Dreizehnter Jahrgang. Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Pojheitung. 6. Februar v. 1853. Dieses ivlatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementsprei« TV kr., wofür e« durch alle köm'gl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann. Fräulein Aloifta Ptfani aus dem Institute der englischen Fräulein in Burghausen in Bayern, an Herrn Hofcaplan Müller, Geschäftsführer des Missionsvereins. Calcutta, am L3. Nov. lS52. Hochwürdiger, Hochverehrtester Herr Hofcaplan! Da sind wir nun endlich glücklich angekommen im fernen Indien, nach langer, langer Pilgerfahrt. Tausend Dank sey dem Herrn, der unS so sicher geleitet, so treulich beschützt und eine so glückliche Reise verliehen hat. Mein erstes und liebstes Geschäft nach unserer Ankunft ist nun, an Sie, Hochverehrtester Herr Hofcaplan, zu schreiben, und Ihnen von unserer Reise und ihren Merkwürdigkeiten getreuen Bericht zu erstatten, wie ich cS Ihnen in München versprochen habe. Ich thue eS um so lieber, da ich weiß, daß vielleicht Niemand an unserm Schicksal so herzlichen Antheil nimmt, als Euer Hochwürden, dessen väterliche Güte und Sorgfalt ich bereits zur Genüge kennen gelernt habe. 'Ich habe zwar die ganze ausführliche Beschreibung unserer Reise von den verschiedenen Stationen auS schon früher nach Bnrghausen geschickt. Da Sie aber einen vollständigen Bericht eigens wünschen, so will ich daS Ganze noch einmal zusammenfassen und unsre Wanderschaft vom Anfange bis zum Ende erzählen. Daß der Abschied vom Institute zu Burg Hausen, von den lieben Schwestern dort, in deren Kreis wir so viele glückliche Jahre verlebt hatten, unS viele bittere Thränen gekostet habe, brauche ich nicht zu versichern. Nachdem wir sie zum Letztenmale umarmt, rollte der Wagen zum Thore hinaus. Unsre liebe Frau Oberin und eine unserer Mitschwestern begleiteten unS. ES war am 13. August, da wir Burghausen verließen. In Allötting halten wir noch den Trost, die wunderbare Gnadenmutter grüßen und ihren Schutz und Segen unS erbitten zu können. Des andern TageS kamen wir nach Nymphen bürg; hier verließ unS unsere verehrte Frau Oberin, und wir setzten allein unsern Weg nach Köln fort, wo wir den hochwürdigsten Bischof von Dacca treffen sollten. Ich sage nichts von der schönen Rheingegend, die wir durchschifften, sie ist zu bekannt; doch kann ich nicht umhin, etwas von Köln zu erwähnen, wo wir unS fünf Tage aufhielten. Nach unserer Ankunft gegen acht Uhr Abends suhreu wir sogleich nach der erhaltenen Anweisung inS Klerikalseminar. Wir trafen dort wirklich unsern hochwürdigsten Bischof, der unS sehr freundlich und väterlich empfing und um uns Aufnahme und Nachtherberge zu verschaffen, selbst spät AbendS noch zu den Ursulinerinnen ging, um selbe für unS zu 42 erbitten. Da sie ihm aber verweigert wurde, fuhr er mit unS in einen Gasthof, sorgte da für Alles, und führte uns am andern Tage inS Kloster zur heiligen Maria, wo man unS mit wahrer Schwesterliebe aufnahm. Unser erster Gang war in den herrlichen Dom. Was soll ich sagen von diesem Wunderbau, diesen Gewölben, diesen Säulen, von der Farbenpracht der herrlichen Kirchenfenster? — Wahrlich, ist je ein Tempel, ein Bau von Menschenhand, der Gottheit würdig, so ist eS dieser Dom. Ich fürchte zu weitläufig zu werden, wenn ich von den Heiligthümern und Kostbarkeiten spräche, die man uns gezeigt; ich erwähne daher auch nichts mehr von der Kirche der heiligen Ursula, sondern sage bloS, daß unser hochwürdigster Bischof unö hier wieder verließ, um nach London zu gehen, und unS nach Paris bestimmte. Wir schieden also von dem freundlichen Köln, und fuhren mit der Eisenbahn »ach Paris. Hier nahmen uns die Schwestern vom heiligen Karl, die daselbst erst ein neues HauS gegründet hatten, auf, und beherbergten uns drei Wochen lang mit so edelmüthiger und aufopfernder Liebe, daß sie unS, selbst arm, ihre eigenen Betten abtraten, und dafür auf Strohsäcken schliefen. Dank