Zwölfter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Posheitung. 17. October ^ ^2. 185S. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementsprel« kr., wofür e» durch alle köaigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun. Rom und die Kirchengeschichte. Wie viel hundert und hundert Mal ist geklagt worden, daß Rom nicht jedem dahergelaufenen übelrüchigen Subject, welches sich das Prädicat „deutscher Gelehrter" in gewichtiger Selbstschätzung beigethan, die Schränke seiner großartigen Bücher- und Manuscriptensammlungen alsogleich unter Trompeten- und Paukcnschall geöffnet hat? WaS für Anhängsel sind an solche Klagen nicht immer bitterböse beigefügt worden? Da hieß eS: Seht ihr, waS Rom selber und daS heilige Collegium der Cardinäle angeht — da lassen die Herren nicht gern in die Karlen schauen, da lieben sie eS nicht, daß der Weltgeschichte actenmäßigeS Licht aufgezündet werde, da zeigt sich deutlich ihr Streben, über manches Geschehene, was den Ihren nicht zur Ehre gereicht, den Schleier ungelüftet zu lassen für ewige Zeiten; da habt ihr RomS wahres Signal: Engherzigkeit und Lichtscheu!--AIS Theiner seinen Cardinal Frankenberg herausgab, haben wir selbst in unsere Ohren vernommen, wie ein zwar geborner, aber im Schlepptau jämmerlicher öffentlicher Jugendbilvuug ausgewässerter Katholik, der noch immer die ihm aufgekleisterte Nolteck und W'elker'sche Geschichtsanschauung nicht loö werden kann, bemerkte: „Wäre der Cardinal Frankenberg gegen Rom gewesen, wäre er ein unsittlicher Charakter gewesen, so Halle man in Rom dem Theiner gewiß nicht erlaubt, die Actenstücke zu veröffentlichen." Nun gibt aber Theiner — in Rom vom heiligen Vater selbst angestellt — unter deS PapsteS Augen die Beiträge zur Geschichte der Kirche in Schlesien heraus, und da wirb einer der höchsten kirchlichen Würdenträger, ein Cardinal und Bischöfe so hart und entschieden, so wahrheitsgetreu und ihrer Persönlichkeit halber nachsichlSloS in allen ihren Lebensbeziehungen durchgenommen, daß die so oft vorgebrachten erlogenen Klagen und verkleinernden Lamentationen in ihrem wahren Lichte dastehen. Dieß neue Werk Theiners gibt in der That einen neuen Beweis von der Großartigkeit, mit welcher in Rom die Wahrheit in der Kirchengeschichte über alle andern kleinlichen Rücksichten gestellt wird. Wenn auch die Acten und Thatsachen dem Todten nicht zur Ehre gereichen, so muß doch die Geschichte ihre Sendung, ihren Zweck, erfüllen. Ihr Zweck aber ist nicht, die Thatsachen zu enthüllen, dem Todten zur Unehre, sondern den Lebendigen zur Lehre. Wenn nun der Fürstbischof von BreSlau, Cardinal Sinzendorf, dargestellt wird, wie er wohl „gesetzt vom heiligen Geiste" und begabt mit hoher Würde, doch dieser Würde, dieser Setzung, diesem Berufe durch seinen Werth, durch seine That nicht im mindesten entsprach, und statt seinen Beruf zu erfüllen ' von ihm abgewichen ist, wenn dargestellt wird, wie er seinen kanonischen Rath, sein Domcapitel jederzeit verschmähte, wie er nur an blinden oder blöden, an Schmeichlern, an nur irdische Rücksichten kennenden und stellensüchtigen Klerikern sein Behagen fand, wenn er 33l) dargestellt wird, wie er nur Werkzeuge selbstsüchtiger Willkür dulden mochte und Priester, die mit ächt kirchlicher Gesinnung erfüllt waren, zu verfolgen wußte — so wird durch solche Darstellung doch offenbar eine großartige Lehre gegeben, wie die Kirche in ihrer historischen Wissenschaft schon das Gericht für'S Dießseits — die unerbittliche Geschichte — über diejenigen ergehen läßt, die abgefallen von ihrem wahren Geiste nur in Selbstsucht und weltlichem Gebahren befangen waren, ob sie auch noch so hoch in Würden dagestanden sind. Und da ist unS eben TheinerS Buch ein neuer Beweis, wie großartig Rom die Kirchengeschichte behandelt wissen will, und wie eS keineswegs in Rom beabsichtigt ist, die Acten zu verbergen und die Wahrheit der