Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 18. Juli 2«, !85S. DieseS Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementspreis TV kr., wofiir e» durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhaudluogeu bezogen werdeo kann Hirtenbrief der versammelten Bäter auf dem National - Concil z« Baltimore. Die in Baltimore versammelten Bischöfe haben folgenden Hirtenbrief an den KleruS und die Gläubigen der Vereinigten Staaten erlassen: „Versammelt zu einem National-Concilium unter der Autorität unseres heiligsten VaterS, PiuSlX., haben wir keine dringendere und zu gleicher Zeit unseren Gefühlen wohlthuender« Pflicht zu erfüllen, als an die Heerde unö zu werden, die unserer Sorge anvertraut ist. Die Anhänglichkeit an vie Lehren und Gebräuche unserer heiligen Religion, welche die Katholiken der Vereinigten Staaten auszeichnet, die Gelehrigkeit und der Gehorsam, den sie stets zu erkennen gegeben haben; die herzliche Einigkeit, welche in dem ganzen katholischen Leibe dieses weiten Gebietes herrscht, trotz der Verschiedenheit des Ursprungs, der Sitten und der Sprache der einzelnen Glieder, ihr allgemeiner Eifer und ihre Hingabe in der Ausübung der Tugenden des Evangeliums, erfüllen unsere Herzen mit Freude und wiegen unö reichlich die Mühen und Sorgen unseres HirtenamteS auf. Wir können daS Wort des Apostels in den Mund nehmen: „Unser Mund ist offen sür euch, unser Herz ist weit." «Groß ist unser Vertrauen auf euch, groß ist unser Ruhm in euch. Wir sind voll von Trost und fließen über vor Freude in all unsern Trübsalen." DaS Ansehen, welches wir ausüben, ist von Christus uns gegeben. Wir sind seine Diener und Gesandten. Wir begehren keine Macht und suchen keinen Einfluß, den unS Gott nicht zuertheilen wollte. Unsere Wicht ist eS, das heilige Pfand des Glaubens zu bewahren; denn dieses Pfand ist unS anvertraut worden; von uns wird unser göttlicher Herr einst Rechenschaft darüber verlangen. Gott hat sich gewürdigt, zu verschiedener Zeit und auf mancherlei Weise zu unS zu reden, in der vergangenen Zeit durch die Propheten, und zuletzt durch seinen Sohn. Und dieser göttliche Sohn, der Abglanz der Herrlichkeit deS VaterS und die Figur seines Wesens, hat uns zu Bewahrern seiner Lehre gemacht, und da der Mensch nothwendig hat, von Gott Belehrung zu empfangen, so muß er auch stets diese Lehre durch einen Kanal erhalten, der sie bewahrt vor Allem. waS ihre Reinheit trüben und ihr Ansehen ver- Nichten könnte. Es ist nicht bloß nölhig, daß wir wissen, daß Gott gesprochen hat; wir müssen auch gewiß seyn, seine Stimme zu hören in jedem Zeitalter. Obgleich er nicht mehr sichtbar unter den Menschen wandelt, so hat Christus, unser Gott, uns doch nicht als Waisen hinterlassen. Er hat den heiligen Geist gesendet, den Tröster, den er versprochen hat; er hat belebt mit dem Hauche deS ewigen Lebens die irdischen Elemente, die er zur Bildung seiner Kirche ausersehen; und dieser heilige Geist wohnt stets in der Kirche, lehrt sie alle Wahrheit, bewahrt sie vor jedem Irrthum, macht sie zu einem sichern Führer zu den Weiden deS Heiles, zu der Quelle, welche inS 826 ewige Leben fließt. So haben sich seine Worte erfüllt: „Wer euch hört, der hört mich." So ist die Kirche „daS HauS deS lebendigen GotteS, die Säule und Grundseste der Wahrheit." Aus dieser Grundlage ruht eure Pflicht, die wir mit gleicher Zuversicht wie die Apostel verkünden: „Gehorchet euren Porgesetzten und seyd ihnen Unterthan, denn sie wachen, um Rechenschaft zu geben für eure Seelen." Die Quelle dieser Autorität ist Christus. Der Kanal, durch den sie den übrigen Gliedern der Kirche mitgetheilt wird, ist der