Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger PostLeitung. 10. October ^ 185s. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle ESountage. Der halbjährige Abouuementsprei» kr.» wofür e« durch alle königl. bayer. Postämter uud alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. B r n un» Hirtenschreibm des hochwürdigften L»nton Ernst, von Gotteö und deS apostolischen Stuhles Gnaden Bischof zu Brunn ic. .c. Dem ehrwürdigen in Christo geliebten DiöcesankleruS unsern Gruß und Segen in dem Herrn! „Gewohnt unserm geliebten KleruS die Kunde keines Ereignisses zu entziehen, daS ihn gemeinsam mit uns zur Freude und zum Preis der Erwärmungen GoiteS bestimmen kann, finden wir uns gedrängt, ihm den überaus tröstlichen Ersvlg der heiligen Mission bekannt zu geben, die in den Tagen vom 16. bis zum 23. August im hiesigen Provincial-Strafhause abgehallen worden ist. Der Wunsch, seinen Pflegempfohlencn die Wohlthat einer geistigen Erneuerung durch die Mission zukommen zu lassen, war in dem Seelsorger der benannten Siraf- anstalt wohl schon früher rege geworden, erhielt aber besondere Nahrung durch die freudigen Wahrnehmungen, zu denen die in unserer Cathedra!- und in der Minoriten» kirche im Monate März d. I. abgehaltenen MissionSandachten so reiche Gelegenheit boten. Wir konnten diesen Wunsch nur genehmigen, und Se. Ercellenz der Herr Statthalter erklärte sich mit der dankenSwerihesten Bereitwilligkeit für die Verwirklichung desselben. So fiel eS nickt schwer, noch während der Mission im Frühjahre die Zusicherung der ehrwindigen Väter anS der Congregation deS allerheiligsien Er- löierS zu erhalten, daß sie zu den großen apostolischen Mühen, tie im Laufe deS SommerS ihrer harrten, auch die der Abhaltung der Mission im hiesigen ProvinciaU Strafbause fügen würden. Wahrlich, nur Gott kann die Opfer lohnen, welche die Söhne deS heiligen AlphonS von Liguori immer und überall gleich freudig bringen, wo eS gilt, für daS Heil der unsterblichen Seelen zn wirken, Seelen zu retten, die durch daö Blut deS eingebornen Sohnes GolteS erkauft sind!" „Die Mission begann am 16. August Vormittags, und wurde in beiden Landessprachen durch den hochwürdigen Superior, P. Anton Mastalir, in Gegenwart der Herren Hausvorsteher, deren Mitwirkung zum guten Werke wir rühmlichst anerkennen müssen, eröffnet und in beiden Sprachen durch acht Tage fortgesetzt. Die hochwürdigen Väter: Michälek, Richter, Hrebacka theilten die Mühen deS vorgenannten Missionsobern. „War eS von günstiger Vorbedeutung, daß schon zur Zeit der JubiläumSandacht 763 Sträflinge freiwillig zur Haltung eines Fasttages sich erboten, um den Betrag, der so an ihrer Kost erspart würde, als JubilSumSalmosen für di« Armen und für HNstt ALTntllvWÄ. das Werk der Glaubensverbreitung darbringen zu können, so ließ aus der Stimmung, die gleich nach dem EröffnungSvorlrage bei den meisten Sträflingen sichtbar hervortrat, ein nicht minder günstiger Schluß sich ableiten. „ES war den Armen gesagt worden, die Mission werde unter ihnen gehalten, damit sie Gelegenheit hätten, daS Eine Nothwendige so recht inö Auge zu fassen, die ewigen Wahrheiten, die sie vielleicht nie oder doch nur unvollkommen kennen gelernt, oder im Lause des LebenS unter den Versuchungen und Lockungen der Welt vergessen, in ihrem Zusammenhange zu betrachten, aufs Leben anzuwenden, das Heil ihrer unsterblichen Seelen zu sichern; nur darum handle eS sich; nur geistliche Wohlthaten werden ihnen angeboten; zeitliche Wohlthaten, selbst eine bloße Erleichterung können ihnen die Missionäre nicht zuwenden; die Theilnahme an der Mission sey eine ganz freie, Niemand werde gehalten, den Bußpredigten beizuwohnen, Niemanden werde ein Zwang zum Empfange der heiligen Sacramente angethan: aber alle Mühe würden sich die Missionäre geben, um alle in diesem Hause Festgehaltenen Gott und dem Himmel wieder zu gewinnen; dürften sie ja Niemanden richten, sähen sie ja in ihren *) Es wurde durch dieses gewiß nicht gering anzuschlagende Opfer ein Almosen von 32 fl. 18 kr. C. M. erzielt, das der Herr an den armen Gebern durch den gesegneten Erfolg der Mission wohl gelohnt hat. Auch in der Spielberger Strafanstalt hielten 422 Sträflinge zur Jubiläumszeit freiwillig einen Fasttag und baten, daß der Geldbetrag, der so für ihre Beköstigung entfiele, zur Hälfte den Armen, zur Hälfte dem Leopoldinen- und dem Marienvereine zugewendet werden möchte. Das nachstehende Schreiben, das Einer der Sträflinge bei dieser Gelegenheit an den Strafhausseelsorger gerichtet, werden Wir dem hochwürdigcn Herrn Provicar Oi-. Knoblecher mit der nächsten Almosensammlung in Original» zukommen lassen und veröffentlichen es, weil Wir glauben, es werde nicht ohne Trost von dem Klerus und den Gläubigen unserer Diöcese gelesen werden. Nur die Bekanntmachung seines Namens hat der Briefschreiber sich verbeten: „Offenes Schreiben an Se. Hochwürden den Herrn P. Eduard Haschek, unsern vielgeliebten Seelsorger in dem k. k. Strafhause auf dem Spielberge." „Hochwürdiger Herr! „Mit innigster Freude meiner Seele ergreife ich die Gelegenheit des kundgemachten, von Seiner Heiligkeit Papst Pius IX. der ganzen Christenheit und auch den in Gefängnissen Schmachtenden aller- gnädigst verliehenen Jubelablasses — und bringe mit willigem Herzen hier ein kleines Opfer mit Bestimmung des Zweckes, zu welchem es verwendet werden soll. — Judas Jskariot hat bekannter Maßen unsern göttlichen Heiland um den schnöden Preis von dreißig Silberlingen schändlich verkauft, und ich habe es mir längst schon vorgenommen gehabt, denselben lieben Jesum Christum mit den von meinem täglichen Brode im Kerker mir ersparten dreißig Silberlingen wieder loszukaufen. „Was ihr gethan habt Einem dieser Meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir gethan!" so spricht der Herr in dem heiligen Evangelium. Nun — so habe ich denn diese Worte wohl beherzigt und bitte Sie, hochwürdiger und vielgeehrter Bater, Sie möchten die Güte haben, die anruhenden dreißig Silberlinge, respective dreißig Silbersechser, in nsturs dem Hochwürdigsten Herrn Knoblecher, apostolischen Provi- cariuS und Präsidenten des frommen Marienvereines, zur Loskaufung der Negersclaven und Verbreitung des Christenthums in Centralafrika durch das vorgesetzte hochwürdigste Ordinariat nach Chartum in Afrika mit dem allerhöflichsten Ansuchen übersenden, Höchderselbc möge nach seiner allgepriesencn Bereitwilligkeit, Herzensgröße und Menschenliebe für diesen geringen Betrag (weil die Negerknäben, wie man schreibt, sehr wohlfeil auf den Bazars feilgeboten werden) einen jungen Negersclaven, der gute Anlagen zur christlichen Ausbildung verräth — nach Belieben loskaufen, denselben in der römisch- katholischen Religion unterrichten, auf den Namen Emanuel taufen, und in der Erziehungsanstalt in Chartum zum heil. Pricstersiande und zu den weitern christlichen Missionen in Afrika ausbilden lassen." „Sobald mir der Allmächtige die Freiheit schenken wird, will ich nicht ermangeln, noch mehr Gutes für meinen lieben Emanuel zu thun. Jetzt bin ich es noch nicht im Stande. — In der sichersten Anhoffung, daß der hochwürdigste Herr Provicarius diese meine demüthige Bitte nicht abschlagen und meine sehr geringfügige Gabe nicht verschmähen wird, sehe ich schon im Geiste meinen lieben, stehen, kleinen Emanuel, küsse ihn viclmal herzlich, ertheile ihm meinen brüderlichen Segen und verspreche, denselben künftighin noch weiter nach meiner Möglichkeit zu unterstützen und auch selbst persönlich, wenn mir Gott das Leben schenkt, einmal zu besuchen und liebevoll an mein Herz zu drücken, dann zu seiner hohen Bestimmung und Beruf kräftigst anzueifer»; — daher bitte ich noch ferner« den hochwürdigsten Herrn Provicarius, dieses Schreiben dem kleinen Emanuel einzuhändigen, damit er es zum ewigen Andenken auf die Barmherzigkeit Gottes bei sich stets behalte und bewahre. DaS