diesen guten Schwestern, ihr Andenken wird unS immer unvergeßlich bleiben. Nach langem Warten kam endlich unser hockwürdigster Bischof. In seiner Begleitung ging eS nun bald auf der Eisenbahn, bald im Eilwagen zwei Tage und zwei Nächte das südliche Frankreich durch, über Dijon, Lyon, Vienne zc. ?c. nach Marseille. Schon eine Stunde außerhalb sieht man in einer Bucht daS Meer. Ich weiß nicht, welches Gefühl sich meiner bemächtigte, als ich zum Ersten» male dieß Bild der Unendlichkeit vor mir sah, Ein unwillkürliches — Ah! wird laut, wenn die Straße sich wendet, und auf einmal daS Meer in seiner stillen Majestät vor einem liegt. Am andern Tage, den 23. September, schifften wir uns auf dem Dampfer „OfiriS" ein. Es war ein herrlicher Morgen, als wir Marseilles schönen Hafen verließen, das bald hinter unS wie ein liebliches Panorama lag und endlich in der Ferne verschwand. Poch bald machte das Meer seine Rechte geltend. Eine nach der Andern fühlte sich unwohl, und legte sich nieder. Schwester Josephine und ich konnten wohl noch vom Glücke sagen, denn nach ein paar Stunden war die Ueblich- keit gewichen, und deS andern TageS waren wir wieder ganz gesund und wohlauf. Schwester Augustine aber verließ daS Uebel nicht mehr; so lange sie auf dem Meere war, war sie beständig krank und leidend. Die erste Nacht war ziemlich unruhig. Die See ging hoch und schaukelte das Schiff wie eine Wiege auf und nieder. Unsere Kajüte, in der unser nenn waren, war eine wirkliche Krankenstube geworden. Die armen Damen jammerten nnv schrieen, wenn bald ein Glas, bald ein Stuhl zu Boden fiel, und eine Schüssel wie ein Schlittschuh hin und her rutschte. Der nächste Morgen war schön, doch noch etwas windig. Ich eilte früh aufs Verdeck, als eben die Sonne aufging und die felsigen Ufer von Sardinien und Korsika beleuchtete, zwischen denen wir vorbei segelten. Ihr Anblick ist nicht besonders anziehend, da eS nur kahle, schwarze Felsen sind, die sich an der ganzen Küste hinziehen. Am dritten Tage sahen wir die Insel Sicilien vor unS, anderen schönen Ufern wir die Stadt Marsalla und noch ein Paar andere liegen sahen. DaS Wetter war unS immer günstig, nicht uur hier, sondern die ganze, lange Reise durch. Nirgends aber spiegelt sich der blaue Himmel so schön, als im mittelländischen Meere, daö nur mit dem schönsten Azur, mit dem reinsten Ultramarin verglichen werden kann. Auf keinem andern Meere habe ich diese Farbe wieder gefunden. Unsere Gebete konnten «ir ungestört auf dem Schiffe verrichten, wie zu Hause. Zweimal deS TageS versammelte uns unser hochwürdigster Bischof um sich, und betete mit unS die Meßgebete, und Abends den Rosenkranz. Gewiß! es war rührend, ihn täglich in der Mitte dieser kleinen Gruppe zu sehen, die zurückgezogen in einen kleinen Winkel deS Verdeckes, unter dem sternbesäten Himmel, wo ver Vollmond freundlich leuchtete, Maria, jenen Stern des Meeres grüßte. Am Sonntag den 26. erreichten wir endlich den Hafen von Malta. Unser 43 hochwürdigster Bischof führte uns sogleich in das Kloster der Schwestern des heiligen Joseph, die uns eilf Tage lang beherbergten. Täglich kam er wie ein liebreicher Vater, um nachzusehen, wie eS uns ginge, und ob wir nichts bedürften, und da er immer besorgt war, uns überall die Merkwürdigkeiten zu zeigen und sehen zu lassen, so ließ er auch hier uns sogleich die ersten Tage in die Kathedrale zum heil. Paulus fahren, die etwa zwei Stunden von der Stadt entfernt liegt. Sie ist an jenem denkwürdigen Platze erbaut, wo der große Völkerapostel während seines Ausenthaltes in Malta gelebt und gewohnt hat. Die Kirche selbst ist groß und schön, reich an Marmor und Vergoldung; sie ist die eigentliche Kathedrale der Stadt, da sie aber zu weit davon entfernt ist, befindet sich noch eine andere, zum heil. Johannes genannt, in der Stadt selbst. Bei der Kirche deS heiligen Paulus befindet sich daS Seminar und vier Herrenklöster, sonst liegt sie ziemlich isolirt