Vrey-Hnter Jahrgang. Sonntags-Betblatt zur Augsburger Pojheitung. 15. Januar M^- S 1853. Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Touutage. Der halbjährige Abonnementsprel« »tt kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhaudlimgeu bezogen werde» kauu. GechS Jahre. Im Jahre lag die Kirche in Deutschland in einem völligen Schlummer. Die betäubenden Mohnkörner des FebronianiSmuS waren allenthalben ausgestreut, und die Zöglinge der Generalseminare standen in dem versumpften Boden hochaufgeschossen da wie das Rohr (durch und durch hohl) — und sich beugend vor jedem Lufihanch und beschienen von der Gunst- und Gnadensonne der Weltgewalten, in allen, beliebigen Farben schillernd wie die Schilfrispen, welche die gebeugten Wogen der Rohrgruppen bald silbern, bald röthlich färben, je nachdem der Wind eben sein Spiel treibt und die Sonne ihr Farbenmeer darüber auSgießt. In Frankreich suchte das GroS der Revolution »ach Gestaltung zu ringen. Der erste Anfall von Blutdurst war gestillt, und die Zeit des Martyriums für das standhaft bekennende Prie- sterthum war abgelaufen. Der von unten rasch aufgestiegene Machthaber hatte dem heiligen PiuS VII. ein Concordat abgerungen, welches der Vater der Christenheit nach seinen eigenen Worten den „außerordentliche» Zeitumständen" sich fügend angenommen. (Bulle vom 9. Sept. 18t)1.) Aber auch um eine dem Volk offen kundbar werdende Demüthigung war eS dem Manne der Gewalt zu thun, bald darauf fand dieß Vorhaben seine Ausführung und der Papst muß im Dome von Notre Dame eine Stunde lang auf den neuen Imperator warten, bis dieser zur Salbung erscheint — und im trotzenden Hochgefühl eigener Macht und Stärke sich selber die Krone aufs Haupt setzt. - Derweil docirten in Deutschland die Lehrer des kanonischen Rechte« von den Anmaßungen RomS, wie es ihnen eingeschult und von StaatSwegen geboten war, und sie konnten ihren Schülern nicht Furcht und Angst genug beibringen vor Roms Tiraunei und Herrschsucht, vor welcher die Fürsten sich verwahren müssen — mit jeder Maaßregel, um jeden Preis. ES kommt das Jahr 1813. Mit eiserner Faust drückte der emporgekommen? Mann auS Corsika die deutschen Fürsten nieder, die Bischöfe mußten ihm hörig seyn, er wollte die Kirche als Polizeigewalt mißbrauchen, sie sollte das Volk in Gehorsam halten, vor ihm aber sich beugen, und zur Hebung der Industrie die Schleppe deS mit goldiner, Bienen, als dem Symbole des Fleißes, durchwirkten Kaisermantels tragen. Den GallikaniSmuS, daS Unglück der Kirche und der Bour- bonen, webte er, verblendet durch seine Gewalt, hartnäckig in sein eigenes Verhängnis PiuS VII. fitzt (seit Mitte 1812) als Gefangener in Fontainebleau, und im Jänner 1313 will ihm Napoleon einen neuen Vertrag abtrotzen, er verlangt Bestätigung der von ihm ernannten Bischöfe. An der sittlichen Willenskraft des heiligen Oberhirten der Christenheit aber scheitert die gewaltige Faust der Willkür. Ein Jahr darnach ist die Herrschast deS Bezwingers zu Ende; und PiuS VII. hält seinen Einzug in Rom. Und immer docirten die KirchenrechtSlehrer in Deutschland das einge- MlMltl»^ MtikskynG klappte Drehorgelstück von der Herrschaft u>^ Anmaßung Roms — jedoch über das eiserne Richtscheit der fränkischen Gewalt schwiegen sie kläglich und klüglich, sprachen davon nur leiSlich, oder schwiegen ganz darüber weislich — so lange diese im Flore stand. ES kam das Jahr 1823. In Deutschland ist daS Leben der Kirche völlig lahm — nirgends regen sich die Glieder, der Torpor hat seinen Höhenpunct erreicht. Die Herren der Maschinenverwaltung sehen vergnüglich auf ihr Werk, die hierarchischen Mächte sind zerbrochen, das Episkopat, Universitäten und Seminare regen sich nur nach Decreten — die Aufklärung steht im Zenith ihres Triumphes. In Preußen wird die letzte Feile an das EpoS ver Kirchenverknechtung gelegt — die zwingenden Erlässe betreffs