Bischof von Rom. Der Nachfolger des heiligen PetruS ist der Erbe der dem Fürsten der Apostel verliehenen Vorrechte; die Kirche ist auf ihn gebaut und er ist der feste Grundstein, den der weise Baumeister erwählt hat; für ihn hat. in der Person des PeiruS, Christus besonders gebetet, ihm ist eS gegeben „seine Brüder zu befestigen." Wie in allen andern Ländern, wo die Kirche besteht, ist unsere Hierarchie durch seine väterliche Sorge errichtet; sie hat sich entwickelt in ihrem Ansehen und in ihrer Zahl, durch seine Einsetzung und Gutheißung; und die Glieder deS Episkopates, obgleich zerstreut in dem weiten Raum, der einen Ocean von dem andern trennt, gehorchten mit Freude seinem Aufruf, zu einem Nalionalconcil sich zu versammeln, unter dem Vorsitz eines besondern Stellvertreters deS heiligen Stuhles, in der Person deS ehrwürdigen ErMchofeS von Baltimore. Wir freuen unö dieser Gelegenheit, unsere Anhänglichkeit an den Mitlelpunct der katholischen Einheit bezeugen zu können, und wir ermähnen euch, mit Liebe jenen heiligen Stuhl zu umfassen, auf welchem sich eine ununterbrochene Nachfolge von Hirten erhalten hat, von Christus bis auf unsere Tage. Der heilige Stuhl ist eS, welcher alle Irrthümer verdammt hat, welche die Menschen versucht haben mit den Lehren der Offenbarung zu verbinden und der stets über die Reinheit des Glaubens wacht, indem er die Reinheit der kirchlichen Zucht bewahrt. Hoffen wir, daß die irrthümlichen Ideen, welche viele unserer Mitbürger hegen in Betreff des Wesens jener Macht, die wir in dem Bischof von Rom, als dem Nachfolger deS heiligen PetruS anerkennen, verschwinden werden, und daß dieser höchste Stuhl, von dem die priesterliche Einheit ihren Ursprung hat, erkannt werde als der Mittelpunkt der kirchlichen Einheit, als die Quelle alles dessen, waS groß und imposant ist in der Ausdehnung der Einheit und der UnVeränderlichkeit der Kirche. Beten wir, daß alle jene, welche von der Kirche getrennt sind, zur Erkenntniß oer Wahrheit gelangen, daß die schrecklichen Verirrungen, in welche der Irrthum diejenigen stürzt, welche die von Jesus Christus aufgestellte Autorität verwerfen, die Menschen zwingen mögen, ein Princip anzuerkennen, daS allein im Stande ist, sie alS eine Heerde unter einem Hirten zu versammeln.« Der Hirtenbrief gibt weiter Vorschriften in Betreff deS KirchenguteS und erklärt, daß die Verwaltung desselben überall der Approbation des DiöeesanbischofS unte» worfen seyn solle. Er verdammt sodann die geheimen Gesellschaften und die Freimaurerei, indem er die apostolischen Decrete in Betreff dieser Verbindungen einschärft. Er verbreitet sich ferner über die staunenswerthen Fortschritte der Kirche in Amerika und ermähnt die Liebe der Gläubigen, durch Almosen ihren Bedürfnissen zu Hilfe zu kommen. Den Familien wird die Pflicht in Erinnerung gebracht, den Beruf zum geistlichen Stande bei ihren Söhnen nicht zu ersticken. Ferner wird daS schädliche System der Simultanschulen, wo Zöglinge aller Culte vereinigt sind, und die Religion verbannt ist, in folgenden Worten verworfen: Höret nicht jene, welche euch überreden wollen, daß die Religion von dem weltlichen Unterricht getrennt werden könne. Wenn eure Kinder, während sie in den menschlichen Wissenschaften Fortschritte machen, nicht zugleich die Wissenschaft der Heiligen lernen, so wird ihr Geist mit allen Irrthümern sich erfüllen und ihr Herz daS Behälter aller Laster werden, und eben jene Wissenschaft selbst, welche sie sich «»geeignet haben, die an sich gut und nothwendig ist, wird ein neues Mittel werden, daS Glück eurer Kinder zu vernichten, wenn sie alles himmlischen Lichtes entbehrt. Sie