtert der Katholicismus auf seine Weise, und diese seine Weise zu erörtern hat ihm den Sieg in jever Erörterung verschafft. AUeS geht an ihm vorüber; die Sachen, die in ver Zeit sind, und die Zeit selbst. Er selbst geht nicht vorüber. Er bleibt, wo Gott ihn hingesetzt hat, unbeweglich in Mitten der großen Wirbelwinde, welche die allgemeine Bewegung anfacht. Er selbst lebt ein eigenes Leben in dieser Welt geborgter Leben. Der Tod hat nicht die Erlaubniß erhalten, sich ihm zu nähern, selbst in diesen untern und dunklen Regionen, die seiner Herrschaft unterworfen sind. Um seine Kräfte zu erproben sprach er einst zu sich selbst: Ich will ein barbarisches Jahrhundert wählen und eö mit meinen Wundern erfüllen, und er wählte daS dreizehnte Jahrhundert und schmückte eS mit vier Monumenten, den herrlichsten, die das menschliche Genie aufgerichtet hat: die theologische Summa des heil. Thomas, das Gesetzbuch cls Iss karticlss von AlphonS dem Weisen (eine Kompilation altspanischer Gesetze, welche daS vollendetste Muster einer christlichen Gesetzgebung ist), die göttliche Comödie von Dante und die Cathe- drale von Köln. Seit viertausend Jahren erörtert der Rationalismus auf seine Weise, und auch er hat, um sein Anvenken zu verewigen, zwei unsterbliche Monumente hinterlassen: das Pantheon, wo alle Philosophen liegen, und das Pantheon, wo alle Konstitutionen liegen. Was den Parlamentarismus betrifft, so läßt sich von ihm nichts sagen. WaS würde auS ihm bei einem wahrhaft katholischen Volke, d. h. wo der Mensch von Jugend auf weiß, daß er Gott Rechenschaft geben muß, selbst von den unnützen Worten? Juan Donoso CorteS. Jerusalem. Die „Union" widmet der Frage wegen der heiligen Oerter eine sehr einläßliche Untersuchung. Es bestehen darüber Verträge zwischen Frankreich und der Pforte von den Jahren 1673, 1740 und I7o4, Nach diesen Verträgen gehören den Lateinern unbestritten 1) im Innern von Jerusalem: g) die zwei Kuppeln der großen Kirche von Jerusalem; k) in dieser Kirche der Tisch, auf welchem der Leib deS Erlösers ein- balsamirt worden und den man den SalbungSstein nennt; e) in der gleichen Kirche die sieben Bogen, welche man die Bogen der heiligen Jungfrau nennt, von welchen wir (die Lateiner) nur noch die obere Terrasse besitzen; cl) die Gräber von Gottfried von Bouillon, von König Balduin, von Philipp von Burgund und von Philipp I. von Spanien. 2) Außer Jerusalem: a) das Grab der seligsten Jungfrau; b) die soo große Kirche von Bethlehem; e) die Grotte der Geburt, wo sich ein silberner Stern mit der lateinischen Inschrift befand: Hier ist von der Jungfrau Maria JesuS Christus geboren worden. Die „Union" bekennt, daß die französische Diplomatie, stall daß ihr einfach die Anerkennung dieser urkundlich zugesicherten Besitzungen von der Pforte ausgesprochen worden wäre, von der Pforte getäuscht worden sey. Der französische Botschafter habe zu der Ernennung einer UnlersuchungScommission beigestimmt, wodurch der Werth aller jener Urkunden in Frage gestellt worden sey. Es sey ein neuer Vergleich geschlossen worden, in welchem die Pforie sich verpflichtet habe 1) zur Zurückgabe der sieben Bogen der heiligen Jungfrau in ihren untern Theilen, ein Besitz, dessen wir seit einem halben Jahrhundert beraubt sind; 2) zur theilweisen Wiedereinräumung, nicht zn dem alleinigen