der gemischten Ehen beginnen auSzufliegen. In Frankreich ist das gallikanische Wesen wieder so fest hergestellt, als ob eS ein nothwendiges Attribut der Legitimität wäre, und diese ohne jenes daselbst gar nicht von Bestand seyn könnte. Und es kommt das Jahr 1833. Der Erzbischof von Köln, Graf Spiegel zum Desenberg, wird für die Maßnahmen der Regierung auf Kosten seines Gewissens und seiner Eide gewonnen. DaS Kabinet und seine Weisheit triumphiren, die kluge Politik hat gesiegt und die unangenehmen Störungen sind, weltlicher Ansicht nach, auf ewige Zeilen in Ordnung gebracht. Während dem hat in Frankreich sich der Bürgerkönig auf den Thron geschwungen, und hält dafür, der GallikaniSmuS sey die beste Garantie seines HerrscherthumS. Und es kommt daS Jahr 18T3. Wer hätte eö vor zehn Jahren geahnt, was für schreckliche Thatsachen die Kluft dieses Dezenniums ausfüllen werden? Die Hierarchie hat sich geregt, Deutschland war in Aufruhr, ein Staatsstreich ik eklatant mißlungen. ES mußten Concessionen gemacht werden, an die vor zehn Jahren keine Seele gedacht. Wie ist eS zu gewinnen, was ein unberechueter Augenblick verloren? Ein Löwe hat in Köln seine Mähnen geschüttelt und ist ausgestanden und hat gebrüllt — und wurde er auch sogleich in einen Käfig in Verschluß gebracht — seine Stimme — stürzte zu Berlin Actentische, Schreiber und Schreibhäuscr nieder — in wirrem Chaoö zeigte sich die Niederlage. Die Triumphbögen, welche sich Menschenwitz gebaut, krachten zusammen; und die Kirche wurde anerkannt als eine räthselhaste, geheimnißvolle Macht — ihr Wort aber so viel als möglich verhöhnt und aus ihre Forverungen, so viel als thunlich, kein Gewicht gelegt. In diesem Jahre hatten gewaltige Geister den Ausriß der Kirche in klarem Wort wieder vorgezeichnet, und der alie GörreS sagte damals zur (auch 1843) erschienenen Schrift über Staat und Kirche von Clemens August unter Anderm: „Eine Kirche über alle Welt verbreitet, so in ihrem Fortbaue auf alle Zeiten gewährt, kann dem Gutdünken einer vorübergehenden welllichen Macht nicht unterworfen seyn, »och auch daS Himmelreich auf Erden den Reichen Dieser Erde dienen; die Imperatoren Hütten sich sonst ihrer mit Recht erwehrt, vie Apostel und ihre Nachfolger aber ihnen als Rebellen gegenüber gestanden. — Darum kann der Episkopat nimmer eine Staatsbehörde seyn, denn die Vertreter welllich vergänglicher Interessen können nicht als die Zeugen Christi und die Bürgen ewiger Wahrheit gelten. (Hift. pol. Bl. 1843. S. 707.) Und es ist erschienen das J ahr 18S3. WaS für ein Reichthum von ungeahnten Erlebnissen auf dem Gebiete der Kirche seit zehln Jahren! Mag die Blödigkeit, die nicht weiter schaut als ihr beschränkter Gesichtskreis, immerhin meinen, es lasse mit einigen äußern Veränderungen herabgekommener Zustände in der Kirche sich AlleS im alten Geleise erhalten — die Geschichte geht doch ihren Weg! Jeder Verrath am heiligen Leben der Kirche wird jetzt mehr verachtet als je, jede Armseligkeit, welche sie feige verkaust, trägt jetzt ein tieferes Brandmal auf der Stirne als je — jedes kräftige Wort, jede opfermuthige That, jeder, der jetzt für die Kirche einsteht, wird von tausend und tausend Herzensstimmen begrüßt, und es herrscht in gewaltigen Geistern und sittlichen Charakteren mehr Freude an dem Aus blühen der Kirche als je — und darum verkünden wir (trotz allen Hindernissen) der 19 Kirche, wenn auch nach schweren Kämpfen, emc siegreiche Auferstehung - und ein glorreiches Dezennium! (W. Kirchenz.) Aus dem Brief einer oberfchlefkschen Barmherzigen Schwester aus Rio Janeiro. (Schles, K, Bl.) .... „Es war am 28. Juli, als wir noch zum letzten Male die Kirche der Lazaristc» in Paris besuchten, in welcher die Gebeine des heiligen Vincenz v. Paul ruhen, und hier zur Stärkung auf die Reise die heilige Communion empfingen. Gegen acht Uhr nahmen wir Abschied von