Geschichte zurückzuhalten. (W. Kirchenz.) Die Mission in Heining unweit Paßau. Längere Zeit schon gingS von Mund zu Mund, auch Heining sollte der Wohlthat einer Mission theilhaftig werden. Von dem größten Theil der Gläubigen wurde somit sehnsuchtsvoll nach dem Tage geschaut, welcher die Boten des Friedens GotteS herbeirufen sollte. Endlich erschien er denn und ungemeine Freude bemächtigte sich der Meisten, als am 14. September die heilige Mission ihren Anfang nahm. Selbe abzuhalten waren die fünf hochwürdigen PP. Redemptoristen 5) mit ihrem hochwürdigen Herrn Superior P. Haringer an der Spitze, TagS vorher in Paßau angelangt, wohin sie von St. Oswald gekommen waren, und wurden von dem hochwürdigen Herrn Pfarrer Damberger in Heining nach eben diesem Orte abgeholt. Am 14. selbst nun bestieg P. Haringer, nachdem ihm in der neuestens schön restaurirten Pfarr- kirche die sämmtlichen Vollmachten vom Herrn OrtSpfarrer übertragen worden, die auf freiem Felde links der Straße, welche über VilShofen und StraubingZnach RegenS- bürg führt, errichtete Kanzel, die Mission zu eröffnen. Eö war Abends vier Uhr, da er die ersten Worte an die ziemlich zahlreich versammelte Gemeinde richtete. Sie waren Worte der Verkündigung dcS Friedens, der Ermahnung zur Buße und Umkehr zu Gott, warum eben die Missionen abgehalten wurden. Der Eindruck war ein sichtbarer: die Herzen der versammelten Gläubigen schienen gewonnen. Hierauf wurde die Tagesordnung von der Kanzel gelesen, wornach die Mission vom 14. bis 22. September incl. dauern, an jedem Tage dreimal, um halb acht Uhr Morgens, ein Uhr Nachmittags und vier Uhr Abends eine Predigt gehalten werden sollte, worauf mit dem Allerheiligsten der Segen gegeben wurde. Nach der Frühpredigt war jederzeit feierliches Hochamt, darnach meist um zehn Uhr eine Christenlehre für die Kinder. Nachmittags zwischen der Predigt um ein Uhr und der um vier Uhr wurde der heilige Rosenkranz erklärt und abgebetet. Spät am Abend endlich, nachdem durch das Ave- Läuten zum Preise demjenigen aufgemuntert war, der eS nicht verschmähte, als deö Menschen Sohn zur Erde niederzusteigen und uns in Allem gleich zu werden, die Sünde ausgenommen — ertönte nochmal der Klang der Glocke, aber ernst und tief in die Herzen eingreifend. Um halb neun Uhr nämlich hallte eS weit und laut vom Thurme in die stille Nacht hinaus, für die Bekehrung der Sünder den Allerbarmer aus tiefstem Herzen anzuflehen. Wie Viele mag wohl beim stillen Gebete der bittende Ton der Glocke selbst gerührt und zur Umkehr bewogen haben? Wenn aber auch dieß möglich, weit mehr — deß bm ich überzeugt — wirkte die Gnade deS Herrn durch den Mund seiner Missionäre. In der That, alle Predigten, welche ich zu hören daS Glück hatte und ohne Zweifel alle andern, können als Muster, an daS Herz des Volkes zu sprechen, betrachtet werden. Einfach, ohne Ziererei, drang das göttliche Wort auö dem Herzen und Munde des Predigers zum Gemüthe der.Gläubigen. Bald ernst und erschütternd, bald aufmunternd und tröstend, wie es der Seelenzustand erheischte, wurden die hei- ") Ertlmayr, Hader, Hermann, Riegger und Freimadl. 331 ligen Wahrheiten und Lehren unserer hl. Kirche vorgetragen. Niemals aber fehlte die Absicht der Liebe, als einzige Richtschnur für die Wirksamkeit der Missionäre. Was soll ich sagen von den herrlichen Gleichnissen und erklärenden Beispielen, welche die hochwürdigen PatreS benutzten, um dem Worte GotteS desto leichteren Eingang in der Gläubigen Verständniß und Gemüth zu verschaffen? Genau für das Volk berechnet wurden sie auS der Mitte deö Volkslebens selber genommen: die nahe rauschende Donau mit der ganzen umgebenden Natur wurde aufs tiefste und doch einfachste zur Belehrung und Erbauung ausgebeutet. Oft vernahm ich von Solchen, die hierin ein Urtheil haben: Das sind wahre Volksprediger, geeignet, Gott und sich die Herzen zu gewinnen. ES war aber auch etwas