auf einem kleinen Hügel iu der Nähe deS Meeres. Nachdem wir die Kirche betrachtet, führte man uns außerhalb derselben eine Strecke Weges, öffnete dann eine Thüre, zündete Lichter an, und führte uns die Stiege hinab in eine kleine, dunkle Grotte. Hier war die Stelle, wo der heilige Paulus gewohnt, daneben noch eine kleinere Höhle, wo er gebetet hat. Die Grotte ist noch ganz in ihrem Naturzustande, wie sie ehemals war. Nur die Statue des heiligen Paulus steht in Lebensgröße in der Mitte derselben aus weißem Marmor gehauen. Mit einem Gefühle von heiligem Schauer knieten wir uns hier nieder, den großen Apostel, der auch diese Meere durchsegelt, um seinen Schutz und seine Fürbitte anflehend. Man führte unS nun auf eine entferntere Seite des BergeS; hier wurden wieder Lichter angezündet, wir stiegen eine Treppe hinab, und kamen in die Katakomben. ES sind das jene unterirdischen Gänge, in denen die ersten Christen zu Zeiten der Verfolgung gewohnt, gelebt und gebetet haben; lange dunkle Jrrgänge, Höhlen und Gewölbe, wo man noch viele in Stein auSgehauene Grabstätten, Lagerstellen und Taufsteine steht, doch ohne daß Leiber von Heiligen oder sonst Verstorbener darin ruhen, wie eS in den römischen Katakomben der Fall ist. Dennoch ist der Anblick dieser geheiligten Stätte interessant und ergreifend, bei dem Gedanken an jene Jahrhunderte, wo das Christenthum und unser heiliger Glaube wie ein kleines Samen- körnlein unter der Erde ruhte, von dem Blute der Märtyrer getränkt, von der Lehre ver Apostel und der Heiligen befruchtet, schon Früchte der Heiligkeit und deS Hclden- muthes brachte. Wir kehrten nun zur Kirche wieder zurück, traten in eine Seitencapelle, stiegen wieder abwärts und kamen in eine andere Gruft. Hier waren drei Altäre in einer Art von Nischen; der eine mit der Statue des heiligen PauluS, zu seiner linken Hand das Marmorbild deS heiligen LucaS, und seitwärts der Altar eines heiligen Bischofs, der einer der ersten Jünger deS Apostels war. Hier, sagt man, soll der Apostelfürst daS hl. Opfer gefeiert, hier mit der ersten Christengemeinde den Gottesdienst gehalten haben. Die Altäre sind ungemein alt und scheinen wohl auS den ersten Jahrhunderten zu seyn. Doch fand ich sie für die Heiligkeit dieses Ortes sehr vernackläßigt und ärmlich. Ueberhaupt hat Malta schöne Kirchen und eine Menge Klöster. Ich erwähne hier nur der schönen Dominicanerkirche, die am Rosenkranzfeste von oben bis unten mit rothem Damaste behängt, und selbst außen an der Kuppel mit Hunderten von Lichtern Abends beleuchtet war, was einen nngemein schönen Anblick gewährte. Ich sage nichts von der feierlichen Procession, die an diesem Feste statt fand, und von dem sonderbaren Costüm der dabei Betheiligten, denn ich habe noch so viele andere Dinge zu erzählen, daß ich fürchte, zu weitläufig zu werden. UebrigenS hat mir Malta wenig gefallen, eS ist wie eine versteinerte Insel, Boden, Häuser, Straßen, alles von der nämlichen gelben Sandfarbe, beinahe ganz ohne Vegetation. Am 7. October verließen wir den Hafen mit dem Dampfschiffe „Nil", daS uns in fünf Tagen nach Alerandrien brachte. Da wir spät Abends ankamen, konnte das Schiff nicht mehr in den Hafen einlaufen, weil die Felsen und Klippen 44 den Eingang bei Nacht gefährlich machen. ES wurde also der Anker geworfen, und die Nacht noch an Bord zugebracht. Am andern Morgen weckte uns schon in aller Frühe der Lärm der geschäftigen Matrosen, und daS Geschrei der Neger, die nun zu Hunderten in kleinen Nachen daS Schiff umzingelten, und sich stritten, zankten und schlugen, um Passagiere für ihr Fahrzeug zu erhalten. ES war ein wahrer Türkenkrieg, niemals habe ich so etwas gesehen. Uud dazu die sonderbaren schwarzen Gestalten, halb nackt oder mit einem weißen faltigen Gewände und einem Turbane bekleidet, mit ihren Grimassen, ihrem Geschrei — das alles sagte unS zur Genüge, daß wir auf fremder Erde, auf afrikanischem Boden standen. Alerandnen selbst