orientalische Sprichwort sagt: Berge kommen nicht zusammen, aber Menschen kommen zusammen. Bi« dahin »erharre ich sowohl des hochwürdigsten Herrn Provicars als auch Eurer Hochwürden ganz ergebenster Diener armer Sünder aus " ' Brüml, de» IS. J»li ISöS. 3SZ dermaligen Zuhörern die Aermsten und Verlassensten, denen ste sich nicht verzögen, ondern deren Diener sie nach der Meinung ihres heiligen OrdenSstisterS seyn wollten, da sie an der Stelle der hier Festgehaltenen und in den Versuchungen, in denen diese gefallen, vielleicht noch schwerer würden gesündigt haben — daS war gesagt worden, und das Wort der Liebe fand Anklang; der Ruf der Gnade ward nicht zurückgewiesen. Nicht bloß die katholischen Sträflinge wohnten sämmtlichen Andachten, Predigten und Unterweisungen bei, sondern auch die Nichtkatholischen, Protestanten und Jsraeliten, erbaten eS sich als Gnade, daß sie die MissionSvorträge in der StrafhauSkirche mit anhören dürften. „Dabei war die Haltung fast Aller die erbaulichste. Daß Einzelne minder gerührt sich zeigten, daß Andere vielleicht nur auS Furcht vor dem Tadel ihrer Kameraden ein anständiges Betragen einhielten, wollen Wir nicht in Abrede stellen, aber eben daß Mindergutgesinnte eS nicht hätten wagen dürfen, vor den Augen ihrer Kameraden eine Leichtfertigkeit zu üben, oder ihre Verstocktheit an den Tag zu legen, zeigt, auf welcher Seite die Mehrheit war und wie vortrefflich die Mission auf den Geist der Sträflinge gewirkt. Die Bekehrung Aller und Jeder kann man auch bei solchen geistlichen Uebungen nicht erwarten, denn nie und nimmer, selbst bei der Mission nicht, thut Gott dem Willen des Menschen Gewalt an; immer gilt das auch von den Missionären oft genug in Erinnerung gebrachte Wort (Ps. 44, 3): Heut, wenn ihr Gottes Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht! „Der Gang der MissionSvorträge war der gewöhnliche: Zuerst wurde die Aufmerksamkeit für die ernsten, erschütternden Wahrheiten in Anspruch genommen, dann folgte die Betrachtung der tröstenden, der erhebenden, immer mehr zur Liebe Jesu und zu seiner Nachfolge, zum Verlangen nach der Einigung mit Gott hinführenden Lehren unserer heiligen Religion. Daß eS aber auch beim Vortrage der erstem nicht auf Furcht und Schre- cken überhaupt, sondern auf Weckung jener Furcht abgesehen war, welche der Anfang (Sprüchw. 1, 7), die Krone der Weisheit ist, welche vollkommenen Frieden gibt, die Frucht des Heils (Sir. 1, 22), — daß durch die Hinweisung auf Tod, Gericht, Hölle und Ewigkeit Niemand in Verzweiflung gestürzt werden sollte und auch nicht gestürzt wurde — daß die Missionäre Niemanden die Hoffnung des Heils absprachen und bei den furchtbaren Wahrheiten immer auch die tröstliche Anwendung herauszuheben verstanden: dafür gibt das Verlangen Zeugniß, mit welchem die Sträflinge schon in den ersten Tagen nach dem Empfange des heiligen BußsacramenteS begehrten; dafür sprechen die Thränen der Rührung, die ihren Augen entflossen; dafür die Aeußerung, die nicht aus dem Munde eines unv deS Andern, sondern gar Vieler zu wiederholten Malen gehört wurde: „Ach, wie schätze ich mich jetzt glücklich, daß ich in diesem Hause bin! daß ich meine Sünden abbüßen kann! daß ich so schöne und so tröstliche Unterweisungen höre! O gewiß, nie, nie will ich mehr sündigen! Gott lohne eS allen, die unö so selige Tage bereitet haben!" — dafür mag insbesondere die Thatsache sprechen, daß ein junger, noch nicht vierundzwanzig Jahre zählender Sträfling, dessen Strafzeit am vierten Tage der Mission, als noch die ernsten Wahrheiten behandelt wurden, abgelaufen war, unter Thränen bat, er möchte doch bis zum Schlüsse der heiligen Uebungen, also noch vier weitere Tage im Strafhause belassen werden! Fürwahr ein seltenes Vorkommniß, daß ein junger, lebenskräftiger und lebenslustiger Mann einen längeren Aufenthalt im Strafhause als Gnade und Wohlthat sich erbittet! „So können wir ohne Furcht, daß man uns der Uebertreibung zeihe, wohl sagen, daS Zucht- und StrafhauS zu Brünn habe in den Tagen der Mission denHimmelSbewoh« nern ein Freudenschauspiel (Luk. 15, 7) geboten, denn (Röm.5, 20) wo die Sünde überschwenglich war, wurde die Gnade noch überschwenglicher und eS hätte gar Mancher von den Gefangenen zu den in der Welt Lebenden sprechen können, wie einst PauluS zu König Agrippa gesprochen hat (Ap.