Zwölfter Jahrgang. Sonnt aas-Beiblatt »ch» HvvHdw««.'Pp-DHTK ,,5'Ns«g,?ioV 'Svck .chilmtu ÜE A,ch„qiiai zur Augsburger PostZeitung. Nl.>?« ^na .»usäS^tt-N Sv? n : 5,amk ZL«6zK chpn nschoW ^ini- i»t»uLt a«Z nt>I mvschtt'b ttciixv »ff ;1 ilitz»» t.?k jss tz u-' U. Die heiligt Taufe, das Vorfegnen der Wöchnerinnen und die erste Erziehung der Minder. tkk »bnvt ZM »chr»N»tt;äsi ,ch>« «zW »i mnisiK inmtv. >ÜÄ jiau^jnV Theuerster Freund! Ich erfülle mein Versprechen, und schreibe Dir, da mir eben wieder einige freie Minuten gegönnt sind, meine Ansichten und Erfahrungen über daS junge Wien, worunter ich aber nicht daS ravicale oder revolutionäre Wien, sondern nur die kleinen Kinder in der Residenzstadt verstehe. Ich fange jedoch bei den aUerkleinsten an, welche getauft' werden sollen. UnS Geistlichen in Wien werden die neugeborneu Kinblein in der Regel nicht inS Gotteshaus zum Taufbrunnen hingebracht, sondern wir Müssen in die Wohnung der Eltern gehen, um dort die heilige Taufe auSzuspen- den. Ooschon dieser Gebrauch eben nicht preiswürdig ist, so läßt er sich roch in Wien auS mancherlei Ursachen nicht leicht abschaffe». Zuerst nämlich proleslirt die Mutter dagegen, daß ihr daS neugeborne Kindlein fortgeiragcn wird; dann fürchtet man, daß das zarle Geschöpf in der Kirche einen Schaden an der Gesunlheil leiben könnte; ncbstvem gehen die Tauspalhen nicht gern i»S Gotteshaus, unv das Fahren kostet zu viel Gelv; endlich ihut dem Pfarrgeistlichen eine Remuneration für den Gang inS HauS sehr wohl, weil seine Besoldung zum Leben in Wien nicht hin, reichend ist. Bisweilen aber sind mir diese HauSlaufen recht schwer gefallen, und zwar nicht bloß der großen Hitze oder deS rauhen stürmischen WetierS wegen, sondern auch der sonderbaren Leute wegen, zu denen ich gekommen bin. Manche Leute nämlich sehen einen katholischen Priester nicht gern in der Nähe, und eS wird ihnen bei einer heiligen Handlung unheimlich zu Muthe; bei andern ist die liebe Armuih zu Hause, daher muß sich der Priester auf finstere oder trübselige Mienen gesaßt machen, oder gar spitzige Worte anhören, und sehr oft in Betreff seiner Nemuncralion viel Nachsicht haben. Ost habe ich mit Bedauern gehört, daß die Ellern nur auf vieles Bitten einen Tauspalhen für ihr Kind gesunden h^ben, und zwar einen armen Dienstvolen oder Taglöhner. ES scheint demnach in Vergessenheit geraihen zu seyn, daß eS ein gutes, für den Himmel sehr verdienstreiches Werk ist, bei einem Täuflinge Pathenstelle zu vertreten, besonders wenn man daS erfüllt, waS die heil. Kirche von den Tauspalhen verlangt, wenn man nämlich in der Folge die Erziehung unv den Wandel derjenigen, denen man beim Empfange der heil. Taufe Beistand geleistet hat, liebevoll überwacht. — Nicht genug aber, daß in Wien zu jeder Jahreszeit und bei allen verehelichten Leute» den Neugebornen die heilige Taufe in der oft sehr 306 armseligen Wohnstube ertheilt wird; sondern nebstdem werden auch die Mütter also» gleich vorgesegnet, und daS dürfte der Abficht unserer heiligen Kirche schon gar nicht entsprechen. Du weißt nämlich, daß Vorsegnen der Mütter im Gotteshause recht finn- und lehrreich ist; denn gleichwie Maria am vierzigsten Tage nach der Geburt Jesu im Tempel zu Jerusalem erschienen ist, um ihren angebeteten Sohn dem allmächtigen Vater aufzuopfern, und zugleich auS Demuth