Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augslmrger PostMung. _. 3. October ^tv 185S. tt>z0 70? ibN2-' Erfahrungen eines katholischen Geistliche« über die vorzüglichste Ursache der vielen unehelichen Geburten. . ÄsltHUA ÄN"r5ÄPl !>i?I IlKüt t^)Ü!/> ^l < ülll^. lt? jIO>ft!!-)v^ 7:^ Ä>U i^ItlV? (In einem Briefe.) Lieber Freund! Auf deine Frage über die vorzüglichste Ursache der vielen unehelichen Geburten glaube ich die Wahrheit zu sagen, wenn ich antworte: Cie liegt sowohl bei noch schuldlosen Söhnen und Töchtern, als bei solchen, die schon in Bekaunlschaslen leben, im Mangel an Abscheu gegen die Sünde deS sechölen Gebotes und was dazu verleitet, als Kleiderhoffart, Besuchen der Personen deS andern Geschlechtes, Bekanntschaften, Tänze mit Personen deS andern Geschlechtes, sowohl bei Hochzeiten alS Freitänzen an Sonnlagen, wodurch der Tag deS Herrn am meisten cniheiligt wirv, gewiß Dinge, die zu den Werken deö SalanS gehören, denen man bei dem Empfang der Taufe enlsagen mußte. Wenn den Erwachsenen, welche diese Werke des SalanS nicht verabscheuen, nach der Lehre deS Conciliums von Trient, weil die Vorbereitung zur Rechtfertigung mangelt, die heilige T^ufe und Communion nicht ertheilt werden darf: so wird von allen unsern Söhnen uud Töchtern, die nicht Abscheu an Kleirer- Hoffart, Bekanntschaften, Tanzplätzen, Trinkgelagen (Röm. 13, 13. 14), dann Umgang mit leichlferligen Personen haben, sondern Neigung und Freude daran haben, die heilige Communion unwürdig empfangen. Von der Rechtfertigung, die dem würdigen Empfange der Taufe und der heiligen Communion vorausgehen muß, lehrt daS Concilium von Trient in der sechsten Sitzung und im sechsten Kapitel, „daß man auS Furcht vor der göttlichen Gerechtigkeit zur Betrachtung der Barmherzigkeit GotteS hingewendet, Gott zu lieben und die Sünde zu verabscheuen und zu hassen anfangen müsse." Zur Sünde gehört offenbar auch die Neigung zur Kleiderhoffart, zu Personen des andern Geschlechtes, zur Tanzlustbarkeit, zu Trinkgelagen :c., weil jene, die Jesum lieben, diese Werke des SalanS verabscheuen, und der Apostel Paulus lehrt, „verflucht ist, wer Jesum nicht liebt," und Johannes: „Wer Gott nicht liebt bleibt im Tode" (1. Joh. 3, 14). Alle diese empfangen daher die heilige Communivn unwürdig auSMangel an der dazu nöthigen Vorbereitung. Mangel an Abscheu der Sünde und waS zur Sünde verleitet, weil die Tauf, gnade die Liebe zur Sündengefahr verbietet, und Mangel an Liebe zu Jesus, welchen sie verabscheut, sind also nicht nur Ursache der vielen unehelichen Geburten, sondern auch der so vielen unwürdigen Communionen, welche die Beichtväter, durch Verschiebung der Lossprechung, bei jenen Söhnen und Töchtern nicht verhindern können, welchen die Liebe zu JesuS und der verlangte Abscheu an den genannten Werken des SatanS mangelt, und sich daher auch über solche Sünden nicht anklagen im Beichtstühle. 314 Damit solche Sünder zur Selbstkenntniß gelangen, und auch die Seelsorger sich überzeugen können, daß solche Jünglinge und Jungfrauen nicht Jesum, sondern die obengenannten Werke deS SatanS lieben und von der unwürdigen Communion ausgeschlossen werden, weiß ich nur ein Mittel: Die Herren Bischöfe sollen diesen vor der Ostercommunion jährlich befehlen, vor dem Seelsorger öffentlich zu erklären, durch Aufzeichnung ihres NamenS, daß sie der Kleiderhoffart, Bekanntschaften, Frei» tänzen zc. entsagen müssen, wenn sie zur Ostercommunion nach ihrer Beicht sollen zugelassen werden können. Dieß kann auch zugleich als Aufnahme in ein Tugend, dündniß betrachtet werden. Unstreitig wäre dieß eines der kräftigsten Tugendmittel nicht nur zur Verminderung unwürdiger Communionen, sondern auch der so vielen unehelichen Geburten, wie schon Bourdato in einer Osterpredigt vor dem Könige bemerkte. WaS dieser von der wirklichen, sich entschieden zeigenden LebenS- besserung sagt, gilt auch von der öffentlichen Erklärung, die Pflichten deS Taufbun- deS erfüllen zu wollen. Bourdato sagt: „In