bietet bei seiner Annäherung einen schönen Anblick, besonders i» der Morgenbeleuchtung, in der eS vor unö stand. Schon von Ferne sieht man den Leuchtthurm, dessen freundliches Licht die ganze Nacht durch herüber leuchtete, links die Residenz des Pascha, ein großes, schönes Gebäude, in der Stadt selbst eine Menge Minarets, Kuppeln und hohe Mauern. Auch wir stiegen endlich in eines der Boote und fuhren ans Land. Hier war ein Gewühl von Menschen aus allen Nationen; Kameele streckten unS ihre langen Hälse entgegen, zierliche Eselein, gezäumt und gesattelt, standen in Reihen da, jedem zu Diensten. Endlich kam ein Wagen, und führte unS in daS Kloster der barmherzigen Schwestern. Mit liebreicher Gastfreundschaft empfingen uns die guten Schwestern und ihre liebenswürdige Oberin, in deren Gemeinde wir vier angenehme, uns unvergeßliche Tage verlebten. Schon am andern Tage fuhr unser hochwürdigster Bischof mit unS zu der berühmten Pompejus- und Kleopatra-Säule, eine Viertelstunde außerhalb Alerandrien. Eö sind vaS hohe Säulen nach Art der Obelisken, aus einem einzigen Stücke Granit gehauen, von oben bis unten mit Hieroglyphen beschrieben, mit deren Erklärung sich die Gelehrten noch immer den Kopf zerbrechen. Die Eine von diesen Säulen ist beinahe schon ganz mit Schutt und Erde bedeckt, da die Araber nicht so vielen Respect für diese Stein- colosse haben, als die gelehrten Herren Europäer. Mehr Interesse als diese Steine hatte für unS der Begräbnißplatz der Muha- medaner, der sich gleich in der Nähe derselben befindet. ES ist ein großer, weiter Platz, der sich an einen Hügel hinaufzieht, öder, dürrer Sand, ohne einen Grashalm und Baum, frei und offen ohne Mauer. Ein großer viereckiger Stein, in dessen Mitte ein dürrer KactuS aus einem Loche wächst, zuweilen auch eine niedere, halbzerbrochene Säule bezeichnen den Ort des Begräbnisses. Nichts öder und trostloser als der Anblick solch eines Todtenfeldes, wo nur Eidechsen und Schlangen auf dem ausgebrannten Boden sich herumtreiben. ES ist wie ein Abbild deS TodeS und Fluches, der über diesen armen Kindern des KoranS liegt. Während unsers Aufenthaltes sahen, oder vielmehr hörten wir mehrere Leichenzüge vorbeischreien, denn man hat keine Idee, mit welchem Gelärm und Getöse sie ihre Todten zu Grabe tragen. Alles ruft und schreit da zusammen während der ganzen Länge deS WegeS: Allah ist groß und Muhamed ist sein Prophei; Allah, Allah ist groß ic. ic. Weiber sind eigens bezahlt, die dazu heulen und schreien — da kann man sich den Lärm denken. Alle Donnerstage bei Nacht ziehen sie dann hinaus, um auf den Gräbern der Verstorbenen zu beten und Mahlzeit zu hallen. Dasselbe Geschrei, mit einer Art von Trommel und Pfeifen begleitet, und der grelle Fackelschein machen eS zu einer wahren TeufelS- procefsion. Noch ein Wort über die Frauen und ihr sonderbares Costüm. Niemals sieht man eine auf der Straße, ohne von oben bis unten eingewickelt zu seyn, nur die Augen sind frei; von der Stirne geht ein schmaler Streif über die Nase bis zum Munde, den ein anderes Tuch über die Quere einhüllt, so daß eS beinahe wie ein Pferdegeschirr aussteht. Nur ganz gemeine Weiber gehen mit unbedecktem Gesichte; da erfordert eS aber afrikanischer Anstand, daß sie sich, so bald sie Jemand begegnen, den Mund mit der Hand oder dem Aermel bedecken. Andere haben ein langes Stück Zeug wie einen Rüssel vom Munde bis zu den Knieen hängend, ich weiß nicht ist es zur Zierde, oder um durch dasselbe Athem zu schöpfen. Die vornehmen Damen 45 aber gehen niemals auS, sondern nachdem fie ihre tägliche Lebensaufgabe vollbracht und Toilette gemacht haben, sitzen fie den ganzen Tag aus ihrem Divan. wie die Tulpe auf ihrem Stengel vegetircnd, in vollkommenem Müssiggang. In jeder Hinsicht ist das Weib aber hier ein bedauernSwertheS Geschöpf, sie mag reich oder arm » seyn, trostlos in diesem, hoffnungslos für das anvere Leben, da ihnen «nach ihrem Glauben nicht einmal