-Gesch. 26, 19): Wollte Gott, daß nicht nur wenig, sondern viel, nicht allein du, sondern auch Alle, die mich hören, heute daS würden, waS ich bin, ausgenommen diese Bande! „Ja eS waren gewiß viele Gerechtfertigte in den Reihen der Strafhausbewohner, SSt und die Fesseln, die fie trugen und noch tragen, werden ihnen von Gott nicht mehr zur Tilgung der Schuld, sondern der Ergebung wegen, mit welcher sie solche tragen, zum Verdienste angerechnet. Von denjenigen, denen wir mit größtem Troste am 2l. und 23. August die heil. Communion reichen konnten, werden sicherlich die Wenigsten ein zweites Mal wieder Bewohner dieses HauseS werden; und so möchte die Mission, welche die wohlehrwürdigen Väter Redemptoristen in dem Brünner Provincialstrafbause abgehalten, den klaren Fingerzeig geben, wie man auf die wirksamste und mindest kostspielige Weise die Besserung der Sträflinge erzielen und der Ueberfüllung der Strafanstalten mit Rückfälligen und der dadurch nothwendig werdenden Erweiterung und Vermehrung der Strafhäu- ser vorbeugen könne. Die Bauart der Gefängnisse allein entscheidet hierüber nichts; die kreis- oder sternförmige Gestalt der Zuchthäuser bewältigt die' Sünde in der Brust des Verbrechers nicht: daS Innere deS Menschen erfaßt einzig die Religion, schafft und bildet eS um durch himmlische Wahrbeit und Gnade, und darum gilt auch bei der Frage um die Gefängnißresorm daS Wort deS großen Apostels (.1. Tim. 4, 3), daß die Gottseligkeit zu Allem nützlich ist. „Schließlich erwähnen Wir noch der wahrhast rührenden Weise, in welcher die Sträflinge ihren Dank gegen die Väter Missionäre auszudrücken begehrten. Sie hatten das Ansinnen, einen Fasttag zu halten, um von dem Gelde, das ihnen in Folge deS Er- sparnisseS an ihrer Beköstigung zufiele, den guten Bußpredigern ein Andenken zu kaufen. ES kostete Mühe, ihnen begreiflich zu inachen, daß dieß nicht angehe, daß die Missionäre, selbst nicht unter dem Titel eines Meßstipendiums, irgend ein Geschenk annehmen, daß fie aber schon über den guten Willen ihrer neuen geistigen Kinder hocherfreut seyen; endlich aber mußte man den dringenden Bitten doch in so fern Nachgeben, als die Gefangenen einen Fasttag hielten und den AdlösungSbctrag der freien Verfügung deS HauSseelsorgerS anheimstellten. Auf Anrathen der hochw. Missionäre und mit Zustimmung der löblichen HauSdircciion wurde beschlossen, daß mit dem Gelde der Anfang zur Gründung einer ständigen Bibliothek für die Strafanstalt gemacht werden solle. „So sey denn Gott für diesen tröstlichen Erfolg von unS Allen laut und offen gepriesen, aber auch inständigst gebeten, daß Er, der daS gute Werk angefangen, eS auch vollendcn wolle bis auf den Tag Christi Jesu (Phil. 1, 6). Gegeben in unserer bischöflichen Residenz zu Brunn am Tage der Geburt der allerseligsten Jurtgfrau, im Jahre deS Heils 1353. Anton Ernst, Bischof. (I.. 8.) Augustin Kiorvöky, SecretSr. Unsrer lieben Frauen Mantel. Ein» Erzählung in sieben Lectionrn über da« Salve Negina. Sechste Lection: „Wende deine barmherzigen Avgen un« zu." Am nächsten Vormittag (eS war am Vorabend deS großen MuttergotteStageS) hörte Joscpha kaum den Einspänner vor der HauSthüre rollen, als fie schon eilend» entgegen rief: Er ist ja hier! er ist ja schon hier! — Werden», Pepi, sprach Herr Pankraz, von seinem zeitweiligen Kutscherposten sich herabarbeitend, wer denn, mein Kind? — Nun wer denn? Den Herrn JacqueS meine ich, Vater. — Wirklich, Josephs? rief freudig der alte Falzmann. Ja gewiß, betheuerte sie, indem sie ihm herabsteig«n half, seit gestern Abend