Wahrheit! man will nicht, daß man eS äußerlich merke, man habe sein Leben geändert (oder öffentlich versprochen, die Pflichten deS TaufbundeS zu halten),, weil man wohl einsieht, daß, wenn diese Ver, Änderung einmal bekannt würde, man sich dann genöthigt sehen würde, sie fortzusetzen. Man würde sich nicht mehr von ihr losmachen können; und wenn auch die Ehre der Pflicht und der Religion zu Hilfe käme, so würde man die schwerste Tugend, die Beständigkeit, nicht etwa nur in eine bloße Verbindlichkeit, sondern gleichsam in eine unumgängliche Nothwendigkeit verwandeln. Wie gut man aber auch gesinnt seyn mag, so will man sich doch die Freiheit vorbehalten, in Zukunft zu thun, was man will — wieder zur Welt zurückzukehren." Jünglinge, Jungfrauen, welche sich Christo der Art schämen, daß sie sich scheuen, öffentlich obigen Werken des SatanS zu entsagen, um der Welt nicht zu mißfallen, find offenbar der heiligen Communion unwürdig nach den Worten Jesu: „Wer sich meiner und meiner Lehre vor diesem sündhaften Geschlechte schämt, dessen wird auch der Menschen Sohn sich schämen." (Mark. 8, 33.) Unsrer lieben Frauen Mantel. Eine Erzählung in sieben Lectionen über das Salve Regina. Fünfte Lection: „Eja, «nftre Fürsprechen'»." ES war schon ziemlich am Abend, als die Fürstin sammt ihrer Begleitung wieder im Schlosse anlangte. Zwischen den Leuten, die ihrer an der Einfahrt harrten, trat alsbald der Prior hervor, der bisher nach seiner freundlichen Weise sie um sich versammelt gehalten; er hatte aber kaum die Fürstin gegrüßt, als er schon auSries: Ach, da ist er ja, da ist ja der liebe Freund! Also Ihre Durchlaucht selber bringen ihn zurück? — Ich weiß nicht, wie Sie dieß Zurückbringen meinen, sagte die Fürstin; kommen Sie jedoch mit herauf, Herr Prior, und Sie, Falzmann, ebenfalls. — Sie ging mit BenitiuS in ihre Zimmer, während ersterer und Joseph« im Vorsaale zurückblieben. Josepha, so nahm Herr JacqueS daS Wort, komme ich Ihnen wohl recht dumm vor? — Ach, daS eben nicht, antwortete diese lachend, aber ganz wunderlich. — Seh'n Sie, Josepha, damit ich aufrichtig rede, Sie kommen mir heute gar nicht stolz vor. — Haben Sie mich denn für stolz gehalten? — Ja, der Anschein Hat'S gegeben. Ich finde aber auch keinen Stolz an der durchlauchtigen Frau. — Freilich nicht, Herr JacqueS. Welch eine hohe Geistesbildung und welch eine Sanftmuth! sie ist eine himmlische Frau! Ei waS nicht noch, Herr JacqueS! wo reden Sie wieder hin? Eine große Verehrerin der himmlischen Frau ist sie, daS ist wahr, sie selber aber ist für jetzt noch eine irdische Frau und nimmt solche abgeschmackte Lobsprüche nicht an. — Sie find doch stolz, Josepha! sogar über die Fürstin nehmen Sie sich etwas heraus! — Während Herr Falzmann dieß sprach, kam einer 315 von den HauSofficieren und brachte ihr einige Schlüssel mit den Worten: Jungfer Pepi, Ihr Vater war vorhin da und läßt Ihnen sagen, Sie sollen heute Nacht zu Hause seyn, so auch morgen, weil er mit dem Buchbindermeister eiligst verreisen müsse. — Merken Sie etwas? sagte Joseph«; mir geht beinahe ein Licht auf wegen des Felleisens, welches der Fürstin auch schon so seltsam vorgekommen ist. Oder glauben Sie, die Fürstin habe an Ihnen keine Verlegenheit bemerkt? ihr entgeht nichts so leicht! — Liebe, liebe Joseph«, erwiderte JacqueS mit unsicherer Stimme, in der That habe ich einen dummen Streich begangen, an dem zwar Sie selber schuld sind; und ich möchte um alles in der Welt bei der Fürstin nicht in Ungnade oder in ein verächtliches Licht gerathen. Machen Sie also die Fürsprecherin für mich; ich will Ihnen Alles erzählen, waS ich auf dem Herzen habe. — Fürsprecherin, erinnerte Josephs lächelnd, waS für ein besonderes Unglück Sie haben, lauter solche Worte vorzubringen, mit denen man vorsichtig umgehen muß, weil sie inS Gebet gehören und nicht zu den Alltagsdingen. Ja, wenden Sie sich nur an die wahre Fürsprecherin, welcher Niemand jemals vergeblich seine Bitte vorgelegt hat, und wenn Sie nicht ganz verstehen