wird den Kelch der elterlichen Enttäuschung noch mehr vergiften und die Grundlagen der socialen Ordnung schwächen. Höret unsere Stimme, die euch au L27 den alten Wegen zu wandeln heißt, eure Kinder zu erziehen, wie ihr selbst von euren frommen Eltern erzogen worden seyd. Unterstützet die Errichtung und Erhaltung katholischer Schulen; bringt alle nöthigen Opfer für diesen Zweck; ersparet unsern Herzen den Schmerz, eine Jugend, die wir nach dem Beispiel unseres göttlichen MeisterS so sehr lieben, allen den Uebeln einer antikatholischen Erziehung preisgegeben zu sehen. Diese Uebel sind zu vielfältig, und zu offenbar, als daß wir nicht unsere Stimme zu feierlicher Protestation gegen daS System erheben müßten, dem sie entspringen. Indem wir euch die Erfüllung dieser Pflicht ans Herz legen, handeln wir' im Auftrage deö heiligen VaierS, der in seinem Rundschreiden vom 21. November l85I alle Bischöse der katholischen Welt zur Sorge sür die religiöse Erziehung der Jugend aufruft." Die Bäter des Concils sprechen hierauf von dem Vereine der Verbreitung des Glaubens in folgender Weise: „Unser heiligster Vater, PiuS IX., hat ferner unserer Aufmerksamkeit, so wie der aller andern Bischöse der Welt, den zu Lyon in Frankreich errichteten Verein empfohlen, welcher die apostolischen Missionäre in der Verbreitung deS Glaubens unterstützt. Auch ohne diesen Wink würden unsere eigenen Gefühle unS drängen, von diesem Gegenstande zu euch zu reden. Seit seiner Gründung vor dreißig Jahren hat dieser Verein freigebig und ununterbrochen unsere Missionen unterstützt. Wenn unsere Kirchen so schnell sich vermehrt haben, wenn unsere religiösen Anstalten und Schulen jetzt verhältnißmäßig zahlreich sind, wenn neue Missionen und neue Diöcesen in Mitten der schwierigsten Verhältnisse entstanden sind, so müssen wir anerkennen, der Gerechtigkeit und Wahrheit gemäß, daß, um diese Resultate zu erreichen, der Verein zur Verbreitung des Glaubens seine edelmüthigste und weiseste Mithilfe uns geleistet hat. Wir fühlen die Verpflichtungen, welche wir gegen einen Verein haben, der mit den Fortschritten der Religion in allen Ländern so innig zusammenhängt, und wir ermähnen euch, seine Ausbreitung in euren Kreisen, dem Wunsche deö heiligen Vaters gemäß, zu fördern, welcher den ganzen katholischen Erdkreis in gemeinschaft- licher Anstrengung vereinigt wünscht, um daS Evangelium ^llen Nationen zu bringen. Die Geringfügigkeit deö jährlichen Beitrages, den der Verein fordert, wird euren übrigen LiebeSwerken nicht hemmend entgegentreten, und wir sind überzeugt, daß seine Ausbreitung bei unS die kostbarsten Segnungen GotteS über jene herabrufen werde, die zu diesem guten Werke sich vereinigen." Der Hirtenbrief empfiehlt sodann den Gläubigen Gehorsam gegen die weltliche Autorität und Achtung vor den amerikanischen Institutionen und schließt mit Ermah. nungen an den KleruS, die Religiösen und die Laien, je nach ihren verschiedenen Standespflichten. (Schles. Kirchenbl.) JohanneSwürmchen. Sinnig bezeichnet das Volk in seiner kindlichen Sprache die leuchtenden Würmchen, die in lauen Sommernächten in Wald und Flur erglühen, mit dem Namen vesjenigen, den der Herr ein brennendes und leuchtendes Licht nannte. — Monlalem- bert bedauert, daß wachsende Verbildung die lebensvolle, weil christliche AuövruckS- weise verdrängte, welche im Munde des Volkes die Natur zur Biloertafel der heiligen Schrift machte. So erinnern in der Pflanzenwelt die Erstlinge der Natur als „Himmelsschlüssel" an den Sieg, den der Herr über den Tod errungen, da er unS durch seine Auferstehung den Himmel wieder aufgethan; Schneeglocken helfen daS freudige