daS im mosaischen Gesetze vor» geschriebene Reinigungsopfer darzubringen: so begibt sich auch eine christkatholische Mutter einige Wochen nach der Geburt ihres KindeS in daS Gotteshaus, und opfert ihren Sprößling dem himmlischen Vater auf; sie weihet gleichsam ihr Kindlein dem Dienste GotteS, und dankt dem Allmächtigen in seinem heiligen Hause für die glückliche Geburt deS KinveS. Nebstdem wird auch jede christkatholische Mutter durch die Vorsegnung daran erinnert, daß der Ursprung deS Menschen noch immer unrein ist, und daß eben deßhalb nicht bloß der Neugeborne deS BadeS der heiligen Taufe, sondern auch jede Mutter der Weihe oder deS Segens ihrer von Christo gestifteten Kirche bedarf, um wieder würdig im Heiligthume deS Gotteshauses erscheinen zu können. Diese Bedeutung des VorsegnenS nun geht größtentheilS verloren, wenn die genannte Ceremonie in der Wohnstube einer Mutter vorgenommen wird. Darum, lieber Freund, wirst Du mit mir wohl einverstanden seyn, wenn ich meine, daß die Mütter ohne weiterS im Gotteshause erscheinen sollten, um sich vorsegnen zu lassen. In Spanien hat ja vor einiger Zeit sogar die Königin ihren Kirchengang öffentlich verrichtet, und die kleine Prinzessin dem himmlischen Vater vor dem Altare aufgeopfert; warum sollte daS in Wien nicht ebenfalls thunlich seyn? Leider ist auch die Wartung und erste Erziehung der armen Kleinen in Wien nicht lobenSwerth. Ich würde eine lange Zeit und viel Raum in diesem Briefe brauchen, wenn ich Dir alle Febler und Thorheiten schildern wollte, die bei der Pflege der Kinder begangen werden. Namentlich pfleg» man die zarten Geschöpfe selbst mit solchen Speisen und Getränken, die nicht einmal den Erwachsenen zuträglich sind, völlig zu überladen, so daß schon frühzeitig in sie der Keim zu einem lebenslänglichen Siechthum gelegt wird. Nebstdem läßt man eS an der nöthigen Aufsicht fehlen. Sehr nützlich sind darum die Kleinkinverbewahr- anstalten in jenen Vorstädten, die meistens von armen Leuten bewohnt werden; denn in diesen Anstalten werden einige hundert Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren den ganzen Tag hindurch sorgfältig überwacht und beschäftiget, so daß die Eltern ihret Arbeit ungehindert nachgehen können. Nebstdem lernen die Kleinen beinahe spielend recht nützliche Dinge, wie z. B. etwas Rechnen, dann die Buchstaben, und sogar ein wenig Lesen, ganz besonders aber die Anfangsgründe der heiligen Religion. Besser wäre eS freilich, wenn sich die Eltern selbst mit der ersten Bildung ihrer Kinder befassen könnten und wollten, denn dadurch würde vie kindliche Liebe und Dankbarkeit mehr befördert werden, als durch den Aufenthalt in einer Kinderbewahr- anstalt; allein bei dem jetzigen Stande der Dinge ist von Eltern nicht viel Gutes jv erwarten. Nicht genug nämlich, daß die meisten Eltern mit Berufsgeschäften überhäuft sind, sondern nebstdem besitzen sie selbst so wenig Geistes- und Herzensbildung, daß Kinder von ihnen sürwahr nicht viel Gutes lernen können. Ich versichere, daß mir oft daS Herz geblutet hat, wenn ich die zarte Jugend betrachtete, und ihre rohen Ausdrücke, ihre schmutzigen, wilden Reden, ihre Schimpf- und Schmähworte hörte oder ihr unbändiges Benehmen sah. Einst hörte ick «in ungefähr dreijähriges Kind mehrere Verse eines abscheulichen Liedes herablallen, und der Bater hatte