schon. — Nun gelobt sey Gott! sprach der GreiS; dießmal hat Gott wieder geholfen! — Josepha rief einem Gesellen, um Wagey und Pferd in den Hof zu bringen, und führte die Beiden in die Stube hinein. Sen gegrüßt und habe Dank, du Helferin der Christen! so sprach Pankraz, gegen daS MuitergotteSbild gewendet; Dank sey dir, daß du Dcujenigen unS zurück geführt hast, der dir zwar keine sonderliche Ehifurcht hat beweisen wollen. Du, o große Frau, hast dennoch unser Gebet erhört und die Macht deiner Fürbitte an den Tag gelegt. Darum hat Gott nicht zugelassen, daß wir selber ihn fänden, damit wir nicht unsern 325 Bemühungen eS zuschreiben, sondern seiner väterlichen Gütigkeit und deinen Mitleids» vollen Augen, die unsere Noth angesehen. Setzen Sie sich doch, bester Herr Nachbar, meine Pepi bringt Ihnen sogleich einen Teller Suppe. Nichts mit dem Fasten heute, Sie sind übel auf. Erst die Erhitzung, die Angst, der Schweiß, dann der erschreckliche Gewitterschauer darauf; c« ist kaum anders möglich. Ich will doch lieber nach meinem Sohne mich umsehen, erwiderte FcilzNiann, auch ist noch Manches an Büchern und Bildern zusammen zu richten aus Morgen. — Ja wohl, ja wohl, sagte Pankraz, und gerieth in einige Unruhe, denn er hatte bisher mit seiner Arbeit kaum dazu gelangen können, um jugendlichen Augen und Gaumen für daS bevorstehende Wall« sahnSfest ein reich gefülltes Lebkuchen, Lustgezelt aufzurichten. Er eilte hinaus, um Gesellen und Lehrjungcn zu meistern und auch Joseph» an ein Geschäft zu beordern, als einer von der fürstlichen Dienerschaft kam, um diese letztere und den alten Falzmann zur Fürstin zu holen. Ach die Fürstin! rief er mit väterlicher Behaglichkeit, du giltst richtig etwas bei ihr; mußt bei allem dem doch morgen im Zelt stehen und lebkuchene Reiter verkaufen! In einem der einsamen Klosterstübchen saß indessen Herr JacqueS und sann und schrieb in der Bitterkeit seines Herzens mit solcher Emsigkeit, als wollte er daS Buchbindergewerbe mit dem Schriststellerwesen vertauschen. Er schrieb jedoch Werke, auf die er sich im Mindesten nichts einbilden konnte und die er am Nachmittage sammt mündlichen Erklärungen bloß allein dem Prior zu lesen gab, worin sich denn zwischen dem unberühmten JacqueS, dem Buchbinder, und dem berühmten Jean JacqueS, dem Schriftsteller, ein großer Abstand zeigte, in so fern der letztere seine Bekenntnisse keinem Diener Mariä überreicht hat, um im Namen ihres SohncS, des Richters aller Gedanken und Werke, nicht sowohl daS Admittitur, als vielmehr daS Remittitur zu erlangen. Dieß aber ist daS große Remittitur: Gehe hin, mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben! Und der Prior sprach ferner zu ihm: Sie dürfen nun fröhlich seyn, mein Lieber, und JhreS VaterS wegen ganz ohne Kummer. Verlassen Sie nunmehr auch diese stille Zelle hier und helfen Sie unS, da Sie ein Mann von Geschmack sind, die Kirche und die Alläre für daS Fest decoriren; auch hat die Fürstin bereits den Mantel für daS Gnadenbild über dem Hochaltare hierher geschickt. Wenn Sie bei dieser Gelegenheit dem Bilde in die Nähe kommen, so betrachten Sie mit Ehrfurcht die erhabenen, wenn gleich nicht kunstreichen Züge dieser uralten Abbildung, und die wundersamen Augen voll Ernst und Gütigkeit, in deren Anschauung wirklich etwas unbeschreiblich Wahrhaftes empfunden wird, und sprechen Sie ganz kindlich und unbefangen in Ihrem Herzen: Dich, o glorreiche Mutter und Jungfrau, verehre ich in diesem Bilde, in welchem du so Vielen schon Trost und Freude gegeben, und ihnen die göttliche Gnade, deren Mutler du bist, vermittelt hast. Wende diese deine huldreichen Augen auch zu mir und flöße mir die Liebe zu deinem göttlichen Sohne inS Herz, welcher auS Liebe zu mir dein Sohn geworden ist. Bitten Sie auch für Ihren Vater und halten Sie fest an der Zuversicht zur großen Mittlerin, dcr sie nun schon so Vieles verdanken; denn, mein Sohn, wenige sind so glücklich wie S^e! In kurzer