sollten, welche ich meine, so will ich sie Ihnen nennen. Ich weiß schon, ich verstehe schon, antwortete Jacques mit halb bitterer Freundlichkeit; die Fürstin, der Prior, mein Vater, Ihr Vater und Sie, das sind zusammen fünf, und diese fünf reden allezeit daö Nämliche. Mir ist'S ja recht, ich will ja die Allerseligste auch verehren und veneriren, weil Diejenige, deren Sohn von allen Menschen angebetet werden muß, billig von allen Menschen zu verehren ist; aber zwingen soll man mich nicht, Niemand soll mich zwingen; keimn Zwang lasse ich mir nicht anthun. Es ist erschrecklich, wenn so Alles hinter einem her ist, da muß man ja endlich auf und davon gehen I Und glauben Sie etwa, Josepha, eS sey mir ein Leichtes gewesen? weil Sie nicht wissen, Kind, weil Sie nicht wissen! — Er brach in Thränen auS und konnte sie mit dem regennassen Schnupftuch nicht trocknen; und als Josepha ihm ihr eigenes Tuch zu diesem Ende anbot, weinte er noch mehr, dabei schien ihm der letzte rothe Abendsonnenstrahl ins Angesicht und spiegelte sich in den Thränen, und umgab den trotzigen, jungen Mann mit einer eigenen, mildglän- zenden Umschrift, deren Inhalt war: So hat dieser ausgesehen, als er noch ein Kind war und klaren Gemüthes. ES haben (im Vorbeigehen gesagt) die Frauen dieß Eigene, daß sie keinen Mann weinen sehen können ohne inniges Mitleid. AIS noch (und zwar nicht gerade nur im Mittelalter, sondern bis nahe in unsere Zeit herein) Fürsten und Feldherren, Bürger und Kaufleute, Gelehrte und Künstler (selbst Professoren und Landrälhe nicht ausgenommen) im Brauche hatten, zur Mutter deS Herrn zu rufen, und mit Thränen ihre Sorgen und Mühen dieser großen Fürsprecherin anzuempfehlen, haben sie dieses selige Mitleid gar oft und reichlich erfahren, und sind erfreut, erhört oder getröstet worden. Ist es nicht schade, daß dieser Brauch jetzt so selten ist? — Auch bei der Fürstin verwandelte sich die strenge Miene, mit der sie in den Vorsaal heraustrat, sogleich in jene der Rührung, als sie den weinenden JacqueS sah. Sie stand einige Augenblicke schweigend ihm gegenüber, ohne daß dieser die Augen zu ihr aufzuheben sich getraute, da sprach sie: Ihr Gewissen, mein Lieber, scheint Ihnen bereits zu sagen, wie unrecht Sie sich benommen haben. Ihr armer Vater wollte Sie finden und zurückholen, sicher hat das ganze Unwetter ihn getroffen, und das kann diesem Greise nicht wohlthun, so wenig als Ihr Ungehorsam. Bedenken Sie daS recht und bitten Sie Gott, daß er AlleS inS Gute lenke; denn Sie haben eine schwere Schuld auf sich. Denken Sie auch jetzt noch daran, ihn zu verlassen? — Herr JacqueS schüttelte verneinend den Kopf. — Nun denn, fuhr die Fürstin freundlich fort, so folgen Sie indessen mir; ich setze wenigstens daS Vertrauen in Sie, daß Sie so artig seyn werden, mich für Sie sorgen zu lassen. DaS Weitere wird der Herr Prior Ihnen sagen. BenitiuS nahm Abschied und führte den Flüchtling mit sich fort. Lieber Sohn, erklärte er ihm aus dem Wege, die Fürstin will die volle Sicherheit haben, daß Sie 31« nicht neuerdings davon ziehen; darum bin ich zu Ihrem Wächter bestellt, jedoch alles in bester Freunvschaft und nach Ihrem eigenen, freien Willen, welchen der Mensch nur dazu erhalten hat, damit er ihn durch den schönen und liebreichen Gehorsam dem höchsten und absoluten Willen aufopfere. Wohlgemerkt, ich behalte Sie nur diese Nacht über, und höchstens so lange, bis Ihr Herr Vater zurückkommt. Sie gingen vor dem Hause des letztern vorüber, da war alles dunkel und stille, und der Laden von außen mit Querbalken verriegelt, wo eS um diese Zeit schon ein lebhaftes Zeitungsgespräch mit den Nachbarn absetzte. Eben warf der Wind die Fenster oben an des alten FalzmannS Schlafkammer mit Macht auseinander und eö klirrten die letzten Glasscheiben von selben auf die Gasse herunter. Ach, mein Gott! begann Herr JacaueS zu seufzen, wenn nur meinem Vater kein Leid geschehen istl — Wir stehen Alle in GotteS Hand, sagte der Prior, und eS ist gar nicht geheuer