darüber eine große Freude. DaS Kreuzmachen aber und daS Vater unser hatte daS Kind noch nicht gelernt. Bei den vornehmeren und reicheren Leuten endlich werden die Kinder schon frühzeitig zur Eitelkeit, zur Putz- und Gefallsucht angeleitet. Du würdest Dich, theurer Freund, gewiß wundern, wenn Du eS mit eigenen Augen sehen könntest, wie kostbar und wie phantastisch die Nachkommenschaft der vornehm seyn wollenden Leute in Wien auSstaffirt ist. Wenn Du mich daher mit den bekannten Worten, die nach der Geburt deS Johannes Baptista vorgebracht worden find, fragen wolltest: Was wird denn au< diesen Kindern werden? dann würde ich die 307 Achseln zucken, und Dir antworten: Ich weiß eS nicht. Gar viel Gutes darf man sich meines ErachtenS nicht versprechen. Da ich jedoch voraussetzen kann, daß Du Dich für die Verhältnisse und Zustände der Bewohner Wiens interessirest, so will ich Dir nächsten» noch weiteren Aufschluß darüber geben. Entziehe unterdessen deine Gewogenheit nicht deinem aufrichtigen Freunde N. Die Erzherzogin Maria von Steiermark« Mutter Kaiser Ferdinand de» Zweiten. Rede des Hofraths und ReichShistoriographen Dr. Friedrich Hurrer, gehalten in der P lenarversammlung des Wiener Central,Severi« nuSvereineS am 30. August 1852. ll. (Schluß.) Von den Töchtern wenden wir unS wieder zu der Mutter und deren Obsorge um alle ihre Kinder. Neben dem Höchsten und Tiefsten, jeder Lebensäußerung die verklärende Weihe Verleihenden, ward auch von allem, waS auf Vervollkommnung deS Geistes und auf Ausstattung mit manchartiger Geschicklichkeit, je nach der Eigenthümlichkeit deS Geschlechtes. Bezug Hai, nichts verabsäumt. Die lateinische Sprache nahm damals unter den Anforderungen höherer Bildung dieselbe Stelle ein, welche seit anderthalb Jahrhunderten der französischen nur allzuwillfährig ist eingeräumt wor« den. Gleich den Erzherzogen wurden auch die Erzherzoginnen in derselben von frühen Iahren an unterrichtet; mit welcher Gründlichkeit, zeigt ein jetzt noch vorhandener Brief, welchen die zehnjährige Erzherzogin Anna an ihren Oheim, den Herzog Wil» Helm von Bayern, in jener Sprache schrieb. Ferdinand, fünf Jahre jünger als Anna, scheint an ihrem Unterricht Theil genommen zu haben, denn schon nach seinem vierten Jahre konnte er eS versuchen, seinem Vater ein Brieflein zu schreiben, der freilich der Gemahlin darüber bemerkte: „um eö lesen zu können, hätte ich einer eigenen Ziffer bedurft." Immerhin ist eS ein Beweis, daß frühzeitig sein Unterricht begonnen habe. In seinem siebenten Jahre erhielt er solchen im Zeichnen und Malen, denn die Mutter schreibt ihrem Bruder: „Du glaubst nicht, wie der Bube den Lehrer plagt, er muß ihn stets abmalen.' Seinem Erzieher, dem Herrn Jakob von AttimiS, einem eben so erfahrenen als feingebildeten und gotteSfürchtigen Edelmann? jener Zeit, schrieb Maria, da Ferdinand eben das zehnte Jahr zurückgelegt hatte: „Ich sehe auS Eurem Schreiben, daß alle meine Kinder sich wohl befinden; daß mein Ferdinand zeichnet, höre ich gerne. Grüßet mir denselben und saget ihm, daß er fromm und gehorsam sey, durchaus nie etwaS von Euch begehre, waS ihm nachtheilig wäre. Saget ihm, ich hätte seinen Brief wohl empfangen." Die Sorgfalt der Erzherzogin um ihre Kinder spiegelt sich am hellsten ab in einigen Briefen derselben, welche ihr zweiter Sohn, Maximilian