Zeit war in der Kirche alles zum Feste vollendet; mit rothem Damaste die Säulen umwunden, die Altäre mit künstlichen Blumen geschmückt uuv die glänzenden Leuchter in vielfache Reihen geordnet, in AlleS überstrahlender Pracht aber nahm sich der goldblumige Purpurmantel auS, der zu beiden Seiten daS Frauenbild umfing, mit dcr Krone von zwölf Sternen darüber, von zwei Seraphinen gehalten und die reiche Stickerei des ThroneS ober dem Tabernakel, von der Hand der Fürstin selbst verfertigt. AlleS dieß gab dem GotteShause ein so hochfesilicheS, prunkvoll friedliches Ansehen, daß eS wie mit stillem Jubel den geweihten Raum durchzog: Wie lieblich sind deine Wohnungen, o Herr der Heerschaaren! Selig, o Herr, die in deinem Hause wohnen, sie werden dich in Ewigkeit loben! Bald auch, vom festlichen Geläute zusammen gerufen, füllte ein zahlreiches Volk das Haus und sang, als Vesper und Segen zu Ende waren, mit großer Freude und Andacht folgendes einfältige Lied: 32S *HSsch?F?-' Milde Fürsprecher,'«, Reinste Jungfrau! Wende, « wende voll seliger Ruh Deiue barmherzigen Augeu uu< zu! Mutter der Gütigkeit, Mutter de« Herrn! Ueber die Himmel weit Leuchtender Stern! Wende, o weiseste Führeriu du, Deine barmherzigen Augen un« zu! Glänzende Lilie, Rof ohne Dorn! Quell aller Glorie, Seligkeitsborn! Wende, o mildeste Trösterin du, Deiue barmherzige» Augen un« zu! Pforte der Seligkeit, Reinigkeitsschild! Gchutzwehr der Christenheit, » Furchtbar nud mild! Wende, o mächtige Schätzerin du, Deine barmherzigen Augen un« zu! Mutter in Todesnoth, Mutter des Lichts, Wenn uns die Hölle droht, Fürchte» wir nichts, Wendest du, führend zur seligen Ruh', Deine barmherzigen Augeu un« zn! Den Beschluß der heuligen Andacht machten aber noch folgende Gebetesstrophen, die der Prior zu diesem Ende aufgesetzt hatte und die Jemand, der in einer der vordersten Bänke Platz genommen, mit wohlklingender Stimme gar anständig und fittiglich vorlas: Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o jungfräuliche Mittlerin, die du am göttlichen Tbrone stehst, bekleidet mit dem Gewände der Herrlichkeit, von schimmernden Farben, dem Regenbogen gleich umstrahlet, weil du zum ewigen Friedensbund zwischen Himmel und Erde gesetzt bist. Breite dieß Gewand des himmlischen Friedens über unS auS, auf daß wir in seliger Ewigkeit Alle durch deinen Sohn zum Vater gelangen, Amen. — Ein Vater unser und Ave für die Wohlfahrt der heiligen Kirche. Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, du Zuflucht der Sünder! Breite den Mantel deiner seraphischen Reinigkeit über unS aus, und wende, die du ganz Auge bist, um unserm Elende zu Hilfe zu kommen, jene erbarmenden Augen, welche um deines göttlichen Sohnes willen einst so viele Thränen vergossen, zu unS; damit auch wir endlich unser Herz und Auge weinend zu Ihm wenden, und Er sich unser erbarme. Amen. — Ein Vater unser und Ave für alle Sünder. Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, du Mutter aller Menschen, der Lebenden und der Abgestorbenen! Breite den Mantel deiner mütterlichen Liebe auS über unS Alle, und mit jenen barmherzigen Augen, mit welchen du die Noth der Familie zu Cana ansahst, als du zu deinem Sohne sprachst: sie haben keinen Wein! schaue auch herab zu allen Hilf- und Trostlosen, und zu Allen, deren Herz freudenleer ist, und erbitte ihnen den Wein der fröhlichen Hoffnung und deS himmlischen Trostes, Amen. — Ein Vater unser und Ave sür die abgeschiedenen Seelen. Als die größte Zahl der Leute schon auS der Kirche sich begeben hatte, klopfte der Prior dem Herrn JacqueS ganz leise aus die Achsel. Sie können nun'für heute schon nach Hause gehen, sagte er, Sie stehen unter keiner Aussicht mehr. Er sübrte ihn durch die Sacristei in den äußern Kirchengang, da stand sein Vater vor ihm. sgiMni, ö,an»üt«) ZAvonK önu »aunZ 327 In freudiger Ueberraschung sank er fast vor ihm nieder; der Greis aber umfing und küßte ihn, und sprach: Mein Sohn, ich habe deine Stimme gehört, und doch hätte ich meinen Ohren nicht getraut, würde ich dich mit meinen Augen nicht gesehen haben. — ES war dieß die Buße, sagte JacqueS ganz leise, die der Prior mir aufgegeben hat. — ES war auch die Prüfung, mein Sohn, setzte der Prior hinzu, ob's dir Ernst sev auf dem neuen Wege, oder nicht. — Und der Alte umfing und herzte ihn von Neuem; die Fürstin aber, die mit Josepha einige Schritte von ihnen verweilt halte, trat hinzu und sprach: Kindesliebe und Vaterfreude — welch' eine schöne Blume mehr an unserer lieben Frauen Mantel. i:,".