unserm lieben Mutterhause und fuhren nach dem Buhnhofe, 40 an der Zahl, nämlich 33 Schwestern, 5 MissionSpriester »nd 2 MissionSbrüder, begleitet vom hochwürdigcn General-Vater, von der hochwürdigen General-Mutter, wie auch von mehrern andern Schwestern. Von da fuhren wir auf der Eisenbahn bis Havre, einer kleinen Stadt am Ufer deS-MeereS und kamen ddrt um zwei Uhr Nachmittags an, verblieben jedoch bei den dortigen Schwestern unseres Ordens durch zwei Tage. Am Tage vor der Abreise stiegen wir bereits zu Schiffe und ward auf demselben vom hochwürdigen General-Vater eine heilige Messe dargebracht, nach welcher derselbe eine Anrede an unS hielt, wobei er sich jener Worte bediente, welche einst der Heiland zu seinen Jüngern gesprochen: „Gehet auS in alle Welt und lehret die Völker." Erhaben und herzergreifend war dieser Augenblick; uumvglich war eS, sich der Thränen zu enthalten. Am folgenden Tage, Sonnabends den 1. August, nachdem wir schon eine Nacht auf dem Schiffe zugebracht, ward »och einmal vom hochwürdigen General-Vater daS heil. Meßopfer dargebracht und nochmals nach demselben zu uns gewendet, hielt er eine Ansprache, in welcher cr unS Vertrauen einflößte und unsern Muth stärkte; unterdessen aber löste sich auch schon immer mehr und mehr daS Schiff vom Ufer.--Wir näherten unS langsam dem Eingange inS Meer, und nun mußten sich alle jene, welche uns noch immer begleiteten, endlich trennen. Schmerzlich war da der Abschied, doch mit voller Ergebung in den göttlichen Willen. Nun trat daS Schiff inS Meer und wir stimmten den Lobgesang Mariens, daS „Magnificat" an. Hierauf gaben wir den am User Stehenden mit unsern Tüchern noch daS letzte Lebewohl zu verstehen, denn schon fingen sie an unsern Augen zu entschwinden und bald sahen wir nur Himmel und Wasser. DaS Wetter war heiter und günstig, blieb auch so drei Tage lang, dann aber erhob sich Wind, der immer stärker wurde und das Schiff stets heftiger schaukeln machte. Nljn ergriff unS auch bald Unwohlseyn und wurden wir bis auf zwei Schwestern von der Seekrankheit überwältigt, an. der wir durch einige Tage darniederlagen und dann nuS wieder einigermaaßen erholten. Doch der Sturm ließ nicht nach, vielmehr erhob er sich fort und fort, tobte von Tag zu Tag mehr, bis er endlich versagte, daS heilige Meßopfer, welches sonst täglich dargebracht wurde, zu verrichten und uns die heilige Commnnion, unsern größten Trost auf der Reise zu reichen. So dauerte daS stürmische Wetter durch vierzehn Tage und während dieser Zeit drohten öfterS furchtbare Wellen, die sich wie Berge aufthürmten und über unS zusammenschlugen, daS Schiff mit unS zu verschlingen. Nach dieser glücklich überstandenen Prüfung hatten wir noch lange Zeit hindurch Gegenwind, aber meist still und ruhig, so daß daS heilige Meßopfer wieder verrichtet und uns auch täglich die heilige Communion gereicht werden konnte. Welche Gnade! werdet Ihr ausrufen, täglich unsern Heiland empfangen zu können. — Ja wahrlich, groß ist dieses Glück! Ich werde wie betäubt, wenn ich bei mir all' die Gnaden und Wohlthaten, welche mir Gott zukommen ließ und läßt, erwäge. Während unserer Reise beschäftigten wir uns mit Nähen und Stricken, machten aber auch schon auf dem Schiffe den Ansang mit Ausübung von Werken «o christlicher Barmherzigkeit. Wir beschenkten nämlich zwei Schiffsknaben, von denen der eine mit Fütterung der Hühner, der andere in der Küche beschäftigt war, mit einem Anzüge, da dieselben sehr armselig bekleidet waren. Viel Vergnügen machten unS öfters die Fische, die wir bei stillem, heiterm Wetter zu Gesichte bekamen, und besonders der reiche Fischfang am Tage deS heiligen Bernhard. Sonst sahen wir nichts als Wasser und den Himmel mit seinen Leuchten oder Wolken, und an manchem Tage auch eine ähnliche Arche, wie die unsrige, auf dem Meere in der Ferne hinsegeln. An den Sonntagen wurde nach der