Ernst, veranlaßte. Klagen des Lehrers über denselben hatten Mahnungen, Erinnerungen, selbst Drohungen an ihn zur Folge. Aber als verständige Mutter wünschte Maria zu wissen: ob zu große Strenge deS Lehrers oder wirklicher Ungehorsam deS Zöglings die Klagen hervorgerufen hätten, denn der Erzherzog stand bereits in seinem achtzehnten Jahre. Alles aber, was wir über seine Persönlichkeit wissen, berechtigt zu der Vermuthung, daß die Behandlung deS LehrerS nicht die zweckmäßigste gewesen sey. Doch schrieb Maria dem Beichtvater Ferdinands: „nichts könnte ihr mütterliches Herz mehr erfreuen, als wenn Mar seine üblen Gewohnheiten wollte ablegen, ein vortrefflicher Fürst werden. Gingen ihr aber von Lehrern und andern Personen unablässig Beschwerden über denselben zu, so wäre eS nicht anders, als wenn man ihr daS Herz auS dem Leibe risse. Der Pater solle ihn ermähnen, daß er sie nicht immerfort betrübe, endlich sich bessere." 308 Auf dieses hatte besonders Ferdinand einzuwirken, welchen ste zur Berichterstattung über den Bruder aufforderte. Da nun Marimilian alles Gute angelobt, sandte sie jenem eine schriftliche Ermahnung zu, die er ihm unter vier Augen vorlesen sollte, und von der ste unter der Gnade GotteS, in Verbindung mit des SohneS gutem Willen, den besten Erfolg sich versprach. Sie täuschte sich nicht. Von Ferdinand kam ihr ein befriedigendes Zeugniß über den Bruder zu, worüber sie bemerkte: „Was kann ich Besseres wünschen, als daß Marimilian umkehre unv seinen üblen Gewohnheiten entsage? Laß ihn dir brüderlich empfohlen seyn und strafe ihn brüderlich, wo eS nöthig seyn sollte. Er wird cS annehmen, wo nicht, so drohe ihm mit mir. Mit nichts hättest du mich so sehr erfreuen können, als mit der Nachricht von seinem Wohlverhalten und mjt dem Zeugniß deiner Zufriedenheit mit ihm. Er solle ihn daher öfter zur Ausdauer mahnen, dann würden ihre Wünsche ungezweifelt in Erfüllung gehen, sie seines Fleißes im Lernen noch mehr sich erfreuen können als seines körperlichen Wachsthums." Ihm selbst schickte sie an seinem Namenstag ein Ringlein und knüpfte daran den Wink: „damit will ich dich zu der Ehre GotteS verbinden und anveutcn, daß du den Heiligen, dessen Namen du trägst, zum Vorbild nehmest, so fromm werbest, wie dieser eS war." Auch die andern Söhne ließ sie durch Ferdinand, der während ihrer Reise nach Spanien die Stelle deS HauSvaterS zu versehen hatte, öfters an Frömmigkeit, an fleißiges Studiren, an Gehorsam gegen ihn, gegen die Lehrer, gegen den Hofmeister erinnern. Den Grüßen an seine Geschwister fehlte selten der Beisay: „denjenigen, welche fromm sind, den bösen aber nicht." Würde nicht jedes ihrer Kinder gegen den Bruder, als den Aeltesten, gebührlich sich verhalten, so müßte ihr dieses großen Kummer bereiten. „Seyd friedlich unter einander," schrieb sie Allen zumal, denn einem Jeden derselben sollten ihre Briefe stetS mitgetheilt werden, „seyd friedlich unter einander, alsdann wird Gott mit Euch seyn." Ferdinand aber mahnte sie: «Hüte fleißig, eS thut alleS von nöthen." , Die Erzherzoginnen wurden unter den Augen der Mutter zur Arbeitsamkeit erzogen. Vcn der Königin von Polen wissen wir, daß sie jeden Tag von der Mit» tagöstunde an bis um vier Uhr mit zweien ihrer vertrautesten Kammerfrauen in Nähen, Stricken, Verfertigung kirchlicher Gerä'hschaftcn zubrachte. Hierin war