-l!Ä nsS na« vsjzM Erfahrungen eines katholischen Geistlichen in Wien. ' Geschildert in harmlosen Briefen. (Oesterr. Volksfreund.) III. Die Pfarrschule. Theuerster Freund! Ein für mich heißer Tag ist wieder glücklich vorübergegangen, in dieser Woche nämlich ist die Schule, der ich als Katechet zugetheilt bin, visitirt, und über die liebe Jugend die vorgeschriebene Prüfung gehalten worden. An solch einem Tage muß ich jederzeit viele Schweißtropfen vergießen — und zwar nicht bloß deßwegen, wcil im PrüfungSzimmer, welches mit Kindern und Gästen überfüllt ist, sich ein schrecklicher Dunst entwickelt, sondern auch wegen der Anstrengung, die mit der Prüfung so vieler Kinder aus der Religionslehre verbunden ist. In jeder Psarr- schule Wiens nämlich bestehen gegenwärtig vier Abtheilungen von Kindern, die in der heiligen Religion unterrichtet und am Ende deS Schuljahres geprüft werden. Die Zahl der Schulkinder beläuft sich in jeder Schule aus 300 bis 400, und diese alle soll ich als Katechet nach ihren Fähigkeiten, nach ihrem Fleiße und nach dem Maaße ihres Wissens kennen, um eine entsprechende Prüfung zu halten. Nun ist zwar der hochwürdige Herr Visitator jedesmal so gütig, seine Zufriedenheit auszudrücken , auch werden jedes Jahr viele von hochherzigen Wohlthätern gespendete Prämien vertheilt; allein ich muß gestehen, daß ich selbst mit den Kenntnissen, so wie auch mit der Aufführung der Schulkinder in Wien nicht zufrieden bin. Die armen und in mancher Hinsicht unbeholfenen Dorfkinder waren mir lieber, als die schmucken, gesprächigen und witzigen Kinder der Stadt; denn bei jenen habe ich weit mehr Fleiß im Schulbesuche und zu Hause, so wie auch weit mehr Eifer im Gottesdienste angetroffen, als bei den Schulkindern in der Stadt. Darum konnte ich mit der Hilfe GotteS bei der Dorsjugend einen tiefen, festen Grund der Gottesfurcht und Frömmigkeit legen; während ich bei der Stadtjugend sehr daran zweifle, daß sie von christlicher Gesinnung durchdrungen auS der Schule ins Leben treten wird. Gewiß wirst Du diesen Zweifel mit mir theilen, wenn ich Dir sage, daß viele Kinder in Wien hundert- bis zweihundertmal im Jahre auS der Schule wegbleiben, und die wenigsten zu Hause zum Lernen angehalten werden. Den Einen fehlt eS an der nöthigen oder doch an der zur Befriedigung der Eitelkeit erforderlichen Kleidung, den Andern fehlt eS wieder an den vorgeschriebenen Büchern und sonstigen Schulerfordernissen, noch Andere müssen schon frühzeitig Opfer des Eigennutzes ihrer Eltern seyn, und nicht Wenige bringen mit ihren Eltern im Sommer einige Monate auf dem Lande zu, ohne auch nur an die Schule zu denken. Manche Schulen, die sonst von den Kindern der Wohlhabenden besucht werden, stehen während der Sommermonate ganz leer, da sich die liebe Jugend in der Umgebung Wiens munter herumtreibt. Die ärmern Leute hingegen nehmen ihre Kinder wenigstens an Sonn- und Festtagen mit auf'S Land, von wo ste erst spät in der Nacht zu Hause wieder ankommen, und zwar in einem für die zarte Jugend sehr verderblichen Zustande. Man gibt nämlich den Kindern auf einer Landparthie sehr häufig sogar Wein und Bier zu trinken. 