Erhebendes und Niederschmetterndes, z. B. Herrn P. Riegger mit der Kraft eines PauluS und der Sanftmuth eines Johannes die ernstesten Wahrheiten vortragen zu hören. Wenn der hochwürdige P. Ertlmayr von der Macht der Hölle und der Macht des Kreuzes sprach, wußte man nicht, ob der Abscheu vor der Sünde oder die Liebe zur Tugend tiefer in die Herzen dringen sollte. Oeffnete der hochwürdige P. Superior den Mund, sey es als Engel des Friedens aufzutreten, wie er in der EröffnungSpredigt gethan, oder als ernster und strenger Mahner zur schnellen Buße zu erschüttern, oder mit der Liebe eines frommen Kindes zu seiner Mutter von dem Lobe und dem Preise, so wie der Nachahmung der allerseligsten Jungfrau zu reden, war es zweifelhaft, ob Thränen der Freude über die großen Gnaden oder Zähren der Trauer über die vielen Sünden in den Augen der Gläubigen glänzten. WaS die frommen, opferfreudigen Patres im Beichtgerichte als Seelenärzte wirkten, ist nur Gott und den einzelnen Herzen bekannt, welche nunmehr den Frieden der Seele nächst Gott den theuren Missionären verdanken. Die Anstrengung war eine wahrhaft übermenschliche. Herr P. Freimadl unterlag derselben schon in den ersten Tagen, so daß er nach Nltötting zurückgebracht werden mußte. Besonders aber muß ich noch hervorheben die sogenannten Standespredigten, welche vor dem Sündenbekenntnisse eines jeden einzelnen Standes gehalten wurden. An vier Tagen gab eS solche: der Eindruck muß gewaltig gewesen seyn, denn ich glaube, alle Pfarrkinder reinigten ihre Seelen durch Generalbeichten. Feierlich waren die Generalcommunionen, welche in der Regel TagS darauf während deS Hochamtes abgehalten wurven. Vor und nach denselben ertönten eindringliche Worte der Ermahnung und Bestärkung an die Communicanten und bei zwei Generalcommunionen geschah die Errichtung der für unsere Zeit so nothwendigen Jungfrauen- und Jünglingsbündnisse. Auch hier war eS sehr tröstend zu sehen, wie zahlreich, insbesondere bei den Jungfrauen, der Zutritt zu denselben war. Ueberhaupt aber sage ich keine Unwahrheit, wenn ich von der Theilnahme von Seite der Gläubigen sage, daß sie sehr groß und erfreulich gewesen. Während der ganzen heiligen Mission konnte man die geheimnißvolle Umwandlung durch die Gnade des barmherzigen GotteS an fast allen Pfarrangehörigen bemerken. Dieser entsprach das ernste, in sich gekehrte, würdige Benehmen der Gemeinde. Allein nicht bloß diese, sondern Gläubige aus Nah und Ferne zog der fromme Eifer und der Durst nach der himmlischen Heilsquelle zu der Theilnahme an den Segnungen der Mission. Wie Vieles könnte ich noch sagen von der rührenden Feier der Kindercommunion, der Wiederholung deS TausgelübdeS, der feierlichen Hingabe der Gläubigen an JesuS und seine heilige Mutter Maria! Doch ich begnüge mich dieses gesagt zu haben und berühre nur noch den letzten Tag, die Schlußfeier der Mission. Sie war die schönste, die rührendste, die ergreifendste. Nachdem der hochwürdige P. Hader die Weihungen der Kreuze, Rosenkränze, Medaillen und Bilder vorgenommen, bestieg nach feierlicher Procession mit dem Allerhciligsten der hochwürdige P. Superior zum letzten Male die Kanzel. In heiliger Freude pries er den Eifer der Gläubigen und die Frucht der heiligen Mission: sodann aber sprach er auch seine Gefühle der Bangigkeit und Trauer aus, sich und die Gläubigen erinnernd, „daß der Geist zwar willig, aber daS Fleisch schwach sey", demnach gar Mancher wieder abfallen würde. Daher gab er nochmal die Mittel an, in der Treue gegen Gott standhast auszuharren, und nahm sofort 33S Abschied von der Gemeinde. Kaum hatte er hievon zu sprechen angefangen, da er» griff cS im heiligen Schmerze die Tausende der Anwesenden. Ein laureS Schluchzen begleitete die weiteren Worte des hochwürdigen SuperiorS, und helle Thränen schim- mene», ja rannen aus eines Jeden Auge, das den dockwürdigen Paler besah. Ich sah Männer von