Gloria der Ostern einläuten. Und in königlichem Purpur leuchtet die Pfingstrose zur Zeit der hehren Freude, da der Tröster in feurigen Zungen über die Häupter der Jünger niederschwebte. In dem der heiligen Jungfrau gewidmeten Monat ") W. K. I. L28 «rinnern die Maiglocken an das Ave «Maria-Geläute. So lobet nach dem Psalmes« wort die ganze Natur den Herrn: „Berge und alle Hügel, die fruchtbaren Bäume, und Bäume deS WaldeS; Gewild und alle Thiere; Gewürm und Vögel des Himmels." In diesem Sinne freuen wir unS an den Glühwürmern in Wiesen und Wäldern, die zur Zeit, da die Kirche den Geburtstag deS Messianischen Vorläufers begeht, erscheinen. Nachdem die Braut deS Herrn den CycluS ihrer höchsten Feste beschlossen, feiert sie daS Angedenken deS Freundes deS Bräutigams. Kaum find die festlichen Klänge verhallt, die „des glorreichen LeibeS Geheimniß" sangen, werden wir an die erfüllte Verheißung deS Täufers erinnert, daß „alles Fleisch das Heil sehen werde", daS unS im Fleische erschienen. So wie das Fest Johannes des Täufers auf Fronleichnam folgt, so reiht sich die Gedächtnißfeier Johannes deS Evangelisten an die heilige Weihnacht: daS Fest der Menschwerdung. Beide weisen auf daS Lamm, das geschlachtet wird, daS hinwegnimmt die Sünden der Welt, der Eine zeigte eS seinen Jüngern auf Erden, während eS der Andere im Himmel schaute. — Wie der Seher, der die Kirche in ihrer Vollendung als himmlisches Jerusalem erblickte, der Schutzpatron der Theologen ist, so möchten wir den Vorläufer deS Erlösers, der Ihm den Weg bereitete, den Schutzpatron der Philosophen nennen. Ist eS doch zumal in unsern Tagen recht eigentlich Beruf der Letztern, dem Herrn den Weg zu bereiten in alle Gebiete der Wissenschaft, wo noch so viele gedankenleere Tiefen eines heidnischen Rationalismus auszufüllen, so viele dünkelvolle Höhen eineS pharisäischen PietiSmuS abzutragen sind, soll anders auch hier daS Wort deS Apostels gelten: „Niemand kann einen andern Grund legen, als der schon gelegt ist, Christus ZesuS." Ist eS der Theologie eigenthümlich, wie mit Adlerfittigen sich himmelwärts zu schwingen im Sonnenlichte deS Glaubens, so schreitet die Philosophie aus mühe- vollen Wegen der Forschung durch die Niederungen deS irdischen Daseyns, selbstleuchtend gleich den JohanneSwürmchen und daS Dunkel ringsum erleuchtend; ihr Licht entquillt den Tiefen deS menschlichen Selbstbewußtseyns; dieses Licht aber hält sie so wenig für daS einzige, außer welchem kein anderes leuchtet, als eS Jemanden bei gesundem Verstand einfallen kann, daS Glühwürmchen für die Sonne im Weltall zu halten; vielmehr wie Johannes, in sich selber Licht, auf denjenigen hinwies, der, wie kein Anderer, von sich sagen konnte: „Ich bin das Licht der Welt" — auf die Frage: „Wer bist du?" aus der Tiefe deS eigenen Selbstbewußtseyns demjenigen Zeugniß gebend, „der nach ihm kam und vor ihm gewesen", so weist auch die Philosophie den selbstbewußten Menschen, als einen erschaffenen erkennend und bekennend, auf den Unerschaffenen hin, der allein durch sich selber Licht und als Schöpfer alles Lichtes Urquell ist. Sie weiSt aber auch und zwar eben deßhalb, seitdem die Finsternisse der Sünde sich über die lichte Schöpfung gelagert, auf denjenigen hin, der sein allmächtiges: „ES werde Licht" abermal in die Finsternisse hineinrief und selber als neuer Mensch daS neue Licht der Welt ward. In diesem Hinweis, in diesem Johanneischen Fingerzeig auf Christus gründet die Demuth, aber auch die Hoheit der Philosophie, die ganze Größe dieser Wissenschaft deS Menschen vom Menschen. — Wenn Christus von Johannes sagt, daß kein Größerer vom Weibe geboren als er, daß