zweiten heiligen Messe, während welcher gesungen wurde, an die Schiffsleute eine Rede gehalten, die bei den Meisten nicht fruchtlos blieb. Denn der größte Theil derselben ging in den letzten Tagen, als sich die Fahrt ihrem Ende nahte, zur heiligen Beicht und am letzten Sonntage zur heil. Eommunion. Auch der Sohn deS SchiffSkapitänS war unter ihnen. DaS Ziel unserer Reise sollte nun bald erreicht werden und wir harrten mit der größten Sehnsucht dem Augenblicke entgegen, wo wir wieder zum ersten Male Land erblicken sollten; doch verzögerte sich dieser Augenblick länger als wir glaubten, da wir bei der gegen Ende eingetretenen allzugroßen Windstille nur sehr langsam vorwärts kamen. Es war als sollte sich unsere Sehnsucht bis zum höchsten Grade steigern. Auf einmal hörte man rufen: Land! Land! und Ihr könnt Euch denken, welche Freude unter unS entstand. ES war am 25. September und merkwürdiger Weise, wir wir an einem der seligsten Jungfrau gewidmeten Tage, Sonnabends, von der östlichen Erde Abschied genommen hatten, so begrüßten wir auch an einem solchen Tage aus der Ferne die westliche Erde. Wir stimmten sofort das „Te Deum" an, um Gott dem Gütigen für die nun bald glücklich zurückgelegte Reise und seinen besondern Schutz auf derselben zu danken. Denn fürwahr, sichtlich hat unS der liebe Gott beschützt, da Niemand von uns Allen, die wir auf dem Schiffe waren, vom Tode hingerafft worden ist, sonst aber nach der Aussage deS SchiffSkapitänS gewöhnlich Mehrere am gelben Fieber sterben unv so in den Wellen des McereS ihr Grab finden. Sogar die Kinder einer auf dem Schiffe mitbefindltchen Familie, eins vier, das andere sechs Jahre alt, blieben verschont und gesund. Wir näherten unS nun immer mehr dem Lande; an die Küste selbst aber gelangten wir erst Sonntags Nachmittag um drei Uhr. In einiger Entfernung von derselben wurden durch ein Sprachrohr die Worte an unS gerichtet: „Wie viel seyd ihr?" und unser Kapitän gab die nöthige Antwort ebenfalls durch ein solches Rohr. Hierauf ward noch gefragt: Wie viel sind gestorben? worauf jedoch keine Antwort erfolgte. An der Küste angelangt mußten wir die Obrigkeit und den Arzt erwarten, damit nachgesehen würde, ob auch Alle gesund seyen. Als dieß vorüber war, stiegen wir endlich auS unserer Arche hinaus, in welcher wir beinahe zwei Monate unsere Wohnung hatten, und begaben unS in kleine Kähne, die von Negern gelenkt wurden und auf welchen wir noch ziemlich weit fahren mußten, ehe wir das Land oder eigentlich die Küstenstadt und Hauptstadt des brasilianischen Reiches, Rio de Janeiro, als das Ziel unserer Reise betreten konnten. Unmöglich kann ich Euch die Gefühle beschreiben, die ich empfand, als ich mich nun an jenem Orte erblickte, in welchem ich zu wirken berufen war. Unser erster Gang war in die Kirche, welche nicht weit entfernt lag. Die Straße dahin, denkt Euch, war mit Grünem bestreut und die Glocken hießen unS willkommen, gaben den Einwohnern das Zeichen unserer Ankunft zu verstehen. Bald war Alles voll von Menschen, die sich mit unS in die Kirche drängten, wo das „Te Deum" abgehalten und der Segen mit dem Hochwürdigsten ertheilt wurde. Von da gingen wir in das vorläufig für unS bereit gehaltene HauS, welches sich an die Kirche anschließt und sür Waisenkinder bestimmt ist. Mit der größten Freude erwarteten unS hier die Kinder und Lehrerinnen derselben. DaS Hospital, welches uns überwiesen werden sollte, schließt sich ebenfalls von »t der andern Seite an die Kirche an. Unter den dortigen Aranken befanden sich sehr viele Neger, deren cS am Orte überhaupt eine große Menge gibt. Der Glaube fast aller Einwohner ist der katholische; doch sollen sie sehr lau seyn, was Gott recht bald ändern wolle. ES gibt mehrere Kirchen daselbst, die aber nicht sehr besucht zu seyn scheinen. Auch die Neger find katholischen Glaubens, aber leider sehr verwahr, loSt. Jedoch