gewaltiger Natur, die ich nicht für befähigt hielt, eine Zähre zu vergießen. Aber dennoch griffen auch sie zum Tuche, sich die Thränen abzutreiben, welche sie — man fühlte eS wohl — mit ihren Weibern und greisen Vätern, ihren Kleinen und Ehehalten um die lieben PalrcS vergossen. Diese Thränen waren das schönste Gebet im Angesichts deS Himmels zum Herrn cmporgesendet für die vielen Wohlihaten Seiner Gnade, die Er durch die Hände Seiner frommen Missionäre in die Herzen der Gläubigen ausstreuen ließ: sie waren aber auch der zeugendste Dank den Bemühungen der hvchwüroigen Väter gegenüber, welcher nie erlöschen wird. Hierauf ertheilte der hochwürdige Superior noch den feierlichen Segen der Kirche und insbesondere deS heiligen VaterS, worauf die heilige Mission für geendigt erklärt wurde. DaS Allerheiligste, welches während der Schlußpredigt auf dem Altare ausgesetzt war, ward sorann in großartiger und feierlicher Procession wieber in die Kirche zurückgetragen; von Ihm sodann daS „Te Deum laudamuS" freudigst angestimmt und nach Abhaltung desselben noch der Segen gegeben, womit diese erhabene, mir und Vielen ewig denkwürdige Feier vollends schloß. Die hochwürdigen Väter verwenden noch einen ganzen Tag auf die Bcsuchung der Kranken, um ihnen in ihren körperlichen Leiden die stärkenden Freuden deS Trostes uuv der Beseligung durch die Gnaden der Religion zu gewähren. Sofort reisen sie am Freitage den Z4. Früh Morgens ab. An eben diesem Tage beginnt eine heilige Mission in Poiking im sogenannten Rottthal und bald auch andere in Regen, Rinch- nach, und BischofSmaiS, Pfarreien im Wald. Schließlich noch dieses. Für zwei Stücke danke ich Gott: daß wir einen so eifrigen und frommen Regulär- und SecularkleruS haben und dann auch dafür, daß daS Volk noch einen so guten Willen zeigt. Endlich aber beseelt mich noch der Wunsch, eS möchten alle Diejenigen, welche in ihrer Verblendung voll der Vorurtheile gegen die Missionen sind, eS über sich bringen, einmal einer solchen anzuwohnen. ES würde nicht blos der Nebel, der vor den Augen ihres Geistes und Herzens ist, hinweagenommcn werden, sondern auch ihnen sich die Ueberzeugung bilden, daß die Missionen, deren sich «die heilige Kirche in unsern Zeiten bedient, ein Radikalmittel seyen, die Schäden unsrer Tage gründlich zu heilen, und daß man sie mit Recht die Kanäle nennen kann, durch welche mit Zuführung der erfrischenden Quellen der Gnade GollcS Ehrfurcht gegen den Herrn und Sein heiliges Gebot, Gehorsam gegen die Kirche und ihre Vorsteher, Achtung und Anhänglichkeit und Treue gegen König und Vaterland in die Herzen deS Volkes einströmt und hiemit auch Segen, Heil und wahres Glück in jeder Hinsicht. Auf Euch endlich, hochwürdige Bärer! ergieße sich im reichlichsten Maaße die lohnende Gnade deS Herrn I DaS Volk in dem Bewußtseyn, daß ihr eS wahrhaft beglücken könnet, liebt Euch als seine theuren Väter. In dieser Liebe möge Euer Lohn hier, in der ewigen Glorie aber, wo aller Verfolgung Ende ist, derselbe jenseits bestehen, kmt, Lst! Die Crefelder Ausstellung mittelalterlicher Kunstgegenstände. Es ist eine schon oft wiederholte Bemerkung, daß seit 1833 daS kirchliche Leben in fortwährendem Wachsthum« und immer weiterer Ausbreitung begriffen sey. Wallfahrten, Bruderschaften, Vereine zu den verschiedenartigsten religiösen und kirchlichen Zwecken, kirchliche Neubauten und Reparaturen, Missionen, Stiftung neuer und Reformation alter Orden und mehrereS Andere beweisen diese Behauptung. Namentlich zeigt sich der erweckte kirchliche Sinn in der Wiederbelebung der mittelalterlichen Kunst, welche, ein Erzeugniß tiefer Religiosität, aus den Tempeln der 333 Religion fast verbannt war; der alte, lange verkannte Choral kommt wieder zu verdienten Ehren, die Ornamentik tritt mit dem kirchlichen Baue und der Heiligkeit deS geschmückten Gegenstandes in Eintracht, und die gotteSdienstlichen Gesäße und