aber der Geringste im Reiche GotteS größer denn er sev, so dürften auch diese Worte auf die Philosophie ihre Anwendung finden. Sie ist die größte im Bereiche menschlicher Wissenschaft, wenn sie ihrem innersten Wesen nach, wie Johannes ein Fingerzeig auf denjenigen ist, der von sich gesagt hat: „Ich bin die Wahrheit; wer zu mir kommt, der wandelt nicht in Finsterniß" — sonst aber übertrifft sie an Wahrheit der Glaube des KindeS. Daher ordnet sich eine wahre Philosophie der Kirche unter, wohl wissend, daß ihr Gegenstand: der Mensch, nur in der Wahrheit besteht, die der Kirche verheißen ist. — Auch auf den seichten Rationalismus mit seinem endlosen Forlschritt inS Blaue fällt ein Licht aus dieser Parallele zwischen der Stimme des Rufenden in der Wüste und der Philosophie. Denn wenn JohannneS im Hinblick aus den Erlöser von sich aussagt: „Er muß wachsen, ich abnehmen", so hat auch daS menschliche Wissen sein Ziel und Ende erreicht, wenn eS, «29 wie der Glaube, sich ins Schauen verwandelt. Wäre eS nicht eben so thöricht al» roh, das Johanniswürmchen deßwegen zu zertreten, weil eS nicht die Sonne selber ist? So wäre auch daS Thun und Treiben derjenigen, welche gegen die ernste Mahnung deS Apostels: Spiritum nolite extinZuers (I. Thess. V. 19), den von Gott geschaffenen Lichtauell im Menschen, in Andern nicht fließen sehen wollen, weil sie zu träge sind, aus eigenem zu schöpfen, und die daher in ihrem so anspruchsvollen Gebete nie die Worte des königlichen Psalmensängers aufnehmen: „Du erleuchtest mein Licht, o Herr; o Gott, erleuchte meine Finsternisse.' KremSmünster. Sie erlauben vielleicht, in einer Zeit, wo man hie und da hadernd zwischen Kirche und Staat hin und her zerrt, in Ihrem vielgelesenen Blatte auf ein „kleines Ereigniß" aufmerksam zu machen, daS sich jüngst in unserer Nähe zutrug, und auf alle Betheiligten, ja selbst auf serner Stehende, einen höchst erquicklichen Eindruck gemacht hat. Sie erlauben eS vielleicht um so lieber, da in Ihrer Umgebung die Stürme der Zeit alle Gelegenheit verweht haben, selbst etwas AehnlicheS zu erleben. In einem der schönsten Thäler unseres paradiesisch-schönen Landes, auf einem AbHange des Kremsthales, das sich bis an die steierischen Alpen hinanzieht, erhebt sich die Abtei KremSmünster, welche sast ein halbes Jahrhundert vor dem Anfange Oesterreichs da war, und des römisch-veutschen Reiches Entstehen und Untergang gesehen. Wie viele berühmte Geschlechter sind bereits dem ihres Gründers, deS AgilolfingerS Tassilo von Bayern, wehmüthigen Angedenkens, nachgefolgt! WaS Alles verwelkte, ging unter, starb seit ihrem Daseyn I Sie aber lebt, und lebt nicht bloß, sie regt und blüht in vollster Jugendfrische, und hat da» Ansehen, daß sie, wenn man nicht künstlich ihr naturwüchsiges Leben vergiftet, noch irgend eines deut» schen Reiches Entstehen und Untergang überleben könne: „Das Münster ragt, kein Sturm vermag'S zu fällen, Sein Lebten strömt aus unverstegten Quellen." In dieses Münster nun, welches der eben so gelehrte als fromme Bischof Gregor Ziegler so gerne besuchte, in welchem er vor wenig Jahren in stiller Zurück- gezogenheit und frommer Betrachtung sich auf seine Secundizfeier vorbereitete, zog am 8. Juni 1852 der Statthalter der Provinz Oberösterreich, vr. Eduard Bach, ein, um den verdienten Vorsteher, Abt Thomas Mitterndorfer, mit dem Ritterkreuze deS k. k. Leopoldordens zu schmücken, „wegen seiner Verdienste, besonders um die Förderung deS Studienwesens", wie die präcise Amtssprache lautete. ES galt eine Art patriarchalischer Siegesfeier. Eine Schaar wackerer Söhne deS heil. Benedict, von ihrem väterlichen Führer auf ihre