der Himmel offen steht, sondern sie vor der Thüre ihren Platz haben, wo ihre Männer ihnen dann Visite machen. Ich habe vom Kloster selbst noch nichts erwähnt, von den Schulen, von den kleinen, schwarzen Negerzöglingen, von 1, 2 —3 Jahren, meistens Findet- oder Waisenkinder armer Neger, an denen die guten Schwestern Mutterstelle vertreten, von der Menge der Kranken, die täglich an zwei- bis dreihundert kommen, um Arznei, Rath und Trost von diesen Engeln der Barmherzigkeit zu holen. Doch ich käme an kein Ende, wenn ich es umständlicher beschreiben wollte. (Schluß folgt.) Melchior von Diepenvrock. (Schles. K. Bl.) BreSlau. In schwerer Zeit in unsere Diöcese berufen, da gerade hier der Antichrist sein Hoflager aufgeschlagen und der Rougescandal sein Unwesen trieb, trat Melchior von Dicpenbrock als Friedenssürst in unsere Mitte, um Achtung gcbie- tend die Lauen zu wecken und ruhig den Waizen von der Spreu zu sondern. Seine himmlische, nie zu erschöpfende Gevulo und Sanftmuth sollte aber bald auf das Härteste geprüft werden, da eine Rotte Buben, unwürdige Söhne unserer Hochschule und aus vornehmen Familien entsprossen, sich verbanden, den hohen Kirchenfürsten auf offener Straße am Fuße eines Kreuzes zu verhöhnen; seit dieser Zeit sah man' ihn nie mehr auf einsamen Spaziergängen außerhalb seines Palastes. Dennoch vermochte so viel teuflische Bosheit seine Menschenliebe nicht zu verkürzen; er war und blieb ein unerschöpflicher Born von Güte, Langmuth, Milde und weisem Rathe und beantwortete den Hohn der Welt mit einer Kette von LiebeSwerken, die sein ganzes Leben bis zu seinem letzten Hauche umschlingt. Unzählbare Summen überreichte er zur Unterstützung der Ortsarmen; so wie Tausende von Bittstellern mit Freuden- und DankeSthränen seine Schwelle verließen. Wohlthun war ja seine seligste Freude; am liebsten that er eS in aller Stille, und dabei kannte er oft so wenig Maaß, daß seine Spenden oft seine reichen Einnahmen noch überstiegen. So klagte ihm einmal ein junger, talentvoller Priester seine Noth; liebevoll klopfte der edle Bischof demselben auf die Schulter und sprach in heiterer Weise: „Meine Baarschaft besteht gerade noch aus hundert Thalern; ich biete ihnen die eine Hälfte, die andere , müssen Sie mit schon lassen.» Dergleichen rührende Scenen sind in großer Zahl bekannt, und werden dem edlen Melchior in spätesten Zeiten noch einen rühmlichen Denkstein setzen. Mit Aufwendung von vielen Tausenden begründete er ein Knabenseminar, die tunclstio pisus, erweiterte er das Convictorium für Theologen, besserte . er in der Melchiorstiftung die Lage der Capläne unv Schullehrer im österreichischen Antheil- seiner Diöcese. Voll innigsten Mitleids stellte er sich an die Spitze deS HilfScomite'S zur Zeit, als der Hungertyphus in Oberschlesien so viele Opfer forderte, und milderte durch bedeutende Geldsendungen die Noth der Unglücklichen. AIS Protektor aller wohlthätigen Vereine, des Vincenz», des BonifaciuS-, des GesellenvereinS u. s. w. ging er überall mit bedeutenden jährlichen Beiträgen als Vorbild voran, um Alle zu reiner Bruder- und Christusliebe zu entflammen. So groß er als Mensch da stand, so wunderbar leuchtete er als Priester allen Denen voran, die sein Strahl erreichte. Während daS liebeglühende Gebet ihn oft Studenlang knieend an die Stufen seines HauSaltares fesselte, erschien er öffentlich überall in seinen geistlichen Verrichtungen mit einer Würde und Majestät, die den 46 frechen Spötter niederschmetterte, dem gaffenden Akatholiken Respect gebot und den Gläubigen mit heiliger Freude erfüllte, der Kirche GotteS anzugehören, deren kräftige Säule er vor sich erblickte. Würdiger läßt sich sein ganzes Wesen nicht schildern, als mit seinen eigenen Worten, mit denen er daS Bild SailerS zeichnet: „Wahrhaft erhebend w»r eS, ihn anzublicken in seinen geistlichen Functionen, am Altar, bei der heiligen Messe u. s. w. Die höhere Weihe, die sein ganzes Wesen