Ge« rälhschaflen erlangen wiever Charakter und Styl. Seit dem Ende deS MittelalterS hat die religiöse Kunst nichts Besseres, alS daS schon Vorhandene, schaffen können; deßhalb wandte sich der fromme Sinn dem verrufenen „finsteren" Mittelaltcr wieder zu, und mit Staunen und Bewunderung steht der Beobachter vor seinen herrlichen Werken, dessen Verständniß ihm die einschlägige Literatur der letzten J'ahre ver- milielt hat. Unter diesen Umständen ist die Crefelder Ausstellung mittelalterlicher Kunstgegenstände ein Zeichen der Zeit, ein Beweis deS neu erwachten kirchlichen SinneS; vor zehn Jahren wäre sie noch nicht möglich gewesen oder hätte wenig Besucher gefunden, während sie jetzt, auch nach der Londoner und andern Industrie-Ausstellungen, ein sehr großes Interesse in Anspruch nimmt. Wer den andauernden Fleiß und die Opserwilligkeit, wer prachtvolle kirchliche Arbeiten in Silber und Gold, in Schmelz, Email und Filigran aus der romanischen und gothischen Periode, wer kunstreiche asiatische Gewebe, die der Frommsinn der Vorfahren dem höchsten Herrn geweihet, wer die ursprüngliche Form kirchlicher Gewänder und Gefäße (Caseln, Kelche, Patenen, Kreuze) und ihre Aenderung zu der jetzigen Gestalt sehen, vergleichen und bewundern will, der gehe nach Crefeld. Eine ausführliche Beschreibung überlasse ich einer andern Feder, kann jedoch nicht umhin, folgende Gegenstände namentlich zu nennen: die Caseln deS heiligen HeribertuS, Bernard und Bruno, deS Albertus MagnuS, Monstranzen und Ciborien, Ostensorien und Reliquiarien, Kreuze (darunter ein sehr altes) aus der romanischen und gothischen Zeit, Statuetten, Weihrauchfässer; den großen Altarteppich aus dem Kölner Dome und den durch den Crefelder Marienverein gefertigten Altarteppich; eine Stickarbeit: „Christus am Kreuze" (wunderschöne neue Arbeit Crefelder Damen); Webereien der Herren Casaretto und Kleinenbroich. Neben den alten Werken der Goldschmiedekunst haben und verdienen die romanischen und gothischen Kirchengefäße deS Herrn Dutzenberg ihre Stelle. Der Eindruck, welchen die Ausstellung auf den Beschauer macht, ist ein erhebender; sie reißt zur Bewunderung der mittelalterlichen kirchlichen Kunstperiode und zur gebührenden Geringschätzung der folgenden hin, wo die Glaubensspaltung ihre unheilvollen Früchte auch im Verfalle der kirchlichen Kunst hervorbrachte, wo die kirchlichen Kunstwerke in der Rumpelkammer und gegossene und gepreßte Gefäße auf den Altären standen. Auf, gen Crefeld! lasset euch erleuchten durch die Werke deS „finsteren" MittelalterS! (Z. z. V. H.) _ Unsrer lieben Frauen Mantel. Eine Erzählung in steben Lcctionen über da» Salve Negina. Siebente Lection: „Und nach diesem Elende zeige un« Jesum, die gebenedeite Frucht deines Leibes." Es ist wahr, sagte Meister Pankraz, es ist nichts Besonders in und an der Welt; Alles ist höchstens nur Versuchung, Lockung, Prüfung. Meine eigene Hand- thierung lehrt das schon! WaS den Menschen nährt, ist Mehl und Wasser; der Honig, den ich hinzuthue, ist schon eine Lockung. DaS tägliche Brod ist unS Menschenkindern nicht genug, wir wollen auch Lebkuchen haben, und unterstehen unS, in unserer deutschen Sprache dergleichen Honigbrod Lebkuchen zu nennen, als wollten wir damit zu verstehen geben, daß wir nicht vom Brod, sondern von der Süßigkeit unser Leben haben. DaS pflegt aber oftmals eine elende und eingebildete Süßigkeit zu seyn, zumal wir von der Ehre leben, und vom Ehrhunger geplagt werden. 