die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit derselben ist groß und find sie ganz glücklich, wenn sie Jemanden einen Dienst erweisen können. AIS wir landeten, mußten wir ihnen die Hand reichen zur Begrüßung. Ich habe diese Unglücklichen sehr lieb gewonnen. Betet nur auch für sie, auf daß wir hier recht viele Seelen für den Himmel gewinnen. Nicht weniger sind Eurem Gebete zu empfehlen die so vielen und sehr leidenden Kranken und Verlassenen. Wahrlich, eS gibt hier große» Elend, da in daS neue Gebäude, welches außer dem Hospitale, in dem wir uns befinden, noch eingerichtet wird und wohin ebenfalls Barmherzige Schwestern zur Pflege der Kranken verlangt werden, wegen Mangel an Raum nicht Alle aufgenommen werden können." Katholische Nächstenliebe. In Frankreich lebte ein Mann, dem die Wohlthätigkeit zur andern Natur geworden war. Er suchte die Unglücklichen mit eben dem Eifer auf, mit dem man Glücklichen entgegeneilt; und das Wenige, waS er besaß, war zugleich das Eigenthum deö Dürftigen. Ost reisete er bloß in der edeln Abficht, Menschen zu suchen, die seiner Hilfe bedürften. In Marseille fand er einst einen jungen Mann von 26 Jahren, der sich durch seine sanfte, rührende GestchtSbildung von den übrigen Galeerensklaven, deren Gesellschaft er vermehrte, gar sehr unterschied. „Mein Freund, Du weinst!" redete er ihn mit dem Tone deS innigsten Mitleides an; „ich kann Dir leider nur wenig Hilfe anbieten, aber dieß Wenige ist völlig Dein." „Ach, mein Herr, ich bedarf fein Geld, um mein jammervolles Leben durchzubringen; eS ist auch nicht mein Unterhalt, der mir am Herzen liegt!" Dabei strömten die Thränen des Unglücklichen reicher. Auf die Frage, ob denn Nichts zu seiner Erleichterung beizutragen sey, erwiderte der Arme: „O, mein Herr! Sie lindern mein Elend durch Ihr Mitleid, Sie find der Erste, der dieses bei meinem Jammer zeigt; Gott lohne Sie dasür!" Als der Unglückliche um die Ursache seines besondern Kummers weiter gefragt wurde, erzählte er, daß er der Sohn eines Pächters, eines braven ManneS sey, und sich vor längerer Zeit verleiten ließ, in einem fremden Gebiete zu jagen, wobei er daS Unglück gehabt habe, einen Menschen, der diese Jagd nicht gestatten wollte, beinahe zu tödten; man habe ihn, den Thäter, inS Gefängniß gebracht und bald darauf sey er zu sechsjähriger Galeerenarbeit verurtheilt worden. Seinen Vater habe der Schmerz bei dieser Nachricht getödtet; sein kleines Vermögen sey bei den Versuchen, ihn von der schmählichen Strafe zu befreien, zu Grunde gegangen und so auch sein Weib mit den Kindern in daS tiefste Elend gestürzt, und vor Mangel und Kummer dem Tode nähergebracht worden. In zwei Jahren erst sey die Strafzeit zu Ende; was sollte bis dahin mit den Seinen geschehen?! „Ach," schloß der Arme mit bittern Thränen, „wie wollte ich arbeiten, wenn ich bei Ihnen wäre!" „Du hast gefehlt," sagte der Mann bewegt, aber Du bist wahrlich unglücklich. Jetzt ist aber nicht der Augenblick, von dem Fehler zu reden, von dem ich glaube, daß Du ihn bereut hast; waS ist in Deiner jetzigen Lage wohl zu thun? Wenn sich Jemand anböte, Deine Ketten zu übernehmen, würde man Dir die Freiheit schenken?" »Gewiß, mein Herr," erwiderte der Gefangene; „aber wo auf der ganzen Erde fände sich ein Mensch, der sich freiwillig' solchem Elende unterziehen würde, alle Schätze der Welt —" s» Der Reisende ließ den Unglücklichen nicht ausreden, eilte zu dem Officier, dem die Aufsicht über die Galeerensklaven anvertraut war, verlangte, daß dem jungen Manne die Ketten abgenommen und ihm angelegt würden, um die »och übrigen zwei Jahre der Straft abzutragen. Der Officier erstaunte unv machte dem Manne Vorstellungen; dieser aber Ucß seine Gründe nicht gelten, denn „die Ehre der Menschen sey ihm gering gegen seines eigenen Herzens Urtheil vor Gott; der junge Mann müsse für sein Weib unv seine drei