auch die Königin von Spanien ras Ebenbild der Mittler; gleich derselben fertigte sie Manches, entweder für den Dienst der Kirche oder zur Hilfe für Arme. Bei dem Hofapoiheker, der zugleich den Namen und den Dienst eines ConfectuartuS hatte, mußten die Erzherzoginnen daS, was damals destilliren genannt wurde, erlernen. Auch den Verrichtungen in der Küche waren sie nicht fremd, wenigstens verstanden sie sich auf Bereitung von Backwerk, denn Maria trug einst Ferdinand auf, von Eleonorens „Kocherei" von jeder Sorte eine Schachtel voll ihr zu schicken, damit sie sehe, wie dieselbe ausgefallen sey. Jene Zeit kränkelte noch nicht an dem HumanitätS-Schleichfieber unserer Tage. Sie glaubte noch nicht, daß die Kinder zu Männern und zu Frauen könnten heran- geiändell und hcrangeiänzelt werden. Sie war dessen fest überzeugt, daß eine tüchtige, gedeihliche Erfolge inS Auge fassende Erziehung, neben der zartesten und wärmsten, aber auch vernünftigen Liebe, vor Anwendung zweckmäßiger Strenge nicht zurückschrecken dürfe. Gegen diese räumte fürstliche Geburt kein Vorrecht ein, und die Mutter glaubte so wenig dieselbe vermeiden zu müssen als der Vater. Beide sahen in den Kindern den Menschen, welchen die Liebe mit Erfolg nur dann heranzubilden vermöge, wenn auch der Ernst im Hintergrunde stehe. Die Erzherzogin Maria Christine, die ihre Kinderjahre am Hofe zu München zubrachte, hatte daher den Großvater nur deßwegen lieber als die Großmutter, weil er sie nie züchtigte. Di'k siebenjährige Ferdinand unterließ eS, vor einer Reise deS BaterS Abschied von demselben zu nehmen. Da trug Erzherzog Carl der Gemahlin schriftlich (wahrscheinlich um eS dem Knaben vorlesen zu können) auf, ihn bis zu seiner Rückkehr bei Wasser und Brod einzusperren. DaS ^Vrieflein ist noch vorhanden und zeigt in dem durchgestrichenen Wort Brod, wofür" der Erzherzog Stein setzte, daß ihm daS 309 Empfindlichste sollte angedroht werden. Eben so erfahren wir auS einem Brief der Erzherzogin, daß sie Ferdinand die Ruthe gegeben habe, weil er ungeziemende AuS, drücke gegen seinen Oheim Wilhelm sich erlaubt hatte. WaS zu meiner Jugendzeit, wenigstens in meiner Vaterstadt noch allgemein und gewiß wohlüberlegter Gebrauch war, daS wurde damals auch an dem Hofe zu Grat) beobachtet: der heilige Nikolaus kam niemals mit seinen Festgeschenken, ohne eine Ruthe mitzubringen. Maria aber schrieb in Erwartung dieses TageS und im Hinblick auf Ferdinand dem Bruder: „Wie wird der Bub eine Freude haben? Er spricht unausgesetzt von dem Nickel; nur fürchtet er sich, derselbe könnte auch eine Ruthe einlegen. DaS höre ich von Herzen gern." AIS aber eben dieser „Bub," wie ihn die Mutter nannte, regierender Erzherzog in Steiermark und Stellvertreter des Kaisers am Reichstag geworden war, schrieb er derselben von seinem dreijährigen Prinzen Johann Carl: „ich freue mich über nichts so sehr, als daß er so gerne betet und die Ruthe fürchtet." Heut zu Tage fürchten häufig die Eltern die Ruthe, da eine solche nicht selten in den Kindern für sie heranwächst. Auch ein Fortschritt! Hiermit habe ich Ihnen daS Walten der Erzherzogin Maria über ihre Kinder von der ernsten Seite dargestellt. Findet sich die hochverehrte Versammlung hierdurch angezogen und wünscht sie ein Bild desselben auch von seiner heitern und freuvigen Seite, so fehlt eS nicht an den