mit der Zeichendeuierei, aus dem Vogelflug unv auS zerbrochenen Fenstern Unglück zu wiltern. Aber freilich, wer ein böseS Gewissen hat, verfällt leichtlich auf solch ein Unwesen. Ihr Vater hat im Forteilen die Fenster zu befestigen vergessen und nun treibt der Sturm sein Spiel damit. Sie, mein lieber Sohn, haben im Forteilen daS vierte Gebot festzuhalten vergessen, darum sind Sie auch dem Nachtsturm Preis gegeben. Nun ängstiget sich Ihr Vater um Ihretwillen und Sie um seinetwillen, und eS ist nur Ein wesentlicher Unterschied dabei, der tief innen im Gewissen geschrieben steht. Ehre deinen Vater, sagte der heilige Geist, in Werken und Worten und in aller Gedulv; stütze sein Greisenalter und kränke ihn nicht! Dieß, mein lieber Sohn, führen Sie sich zu Herzen und die große Beleidigung deS göttlichen Gesetzes, denn hierin liegt mehr, als in dem Omen mit den Fensterscheiben. Es ist wahr, sagte der Tiefbestürzte, und ich kann's nimmer läugnen. Vorhin war's mir mehr um die Fürstin zu thun und um die Gefahr, von ihr verachtet zu seyn, jetzt erst wird mir meines VaterS wegen so angst, daß ich vergehen möchte. Ach, mein bester Herr Prior, ich bin ganz verzagt worden! — Getrost, mein Sohn, entgegnete dieser; Sie sind nicht mehr auf dem schlimmsten Wege. Woher kommt denn alles Unglück und Uebel in der Welt, als davon, daß unsere Stammeltern ihrem Vater, dem ewigen Vater ungehorsam wurden und sein Gebot verließen? Sie und wir Alle haben ihn verlassen, doch er nicht uns. Er hat eine zweite Eva erschaffen und durch sie seinen eingebornen Sohn uns gegeben, auf daß derselbe durch seinen Gehorsam uns .wieder mit dem Vater vereinige. Er kam, der himmlische Sohn der Unbefleckten, er, die weseniliche Weisheit, kam und lud unS zu sich, und bezeugte: er sey nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder. Und wenn er unS beruft, wie sollten wir unS fürchten, zu ihm zu gehen? Stellet ihn euch nicht strenge vor, spricht BernarduS, da er doch gütig ist; furchtbar nicht, da er so holdselig ist! WaS fürchtet ihr Schwachgläubigen? Hat er mit eigenen Händen doch eure Sünden an'S Kreuz geheftet! Fürchtet ihr aber die göttliche Majestät in ihm, der, obgleich er Mensch geworden, doch Gott geblieben ist, und bedürfet ihr also einer Fürsprache? Wohlan denn, nehmt zu Maria eure Zuflucht! Sie ist die Leiter, die zur Höhe der göttlichen Gnade hinan führt, so wie sie die Leiter war, durch welche die Gnade zu unS herab gekommen. Sie ist die Zuflucht der Sünder, denn sie ist ja die Mutier deS SeligmacherS, der nur um der Sünder willen gekommen ist. Darum erheben wir weinend und jauchzend unsere Seele zu ihr, und rufen: Eja, unsere Fürsprecherin! Unsere liebe Frau, unsere Mittlerin! In diesem Sinne ruft auch der heilige Thomas von Villanova: Seyd getrost, ihr Kleinmüthigen, athmet frei, ihr Geängstigten; deS ganzen Menschengeschlechts mächtigste und weiseste Fürsprecherin ist ja die jungfräuliche Goltesgebärerin! Ich wiu's nicht verhehlen, sagte Herr JacaueS nicht ohne Rührung, daß ich in frühern Jahren eine große Liebe und Ehrfurcht zu ihr getragen habe, und daß ich damals sehr glückselig war. Aber eS ist mir nimmer zu Muthe, wie eh' und wie zuvor, ich kann nicht glauben, daß ich je wieder zu einer solchen innerlichen Meinung gelange. — Ei, mein Kind, nur daS Vergangene bereuen und fleißig anklopfen. 317 " Wer den Sohn suchr, den liebet die Mutter, und wer die Mutter sucht, den liebet der Sohn; keiner aber suchet, den nicht der Vater ziehet. Beten muß man, mein Kind, beten und arbeiten, nicht bloß allein arbeiten, wie bisher. Ehe wir daS Haus erreichen, will ich Sie geschwind noch eine von den schönen Bittweisen dcö seligen AlphonsuS lehren, die Sie im Willen mitsprechen können. Wir wenden uns im Geiste zur göttlichen Mutter, und sprechen also: „O große und glorreiche Mutter meines Herrn, schon erkenne ich, wie sehr ich durch meinen vieljährigen Undank gegen Gott und gegen dich, verdienet hätte, deiner Fürsorge verlustig zu