Kinder sorgen." Der Galeerensklave konnte sein Glück nicht fassen, er wollte diese unaussprechliche Wohlthat nicht annehmen. Der edle Mann ließ ihm aber die Ketten ablöse», ohne sein Weigern anzuhören; ja er versicherte ihn, daß diese ihm leicht erscheinen werden; er solle nur eile», seine Familie noch zu rechter Zeit zu retten. Dieser merkwürdige Mann blieb wirklich mit der größten Geduld auf den Galeeren, suchte sich zu verbergen, um von denen, die ihn sehen und kennen wollten, nicht gefunden zu werden; dabei brachte er den Tag mit der Erfüllung seiner müh' seligen Verrichtungen zu. Er war der Lehrer des Mitleivs, der Selbstverläugnung, der Wohlthätigkeit; der Trost, die Stütze, der Vater der Galeerensklaven, und brachte deren viele zur Reue und Tugend zurück. Und wer war dieses Muster so großer, christlicher Nächstenliebe? Ein Geistlicher, ohne Ahnen, ohne GlückSgüter, der keine Ehrenstelle bekleidete, und dem die Welt, und Frankreich insbesondere, so viele nützliche und bewunderungswürdige Anstalten verdankt. — Er stiftete das große Finvelhaus in Paris, die Gesellschaft der barmherzigen Schwestern, das Hospital (Mätel «je visu), worin Kranke aller Nationen aufgenommen werden. Diesem großen Manne haben Arme und Kranke ohne Unterschied der Religion die wesentlichste Unterstützung, die je die Menschenliebe erfand, bis auf den heutigen Tag zu verdanken. Er war der Erhalter von fast zehntausend Seelen jährlich. Wie hieß aber der edle, von wahrer Nächstenliebe beseelte Mann, der zwei Jahre die Galccrenkctte trug, um einen Gatten seiner Gattin, einen Vater seinen Kindern wieder zu geben? ES war der große Vinccnz dc Paul! Als man bei dem Papste Benedict XIV. um die Heiligsprechung dieses ManncS anhielt, fragte er, ob selber Wunder gethan hätte? Man antwortete auf seine Frage mit der Geschichte von dem Galeerensklaven, da rief der heilige Vater aus: „krißgn- lur ilii sltaria!" — „Man bane ihm Altäre!" (Oesterr. Volköfr.) « > - / >-> > ' ' ^ . „zttt tSvq,Y,M>« wmmuk M-HqH «u MiidütHnU n/'M ^ Die Mission in Seligenftadt. Vom 19. December 1852 bis zum 2. Januar 1853 wurde iu Seligenstadt durch die Väter der Gesellschaft Jesu, die Herren PP. Roh, Daun und Allct eine Mission abgehalten, welche an Großartigkeit der Betheiligung wohl mir noch von GerlachSheim, wo 24,000 Menschen versammelt waren, übertreffen, also eine der größten in ganz Deutschland seyn wird. Darum erlaube man eine kurze Besprechung dieses wichtigen Ereignisses. Seligenstadt, ehemals geschmückt mit einer berühmten Benedictinerabtei und darum noch voll von katholischen Traditionen, ist so ganz der Boden, wo eine Mission, ohne erst große Hindernisse und Borurtheile überwinden zu müssen, in aller Gemüthlichkeit ihren göttlichen Samen ausstreuen konnte. Fremde Elemente habe» bei der fast ganz katholischen Bevölkerung, — wenn eS auch hie und da Jemanden !.^i. gefallen seyn sollte, daS Licht der eigenen Ausklärung leuchten zu lassen, — nie Anklang gefunden und stets wird dieß ein eitles Beginnen bleiben. Wenn aber daS katholische Bewußtseyn in Etwas erschüttert gewesen seyn sollte, — wahrlich in der Mission ist es allseitig wiederum gekräftigt worden. Die MissionSvorträge ließen nichts zu wünschen übrig. P. Roh, allbekannt LZ durch die Gründlichkeit, womit er die Hauptfragen unserer heiligen Religion zu besprechen weiß, hat sich auch hier als Meister ausgezeichnet. P. Dann hat besonders in seinen Standeslehren die Gabe des SpecialisirenS bewahrt, und durch seine anziehenden, der lebendigen Wirklichkeit entnommenen Gleichnisse tiefen Eindruck auf die Zuhörer gemacht; namentlich wußte er die Jugend zu heiliger Entschiedenheit zu begeistern. Klar unv eindringlich hat endlich der jüngste der Missionäre, P. All et, seine Vorträge abgehandelt; dieß nicht minder als der ergreifende Eindruck seiner frommen Persönlichkeit hat ihn zum