Besitze deS GrabeS der seligsten Jungfrau, bei dem Bache Cedron, im Thale Josaphat, aus welchem die Lateiner seit 110 Jahren verdrängt sind; 3) zur Wiederanbringung deS silbernen SterneS in der Grotte der Geburt; >4) zur Rückgabe deS äußern Schlüssels der großen Kirche von Bethlehem und der zwei Schlüssel der Seitcnthüren, Die Mönche gingen sonst nur durch ein Loch hinein, welches der Prinz Joinville bei seiner Reise nach Palästina in die Tempelmauer brechen ließ. Ueberdieß erhielten die Mönche die Vollmacht, eine Kirche in dem gemischten und benachbarten Bethlehem, Bälidjella genannt, zu bauen; zwei Häuser an ihrem Kloster, die an die Kirche deS heiligen GrabeS stoßen, zu erwerben, und endlich ihre Hauplkirche des Klosters zum heiligen Erlöser zu Jerusalem auszubessern. Das waren die Bedingungen, welche die französische Diplomatie durch die Unterhandlungen gewonnen hatte, ein türkischer Commissar sollte in Jerusalem sie in Erfüllung bringen. Allein die Vollziehung zögerte — auf einmal erscheint der Ferman in dem „Siecle" von Athen. Durch diesen setzt sich der, Sultan als souveräner Richter über die Verträge. Der Ferman stellt den Lateinern nicht nur nicht zurück, was ihnen gehört, sondern er entscheidet Fragen, welche noch unerörtert waren, und beraubt sie unbestrittener Besitzungen. Augenscheinlich (sagt die „Union") können die Dinge nicht so bleiben. Die Ehre unseres Landes, unsere nationale Würde, unsere vielhundertjährigen Rechte, unsere wichtigsten Interessen sind im Spiele. R u H l a n d. DaS „UniverS" bringt einen höchst merkwürdigen Brief einer Synode russischer Bischöfe an die Sorbonne von Petersburg 6 ä. 18. Juni 1718. Die Sorbonne halte die Bischöfe zu einer Besprechung über die UnterscheidungSlehren eingeladen. Die Bischöfe geben in diesem Briefe dem Vorschlage zur Wahl von beidseitigen Commissarien Beifall und sprechen den Wunsch nach einer Vereinigung der lateinischen und griechischen Kirche auS. Im Jahre 1848 kam man auf diesen Brief von 17 l3 wieder zurück und schlug den russischen Bischöfen vor, sie möchten einige Theologen beauftragen, mit Theologen von Rom über die Schriftterte hinsichtlich deS Papstes in Unterredung zu treten. Allein man antwortete: „die Vereinigung unter den Christen sey eine Angelegenheit, welche Gott allein angehe." Damit war also der Vermitllungsantrag, zu welchem man sich im Jahre 1713 geneigt gezeigt hatte, hundert Jahre später abgelehnt. DaS „Univers" wagt die Zuversicht auszusprechen, daß der gegenwärtige Kaiser Ricolaus, wenn Jemand den Mulh hätte, ihm die Wahrheit zu sagen, zu einer solchen Vereinigung gern die Hand böte. Ist aber dem Kaiser Nicolaus nicht von Gregor XVI. in Rom die Wahrheit gesagt worden? Sie hat ihn erschüttert, aber nicht umgewandelt. Der Glaube ist eine Gnade GolleS. Wir wissen, daß in einem großen Theile von Frankreich an die Rückkehr deS Kaisers Nico^ lauS zu der kalholiichen Kirche und in Folge davon an eine Vereinigung der griechischen Kirche mit der römischen geglaubt und dafür eifrig gebetet wird. Zu diesem Gebeie möchten wir auch die Kalholiken Deutschlands ernstlich ausfordern. Welch' ein Heil für Europa, wenn die russische Nation mit ihrem kräftigen Heerführer in den Schooß der Kirche zurückkehren würde! Verantwortlicher Redacteur: L> Schönchen, VerlagS-Jnhaber: F. C. Kremer.