durchdrang, trat dann noch sichtbarer hervor, seine stets edlen Züge verjüngten, verschönerten sich; auS seinen Augen strahlte ein mildes Feuer; ein höheres Schweben klang durch die ganze gehobene, verklärte Persönlichkeit, und daS Alles auch wieder ohne allen Zwang und Drang, wie unbewußt, so wie der Vogel sich von der Erde erhebt, und aus seinen ausgebreiteten Schwingen ruht. — Ihn beten sehen, reizte zum/Gebete, wie seine ganze Erscheinung geeignet war, die Religion, die Frömmigkeit ehrwürdig und liebewerth zu machen in Jedermanns Auge." Hat er also in der That durch Wort und Beispiel in den Herzen der Seinen dem Herrn lebendige Tempel erbaut, so ist er auch redlich bemüht gewesen, die Zierde der Gotteshäuser und deren würdigen Schmuck zu befördern, so wie Er es bewirkt hat, daß der fromme Pilger wieder auf dem Scheitel des Zobtenberges die Gottesmutter um ihre gnadenreiche Fürbitte anflehen kann, so daß er in Wahrheit mit dem heiligen Sänger beten durfte: „vvmirie, clilexi cleeorem äomus tuse!" War er sonach groß und edel als Mensch, erhaben als Priester, so erschien er als Bischof wahrhaft bewunderungswürdig in der Sorge für daS Seelenheil der ihm anvertrauten Heerde. Zur Hebung und Erbauung seiner Priester förderte er die geistlichen Ererciticn, zur GlaubenScrweckung in seiner Heerde beschützte er die heiligen Missionen in seiner ganzen Diöcese und schuf ein glaubenskräftiges Leben, wie eS der kühnste Wunsch kaum zu hoffen gewagt. Mit umsichtiger Weisheit fand er immer die geeignete Person für die erledigten Stellen heraus, und so wie er selbst frei von jeglichem Vorwurf, sittenrein und bis zur Aengstlichkeit pünctlich und pflichtgetreu war, so durfte er auch von Andern möglichste Pflichttreue fordern und dem Säumigen mit seinem ganzen Ernst begegnen. Wo eS aber galt, die Rechte seiner Kirche zu schirmen und unwürdige Angriffe der Bosheit und Unwissenheit abzuweisen, da trat er mit heiliger Entrüstung in die Schranken, wovon daS ans seinem Sterbebette verfaßte Rundschreiben an seinen Klerus ein ewig denkwürdiges Zeugniß ablegen wird. Wie tief er aber seine Aufgabe durchschaut, zeigt die Sorgfalt, mit der er unausgesetzt die Schule, in engster Verbindung mit der Kirche, von der Volksschule an, bis zu den höchsten BildungSanstalten im Auge hielt, und wenn darin noch nicht AlleS geschehen, was nach seinem Wunsche hätte geschehen sollen, so trägt daran seine schwere Krankheit die Schuld, und dürfte sein Dahinscheiden vielleicht gar Vieles wiederum in Frage stelleis. Wie gern er noch so manchen lange gehegten Wunsch erfüllt gesehen hätte, bezeugt die erstauuenswerthe Sorgfalt, mit der er noch auf seinem SchmerzenSlager mit zitternder Hand Alles selbst besorgte und ausfertigte. Jener Zug seines edlen Herzens wird ihn aber stets ehren und selbst seinem ' erbittertsten Gegner Achtung gebieten: die ungetrübte Liebe zu seinem Könige, die sich besonders damals recht deutlich bekundete, als die Fackel des Aufruhrs in Schlesiens Gauen geworfen wurde, und elende Volksverführer die Einfalt der Bauern zu benutzen suchten, um das ganze Land in Feuer unv Flamme zu setzen. Sein Donnerwort entlarvte die Verführer und rettete dem Könige den Thron und bewahrte dem Lande Ruhe und Frieden. Dafür ward ihm aber auch die ungeheuchelte Liebe und Hochachtung seines Königs gesichert, die sich namentlich in der schweren Krankheit auf rührende Weise kund gegeben und eben diese befrenndete Stellung zum Herrscherhaus? gab der katholischen Kirche eine gewisse Garantie für die Zukunft, so wie seine wichtige Mission, als apostolischer Delegat für die preußischen Armeen für Regelung einer geordneten Militärseelsorge zum großen Segen der katholischen Soldaten eben dadurch erleichtert wurde. Möge der Himmel verhüten, daß durch gegenseitige Verkennung des rechten Stanvpuncteö noch Zeiten kommen, in denen bei der großen Gereiztheit 47 beider Parteien Kämpfe auSbrechen, die die Sanstmuth und