bewährtesten Zeugnissen, um hierüber ebenfalls manches Ansprechende und Unmuthige mittheilen zu können. In diesem wird dann zugleich der vollgiltigste Beweis liegen, vaß der zu jedem Kampf gerüstete katholische Glaube, die gewissenhafteste Beobachtung alles dessen, waS derselbe vorschreibt, die freudigste Erfüllung der mannigfaltigen kirchlichen Bethätigungen, daS redlichste Streben nach seiner Heiligung durch Uebung jeder Art von LiebeS- und Bußwerken am fernsten stehe von zweideutiger Kopfhängern und von saurer Grämlichkeit, vielmehr mit der heitersten Hcrzensfreudigkeil jenes Wort deS Herrn erfüllend: Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht traurig seyn wie die Heuchler. «i öt-.nrsS - :Kn,z,5,t «,m«vmt ,ir ' Unsrer lieben Frauen Mantel. Eine Erzählung in sieben Lectionen über das Salve Negma. Vierte Lection: „Zu dir seufzen wir trauernd und weinend in diesem Thale der Zähre«." Höchlich vergnügt kam, nach einigen arbeitsamen Tagen, der alte Falzmann von der Fürstin nach Hause und hätte seinem Sohn gerne etwas Freundliches gesagt, Wäre nicht dieser allzu mürrisch an seinem Arbeitstisch gesessen. Darum ließ er eS mittlerweile beim Schweigen bewenden, bis Herr JacaueS aufstund, vor ihn hintrat unv sprach: Die Gebetbücher sind nun ebenfalls fertig unv nebenbei auch ich. — Du, mein Sohn? wie meinst du dieß? — Reisefertig, meine ich. — Wie redest du da, mein Kind? waS betrübst du mich? — Die Betrübniß wird so groß nicht seyn, mein Vater; Sie haben ja ohnehin keine Freude an mir! — Mir Freuve zu machen, daS hängt bloß von dir ab, mein Sohn.'— Etwa durch Heuchelei? dazu tun ich zu stolz. — Ja, das bist du. Wärest du eS nicht, so könnte ich dir'S weitläufig erzählen, welch einen ausnehmenden Beifall deine Einbände bei der Fürst»; gesunren haben, wie sehr sie daS Geschmackvolle und Solide deiner Arbeit gerühmt hat. Ich muß dir gestehe», ich war selber voll Freude darüber. — So? erwiderte Herr JacqueS, mit einigem Sonnenschein im Wolkengesicht; so gnävig waren Ihre Durchlaucht? — Gewiß, mein Kind. Sie will dich sogar sehen, um mehr mit dir zu sprechen, als daS erstemal, und du sollst heute bei ihr erscheinen. Sie nimmt dich ganz besonders in Proteciion. — Dafür danke ich schönstens. WaS soll ich dort? wahrscheinlich eine Lection anhören? oder neuerdings vor der schnippischen Jungfer Josephs mich beschämen lassen? — Du bist bitter, mein Kind. — Ja ich bin biller und gar nichts mehr will mich freuen. Ganz von Herzen betrübt bin ich, mein Vater. — Du armer 310 Gohn! Gott sey Lob und Dank! — Wie, Sie danken noch Gott dafür? — Freilich, mein Jacques. Nun lernst du doch, was du bisher nicht gewußt hast, daß wir in einem Jammer- und Thränenthale leben. — O nein, Herr Vater, ich werde weder jammern noch Thränen vergießen, dazu bin ich wirklich zu stolz. — Aber waS hast du denn, mein Sohn? Ist'S der Mühe werth, dick so zu quälen? Der Eine trauert und weint, weil er seinen Herzenswunsch nicht erreichen kann, der Andere, weil er ihn erreicht hat; da ist Trübsal und Jammer vor der Heirath oder nach der Heirath, oder auch nach wie vor; darum sind wir ja im Jammerthal! Sie scherzen da, sagte Herr JacqueS, als ob ich nicht wüßte, daß Sie tag- täglich vor dem Porträt meiner seligen Mutter stehen, und dabei lieber weinen als lachen möchten! . Ja wohl, erwiderte Herr