werden, weil der Undankbare keiner fernern Wohlthaten mehr würbig ist. Doch aber, o Himmlische, habe ich einen viel zu großen Begriff von deiner Gütigkeit, um nicht sestiglich zu glauben, daß sie bei weitem größer als mein Undank sey. Mögest du also noch fernerhin, o du Zuflucht der Sünder, nicht unterlassen, einem Armseligen beizustehen, der auf dich vertraut! Reiche, o Mutler der Barmherzigkeit, deine Hand dar, um einen armen Gesunkenen aufzurichten, der dein Mitleid anfleht! Beschirme mich, o Maria, oder sage mir, an wen ich mich wenden soll, der kräftiger als du mich zu beschirmen vermöchte! Aber wie könnte ich eine gütigere und mächtigere Fürsprecherin finden bei Gott, als dich, die du seine Mutter bist? Als du die Mutter des HeilanreS geworden bist, wardst du daS Heil aller Sünder, und mir auch wurdest du zu meinem Heile geboren. Nun verdiene ich zwar deine Liebe nicht, aber daS große Verlangen, so du nach der Rettung der Verlornen trägst, macht mich hoffen, daß du auch mich liebst. Und wenn du mich liebest, wie kann ich zu Grunde gehen? O geliebte Mutter, von dir erwarte ich mein Heil, und immerdar danke ich dem Herrn, der mir dieß Vertrauen zu dir geschenkt hat. In Ewigkeit will ich diese liebreichen Hände küssen, die so oft vom ewigen Verderben mich bewahrt! O Maria, meine Befreierin, meine Hoffnung, meine Königin, meine Fürsprecherin, meine Mutter! Dich liebe ich, dich will ich in Ewigkeit lieben, Amen." Am Schlüsse des Gebetes standen sie an der Pforte, eben begann schon daS Abendgeläute für den englischen Gruß. So, mein Kind, sagte der Prior, folgen Sie mir nur nach. Wir sind alle Diener Mariä, oder wollen eS seyn, und alle ihre Söhne sind Brüder unter einander, oder sollen es seyn. Der Pförtner öffnete, neigte sich und sprach, nach Klostergebrauch grüßend: Ave Maria. Die Zeitlage. (Katholik.) Der Heiland hat seine Jünger oft an die Leiden und Kämpfe erinnert, die ihnen bevorstanden, um sie, wie Gregor der Große sagt, durch den Schild des Vorherwissens gegen dieselben zu waffnen. So sollen auch wir unS klar zu machen suchen über die Leiden und Kämpfe, welche die Kirche in der nächsten Zukunft zu erwarten hat und die bereits begonnen haben. Wenn seit ein paar Jahren der Horizont der Kirche heiterer geworden, so ist offenbar seit einiger Zeit eine Umwandlung eingetreten und haben sich ringsumher drohendere Wetter als je zusammengezogen, zumal in Deutschland. Die schrecklichste Erscheinung deS JahreS 1343 war daS offene und massenhafte Hervortreten deS antichristlichen Unglaubens und eines unendlichen Hasses gegen daS Christenthum und die Kirche. Die durch die religiösen Wühlereien deS RongeaniSmuS und Freichristenthums vorbereitete politische revolutionäre Bewegung hat ihren antireligiösen Charakter nie verläugnet, und so hat überall die revolutionäre Partei wesentlich auch gegen die Religion und Kirche gewirkt. Allein dieses mächtige Hervortreten deS UnchristenthumS in wesentlicher Verbindung mit Bestrebungen, welche auf den Umsturz der ganzen sittlichen und socialen Ordnung gerichtet waren, hatte auch heilsame und großartige Wirkungen. In der katholischen Kirche zeigte sich ein kräftiges Bestreben zu helfen, die Religion und durch sie daS Volk zu reiten. Weil 318 man aber erkannte, daß nur von Innen durch die Kraft des lebendigen Christenthums geholfen werden könne, so wendete sich die kirchliche Bewegung zumeist dem innern Leben zu. 