Posten umsichtig vertheilt, hatte ihm geholfen, den Sieg zu erringen, und ließ sich nun die Freude nicht wehren, dabei zu seyn, als ihm die Palme eingehändigt wurde. Um 9 Uhr bewegte sich unter vollem Glockengeläute ein langer, festlich gekleideter Zug in die festlich geschmückte Stiftskirche, um einem feierlichen, vom Hrn. StiftSprior celebrirten Hochamte und Te Deum beizuwohnen; voran die Schulkinder und die studirende Jugend, dann, im schwarzen, ehrwürdigen Festgewande deS heil. Benedict, silberhaarige Greise und rüstige Män- ner, die von den Seelsorgestationen des Stiftes herbeigekommen, Officialen, Professoren und Lehrer, an welche sich der gerührte Abt und der Herr Statthalter mit einer zahlreichen Begleitung von hohen und niedern Beamten anschlössen. Vermessen wäre eS, zu fragen, was während der heiligen Handlung in der Brust der Anwesenden vorging: auf dem Antlitze deS Gefeierten deS TageS sah man unverkennbare Zeichen einer tiefen innern Bewegung. AIS man dem Herrn gedankt, der das Wirken deS Stiftes gesegnet, begab sich der Zug nach kurzem Verweilen, während welchem die Schaaren der Zuschauer sich ordneten, von den Gemächern deö Herrn Statthalters in den geräumigen Festsaal L30 des Stiftes, wo der Hauptact der Feier vor sich gehen sollte. In dem Saale selbst, einem lichten, zwei Stockwerke hohen Vierecke, von fünf mächtigen Fenstern in die Länge und dreien in die Breite, das mit seinem meisterhaften Deckengemälde, Tag und Nacht vor einander auf der Flucht vorstellend, und den lebensgroßen PorträiS der fünfzehn habSburgischen Kaiser an der Wand einen überraschend großen und lieb, lichen Eindruck macht, war der Länge nach in der Mitte ein Thronhimmel mit dem Bilde des jungen Kaisers errichtet und verziert mit Allem, waS die blühenden Gärten des Stiftes und die Kunst des Gärtners Geschmackvolles aufzubieten vermochten. — AIS der Kreis um den Thronhimmel geschlossen und eS stille geworden war, begann der Herr Statthalter in einfacher, ungesuchter Rede die Verdienste deS Gefeierten her- vorzuheben: „wie er aus dem reichen Schatze von Lehrkräften, die dem Stifte zu Gebote stehen, stets die tüchtigsten ausgewählt und eS dahin gebracht, daß KremS- münster unter den Lehranstalten der Monarchie einen hervorragenden Platz einnehme; wie daS mit der Lehranstalt verbundene Convict eine Pflegeanstalt ächt religiösen Geistes und einer verständigen, praktischen Richtung sey; wie er durch stets neue Bereicherung deS ohnehin reichen Schatzes von Lehrmitteln dem traditionellen Sitze gelehrter Bildung neuen Glanz zugefügt; wie er überall, wo eS gilt, mit patriotischem Sinne wirke und durch weise Sparsamkeit eS ermögliche, daß das Stift eine Leuchte für Schule und Wissenschaft bleibe. Möge, so schloß er, das schöne OrdenS- kreuz lange zieren die Brust eines Vaters der Jugend, eines frommen Priesters, eines patriotischen Staatsbürgers, eines ächten Biedermannes!" Eine kurze, feierlich stille Pause trat ein, während welcher der Herr Statthalter das Ritterkreuz an die Brust des Herrn AbteS heftete und hie und da ein Auge mit weißem Tuche getrocknet wurde. Darauf begann der priesterliche Levpoldordensritter mit bewegter Stimme einen Vortrag, dessen Inhalt sich tief in Herz und Gedächtniß der Betheiligten eingrub. „Mit ahnungslosester Ueberraschung sey ihm die Nachricht von der allerhöchsten Auszeichnung gekommen; nichts hätte er wirken können ohne eifriges, harmonisches Zusammenwirken „„seiner Mitbrüder''", besonders in einer Zeit, wo alleS Frühere sich aufzulösen schien, die Klöster selbst in Frage waren, ihre Aufhebung von Vielen gewünscht wurde. Er habe Alles Gott empfohlen, und