334 WaS wollen Sie aber damit sagen? entgegnete der Kranke. Nichts, mein lieber Herr Falzmann, sprach der Lebkuchenbäcker, als dieses, daß am gestrigen Festtage Alles sebr gut abgelaufen ist. Ist nicht Ihr Jacques ein Junge voll Glanz und Nettigkeit? Der hak eine große Portion Ehre zu seinem täglichen Bedarf nöthig gehabt; jetzt aber lebt er ganz sparsam damit, ist auch gestern ganz friedfertig in Ihrem Bilver- und Bücherhüttchen neben der Kirche gestanden, und hat Groß und Klein auf'S bereitwilligste abgefertigt. Und meine Pepi vollends — hat ihre Stickerei am Frauenmantel und daS, waS sie bet der Fürstin gilt, nicht allen Neidharden ins Auge geleuchtet? Viel Ehre, ja wirklich gar zu viel Ehre; und ich, als ihr Vater, habe auch meinen Theil davon mttgegessen und mitgenossen; aber wie benimmt sich gestern daS kluge Kind? Sie steht ganz bescheidentlich in meiner Lebkuchenhütte und verkauft Reiter, Marzipan und Pfeffernüsse an Groß und Klein, als wäre sie niemals am Stickrahmen einer durchlauchtigen Fürstin gesessen I Der Kranke sprach: mich freut es inniglich, daß eS so gut mit unsern Kindern steht und kann ich nun sorgenlos zum hölzernen Einband mich zusammen legen, in welchem wir zu ruhen hoffen, bis zur Zeit, da daS große Buch wird aufgethan. — Der Lebkuchenbäcker: Trübselige Gedanken daS! — Der Kranke: Es ist eben kein trüber Gedanke, die Hoffnung, bald hinauszugehen auS diesem Elende. Wohl, sagte Herr Pankraz; aber ist denn dieß Leben wirklich nichts als Elend? — Ja, bester Nachbar, und zwar im doppelten Sinn. Denn einmal ist daS Elend auf Latein Erilium, zu deutsch Verweisung, und im Elend seyn, bedeutete vor Zeiten, fern von seinem Vaterland wandern. Unser wahres Vaterland ist aber nicht hier, folglich, so lange wir hier sind, sind wir in der Fremde, im Elend. Zum andern ist daS Elend auf Latein Miseria, zu deutsch Elend schlechtweg, und das findet sich bekanntlich überall, wo daS Paradies nicht ist; denn wo daö Elend nicht zu finden wäre, da wäre eben schon daS Paradies; nun aber ist selbes dem sterblichen Leben nicht zugänglich, und ist nimmer auf Erden. ES ist aber noch ein drittes Elend, und dieß zwar ist größer als alles übrige, nämlich nicht wissen, daß dieses Leben sonst nichts denn Elend sey. DaS ist hart, Herr Falzmann. — Nicht härter als wahr, Herr Pankraz. Aber weil daS Reden mir sehr hart fällt, so bitte ich Sie, dort die Schrift herauszunehmen, ich habe sie schon vorgestern niedergeschrieben, und zwar für meinen Sohn; lesen Sie mir doch die etlichen Zeilen vor. — Und Pankraz las, wie folgt: „Außer meinem letzten Willen, so hauptsächlich von zeitlichen Dingen handelt, wollte ich dir, mein lieber einziger Sohn, noch einige gewichtige Worte ans Herz legen, die sollst du wohl zu Herzen nehmen, aber auch in dem Felleisen sorgfältig bewahren, das dir auf deinen Reisen gedient hat. „Ich zwar, wenn du diese Zeilen liesest, bin von hier hinaus gegangen und hoffe durch die Fürbitte der Mutter Gottes, der ich allzeit vertraut habe, das Angesicht meines Erlösers zu schauen. Du aber bleibst noch in diesem Elende. „Ein Elend aber ist dieses Leben^ es erscheine dir nun bitter oder süß, fröhlich oder trübe. Denn obwohl daS Leben oft voll Wolken ist und peinlichem Gewirr, und heimgesucht von Hitze, Frost, Mangel, Schmerz, Sorge, Schmach, eitlem Bestreben, ermüdender Arbeit, Feindseligkeit, Ueberdruß und überhaupt einem Hundertsachen Alphabet von Armseligkeiten, Bangigkeiten und Calamitäten, so sind doch diese keineswegs daS Schlimmste, sondern vielmehr das Beste von der Sache, denn sie wirken in dir eine Sehnsucht nach dem Vaterlande und zeigen dir daS Elend in seiner wahren Gestalt, während die sogenannten Lebensfreuden, oder die Freuden dicseS Elendes, dir seine wahre Gestalt verhüllen, und dich mit solcher Liebe an dieses Elend ketten und kitten, daß du des Baterlandes nimmer begehrst. „Und also zwar, da dieß Elend ein doppeltes Antlitz zeigt, ein freundliches und ein trübes, so traue dem ersten nie, und sey gewiß, daß nur daS letztere dir die Wahrheit sagt. DaS freundliche darf dich nicht zu sehr erlustigen, doch auch vaS 335 trübe nicht erschrecken. Schrecklich ist nur der Abgrund längs des Weges, furchtbar oder erfreulich nur allein daS Ziel. „Vergissest du nie, daß hienieden nur eine Wanderung sey durch Elend zur Freudenfülle, durch