Falzmann'sebr weich, Gott hat sie früh, zeitig von mir genommen. Aber, mein Sohn, darum ist ja auch hier das Thal der Thränen! Du hast eS bisher noch nicht erfahren! — Nicht? ich bin gewiß ein unglücklicher Mensch! Und wer ist'S, der mich so unselig macht, als eben Jene, welche Sie die Allerseligste nennen? — Sey still, Sohn, daS ist ja Lästerung! — Darf ich'S nicht sagen, mein Vater? warum nicht? Ich komme hierher, und zwar mit ziemiichem Widerwillen, und nur auf Ihr Geheiß, weil ich in unserer Kunst zu viel gelernt habe, als daß ich mich gerne in einer Landstadt damit vergraben möchte. Kaum habe ich Josephs gesehen, als ich schon ganz getrost war, so daß eS mir nim- mer einfiel, jemals von hier wegzugehen. Das weiß Gott, ich bliebe mit tausend Freuden. Da war aber der Meister Pankraz gleich hinterher, und hieß mich seine Tochter meiden, und warum? bloß weil ich das Madonnabilv in seiner Stube etwas gar zu schwarz gefunden habe. Der wackere alte Scrvit begütigt ihn kaum auf meine Bitte, alS schon ein zweites und noch größeres Unglück dazwischen tritt; denn da kömmt die Fürstin und läßt der Allerseligsten einen prächtigen Mantel sticken und sieht sich Josephs zur Gehilfin auS; davon wird daS gute Kind so stolz, daß sie zu vornehm für mich zu seyn glaubt, besonders seit die Fürstin mich per Er zu behandeln beliebte; und nun ist mein Glück zu Ende. Aber, mein Sohn, waS du wieder dir zusammen träumst! — Vater, eS ist klar. Ich wollte, die Fürstin hätte das Geld, daS der rothe Sammt mit der Goldstickerei kostet, lieber an die Armen vertheilt, so wäre daS sicher ein besseres Werk, und Josepha hätte keine Gelegenheit, einen redlichen, jungen Mann zu verachten, dessen Kunst der ihrigen wohl noch gleich kommen wird! — Mein Sohn, die Leidenschaft schmält ja aus dir, wie, Gott behüte, auS einem Jscharioth? Die Armen, ja die Armen! hast du dich jemals schon um ihre Noth recht eigentlich bekümmert? Oder weißt du auch, was die gute Fürstin für sie thut? Erst gehe hin und erkundige dich darum, und dann urtheile. Urtheile aber auch nicht wie jener, der über Magva- lena'S Verschwendung gescholten hat; denn Maria, die arme Jungfrau auS königlichem Hause, ist die Mutter aller Armen, unv die Armen sind eS wahrhaft, die da wissen, daß sie im Thal der Thränen leben, und diese auch wissen eS, wohin sie um Hilft sich zu wenden haben, und sprechen: Zu dir seufzen wir weinend und trauernd in diesem Thal der Zähren. Darauf erwidert ihr göttlicher Sohn und sagt es unverholen: Selig die Armen im Geiste, denn das Himmelreich ist ihrer. Die Königin des Himmelreichs ist aber Maria, darum kennen die Armen auch ihre Königin. Das weiß und fühlt die gute Fürstin gar tief und ehret die Königin in ihrem Bilde durch einen goldgestickten, königlichen Purpurmantel, und die Armen erkennen daS für keine geringere Wohlthat, als wenn sie selber gespeiset unv gekleidet würden. Ach du mein armer Sohn, wärest auch du ein Armer im Geiste, du würdest eS ebenfalls einsehen, und nicht so gesprochen haben, wie Jener, der den GUv- beutel trug und ein Schalk war. Mein Sohn, in heiliger Schrift steht'S: den Armen wird das Evangelium verkündigt. Merke dir'S: nur den Armen! Ach Gott! seufzte Jacques, die ewigen Lectionen! Mir ist so wüst, mir ist so wüst! ich wollte lieber, daß alle Donnerwetter mich zerreißen möchten! — Mein