vermittelnde Liebe deS dahingeschiedenen Kirchenfürsten bis jetzt so erfolgreich zu beschwören wußte. Sein Schaffen als christlicher Schriftsteller und gottbegeisterter Sänger liegt der Welt in seinen gedruckten Werken vor, und wird dieser reiche Schatz von Weisheit, Lebenserfahrung und gläubigem Christenthum für alle Zeiten das unschätzbarste Kleinod, ein kostbares Testament bleiben. So ruhe denn, heißgeliebter treuer Seelenhirt, in deiner stillen Gruft, die deine treuen Kinder mit dem Thränenthau der Liebe und des DaukeS benetzen, und bete wieder am Throne deS LammeS für deine Heerde, die in dir ihr heilig Vorbild immerdar erblicken wird. Ja, o Vater.», sey uns Rather, Da der Tag so trüb' sich senkt, Bleibe bei uns, ach und sey uns Stern, der durch die Nacht uns lenkt! Nahe Zukunft. Allenthalben sondern sich die Geister. Die jüngste Geschichte Europas hat die Menschen in zwei Hauptheere abgetheilt: Hier die Freunde der Ordnung um jede« Preis, und dort deren nicht minder geschworene Feinde. Aber unter 5en ersteren ist nicht die Einigkeit, welche unter den zweiten herrscht; während diese um die Mittel. zum Ziel zu gelangen so wenig als um daS Ziel selbst verlegen sind, wollen bei jenen einige die Ordnung nur wegen der Ruhe und Sicherheit deS Materiellen, während die andern damit zuoberst für die Ruhe der Gewissen, die Ordnung der Kreaturen und die Sicherheit deS künftigen Lebens zu wirken suchen. WaS nun dieser „idealistischen" Echaar bloß ein, wenn gleich wenig, entbehrliches Mittel zum Zwecke ist, das streben die andern als Selbstzweck an, und wollen eS um keinen Preis gestört wissen, ja daS lieben sie so, daß sie nur den „Schein" derselben, eine Scheinruhe und Scheinordnung über Alles setzen. Weil jedoch — nicht die Ordnung der Staaten, wohl aber — die Ordnung des bürgerlichen Lebens nachgerade eine so verkehrte geworden, daß mit ihr jene höhere Ordnung nicht mehr vereinbarlich ist, so müssen sich die Diener dieser letzteren von jenen trennen, und eS darauf ankommen lassen, in Zukunft nicht nur mit den Socialisten, sondern auch mit den egoistischen Conservativen zu kämpfen. Der Streit wird heftig, aber er ist unvermeidlich. Daß eS jedem lieber wäre, ihn nicht mitansehen zu müssen, begreift sich ebenfalls, namentlich bei solchen, die sich keine Schuld an diesem ChaoS vorzuwerfen haben. Allein man möge sich darum nicht hinreißen lassen, die Katholiken anzuklagen, daß sie den Kampf heraufbeschworen haben! Bedenke man nur, wie vor dem Jahre 1848 alles äußerlich gar still und friedlich schien, daß es damals bei unS noch keine Katholiken-- vereine und keine religiöse Polemik, weil überhaupt kein religiöses Bewußtseyn gege- ben, daß aber dennoch das Jahr 1848 gekommen ist! Und daS, wodurch dieses Jahr hervorgebracht wurde, das ist eS, was heute noch fortwuchert, und dermalen nur mühsam niedergehalten wird! Von j-iem üppig aufgeschossenen Samen zu befreien, kann nur der katholischen Entschiedenheit gelingen. Wenn eS keine schmerzlose Operation wird, so ist die Kirche so wenig Schuld daran, als der Arzt, welcher daS Gift endlich ausbrennt, für die Schmerzen deS durch seine Laster niedergeworfenen Kranken kann. In diesem Augenblicke erübrigt nichts, als daß die Gesellschaft in Massen an die heilende Kirche sich wende, oder daß sie, indem sie dieses nicht glaubt und ihr vielmehr in Spendung der rettenden Arzeneien Zwang anlegt, oder sie gar geknebelt ins Verließ wirft, von socialistisckm Quacksalbern nach tausend und tausend hirnwüthigen Regenerations-Experimenten in ihr Grab, in daS unentwirrbare EhaoS gestoßen wird. Die Wahl steht nun frei! (W. Kirchenz.) ' ') Die darum überall und gewiß auch sehr bald bei uns durch außerordentliche Boten die Herzen zu sich ruft. 48 Christliche Vergeltung. Es war im Winter des verhängnißvoltcn Jahres 1848, welches so viele Familien ins Elend stürzte, als die seit dem (im October 185V) verstorbene fromme Königin von Bei,-' deren