Finsterniß zum Licht, so wirst du in stiller Sehnsucht deinen Weg gehen und in heiliger Furchl; du wirst aber, der Gefahr stets eingedenk, zu deiner Mutter flehen, die alle Menschen mit himmlischer Liebe liebt und täglich rufen: Nach dieser Finsterniß zeig' unS das Licht! nach diesem Elende zeig' uns Jesum, den Herrn der Seligkeit; die gebenedeite Frucht deines LeibeS! „Zu Ihr rufe täglich, mein Sohn, Ihrem Schutze empfiehl' deine Seele. Die daS Licht, die Wahrheit und das Leben, die den Seligmacher uns gebar, sie ist die Pforte deS Himmels, die Königin des Paradieses. Ihrer Huld empfehle ich dich und mich, da voll christlicher Zuversicht auf Christi Wunden und Mariä Schmerzen ich hinaus gehe auS diesem Elende; ich, dein Vater, Thomas Falzmann, Buchbindermeister allhier." DaS ist ein beweglicher Brief! sprach Pankraz, ihn wieder zusammenfaltend; aber kaum für junge, glückselige, frische Leute, bei denen der Himmel noch voll Geigen hängt. Wir Alten freilich, wir haben schon ein MehrereS erfahren. — Herr Falzmann aber entgegnete: Dieß Gute hat daS Elend, daS da genannt wird Miseria, daß eS uns über das Elend belehrt, so da heißt Erilium. Im Uebrigen werden der Herr Nachbar höflichst ersucht, den Herrn Prior baldigst zu mir zu bitten. Denn eS ist aller Tage Abend herbeigekommen und dämmert schon herein. !nn>? ME ötjzjE :chvM S»k -^»^tnminH. n,möoK nsAttzaöl» msm» ni ui/iK Schluß. „O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria." Als eS binnen wenigen Wochen mit dem alten Falzmann dahin kam, daß seine Seele von den morsch gewordenen Banden ihres irdischen Einbandes sich löste, hat man diese kindliche Anrufung noch von seinen erbleichenden Lippen vernommen. Herr Pankraz sah in sein altes Gebetbuch hinein, und laS die Bernardischen Worte: „Gütig bist du den Dürftigen, milde den Flehenden, süß den Liebenden. O wie gütig erweisest du dich den Reuigen, wie milde den Fortschreitenden, wie süß den Vollendeten!" Der Prior sprach die letzten priesterlichen Worte über den Verblichenen, Herr Jacques schluchzte und Josephs weinte mit ihm. Da hielt der fürstliche Wagen vor dem Hause und die Fürstin selbst trat herein. Wir bitten tausendmal um Verzeihung, rief Herr Pankraz, indem er, obwohl mit großer Submission, Miene machte, der hohen Frau den ferneren Weg in des Zimmers Mitte abzusperren; er ist so eben fortgegangen, der Selige, er ist ganz richtig gestorben, wie er'S seit den letzten Wochen immer behauptet hat, daß er ganz sicher sterben werde; er muß eS also doch deutlich in sich gefühlt haben! Ja, waS noch mehr ist, er hat sich daS Salve Regina vorbeten lassen, wie Einer, — um ein recht plumpes und doch in etwas erhabenes Erempel zu geben, wie Einer, der da sagt: Ihr Hautboisten, oder ihr mit den Cymbeln und Harfen, spielt mir anjetzo mein Lieblingsstück auf, denn ich gehe meinen Freudengang und komme nimmermehr, und mit dem Elende hat eS ein Ende. Nicht hinschauen, Ew. Durchlaucht, wiewohl Ew. Durchlaucht ganz allein zu befehlen haben, aber ich wollte nur gemeint haben--Der Prior unterbrach diesen Vortrag gutgemeinter Besorgnisse, indem er durch einen abwehrenden Blick auf den lebhaften Redner die Aussicht auf den beredsamen Todten frei machte. Auf diesem erstarrten Angesichts, sagte er, hat die scheidende Seele eine Glanzspur ihres Friedens und ihrer Freudigkeit zurückgelassen, hier sind keine TodeSschrecken. Von Lippen, in deren letzten zuckenden Regungen sich noch der süße Name Maria formt, kann der TodeSschmerz das Lächeln nicht verscheuchen. Sie hat ihrem treuen Diener den Beistand gewährt, um welchen er täglich sie gebeten halte; gelobt sey Gott. Herr JacaueS schluchzte bei diesen Worten noch mehr als früher, und Josepha weinte noch ferner mit ihm. Auch Herr Pankraz konnte nicht umhin, ein Gleiches zu thun, nur rief er dazwischen: die guten Kinder! ach, die guten Kinder! — 336 Bereits war daS letzte