'Man sah, daß die gewöhnlichen Mittel nicht mehr ausreichen, daher überall die Missionen — und wirklich hatte diese mächtige Verkündigung der christlichen Grundwahrheiten in Mitten einer Zeit, die Alles, zumal aber die ganze alte christliche LebenSordnung umzustürzen schien, einen Erfolg, der selbst die Anerkennung der Welt sich erwarb und einige Zeit die Vorurtheile vergessen zu machen schien, welche noch kurz zuvor die Jesuiten und Redemptoristen, welche die Missionen gaben, so verhaßt gemacht hatten. Außerdem erweckte der Ernst der Zeit in vielen gläubigen Menschen einen Drang, auS Liebe zu Gott und den Seelen etwaS zu thun und zu opfern und namentlich die Kraft deS Glaubens in Werken der Barmherzigkeit zu erweisen. Klöster entstanden wieder, und wohlthätige und religiöse Vereine und Bruderschaften manchfacher Art. Weil das Verderben so nahe drohte und die Meisten statt in Christus und seiner Kirche in dem geraden Gegentheil daS Heil der Welt suchten, fanden viele gläubige Katholiken sich gedrungen, ihre Ueberzeugung in offenem Bekenntniß an den Tag zu legen, daß nur in der Rückkehr zum lebendigen Christenthum Heil und daß die verschmähte katholische Kirche die Trägerin dieses Christenthums sey — deßhalb aber glaubten sie auch, jetzt in dieser Zeit, wo AlleS Freiheit fordere und erlange, gelte eS vor Allem, der Kirche diese lange vorenthaltene Freiheit zu erringen. Für diese ihre Ueberzeugung sprachen und wirkten sie in den katholischen Vereinen. Die rechtmäßigen Hirten der Kirche aber, die Bischöfe, waren eS, welche all diesen Bestrebungen Weihe und die sichere Richtung verliehen. So entwickelte sich, Vielen zum Erstaunen, in der katholischen Kirche ein regeres vielversprechendes Leben — und zwar mit weniger Hemmung, als nach den frühern Zuständen zu fürchten gewesen. Die Staaten gestatteten der Kirche ein größeres oder minderes Maaß freier Bewegung, in Oesterreich und Preußen erkannte man dieß Princip der kirchlichen Selbstständigkeit selbst durch die Gesetzgebung an. Man hatte eS theilweise eingesehen, worin man früher gefehlt und daß allein die Religion im Stande sey, die Uebel der Zeit zu bewältige«. — Auch von Seite der Protestanten wurde das Bestreben der katholischen Kirche nicht eben mit feindlichem Auge betrachtet, namentlich die gläubigen Protestanten sahen darin immerhin einen erfolgreichen Widerstand gegen den gemeinsamen Feind, daS Antichristenthum. Ueberdieß lag, wie nicht geläugnet werden kann, in der ganzen katholischen Bewegung nichts konfessionell Polemisches, eS war lediglich ein positives Wirken, um in dem katholischen Volke ein lebendiges praktisches Christenthum zu erneuern. In so fern hatten diese letzten Jahre neben allem Trüben und Entsetzlichen auch etwas ungemein Tröstendes und Erhebendes. Dazu kam, daß die Revolution, die daS christliche Europa mit Verwüstung bedrohte und vor Allem die katholische Kirche, wie sich außer so vielem Andern in der römischen Revolution klar genug zeigte, daö Allerschlimmste befürchten ließ, durch die rechtmäßige Gewalt niedergeworfen wurde und eS nun zu hoffen stand, die Staaten würden, nachdem die äußere Gefahr überwunden, bereitwilliger der Kirche gestatten, den Seelen den Frieden zu bringen. Allein eben scheint sich AlleS anders, sehr anders zu gestalten. Vor Allem hat die äußere Beilegung der zerstörenden Mächte auf politischem Gebiet dem Wirken deS Unglaubens und deS AntichristenthumS keineswegs einen Damm gesetzt, im Gegentheil dasselbe um ein Beträchtliches gesteigert. In demselben Maaße, als auf dem politischen Gebiete vor der Hand die destructiven Bestrebungen sich eingeengt fühlen, haben sie sich ausschließlich wider die Kirche gewendet — und man darf eS sich nicht verhehlen, eS wirb gegen dieselbe von dieser Seite ein furchtbarer VernichtungSkampf geführt. Hunderte von Tagesblättern, die in allen Wirthshäusern, die in den Werkstätten der Handwerker und vielfach selbst in den Häusern der Landleute anzutreffen find, arbeiten Tag für Tag systematisch an der Zerstörung deS Glaubens und an der Fanatisirung deS Volkes wider die Kirche und deren Diener, die man, wie in den Zeiten der alten Christenversolgungen, als die eigentlichen Feinde des Menschen, 319 « geschlechteS dem allgemeinen Hasse zu überantworten sucht. In vielen Gegenden sind die meisten Blätter, welche vom Volke gelesen werden, dieser Art. Von Seite der weltlichen Obrigkeit geschieht nichts gegen dieselben, obwohl sie da,u unter allen Umständen berechtigt und verpflichtet wären, nicht bloß, weil die Obrigkeit verbunden ist, die anerkannten