Sohn, erwiderte der alte Falzmann zitternd, sey nicht so mürrisch gegen deinen 311 fiebenzigjährigen Vater, dem eS so bange um dich istl Gehe du nur nicht von mir, ich meinerseits will dir nichts mehr sagen, was dich aufbringen könnte. — Ein Strom von Thränen ergoß sich von seinen grauen Wimpern. Beim MittagStisch saß er still und freundlich, doch ohne einen Bissen zu berühren, Herr JacqueS aß auch nichts. Nachmittags nahm er die neu gebunoenen Gebetbücher zusammen und sprach: Ich gehe damit zur Fürstin. Du kommst wohl auch nach? — Herr JacqueS küßte ihm die Hand, vermied aber, ihm in die Augen zu sehen. Kopfschüttelnd ging der alte Falzmann seinen Weg. Herr JacqueS machte sich alSbalv auf, schnürte sein Felleisen, warf sich in sein Reisegewand, worin er ein Mittelding von pilgerndem Künstler, weitauSsahren- dem wissenschaftlichem Kopf und wanderndem HandwerkSburschen vorstellte, nahm seinen Knotenstock zur Hand und begab sich, ein eben so kurz als erhaben stvltsuteS Brieschen zurücklassend, auf den Weg. Gern hätte er noch ein anderes, schöner noch stylistrteS an Josephs ausgefertigt, dieß ließ jedoch sein gekränktes Herz nicht zu; uno dieß Eine nur mochte er sich nicht versagen, sie noch einmal, wenn auch von ferne nur, zu sehen. Er ging deßhalb den Fußsteig längs des Schloßparkes hinan im Schweiße seines Angesichtes, bis zu der schattigen Anhöhe, wo dem Vernehmen nach der LieblingSaufenthalt der Fürstin war. Da trugen die glühenden Lüfte deS Spätsommers ihm diese LiedeStöne auS Josepha'S Mund entgegen: Wir trauern wohl und klagen, Umringt von Leid und Qual; Doch seh'n wir ohn' Verzagen Hinauf zum Himmelssaal; Maria, hör' uns weinen, Lieh', Mutter, auf die Deinen Herab >, j.^-s m,0 Ülll,t,..^ Anfang deS Sommers wohnte der Prinzpräsident in St. Cloud, zwei Stunden von Paris. Ein paar Tage vor seiner Abreise nach Siraßburg kam er eines Morgens ohne alle Ankündigung in Begleitung eines Adjutanten in daS HauS der christlichen Schulbrüder. „Meine lieben Brüder^" sagte er nach dem Eintreten, „ich höre, Sie haben hier Bücher, die in einem gewissen Geiste geschrieben sind, der geeignet ist, die Gesinnungen der Zöglinge in Betreff unserer Nationalgeschichte irre zu leiten." — „Man hat Sie hintergangen, Prinz," antwortete der Superior, „solche Bücher gibt eS bei unS gar nicht." Da äußerte der Adjutant: „Haben Sie nichts ein Geschichtsbuch, worin der Kaiser arg mitgenommen wird?" Hierauf gab ihm der Superior ein Unterrichtsbuch der LanreSgeschichte, das für den Orden besonders versaßt war, und sagte: „dieß ist das einzige Buch, welches neuere Geschichte betrifft." Der Prinzpräsident nahm schnell daS Buch an sich, las sofort einige Seiten und gab eS dann dem Superior mit den Worten »urück: „Ganz gut. Seit wann besteht Ihr HauS? wie ist Ihre finanzielle Lage?" Der Superior eiugegnete: „König Carl X. hat eS gegründet und reich ausgestattet aus seiner KabinetSkasse, aber die Zahl der Zöglinge ist unS doch ein wenig über den Kopf gewachsen." „Nun, wie groß ist ihr jährlicher Ausfall?" „Etwa 300 Franken." „So nehmen Sie diesen kleinen Beitrag, um sie auS der Verlegenheit zu ziehen," sagte Ludwig Napoleon, indem er einige Banknoten auS der Tasche zog und sich entfernte Es war «in Geschenk von 2000 Franken. ——.-„ Verantwortlicher Redacteur: L. Scheuche», VerlagS-Iohaber: F.