Liebling veS Volkes gemacht. Auch unser hochwürdigster Herr Bischof konnte eS nicht»unterlassen, seine in Mainz so nothwendige Anwesenheit aufzugeben, und zu Anfang der zweiten Woche auf ein paar Tage hier« her zu kommen; wir wissen eS, daß ihn dieses ein großes Opfer gekostet hat, weil er dem hundertjährigen Stiftungsfeste des englischen Fräulein-'Institutes in Mainz nicht beiwohnen konnte; Seligenstadt hat also den Sieg über sein Herz davongetragen. Wir werden eS zu schätzen wissen und den begeisterten MissionSvortrag, den er über daö Reich Christi uns gehalten hat, nie vergessen. Bei dem Eifer der Missionäre und der Empfänglichkeit unseres Volkes in Stadt und Umgegend ist eö darum auch gar nicht zu verwundern, wenn bei der Predigt die große, herrliche Kirche jedesmal gefüllt war, und man sich so massenweise zum Empfang der heiligen Sacramente drängte, daß zwanzig Beichtväter nicht hingereicht hätten, Alle zu befriedigen; in der letzten Woche war dieß rein unmöglich, weil der Andrang mit jedem Tage wuchs. Gelegentlich nur einen Zug schöner Opferwilligkeit. Ei? verlangten Leute, die des Nachts aus entfernter Heimath zur Mission aufgebrochen waren, als sie endlich Abends um sechs Uhr ihre Beichte abgelegt hatten, die heilige Communion, natürlich noch nüchtern. An den Sonn- und Feiertagen, deren glücklicher Weise fünf in die MissionSzeit hineinfielen, war der Zuzug der auswärtigen Processionen so stark, daß schon am zweiten WeihnachtStage die Predigt im Freien gehalten werden mußte. Dicht an der Kirche ist ein herrlicher Platz, geschmückt mit einem mächtigen Crucifir und dem Auge die Aussicht auf den nahen Main und die Berge des jenseitigen Freigerichtes darbietend. Dieser an 300 Quadratklafter große Flächenraum war damals schon mehr als zur Hälfte mit einer enggeschlossenen Menschenmenge gefüllt. Bei der gestrigen Schlußpredlgt aber war kein freies Plätzchen mehr darauf zu finden, und in der Menge selbst große Gefahr erdrückt zn werden. Man kann also wohl über fünfzehntausend Menschen annehmen, denen übrigens insgesammt der Prediger sich vernehmlich zu machen wußte. Es wird wohl selten vorfallen, daß am L.Januar eine derartige Versammlung im Freien gehalten werden konnte. Begeistert erhob darum P. Roh die Stimme zum Abschiedsworte. Viele von seinen Zuhörern waren wohl heute zum erste» Male gekommen; ihnen also wollte er möglichst nützlich seyn. Er gab vorerst einen kurzen Ueberblick über die Missionspredigten, wobei er nicht umhin konnte, den Versammelten seine Anerkennung für ihre eifrige Theilnahme auSzusprechen. „Ihr habet unS herzlich müde gemacht, sprach er, und wir danken euch dafür. Für unS ist jetzt die Mission zu Ende, aber für euch hat sie erst angefangen." Dann wandte er sich zu den anwesenden Kindern und schärfte ihnen ein Liebe und Achtung gegen die Eltern; die Jünglinge und Jungfrauen forderte er auf zur Herzensreinigkeit, die Eltern zum käuSlichen Frieden und gegenseitiger Achtung so wie zur Vermeidung des schmählichen Fluchens. Ganz besonders blieb aber die Jugend der Gegenstand seiner Fürsorge. Er konnte nicht umhin, sie noch einmal vor dem Laster der Unlauterkeit zu warnen und zu zeigen, wie im Gefolge desselben der Mangel an Brod und die Untauglich- keit zur Kindererziehung ein erbärmliches Geschlecht großgezogen haben. „Man hat, sprach er, die Klöster aufgehoben und die Idee der Jungfräulichkeit fallen lassen; und nun hat man Bettler genug, um mit ihnen Amerika unv Australien zu überschütten. Wird man bald einmal einsehen, wie unendlich menschenfreundlich die alte katholische Lehre ist?" — „ES ist in keinem Andern Heil als im Namen Jesu." Auf das Wiedersehen vor seinem göttlichen Throne hinweisend, nahm er von der tiefgerührten 24 Versammlung Abschied mit dem allkatholischen Gruße: „Gelobt sey JesuS Christus!" der auS Aller Mund entgegnet würde mit einem herzlichen: „In alle Ewigkett." Aber nun hätte ich alle lauen Katholiken, besonders alle Jene, die sich mit Missionen und Jesuiten noch immer nicht recht befreunden können, herbeigewünscht, damit wieder einmal Wärme in ihr Herz käme nnd feurige Liebe zu ihrem Glauben. Denn wahrlich, eS bot sich jetzt ein Schauspiel dar, wobei kein Auge ohne Thränen bleiben konnte. AuS dem Munde der vielen Tausende erhob sich der schöne Lobgesang: „Großer Gott, wir loben Dich!" Er stieg auf zum Himmel, um noch einmal den Bund mit Gott zu bestätigen; er wälzte sich hin in die gegenüberliegenden Berge, um den Heimgebliebenen den Gruß anzukündigen, das Lebewohl, daS der Missionär den Anwesenden für sie aufgetragen hatte. Gerade von dorther auS dem bayerischen Freigericht war ja täglich so großer Zuzug gekommen, und zum letzte» Male halte man sich heute In vereinigter Procession eingefunden, begleitet mit Musik uud geführt von dem seeleneifrigen, hochgeschätzten Caplan von Kahl, der die ganze Mission über uns redlich auSgeholfen und unsere Mühen mit den bayerischen Katholiken ehrlich hat tragen helfen. Und nicht bloß daS Land hatte sein Contingent täglich zur Mission gestellt, auch auS dem nahen Aschaffenburg waren zahlreiche Zuhörer besonders auS den höhern Ständen und der Geistlichkeil gekommen, und hatten sich wochenlang, um nur die Mission mitmachen zu können, aufgehalten. Ihre Sehnsucht nach einer eigenen Mission soll bald gestillt werden, denn wie wir hören, stehen auf den nächsten Monat Missionen der Jesuiten in Würz bürg und Aschaffenburg bevor. Es wird dann mit nur kurzen Unterbrechungen am ganzen Mainstrome von Bamberg bis hinunter nach Mainz der alte katholische Glaube sich erneuern und erstarken. Besseres können wir auch unsern Mitbrüdern nicht wünschen, als eine Mission, Schöneres den Bätern der Gesellschaft Jesu nicht nachrufen als ein herzliches: ^.ä mulw8 armos! Roch viele Jahre erhalte sie der liebe Gott und stärke sie in ihrem heiligen, eben so tröst- als mühevollen Berufe. (M. I.) Zum konfessionellen Frieden. Ein westfälisches Blatt sagt beim Schlüsse des Jahreö 1852 unter Andern,: „Betrübte Gedanken erfüllen die Seele, wenn man an Alles zurückdenkt, waS bisher die katholische Kirche von ihren Gegnern hat erleiden müssen. Die Verfügungen unserer Regierung in Betreff der katholischen Missionen und der Jesuiten, die Herzens- ergießungen der Protestanten auf den Versammlungen zu Wiesbaden und zu Bremen, die Gewaltthätigkeiten gegen die Katholiken in Mecklenburg, und das zärtliche Mitleiden gegen Mann und Frau Madiai iu Florenz sind lauter Dinge, die wie Wind aussehen, und eine SturmeSernte befürchten lassen. ES liegt unS Katholiken bei der Erinnerung an all' diese Vorkommnisse sehr nahe, zu glauben, daß wir auf Gerechtigkeit und Billigkeit für unsere Kirche ^bei den Protestanten wenig zu rechnen haben, daß sogar eine wirkliche Verfolgung der Kirche nicht zu den Unmöglichkeiten gehöre. Aber eS kann auch noch ganz-umgekehrt kommen. Diese heftige Erbitterung gegen alles Katholische, welche wir seither wahrgenommen, kann möglicher Weise noch ganz inS Gegentheil umschlagen, wenn wir Katholiken eS verstehen, die gegenwärtigen Prüfungen zu unserer eigenen Läuterung zu benutzen. Bis jetzt haben wir unS gehütet, Zorn mit Zorn, Beleidigung mit Beleidigung, BöseS mit Bösem zu vergelten, und wir können schon sehen, daß wir unS dabei nicht schlecht stehen. Ein Feuerbrand, mag er noch so hell flammen, löscht doch zuletzt auS, wenn man ihn allein bei Seite liegen läßt, legt man dagegen noch einen andern Feuerbrand hinzu, dann verzehren sich beide in gemeinsamer Flamme. Wir wollen den protestantischen Feuerbrand brennen lassen, und u»ö höchstens wehren, daß er nicht unser eigenes Dach ergreift, dann wird mit GolteS Hilfe schon Friede werden." Veraatwortlicher Redacteur: L. Schöncheu, VerlagS-Jnhaber: F. E. Krem er.