Confessionen zu schützen und nicht zu dulden, daß der Haß gegen sie gepredigt werde, sondern und ganz vorzüglich deßhalb, weil diese Blätter die allen Confessionen und aller sittlichen Ordnung gemeinsamen Grundlagen untergraben. Mit dieser schriftlichen Ausbreitung des AntichristenthumS in Blättern, wozu noch zahlreiche Brochüren und Kalender in gleichem Geiste sich gesellen, geht Hand in Hand die mündliche Verkündigung der antichriftlichen Lehre durch Hunderte von Anhängern derselben in allen Stänren. Anstatt daß aber nun so entsetzlichen Gefahren gegenüber die Kirche Förderung fände, tritt im gegenwärtigen Augenblick eine doppelte Thatsache mehr und mehr hervor. Eine emsig genährte Aufregung und Abneigung gegen die katholische Kirche greift unter den Protestanten mächtig um sich. Gott sey Dank, daß wir Katholiken mit gutem Gewisien sagen können, daß wir keine Veranlassung dazu gegeben haben, und daß dasjenige, waS diese Aufregung veranlaßt hat, lediglich eine Ausübung der natürlichen Rechte zu dem besten Zwecke war; denn es ist in der That kein anderer Grund hiezu zu entdecken, als eben die oben erwähnte größere Thätigkeit zur religiösen Hebung des katholischen Volkes. Wohl wissen wir, daß man einige Missionen, weil in Städten gehalten, deren Bewohner der Mehrzahl nach protestantisch sind, wie in Heidelberg, Wiesbaden, Danzig, als Angriffe auf den Protestantismus betrachtet hat; allein kein Vorwurf kann ungerechter seyn. ES finden sich in all jenen Orten große katholische Gemeinden, dieselben bedurften einer Geisteserneuerung, wie die Missionen sie geben, und bloß für sie wurden diese Missionen gehalten. Dazu kommen die Konversionen einiger hervorragender Protestanten, die noch dazu gar nicht in Folge von Missionen oder überhaupt äußerer Einflüsse zu Stande gekommen sind. — Allein, wie gesagt, ärger vielleicht, als zur Zeit der Reformationsfeste, oder zur Zeit Ronge'S, erhebt sich eben von protestantischer Seite eine Bewegung wider die katholische Kirche der allerschlimmsten Art. WaS je die gehässigste Polemik an Verdrehung katholischer Dogmen und an Entstellung geschichtlicher Thatsachen auSgeboren und wovon man hoffen konnte, daß man endlich diese Waffen werde ruhen lassen, wird an allen Ecken und Enden in neuen Bearbeitungen nicht bloß unter den Protestanten, sondern auch unter Katholiken verbreitet, die Schriften Schenkels, wie sein neuestes Werk „Gespräch über Katholicismus und Protestantismus" sind Belege dafür, und deßgleichen die von Marriott in Basel herausgegebene Zeitschrift „der wahre Protestant," die man eben selbst unter dem katholischen Volke zu verbreiten bemüht ist, und deren Hauptartikel die Erzählung angeblicher, von der katholischen Kirche wider Protestanten verübter Verbrechen, Mordthaten, Blutbäder ist. — Die Darmstävter Kirchenzeitung bringt fast in jeder Nummer scandalöse Angriffe wider die Kirche und ihre Institute. Als Aushängeschild werden, wie überall, die Jesuiten gebraucht. DaS Schlimmste aber besteht darin, daß diese protestantische Parteileidenschaft förmlich darauf aus ist, die prote stanti. schen Regierungen in diese Bewegung mit hinein zu ziehen und sie vor Allem dahin zu bringen, der katholischen Kirche nicht bloß die ihr gebührende Freiheit nicht rechtlich zu sichern, sondern auch das ihr bisher Gewährte wieder zu entziehen, — und leider kann man nach den neuesten Vorgängen in Preußen Schlimmes fürchten. So scheint eS also festzustehen, daß der Kirche in der nächsten Zukunft überaus schwere Leiden und Kämpfe drohen. Die revolutionäre Macht, die so mächtig ist, daß sie vor Kurzem noch fast alle Throne Europas wanken machte, sie wird ihren Einfluß und all ihre Mittel und Künste zunächst gegen die katholische Kirche wirken lassen und AlleS benutzen, waS ihr zu schaden im Stande ist. Ihr Wirken ist ein durchaus unmittelbares und praktisches, auf die LoSreißung der Einzelnen von der Kirche gerichtet, und jeder Verführte wird sofort ein Verführer. Der Protestantismus 