mildthätiger Sinn allbekannt ist, eines AbendS bei ihren AuSgängen, um nn Äend aufzusuchen und demselben zu steuern, in Begleitung einer ihrer Ehrcndamen jick in eines jener Stadtviertel von Brüssel begab, welche man so recht als die Wohnung des Leidens, der Noth und Entbehrung betrachten konnte. Hier ging sie von Haus zu Haus, in jedem Trost und Unterstützung spendend, von jedem Dank und Segen mitnehmend. In einem der Häuser nun traf sie einen jungen kräftigen Mann mit einem vor der Zeit gealterten Weibe, beide in düsterer Stimmung. Im Ofen brannte kein Feuer, im Schranke fand sich keine Brodkrume. Die Königin, gerührt von so großer Dürftigkeil, fragte nach der Ursache derselben; der Mann antwortete aber nur durch ein paar nicht zurückhaltende Thränen und einen schrecklichen Fluch. Die Königin jedoch ließ sich nicht abschrecken; sie fragte, ja sie bat um nähere Mittheilung, und dieß mit solcher Theilnahme, daß der Unglückliche endlich gestand, er sey ein französischer Rebelle und habe sich, um einer sichern Verurthcilung zu entgehen, nach Belgien geflüchtet; seine Mittel seyen zu Ende und er habe weder Verdienst noch Unterstützung. „Aber", sagte die Königin, „welches Gute hofften Sie denn von der Revolution? Welches Uebel wollten Sie iu Frankreich ausrotten?" Bei diesen Worten brach der junge Mann in eine Fluth von Flüchen und Verwünschungen auS, nur Eine Gnade verlangte er, nämlich die, mit eigener Hand den Tyrannen, daS Ungeheuer von der Erde zu vertilgen — Ludwig Philipp. Man kann sich denken, welch' schmerzlichen Eindruck diese Worte auf die gute Königin, Louise von Orleans, Tochter deS vertriebenen Königs, machen mußten. Indeß, eingedenk der Worte Jesu, daß man selbst seinen Feinden Guteö erweisen müsse, behielt sie ihre Fassung und ließ sich in*nichtS anmerken, wer sie war; nur richtete sie an den Flüchtling die weitern Worte: „Ludwig Philipp muß Ihnen viel BöseS zugefügt haben,, daß Sie solchen Haß gegen ihn hegen; wohlan denn, ich will Ihnen dafür so viel Gutes erweisen als der König Ihnen BöseS gethan haben kann." Und die edle Frau übergab dem Menschen, der keinen höhern Wunsch kannte, als der Mörder ihres Vaters zu werden, 50 Franken nebst dem Versprechen, daß künftighin für seine Bedürfnisse gesorgt werden solle. Man kann sich leicht die Verwunderung deS Rebellen denken; dieselbe steigerte sich aber später zur höchsten Beschämung, als er durch einen Zufall erfuhr, wer seine Wohlthäterin war. In eiliger Hast stürzte er zu ihr und bat um Verzeihung für die schwere Beleidigung; dieselbe ward ihm auch vollständig zu Theil, denn das edle Herz der Königin kannte kein Gefühl der Rache, wohl aber hatte sie die Rettung eines Verirrten bezweckt, und in diesem Gefühle fand sie sich hinreichend belohnt. Todtenschau vom Jahre 18S2. Im Jahre 1852 hat das Cardinalscollegium drei seiner Mitglieder durch den Tod verloren: die Cardinäle Orioli, Castracane und Bernetti. Der kath. Episkopat verlor im genannten Jahre u. A. folgende Mitglieder: Greg. Thom. Ziegler, Bischof von Linz; Nicol. KovacS v. TuSnad, kath. Bischof von Siebenbürgen; Gritti-Morlachi, Bischof von Bergamo; Cornel. van Bommel, Bischof von Lüttich; Devey, Bischof von Belley in Frankreich; Andr. CarrutherS, Bischof von CaramisuS in psrt., apost. Vicar von Ost-Scholtland; Daniel Murray, Erzbischof von Dublin und French, Bischof von Kilmacduagh in Irland; Orley y Labastida, Bischof von Taragona in Spanien; Vilar- dell, auS dem Orden des hl. FranciScuS, Erzbischof von Philippi i. p., apostol. Vicar zu Aleppo und apöst. Delegat vom Berge Libanon; Domin. Castelli, Erzbischof von NaroS und ParoS und Metropolit der Inseln des ägeischen Meeres; Joh. Jos. Chanche, erster Bischof von Natchez in den Vereinigten Staaten; Richard Peter Smith, Erzbischof von Port of Spain auf der Insel Trinidad in Westindien. Verantwortlicher Redacteur: L> Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. E. Äremer.