sey in Vereinigung mit „„seinen wackern Mitbrüdern"" nicht ein Haar breit von Recht und Pflicht gewichen. Die Prüfung sey vorüber; daS tausendjährige Stift stehe noch geregelt im Innern, geehrt nach Außen; die Lehranstalt sey allerdings eine vorzügliche in jeder Beziehung, waS nun aber nicht sein Werk sey, sondern einem edlen, patriotisch gesinnten Lehrkörper, einem harmonischen Vereine geschickter, thätiger und liebevoller Jugendfreunde zugeschrieben werden müsse. Darum freue ihn die Auszeichnung; denn Vorsteher, Lehrer, Erzieher, Priester wirkten mit freudigerm Muthe, wenn sie der Augenschein überzeuge, daß ihr Wirken nicht unbeachtet bleibe." Sie können sich denken, wie viele Taschentücher beschäftigt waren, als der väterliche Redner in fast ungerechter Bescheidenheit die wohlthuende, wahrhaft erquickende Anerkennung der Leistungen „seiner Milbrüder" vor einer so großen und mitunter so auserlesenen Versammlung auSsprach. Er sprach dann mit gerührtem Tone öffentlich seinen innigen Dank auS: seinem Kaiser, dem Statthalter und „seinen Mitbrüdern", — letzteren, daß sie, jeder auf seinem Platze, treu und redlich zur Ehre Gottes, zur Wohlfahrt der heiligen Kirche und deS theuren Vaterlandes gewirkt hätten. Darnach richtete er eindringliche Worte an die Zöglinge der Lehranstalt: „daß auS ihrer Mitte tüchtige Diener der Kirche und deS Staates hervorgehen möchten, wie dieses seit 300 Jahren bei dieser Lehranstalt sehr oft der erfreuliche Fall gewesen. Auch er sey Schüler an diesem Gymnasium gewesen, und könne sich das Zeugniß geben, daß er treulich den Rathschlägen seiner Jugendlehrer, von denen heute noch fünfe Zeugen seiner Auszeichnung seyen, Folge geleistet habe." Er schloß mit einem dreimaligen: „Hoch dem Kaiser!" in welches die ganze Versammlung begeistert einstimmte. Die Volkshymne fiel ein und Böllersalven dröhnten. Nachdem sich die Versammlung entfernt hatte, war eS rührend anzusehen, wit 231 in die Gemächer des Herrn AbteS unter der Schaar der Glückwünschenden eine Anzahl kleiner weißgekleideter Mädchen, von ihrem Katecheten geführt, eintrat, und eines davon mit naiv zutraulicher Unbefangenheit die von einem StiftSmitgliede, dem Lehrer der französischen, italienischen und englischen Sprache, MarcuS Holter, unübertrefflich verdolmetschten Kindergefühle zum Glückwünsche darbrachte, und bittend gleichsam auch den Unterricht der kommenden Geschlechter dem väterlichen Kinderfreunde anS Herz legte. Wie Sonnenschein zwischen Regen nahm eö sich aus, als die alten Herren mit nassen Augen bei den übernaiven Worten: „Mußt recht brav gewesen seyn!" plötzlich in ein herzliches Lachen auSbrachen. Um 1 Uhr wurde im Festsaale gespeist, errathbare Trinksprüche unter Musik und Böllersalven ausgebracht, darnach den Meister ehrende Uebungen in der Schwimmschule des ConvicteS angesehen, bis am späten Nachmittage im Musikzimmer deS Stiftes eine musicalisch-declamatorische Unterhaltung begann, welche zeigte, daß daS Stift, welches die rühmlich bekannten Tonsetzer Franz Sparry, Georg Pafterwitz, Günther Kronecker unter seine Mitglieder zählte, auch in dieser Hinsicht seiner Vergangenheit nicht ungetreu geworden sey. Die Unterhaltung begann mit der Ouvertüre eines Mozartschen Meisterwerks, worauf von einem Studirenden ein von dem Professor der deutschen Sprache, Amand Baumgarten, verfaßtes Festgedicht vorgetragen wurde, welches, dem Inhalte und der Form nach ein vollendet schöner Ausdruck deutscher Urkraft und frommer Gemüthlichkeit, die Quintessenz der tausendjährigen Geschichte der Abtei in poetischem Gewände der athemloS lauschenden Zuhörerschaft vorführte. Zum Mittelpuncte