32» scheint in der nächsten Zukunft seine innern Streitigketten vergessen zu wollen, um in alter Kampfweise und mit erneuten Waffen gegen die kaiholische Kirche, von welcher er sich bedroht glaubt, zu Felde zu ziehen. DaS aufgeklärte StaatSkirchenthum aber sieht die katholische Kirche als flaatSgefährlich an und will sie in möglichst enge Botmäßigkeit zurückversetzen und sie so ihren Feinden gegenüber möglichst wehrlos machen. So ist im Augenblick die Constellation und bei ihrer Betrachtung naht sich der Seele die Versuchung schwerer Traurigkeit. WaS kann auch trauriger seyn, als eine in alles Elend, daS die Folge der Gvttenifremdung ist, versunkene Welt, die mit aller Anstrengung gegen jene göttliche Anstalt sich wehrt, die allein ihr in der Kraft des WeltheilanveS Rettung und Frieden zu bringen im Stande ist? als die Aussicht, anstatt auf bessere Zeiten, in welchen die Kirche in Frieren und Freiheit ihre Segnungen spendet, auf eine noch ärgere Befeindung und Fesselung der Kirche, als zuvor stattgefunden? Allein diesen Versuchungen zur Traurigkeit stellen wir einige Wahrheiten ent. gegen. Vor allem ist eS Gott, der dieses AlleS so zuläßt und ordnet, und vielleicht schon nach kurzer Zeit kann er zu unS sprechen: „mußte nicht alles dieses so geschehen, damit die Kirche verherrlicht würde?" Die letzlen vier Jahre geben unS Grund genug, falls eS dessen bedürfte, gerade in den erschütterndsten und gefährlichsten Ereignissen der Zeit die Hand GotteS zu erkennen. Es ist aber ein allgemeines Gesetz im Reiche GotleS, daß große Güter nur durch große Kämpfe und Leiden errungen werden. Wir aber sind kindischen HerzenS und möchten auf eine leichte kämpf- und schmerzlose Weise Großes erreichen. Es ist daS Gesetz des christlichen Lebens unv deßhalb zumeist deS Lebens der Kirche, daß alle Gnaden und alle Siege durch viele Trübsale und in einem harten Streiten errungen werden sollen. Sehen wir aber näher ins Einzelne, so mögten wir nur Einen Punct hervorheben. ES bedarf die Kirche zur Lösung ihrer ungeheuren Aufgabe in der Gegenwart ungemeiner Tugenden im Klerus und unter den Gläubigen. Sind dieselben bereits vorhanden? Nun gut, je größere Leiden und Kämpfe die Kirche treffen, um so größere und heroischere Tugenden werden sich in ihr entwickeln. Das ist daS Geheimniß , weßhalb die Kirche in friedlichen Zeiten von der Höhe herabsinkt, dagegen auf Zeiten ihrer tiefsten Erniedrigung oft rasch eine wunderbare Verherrlichung derselben folgt. Im Frieden erschlaffen Viele, lieben Gott weniger, sind weniger opferwillig, man vergißt mehr und mehr wie deS DankeS, so auch der Bitte — je größer aber die Noth, je größer die Schmach, die von der Welt auf die Kirche gehäuft wird, je drohender der Untergang, um so mehr entbrennt in Vielen der Eifer und dann bereitet Gott sich seine Streiter, um zur rechten Zeit ihnen den Sieg zu verleihen. Wenn also nur diese Trübsale die Eine Frucht haben, daß wir dadurch demüthiger nnd eifriger werden, so haben wir keinen Grund zur Furcht, daß die Kirche Schaden leiben werde. Je größer unv ungerechter aber der Krieg wider die Kirche ist, um so heilbringender ist er für sie: der Jnviffe- rentiSmus schwindet und die Kirche wird zum Schauspiel für die ganze Welt — wenn aber die Welt nun ihr Bedrängnis;, aber auch ihre Glaubhaftigkeit sieht, das gegen sie geüble Unrecht, aber auch ihr Recht kennen lernt, mit ihren Grundsätzen und Sitten bekannt wird und endlich ihren Sieg über ihre Gegner wahrnimmt, dann werden Unzählige den Glauben wieder gewinnen und aus gleichgiltigen Zuschauern oder selbst erbitterten Gegnern eifervolle Anhänger der Kirche werden. Darum dürfen wir wohl getrost in die Zukunft sehen, und sicher erwarten, daß die sich erhebenden Anfeindungen und Drangsale, weit entfernt die Entwickelung der kirchlichen Freiheit nach Außen und deS kirchlichen LebenS im Innern zu hemmen, beide vielmehr mächtig fördern werden. Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Juhaber: F. C- Kremer.