328 Die Folge vom Trinken, so wie auch von der Ermüdung ist dann in der Schule nur zu deutlich zu bemerken. Die meisten Kinder befinden sich nach einem schönen Sonn» und Feiertage in jenem Zustande, den die Burschen in den deutschen UniversttälS- stävten mit dem Namen „Katzenjammer" zu bezeichnen pflegen. Ueberdieß herrscht in Wien der Uebelstand,' daß die Kinder balv wegen der WohnungSveränderung ihrer Eltern, bald aber auch, weil sie vom Lehrer oder Katecheten ein wenig schief ange. schaut worden sind, zu jeder beliebigen Zeit auS der einen Schule auSireten und sich in eine andere aufnehmen lassen. Ich wenigstens habe fast in jedem Monate einige neue Schüler bekommen und andere dafür verloren. Endlich muß ich eS Dir, lieber Freund, bitter klagen, daß die Jugend in Wien nicht zum Gottesdienste, zur Anhörung der heiligen Messe und zur häuslichen Andacht von den Eltern aufgemuntert, sondern vielmehr davon abgehalten und auf vielfache Weise, namentlich auch durch die Uebertretung deS Fastengebotes und durch die Berschmäbung der heiligen Sacra- mente geärgert wird. Nach allem dem wirst Du Dich wohl nicht wundern, wenn Du hörst und auS den Zeitungen entnimmst, daß die Jugend in Wien unwissend und sittenlos ist; noch wirst Du die Schulv hiervon auf die Geistlichen und Lehrer schieben. Ich habe mir die Schule gewiß angelegen seyn lassen, und ich muß gestehen, daß ich immer recht eifrige, biedere, für die heilige Religion eingenommene Lehrer an meiner Seite gehabt habe, die mich in der Erfüllung meiner Pflichten stetS zu unterstützen suchten > allein durch den Leichtsinn, die Thorheit, oder Verderblheit der Eltern ist unsere Mühe größtenlheilS vereitelt worden. Einmal aber habe ich einen Kleinbürger, der seine Kinder von der Schule abhielt, recht derb zurecht gewiesen. Der Mensch sagte mir nämlich, als ich ihn seiner armen Kinder wegen zur Rede stellte: „Die Kinder gehören mir, ich muß sie ernähren, darum kann ich aus ihnen machen. waS ich will." Darauf gab ich ihm nun zur Antwort: „Wem werden denn ihre Kinder gehören, wenn Sie, mein Herr, einmal todt sind? Werden Sie sich dieselben vielleicht mit ins Grad nehmen? Merken Sie sich daS: Ihre Kinder gehören nicht bloß Ihnen, sondern sie gehören auch Gott, sich selbst, dann der Kirche und dem Staate an. Gott hat Ihre Kinder erschaffen zu seiner Ehre; die Kinder selbst wollen einst ihr Fortkommen hier auf Erden und jenseits die ewige Seligkeit finden; die Kirche wünscht gute Christen und der Staat brave Bürger zu haben. Darum dürfen Sie auö Ihren Kindern nicht machen, waS Sie wollen, sondern Sie sollen auS ihnen machen, was Gott haben will, waS die Kinder einst selbst wünschen werden, und was sowohl die Kirche als der Staat wünscht. Mit einem Worte: „Sie sollen Ihre Kinder christlich erziehen, und wenn Sie daS nicht thun, so werden Sie furchtbar bestraft werden, sowohl in ver Zeit, als auch in der Ewigkeit; venn Sie selbst haben eS bei der Trauung unter einem Eide versprochen, die Kinder, welche Ihnen Gott anvertrauen wirv, gut zu erziehen. Ein Mensch aber, der das nicht erfüllt, was er unter einem Eide versprochen hat, wird ein Meineidiger genannt, und von dem strafenden Arme Gottes früh oder spät schmerzlich getroffen. Uebrigens muß ich Ihnen auch sagen, daß die Kirche Ihnen gar nicht vaS heilige Sacrament der Ehe sammt ihrem Segen gespendet und der Staat Ihnen gar nicht die Erlaubniß gegeben hätte, Bater zu werden, wenn Sie nicht feierlich versprochen hätten, Ihre Kinder sorgfältig zu erziehen. Ein ehrlicher Mann aber hält Wort." Auf diese etwas hastig gesprochenen Worte erwiderte der Mann gar nichts, sondern ging brummend davon. Wahrscheinlich hat er mich einen Jesuiten genannt; allein durch diese Benennung werde ich nicht beleidiget. In der Folge kamen seine Kinder fleißiger in die Schule und hatten einen großen Respect vor mir. Du siehst hieraus, theurer Freund, daß man sich in Wien mitunter ein wenig ereisern muß. Bete nur für mich, daß ich vom heil. Geiste mit einem weisen und ausdauernden Eifer erfüllt werde. Um dieß ersucht Dich dringend Dein Freund. Beraotwortlicher Redacteur: L. Schönchen. VerlagS-Znhaber: F. <5. Kremer.