der Unterhaltung hatte man sinnig „Schillers Glocke, in Musik gesetzt von Romberg" gewählt, die Glocke, welche in den lieblichsten und ergreifendsten Werten und Tönen ausdrückt, was seit tausend Jahren vom Leben vor dem mitbetheiligten Stifte aufgeführt worden war: „Und milde klingt zu gnadenreichen Festen Des Glöcklcins Silberhall geliebten Gästen!" Hatte daS erste Festgedicht die Thatsache der tausendjährigen Dauer und Blüthe der Abtei angegeben, so folgte nun ein zweites, lateinisches, vom Professor der lateinischen Sprache, Beda Piringer, verfaßt, welches den erklärenden Grund jener Thatsache darlegte. Das Geheimniß ist kein anderes, als daß „die freie Muse, geleitet vom Sterne der Magier, ohne rechts oder links dem Ufer sich zu nähern, mitten über den Meeresspiegel hinfahre nach dem Hafen am Felsen mit dem Leucht- thurm, unbekümmert, ob der Wind von Westen oder Süden her wehe." Durch eine solche Pflege der Wissenschaften habe sich die Abtei mit Gotteö Hilfe aus den Erschütterungen der sogenannten Reformation erholt, den Untergang des deutschen Reiches überlebt und den Söhnen des MarS stets Achtung eingeflößt. Dieser auch auf die Zeilverhältnisse bedeutsam anspielende Vortrag wurde, obwohl er nicht Allen zugänglich war, unter gleich lautloser Stille angehört und daraus dieser Theil deS Festes mit einem dem Tage angepaßten Schlußchore von C. M. v. Wcber geschlossen. Nun stand daS Beste noch bevor. Nachdem der Abendtisch, den ein Chor von Sängerknaben mit seinen eben so lieblichen als frischen und wohlklingenden Stimmen erheitert hatte, beendet war, wurde in den StiftSgarten gegangen, wo ein Schauspiel überraschte, deßgleichen bis dahin Krcmsmünster nie gesehen. Stellen Sie sich ein ganz eigenthümliches Gebäude von sieben Fenstern Breite vor, dessen Mitte mit drei Fenstern und zwei Kanten eines Vierecks über die beiden Seiten von je zwei Fenstern vortritt, in der Mitte sieben, auf beiden Seiten fünf Stockwerke hoch, blendend weiß in den heiteren, dunkelblauen, sternbesäeten, aber mondlosen Himmel hinaufragend; die verhältnißmäßigen Fenster je einzeln ungefähr 36 Quadratfuß groß. Dieses Gebäude, die Sternwarte, oder eigentlich die Warte der Wissenschaften, — denn eS enthielt, mit Ausnahme der Bibliothek, bis in die neueste Zeit die meisten wissenschaftlichen und Kunstschätze deS Stiftes, — bildet den Mittelpunct der Anlagen des StiflSgartens. Ein GraSparterre und beiderseits Baumgruppen und Laubengänge finden sich davor, und verlieren sich links und rechts — hier über einen ziemlich «32 steilen Abhang — in die verschiedenen, über einer Fläche von ungefähr einer halben Stunde Umfang verbreiteten Anlagen. Die Vorderseite dieser Sternwarte nun und die entsprechenden Hinzugänge waren, erstere mit taufenden von Lampen, letztere mit mattem, farbigem Lichte beleuchtet, und die Warte strahlte hinaus in die Nacht, weithin das schöne Thal hinab sichtbar, wie das Stift selbst, seit tausend Jahren eine Leuchte der religiösen Gesittung und Bildung, in die Nacht deS Urwalds hin« ausgestrahlt hatte. Ein herrlich gelungenes Feuerwerk wurde abgebrannt, zwei Musikchöre spielten abwechselnd entsprechende Weisen, bis endlich gegen eilf Uhr die unzählige Menge der Zuschauer, welche das seltene Schauspiel herbeigelockt, sich ver- lor und die Lampen, allmälig verlöschend, einsam auf die feenhaft vom Dunkelblau des Himmels sich abhebenden, üppig grünen Baumgruppen herabflimmerten. Von dem überwältigenden Eindrucke, den daS sinnvolle Schauspiel der Beleuchtung gerade dieser Warte der Wissenschaft auf alle Anwesenden, besonders auf den priesterlichen Hausherrn machte, von den immer wied