buntfarbige Herbstlaub über des alten FalzmannS Grabhügel hingeweht, als die Thränen wieder von neuem flössen. Die Fürstin war in die Hauptstadt zurückgekehrt und halte Josepha als Gesellschafterin, wie Pankraz versicherte, oder alS Kammerjungfer, wie die andern Leute im Orte wußten, mit sich genommen. Herr JacqueS gab sich zwar zum letzten in die Kost und hielt sich fleißig zur Arbeit, auch redete ihm der alte Nachbar oftmals zu, und sprach: Nur ausharren, mein Kind, und dem Herrn Prior gehorsam seyn und der Meinung der Fürstin folgen, die an Ihnen wie eine Mutter handelt, und vor Allem die HtmmelSfürstin um ihren Schutz anflehen, die Ihnen schon so viele Gnaden erzeigt! — Nichtsdestoweniger verging kaum eine Woche, wo er nicht nach seinem Felleisen sah und die Riemen aufzog, um eS in reisefertigen Stand zu setzen. Aber da war das Erste, waS seinem Blick begegnete, seines VaterS Abschiedsschreiben, das laS er dann, erwog eS hin und her, zog ganz sachte die Riemen wieder zu und blieb. ES dauerte aber nicht einmal siebenmal sieben solcher Wochen, die Herr Jacques alS seine Probezeit zubringen mußte, und eS soll diese Geduld- und Ergebungsübung ihn nimmermehr gereut haben, obwohl die Folge davon war, daß der nunmehrige junge Buchbindermeister, ehe ein JolleS Jahr umging, aus dem ungebundenen in den gebundenen Stand übertrat. Da war die Gesellschaft, die bei dem Sterbelager versammelt gewesen, auf dem fürstlichen Schlosse wieder beisammen, und Herr Pankraz genoß einer Ehre, die ihn süßer dünkte, als Alles, was er an eigenem Hänvewerk jemals SüßeS vollbracht hatte. Die Fürstin aber ließ beim Schlüsse der Tafel ein schönes Bild unserer lieben Frau in einem glänzenden Rahmen hereintragen, und sprach: Dieses Bild kennt ihr wohl, auch der goldgestickte Mantel ist nicht hinweggelassen; eS ist genau nach jenem am Altare, vor dem Ihr heute daS heilige Bündniß einginget. Unter dem Schutze der göttlichen Mutter möget Ihr in treuer Liebe und Einigkeit durch dieses Leben wandeln, und tagtäglich durch ihre Fürbitte erfahren, wag mit den goldenen Buchstaben unter dem Bilde steht. Sie sahen hin und lasen die Worte: O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria! WeHindien. Der Generaldirector der Schulbrüder auf der Insel Martinique, Bruder Philemon, starb kürzlich. Dieser schmerzliche Verlust ist keine vereinzelte Thatsache. Jedes Jahr sterben in dieser Mission mehrere Arbeiter in der Blüthe ihrer Jahre, oder werden doch wenigstens zur Rückkehr nach Frankreich genöthigt, um ihre geschwächte Gesundheit zu stärken. Ihrer sind einerseits zu wenige, um den dringenden Bedürfnissen der Colonien zu genügen, und andererseits sind sie zu eifrig, um alles Gute zu fördern. In einzelnen Gemeinden haben sie 5l1t), köv, ja 7- bis 300 zur ersten Communion vorzubereiten. Der Director der Schulbrüder zu Guadeloupe schreibt unter dem 27. Juli an den Generalobern Herrn de la MennaiS: Sie begreifen, mein guter Vater, daß solche Anstrengungen die Brüder ermüden. Nichts desto weniger unterziehen sie sich ihnen mit bewunderungswürdigem Eifer. Man bemerkt aber auch so vielen guten Willen bei diesen braven Leuten, man ist Zeuge von dem Eifer, welchen sie beweisen, zu Gott zurückzukehren, nachdem sie so lange Sclaven deS Teufels waren, so daß man unmöglich seinem Eifer Schranken setzen kann, und sich mit Freude für ihr Seelenheil aufopfert. ES ist wahrhaft rührend, wenn man sieht, wie nach Beendigung ihres mühseligen Tagewerks nicht allein Jünglinge, sondern Greise von sechzig, siebenzig und achtzig Jahren begierig nach der Lehre des Heils zu unsern Häusern kommen, und sich so auö Begierde zu hören, der nothwendigsten Ruhe berauben. Ich kann nicht aufhören Freudenthränen zu weinen. Dieser Religionsunterricht ist mein größler Trost. Er ist das Beste in unserer Mission. Berautwortlicher Redacteur: L. Scheuchen. VerlagS-Znhaber: F. C. Kremer.